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Full text of "Grundlinien der Philosophie des Rechts"

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BRITISH COLUMBIA 



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University of British Columbia Library 



http://www.archive.org/details/grundlinienderphOOhege 



Philosophische Bibliothek 

Band 124. 



Naturrecht und Staatswissenschafi 
im Grundrisse. 



I 



Zum Gebrauch für seine Vorlesungen 

vun 

D. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 

Oidentl. Professor der Philosophie an der Königl. Universität zu Berlin. 



Berlin, 1831. 

In der Nicolai'schen Buchhandlung. 



Neue Ausgabe 



Oeorg Lassou, 

Pastor ai St. Bartholomäus, Berlin. 



Leipzig 1911. 

Verlag von Felix Meiner. 



Philosophische Bibliothek 

Band 124. 

Grundlinien 
der Philosophie des Rechts. 



Von 

D. Georg Wilhelm Friedrieli Hege), 

Ordentl. Professor der Philosophie an der Königl. Universität zu Berlin. 



Berliii, 1831. 

In der Nieolai'sclien Buchhandlunsf. 



Mit den von Gaus redigierten Zusätzen aus Hegels Vorlesungen 
neu herausgegeben von 

Creorg Lasson, 

Pastor an St. Bartholomäus, Berlin. 



Leipzig 1911. 

Verlag von Felix Meiner. 



Copyright 1911 by Felix Meiner in Leipzig. 
Alle iicchte, einschließlich des Übersetzungerechts, vorbehalte: 



Vorrede des Herausgebers. 



Die vorliegende Ausgabe von Hegels Rechtsphilosophie 
gibt im Unterschiede von der am meisten gebrauchten 
Gansschen Ausgabe die Gestalt des Werkes wieder, in der 
es von Hegel selbst im Jahre 1821 veröffentlicht worden 
ist. Die zahlreichen und zum Teil höchst wertvollen Zu- 
sätze aus Kollegheften, die Gans den einzelnen Paragraphen 
eingefügt und dadurch er bisweilen sogar den ursprüng- 
lichen Text gesprengt hatte, bilden für sich gesammelt einen 
zweiten Teil unserer Ausgabe. 

In dem ursprünglichen Drucke hatte Hegel eine große 
Zahl von Verweisungen auf Stellen seiner Phänomenologie 
und Encyclopädie gegeben, von denen Gans die meisten 
unterdrückt hat. Sie sind in unserer Ausgabe wiederher- 
gestellt und durch die Bezugnahme auf die späteren Auf- 
lagen jener Werke brauchbarer gemacht worden. 

Über die Grundsätze bei der Revision des ziemlich 
fehlerhaften Textes der ersten Ausgabe ist im Anhange 
das Erforderliche bemerkt worden. 

Bei der Einleitung hat sich der Herausgebor diesmal 
auf den Versuch beschränken müssen, das großartige Werk 
durch eine immanente Kritik dem Verständnisse der Gegen- 
wart näher zu bringen. Er hofft, daß es ihm bei einer 
späteren Gelegenheit beschieden sein wird, die geistes- 
geschichtliche Entwickelung zu zeichnen, als deren relativer 
Abschluß Hegels Rechtsphilosophie erscheint. Für die 
Leser, deren Interesse nicht in erster Linie auf philo- 
sophische Systematik geht, wird es sich empfehlen, die 
Einleitung mit der Lektüre des dritten Kapitels zu beginnen 
und dann zu sehen, ob sie dadurch für die Lektüre auch 
des zweiten und ersten interessiert worden sind. 

Es werden demnächst dreißig Jahre vergangen sein, 
seit das ,, System der Rechtsphilosophie" von Adolf 
Lasson erschienen ist, das erste umfassende rechtsphilo- 
sophische Werk, das auf Hegels Grundlage weiter zu bauen 



VI Vorrede des Herauflgeberg. 

unternahm. Der Herausgeber braucht wohl nicht zu ver- 
sichern, daß er an seine jetzige Aufgabe nie würde heran- 
getreten sein, hätte nicht seine Jugend unter dem Einflüsse 
dieses Werkes und der Gedankenwelt gestanden, die darin 
fortlebte. Wenn Adolf Lassen zwei Menschenalter nach dem 
Erscheinen der Hegeischen Rechtsphilosophie durch seine 
selbständige Schöpfung für die Lebenskraft der Philosophie 
Hegels Zeugnis abgelegt hat, so mag für diese« Zeugnis eine 
bescheidene Bestätigung auch darin gefunden werden, daß 
jetzt nach einem weiteren Menschenalter es dem Heraus- 
geber hat vergönnt sein dürfen, das Werk Hegels selbst 
den Freunden deutscher Wissenschaft aufs neue vorzulegen. 

Berlin NO. 43, Ostern 1911. 

Georg Lassen. 



Einleitung des Herausgebers. 



Die Rechtsphilosophie Hegels ist von den Werken des 
Philosophen das einzige, das er einem besonderen, genau 
begrenzten Unterteile seines Systems gewidmet hat. Die 
Phänomenologie und die Encyclopädie behandeln, jede unter 
einem eigentümlichen Gesichtspunkte, den gesamten Inhalt 
des menschlichen Bewußtseins. Die Logik beschränkt sich 
zwar auf die Entwickelung der reinen Vernunftbestim- 
mungen, die jenen Inhalt gestalten und beherrschen; aber 
so gibt eben auch sie sich als ein Abbild der Totalität. Nicht 
daß sie nur den Rahmen darböte, in den der ganze Reichtum 
des Wirklichen sich einspannen läßt, sondern sie bildet den 
alles umfassenden Grund- und Aufriß, den dieser mit seinem 
Leben sowohl erfüllt wie auch innehält. Die Probe darauf, ob 
die Anlage seines Systems und die Auswahl seiner leitenden 
Kategorien geeignet sei, ein gesondertes, durch die Er- 
fahrungswissenschaft vernünftig bearbeitetes Gebiet der 
Wirklichkeit in seinem eigenen Zusammenhange und in der 
lebendigen Fülle seiner Momente im einzelnen zu begreifen 
und darzustellen, hat Hegel schriftstellerisch nur in der 
Rechtsphilosophie geliefert. 

Es wird immer zu beklagen bleiben, daß von seiner 
eigenen Hand uns nur die Skizzen sind überliefert 
worden, die er in der Encyclopädie von den übrigen 
Lebenskreisen in der Natur wie in der geistigen Wirk- 
lichkeit entworfen hat. Ihre notgedrungen schematische 
Gestalt ruft bei dem unvorbereiteten Leser den Ein- 
druck hervor, daß Hegel ganz einseitig der Abstraktion 
ergeben gewesen sei und durch seine logischen Konstruk- 
tionen gewaltsam das quellende Leben der wirklichen Welt 
auf ein paar begriffliche Formeln reduziert habe. Seine 
Zuhörer, denen er in seinen Vorlesungen die ganze Breite 
der Erscheinungswelt und der empirischen Kenntnisse 
seiner Zeit mit erstaunlicher Beherrschung des Stoffes vor- 
trug, wußten es besser. Und der Abdruck seiner Vor- 
lesungen in der Ausgabe seiner gesammelten Werke hätte 



Vm Einleitung des Herausgebers. 

auch weitere Kreise eines Besseren belehren können, wenn 
nicht auf Grund von Hegels Logik und Encyclopädie das 
Urteil über ihn schon festgestanden hätte. Freilich war 
die vielfach unausgeglichene Form, in der jene Vor- 
lesungen veröffentlicht wurden, ein Hindernis, mit Hegels 
Gedankenwelt genauer vertraut zu werden. Einzig die 
Bände mit den Vorlesungen über Ästhetik und Philosophie 
der Geschichte entsprachen auch literarisch den Anforde- 
rungen, die man an ein lesbares philosophisches Werk 
zu stellen berechtigt ist. Von ihnen und von der Rechts- 
philosophie aus haben sich dann auch stets noch die meisten 
Leser über das herrschende Vorurteil gegen Hegel erheben 
können. 

Gegenwärtig ist es insbesondere die Rechtsphilosophie 
und die mit ihr im engsten systematischen Zusammenhange 
stehende Philosophie der Geschichte, auf die sich das In- 
teresse an Hegel konzentriert. An diesen Werken ist mit 
Händen zu greifen, welch einen Fortschritt nicht bloß 
in wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern auch im poli- 
tischen Bewußtsein sie bewirkt haben. Das Staatsrecht 
Hegels hat jene große gesetzgeberische Bewegung vor- 
bereitet, die aus Preußen und aus Deutschland einen 
modernen Staat gemacht hat. Darum wird Hegel von 
Mein ecke einer der drei großen Staatsbefreier*) neben 
Ranke und Bismarck genannt. Übrigens aber braucht man 
nur zu lesen, wie z, B, Berolzheimer, der Hegels Me- 
thode gänzlich verwirft, über Hegels Rechtsphilosophie ur- 
teilt, um zu verstehen, daß diesem Werke dauernd eine 
i>rundlegende Bedeutung zuerkannt bleiben wird. Er sagt: 
,,Die Rechtsphilosophie Hegels im einzelnen zeigt trotz der 
Schiefheit seines Systems und ungeachtet mannigfacher 
Irrtümer die Größe dieses genialen Mannes. Alles ist wohl 
durchdacht und mit dem Stempel seiner Persönlichkeit aus- 
gezeichnet. Da ist nichts fremden Lehrmeinungen nach- 
geredet, sondern selbst jedes Detail mit lebendigem, indi- 
viduellem Geist erfüllt, mit einer Intuition des Gedankens, die 
vielfach die höchste Bewunderung erweckt."**) Wenn neuer- 
dings Joseph Kohler mit seiner Rechtsphilosophie***) 

*) Meinecke, Friedrich, Weltbürgertum und National- 
staat. 1908. S. 265. 

**) Berolzheimer, System der Rechts- und Wissenschafts- 
philosophie. 2. Bd. München 1905. S. 241. 

***) Kohl er, Josejih, Lehrbuch der Rechtsphilosophie, 
B erlin-Leipzig, 1 909. 



Einleitung des Herausgebers, IX 

ausdrücklich an Hegel wieder anzuknüpfen unternimmt, 
wenn die Zahl der Abhandlungen stetig wächst, die sich 
mit Problemen der Hegeischen Rechts- und Geschichts- 
philosophie beschäftigen, so dürfen wir daraus einerseits 
entnehmen, daß dem heutigen Geschlechte Hegel von der 
Seite am anziehendsten und am leichtesten zugänglich ist, 
wo er am deutlichsten in die Fülle des Konkreten und in 
die Welt der Praxis sich ausgebreitet hat, und dürfen 
andererseits hoffen, daß von hier aus mit der Belebung 
des philosophischen Geistes überhaupt auch das Verständnis 
für den ganzen Hegel wieder wachsen und sich vertiefen 
wird. 

Es läßt sich nämlich nicht verkennen, daß zunächst die 
Art, wie Hegel aus der Vergessenheit, der sein Name 
während der lezten Jahrzehnte anheimgefallen war, wieder 
hervorgezogen wird, unter einer gewissen Einseitigkeit 
leidet. Man hat es sich so oft verkündigen lassen, Hegel 
sei ein allen Wirklichkeitssinnes barer dialektischer Jon- 
gleur, der aus abstrakten Begriffen heraus sich anmaße, 
die ganze Welt zu konstruieren, daß man jetzt, wo man 
dem wirklichen Hegel auf die Spur zu kommen anfängt, 
in das entgegengesetzte Extrem verfällt, ihn rein als den 
großen Realisten und Empiriker*) zu preisen und seine 
Methode, die Seele seiner Philosophie, a!s das Belanglose 
und geschichtlich Überwundene möglichst außer acht zu 
lassen. Aber damit wird man dem großen Denker wieder 
nicht gerecht. Hegel steht tatsächlich über dem Unter- 
schiede von Apriorismus und Aposteriorismus; er hat nicht 
bloß in der logischen Theorie, sondern auch in ihrer wissen- 
schaftlichen Anwendung auf die besonderen Gegenstände der 
Erfahrung die Einheit dieser Gegensätze nachgewiesen. Da 
er die Vernunft nicht einseitig in der Intelligenz des Sub- 
jektes sucht, sondern die Wirklichkeit als vernünftig er- 
kennt, kann er gar nicht anders als unablässig von der 
Wirklichkeit lernen. Da er dieselbe Vernunft, die in der 
Wirklichkeit sich manifestiert, in dem denkenden Selbst- 
bewußtsein tätig sieht, ist er verpflichtet, diesem den 
ganzen Inhalt der Erfahrung zu eigen zu machen, ihm 
„die wesentlichste Gestalt der Freiheit (des Apriorischen) 
des Denkens und die Bewährung der Notwendigkeit" zu 
geben, so daß, indem das Denken diesen Inhalt aufnimmt, 



**) Plenge, Dr. Johannes,' Marx u. Hegel, Tübingen 1911, 
nennt Hegel einen „Empiriker von überwältigender Größe". (S.36). 



X Einleitung des Heraasgebers. 

es zugleich sich aus sich selbst entwickelt*). Die Wahrheit 
oder der Geist ist ihm genau so gegenwärtig in der kon- 
kreten Einzelheit des Ich wie in der konkreten Universalität 
der gesamten Wirklichkeit; und der Begriff ist es, der für 
das Erkennen ihre Einheit ausspricht. Die Welt als be- 
griffene Welt ist selbst der Begriff, das Ich als das Be- 
greifen seiner selbst ist derselbe Begriff; in dieser geistigen 
Totalität hängt das ideelle und das reelle Moment unlöslich 
zusammen. Nun mag man diese Gesamtanschauung Hegels 
schließlich akzeptieren oder verwerfen, gleichviel. Jeden- 
falls kann man nicht hoffen, ihn auch nur in einem einzelnen 
Punkte richtig zu verstehen, wenn man diesen Punkt nicht 
auf dem Hintergrunde jener Gesamtanschauung betrachtet. 
Deshalb geht es nicht an, die systematische Seite seiner 
Arbeit einfach zu übersehen und sich an seine Urteile über 
das Konkrete zu halten; man wird den Sinn dieser Urteile 
so nicht erfassen und Hegel Anschauungen zuzuschreiben 
Gefahr laufen, die seiner Denkweise fremd sind. 

Dazu kommt ein weiteres. Wenn Hegel, soweit man 
ihn als Methodiker betrachtet, als der Vollender einer 
philosophischen Arbeit gelten kann, an der seit Kant eine 
ganze Reihe der scharfsinnigsten Geister tätig gewesen 
sind, so hat er als ,, Empiriker" in dem Ernst, mit dem 
er sich um das Begreifen der gegenständlichen Welt, vor 
allem des geschichtlich-sittlichen Lebens der Menschheit 
bemüht, eigentlich keinen Vorgänger gehabt. Die Ansätze 
dazu waren ja in der Kantischen und nachkantischen Phi- 
losophie reichlich vorhanden; aber über allgemeine An- 
schauungen hinaus in die konkrete Gliederung der ,, vor- 
handenen Wirklichkeit" einzudringen, waren ihre Wortfiihrer 
noch immer durch ,,die Fessel irgend eines Abstraktums" 
(S. 15), durch die aus der Aufklärungszeit nachwirkende 
Vorstellung gehindert, als habe vielmehr die Intelligenz, 
der selbstbewußte Geist die Regel aufzustellen und den 
Maßstab anzugeben, wonach sich die Wirklichkeit zu richten 
habe. Indem Hegel von dieser Fessel sich gänzlich befreit 
und der Wirklichkeit ihre inwohnende Vernünftigkeit und 
den freien Gang ihrer Entwickelung abzulauschen sich be- 
müht, steht er vor der Aufgabe, Neuland zu pflügen. Er 
ist Anfänger und als solcher nicht nur abhängig von dem 
Stande der empirischen Wissenschaften seiner Zeit, sondern 



*} Hegel, Encyclopädie, 3. Aufl., § 12. (Phil. Bibl., Bd. 33, 
S. 45 f.) 



Einleitung des Herausgebers. XI 

obenein dem Gesetze aller irdischen Tätigkeit unterworfen, 
daß der Anfang noch nicht die Vollendung ist. Selbst 
wenn man die methodische Grundidee seiner Philosophie 
für schlagend richtig hält, so hat man damit keineswegs 
gesagt, daß er nicht in den Einzelausführungen, die 
sich mit dem mannigfaltigen Stoffe natürlicher und 
geistiger Tatsachen befassen und sie in die Freiheit des 
Gedankens aufnehmen wollen, mancherlei Wichtiges über- 
sehen, wesentliche Beziehungen verkannt, unwesentliche 
hervorgehoben, kurz, sich vielfach geirrt und den ent- 
scheidenden Gesichtspunkt verfehlt habe. Hält man 
nun bei der Prüfung von Hegels Leistungen sich aus- 
schließlich an seinen Aufbau dieser partikularen Tat- 
sachen, so ist man versucht, das Schiefe oder Mangelhafte, 
was man darin findet, kurzerhand seinem System und seiner 
Methode zur Last zu legen. In Wahrheit aber muß man 
doch sagen, so irrtümlich manche seiner Einzelauffassungen 
sein mögen, so wenig entscheiden sie, die als erste 
bahnbrechende Versuche zu gelten haben, über den Wert 
oder Unwert seines Systems. Im Gegenteil, daß Hegel über- 
haupt an diese Arbeit der geistigen Durchdringung des 
Konkreten mit solcher zielsicheren und selbstgewissen Ent- 
schiedenheit herantreten und auf diesem Boden so' Großes 
erreichen konnte, spricht doch außerordentlich zugunsten 
der philosophischen Gesamtanschauung, von der aus er 
diese Arbeit unternommen hat. 

So haben wir Anlaß genug, uns, wenn wir für seine 
Rechtsphilosophie das rechte Verständnis gewinnen wollen, 
zuerst danach umzusehen, welche Stellung sie eigentlich 
innerhalb seines gesamten philosophischen Systems ein- 
nimmt. 



1. Kapitt'l. Die Stellung der Rechtspkilosopbie 
in Hegels System. 

I. Die drei Teile der Philosophie des Geistes. 

In seiner Encyclopädie hat Hegel das gesamte Gebiet 
des Wissens in die drei großen Sphären der allgemeinen 
Vernunftbestimmungen, des natürlichen Daseins und des 
selbstbewußten Geistes gegliedert, wonach dann der Um- 
kreis der philosophischen Wissenschaften durch die Logik, 
die Naturphilosophie und die Philosophie des Geistes aus- 
gefüllt wird. Jene drei Sphären stehen selbstverständlich 



XII Einleitung des Herauegebers. 

nicht isoliert für sich da; schon weil das Wissen, das sie 
alle drei umfaßt, seinerseits der dritten dieser Sphären 
angehört, ergibt sich, daß sie nicht außereinander, sondern 
ineinander liegen. Die Form der Darstellung, die Hegel 
in der Encyclopädie gewählt hat und die das Übergehen 
der in der Logik sich entfaltenden Idee durch die Natur 
zum Geiste aufzeigt, hält sich an die erste Bestimmung 
des Wissens, wonach es das reine Denken ist, dessen 
Allgemeinheit sich in dem konkreten Inhalte der Wirk- 
lichkeit bewährt. Der Gang dieser Entwickelung ist der 
Gang der logischen Notwendigkeit, und das Verhältnis 
des konkreten Inhalts zu dem Logischen ist das der Er- 
scheinung zum Wesen. Aus diesem Verhältnis geht als 
der Begriff und das Prinzip seiner beiden Seiten das 
Geistige, die Identität der Allgemeinheit und der Einzelheit 
in dem Selbstbewußtsein oder in der freien geistigen Per- 
sönlichkeit hervor, — das Resultat dieses Schlusses, das 
zu der Unmittelbarkeit des Anfanges, dem reinen Denken, 
zurückkehrt. *) 

Diese Art aber des Zusammenschauens jener drei 
Sphären ist nicht die einzig mögliche. In den merkwürdigen 
letzten Paragraphen seiner Encyclopädie stellt Hegel den 
Zusammenhang der Wahrheit als einen Schluß aus drei 
Schlüssen dar. Der Gang des erkennenden Denkens, wie 
ihn die Encyclopädie selbst nimmt, entspricht dem ersten 
dieser Schlüsse und zeichnet gleichsam das Ansich der philo- 
sophischen Erkenntnis. Der zweite Schluß, den er den 
,, Schluß der geistigen Reflexion in der Idee" nennt, nimmt 
zum Ausgangspunkte die Natur, in der dem Denken das 
Geistige bereits gesetzt erscheint, so daß dann durch die 
Vermittlung des subjektiv erkennenden Geistes die all- 
gemeine Vernunft, das Logische als der Begriff des Geistes 
und als das Dasein der Freiheit, in dem Wissen als Resultat 
hervorgeht. Diesen Schluß gibt der Gang der Darstellung 
in Hegels Phänomenologie wieder, die aus dem natür- 
lichen Verhältnis des Bewußtseins zu seinem Gegen- 
stande den vernünftigen Zusammenhang der gesamten Wirk- 
lichkeit entwickelt und in dem Wissen des absoluten 
Geistes endet**). 

Den dritten Schluß nennt Hegel „die Idee der Philo- 



*) Encyclopädie, 3. Aufl. §§ 574—575. (Phil. Bibl. Bd. 33, 
S. 498). 

♦*) Ebda. § 576 (S. 498 f.). 



Einleitunnf des Herausgebers. XIII 

Sophie selbst". Für sie ist der Geist ,,als der Prozeß der 
subjektiven Tätigkeit der Idee" die Voraussetzung, die Natur 
„das allgemeine Extrem als der Prozeß der ansichseienden 
objektiven Idee". Die Mitte, in der sich beide Extreme 
einigen und entzweien, ist ,,die sich wissende Vernunft", die 
sich in beiden Erscheinungen der Idee manifestiert. Da 
nun zugleich die Natur der Sache oder der Begriff, der 
sieh fortbewegt und entwickelt, und zugleich die Tätigkeit 
des Erkennens, die dieselbe Bewegung des Begriffes ist, 
in jener allgemeinen Vernunft vereinigt erscheinen, so 
ergibt dieses vollkommene Ineinander ,,die ewige an und 
für sich seiende Idee" oder ,,den absoluten Geist", der „sich 
ewig als solcher betätigt, erzeugt und genießt"*). Eine Dar- 
stellung des Ganzen der Erkenntnis in der Form dieses 
Schlusses hat Hegel nicht geliefert; die Ansätze dazu liegen 
aber in seiner Religionsphilosophie und teilweise in der 
Ästhetik vor. Immerhin darf man vermuten, daß er selbst 
eine solche Gestalt des philosophischen Gedankens recht 
eigentlich als die esoterische Philosophie betrachtet habe, 
von der er schon als Fünfundzwanzigjähriger an Schelling 
geschrieben hat: ,, Immer wird freilich so eine esoterische 
Philosophie bleiben, die Idee Gottes als des absoluten Ich 
wird darunter gehören."**) 

Wie dem auch sei, es ergibt sich aus diesen Erörte- 
rungen Hegels für die sogenannten drei Teile seines 
Systems, daß man sie keineswegs in dem Sinne als Teile 
auffassen darf, wie es sonst bei logischen Dispositionen 
zu geschehen pflegt. Sie gelten ihm als Momente des 
Ganzen; und für den Begriff des Momentes ist dies das 
Bezeichnende, daß es selbst das Ganze ist, nur unter Hervor- 
hebung einer, dem Ganzen inhärierenden Bestimmung. Hier 
nun kommt obenein hinzu, daß eines der drei Momente, der 
Geist, gleichzeitig Moment und gleichzeitig die absolute 
Totalität selber ist. Er hat eine von den beiden anderen 
Momenten unterschiedene Form und ist zugleich jedes der 
beiden anderen Momente selbst, die ihrerseits wiederum Mo- 
mente des Geistes sind, ihn in einer eigentümlichen Bestimmt- 
heit repräsentieren. Daß philosophiegeschichtlich hier der 
Fortschritt Hegels über Schelling hinaus liegt, mag an 
dieser Stelle nur im Vorübergehen e^^^ähnt werden. Indem 
Hegel erklärt: das Absolute ist Subjekt, bestimmt er den 



*) Ebda.' § 577 (S. 499). 

*) Briefe^von und an Hegel, Leipzig 1887. 1. Bd. S. 15. 



XIV Einleitung des Herausgebers. 

Geist als das über das Logische und über die Natur hinüber- 
greifende Prinzip und faßt die Wahrheit als die Selbst- 
bestimmung der die gesamte Objektivität frei aus sich 
produzierenden und in sich aufnehmenden vernünftigen 
Persönlichkeit. Gewiß, der Geist ist bei Hegel sowohl Ver- 
nunft wie Idee, Natur wie Individuum. Aber in seiner 
entwickelten Wahrheit ist er als der gleichzeitig begreifende 
und begriffene Begriff die Persönlichkeit und die Freiheit, 
das Selbst und der Wille, mit einem Worte das Ich, das 
zugleich die Einzelheit und die Totalität ist. 

Von diesen Voraussetzungen aus will die Einteilung 
der Hegeischen Encyclopädie und insbesondere ihr dritter 
Teil, die „Philosophie des Geistes" verstanden sein. In 
diesem ist von dem Geiste in seiner Geistesform die Rede; 
und es soll nachgewiesen werden, daß der Geist in dieser 
Form das Resultat und das Prinzip aller Wirklichkeit und 
ihrer Erkenntnis ist. Im Grunde also handelt dieser ganze 
Teil schon von dem absoluten Geiste, und die Unterschiede, 
die er an diesem hervorhebt, fallen innerhalb der Mani- 
festation des absoluten Geistes als solchen. Durch seine Ein- 
teilung werden somit wiederum nicht etwa drei einander ko- 
ordinierte selbständige Gebiete voneinander getrennt, son- 
dern es werden Bestimmungen herausgehoben, die sich an 
dem Ganzen und durch es gleichmäßig hindurchgehend vor- 
finden. Dafür spricht schon die Bezeichnung der beiden 
ersten Abschnitte, die vom subjektiven und vom objektiven 
Geiste handeln sollen. 

Hegel hat selbst in dem Zusätze zu § 26 der Rechts- 
philosophie (S. 293) hervorgehoben, daß sich das Subjektive 
und das Objektive nicht fest gegenüberstehen, sondern 
vielmehr ineinander übergehen. Ein Subjekt ist nur, indem 
es ein Objekt hat, ein Objekt ist immer das Objekt eines 
Subjekts. Man kann je nach dem Gesichtspunkte, von 
dem man ausgeht, das, was man einmal subjektiv nennt, 
das andere Mal objektiv nennen und umgekehrt. Oder 
anders ausgedrückt und zwar in einer Weise, die zunächst 
schwerfällig klingen mag, aber den geduldigen Leser am 
schnellsten in die Denkgewohnheiten der Zeit Hegels hinein- 
führen kann: die Wirklichkeit ist Subjekt-Objektivität, das 
eine Mal mit dem Akzent auf dem subjektiven Momente, 
subjektive Subjekt-Objektivität, das andere Mal mit dem 
Akzent auf dem objektiven Momente, objektive Subjekt- 
Objektivität. In dem absoluten Geiste, in der Freiheit 
des Ich sind Subjektivität und Objektivität identische Mo- 



Einleitung des Herausgebers. XV 

mente, die sich zwar nicht, wie Schelling meinte, zur In- 
differenz neutralisieren, dagegen aber in ihrer Reziprozität 
das einheitliche Leben des Geistes ausmachen. So sind die 
Bezeichnungen subjektiver und objektiver Geist nicht ein- 
ander ausschließende Kategorien, sondern sie beide sind 
Bezeichnungen derselben Totalität nach einem ihrer Mo- 
mente. Das tritt auch in der Hegeischen Darstellung sehr 
deutlich hervor, wenn am Anfange der Betrachtung des 
subjektiven Geistes gerade die Naturbestimmtheit des Sub- 
jekts, seine Gebundenheit an die objektiven Einflüsse der 
physischen Elemente behandelt und wenn bei der Ent- 
wickelung der Moralität in der Mitte und am Wendepunkte 
des Abschnittes über den objektiven Geist gerade die 
schärfste Zuspitzung der sich auf sich selber stellenden 
Subjektivität dargestellt wird. 

Die Frage mag hier noch offen bleiben, ob Hegel etwa 
besser getan hätte, den drei Teilen seiner Geistesphilosophie 
Überschriften zu geben, die irrige Auffassungen mit größerer 
Sicherheit hätten ausschließen können. Jedenfalls ist, was 
Hegel von Anfang an vor der Seele steht, sobald er über 
den Geist als geistige Wirklichkeit zu reden beginnt, schon 
die Subjekt-Objektivität, ganz allgemein gefaßt, das Dasein 
des Geistes in der Form des Bewußtseins. Die Aufgabe, 
die ihm in der Encyclopädie überhaupt gestellt ist, besteht 
darin, die allgemeinen Vernunftbestimmungen in allem 
Dasein nachzuweisen. Deshalb betrachtet er nun auch den 
Geist zunächst in der Form seines einfachen Seins, die Er- 
scheinung des bewußten Individuums, gleichsam die er- 
scheinende Natur des Geistes. Weil seine Natur in der 
Innerlichkeit, der ,, Reflexion in sich" besteht, also als 
subjektives Bewußtsein erscheint, so gibt er diesem Ab- 
schnitt die Überschrift ,,der subjektive Geist". Das andere 
Moment, das in der Erscheinung des Geistes hervortritt, 
ist nun selbstverständlich das Wesen des Geistes, Vernunft 
und Allgemeingültigkeit zu sein und dadurch über das 
Insichsein hinauszugehen. Das Ziel dieses Hinausgehens 
ist dann das freie Sichselbstbestimmen. Dies Wesen des 
Geistes sieht Hegel an der Wirklichkeit hervortreten als 
allgemeinen Willen, der die Individuen beherrscht, verbindet 
und sie ihre Freiheit in vernünftigen Ordnungen ihres Zu- 
sammenlebens objektiv vollführen läßt. Er nennt den Geist, 
wie er sich in der geschichtlichen Organisation der Freiheit 
eine eigene Gestalt gibt, den „objektiven Geist" und widmet 
ihm den zweiten Abschnitt seiner Philosophie des Geistes. 



XVI Einleitung des Herausgebers. 

Den Abschluß aber sieht er nun dadurch vollzogen, daß 
sich auf jeder Stufe dieser Organisation die Subjektivität 
vollkommen mit dem Bewußtsein ihrer vernünftigen Freiheit 
durchdringt und daß in der Einzelheit des Ich die Totalität 
des Geistes sich selber begreift. In diesem Begriff des 
Geistes, der als das persönliche Leben der Totalität sich 
in absoluter Freiheit entfaltet, hat Hegel den Grund er- 
reicht, aus dem alles Dasein hervorgeht, und den Zweck, 
dem alles Dasein dient. Der absolute Geist, das Ich, das 
in sich alle Wirklichkeit hervorbringt und in ihr sich 
selbst begreift, bildet den Abschluß des Hegeischen Systems 
und das Fundament seiner Gedankenwelt. Der objektive 
Geist, von dem die Rechtsphilosophie handelt, soll, mit 
ihm verglichen, ein zwar unbedingt wesentliches Moment, 
aber noch nicht den Abschluß oder die vollkommene Mani- 
festation des Geistes bedeuten. Doch vollzieht diese sich 
vermittelst der geistigen Objektivität und ihrer geschicht- 
lichen Entfaltung als der durch sie hindurchwaltende zeit- 
lose Prozeß der freien Versöhnung des Einzelnen und des 
Allgemeinen, des Endlichen und des Unendlichen, des Indi- 
viduums und des absoluten Begriffs. 

II. Der objektive Geist. 

Hegel ist zu dem Begriffe des „objektiven Geistes" 
nicht unvermittelt gelangt. In seiner Phänomenologie 
behandelt der ganze Abschnitt, den er speziell „der Geist" 
überschreibt, die Sphäre geistigen Lebens, die er später 
unter der Bezeichnung „der objektive Geist" betrachtet. 
Natürlich ist der Gang der Gedankenentwickelung in der 
Phänomenologie vollkommen anders als in der encyclo- 
pädischen Darstellung des Systems. Dort betrachtet Hegel 
die Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkte der einander 
entsprechenden Entfaltung des Bewußtseins und seiner 
Welt, So tritt in der Phänomenologie gerade in dem Ab- 
schnitt über den Geist ein Gedankenfortschritt auf, der 
durch die geschichtliche Entwickelung des sittlichen 
Bewußtseins und seiner Ausgestaltung in Staat und Gesell- 
schaft bestimmt erscheint. Wo aber es darauf ankam, 
ein System der Wissenschaften zu geben, also die bereits 
wissenschaftlich geordneten und begriffenen Sphären der 
Wirklichkeit in ihrem Zusammenhange auf Grund der lo- 
gischen Notwendigkeit und als Erscheinungen der allge- 
meinen Vernunft darzustellen, war selbstverständlich ein 



Einleitung des Herausgebers. XVII 

vollkommen anderer Aufriß der Objektivität erforderlich. 
In der Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften 
kann nicht das mit dem Reifen des sittlichen Bewußtseins 
parallel gehende Sichausgestalten der sittlichen Welt ge- 
schildert werden, sondern diese sittliche Welt tritt nach 
ihren reinen Vernunftbestimmungen als ein wohlgegliedertes 
Ganzes vor das vernünftige Denken, und das geschichtliche 
Werden dieser Gestalt erscheint ihrer geistigen Substanz 
gegenüber als das Accidentielle, Damit übrigens soll nicht 
bestritten werden, daß nicht in diesem oder jenem Punkte 
der dialektische Fortschritt in der Phänomenologie dem 
reinen Begriffe der Sache genauer entsprechen könne als 
der Aufbau der einzelnen Partien in dem Systeme des ob- 
jektiven Geistes. 

In den Entwürfen der Propädeutik*), die Hegel in 
den ersten Jahren seines Nürnberger Aufenthaltes verfaßt 
hat, finden sich die Grundzüge seiner Lehre vom objektiven 
Geiste, wie er sie später innerhalb der Encyclopädie und 
als besonderes Werk in der Rechtsphilosophie ausgeführt 
hat, bereits niedergelegt. Er hat aber dort den Ausdruck 
„objektiver Geist" noch nicht angewendet. Die „Wissen- 
schaft des Geistes", wie er bereits den dritten Teil seines 
Systems nennt, gliedert sich ihm in die drei Abschnitte 
,,der Geist in seinem Begriff", ,,der praktische Geist", 
„der Geist in seiner reinen Darstellung". Danach behandelt 
der erste Abschnitt den Geist rein als Intelligenz und 
schließt mit dem ,, denkenden Geiste" ab. Die Propädeutik 
also kennt noch nicht den ,, objektiven" Geist im Unter- 
schiede von dem ,, praktischen", sondern behandelt die ganze 
Lehre vom sittlichen Leben unter dem Titel der „praktische" 
aeist. 

Gewiß ist die genauere systematische Durchbildung 
iieser grundlegenden Begriffe, an der Hegei bis zuletzt 
sich nicht genug hat tun können, ihm für die klare 
Jliederung seines Systems und die scharfe Erfassung der 
iiestimratheiten, deren Zusammenhängen er nachzudenken 
iich abgemüht hat, von wesentlichster Bedeutung gewesen. 
Vber die noch unentwickeltere Form der Darstellung, 
lie noch nicht alle begrifflichen Unterschiede bis zur 
etzten Feinheit herausgearbeitet hat, kann unter Um- 
itänden uns dazu nützlich sein, den Ort deutlicher zu er- 
:ennen, in dem diese verschiedenen Bestimmungen ihren 

1 *) Hegels sämtliche Werke, 18 Bd., Berlin 1840. 

Hegel, Bechtsphilosophie. B 



XVIII Einleitung- des Herausgebers. 

Ursprung nehmen. Darum wird gerade das, was Hegel 
in der Propädeutik über den praktischen Geist sagt, uns 
zur Einsicht in die Gedankengänge verhelfen können, durch 
die er auf seine Lehre vom objektiven Geiste gekommen ist. 
Den Ausgangspunkt für diese Lehre bildet das 
Dasein der Intelligenz als Individuums. Die Intelligenz 
trägt in sich die Allgemeingültigkeit und die Freiheit; 
das Individuum also ist zugleich, und besonders in 
Rücksicht auf seinen Willen, als ein Allgemeines an- 
zuerkennen. Darum heii3t es in der Propädeutik (S. 6): 
„Der Einzelne ist nach seinem reinen Willen ein allge- | 
meines Wesen." Diese Allgemeinheit führt dazu, daß sicli 
in den Vielen eine Gemeinsamkeit des Urteilens und Han- 
delns manifestiert; und diese Gemeinsamkeit kommt nicht 
zufällig durch Übereinstimmung der Einzelnen zustande, 
sondern sie ist das herrschende Prinzip, die Substanz für 
die Gestaltung der Einzelwillen. ,,Wenn der Wille nicht 
ein allgemeiner wäre, so würden keine eigentlichen Ge- 
setze stattfinden, nichts, was Alle wahrhaft verpflichten 
könnte . . . Die Besonderheit oder Einzelheit des Menschen 
steht der Allgemeinheit des Willens nicht im Wege, sondern 
ist ihr untergeordnet. Eine Handlung, die rechtlich oder 
moralisch oder sonst vortrefflich ist, wird zwar von einem 
Einzelnen getan, alle aber stimmen ihr bei: sie erkennen also 
sich selbst oder ihren eigenen Willen darin." (ebda. S. 24.) 
Damit ist der Boden gegeben, auf dem sich die Rechts- 
ordnung erheben kann. ,,Das Recht besteht darin, daß 
jeder Einzelne von dem Anderen als ein freies Wesen 
respektiert und behandelt werde; denn nur insofern hat derjj. 
freie Wille sich selbst im Anderen zum Gegenstand und In- 
halt." (ebda, S. 33.) ,, Insofern jeder als ein freies Wesen an- 
erkannt wird, ist er eine Person." (ebda. S. 34.) Danach läßt 
sich dann der praktische Geist als die das Leben der Wirk- 
lichkeit gestaltende geistige Macht folgendermaßen be- 
stimmen: ,,der praktische Geist hat nicht nur Ideen, sondern 
ist die lebendige Idee selbst. Er ist der sich aus sich selbst 
bestimmende und seinen Bestimmungen äußerliche Realität |ij^ 
gebende Geist , . . Der praktische Geist heißt vornehmlich 
freier Wille, insofern das Ich von aller Bestimmtheit, in 
der es ist, abstrahieren kann und in aller Bestimmtheit 
unbestimmt und in der Gleichheit mit sich selbst bleibt." Jj, 
(ebda. S. 193.) Der Boden der freien Subjektivität wird also ijt 
dadurch nicht verlassen, daß sie einer die Äußerlichkeit iij'. 
gestaltenden objektiven Macht untergeordnet erscheint, i 



Einleitung des Herausgebers. XIX 

Denn diese Macht ist der Geist des Individuums selbst, 
der es befähigt, sich als Subjekt zu fassen und aller äußer- 
lichen Bestimmtheit gegenüber frei zu sein. Das Bewußtsein 
dieser Freiheit erscheint zwar in dem Einzelnen nicht ohne 
weiteres zum Begriff der freien Persönlichkeit entwickelt; 
wohl aber ist es in dem bloßen Ichbewußtsein schon ent- 
halten. Und so besitzen es die Einzelnen in ihrer Teilnahme 
an der gemeinsamen, von ihnen mitgewollten Ordnung. 
,,Der Geist als freies, selbstbewußtes Wesen ist das sich 
selbst gleiche Ich, das in seiner absolut negativen Be- 
ziehung zuerst ausschließendes Ich, einzelnes freies Wesen 
oder Person ist. Das Recht ist das Verhältnis der Menschen, 
insofern sie abstrakte Personen sind." (ebda. S. 195.) 

Diese ganz einfachen Kategorien zeichnen den 
Rahmen, den Hegel in seiner Encyclopädie und in der 
Einleitung zur Rechtsphilosophie mit einer Menge genauerer 
und in kunstvollster Gliederung miteinander verbundener 
Bestimmungen ausgefüllt hat. Schon in der ersten Auflage 
der Encyclopädie, die vier Jahre früher als die Rechts- 
philosophie erschien, ist die Gliederung der Philosophie 
des Geistes in der Weise geändert, daß der erste Teil, ,,der 
subjektive Geist'', in seinem letzten Kapitel auch den „prak- 
tischen Geist" in sich faßt und der zweite Teil, den Hegel 
vorher mit dem Titel ,,der praktische Geist" bezeichnet 
hatte, jetzt der ,, objektive Geist" überschrieben ist, während 
der dritte Teil, der bisher „der Geist in seiner reinen Dar- 
stellung ' geheißen hatte, nunmehr als „der absolute Geist" 
tituliert wird. Seltsam genug bleibt freilich, daß nun der 
dritte Abschnitt des Kapitels über den subjektiven Geist 

■ einfach die Bezeichnung „der Geist" trägt, unter welcher 

■ zuerst der theoretische und dann der praktische Geist 
ibgehandelt wird. Daß Hegel auf die Dauer auch mit dieser 

• jliederung sich noch nicht zufrieden geben konnte, ist 

• Degreiflich. Doch hat er auch in der dritten Ausgabe der 

• Encyclopädie, wo er das endgültige Schema für diesen Teil 
;'' seines Systems gefunden hat, inhaltlich an den Aus- 

■ ührungen der ersten Ausgabe im wesentlichen festgehalten. 
liese Ausführungen schließen sich eng an das an, was 
vir aus der Propädeutik schon kennen. 

Der praktische Geist ist, insofern er abstrakt für sich 

ii, der Geist als Intelligenz. Er bestimmt sich selbst und 

U freier Wille, ,, erfülltes Fürsichsein" oder Einzelheit. 

-■ lIs solche unmittelbar sich vorfindend ist er praktisches 

3>'refühl, das seine an sich vernünftigen Bestimmungen 

B* 



XX Einleitung des Herausgebers. 

in der Form der bloßen Eigenheit oder Subjektivität hat. 
Indem es sich zu den Bestimmtheiten, die es zur Äußerung 
als Lust oder Unlust bewegen, urteilend verhält und einer 
oder der anderen einzelnen Bestimmtheit sich zuwendet, so 
ist der Wille Trieb, Neigung und Leidenschaft. Auch 
als solcher ist er an sich vernünftig, denn er geht aus der 
vernünftigen Natur des Geistes hervor. Zugleich aber ist 
er noch natürlicher Wille, und darum bildet die Mannig- 
faltigkeit seiner Triebe, Neigungen und Leidenschaften 
keinen vernünftigen Zusammenhang, wie er ihn hernach 
im Organismus des allgemeinen sittlichen Willens erreicht; 
sondern sie erscheinen als zufällig und nur äußerlich not- 
wendig. Nun aber bildet in dieser Mannigfaltigkeit der 
praktische Geist, der sein Interesse dahineinlegt, die ver- 
bindende Einheit aller seiner Triebe, Neigungen und Leiden- 
schaften; und indem diese Einheit als sein Zweck sich 
geltend macht, erscheint der Wille als einheitliches Streben, 
als das Streben nach Glückseligkeit. Hier wird der 
Wille für sich frei, oder er ist die Willkür als ein in un- 
endlichem Prozeß sich immer erneuerndes und sich selber 
darin reflektierendes einheitliches Begehren. So kommt 
der Geist zu dem Bewußtsein seiner selbst als des Objektes 
seines Wollens, dem keine äußerliche Bestimmtheit genug 
tut. Er ist sich dieser einzelne Wille seiner selbst und 
also der über alles Einzelne hinübergreifende allgemeine 
Wille, diese absolute Einzelheit, die absolute Allgemeinheit 
ist. So ist er wahrhaft frei. Er ist sich selbst Zweck, und 
also als allgemeiner, objektiver Wille objektiver Geist 
überhaupt. *) 

Bis hierher folgt der Text der späteren Ausgaben der 
Encyclopädie dem der ersten Ausgabe, nur daß er aus- 
führlicher ist. Daß aber der Übergang von dem ersten, 
zum zweiten Teile der Geistesphilosophie Hegel noch nicht; 
befriedigte, beweist die dritte Ausgabe, die dem vorher 
aufgestellten Unterschiede zwischen dem praktischen und 
dem objektiven Geiste noch einen neuen Unterschied hin-i 
zufügt, den zwischen dem freien und dem objektiven Geiste.! 
Der erste Teil, „der subjektive Geist" hat jetzt als drittes 
Kapitel die „Psychologie", ein in dem Sinne, wie Hegel 
das Wort versteht, ganz passender Ersatz für den Tite" 
„der Geist" in der ersten Ausgabe. Und dieses Kapitel hat 



*) "Encyclopädie, 1. Aufl., Heidelberg 1817, !^§ 388—3991 
S. 251—258. 



Einleitung des Herausgebers. XXI 

nun nicht mehr bloß zwei Abschnitte, der „theoretische" 
und der „praktische" Geist, sondern es findet seinen Ab- 
schluß in einem dritten Abschnitte, der überschrieben ist 
,,der freie Geist". Was Hegel über den freien Geist 
sagt, ist in etwas klarerer, wenngleich immer noch 
sehr mühsamer Ausdrucksweise dasselbe, was er in der 
ersten Ausgabe in den einleitenden Paragraphen des zweiten 
Teiles über den objektiven Geist gesagt hat. Der Geist 
ist wahrhaft freier Wille als die Einheit des theoretischen 
und praktischen Geistes, Wille als freie Intelligenz. Er ist 
die durch sich gesetzte unmittelbare Einzelheit, die ebenso 
die allgemeine Einzelheit, die Freiheit selbst ist. Der freie 
Geist, der sein Wesen zur Bestimmung und zum Zwecke 
hat, ist auf diese Weise die Idee der an und für sich 
seienden Vernunft, aber darum nur der Begriff, nicht schon 
die Totalität und Wirklichkeit des absoluten Geistes. Denn 
es besteht hier noch der Unterschied zweier Seiten. Die 
Seite des Daseins der Vernunft ist der einzelne Wille des 
Subjekts, dem der Begriff des absoluten Geistes seinen 
Inhalt und Zweck, seine Bestimmung gibt. Als das formell 
freie, inhaltlich bestimmte Werkzeug dieses Begriffs ist 
der einzelne freie Wille die Tätigkeit, diesen Begriff äußer- 
lich zu vollführen, in der Wirklichkeit ihn zu entwickeln. 
Als die andere Seite müßte von Hegel wohl das Wesen der 
Vernunft oder die Substanz der Freiheit gemeint sein, d. i. 
eine Bestimmung der Innerlichkeit, des Fürsichseins, der Un- 
' endlichkeit, die zu dem Dasein sich negativ verhält. Die 
Identität der beiden Seiten, soweit sie durch den freien 
Geist, durch die Tätigkeit des endlichen Willens hervorge- 
' bracht wird, bleibt noch mit diesem Gegensatze des Äußeren 
^' und Inneren behaftet. Der freie, aber endliche Wille, 
:' in dem die Idee erscheint und der die Tätigkeit ist, ihren 
" 3ich entfaltenden Inhalt als Wirklichkeit zu setzen, — ist 
ler objektive Geist.*) Damit ist der Übergang zum 
'.weiten Teil erreicht. 

Dieser objektive Geist nun, an dem die wirkliche Ver- 
lünftigkeit die Seite äußerlichen Erscheinens, also auch 
ler Differenz von Wesen und Erscheinung behält, sieht 
lieh als solcher einer äußerlich vorgefundenen Objektivität 
gegenüber, in der er seinen Begriff, die Freiheit, zu reali- 



*j Enzyklopädie, 3. Aufl., § 481 f., (Phil. Bibl, Bd. 33, 
i. 416ff.). 



XXn Einleitung des Herausgebers. 

sieren hat, so daß sie eine durch ihn bestimmte Welt und 
er in ihr bei sich selbst, mit sich zusammengeschlossen sei. 
,,Die Freiheit, zur Wirklichkeit einer Welt gestaltet, erhält 
die Form von Notwendigkeit, deren substanzieller Zu- 
sammenhang das System der Freiheitsbestimmungen, und 
der erscheinende Zusammenhang als die Macht, das An- 
erkanntsein, d. i. ihr Gelten im Bewußtsein ist." Dieses 
Gelten gestaltet sich als Gesetz, Sitte und Pflicht; das 
System der Freiheitsbestimmungen aber gliedert sich ent- 
sprechend dem Begriff des freien Willens als eine Realität, 
die das Dasein des freien Willens ist. Ganz allgemein ist 
diese Realität das Recht, worunter das Dasein aller Be- 
stimmungen der Freiheit zu verstehen ist. Es erscheint 
zuerst als das formelle, abstrakte Recht der Person, sodann 
als das Recht der Subjektivität oder als die Moralität und 
schließlich als das Recht .des substanziellen, des in sich 
allgemeinen vernünftigen Willens oder als die der Freiheit 
gemäße Wirklichkeit, die Sittlichkeit in Familie, bürger- 
licher Gesellschaft und Staat.*) 

Wir haben diese systematischen Überleitungen, die 
formell zu den schwierigsten Partien in Hegels Schriften 
gehören, hier einigermaßen verdeutlichen zu sollen gemeint, 
um den Standpunkt, von dem aus Hegel die Welt des objek- 
tiven Geistes, der sittlichen Wirklichkeit betrachtet, ge- 
nauer festlegen zu können. Vergleichen wir mit diesen De- 
duktionen die Darstellung des freien Willens, die Hegel in der 
Einleitung zur Rechtsphilosophie selber gibt, so 
finden wir zunächst, daß er hier die spekulativen Zusammen- 
hänge, die überaus mühsamen Bestimmungen über die Idee 
an sich, die nnr der Begriff des absoluten Geistes ist, usw. 
beiseite gelassen, dafür aber die Psychologie des Willens 
selber sehr viel eingehender ausgeführt hat. An den Grund- 
gedanken ist keine Modifikation vorgenommen. Hegel stellt 
auch hier die Entwickelung des praktischen Geistes bis 
zu dem wahrhaft freien Willen dar, der den freien Willen 
will. (§ 27.) Er gebraucht übrigens hier den Ausdruck 
,, objektiver Geist" gar nicht, sondern spricht immer von 
dem Willen. Die nächste Wahrheit der Intelligenz, die sich 
durch Gefühl und Vorstellen zum Denken entwickelt und 
sich dadurch als Wille hervorbringt, ist der praktische 
Geist. Der praktische Geist ist der Wille 1. als abstraktes 



*) Ebenda §§ 483—487, S. 419 ff. 



Einleitung' des Herausgebers. XXIII 

Ich, 2. als daseiendes oder besonderes Ich und 3. als Begriff 
oder als Selbstbestimmung des Ich, d. h. als freier Wille. 
(§ 4 — 7.) Darauf wird dem besondern oder endlichen Ich 
eine glänzende Darstellung gewidmet; der Fortschritt geht 
auch hier über den Willen, der als Trieb, Neigung, Leiden- 
schaft existiert, zur Vertiefung in sich, dem Begriffe der 
Willkür und der Reflexion auf die Glückseligkeit, wodurch 
der natürliche Wille zum gebildeten Willen wird und sich 
in der Allgemeinheit, zu der er dadurch gelangt, als der 
an und für sich unendliche, freie Wille erfaßt. (§ 8 — 20.) 
In dem freien Willen, der denkende Intelligenz ist, vollzieht 
sich die Einheit von Subjekt und Objekt, er ist daseiender 
und sich begreifender Begriff, die sich gegenwärtige Idee 
oder der Geist. (§ 21 — 24.) An ihm tritt das subjektive 
Moment hervor in den Bestimmungen des Selbstbewußtseins 
und der Einzelheit, die wir aus den §§ 5—7 schon kennen, 
daß der Wille abstraktes Beisichselbstsein oder reine Form, 
zweitens besonderer Wille oder Willkür und zufälliger Inhalt 
beliebiger Zwecke, drittens einseitige Form, eben nur 
Wollen oder Gewolltes, aber noch nicht Ausgeführtes ist. 
Das objektive Moment dagegen in den Bestimmungen der 
Begriffsgemäßheit und Vernünftigkeit des Willens macht 
den Willen erstens als einen Vernunfttrieb oder eine Ver- 
nunftanlage zum unmittelbar objektiven Willen, zweitens 
zu einem der Autorität unterworfenen, also subjektiv noch 
unfreien Willen (kindlicher, sklavischer, abergläubischer 
Wille) und läßt ihn drittens zum äußeren Dasein sich ge- 
stalten als existierenden Willen, ausgeführten Zweck (das 
Werk und die Institution). Aus diesen beiden Momenten, die 
in der Idee des freien Willens eins sind, ergibt sich die 
Entwickelung des freien Willens zur Totalität seines 
Systems, die das Substanzielle der Idee ist und deshalb 
im Selbstbewußtsein wie im Dasein dieselbe Wirklichkeit ist. 
Diese Wirklichkeit ist das Recht als das Dasein des 
freien Willens, das sich dem Begriffe gemäß im ab- 
strakten Recht, in der Moralität und in der Sittlichkeit 
als dem organisierten Gemeinschaftsleben seine daseienden 
Gestaltungen gibt, bis in dem Rechte des Weltgeistes, der 
jede dieser besonderen Gestaltungen zugleich wieder ne- 
giert, der Grund dieser ganzen gestalteten V/irklichkeit 
an den Tag tritt, — der absolute Geist. (§ 25 — 33.) In dem 
Hinweise auf das absolute Recht des Weltgeistes nämlich 
liegt der systematische Übergang zum dritten Teile der 
Geistesphilosophie, der Lehre vom absoluten Geist. 



XXIV Einleitung des Herausgebers. 

III. Obiektiver und absoluter Geist. 

Betrachten wir prüfend die Bestimmungen, durch die 
Hegel den ,, objektiven Geist" als gesonderte Sphäre inner- 
halb der Geistesphilosophie gegen die beiden anderen 
Sphären abgrenzt, so müssen wir anerkennen, daß diese 
Abgrenzung gegen die erste Sphäre, den subjektiven Geist, 
vollkommen klar und einfach ist. Dieser ist die Intelligenz 
als natürliche Einzelheit des Selbstbewußtseins, jener ist, 
wie Hegel schon in der Phänomenologie sich ausdrückt, 
das sittliche Leben eines Volks, das Individuum, das eine 
Welt ist*), Oder legen wir mit der Encyclopädie und der 
Rechtsphilosophie den Begriff des Willens zugrunde, so 
ist der objektive Geist die Erscheinung des wahrhaft freien 
Willens, der nicht mehr sein Anderes, eine ihm vorliegende 
Äußerlichkeit als solche bestimmt, sondern der sich selbst 
in der Vfirklichkeit die seinem Wesen vernunftgemäßen 
Bestimmungen gibt. So ist dann das sittliche Leben die 
wirkliche Organisation des an und für sich freien Willens. 

Eben darum erweist es sich nun aber als überaus 
schwierig, den so bestimmten objektiven Geist irgendwie 
gegen den absoluten Geist abzugrenzen. Die außerordent- 
lich mühsame Konstruktion des Überganges vom subjektiven 
zum objektiven Geiste, an der Hegel bis zuletzt noch ge- 
ändert hat, ist aus dieser Schwierigkeit zu erklären. Denn 
nicht die Unterscheidung von dem subjektiven Geiste hat 
zu diesen Konstruktionsversuchen den Anlaß gegeben, son- 
dern das Bedürfnis Hegels, gleich am Anfange des Ab- 
schnittes über den objektiven Geist klarzulegen, inwieweit 
dieser mit dem absoluten Geiste identisch sei und worin 
er noch hinter diesem zurückstehe. Daher jene Distink- 
tionen zwischen Idee und Begriff, die an dieser Stelle 
nicht den Eindruck einer sich natürlich ergebenden Glie- 
derung hervorrufen. 

In dem letzten Paragraphen der Rechtsphilosophie 
(S. 279) hat Hegel den Ausdruck „absoluter Geist" durch 
den andern ersetzt: „die ideelle Welt", der mit dem Titel aus 
der Propädeutik „der Geist in seiner ideellen Darstellung" 
übereinkommt. Diese Art der Bezeichnung des absoluten 
Geistes reicht schon dazu aus, sofort klarzulegen, worin das 
Unbefriedigende der Hegeischen Konstruktion liegt. Die 
ideelle Welt ist von der sittlichen Welt überhaupt nicht zu 
trennen. In dem Augenblicke, wo man zu dem Begriffe des 

*) Phil. Bibl., Bd. 114, S. 286. 



Einleitung des Herausgebers. XXV 

sich selbst bestimmenden wahrhaften Willens, des freien 
Willens gelangt ist, der den freien Willen will, befindet man 
sich bereits auf dem Boden der absoluten Versöhnung des 
Realen und des Ideellen; dieser Wille ist der Prozeß dieser 
Versöhnung und die an und für sich seiende Identität. 
Gewiß gibt es auch hier noch Unterschiede, insofern der 
freie Wille, der sich selbst bestimmt, in diesen seinen 
Bestimmungen seine eigene Wahrheit fortschreitend ent- 
wickelt und begreift. Hegel selbst unterscheidet innerhalb 
des objektiven Geistes drei solcher Bestimmungen, die sich 
der freie Wille gibt und die alle der Wahrheit seines 
Wesens entsprechen oder begriffsgemäß sind. Der Wille 
bestimmt sich nämlich zuerst als abstrakte Person, sodann 
als besondere Subjektivität und drittens als allgemeine 
Vernünftigkeit oder als Moment in dem sittlichen Ganzen. 
Aber alle diese Bestimmungen sind als solche ideell und 
werden eben deshalb realisiert, zu objektiver Gestaltung 
gebracht in der Organisation des abstrakten Rechtes, der 
Moralität, der sittlichen Gemeinschaft. Wenn wir oben 
bemerkt hatten, daß in der Geistesphilosophie der Gegen- 
stand des Denkens von Anfang bis zu Ende die Subjekt- 
objektivität sei, so müssen wir anerkennen, daß die sittliche 
Wirklichkeit, die Hegel unter dem Titel des „objektiven 
Geistes" behandelt, in Wahrheit nicht den bestimmenden 
Charakter vorherrschender Objektivität trägt, sondern 
durchaus in das Gebiet der ,, subjektiv-objektiven Subjekt- 
Objektivität" gehört. Sie zeigt das Ideeile und Reelle nicht 
mehr derart gesondert, daß etwa nur ein ideeller Gehalt 
in ihr das Wesen bildete, das in der Realität erschiene, 
sondern die Realität ist selbst ideell und die Idealität real, 
ein sich gestaltender Wille, eine Form der Vergeistigung 
sowohl der Wirklichkeit wie des Subjekts, d. h. gerade das, 
was Hegel den absoluten Geist an und für sich nennt. 
Er ist hier über eine gewisse Unklarheit doch nicht hinaus- 
gekommen, was sich am deutlichsten daran zeigt, daß er 
in der Rechtsphilosophie den an und für sich seienden 
Willen wahrhaft und wirklich unendlich nennt (§ 22), in der 
Encyclopädie dagegen (§482) ihn als endlichen, der im 
Endlichen tätig ist, die Idee zu entwickeln, beschreibt. 
Wir müssen also auf Grund der Hegeischen Anschauungs- 
weise selbst feststellen, daß die Sache den Unterschied 
zwischen objektivem und absolutem Geist, so wie Hegel den 
objektiven Geist bestimmt, nicht zuläßt. 

Es ist nur natürlich, daß sich aus dieser Tatsache 



XX^rr Einleitung des Herausgebers. 

eine Anzahl von Mängeln und Unklarheiten in der Hegel- 
schen Darstellung ergeben, die auch schon frühzeitig be- 
merkt, wenn auch nicht bis auf ihren Ursprung zurück- 
geführt worden sind. Der erste auffallende Mißstand ist 
die Trennung der Religion von dem sittlichen Leben. Jenr- 
wird unter dem Abschnitte ,,der absolute Geist" behandelt, 
während in dem Abschnitte über den objektiven Geist der 
Staat als die höchste Gestalt der Sittlichkeit dargestellt 
wird. Daß Hegel die Sittlichkeit als das wahre Dasein 
der Freiheit versteht, ist vollkommen richtig. Daß er 
aber die Sittlichkeit allein in der Form des Staatsrechts 
verkörpert sieht, ist ein Mangel. Er erkennt selbst an, 
daß dem Staate die Religion zugrunde liegt, daß sie in 
dem staatlichen Leben selbst als Gesinnung der Staats- 
glieder dem Rechte und der Staatsordnung zur Realität 
und Anerkennung verhilft. Er macht gelegentlich auch die 
Bemerkung, daß sich der Staat mit der rechtlichen Hand- 
lung seiner Angehörigen begnüge, während in der Religion 
auf die Gemütsweise, die innerliche Selbstbestimmung des 
Subjekts der Nachdruck fällt, (S, 855.) Dennoch bleibt er 
dabei stehen, die Organisation der Sittlichkeit allein im Staate 
zu finden. Daneben aber hat er doch auch der Religion mit 
großem Nachdruck den Charakter der Objektivität zu- 
erkannt und läßt sie zu ihrer Wahrheit erst im Kultus 
kommen, der gleichzeitig die gläubige Praxis des einzelnen 
Frommen wie die Organisation der Glaubensgemeinschaft 
oder die Realisierung der Religion zur Kirche ist. Tat- 
sächlich also ist hier das ideelle und das reelle Moment, 
die Willensbestimmung und ihre Verwirklichung im Dasein 
ebenso vorhanden wie im Staate. Und indem Hegel 'dessen- 
ungeachtet nur den Staat als sittliche Organisation be- 
trachtet, kommt er ins Gedränge, sobald die Frage nach 
dem Verhältnis von Staat und Kirche auftaucht. Er hat 
dieses Verhältnis systematisch nie entwickelt; die lange 
Anmerkung zu § 270 der Rechtsphilosophie läßt die Schwie- 
rigkeit deutlich erkennen, die diese Frage ihm bereitet. 
Er hat wohl den Konflikt der beiden Organisationen sehr 
eingehend erörtern, aber ihre innere Beziehung aufeinander 
nicht wahrhaft zum Ausdruck bringen können. Denn diese 
Beziehung ergibt sich erst dann, wenn man im Staate und 
seinem Recht zwar eine vernünftige Selbstbestimmung und 
Ausgestaltung der Freiheit sieht, aber nicht die ab- 
schließende und umfassende, sondern die grundlegende und 
für höhere Formen des sittlichen Lebens vorbereitende. 



I 



Einleitung des Herausg-ebers. XXVII 

Daß Hegel in diesem Punkte nicht zur vollen 
Klarheit gelangt ist, erklärt sich aus dem entschiedenen 
Gegensatze, in dem er sowohl gegen das Naturrecht wie 
gegen die Kantische und Fichtesche Staatslehre sich dauernd 
befunden hat. Es widerstrebte ihm auf das äußerste, das 
Recht und den Staat nur als eine auf äußere Notwendig- 
keiten gegründete, nur vermittelst des Zwanges wirkende 
Organisation anzusehen. Er hatte die klare Erkenntnis 
davon, daß aller Gehalt des sittlichen Lebens in der Or- 
ganisation des Staates gleichsam wie in einem schirmenden 
Gefäße eingeschlossen sei. Dadurch kam er auf die An- 
schauung des Staates als der sittlichen Totalität. Das 
Dasein der Freiheit in jeder Form heißt ihm deshalb Recht; 
die Moralität, die Sittlichkeit, ja selbst der Prozeß der 
Weltgeschichte fällt ihm unter die generelle Bezeichnung 
Recht. Damit aber ist der Begriff des Rechtes zu einer 
Unbestimmtheit erweitert, die seiner vernünftigen Be- 
grenzung widerspricht; und auch der Staat erscheint mit 
unsicherer Begrenzung als der allgemeine Ort alles sitt- 
lichen Lebens, in dem die besonderen Gestalten des Sitt- 
lichen Gefahr laufen zu verschwinden. 

Nicht minder bedenklich erscheint die Stellung, die 
Hegel der Moralität gibt. Er erkennt einerseits an, daß 
die Begriffe der Pflicht, der Tugend und des Gewissens 
in dem Ganzen der Sittlichkeit notwendig gelten. Aber 
indem er zwischen dem abstrakten Personenrecht und dem 
Staatsleben die Moralität als einen besonderen Standpunkt 
des rein subjektiven Willens einfügt, vermag er ihr nicht 
wirklich gerecht zu werden. Sie ist gewiß nicht der höchste 
sittliche Standpunkt. Sie trägt, wie Hegel in unvergleich- 
licher Meisterschaft nachgewiesen hat, den sie auflösenden 
Widerspruch des allgemeinen Vernunftgebotes und der be- 
sonderen subjektiven Freiheit in sich, und dieser Wider- 
spruch kann nicht anders als in dem Opfer der Besonderheit, 
in der sittlichen Tat des Geistes überwunden werden, der 
von seiner Eigenheit abläßt und sich dem allgemeinen, dem 
absoluten Geiste vertrauend hingibt. In diesem Sinne hat 
Hegel treffend in der Phänomenologie den Übergang von 
der Moralität zur Religion gezeichnet*). Wenn er dagegen 
in der "Rechtsphilosophie auf die Moralität die Darstellung 
des staatlichen Organismus folgen läßt, so hat er natürlich 
auch einen vernünftigen dialektischen Fortschritt im Sinne, 



*) Phil. Bibl., Bd. \U, S. 432 ff. 



XXVIII Einleitung des Herausgebers. 

Im abstrakten Rechte sieht er das objektive Moment, in 
derMoralität das subjektive und in dem Staate das Sittliche 
als konkrete Gestalt verwirklicht. Aber dieser Fortschritt ist 
selbst abstrakt, weil die ihn beherrschenden Kategorien so 
einseitig auf die realen Momente sich nicht verteilen lassen. 
Schon das abstrakte Recht ruht auf der Subjektivität des 
rechtlichen Willens; in der Moralität ist das objektive Mo- 
ment des Geziemenden, der Pflicht, der Allgemeingültigkeit 
enthalten. Und wenn man die Totalität des Sittlichen in 
der Form des staatlichen Lebens finden möchte, so scheint 
diese vielmehr dem Standpunkte der Moralität untergeordnet 
zu sein. Denn wie gegenüber der Religion, so ist auch 
gegenüber der Moralität der Gehorsam gegen den Staat 
zunächst nur eine Verpflichtung zu rechtlichem Handeln, 
während in der Moralität der Inhalt der Pflichten weit 
mannigfaltiger und ihre Form weit innerlicher ist. 

Die Selbstbestimmung nämlich, die sich der freie Wille 
in der Moralität gibt, verbindet die pflichtmäßige Handlung 
viel enger mit der geistigen Substanz des Subjektes, als 
es die rechtliche Gesinnung tut. Die Moralität gibt deshalb 
auch wohl den rechtlichen Handlungen eine innerlichere 
Beziehung; aber nicht in diesen Handlungen besteht ihr 
eigentliches Lebenselement. Als Voraussetzung dafür, daß 
sie überhaupt in Wirksamkeit trete, muß die Sphäre des 
gegenseitigen Anerkanntseins der Rechtspersonen und 
Rechtsordnungen gelten; in dieser Sphäre erhebt sich der 
freie Wille zum Bewußtsein der Pflicht und zu der Re- 
flexion in sich, dem Gewissen. Aber hierzu entwickelt, gibt 
sich der Wille auch im Äußeren eine neue Gestalt, die von 
dem Rechts- und Staatsleben deutlich gesondert und, wenn 
auch nicht wie dieses in der Form natürlicher NotNvendig- 
keit, so doch in der Allgemeingültigkeit bindender Gesetze 
wirklich ist. Der Staat regelt die Eigentumsverhältnisse; 
die Ehrlichkeit kann er nicht realisieren. Er gibt eine Ehe- 
gesetzgebung; Keuschheitsgebote liegen außerhalb seiner 
Macht. Er ordnet das Armenwesen; Menschenliebe zu 
verordnen vermag er nicht. Und dennoch besteht, zwar 
keine staatliche, wohl aber eine moralische Gesetzgebung, 
die solche Forderungen allgemeingültig erhebt, ein Sitten- 
gesetz, an das sich ein weiterer oder engerer Kreis inner- 
lich verbundener Subjekte gebunden weiß und durch 
das ihr Zusammenleben geregelt wird. Dies System ob- 
jektiver Pflichten, die von dem Gewissen als die ungeschrie- 
benen göttlichen Gesetze anerkannt werden, greift in der 



Einleitung des Herausgebers, XXIX 

Äußerlichkeit wie in der Innerlichkeit viel weiter um sich 
als die staatliche Ordnung. Darum liegt es in dem Cha- 
rakter des moralischen Willens, der das Subjekt in seinem 
Fürsichsein darstellt, daß er allen Handlungen des Subjekts 
die Beziehung auf seine Innerlichkeit aufdrückt und also 
jede Form des Sollens, die gesellschaftlichen, die staat- 
lichen, die religiösen Pflichten, zu moralischen Pflichten 
macht. Hierin schon kündet sich die objektive Dialektik an, 
die den Standpunkt der Moralität in sich auflöst und über 
sich hinausführt. Denn er ist so wenig wie das Staats- 
leben der Standpunkt der absoluten Sittlichkeit. Das Sitten- 
gesetz hat inhaltlich ein Moment der Zufälligkeit in sich, 
und der moralische Wille das Moment der subjektiven Be- 
sonderheit. Deshalb löst sich der Standpunkt der Moralität 
in dem Subjektivismus auf, der alle Allgemeingültigkeit 
des Sittlichen in der Souveränetät des sich selbst behaup- 
tenden Individuums negiert, und schlägt so in die voll- 
kommene Unsittlichkeit um. Damit aber ist nichts daran 
geändert, daß der Wille in der Moralität sich bereits 
wahrhafter begriffen hat als in dem Organismus von Recht 
und Staat. 

Daß Hegel der Moralität diese Stellung nicht belassen 
hat, obwohl die Anlage der Phänomenologie ihn darauf 
hätte hinführen können, liegt an der scharfen und mit der 
Zeit immer verschärften Gegnerschaft, in der er sich zu 
der subjektivistischen Stimmung und Denkweise der da- 
maligen gebildeten und gelehrten Welt befand. Er wußte 
gewiß den Fortschritt zu schätzen, den die Kantische Ethik 
gegenüber der Sentimentalität der Aufklärung bedeutet. 
Aber er hatte mit sicherem Blicke erfaßt, daß aus dem 
subjektiven Idealismus dieser Ethik heraus auf der anderen 
Seite dem überlieferten Gefühlsstandpunkt und der Eitelkeit 
des aufgeklärten Besserwissens ein neuer Vorschub würde 
geleistet werden. Der Weg, den er die Theologie durch 
Schleiermacher, die Philosophie beispielsweise durch Fries 
einschlagen sah, erschien ihm wegen des Ausgangspunktes 
von subjektiven psychologischen Bestimmungen her im 
höchsten Maße verderblich. Er erkannte in dem wissen- 
schaftlichen Subjektivismus einen Ausdruck des Geistes, 
der das Zeitalter beherrschte, und einen Faktor, der in 
gefährlicher Weise die Herrschaft dieses Geistes be- 
festigen und stärken mußte. Um so mehr erblickte er seine 
Aufgabe darin, die Objektivität des Wahren und des Guten 
in den Institutionen der nationalen Sittlichkeit mit aller 



XXX Einleitung- des Herausgebers. 

Strenge hervorzuheben, und verweilte deshalb, wo es sich 
um die Darstellung der Moralität handelte, vor allem bei 
der Kritik des ihr innewohnenden subjektivistischen Mo- 
mentes. Glänzender als in dem langen Paragraphen 140 
seiner Rechtsphilosophie ist die Pathologie des Gewissens- 
standpunktes niemals entwickelt worden. Es ist auch nicht 
zu leugnen, daß Hegel seinerzeit dazu dringenden Anlaß 
gehabt hat; zitterte doch, als er diese Seiten schrieb, durch 
ganz Deutschland noch die unbeschreibliche Erregung, die 
durch die unselige Tat Sands hervorgerufen worden war. 
Zweifellos hat Hegel gerade diese Tat im Sinne gehabt, als 
er den mit den Argumenten der Gewissensmoral übervoll 
bepackten Satz schrieb: „Mord aus Haß und Rache, d. i. 
um das Selbstgefühl seines Rechts, des Rechts überhaupt 
und das Gefühl der Schlechtigkeit des anderen, seines Un- 
rechts gegen mich oder gegen andere, gegen die Welt 
oder das Volk überhaupt, durch die Vertilgung dieses 
schlechten Menschen, der das Schlechte selbst in sich hat, 
womit zum Zwecke der Ausrottung des Schlechten we- 
nigstens ein Beitrag geliefert wird, zu befriedigen, ist auf 
diese Weise, um der positiven Seite seines Inhalts willen, 
zur guten Absicht und damit zur guten Handlung gemacht." 
(S. 123.) 

Wenn sich hierdurch erklären läßt, weshalb Hegel 
der Moralität keine wesentlichere positive Stellung in 
seinem System des Sittlichen eingeräumt hat, so bleibt 
dabei doch die Tatsache bestehen, daß er auf diese Weise 
auch der Aufgabe nicht gerecht geworden ist, das dauernde 
Verhältnis der rechtlichen Gesinnung und Handlung zur 
moralischen klar zu bestimmen, Legalität und Moralität 
deutlich voneinander zu sondern, Sitte, Pflichtgefühl, ideale 
Gesinnung in ihrem eigentümlichen Werte gegenüber dem 
Gehorsam gegen die Staatsordnung zu würdigen. Wo er 
von der Entstehung rechtlich geordneter Verhältnisse 
spricht, da erkennt er ein Heroenrecht an, das aus der 
freien Machtvollkommenheit der Idee heraus über die vor- 
handene Gestalt der äußeren Welt sich hinwegsetzt. Der 
absoluten Souveränetät des von dem Bewußtsein der Idee 
getragenen Gewissens ihr Recht gegenüber aller sittlichen 
Institution einzuräumen, findet er in seinem System nicht 
ausreichend Gelegenheit. Er hätte eben dann den staat- 
lichen Organismus nicht mit der Sittlichkeit als solcher 
identifizieren dürfen,- sondern ihn betrachten müssen als 
ein in sich der Ergänzung und Bereicherung durch tiefere 



Einleitung des Herausgebers. XXXI 

Bestimmungen der Freiheit bedürftiges Fundament für alles 
sittliche Leben, Daß er schließlich dieser Bedürftigkeit 
des Staates, seiner inneren Unvollkommenheit sich bewußt 
gewesen ist, beweist seine Auffassung der Geschichte als 
des Gerichtes, das über alle einzelnen Staaten ergeht und 
den wahrhaft freien Willen erst in dem Prozesse der Welt- 
geschichte sich realisieren läßt. 

Gerade hier aber, bei der Betrachtung der Ge- 
schichte, zeigt sich am deutlichsten, daß die Art, wie 
Hegel objektiven und absoluten Geist auseinanderhalten will, 
unhaltbar ist. Die Geschichte ist einerseits für ihn Staaten- 
geschichte. Der Staat bildet gleichsam den Körper, den 
sich der Volksgeist gibt. In dem Volksgeiste spricht sich 
ein einheitliches geistiges Prinzip aus, das sich gleichmäßig 
durch alle Lebensäußerungen des Volkes, seinen staat- 
lichen Organismus, wie seine geistigen Hervorbringungen 
realisiert. Indem einer dieser Volksgeister nach dem an- 
deren zur Blüte und zum Verfalle kommt, macht sich in 
der Geschichte der allgemeine, der Weltgeist geltend, ,,wie 
er in einem inneren Zusammenhange durch die Geschichte 
der getrennt erscheinenden Nationen und ihre Schicksale 
die verschiedenen Stufen seiner Bildung durchlaufen hat". 
Die philosophische Betrachtung der Geschichte stellt also 
,,den allgemeinen Geist als Substanz, erscheinend in seinen 
Accidenzen, dar, so daß diese seine Gestalt oder Äußer- 
lichkeit nicht seinem Wesen gleichmäßig gebildet ist. 
Seine höhere Darstellung ist seine Gestaltung in einfacher 
geistiger Form""*). Diese Auffassung der Geschichte, die 
Hegel in seiner Propädeutik vorgetragen und in der Philo- 
sophie der Geschichte ausführlich entwickelt hat, hält also 
die drei Begriffe Volksgeist, Weltgeist und absoluter Geist 
so auseinander, daß die irdische und zeitliche Form, in 
der sich der Geist manifestiert, auf die Seite der Volks- 
geister und des Weltgeistes fällt, während der absolute 
Geist der zeitlose, ewig in sich präsente und alle zeit- 
lichen Unterschiede aufhebende Geist ist, wie er sich in 
Kunst, Religion und Philosophie offenbart. 

Dieser Unterschied aber ergibt sich gar kein Unter- 
schied zu sein. Denn die Geschichte fällt andererseits 
ausdrücklich innerhalb des absoluten Geistes. Kunst, Re- 
ligion und Philosophie haben selbst ihre Geschichte und 
nur, weil sie selbst in geschichtlicher Bestimmtheit auf- 



*) Hegels Werke, 18. Bd., S. 201. 



XXXII Einleitung des Herausgebers. 

treten und so das Innere der einzelnen Volksgeister bilden, 
ist „die geistige Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfange 
von Innerlichkeit und Äußerlichkeit" in der Weltgeschichte 
das Element des Daseins des allgemeinen Geistes, So be- 
stimmt Hegel in der Rechtsphilosophie (S. 271) den Begriff 
der Geschichte. Und als seine Grundanschauung tritt her- 
vor, daß es gerade der absolute Geist selbst ist, der die Ver- 
söhnung des ewigen Seins und des geschichtlichen Wer- 
dens in der Wirklichkeit vollzieht. Hegel ist durch und 
durch Geschichtsphilosoph; ihm gilt die Geschichte als 
der Prozeß, durch den der Geist sich seiner selbst in 
seinem absoluten Gegensatz bemächtigt und also die To- 
talität seiner freien Selbstbestimmung in ihrer ganzen Herr- 
lichkeit entfaltet. Und zwar vollzieht dieser Prozeß sich 
ebensosehr zeitlich im geschichtlichen Fortschritt wie 
zeitlos in der ideellen Tat des Geistes, die ,,das Selbst- 
erkennen im absoluten Anderssein" ist und in Kunst, Re- 
ligion und Wissenschaft, die selbst geschichtlich sich ent- 
wickeln, sich unablässig vollzieht. So ist die Anknüpfung 
des geschichtlichen Werdens an das Dasein des Staates 
insofern einseitig, als der Staat vielmehr erst durch die 
tieferen Mächte des ideellen Lebens selbst zu einer ge- 
schichtlichen Erscheinung wird. Das, was den Gegenstand 
der geschichtlichen Entwickelung bildet, die geistige Wirk- 
lichkeit, die Hegel eigentlich im Auge hat, ist nicht die 
Staatsordnung als solche, sondern die umfassende Gemein- 
schaft der sittlichen Kultur, die am Staate wohl ihre Form 
hat, aber an und für sich das Leben des freien Geistes in den 
höheren Bildungen der künstlerischen, religiösen und wissen- 
schaftlichen Tätigkeit ist. Solcher Gemeinschaften erscheinen 
auf Erden viele, mannigfaltig gestaltete, je nach den Prin- 
zipien der Innerlichkeit, die sich in ihnen ausprägen. Diese 
verschiedenen Prinzipien sind die Volksgeister; in ihnen sich 
fortentwickelnd als die allgemeine Vernunft ihrer zeit- 
lichen Aufeinanderfolge erscheint der allgemeine Geist oder 
der Weltgeist; in ihnen aber sich erhaltend und die be- 
ständige Versöhnung setzend, das Ich und seine Welt 
zur Identität verklärend, lebt der absolute Geist. Das 
System der Volksgeister also und der geschichtlichen Reiche 
dieser Welt ist der Weltgeist; dennoch ist auch der Volks- 
geist schon ,,das sich wissende und wollende Göttliche". 
(S. 195.) Das System aber der Iche und ihres ewigen Lebens 
im Begriffe der Wahrheit ist der absolute Geist. Und 
dieses System der Iche hat Hegel nie anders verstanden. 



Einleitung des Herausgebers. XXXIII 

es läßt sich auch gar nicht anders verstehen, als daß es 
selbst Ich, das Subjekt-Objekt, der Geist als die absolute 
Persönlichkeit ist, nicht bloß die rd^ig, sondern der arga- 
rt}y6g des Geisterreiches. 

Was Hegel als den Prozeß der Freiheit darstellt, das 
findet, wie wir sehen, nicht in der Staatsordnung, sondern 
erst in der Religion und in der absoluten Philosophie, 
d. h. der vollkommenen Theorie, die zugleich absolute 
Praxis der Selbstbefreiung ist, seine Vollendung. Der Gang 
der Entwickelung geht geradlinig über das Recht und den 
Staat hinüber zu den vollkommeneren Manifestationen der 
Freiheit. Daß Hegel bei der Staatslehre einen Einschnitt" 
gemacht hat, den auch die Hereinziehung ihrer objektiven 
Kritik durch die Weltgeschichte nicht beseitigt, hat dem 
Verständnis seiner Gesamtanschauung schwer geschadet. 
Schon sehr früh haben die Versuche eingesetzt, die schein- 
bare „Verabsolutierung" des Rechts und des Staates zu 
korrigieren. Die einen sind darauf zurückgegangen, die 
Moralität als die Grundlage des gesamten sittlichen Lebens 
anzusehen, in ihr die höchste Form der Sittlichkeit zu 
finden und auch Recht und Staat wieder auf die Moral, 
für die sie wohl auch den Namen Ethik brauchen, zu 
gründen. Damit ist das unermeßliche Verdienst, das sich 
Hegel durch die Kritik der Moralität erworben hat, wieder 
verloren gegangen; gleichzeitig aber ist auch der Gewinn 
aus der Kantisch-Fichteschen Rechtslehre aufgegeben 
worden, die vernunftgemäße Scheidung von Legalität und 
Moralität. Von der anderen Seite hat man die Engigkeit der 
Beschränkung des Sittlichen auf das Staatsleben dadurch 
beseitigen wollen, daß man statt des staatlichen Organismus 
die bürgerliche Gesellschaft als soziale Gemeinschaft sämt- 
licher natürlicher und geistiger Interessen für die Reali- 
sation der Freiheit ausgab. Die politischen und wirt- 
schaftlichen Bewegungen der Zeit seit Hegel haben diese 
Auffassung begünstigt und den Sozialismus wie einen legi- 
timen Fortsetzer der Hegeischen Gedankenarbeit erscheinen 
lassen. In Wahrheit bedeutet dieser Rückgang in die 
grenzenlose Weite der zufälligen Interessen eine Ver- 
wischung aller vernünftigen Unterschiede im Wesen des 
Menschen wie im Bau der Wirklichkeit, eine Konfusion, bei 
der vor allem die Idee der Freiheit gänzlich verloren geht. 
Die Absicht und den Grundgedanken Hegels faßt nur der, 
den die äußere Gliederung seines Systems nicht darüber 
täuscht, daß er in Wahrheit den Prozeß der Freiheit erst 

Hegel. Hechtsphilosophie. C 



XXXIV Einleitung des Herausgebers. 

in der Religion zur Ruhe kommen läßt und daß die Er- 
scheinungen, die er unter dem Titel des objektiven Geistes 
zusammenfaßt, auf Grund seiner eigenen Anschauungen 
eigentlich schon in das Gebiet des sich in sich begreifenden 
absoluten Geistes hineingehören. — 

Wenn wir in diesen Ausführungen den Aufbau der 
Hegeischen Geistesphilosophie als dem Gedanken Hegels 
selbst nicht ganz adäquat erwiesen haben, so möchten vnr 
doch entschieden dagegen Einspruch erheben, daß man 
diesen Mangel etwa der Methode oder dem Systeme Hegels 
als solchem zur Last lege. Unklarheit oder Schiefheit in 
einer einzelnen Begriffsentwickelung bedeutet noch lange 
nicht Unklarheit oder Schiefheit in der Methode der Be- 
griffsbildung selbst. Die persönlichen und zeitgeschicht- 
lichen Anlässe, die Hegel bewogen haben, in seinem Systeme 
dem Staat eine allzu umfassende Stellung anzuweisen, haben 
wir bereits hervorgehoben; sie stammen jedenfalls nicht 
aus seiner Methode. Im Gegenteil möchten wir uns zu 
behaupten getrauen, daß Hegel, als er seine Geistes- 
philosophie nach den drei Momenten des subjektiven, des 
objektiven und des absoluten Geistes auseinanderlegte, mit 
genialer Intuition das vollkommen begriffsgemäße Schema 
für das System der Geisteswissenschaften entworfen und 
nur infolge der zeitgeschichtlichen Beschränkung seiner 
Individualität diejenige Sphäre der geistigen Wirklichkeit 
nicht zu erfassen vermocht hat, die als eigentliche Mani- 
festation des objektiven Geistes allein in Betracht kommt. 
Die Lücke, die dadurch in dem System entsteht, hat er so 
ausgefüllt, daß er Erscheinungen aus der Sphäre des 
absoluten Geistes auf die beiden Abschnitte, die dem ob- 
jektiven und dem absoluten Geiste gewidmet sein sollten, 
verteilt hat. So meinen wir, daß es nur der Ergänzung jener 
Lücke bedürfen würde, um die vollkommene Schlüssigkeit 
und innere Übereinstimmung des Hegeischen Systems zur 
klaren Anschauung zu bringen. Es sei uns gestattet, mit 
wenigen Strichen den Aufbau, so wie wir ihn im Geiste 
Hegels für sachgemäß halten, zu skizzieren. 

Die Geistesphilosophie handelt von dem Geist in 
Geistesform, das ist von der geistigen Wirklichkeit oder 
der Subjekt-Objektivität, die in sich als der Totalität alles 
Sein umfaßt. An ihr ist das subjektive Moment, wie Hegel 
es in dem ersten Teile der Geistesphilosophie zutreffend 
entwickelt hat, der Geist, der sich als Einzelheit daseiend 
erfaßt, die freie Intelligenz als Individuum. Das zweite 



Einleitung des Herausgebers. XXXV 

Moment würde nun der objektive Geist zu bilden haben, 
eine geistige Wirklichkeit, die objektiv als Intelligenz er- 
scheint, aber noch nicht als Selbstbestimmung des subjek- 
tiven Geistes, Es handelt sich also hier um eine Sphäre 
des Daseins, die nicht mehr bloße Natur, sondern intelli- 
gente Natur, ebenso aber noch nicht freies Sichselbst- 
bestimmen im Anderssein, sondern erst dies Anderssein in 
seiner eigenen vernünftigen Bestimmtheit ist. In den §§ 25 
bis 26 der Rechtsphilosophie (S. 40 f.) ist auf den Gegen- 
satz des subjektiven und objektiven Willens, auf den Unter- 
schied zwischen dem Wollen und dem Werk, aus dem 
?ine derartige Gestalt der Äußerlichkeit hervorgeht, 
leutlich hingewiesen. Der objektive Geist wäre dem- 
lach der freie Geist, der die ihm vorliegende Objektivität 
vie eine selbständige Intelligenz organisiert, die Natur 
n eine zweite geistige Natur umwandelt, von der er 
. üch in seiner Freiheit unterscheidet und in der er 
: iine von ihm unterschiedene Allgemeinheit und Freiheit 
viederfindet. Diese Organisation der Natur als intelligenter 
lat Hegel in dem Abschnitt über die bürgerliche Gesell- 
■ ichaft in manchen genialen Einzelzügen voilkornmen richtig 
Tfaßt; nur hat er sie in ihrer vollen Bedeutung noch nicht 
'rapfunden und in ihrer ganzen Ausdehnung noch nicht 
imschreiben können. Heute würde es ihm wohl möglich 
;ein, den Abschnitt über den objektiven Geist mit der Ent- 
• vickelung jener Sphäre zu füllen und in ihm die Philosophie 
ler Technik, der Wirtschaft und der Gesellschaft 
;ur Darstellung zu bringen. 

In dem Abschnitt über den absoluten Geist würde es 
ich dann um den freien Geist handeln, der sich selbst 
ils die Totalität bestimmt. Er erscheint zuerst als der 
isthetische Geist, der sein Wesen in der Erscheinung 
)egreift und sich zum äußerlichen Dasein einer Welt der 
innvollen Formen erweitert. Aus ihm würde sich der 
(wissenschaftliche Geist ergeben, der in seiner In- 
elligenz den Sinn oder die Vernunft der Dinge erfaßt 
md die Welt als nach allen Sphären ihres Daseins be- 
;riffene in sich zieht. Aus dieser doppelten Identität würde 
iann der sittliche Geist hervorleuchten, der die Vernunft 
Is die sich selbst setzende, schöpieri che und versöhnende 
''reiheit des Subjekts begreift und sich als das absolute 
ch wirklich wird. Der Prozeß dieses sittlichen Willens 
mrde angeschaut werden müssen in den Stufen des recht- 
ichen Willens, des im weiteren Sinne moralischen 

c* 



XXXVI Einleitung des Herausgebers. 

Willens, der die Bestimmungen der Pietät, der Sitte und 
der eigentlichen Moralität in sich schließt, und des reli- 
giösen Willens, der die Selbstbestimmung in der seligen 
Anschauung des Absoluten, und deshalb in seiner ent- 
wickelten Form absolute Philosophie ist. 

Erst hier, wo das System in seinen Anfang zurückkehrt, 
Sein und Begriff, Idee und Natur, subjektiver und objek- 
tiver Geist zur reinen Unmittelbarkeit der daseienden Ein- 
zelheit, zur Realisierung der Idee der Gottmenschheit ge- 
langt, ist die Stelle gegeben, wo sich der Geist in seiner 
Geschichte anzuschauen und in ihr seine Wahrheit zu 
reproduzieren vermag. Wie jedes seiner Momente sich 
in die Zeit eingebildet und in ihr auseinandergelegt hat, 
das muß in der Äthetik, der Wissenschaftslehre und 
der Ethik betrachtet werden. Wie aber dieses zeitliche 
Sichauseinanderlegen der verschiedenen Momente in dem 
Zusammenschluß ihrer einander entsprechenden Epochen 
die Aufeinanderfolge besonderer geistiger Prinzipien oder 
Volksgeister und so eine Geschichte nationaler Kultur- 
gemeinschaften bildet, die in dieser Aufeinanderfolge 
den allgemeinen Geist der Wahrheit und der Freiheit 
offenbaren, das legt hier in der Philosophie der Ge- 
schichte der Geist als sein eigenes Werden dar. Indem 
aber diese letzte Arbeit des sich selbst begreifenden Geistes 
während des Ganges der Geschichte beständig fortgedauert 
und jede Epoche in der Philosophie ihrer Zeit ihren in- 
wohnenden Begriff ausgesprochen hat, bedeutet nun die 
Geschichte der Philosophie, philosophisch entwickelt, 
die letzte Rückkehr des freien Geistes in sich selbst, die 
Rechtfertigung der Vernünftigkeit alles Wirklichen und 
seine Vergeistigung zu dem freien Leben des begriffenen 
Begriffs, — und also die wahre Theodizee. 



3. Kapitel. Das System der Hegeischen Rechts- 
philosophie. 

I. Seine Voraussetzung. 

Gehen wir nun dazu über, das System der Rechtsphilo- 
sophie selbst zu betrachten, wie es Hegel in dem vor- 
liegenden Werke entworfen hat, so ist zuerst hervorzu- 
heben die Voraussetzung, von der es ausgeht, die Grund- 
anschauung, auf der es ruht. Diese ist, in aller Kürze 



Einleitung des Herausgebers. XXXVII 

bezeichnet, die Vernünftigkeit des Wirklichen. Hegel 
selbst hat in seiner Vorrede zur Rechtsphilosophie diese 
Grundanschauung auf das stärkste hervorgehoben. Aber 
ihre Entwicklung und Durchführung für den gesamten In- 
halt des Bewußtseins hat er als bereits geleistet angesehen. 

Das Werk, in dem er diese Leistung in seiner Weise 
vollbracht hat, ist seine Phänomenologie gewesen, auf 
die er auch in dem vorliegenden Werke häufig zurückweist. 
Man hat eine von Michelet berichtete Äußerung Hegels, der 
die Phänomenologie seine Entdeckungsreisen genannt haben 
soll, gerne so verstanden, als hätte Hegel dieses Werk 
als eine Sammlung von Experimenten, als etwas Proviso- 
risches bezeichnen wollen, mit dessen Hilfe er erst hinter- 
her zu seinem wahren Standpunkte gekommen sei. In 
diesem Lichte könnte man aber höchstens Hegels Ab- 
handlung über das Naturrecht betrachten; denn hier hat 
er seine Methode noch nicht gefunden, und der sein 
ganzes System beherrschende Begriff des Geistes taucht 
erst am Schlüsse siegverheißend auf, ohne bereits die 
ihm gemäße Entwäckelung gefunden zu haben. In der 
Phänomenologie dagegen liegt der Gedanke Hegels be- 
reits zu voller Klarheit methodisch durchgearbeitet vor. 
Aber im Gegensatze zu der Begrenzung und dem Auf- 
bau seiner späteren Arbeiten, in denen er überall sich 
an sein in der Logik entworfenes Schema der Kategorien 
hält, hat die Form der Phänomenologie etwas Eigenartiges, 
das nachher so nicht wieder bei Hegel begegnet. Wie er 
dort den umfassenden Zusammenhang der Erfahrungen des 
Bewußtseins auseinanderlegt und durch die Analyse des 
Bewußtseins sämtliche Gebiete der Wirklichkeit unter die 
Macht des Begriffes zwingt, das kann er wohl mit Ent- 
deckungsreisen vergleichen, auf denen wirklich diese Ge- 
biete sich seiner Erkenntnis haben erschließen müssen. 
Jedenfalls ist ohne Vertrautheit mit der Phänomenologie 
das Hegeische Denken in seiner eigentlichen Größe gar 
nicht zu verstehen. 

Durch die Kantische Philosophie war die Vernünftig- 
keit als das Wesen der Subjektivität zum wissenschaft- 
lichen Bewußtsein gekommen. Die Vernünftigkeit der Ob- 
jektivität hatte Schelling mit genialer Intuition behauptet. 
Beide Prinzipien hat Hegel übernommen. Die Einheit aber, 
die vernünftige Wirklichkeit, in der die subjektive und 
die objektive Seite zur Identität kommen, im Sinne Schel- 
lings intuitiv, d. h. doch wieder bloß subjektiv, aufzu- 



XXXVIII Einleitung des Herausgebers. 

fassen, erklärt er für ungenügend. Für ihn bedarf es der 
strengen Methode, die sich den Bestimmtheiten der Wirk- 
lichkeit genau anschließt und aus ihnen selbst heraus den j^ 
inneren vernünftigen Zusammenhang des Ganzen sich ' > 
manifestieren läßt. So ist Hegel darauf geführt worden, 
in der Phänomenologie erstens die stete Entsprechung 
zwischen dem Bewußtsein und seinem Gegenstande nach- 
zuweisen, also die Wirklichkeit in allen ihren Erscheinungs- 
formen als Identität des Objektiven und des Subjektiven, 
d. h. als vernünftig darzustellen und zweitens diese Dar- 
stellung vermittels der dialektischen Methode vorzunehmen, 
die in seinem Sinne nichts anderes ist, als ein Aufmerken 
auf die der Sache selbst innewohnende Bewegung des Be- 
griffes. Er hat auf diese Weise die Mangelhaftigkeit der 
sonstigen Behauptungen philosophischer Wahrheit ab- 
stellen wollen, die sich damit zu begnügen pflegten, ent- 
weder das Wissen des gewöhnlichen Bewußtseins kurzer- 
hand als unwahr zu verwerfen oder zu behaupten, daß in 
diesem die wahre Erkenntnis irgendwie als bessere Ahnung 
schon vorhanden sei*). Auf ein festes Fundament wii-d 
das wissenschaftliche Denken damit nicht gestellt. Dahin 
kann es nicht anders kommen, als daß es den Weg er- 
kennt, auf dem sich in fortschreitender Vergeistigung 
seiner Bestimmungen das Subjekt mit der Objektivität in 
eins setzt, bis es sich zum Wissen des Begriffes erhoben hat. 
Vermittelst dieser Erkenntnis wird die Tatsache der Er- 
fahrung, wird das Dasein und die Erscheinung, die Beziehung 
von Subjektivität und Objektivität überhaupt erst begreil- 
lich und die gesamte Wirklichkeit zu dem vernünftigen 
Zusammenhange geistigen Lebens erhellt, als der sie von 
jeder Wissenschaft ohne weiteres vorausgesetzt wird. Denn 
alle Wissenschaft geht auf gar nichts anderes aus, al.-^ 
in ihrem Gegenstande die Vernunft an den Tag zu bringen. 
Es ist nicht zu verwundern, daß Hegel seinen Grund- 
gedanken am glänzendsten auf demjenigen Gebiete des 
Wirklichen hat durchführen können, wo die Objektivität 
selbst sich bereits durch den bewußten Gedanken und Willen 
des Menschen gestaltet zeigt. Für die geschichtliche Welt, 
das staatliche und religiöse Leben hat Hegel das lebhafteste 
Interesse gehabt, längst ehe er zu einem selbständigen 
philosophischen Standpunkte gelangt war. Aber eben in 
diesem Interesse kündigt sich der spätere Standpunkt seines 



*) Phil. Bibl., Bd. 114, S. 53. 



Einleitung des Herausgebers. XXXIX 

Denkens schon an. Denn gerade in der geschichtlichen 
Wirklichkeit kommt die Identität des Objektiven und des 
Subjektiven unmittelbar zur Erscheinung; die wirkliche 
Welt ist hier die Welt des geistigen Lebens und der sitt- 
lichen Ordnungen. Sie hat stets für Hegel den eigentlichen 
Mittelpunkt seiner Gedankenwelt gebildet, weil er in ihr die 
Vernünftigkeit als eine wirklich existierende Tatsache auf- 
zeigen konnte, die von dem allgemeinen Bewußtsein aner- 
kannt wird. Demgemäß faßt er den Geist selbst seinem 
Wesen nach als den sittlichen oder als den die Vernunft, d. h, 
sein eigenes Wesen, wollenden Geist. Das Denken und der 
Wille sind ihm nicht zwei verschiedene Vermögen, zwei ge- 
sonderte Teile in dem Subjekt. Sie sind wesentlich identisch; 
denn der Geist ist Freiheit. Und zwar ist er als Denken Frei- 
heit von den besonderen Bestimmungen des Objekts, die er 
zur Allgemeinheit der Vernunft erhebt, und als Wille Frei- 
heit von den besonderen Bestimmungen des Subjekts, die 
er in der Allgemeinheit des Ich aufhebt. Der hergebrachte 
Unterschied zwischen Determinismus und Indeterminismus 
liegt tief unter dieser Anschauung, die den Willen als ver- 
nünftige Selbstbestimmung begreift. Insofern der Wille 
im Individuum auftritt, ist seine Freiheit ein Werden, ein 
Prozeß; insofern die Freiheit sich zur allgemeinen Gestalt 
des Lebens einer Gesamtheit organisiert, entfaltet sie sick 
im Fortschritte der Geschichte. Insofern der besondere 
Wille des Individuums und der allgemeine Wille der Ge- 
samtheit sich selbst zum Bewußtsein kommen in der 
geistigen Anschauung ihrer Idee, zu der sie in der Religion 
sich erheben, ist auf jeder Stufe des Werdens und der Ge- 
schichte die absolute Versöhnung vorhanden und die Wahr- 
heit offenbar, daß der Geist alle Wirklichkeit ist. 

Deshalb hat die Lehre vom Sittlichen nicht etwa sich 
auszudenken, wie es in der menschlichen Gemeinschaft 
zugehen sollte, aber nicht zugeht. Sondern sie hat den 
sittlichen Organismus, zu dem sich der freie Geist aus- 
gestaltet hat, als die Ausprägung der Vernunft auf dem 
Gebiete des sittlichen Lebens zu erkennen. Gewiß gibt 
es auf diesem Gebiete ein Soll; ja, daß dieses Soll darin 
herrscht, macht es gerade zu dem Schauplatze des Lebens 
in der Freiheit des Geistes. Aber dieses Soll als Aufgabe 
für das einzelne Subjekt wäre gar nicht denkbar, wenn 
es nicht bereits geistig verwirklicht wäre als die allgemeine 
Ordnung und Einsicht, die der Einzelne anerkennt. Des- 
halb ist das Sittliche jederzeit schon das Wirkliche und 



XL Einleitung des Herausgebers. 

niemals das bloß als Forderung Vorgestellte, dem sich 
die Menschheit im unendlichen Prozeß entgegenstreckte 
ohne Hoffnung, es jemals zu erreichen. Darum kann Hegel 
in der Vorrede zur Rechtsphilosophie sagen: Ohnehin über 
Recht, Sittlichkeit, Staat ist die Wahrheit ebenso sehr 
alt als in den öffentlichen Gesetzen, der öffentlichen Moral 
und Religion dargelegt und bekannt (S. 5), 

In diesen Worten ist kurz und bündig die Voraus- 
setzung ausgesprochen, von der Hegel in seiner Rechts- 
philosophie ausgeht. Das ganze folgende Werk hat den 
A^achweis zu liefern, daß diese Voraussetzung zutrifft oder 
daß die Anschauung der Wirklichkeit als vernünftiger, 
die Hegel in der Phänomenologie an dem gesamten In- 
halte des Bewußtseins durchgeführt hat, sich auch auf 
dem Gebiete von Recht und Staat als die Wahrheit erweist. 
Das ist der Grund, weshalb Hegel an den Eingang seiner 
Rechtsphilosophie die berühmten Worte gestellt hat: Was 
wirklich ist, das ist vernünftig; und was vernünftig ist, 
das ist wirklich*). 

In diesen Worten liegt eingeschlossen die Aufgabe 
für die Wissenschaft, wie sie Hegel auch sonst formuliert 
hat: das zu erkennen, was ist. Hier aber tut sich auch 
die eigentümliche Schwierigkeit für die Philosophie des 
sittlich geistigen Lebens auf, indem das Seiende, das es 
hier zu erkennen gilt, ein Werdendes ist. Die geschicht- 
liche Wirklichkeit zeigt ebenso sehr, daß die Wahrheit 
über Recht, Sittlichkeit und Staat uralt und von jeher in 
der öffentlichen Ordnung verwirklicht gewesen ist, wie 
sie zugleich erkennen läßt, daß in dem Bewußtsein der 
Freiheit wie in ihrer realen Organisation ein steter Fort- 
schritt stattfindet. Dadurch kommt in die Einheit dieser 
subjektiv-objektiven Wirklichkeit die Trennung hinein, daß 
unter Umständen zwischen dem vernünftigen Selbstbewußt- 
sein und der bestehenden Ordnung keine Übereinstimmung 
mehr herrscht. Für Hegel hat sich dieser Zwiespalt in der 
Gestalt Pia tos verkörpert, der nicht in subjektivistischer 
Eitelkeit, sondern aus einem tieferen Bedürfnisse der Ver- 
nunft mit der geltenden staatlichen Sittlichkeit des Griechen- 
tums zerfiel. 

Diese griechische Sittlichkeit, die als höchste Be- 



*) Über diese Worte siehe die genaueren Ausführungen in 
der Abhandlung des Herausgebers: Kreuz und Rose, Beiträge 
zur Hegelforschung. 1. Heft. Berlin 1909. 



Einleitung des Herausgebers. XLI 

Stimmung des Geistes nur die der natürlichen Individualität 
kannte, schloß einen Mangel in sich ein; ein tieferes 
Prinzip, das der unendlichen Freiheit der Subjektivität, 
machte sich an ihr als Sehnsucht und in der Sophistik 
als Verderben geltend. Die Hilfe für diese Sehnsucht mußte 
aus der Höhe kommen, d. h. durch eine neue Offenbarung 
des religiösen Geistes, Plato hat diese Hilfe dadurch 
schaffen wollen, daß er eine neue äußerliche Staatsord- 
nung erdachte, durch die er mindestens den herrschenden 
Stand zu jener Freiheit der Subjektivität führen wollte, 
in der er das Prinzip der neuen Zeit richtig erkannt hatte. 
Aber mit solcher äußerlichen, in dem abstrakten Gedanken 
beharrenden Korrektur der geschichtlichen Wirklichkeit 
war die Hilfe nicht zu schaffen. Plato hat durch seine 
Staatskonstruktion gerade das Prinzip selbst, um das es 
ihm zu tun war, die freie unendliche Persönlichkeit, am 
tiefsten verletzt. (S. 13 f.) Er hat nicht gewußt, daß die 
Philosophie die ihr vorliegende Gestalt des Lebens nur zu 
erkennen, nicht zu verjüngen vermag. Was der Weltgeist 
schafft, wenn er aus den vorhandenen Elementen des Be- 
wußtseins, — in die als letzter Gewinn jeder geschichtlichen 
Epoche auch die Philosophie als die begriffene Erkennt- 
nis dieser Epoche aufgenommen wird, — eine neue Gestalt 
des Lebens hervorgehen läßt, das schafft er in der Tiefe des 
substantiellen Bev/ußtseins der Menschheit, nicht auf dem 
Boden der abstrakten Wissenschaft. 

In diesen Gedankengängen darf man den Versuch 
Hegels erkennen, seine Stellungnahme gegenüber der sub- 
jektivistischen Moralität seiner Zeit zu rechtfertigen. Er 
gibt die Möglichkeit zu, daß die vorhandene sittliche Ord- 
nung dem tieferen Bedürfnis nicht genügen kann. Er 
leugnet zugleich die Möglichkeit einer Reform vermittelst 
der Wissenschaft. Nur aus der Tiefe des religiösen Geistes 
läßt sich eine Neugestaltung der sittlichen Wirklichkeit 
vollbringen. Nun aber ist im Christentum und speziell 
in der Reformation die Religion zu ihrer Vollendung ge- 
kommen. Infolgedessen erklärt Hegel in der Gegenwart eine 
verneinende Stellung gegenüber der auf diesem religiösen 
Boden erwachsenen Gestalt der Sittlichkeit schlechtweg 
für nichts als rückschrittliche und beschränkte subjekti- 
vistische Eitelkeit. Das Moment der Wahrheit in dieser 
Betrachtungsweise läßt sich, besonders im Blick auf die 
tatsächliche Erscheinung des Subjektivismus in der Zeit 
Hegels, gar nicht verkennen. Aber auch ihre Einseitigkeit 



XLII Eiuleituug des Herausgebers. 

wird man offen anerkennen müssen. Sie hat ihren Grund 
in der Anschauung Hegels von dem sittlichen Organismus, 
dessen höchste Verkörperung ihm die staatliche Ordnung 
ist. Dadurch empfängt das staatliche Leben seiner Gegen- 
wart, da es doch einmal auf dem Boden des protestantischen 
Christentums sich gestaltet hat, eine Art von sakrosanktem 
Charakter, der doch höchstens der religiösen Idee selbst, 
und zwar auch ihr nur nach der ideellen Seite, nicht nach 
ihrer zeitgeschichtlichen Ausprägung in Kirche und Theo- 
logie zukommen könnte. Die Tatsache tritt zurück, daß 
auch auf der Höhe dieses religiösen Standpunktes der 
Fortschritt in der Ausbildung sämtlicher Sphären des 
menschlichen Gemeinschaftslebens niemals ruhen kann und 
daß dieser Fortschritt gefördert wird durch die in dem 
subjektiven Bewußtsein erwachende Kritik des Bestehenden, 
durch das in der Innerlichkeit sich geltend machende Prin- 
zip der vernünftigen Einsicht. Es lag damals im Geiste 
der Zeit, daß diese Kritik zum guten Teile weit hinter dem 
erreichten Standpunkte der wahrhaft staatlichen Freiheit 
zurückblieb und aus religiösen Tendenzen hervorging, die 
nicht auf der Höhe der Religion des Geistes standen. 
Immerhin unterscheidet die Polemik Hegels nicht genügend 
zwischen dem zufälligen Unvermögen der Richtungen, die 
zu seiner Zeit auf Fortbildung des politischen Lebens hin- 
arbeiteten, und zv/ischen dem absoluten Rechte des ver- 
nünftigen Selbstbewußtseins, sich niemals mit dem erreichten 
und vorhandenen Zustande zufrieden zu geben. Das hat 
ihm den Vorwurf reaktionärer Gesinnung und rücksichts- 
loser Verherrlichung der staatlichen Zustände des da- 
maligen Preußens zugezogen. Der Vorwurf ist sachlich 
nicht im mindesten berechtigt. Denn gerade Hegels Staats- 
lehre geht in den wesentlichsten Punkten über das 
hinaus, was zu seiner Zeit in Preußen bestehende Ordnung 
war. Formell aber weist der Vorwurf auf die Schwäche in 
der Hegeischen Systematik des Sittlichen hin, aus der man 
wohl alle Unzulänglichkeiten in seinem System der Rechts- 
philosophie herleiten kann, nämlich auf die ungenügende 
Sonderung der höheren und innerlicheren Formen des Sitt- 
lichen von der staatlichen Organisation und auf die daraus 
folgende Verabsolutierung, ]a Vergötterung des Staates. 

IL Die Anlage des Systems. 

Nirgends mehr als bei der Betrachtung konkreter 
Wirklichkeit ist die Darstellungsform Hegels am Platze, 



Einleitung des Herausgebers. 3ILI1I 

der von den abstrakten Momenten des Begriffes ausgeht 
und aus ihrer Einseitigkeit selbst heraus den Begriff zur 
umfassenden Totalität sich entfalten läßt. Ist doch schon 
das vernünftige Bewußtsein, das von dialektischer Methode 
gar nichts weiß, daran gewöhnt, sich das Konkrete als 
eine Einheit verschiedener abstrakter Momente verständlich 
zu machen. Wenn dabei für das Bewußtsein die Kategorie 
des Ganzen und der Teile vorherrscht, so gewinnt für das 
wissenschaftliche Denken der Begriff in dem dialektischen 
Bestimmen seiner selbst die innere Lebendigkeit, die das 
Ganze als die Selbstbewegung seiner Momente, das Kon- 
krete als ihr Resultat und zugleich als den Grund, aus dem 
sie hervorgeht, erkennen läßt. 

Indem Hegel das sittliche Leben in seiner Totalität als 
die Wirklichkeit des freien Geistes zu betrachten unter- 
nimmt, geht er mit Recht von demjenigen Momente dieser 
Wirklichkeit aus, durch das sie in ihrer abstrakten Form als 
das äußerlich anerkannte und geltende Recht bestimmt 
wird. Die Einheit zwischen dem Willen des Subjekts und dem 
allgemeinen Willen ist als bewußte und freie Einheit ira 
Rechte vorhanden. Aber sie ist noch rein abstrakt, weil 
auf der Seite der Einzelheit die Verinnerlichung zur Sub- 
jektivität fehlt und der Einzelne schlechtweg wie jeder 
andere bloß als Rechtsperson gilt, und weil ebenso auf der 
Seite der Allgemeinheit nur eine Realisierung der ver- 
nünftigen Notwendigkeit, der äußerlich bindenden Ordnung 
vorhanden ist. 

Daß von diesem abstrakten Momente aus der Fort- 
schritt in der Verwirklichung der Freiheit sich in der 
Richtung vollziehen muß, in der sich der einzelne und 
der allgemeine Wille innerlich einander nähern, bis sie 
in einem System der vollkommenen Freiheit zur Identität 
gelangen und jedes einzelne Subjekt sich als Träger und 
Verkörperung des allgemeinen Geistes weiß und betätigt, 
auch das hat Hegel mit vollkommener Klarheit erkannt 
und ausgesprochen. Nun aber macht sich jener Mangel 
in seiner Auffassung geltend, daß er als das Prinzip und 
Resultat der wirklichen Freiheit das staatliche Leben, den 
Organismus des Staatsrechtes ansieht. Wohl gilt ihm dieser 
Organismus als innerlich erfüllt mit den ideellen Kräften 
des Lebens im Geiste; aber darum bleibt doch der Übel- 
stand vorhanden, daß die Totalität des sittlichen Lebens, 
die eben nicht in Form einer gesetzlichen Äußerlichkeit, 
sondern als das Ganze der sittlichen Kulturgemeinschaft, 



XLYI Einleitung des Herausgebers. 

des Eigentums zu sein, innerhalb der bürgerlichen Ge- 
sellschaft auf, obwohl schon im abstrakten Recht von 
dem Vertrage und seiner Verletzung die Rede war und in 
der eigentlichen Staatslehre erst bei Besprechung der Re- 
gierungsgewalt dieser Gegenstand zum Abschluß kommen 
kann (S. 240ff.), Die Lehre von der Strafe wird in das 
abstrakte Recht hineingesetzt und erscheint dann in §220 
in dem Abschnitte über das Gericht noch einmal an ganz 
anderer Stelle, aber mit identischem Inhalt. Vom Ver- 
brechen ist ebenso schon im abstrakten Recht die Rede, 
vmä dabei muß nachher vom Staatsverbrechen wieder be- 
sonders gehandelt werden, und eine Partikularität wie da? 
Preßdelikt erhält in § 319 eine ganz abgesonderte Be- 
handlung. 

Schon früh hat man auch darauf hingewiesen, daß 
die Einteilung der Lehre vom abstrakten Recht in die drei 
Kapitel: Eigentum, Vertrag, Unrecht und Verbrechen dem 
Begriffe der Sache wenig entspricht. Das zusammen- 
fassende Moment für Eigentum und Vertrag läßt sich 
unmöglich in dem Unrecht finden. Ebenso hat man stets 
die Einteilung des Unrechts nach den drei Begriffen des 
unbefangenen Unrechts, des Betruges und des Verbrechens 
unbefriedigend gefunden. Betrug ist durch das Bewußtsein 
des gesetz- und rechtswidrigen Willens als eine Art des 
Verbrechens bestimmt; daneben ist der Unterschied zwischen 
der heuchlerischen Benutzung rechtsgültiger Formen und 
der offenen Abweichung von diesen Formen nur accidon- 
tieller Art. Nicht minder fehlt es dem Übergange vom 
abstrakten Rechte zur Moralität an dialektischer Schlüssig- 
keit. Wohl tritt in der Strafe der innerliche Geist des 
Rechts, das Rechtsbewußtsein hervor, in dem sich der 
allgemeine Wille zur Innerlichkeit des Pflichtgefühls 
verlieft. Aber das geschieht nicht bloß in der Strafe; 
Eigentum und Vertrag offenbaren ihrerseits dieses tiefere 
Gefühl der Verpflichtung bereits in der gleichen Weise; 
sie könnten ohne das Rechtsgefühl und das Pflichtbewußt- 
sein überhaupt nicht zu Bestände kommen. Es erweist 
sich hier, welche Schwierigkeiten durch das Einschieben 
der Moralität zwischen das abstrakte Recht und die Staats- 
lehre entstehen. Zunächst ist zu sagen, daß der Abschnitt 
über Vorsatz, Handlung und Fahrlässigkeit überhaupt nicht 
in das Kapitel ,,Moralität" paßt. Es handelt sich hier deut- 
lich um Erscheinungen auf dem Gebiete des rechtlichen 
Willens, Insbesondere der Lehre vom Unrecht ist durch 



Einleitung des Herausgebers. XLVII 

diese unrichtige Anordnung eine Reihe von Gesichtspunkten 
vorenthalten, die notwendig zu ihr gehören. Ohnehin aber 
ist schon die Anerkennung von Eigentum und der Abschluß 
eines Vertrages zweifellos als „Handlung" zu charakteri- 
sieren. 

Innerhalb des Rechtslebens die Moralität als eine ge- 
sonderte Erscheinung zu betrachten, geht eben darum nicht 
an, weil ja der moralische Wille jede einzelne Rechts- 
bestimmung zu seinem Inhalte machen kann, also über das 
ganze Rechtsgebiet hinübergreift. Auch im abstrakten Rechte 
schon ist Recht und Pflicht in jedem Individuum eins; ich 
fühle mich zum Schutze meines Eigentums, zur Heiligung 
des Vertrages verpflichtet in dem Bewußtsein, dadurch das 
Eigentum eines jeden, die Allgemeinheit von Treu und 
Glauben zu schützen. Dadurch, daß Hegel selbst in § 213 
von der moralischen Seite und den moralischen Geboten, 
als welche den Willen nach seiner eigensten Subjektivität 
und Besonderheit betreffen, erklärt, daß sie nicht Gegen- 
stand der positiven Gesetzgebung sein können (S. 172), 
und dadurch, daß er in § 207 der Moralität in dem bürger- 
lichen Leben eine eigene Sphäre und eigentümliche Stelle 
zuweist (S. 168), hat er der Sache nach selbst zugestanden, 
daß die Moralität eine Verwirklichung des sittlichen Willens 
von eigener Art und für Recht und Staat gleichsam un- 
erreichbar ist, während sie dem Rechte und dem Staate 
in seinem ganzen Umfange eine innere Sanktionierung ver- 
leiht durch die Aufnahme seiner Ordnungen in das Innere 
des Pflichtbewußtseins. Hegel hat sich von einem durch- 
aus berechtigten Gedanken leiten lassen, als er der Fichte- 
schen abstrakten Trennung von Legalität und Moralität 
die Tatsache entgegenstellte, daß beide Momente im Sitt- 
lichen unlösbar vereint seien. Wenn Fichte von dem Staate 
fordert, sein vernünftiger Zwangsmechanismus müsse so 
unbedingt fungieren können, daß er sich zu erhalten im- 
stande sei, auch wenn alle einzelnen Menschen im Staate 
Schelmen wären, so hebt Hegel mit vollem Rechte hervor, 
daß ein Staat gar nicht würde existieren können, wenn nicht 
eine innere Gesinnungsgemeinschaft zwischen seinen An- 
gehörigen bestände. Ebendeshalb aber liegt in solcher 
Gesinnungsgemeinschaft ein durch das gesamte Volksleben 
hindurchgehendes und über das Rechtsleben hinüber- 
greifendes Moment vor, das nicht als in der Sittlichkeit 
des Staates aufgehend, sondern als sie tragend und ver- 
tiefend zu Recht und Staat hinzukommt. Deshalb hat 



XL VIII Einleitung des Herausgebers. 

auch, wie wir schon im ersten Kapitel hervorgehoben 
haben, die Moralität in der Pliänomenologie den sach- 
gemäßeren Platz erhalten als in der Rechtsphilosophie. 
Denn dort tritt sie auf als das Hinausgehen des freien Geistes 
über die staatliche Sittlichkeit und leitet selbst durch die 
ihr immanente Dialektik zur Religion hinüber. 

Auch in dem dritten Teile der Rechtsphilosophie, in 
der eigentlichen Staatslehre kehrt die Erscheinung wieder, 
daß Hegel, weil er unter dem Staate die sittliche Totalität 
begreifen möchte, heterogene Elemente ineinanderfügt. 
Er hat hier den begrifflichen Unterschied von Element 
und von Moment nicht scharf im Auge behalten. Schon 
von der Familie wird man nicht sagen können, daß sie 
ein Moment des staatlichen Lebens sei; sie ist als ein 
Element menschlichen Gemeinschaftslebens zu bezeichnen, 
dessen sich der Staat annimmt und das er im Ehe- und 
Familienrecht wie andere Sphären des Gemeinschaftslebens 
seiner Ordnung einfügt. In noch höherem Maße trifft 
diese Bemerkung auf die bürgerliche Gesellschaft zu, deren 
Interessen das wichtigste Material für die rechtliche Or- 
ganisation, keineswegs aber selbst Gebilde der Rechts- 
ordnung und Rechtsentwickelung sind. Man wird als die 
Momente des staatlichen Organismus das Recht, die Ver- 
fassung und die Politik nennen müssen und in Gebilden 
wie Gesellschaft und Familie Elemente sehen, aus denen 
sich der Organismus nährt und erhält. 

Infolge dieser Einbeziehung der selbständigen Systeme 
von Familie und Gesellschaft in die Staatslehre ergeben 
sich nun wieder allerlei unbefriedigende Gedankenverbin- 
dungen. So wird von der Ehescheidung und von dem 
Erbrecht unmittelbar im Anschluß an die Erziehung ge- 
handelt. Die glänzenden Ausführungen über Weltverkehr 
und Kolonisation stehen unter dem Kapitel Polizei. Das 
Verhältnis des Staates zu Religion und Kirche wird in 
§ 270 „beiläufig", sein Verhältnis zur Wissenschaft ebenda 
in ganz kurzen Andeutungen erledigt, während doch min- 
destens die Religionsgemeinschaft in demselben Maße wie 
die bürgerliche Gesellschaft der systematischen Darlegung 
ihres Verhältnisses zum Staate bedurft hätte. Aber hier 
kommt Hegel über eine bloße Feststellung des zu seiner 
Zeit bestehenden Verhältnisses nicht wesentlich hinaus. 

Diese Beobachtung nun gibt uns einen Schlüssel zum 
Verständnis der eigentümlichen Anlage des ganzen Buches. 
Hegel zeichnet in seiner Staatslehre das Idealbild de^ 



I 



*' Einleitung des Herausgebers. XLIX 

Staates seiner Gegenwart. Dieser moderne Staat ist das 
historische Resultat der bisherigen geschichtlichen Ent- 
wicklung des freien Geistes. Das historische Resultat aber 
ist mit dem logischen Resultat, dem Begriff, der aus seinen 
vernünftigen Momenten sich aufbaut, nicht in jedem Augen- 
blicke identisch. Und doch sieht es Hegel als seine Aufgabe 
an, den vernünftigen Begriff des Rechtes als eine ewig- 
bleibende Wahrheit festzustellen. Was aber tatsächlich an 
dem Rechte ewig und unveränderlich ist, das ist nichts als 
jene Form der Bindung des Willens an eine als vernünftig 
anerkannte Ordnung; der besondere Inhalt dieser Ordnung 
ist überall dem geschichtlichen Fortschritte unterworfen. 
Darum entspricht es dem wahren Geiste des Hegeischen 
Systems wenig, wenn er in dem ,, abstrakten Rechte", dem 
Rechte der Person als solcher eine Art von zeitlosem Ver- 
nunftrecht konstruiert. In dem Bestreben, dem Rechte 
einen logischen Inhalt zu geben, Imt sich Hegel hier zu einer 
Abstraktion verleiten lassen, die mit seiner sonstigen lebens- 
vollen Auffassung von Staat und Geschichte in Widerspruch 
steht. In dem Rechte walten vernünftige Kategorien; aber 
ihr Walten vollzieht sich auf dem geschichtlichen Boden 
und in der Ordnung der zeitlich verschiedenen natürlichen 
und sittlichen Zustände der Völker. Wenn Hegel § 66 die 
Person in abstracto faßt, wie sie rein für sich ist, und 
aus dieser abstrakten Bestimmung ebenso abstrakte Forde- 
rungen für das Recht der persönlichen Freiheit aufstellt, 
so befindet er sich damit in dem Ideenkreise des Natur- 
rechtes, und seine Forderungen entsprechen den „Menschen- 
rechten" der Aufklärungszeit. Aber im Rechte geht es 
nicht um eine abstrakte Vorstellung der Person für sich, 
sondern um das konkrete Verhältnis wirklicher Personen 
zueinander; und der Inhalt dieses Verhältnisses wird be- 
stimmt durch den jeweiligen Reifestand der nationalen 
Sittlichkeit. Darum gibt es keine ein für allemal „unver- 
äußerlichen" Rechte. Von einem Vernunftrechte, das zu 
allen Zeiten gleich sein könnte, läßt sich nicht sprechen, 
woTil aber von einem für jede Zeit und jedes Volk eigen- 
tümlich vernünftigen Recht. Zu diesem Gedanken, der ihn 
dem Standpunkte der historischen Rechtsschule zuführt, hat 
sich Hegel in dem dritten Teile seines Werkes erhoben. ,,Der 
Staat als Geist eines Volkes ist 'das alle seine Verhältnisse 
durchdringende Gesetz, die Sitte und das Bewußtsein seiner 
Individuen" (§ 274). In diesem Sinne betrachtet Hegel 
die Staatsidee seiner Zeit zugleich logisch und zugleich 

Hegel, Kechtsphilosophie. D 



L Einleitung des Herausgebers. 

geschichtlich als das vernünftige Resultat der gesamten 
bisherigen Bewegung des seine Freiheit verwirklichenden 
freien Geistes. Aber darum wird auch dieser Entwurf 
des modernen Staates gerechtfertigt erst durch den letzten 
Paragraphen des Abschnittes über die Weltgeschichte. 
Nicht den Staat, wie er sein soll, sondern den Staat, zu 
dem es der Weltgeist gegenwärtig gebracht hat, will Hegel 
in seiner Rechtsphilosophie darstellen. 

III, Die Ergebnisse der Hegeischen Rechts- 
philosophie. 

Unsere Darstellung der Anlage des Hegeischen Werks 
hat wesentlich kritischen Charakter tragen und die Mängel 
in seinem Aufbau hervorheben müssen. Es würde aber im 
höchsten Grade verkehrt sein, wollte man um dieser Mängel 
willen von der großartigen Leistung, dem „Wunderwerk" 
Hegels, wie J. Kohler sich ausdrückt*), gering denken. 
Weder berühren sie den allgemeinen Gedanken, von dem 
aus Hegel die ganze Welt des Sittlichen zu begreifen unter- 
nimmt: es wird sein unvergängliches Verdienst bleiben, sie 
als die Verwirklichung des sich selbst fortschreitend reiner 
bestimmenden freien Geistes begriffen und damit den Ge- 
danken der Freiheit so tief wie kein anderer in das Zeit- 
bewußtsein und die wissenschaftliche Bildung der Nation 
hineingesenkt zu haben. Noch hat die Unvollkommenheit 
der besonderen Gestaltung des Systems ein Hindernis dafür 
gebildet, daß Hegel in den einzelnen Bestimmungen der 
konkreten Gebilde auf dem Gebiete des sittlichen Lebens 
nicht mit genialem Blicke das Wesentliche und Wahre er- 
fassen und ihr Verständnis mit ebenso tiefsinniger Ein- 
sicht wie schlichter Sachlichkeit fördern konnte. Ob er bei 
diesem oder jenem Rechtsinstitut durchaus das Richtige 
getroffen hat, oder ob nicht vom speziell juristischen Stand- 
punkte gegen einzelne seiner Auffassungen Widerspruch 
erhoben werden kann, das bleibe hier dahingestellt und 
der fachmännischen Kritik überlassen. Dagegen darf nicht 
übergangen werden, was sein Werk an bleibenden Errungen- 
schaften und fruchtbaren Anregungen für die Fortbildung 
der Lehre vom Sittlichen in sich trägt. 

Man wird schon den Ausgangspunkt für seine Lehre 
vom abstrakten Recht als solch einen fruchtbaren Keim 

*) a. a. 0., S. 6. 



I 



Einleitung des Herausgebers. LI 

bezeichnen können. Indem Hegel als den Grundgedanken 
des abstrakten Rechtes das Gebot aufstellt: Sei eine Person 
und respektiere die anderen als Personen, stellt er das 
Recht auf den Boden der organisierten Personengemein- 
schaft und ermöglicht die sachgemäße Begrenzung der 
Wirkungssphäre des Rechts, für das der Mensch in der 
allgemeinen Bestimmung, Rechtsperson zu sein, in Betracht 
kommt. Wenn ihm hierbei Kant und Fichte schon vor- 
gearbeitet hatten und er dann in der Lehre vom Eigentum 
und vom Vertrage auf im wesentlichen schon gebahnten 
Wegen wandelt, so bringt seine Lehre vom Unrecht einen 
der Gesichtspunkte, durch den er auf die Rechtslehre 
maßgebend eingewirkt und eine nicht wieder zum Schweigen 
zu bringende Diskussion angeregt hat, wir meinen seine 
Theorie der Strafe*). 

Schon in seiner Abhandlung über das Naturrecht hat 
Hegel mit äußerster Schärfe sich dagegen verwahrt, daß 
man bei der Strafe den Zwang, der dem Übeltäter angedroht 
oder angetan wird, für das entscheidende Moment ausgebe. 
Bei dieser Art von Betrachtung vermißt er jede innere 
Beziehung zwischen dem Unrecht und seiner Sühne. Es 
bleibt nur die äußere Satzung bestehen, daß für ein be- 
stimmtes Unrecht der Übeltäter einen bestimmten Nach- 
teil auf sich nehmen muß. ,,Der Staat hält, als richter- 
liche Gewalt, einen Markt mit Bestimmtheiten, die Ver- 
brechen heißen und die ihm gegen andere Bestimmtheiten 
feil sind, und das Gesetzbuch ist der Preiskurant"**). 
Hegel selbst erklärt dagegen für die Idee, die im Straf- 
rechte zum Ausdruck kommt, die Wiedervergeltung, die 
eine innere Überwindung des Verbrechens bedeutet. An 
dieser Auffassung hat er immer festgehalten und besonders 
gegenüber der hohen Geltung, die sich die Feuerbachsche 
Straftheorie errang, seinen Widerspruch gegen die so- 
genannten relativen Straftheorien mit ebensoviel Klarheit 
wie Kürze zu begründen gewußt. 

Er geht bei der Betrachtung der Strafe nicht aus von 
der einseitigen Rücksicht auf den einzelnen Verbrecher 
und seine einzelne Tat. Jeder Einzelne, soweit er für 



*) Vergl. dazu jetzt die Abhandlung: Sulz: Dr. jur. Eugen, 
Hegels philosopliische Begründung des Strafrechts und deren Aus- 
bau in der deutschen Strafrechtswissenschaft. Berlin und Leip- 
zig 1910. 

**) Krit. Jouru. der Phil., 2. Bd., 2. St., Tübingen 1802, S, 60. 

D* 



LH Einleitung des Herausgebers. 

das Recht in Betracht kommt, ist ein freier Wille und also 
ein allgemeines Wesen; jede Tat eines vernünftigen 
Menschen trägt als solche in sich den Anspruch auf Ver- 
nünftigkeit, die Behauptung von Allgemeingültigkeit. Nur 
wenn man den Verbrecher in diesem Lichte sieht, wird 
man seiner Menschenwürde gerecht, während jede Theorie 
der Strafe, nach der diese als psychologischer Zwang auf 
den Menschen wirken soll, ihn als ein unfreies Wesen an- 
sieht und entwürdigt (S. 310). Ein Recht zur Strafe kann 
es nur dann geben, wenn in ihr die Gerechtigkeit sich ver- 
v.irklicht, die Vernunft sich als das Prinzip in dem Leben 
der rechtlichen Personengemeinschaft erweist. Und so ver- 
hält es sich in der Tat, Denn das Unrecht ist nicht bloß 
eine zufällige Äußerung irgendeines individuellen Willens, 
sondern es stellt einen Streit dar zwischen dem allgemeinen 
Willen, der in der Rechtsordnung verkörpert ist, und 
dem besonderen Willen des Individuums, der sich als all- 
gemeine Macht gegen die Rechtsordnung erhebt. Der 
Eigenwille aber in solcher Entgegensetzung ist in sich selbst 
nichtig. Diese seine Nichtigkeit muß an ihm selbst offen- 
bar werden. Indem er die Strafe erleidet, bestätigt er den 
Bestand und das Recht des allgemeinen Willens. So ist 
die Strafe ihrem Begriffe nach die Wiederherstellung des 
verletzten oder die Selbstbehauptung des feindlich ange- 
griffenen Rechts. Der Verbrecher, der bestraft wird, 
kommt in erster Linie nicht als ein besonderer, so oder so 
gearteter Mensch, sondern als eine einzelne Verkörperung 
des unrechtlichen Willens in Betracht. Das schließt natür- 
lich nicht aus, daß die besondere Gestalt der Strafe auf die 
Besonderheiten des zu Bestrafenden Rücksicht nimmt und 
daß auf dem einmal anerkannten Rechtsboden relative 
Zwecke der Wohltat für den Einzelnen und die Gemein- 
schaft ins Auge gefaßt werden können. Die Nützlich- 
keiten der Verhütung des Unrechts, der Abschreckung 
oder der Besserung des Übeltäters, der Sicherung der Ge- 
sellschaft haben alle ihre Stelle innerhalb der Strafrechti- 
pflege. Aber keiner dieser relativen Gesichtspunkte reicht 
zur Begründung dafür aus, daß es überhaupt ein Straf- 
recht gibt. Dieses kann nur durch die absolute Theorie 
der Strafe als der begrifflich notwendigen Wiederher- 
stellung der Rechtsordnung begründet werden. 

In diesen Gedanken hat Hegel ein äußerst frucht- 
bares Prinzip ausgesprochen. Seine weitere Ausbildung, 
insbesondere das Unternehmen, die relativen Gesichts- 



Einleitung des Herausgebers. LIII 

punkte bei der Strafe mit ihrem absoluten Begriffe in ge- 
nauere Beziehung zu setzen, hat er sich selbst rein 
aai3erlich schon dadurch erschwert, daß er auf das Straf- 
recht nicht in einheitlichem Zusammenhange, sondern an 
ganz verschiedenen Stellen seines Werkes zu sprechen 
kommt. V/ie lebhaft er selbst das Bedürfnis empfunden 
hat, die Strafe doch auch an die Subjektivität des Ver- 
brechers innerlich heranzubringen, zeigt seine Behauptung, 
daß der Verbrecher, indem er die Strafe erleidet, selbst 
ihr Recht anerkenne, daß sie das Recht sei, auf das der 
Verbrecher Anspruch habe, sein wahrer an sich seiender 
Wille (S. 89). Es ist aber dabei doch deutlich, daß der 
Verbrecher selbst in den meisten Fällen von dieser An- 
erkennung nichts wird wissen und seinen wahren Willen 
hartnäckig verleugnen wollen, so daß auf diese Weise das 
Recht der Strafe dem Bestraften gegenüber ein schlechthin 
Äußerliches bleiben wird. Hier wird eben eine weitere 
Behandlung des Verbrechers eintreten und über das Recht 
hinausgreifend ein erziehliches Einwirken auf den Bestraften 
durch den Staat angeordnet werden müssen, damit der 
Verbrecher auch seine Freiheit im Erleiden der Strafe 
wiederfinde, — ein neuer Beweis dafür, daß der Staat 
ohne die höheren sittlichen Lebensformen, insbesondere 
die Religion, nicht auszukommen vermag. 

Ist Hegel mit seiner Straftheorie bei den Rechtslehrern 
der Folgezeit in weitem Umfange durchgedrungen, so hat 
er dagegen für seine Darstellung der Moralität nur 
selten Verständnis- gefunden. Him selbst lag nichts so am 
Herzen als die Überwindung des moralischen Subjektivis- 
mus durch die wahre sittliche Freiheit in der Hingebung 
an das Absolute, das nicht eine abstrakte Vorstellung, 
sondern das konkrete Wahre selbst ist. Darum ist er 
nicht müde geworden, gegen die auf Kantischer Basis 
erwachsenen Grundsätze der subjektiven Moral den scho- 
nungslosesten Kampf zu führen. Die Kantische Moral hatte 
das Große, daß sie den Begriff des Sittlichen von allen 
psychologischen und sozialutilitarischen Rücksichten löste 
und ihn als das absolute Soll, die in der Innerlichkeit des 
Subjekts lebendige Pflicht nachwies. Damit aber waren zwei 
Irrwege nahegelegt. Den einen, den Weg des gesetzlichen 
Rigorismus, hat Kant selbst beschritten. Ihn überwunden 
zu haben ist das besondere Verdienst Schillers, von dem 
in diesem Punkte Fichte, Schelling und Hegel gelernt 
haben. Den anderen Irrweg beschritten gerade im Gegen- 



IjIV Einleitung des Herausgebers. 

satz zu der rigoristischen Moral Kants die Romantiker, 
die aus der Pflicht und dem Gewissen statt eines Gesetzes 
ein Gefühl machten. Ihnen galt Hegels Kampf vor allem. 
Erfolg hat er damit kaum gehabt. Äußerlich mag daran 
die Einseitigkeit mit schuld gewesen sein, zu der ihn 
seine Gegnerschaft gegen den Standpunkt der Moralität 
verleitete, daß er nämlich den positiven Wert dieses Stand- 
punktes zu wenig hervorhob. Hauptsächlich aber ist er 
in diesem Kampfe erfolglos geblieben, weil er hier gegen 
die eigentliche Krankheit seiner Zeit gestritten hat, die 
ein Einzelner, und sei er noch so geistesmächtig, zu ver- 
treiben nicht die Kraft besitzt. Es ist auch heute noch so 
oder vielmehr heute in höherem Grade als seit langer Zeit, 
daß die sophistische Selbstbehauptung der Subjektivität 
in den Kreisen unserer Bildung die Herrschaft führt und 
die Gesundheit des nationalen Lebens bedroht durch „die 
Prinzipien, v/elche das, was recht ist, auf die subjektiven 
Zwecke und Meinungen, auf das subjektive Gefühl und die 
partikuläre Überzeugung stellen, — Prinzipien, aus welchen 
die Zerstörung ebenso der inneren Sittlichkeit und des 
rechtschaffenen Gewissens, der Liebe und des Rechts unter 
den Privatpersonen, als die Zerstörung der öffentlichen 
Ordnung und der Staatsgesetze folgt" (S. 11). 

Hegel hat dadurch, daß er Jen moralischen Stand- 
punkt in alle seine Verzweigungen verfolgt und ihn durch 
sich selbst sich auflösen läßt, sich ein Verdienst erworben, 
das in seiner ganzen Bedeutung erst spätere Epochen er- 
fassen werden. Er hat in der Phänomenologie den ,, seiner 
selbst gewissen Geist" oder die Moralität dargestellt mit 
der Beziehung auf das moralische Lehrsystem, in dem 
dieser Geist sich ausspricht und sich als mit sich selbst 
in vollkommenem Widerspruch manifestiert. Er hat in 
der Rechtsphilosophie die Moralität von der Seite dar- 
gestellt, wie das seiner selbst gewisse Subjekt sich zu den 
vorgefundenen rechtlichen und sittlichen Ordnungen mit 
souveräner Freiheit verhält. Dabei hatte er ganz bestimmte 
Erscheinungen seiner Zeit, insbesondere Friedrich Schlegels 
Standpunkt der Ironie im Auge. Aber seine Kritik dieser 
Erscheinungen ist durchaus allgemeingültig. Der Nach- 
weis, daß die Berufung auf das subjektive Gewissen not- 
wendig zur jesuitischen Kasuistik führen, daß die Be- 
freiung des Subjekts von jeder allgemeingültigen bleibenden 
Wahrheit als das Böse selbst gelten muß, wird immer 
wahr bleiben, so wenig angenehm er auch denen klingen! 



Einleitung des Herausgebers. LV 

mag, die zu einem tieferen Freiheitsbegriff als dem des 
subjektiven Beliebens nicht vorzudringen vermögen. Daß 
freilich der seiner selbst gewiß gewordene Geist, um aus 
der Haltlosigkeit des Subjektivismus herauszukommen, nicht 
einfach auf die bürgerliche Ordnung im Staate zurück- 
verwiesen werden kann, ist ohne weiteres klar. Hegel 
würde mit seiner Kritik der Moralität doch vielleicht mehr 
Eindruck gemacht haben, wenn er in der Rechtsphilosophie 
denselben Weg wie in der Phänomenologie gegangen wäre, 
den Geist aus der Moralität nicht in dem Staatsrechte 
münden, sondern zum Leben in dem Absoluten, zur Religion 
und Philosophie sich erheben zu lassen. 

So wenig die Paragraphen über das Gute und das 
Gewissen zur Rechtsphilosophie im engeren Sinne gehören, 
so stark sind auch die ersten Abschnitte des letzten Teiles 
der Rechtsphilosophie, die von der Familie und der bürger- 
lichen Gesellschaft handeln, mit Gegenständen durchsetzt, 
die außerhalb der Rechtslehre fallen. Aber gerade hier 
hat Hegel Ausführungen von höchstem Werte und grund- 
legender Bedeutung gemacht. In sehr entschiedenem Gegen- 
satze sowohl gegen die Auffassung Kants von der Ehe, 
der sie nur als Rechtsgeschäft betrachtet, wie gegen den 
romantischen Libertinismus, der alle rechtliche Bindung 
des Gefühls verachtet, bestimmt Hegel in einer Weise, die 
dem nächsten Empfinden nüchtern vorkommen mag, aber 
eben in dieser Nüchternheit die Sache selbst nach ihrer 
bleibenden unendlichen Bedeutung ausspricht, die Ehe als 
die rechtlich sittliche Liebe (S. 329), als das unmittelbare 
sittliche Verhältnis, durch das die natürliche Verbindung der 
Geschlechter in geistige Liebe umgewandelt wird (S.140ff.), 
Die Art, wie er das Sittliche dieses Verhältnisses hervor- 
hebt, zeigt ihn ebenso als den tiefen, mitfühlenden Kenner 
der menschlichen Natur wie als den klaren, praktischen 
Beurteiler der menschlichen Verhältnisse. 

Mindestens ebenso bedeutsam sind seine Ausführungen 
über Kindererziehung. Daß Hegel ein eminenter wissen- 
schaftlicher Pädagoge gewesen ist, das ist bis jetzt noch 
bei weitem nicht genügend anerkannt, trotzdem sich schon 
vor bald sechzig Jahren Gustav Thaulow redlich be- 
müht hat, die Welt davon zu überzeugen*). Gewiß war 
es unmöglich, in dem Rahmen der Rechtsphilosophie ein 

*) Thaulow Gustas, Hegels Ansichten über Erziehung 
und Unterricht. 4 Bände. Kiel, 1853—54. 



LVI Einleitung des Herausgebers. 

umfassendes System der Pädagogik darzulegen; aber immer 
wird es der höchsten Bewunderung würdig sein, wie in 
den drei kurzen Paragraphen 173 — 175 dieses Werkes 
Hegel die grundlegenden Begriffe der Erziehung präzisiert 
und die damals geläufigen und heute mit neuer Kraft 
aufgelebten pädagogischen Verkehrtheiten mit wenigen, 
aber entscheidenden Worten abtut. Gerade diese Para- 
graphen können der Beachtung in unseren Tagen nicht 
genug empfohlen werden. 

Den Ruhm einer bahnbrechenden Leistung, die in der 
seitherigen Ausbildung der Wissenschaft dauernd fortwirkt, 
hat sich Hegel dadurch erworben, daß er die bürgerliche 
Gesellschaft als eine vom Staate unterschiedene Form des 
menschlichen Zusammenlebens verstanden und in ihrer Be- 
deutung anschaulich gemacht hat. In der Gesellschaft 
handelt es sich noch nicht um die Verwirklichung des an 
und für sich freien Willens, v/ie im Recht und in der Sitt- 
lichkeit. Hier wird der selbstsüchtige Zweck verwirklicht 
in der Form der Allgemeinheit, daß nämlich die selbst- 
süchtigen Zwecke der Einzelnen sich als eine natürliche 
Gemeinsamkeit der Interessen herausstellen. In der Phäno- 
menologie hat Hegel das Zusammenwirken der Einzelnen 
mit ihren besonderen Zwecken, das zu einer objektiv ver- 
nünftigen Gemeinsamkeit sich gestaltet, unter dem treffen- 
den Titel ,,Das geistige Tierreich" dargestellt*). Eine Be- 
merkung in der Religionsphilosophie**) läßt erkennen, daß 
er bei dieser Darstellung an ,,die römische Welt" ge- 
dacht und also den römischen Staat als den ,,Not- und 
Verstandesstaat" angesehen hat, der seinen Inhalt in der 
rechtlichen Ordnung dieses Systems von Interessen findet 
(S. 155). Aber noch an einer anderen Stelle der Phäno- 
menologie, da wo er ,,die Bildung und ihr Reich der Wirk- 
lichkeit"***) behandelt, tritt in dem Gegensatze von Staats- 
macht und Reichtum die Welt der natürlichen Interessen als 
bestimmendes Moment des Gemeinschaftslebens auf; und 
hier ist auch die Stelle, wo die Gliederung dieser Welt 
in die gesonderten Massen der Stände und der Korporationen 
zu ihrer Entwicklung kommt. 

In seiner Abhandlung über das Naturrecht hatte Hegel 
im Sinne der Antike von den Ständen als von ruhenden 



*) Phil. Bibl., Bd. 114, S. 259 ff. 
**) Hegels Werke, Bd. 12, 2. Aufl., S. 184. 
***) Phil. Bibl., Bd. 114, S. 321 ff. 



Einleitung des Herausgebers. LYII 

und übermächtigen Bestimmtheiten gehandelt, an die durch 
äußere Notw'endigkeit die einzelnen Staatsangehörigen ver- 
teilt sind. Er hatte aber auch dort schon darauf hingewiesen, 
wie die moderne Entwickelung den Stand des bourgeois 
derart zum allgemeinen Stande gemacht habe, daß die 
natürliche antike Scheidung der Stände nicht mehr fort- 
bestehe. Er hat dann in der Phänomenologie bei der Dar- 
stellung der sittlichen Welt, die wesentlich seine Auf- 
fassung der antiken Sittlichkeit wiedergibt, von der Son- 
derung in Stände gar nicht mehr gesprochen; und auch 
bei seiner Schilderung der Welt der Bildung erwähnt er 
zwar die Stände, aber in dem tieferen Sinne, wonach 
sie nicht Naturbestimmtheiten, sondern gewußte und ge- 
wollte Interessenverbände darstellen. Hier in der Rechts- 
philosophie hat er nun für die komplizierten Erscheinungen 
dieses Gebietes die befriedigende Systematik gefunden. Es 
ist ihm gleicherweise gelungen, die ursprüngliche, durch 
das natürliche Bedürfnis gebotene Sonderung der Menschen 
in Stände zu ihrem Rechte kommen zu lassen, wie auch 
die aus diesem Boden hervorgehende freie Interessen- 
gemeinschaft, den genossenschaftlichen Verband oder die 
Korporation in ihrer ungemeinen Bedeutung für den Auf- 
bau der Gesellschaft zu würdigen. Was ihn dazu befähigt, 
ist sein tiefes Bewußtsein für die persönliche Freiheit, in 
deren Anerkennung als des allgemeingültigen Prinzipes für 
die menschliche Gemeinschaft er das unterscheidende 
Merkmal und den eigentlichen Adelstitel der modernen Zeit 
erblickt. Auf Grund dieser persönlichen Freiheit hören 
die natürlichen Stände auf, den Charakter von Kasten zu 
tragen; die freie Berufswahl macht den Einzelnen von der 
unabänderlichen Naturbestimmtheit los. Dafür findet er 
in dem genossenschaftlichen Verbände eine vernünftige, 
auf dem Bewußtsein der Ehre gegründete höhere Allge- 
meinheit, der er sich mit seinen persönlichen Zwecken 
einfügt, gleichsam eine Idealisierung seines natürlichen 
Daseins. Es bedarf keiner weiteren Ausführungen darüber, 
wie fruchtbar diese Gedanken Hegels sich erwiesen haben. 
Der klare Blick Hegels für die Realitäten des Lebens 
hat ihn im besonderen Maße befähigt, der neuen Wissen- 
schaft, deren Grundlagen in England und Frankreich gelegt 
worden waren, der Nationalökonomie, ihren Platz in 
dem Zusammenhange der Wissenschaften anzuweisen. Er 
hat mit lebhaftem Interesse sich in die Schriften von 
Adam Smith. J, B. Say und David Ricardo vertieft und die 



LVIII Einleitung des Herausgebers. 

Befriedigung empfunden, daß sie in der Sphäre der Be- 
dürfnisse den in der Sache wirksamen und sie regierenden 
Verstand ans Licht gebracht und die Vernünftigkeit nach- 
gewiesen haben, die auf diesem Gebiete des scheinbar un- 
endlichen Widerstreites einzelner Interessen waltet. Sein 
Sinn für organischen Zusammenhang begrüßte freudig diese 
AVissenschaft, die es klar macht, wie das System mensch- 
licher Bedürfnisse und ihrer Bewegung durch die ihm 
immanente Vernunft zu einem organischen Ganzen von 
Unterschieden gegliedert wird (S. 164). Was er über die 
menschlichen Bedürfnisse, ihre Differenzierung und end- 
lose Steigerung, was er über die Arbeit und ihre Arten 
sagt, vor allem seine Würdigung der Industrie, des Handels 
und des Weltverkehrs, mit der er weit über den preußischen 
Horizont seiner Zeit hinausgedrungen ist, bietet noch immer 
eine solide Grundlage für das Verständnis des wirtschaft- 
lichen Lebens, 

Man wird es für weniger erfreulich ansehen dürfen, 
daß seine Auffassung von dem notwendigen Zusammen- 
hange zwischen wachsendem Wohlstande und zunehmender 
Armut in den Vorstellungen weiter Kreise schier unaus- 
rottbar feste Wurzeln geschlagen hat. In dieser Frage 
hat er mit den großartigen Fortschritten in der Pro- 
duktionsweise und im Verkehrswegen noch nicht rechnen 
können, die seitdem eingetreten sind und auf Grund deren 
es heute schon vollkommen deutlich ist, daß wachsender 
Wohlstand nicht Kapitalanhäufung in einzelnen Händen, 
sondern sich stetig ausbreitende Anteilnahme immer zahl- 
reicherer Glieder der Gesellschaft an dem Nationalvermögen 
bedeutet, — vorausgesetzt nämlich, daß nicht der Staat 
durch protektionistische Eingriffe den natürlichen Gang der 
Dinge stört und verkehrt. Durch diesen Fortschritt wird so- 
wohl das Übermaß des Reichtums wie des Elends einge- 
schränkt und auch die Armenpflege auf andere Grundsätze 
gestellt, als sie Hegel noch vertrat. Den Pöbel auf den 
öffentlichen Bettel anzuweisen (S. 189), wird man heute nicht 
mehr für ratsam halten. Ebensowenig wird man behaupten 
wollen, daß die Dialektik von Überproduktion und Zwang 
zum Produzieren, die gewiß wirtschaftliche Notstände her- 
vorrufen kann oder richtiger ihr Symptom ist, den Pöbel 
erzeugt; diesen bringen nicht ökonomische Verhältnisse, 
sondern moralische Schäden hervor. 

Wenn auch die Art, wie zwischen diese Erörterungen 
sozialer Probleme Kapitel aus der eigentlichen Rechtslehre 



Einleitung- des Herausgebers. LIX 

eingeschoben sind, uns fremdartig berühren muß und 
zu den Mängeln zu zählen ist, die das Werk Hegels als 
einen ersten Schritt auf neuer Bahn charakterisieren, so 
bleibt sein Verdienst dadurch ungeschmälert. Ja, die 
Lebendigkeit und Vielseitigkeit des Bildes, das er auf diese 
Weise von dem modernen Staate und den mannigfachen 
Sphären seiner Tätigkeit entwirft, würde er zu seiner Zeit 
auf andere Weise kaum haben erreichen können. Erst 
durch den Unterbau, den er so dem politischen Staate ge- 
geben hat, wird es ihm möglich, die glänzende Zeichnung 
des Staatsrechtes zu entwerfen, die wahrhaft aus einem 
Guß das Staatsideal seiner Zeit unter stetem Anschluß an 
seine in der Wirklichkeit bereits erreichten Gestaltungen 
in der lebensvollsten Gliederung dieses komplizierten Or- 
ganismus uns vor Augen stellt. Zweifellos ist es dieser Teil 
seines Werkes, der von Anfang an die kräftigste und nach- 
haltigste Wirkung auf das allgemeine Bewußtsein in Wissen- 
schaft und Bildung geübt hat. Die konstitutionelle 
Monarchie, wie er sie hier als den derzeitigen Abschluß 
der geschichtlichen Entwickelung des Staates und der 
wissenschaftlichen Entwickelung der Staatsidee darstellt, 
hat während des vergangenen Jahrhunderts sich tatsächlich 
in der Wirklichkeit des nationalen Lebens als das allen 
anderen Staatsformen überlegene Prinzip erwiesen. Ein 
Blick auf die Geschichte Preußens, Deutschlands und 
Italiens genügt, um das zu erkennen. Es kommt der Wissen- 
schaft nicht zu, Prophezeiungen darüber zu versuchen, 
was die Zukunft bringen wird. Aber im Blick auf unsere 
Gegenwart wird man wohl getrost die Behauptung wagen 
dürfen, daß ein höheres Staatsideal, eine Organisation von 
reicherer Mannigfaltigkeit und freierer geistiger Einheit 
als die der konstitutionellen Monarchie bis jetzt noch 
nirgends aufgetaucht ist. Darum wird auch das zwanzigste 
Jahrhundert vermutlich sehr wohl daran tun, mit Hegels 
Staatslehre sich noch recht ernsthaft zu beschäftigen. 



Drittes Kapitel. Der Gleist der Hegelschen 
Staatslelire. 

L Die historische Idee. 

Die Rechtsphilosophie Hegels läßt sich in keinem 
Sinne als das Werk bloß dieses einzelnen Mannes ver- 
stehen. Sie bezeichnet den Gipfelpunkt einer geistigen 



LX Einleitung des Herausgebers. 

Arbeit, an der seit mindestens einem halben Jahrhundert 
die führenden Männer des Zeitalters tätig gewesen waren. 
Die große Bewegung, deren Anfänge schon bei Leibniz 
und Lessing zu bemerken sind, und deren Ziel es war, das 
Bewußtsein der Zeit über den Standpunkt der Aufklärung 
hinaus zu einer tieferen Einsicht in das Wesen der Dinge 
und des Menschen zu führen, hat in dem Werke Hegels 
eine Art von krönendem Abschluß gefunden. Hegel selbst 
ist von dieser Bewegung, seitdem er selbständig zu denken 
begonnen hat, ebenso getragen worden, wie er selbst 
in sie eingegriffen und mit unvergleichlicher Kraft der Zu- 
sammenfassung ihre verschiedenen Momente in dem Ganzen 
seines Systems vereinigt hat. 

Über den Dienst, den die Aufklärung dem Fortschritte 
der Menschheit geleistet hat, wird man nicht leicht zu 
hoch denken können. Sie hat in dem großen Entwick- 
lungsprozeß des Freiheitsbewußtseins, der mit der Re- 
formation eingesetzt hat, einen entscheidenden Wende- 
punkt gebracht. Die Reformation hatte dem Menschen 
in der Verbindung mit dem Ewigen, das er im Glauben in 
sich selbst besaß, die Freiheit gegenüber der ganzen 
Welt gebracht. Vermittelst der Aufklärung fand er nun 
in sich selbst auch das Prinzip der Weltlichkeit und 
wurde so wieder in dieser heimisch, aber nicht als ihr Diener, 
sondern als ihr sie belebender Geist. Dies Gefühl, daß 
die ganze Welt für ihn da sei und er sie für sich zu 
nutzen vermöge, erhob das Selbstbewußtsein des Menschen 
zu frohmütigem Geltendmachen seiner Überzeugungen und 
seiner Grundsätze und schwellte seine Brust in der Ge- 
wißheit, der Mittelpunkt des Daseins, der Maßstab aller 
Dinge zu sein. Von hier aus konnte das regste geistige 
Leben seinen Ausgang nehmen. Aber freilich konnte es 
dabei nicht stehen bleiben. Denn dem tieferdringenden 
Geiste mußte sich nur zu bald der Standpunkt der Auf- 
klärung als einseitig und dürftig erweisen. Das un- 
bedingte Vertrauen auf die eigene Einsicht, die doch 
offenbar selbst keineswegs unbedingt war, sondern sehr 
deutlich die Schranken der Bildung ihrer Zeit an sich trug, 
der Gesichtspunkt des individuellen Wohls oder des all- 
gemeinen Nutzens, von dem aus diese Einsicht die Welt 
der Dinge beurteilte, die daraus hervorgehende Ent- 
fremdung des Gemütes von dem Ewigen und Unendlichen 
und seine selbstgefällige Beschränkung auf die ihm fami- 
liär gewordene Weltlichkeit gab der Aufklärung die Merk- 



Einleitung des Herausgebers. LXI 

male zugleich der Philisterhaftigkeit und der Frivolität, 
des altklugen Besserwissens und der dünkelhaften Bor- 
niertheit. Was sie der Menschheit errungen hatte, dies 
Bewußtsein der Herrscherstellung in der Welt, das konnte 
nicht wieder verloren gehen; die Form aber, in der sie 
dieses Bewußtsein zum Ausdruck brachte, mußte wahr- 
hafteren Gestaltungen weichen. 

Von zwei Seiten ist das geistige Gericht an der Auf- 
klärung vollzogen worden. Die Philosophie Kants machte 
der Eitelkeit der subjektiven Einsicht ein Ende, indem 
sie die Wahrheit und das Gute nicht in der individuellen 
Meinung, die von der Aufklärung mit dem stolzen Namen 
Vernunft bezeichnet wurde, sondern nur in der reinen 
Vernunft anerkannte, in der Kategorie und dem ewigen 
Reiche des Begriffs. Von der anderen Seite, als deren 
bahnbrechende Vertreter Montesquieu und Herder zu nennen 
genügen möge, wurde der beschränkten Vernünftigkeit 
des damaligen Zeitgeistes die objektive Vernunft des Histo- 
rischen entgegengehalten und die gestaltenden Mächte 
der Wirklichkeit, Recht und Staat, Sitte und Religion als 
Erzeugnisse und Entfaltungen eines einheitlichen geistigen 
Lebens der Nationen und der Menschheit erfaßt, an das die 
geläufigen Maßstäbe der Aufklärung gar nicht herau- 
freichten. Diese beiden Strömungen haben sich früh mit- 
einander vermischt. Bei Kant selbst zeigen sich die An- 
sätze zur Geschichtsphilosophie schon ganz deutlich. In 
Schiller vollzieht sich zum ersten Male die bewußte Ver- 
einigung dieser beiden fruchtbarsten Tendenzen seiner Zeit. 
Durch ihn ist wieder Fichte stark beeinflußt worden, 
während auf Schelling vor allem Goethe, auch ein Jünger 
Herders, eingewirkt hat. Bei Hegel finden wir alle die 
Gedankenelemente vereinigt, die durch die Arbeit jener 
Männer ans Licht gebracht worden sind. Er ist, was das 
Prinzip seiner Rechtsphilosophie betrifft, mit vollem Be- 
wußtsein Fortsetzer und Vollender. Was er als das Kenn- 
zeichen des großen Mannes angibt, daß er, was seine Zeit 
will, ausspricht, ihr sagt und vollbringt (S. 368), das 
trifft auf ihn selbst zu, indem er die wissenschaftliche 
Tendenz, die trotz des Widerstandes der überlieferten 
Schulweisheit auf den Kathedern und trotz der bequemen 
Denkgewohnheiten im großen Publikum siegreich die füh- 
renden Geister sich gewann, zur Klarheit über sich selbst 
lind zur systematischen Begründung brachte. 

Für das Verhalten der Aufklärung zu der geschichtlichen 



LXII Einleitung des Herausgebers. 

Wirklichkeit war nichts bezeichnender als ihre Auffassung 
von Recht und Staat. Zu Religion und Kirche hat sie die 
verschiedenartigsten Stellungen genommen; sie sah sich 
hier darauf angewiesen, sich kritisch mit den Glaubens- 
lehren auseinanderzusetzen, die noch bis zu ihrem Auf- 
kommen, ja inmitten der aufgeklärten Gesellschaft selbst, 
voll in Kraft waren. Für ihre Beurteilung von Recht und 
Staat dagegen konnte sie sich ohne weiteres einer bereits 
im Mittelalter emporgekommenen und seitdem zu größter 
formaler Vollendung gediehenen Disziplin bedienen, die 
ihrerseits von je an auf Grundsätzen sich aufgebaut hatte, 
wie sie dem Wesen der Aufklärung kongenial waren. Diese 
Disziplin ist das Naturrecht, das mit einer merkv/ürdigen 
Zähigkeit seinen Platz in der Wissenschaft behauptet hat, 
um nach vielhundertjähriger Herrschaft erst in der Auf- 
klärung zur unbedingtesten Wirksamkeit zu gelangen. Es 
ist hier nicht der Ort, auf die Geschichte der Rechtsphilo- 
sophie und insbesondere des Naturrechts einzugehen. Er- 
wähnen \fir aber auch nur die Tatsache, daß eigentlich 
in der Zeit zwischen Aristoteles und Hegel die rechts- 
philosophische Arbeit durchweg naturrechtliche Züge ?in 
sich getragen hat, so läßt sich .daraus wohl entnehmen, 
daß die besondere Art des Rechtsgebietes mit seiner in 
Form äußerer Notwendigkeit auftretenden z^veckmäßigen 
Ordnung dem Nachdenken die Versuchung besonders nahe- 
gelegt hat, diese äußerliche vernünftige Ordnung aus 
abstrakten Grundsätzen zu konstruieren und sie wie eine 
künstliche, absichtlich veranstaltete Einrichtung anzusehen. 
Damit entfernte sich dann freilich die philosophische Rechts- 
lehre grundsätzlich von dem geschichtlich gewordenen, 
dem geltenden Rechte und wurde immer mehr, statt eine 
Wissenschaft von dem Seienden zu sein und die Wirklich- 
keit zu begreifen, zu einer Forderung des Seinsollenden 
und zu einer Anklage gegen die Wirklichkeit, die damit 
nicht übereinstimmt. Welche Gewalt des Begriffes und 
welche geschichtliche Notwendigkeit in dieser Betrachtungs- 
weise gelebt hat, das lehrt die Stiftung der Freistaaten 
von Nordamerika wie die große französische Revolution; 
der Gedanke des Naturrechtes hat hier zur Gestaltung der 
staatlichen Wirklichkeit den tiefsten Antrieb gegeben. 
Aber eben damit ist er selbst doch auch wieder als ein 
geschichtliches Moment von relativer Geltung inmitten 
der großen geschichtlichen Zusammenhänge offenbar ge- 
worden. Und es entsprach nur der Logik der Geschichte, 



Einleitung des Herausgebers. LXIII 

dai3 gerade damals, als das Naturrecht zum wirksamen 
Faktor der Staatenbildung sich aufgeschwungen hatte, die 
Zeit seiner unbeschränkten Herrschaft auf dem Felde des 
Gedankens vorüber war und eine wissenschaftliche Auf- 
fassung emporkam, die es in seiner zeitgeschichtlichen 
Einseitigkeit erkannte und überwand. 

Das Verhältnis, das im Naturrecht der Gedanke seinem 
Gegenstande gegenüber einnimmt, ist das des abstrakten 
t)enkens zu einer äußerlich vorgestellten, in der Natur 
gegebenen Tatsache. Darum gleicht das Verfahren der 
Juristen, die das Naturrecht ausbauen, auffallend dem Ver- 
fahren der Physiker, die den Naturerscheinungen auf den 
Grund zu gehen suchen. Hier wie dort wird auf dem 
Grunde der Erscheinungen eine abstrakte Regel, ein ver- 
ständiger Zusammenhang behauptet, den man dadurch auf- 
zuhellen unternimmt, daß man die zusammengesetzten 
Erscheinungen aus vorausgesetzten einfachen Bestim- 
mungen sich bilden läi3t. D. h. es wird von Hypothesen 
ausgegangen, von gedachten Wirklichkeiten, die nur im 
Denken wirklich sind. Die Physik operiert mit Atomen 
und Kräften, mit Materie und Bewegung, Produkten eines 
vorstellungsmäßigen Denkens, über die sie nicht weiter 
zurückgeht zur Untersuchung des Denkens, dem sie ent- 
stammen. Das Naturrecht operiert ebenso mit einem recht- 
losen Naturzustande, mit Personen, die gleich den Atomen 
einer Masse sich zusammenfinden, mit einem ursprüng- 
lichen Gesellschafts- oder Staatsvertrage, durch den diese 
Personen miteinander sich verbinden und ihre abstrakte 
Unabhängigkeit freiwillig gegeneinander beschränken. Alle 
diese Vorstellungen sind schlechtweg ausgedacht und 
werden als wirklich nur im Gedanken vorausgesetzt. Sie 
haben für die Erkenntnis des Gegenstandes selbst un- 
streitig wichtige Dienste geleistet. Der Irrtum der Natur- 
rechtslehrer bestand aber darin, daß sie alle diese Hypo- 
thesen als Wirklichkeiten annahmen und nicht als das, 
was auch die Hypothesen der Physiker sind, die dessen 
freilich oft ebenso unbewußt bleiben, nämlich Hilfslinien 
für das Verständnis und nützliche Konstruktionen, nicht 
aber lebendige und tätige Momente, aus denen sich die 
Wirklichkeit aufbaut. Das Naturrecht übersah genau, wie 
es die Physik noch heute tut, daß, indem es die Ent- 
stehung des Ganzen aus hypothetischen einfachen Ele- 
menten erklären wollte, es bereits diejenigen Bedingungen 
und Gesetze dabei wirksam sein ließ, die nur innerhalb 



LXIV Einleitung- des Herausgebers. 

dieses Ganzen als bestehender Ordnung einen Sinn haben 
und denkbar sein können. Alle die Vorgänge, durch die 
man das Entstehen der Welt erklären will, setzen 
das Bestehen der Welt nach ihren Gesetzen und Ele- 
menten schon voraus. Alle Konstruktionen, die das Werden 
des Staates veranschaulichen sollen, beruhen auf der An- 
nahme der Vernünftigkeit der staatlichen Zusammenhänge, 
die sie aus äußerlicher Kausalität herzuleiten sich ein- 
bilden. 

, In diesem Punkte haben Kant und Fichte die natur- 
rechtliche Auffassung beseitigt. Sie haben nicht aus an- 
genommenen Daten eines ursprünglichen empirischen Zu- 
standes der Menschheit den Staat und das Recht sich ent- 
wickeln lassen, sondern sind auf die vernünftige Natur 
des Menschen zurückgegangen und haben die Staats- und 
Rechtsordnung als eine Manifestation dieser Vernunft dar- 
gestellt. Fichte, der sich der Vorstellung des Staats^ 
Vertrages sehr ernsthaft bedient, erklärt doch deutlich, 
daß er damit keinen wirklichen, zwischen den empirischen 
Menschen vollzogenen Akt meine, sondern ihn gleichsam 
als ein Symbol für die sittliche Notwendigkeit ansehe, 
die den Menschen gebietet, miteinander in staatlicher Ge- 
meinschaft zu leben. Darin aber gleicht die Stellung Kants 
und Fichtes noch der naturrechtlichen Anschauung, daß 
sie auf Grund der Postulate der praktischen Vernunft das 
Recht und den Staat nach einem normalen Muster kon- 
struieren wollen und also die bestehende staatliche Wirk- 
lichkeit vernachlässigen. Bei Kant begegnen wir dem 
Ideal der Staatenrepublik und dem Traum eines ewigen 
Friedens; bei Fichte nimmt der Staat, wie er nach ihm 
sein soll, vielfach ganz phantastische Formen an. Beiden 
aber gebührt ein aulJerordentliches Verdienst deshalb, weil 
sie in Kraft ihrer Erkenntnis von dem wahrhaft Sittlichen 
es vermocht haben, zwischen dem Rechtsgebot und der 
Gewissenspflicht, zwischen Legalität und Moralität klar, 
wenn auch in abstrakt einseitiger Zuspitzung zu unter- 
scheiden. 

Was dem Naturrecht und der Philosophie des sub- 
jektiven Idealismus gemeinsam war, die Geringschätzung 
des geschichtlich vorhandenen Rechtes und Staates, wurde 
durch die historische Anschauungsweise bekämpft, 
die mit wachsender Kraft und Klarheit sich dazu erhob, 
in den Formen des menschlichen Gemeinschaftslebens, wie 
sie die verschiedenen Nationen und Volksstämme aufwiesen. 



Einleitung des Herausgebers. LXV 

die Schöpfungen des Volksgeistes zu sehen, der gleichsam 
unbewußt die reichsten Schätze inneren Lebens, seine 
Fülle an Gemüt und Glauben in diesen äußeren, aber 
sinn- und bedeutungsvollen Ordnungen ausgesprochen habe. 
In dieser Anschauung flössen die verschiedensten Strö- 
mungen des damaligen Geisteslebens zusammen. Der auf 
altgläubiger religiöser Grundlage ruhende Widerspruch 
gegen die Aufklärung, der von jeher dem seichten Witze 
der Weltverbesserer die tiefe Weisheit der göttlichen Ord- 
nungen des sittlichen Lebens entgegengehalten hatte, ver- 
band sich hier mit dem erleuchteten Blicke des echten 
Historikers, der für den bleibenden Wert wie für die ge- 
schichtliche Bedingtheit der verschiedenen Volkstümer ein 
gleich klares Verständnis hatte. Dazu kam die roman- 
tische Begeisterung für das, was jenseits der verständigen 
Erkenntnis und der menschlichen Veranstaltung liegt, und 
der politische Widerstand gegen die auflösenden Tendenzen 
'.'iner abstrakten Freiheitsschwärmerei. So zeigt diese histo- 
rische Richtung die verschiedensten Züge, die Gabe tiefen 
innerlichen Verständnisses für Volkstum und ideales Leben, 
eindringende Gelehrsamkeit, der sich die Pforten der Ver- 
gangenheit aufschließen, phantastische Schwärmerei für 
glücklich vergangene und überwundene Zustände und eine 
plumpe, die geistige und sittliche Freiheit verkennende 
und mißachtende reaktionäre Gesinnung. Gerade diese un- 
klare Mischung der Tendenzen aber, die alle in der Opposi- 
tion gegen die Aufklärung und gegen den Rationalismus des 
subjektiven Idealismus sich zusammenfanden, beweist, daß 
diese Opposition die eigentliche weltgeschichtliche Auf- 
gabe jener Zeit ausgemacht hat. In der Anerkennung der 
Bedeutsamkeit dieser Aufgabe soll man sich auch dadurch 
nicht irre machen lassen, daß der Kampf gegen Auf- 
klärung und Rationalismus sehr unerfreuliche Erschei- 
nungen im Gefolge gehabt hat. Unerfreulicher als die 
Ausschreitungen, von denen die aufklärerische Bewegung 
war begleitet worden, sind sie auch nicht gewesen. Und 
wo es sich um die Überv.'indung eines zugleich so geistes- 
mächtigen wie einseitigen Prinzipes handelte, durch das 
seit einigen Jahrzehnten geradezu die Gestalt Europas 
war verändert worden, konnte es ohne Einseitigkeiten 
und Gewalttätigkeiten auf der Seite des überlegenen Prin- 
zips natürlich auch nicht abgehen. Überhaupt ist der da- 
mals entfachte Gegensatz noch längst nicht zur Ruhe 
gekommen. Nur wenige erleuchtete Geister haben sich 

Hegel, Rechtsphilosophie. E 



LXVI Einleitung des Herausgebers. 

damals über den gärenden Zwiespalt der Zeit erhoben und 
den Standpunkt der Versöhnung, die Freiheit des Lrebens 
in der geistigen Totalität erreicht; und heute wird das 
Bewoßtsein der gebildeten Welt noch von demselben Zwie- 
spalt zerrissen, an dem sich, etwa Goethe, Hegel und ihre 
Gesinnungsgenossen ausgenommen, die nachnapoleonische 
Zeit abmühte. Darüber darf man sich nicht im mindesten 
wundern. Noch weniger braucht man deshalb an jenem 
Standpunkte der Versöhnung zu verzweifeln, auf den Goethe 
und Hegel hingewiesen haben und zu dem dieser Zwiespalt 
gebieterisch hindrängt. Der Menschheit ist damit eine Auf- 
gabe gestellt, deren Lösung dem gebildeten Bewußtsein an- 
zueignen noch säkularer Anstrengungen bedürfen wird. 

Dem ungeschichtlichen Geiste des Naturrechts gegen- 
über vertritt Hegel mit vollem Bewußtsein die tiefere 
Einsicht, die im Rückgange auf die objektive Vernunft 
das Recht der Geschichte und den in der Wirklichkeit 
mächtigen Geist zur Anerkennung zu bringen sucht. In 
Übereinstimmung mit Kant und Fichte, dabei aber in aus- 
gesprochenem Anschloß an Aristoteles erkennt er in Recht 
und Staat eine Schöpfung der objektiven Vernunft, nicht 
ein künstliches Machwerk von Menschen, die für ihre 
zufälligen Bedürfnisse sorgen. Aber er geht über Kant 
und Fichte hinaus, indem er grundsätzlich den geschicht- 
lichen Charakter des Staates als der erscheinenden Ge- 
stalt des Volksgeistes auf das entschiedenste betont. Deshalb 
hat er mit der Vertragstheorie in jeder Form vollständig 
gebrochen. Der Staat gilt ihm als die Grundlage für alles 
wahrhaft menschliche Leben; darum ist er aus eigenem 
Rechte da, ein irdischer Gott, und nicht erst aus Ver- 
trägen seiner Angehörigen entstanden. Der Staat als 
solcher ist demnach souverän; und die Doktorfrage nach 
dem Träger der Souveränetät, die in den früheren Jahr- 
hunderten so ernste politische Bedeutung gehabt hatte, 
wurde hier gegenstandslos, wo weder die Untertanen noch 
der Herrscher isoliert für sich in Betracht kommen, sondern 
das Volk als Ganzes, der organisierte Staat, die Souve- 
ränetät besitzt, die selbstverständlich deshalb in der natur- 
gemäi3en Spitze dieser Organisation, in dem Monarchen 
als dem Repräsentanten der Gesamtheit, zur Anschauung 
gebracht wird. 

Wenn in diesem Punkte die Abwendung Hegels von 
abstrakten Theorien vollständig ist, die den Staat als eine 
Zusammensetzung aus selbständigen Elementen auffassen 



Einleitung des Herausgebers. LXVII 

und seine Einheit „als eine Wirksamkeit nur gegenseitiger 
Dämme" begreifen, so erklärt sich damit auch seine Ab- 
neigung gegen die Sonderung von Legalität und Moralität, 
wie sie bei Kant und Fichte ausgesprochen ist. Weil er 
in dem Staate das auf sich selbst ruhende und durch sich 
selbst bestehende sittliche Ganze erkennen möchte, so läßt 
er Moralität und Religion darin befaßt sein und empört 
sich gegen die Meinung, die den Staat und sein Rechtsgebot 
abgesondert von dem höheren ideellen Leben der sittlichen 
Persönlichkeit betrachtet. Es ist nicht zu verkennen, daß 
er damit selbst wieder einer Einseitigkeit verfallen ist; 
und das tritt am deutlichsten daran hervor, daß er nun 
sich genötigt sieht, gleichsam vor und unabhängig von 
dem Staate eine Sphäre des abstrakten Vernunftrechtes 
anzunehmen, über die er wesentlich in der Art des philo- 
sophischen Naturrechts handelt. (Vgl. oben Kapitel II, 
S. XLIV.) Gewiß ist es ein in seiner Weise geistvoller 
Gedanke, daß er, um die konkrete Herrlichkeit des sitt- 
lichen Lebens im Staate zusammenzufassen, die abstrakteren 
Bestimmungen des Personenrechts zu einer gesonderten 
Gestaltung vereinigt, in der die Formeln des Rechtes 
herrschen, ,,das mit uns geboren ist". Diese Scheidung er- 
innert lebhaft an Hegels Auffassung der räumlichen Welt 
und ihrer Bewegung, wo er in dem beschränkten Gebiete 
der irdischen Mechanik die abstrakte Formel der Schwer- 
kraft gelten läßt, dagegen für die absolute Mechanik des 
Sonnensystems diese Formel rundweg ablehnt und seine 
Bewegung als die ihm immanente Vernünftigkeit dar- 
stellt. Diese freie unendliche Bewegung im System der 
Planeten und die konkrete Organisation des Staatsganzen 
bieten eine interessante Analogie. Immerhin ist hier der 
Punkt, wo man erkennen muß, daß Hegel weder die 
Gesichtspunkte des Naturrechts ganz überwunden, noch 
den Gewinn aus dem Kant-Fichteschen Standpunkt voll- 
kommen festgehalten hat. Denn wenn auch in Wirklichkeit 
seine Auffassung des Sittlichen noch viel gründlicher der 
Sache gerecht wird als die Moralität des subjektiven Idealis- 
mus, so vermeidet er mit seiner überstarken Betonung der 
Sittlichkeit im Staate doch nicht den Schein, als biege seine 
Ethik wieder in eine Lehre der Legalität um, betrachte 
das sittliche Individuum abschließend unter der Kategorie 
des Staatsbürgers und halte es für das Ideal aller sitt- 
lichen Bildung, einfach ,,als der Bürger eines Staates von 
guten Gesetzen zu leben". (S. 138.) 

E* 



LXVIII Einleitung des Herausgebers. 

Daß dies nicht Hegels eigentliche Meinung ist, 
brauchen wir hier nicht noch einmal zu versichern. Der 
Staat mit guten Gesetzen ist ihm eben der Staat, in dem 
das tiefste Verhältnis des Menschen zum Absoluten, die 
Religion, alle Gesetze und Lebensordnungen durchdringt. 
Diese Anschauung hat er in seiner Jugend an dem Ideal 
des alten Griechentums in sich aufgenommen und sehr 
viel Mühe gehabt, die geschichtliche Wirklichkeit des 
modernen Staatslebens mit diesem Ideal zu vereinen. Der 
Zwiespalt zwischen der äußeren'Gestalt des Daseins und dem 
Triebe der freien Subjektivität, den er hier empfand, hat ihn 
schon rein erfahrungsgemäß gegen die Übertreibungen der 
historischen Schule eingenommen, die ebensowenig in Rück- 
sicht der wissenschaftlichen Gründlichkeit vor seinem philo- 
sophischen Gewissen bestehen konnte. Er hat mit derselben ' 
Erbitterung gegen die Richtung gekämpft, die das positive, 
insbesondere das römische Recht als schlechthin positiv 
und keiner Ableitung aus dem philosophischen Geiste be- 
dürftig proklamierte, wie gegen jene subjekti\astische Rich- 
tung, die allem Bestehenden das Zeugnis ihres Gefühls 
und das Recht des Herzens entgegenstellte. Sein Ideal 
der Freiheit sah er durch beide Richtungen gleich schwer 
gefährdet. Was er als das Ziel der Geschichte, als die 
bauende Macht in Recht und Staat begriffen hatte, das war 
der freie Geist, der seine vernünftige Allgemeinheit fort- 
schreitend realisiert und in seinen Schöpfungen sich selbst 
begreift und vollendet. Daß man das Recht mit dem ma- 
gischen Halbdunkel einer geheiligten Überlieferung wollte 
umkleidet bleiben lassen, erschien ihm als* eine Versündi- 
gung an Menschenwürde und Freiheit. Erst wenn der 
subjektive Geist sich in dem Rechte mit freier Erkenntnis 
einheimisch gemacht und die aus der geschichtlichen Wirk- 
lichkeit hervorleuchtende objektive Vernunft auch für das 
Selbstbewußtsein zu einem System der Gesetzgebung, zu 
einer einsichtig begründeten gesetzlichen Freiheit ge- 
staltet hat, ist der Zweck der Rechtsbildung erfüllt. Des- 
halb hat Hegel die Meinung, daß die Gegenwart keinen 
Beruf zu einer allgemeinen Gesetzgebung habe, als einen 
seiner Zeit angetanen Schimpf empfunden (S. 171). Er hat 
die historische Anschauung, die sein Zeitalter über die 
Flachheit der Aufklärung emporhob, in seinem System 
zur gedanklichen Vollendung gebracht. Aber die Be- 
schränktheit und die rückschrittliche Neigung der histo- 
rischen Schule hat er geistesmächtig zurückgewiesen. 



Einleitung des Herausgebers. LXIX 

II. Die liberale Idee. 

Wenn also Hegel bei den Anschauungen der Auf- 
klärung nicht stehen geblieben ist, so hat er doch dankbar 
den Gewinn anerkannt und festgehalten, den die Mensch- 
heit aus dieser Bewegung hat ziehen dürfen. Gerade dem 
Naturrecht verdankt die moderne Kultur Außerordent- 
liches, weil ihm ein Gedanke von höchster Fruchtbarkeit 
zugrunde liegt, der Gedanke des „angeborenen Rechtes 
des Individuums". Dies Recht erscheint in dem Staate 
aus Rücksicht der allgemeinen Wohlfahrt eingeschränkt, 
wird aber besonders in Rücksicht auf die geistige und 
sittliche Freiheit als unantastbar fortbestehend festgehalten. 
Seiner Substanz nach ist dieser Gedanke echt protestan- 
tisch und entspricht der Höhe des Selbstbewußtseins, zu 
dem die Menschheit durch die Reformation war erhoben 
worden. Die Formulierung, die das Naturrecht diesem 
Gedanken gab, war freilich unrichtig und beruhte auf 
einer Verwechselung der Begriffe ,, Recht" und „sittliches 
Ideal". Indem aber das sittliche Ideal der geistigen 
Freiheit des Menschen zur treibenden Kraft des geistigen 
Lebens jener Epoche wurde, so konnte es gar nicht anders 
sein, als daß es mit den überkommenen rechtlichen Zu- 
ständen in Konflikt geriet, die ja zum größten Teil noch 
aus der Zeit der mittelalterlichen Anschauungen und Ideale 
sich erhalten hatten. Daher begreift es sich wohl, daß 
sich dies neue Ideal mehr und mehr fordernd in der Ge- 
stalt des Rechtsanspruches gegen die bestehende Wirklich- 
keit wandte, und daß alle Herzen, die für Recht und Frei- 
heit glühten, jener großen Umwälzung zujauchzten, 
die in Frankreich dem verrotteten ancien regime ein Ende 
machte und eine neue Ordnung der Dinge auf Grund der 
Prinzipien des Naturrechts ins Leben zu führen unter- 
nahm. Hegel hat in seiner Studentenzeit zu Tübingen die 
Freiheitsschwärmerei jener Tage voll Begeisterung mit- 
empfunden. Er hat während seiner Hauslehrerzeit in der 
Schweiz das Musterbild einer im geistlosen Gewohnheits- 
recht verhärteten Oligarchie an der Berner Staatsver- 
fassung persönlich kennen gelernt und ihrer Bekämpfung 
seine erste publizistische, übrigens anonym veröffentlichte, 
Arbeit gewidmet*). Den Idealen, denen er damals ge- 



*) Falkenheim, Dr. Hugo, Eine unbekannte politische 
Druckschrift Hegels. Preußische Jahrbücher, Bd. 138, S. 193 ff. 



LXX Einleitung des Herausgebers. 

huldigt hat, ist er sein Leben lang treugeblieben und hat 
die Erinnerung an die ersten Zeiten der französischen 
Revolution, an jenen „herrlichen Sonnenaufgang" der Frei- 
heit in seinen Vorlesungen*) wie bei gelegentlichen ge- 
selligen Feiern**) noch in den Jahren seines Alters hoch- 
gehalten. 

Indessen hat sich Hegel der revolutionären Strömung 
niemals ohne Vorbehalt hingegeben. Die hinreißende, 
faszinierende Gewalt der Rousseauschen Gedanken 
hat er so tief wie die Besten seiner Zeit gefühlt 
und sich des Sieges gefreut, den sie über eine zum Unter- 
gange reife Welt errangen. Läßt sich doch auch nicht 
verkennen, daß gerade in Rousseau, trotzdem er die poli- 
tischen Tendenzen der Aufklärung abschließend verkörpert, 
schon ein tieferes Prinzip, das der Aufklärung entgegen- 
steht, ans Licht ringt. Geschichtslos, ja geschichtsfeind- 
lich, wie er ist, öffnet er, indem er die Verstandeskultur 
seiner Zeit verwirft, der romantischen Schwärmerei, dem 
Rückgang auf die Ursprünglichkeit des Gefühls die Bahn 
und untergräbt damit selbst die Fundamente, auf denen die 
Aufklärung ihr rationelles System errichtet hatte. In 
Deutschland hat gerade diese Seite der Rousseauschen 
Ideen auf die empfänglichen Gemüter der Jugend besonders 
stark eingewirkt und natürlich auch in Hegels Brust 
verwandte Saiten zum Anklingen gebracht. Aber bald 
hat Hegel an dem abstrakten Radikalismus dieser Ideen 
kein Genüge mehr gefunden. Er hat klar erfaßt, worin 
sie hinter der Wahrheit zurückblieben und nach Zer- 
störung des Vorhandenen selbst wieder eine verkehrte Welt 
hervorzurufen geeignet waren. Diese Erkenntnis hat sich 
ihm fast gleichzeitig mit seiner Freude über den Sieg der 
Freiheit enthüllt. Das Schreckensregiment in Frankreich, 
das er schon 1794 mit Abscheu als ,,die Schändlichkeit 
der Robespierroten" bezeichnete***), hat einen nicht minder 
tiefen Eindruck in ihm hinterlassen als die Anfänge der 
großen Revolution. Und durch alle seine späteren 
Schriften zittert der Nachhall der Empörung hindurch, in die 

*) Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, 
herausgegeben von F. Brunstäd, Leipzig, Reclam, S. 552. 

**) Kuno Fischer, Hegels Leben, Werke und Lehre, 
2. Aufl. 1911, S. 1232. — Hierzu und zum Folgenden vgl. die 
ausgezeichnete Darstellung bei Max Lenz, Geschichte der Uni- 
versität Berlin, II, 1, S. 187 flf. 

***) Briefe von und an Hegel, Leipzig 1887, Bd. 1. S. 9. 



Einleitung des Herausgebers. LXXI 

ihn jener furchtbare Ausbruch des revolutionären Fanatis- 
mus versetzt hatte. 

Aus diesen Erlebnissen heraus ist ihm das Urteil 
erwachsen, das er in § 258 der Rechtsphilosophie 
über die Rousseausche Theorie ausspricht. Er rühmt 
das Verdienst Rousseaus, als Prinzip des Staates kein 
bloß formell, sondern ein inhaltlich geistiges Prin- 
zip, den Gedanken in der Form des Willens, aufgestellt 
zu haben, aber er hebt zugleich hervor, daß Rousseau, 
indem er den Willen als den einzelnen Willen und darum 
den Staat als die beabsichtigte Veranstaltung vieler ge- 
meinschaftlicher Willen gefaßt habe, in Abstraktionen 
stecken geblieben sei, deren Konsequenzen das an und für 
sich seiende Göttliche des Staates, seine absolute Autorität 
und Majestät zerstören mußten. So haben diese Abstrak- 
tionen, als sie zur Gewalt gediehen, einerseits zum ersten 
Male in der Menschengeschichte das ungeheure Schau- 
spiel hervorgebracht, daß die Verfassung eines großen 
wirklichen Staates ganz von vorn und vom Gedanken an- 
gefangen werden sollte. Andererseits haben sie, weil es 
nur ideenlose Abstraktionen sind, diesen Versuch zur 
fürchterlichsten und grellsten Begebenheit gemacht (S. 197). 

Was Hegel als Frucht der vorhergehenden Standpunkte 
festhält, ist so das Ideal der bürgerlichen Freiheit, 
die darauf beruht, daß der Staat zu einer begrifflich ent- 
wickelten systematischen Gesetzgebung vorgeschritten ist, 
die den Geist der Nation in Form des Gedankens ausspricht 
und also jedem Angehörigen des Staates zum Wissen seines 
wahren Wesens verhilft. In seinem Eifer für den Gedanken 
der Freiheit entfernt sich Hegel sogar bisweilen wieder 
von dem historischen Begriffe des Rechts und verfällt in 
die Urteilsweise, die dem Naturrecht eigentümlich ist. 
So führt er einen hartnäckigen Kampf gegen manche 
Härten des alten römischen Rechtes und erklärt geradezu 
das in früheren Zeiten geltend gewesene Recht sachlich 
für Unrecht. Insbesondere bei der Besprechung der Skla- 
verei geht er von der Ansicht aus, daß sowohl das Recht 
wie die Rechtswissenschaft von dem Standpunkte des 
freien Willens anfangen, beide also über den unwahren 
Standpunkt, auf dem der Mensch als Naturwesen gelte 
und deshalb der Sklaverei fähig sei, schon hinaus seien 
(S. 62). Wenngleich diese Ausführung mit der konkreten 
und historischen Auffassung des Rechtes, auf die Hegel 
abzielt, sich nicht verträgt, so bildet sie doch ein leuch- 



LXXII Einleitung des Herausgebers. 

tendes Zeugnis für die Entschiedenheit, mit der er das 
Prinzip der Freiheit als den wahren Inhalt alles Rechtes 
festhält. 

Wenn er als den Grundsatz der neuen Zeit den Satz 
bezeichnet, daß alle frei seien, so sieht er auch in der 
Entwickelung des Staatswesens dies Prinzip dahin tätig, 
daß allen Staatsangehörigen irgendeine Art von Teil- 
nahme an dem staatlichen Leben eingeräumt werde. 
Bei seiner Behandlung der Korporationen erblickt er den 
Wert dieser Gebilde vor allem darin, daß sich die freie 
Initiative des urteilsfähigen und tatkräftigen Bürgefs in 
ihnen betätigen kann. Ebenso will er auch dem Staate 
selbst diese Kräfte der freien Individualität zugute kommen 
lassen. Daher tritt er nachdrücklich für das Institut der 
Laienrichter, für das Geschworenengericht ein, durch das 
dem Selbstbewußtsein der Mitglieder der bürgerlichen Gesell- 
schaft sein Recht und den Entscheidungen des Gerichtes 
ein Zutrauen gewonnen wird, das auf der Empfindung ruht, 
daß jenes Recht keine fremde, den Bürger vergewaltigende 
Macht sei. (S. 182.) Aus wesentlich demselben Gesichtspunkte 
hält er es für erforderlich, daß in dem Staate der Freiheit 
neben die Beamtenschaft die Volksvertretung als ein 
Bestandteil der gesetzgebenden Gewalt trete und als ver- 
mittelndes Organ zwischen der Regierung einerseits und 
der ganzen Volksmasse andererseits die Gemeinsamkeit 
verkörpere, zu der sich durch die Staatsgesinnung, die 
alle durchdringt, die verschiedenen Interessenkreise der 
Stände und Korporationen mit den Organen der Staats- 
regierung zusammenschließen. Der Gesichtspunkt, der alle 
diese Ausführungen Hegels beherrscht, ist der, daß kein 
Bestandteil des Ganzen isoliert für sich zu seiner Wahr- 
heit kommen kann, und daß die staatliche Freiheit, also 
auch die wahre Freiheit jedes einzelnen Staatsangehörigen, 
in dem Bewußtsein der unbedingten Zusammengehörigkeit 
und Einheit aller Momente des staatlichen Organismus 
sich verwirklicht. 

Die bürgerliche Freiheit gedeiht demnach nur in dem 
festen Rahmen der sta-atlichen Organisation. In diesen 
Rahmen muß sich auch die höchste Spitze der Regierungs- 
gewalt einfügen. Wir haben oben bereits erwähnt, daß 
für Hegel die Souveränetät das Kennzeichen des Staates 
als solchen, daß begrifflich der Staat selbst der Souverän 
ist. Nun aber erfordert die Notwendigkeit der Sache ein 
staatliches Organ , in dem diese Souveränetät zur An- 



Einleitung des Herausgebers. LXXIII 

schauung kommt. Dies Organ kann nur ein einzelnes 
Subjekt, ein bestimmtes Individuum sein. Bedeutet doch 
die Souveränetät des Staates nichts anderes, als daß der 
Staat ein vollkommen unabhängiger bewußter Wille ist. 
Darin erweist er sich als daseiender Geist. Der Geist 
nun ist seinem Wesen nach Subjekt; im Staate aber kommt 
dies sein Wesen nicht rein zur Erscheinung. Vielmehr 
bleibt im Staate als dem in der Äußerlichkeit sich organi- 
sierenden freien Geiste der Unterschied von Wesen und 
Erscheinung darin erhalten, daß der Staatswille, obwohl 
bewußter persönlicher Wille, sich zwar einer Mehrheit 
von Subjekten bemächtigt und durch die ganze Menge seiner 
Glieder hindurchwirkt, dabei aber sie alle in ihrer be- 
sonderen Gestalt frei läßt und sich nicht selbst als ein 
umfassendes absolutes Subjekt Erscheinung gibt. Wohl 
aber stellt sich seine subjektive Geistnatur in einem 
besonderen Organe dar, ohne das sein ganzer Organismus 
nicht bestehen kann. Dieses Organ ist der Monarch, 
die Spitze der Subjektivität, der den einheitlichen Staats- 
v/illen zu repräsentieren und auszusprechen hat. Hegel 
ist über die Einwürfe, daß es doch auch nichtmonar- 
chische Staaten gebe, mit der abweisenden Bemerkung 
hinweggegangen, daß unvollkommene und zufällige Bil- 
dungen der Äußerlichkeit nichts gegen den Begriff der 
Sache auszurichten vermögen. Er hätte dem Verständnis 
wohl noch einen Schritt weiter entgegenkommen und darauf 
hinweisen können, daß, wie immer die Staatsverfassung 
äußerlich möge gestaltet sein, die letzte Entscheidung 
unvermeidlich bei einem persönlichen Willen ruht, der 
einerseits, wo etwa ein Kollegium an der Spitze des 
Staates steht, der Vorsitzende oder der die anderen unter 
seinen Einfluß Zwingende sein, der andererseits, wo 
schlechtweg die Mehrheit regieren soll, deren Beschlüsse 
zu exekutieren die Macht haben und darum auch die 
Freiheit besitzen muß, selbst über diese Beschlüsse die 
letzte Entscheidung zu treffen. 

Der Idee nach also fordert die Natur des Staates 
ein nicht nachträglich durch künstliche Veranstaltung, son- 
dern auf natürliche Weise zum Monarchen bestimmtes Indi- 
viduum; das Geburts- und Erbrecht ist im Begriffe selbst 
das Fundament für die Majestät. Alle Abweichungen hier- 
von, die geschichtlich vorkommen, obwohl freilich die 
Erblichkeit der Monarchie ja auch tatsächlich die Regel 
ist und sich aus mancherlei Schwankungen und Störungen 



LXXIV Einleitung des Herausgebers. 

immer wiederherzustellen pflegt, gehören in die Sphäre 
der Zufälligkeit und der Unangemessenheit an den Be- 
griff, die natürlich auch sowohl wirklich wie vernünftig 
ist; denn der Begriff ist ja gerade dazu berufen, seine 
Widerstände zu überwinden und sich in ihnen durchzu- 
setzen. Aus diesem Grunde wird man Hegels Ausführungen 
zu diesem Thema nicht gerecht, sobald man vergißt, daß 
er bei der Ausarbeitung seiner Staatslehre die geschicht- 
liche Entwickelung der Menschheit zum freien Selbsbewußt- 
sein schon voraussetzt und also sich für berechtigt halten 
darf, für den modernen Staat die Form der Verfassung 
zu fordern , die seiner im Geschichtsverlaufe klar 
herausgetretenen Idee gemäß ist. Man braucht nur 
daran zu denken, wie Hegel in der Phänomenologie den 
unbeschränkten Herrn der Welt, den Cäsar, oder den 
absoluten Gebieter über seine Vasallen, den roi soleil, ge- 
schildert hat*), um einzusehen, daß die konstitutionelle 
Erbmonarchie, wie er sie in der Rechtsphilosophie ent- 
wickelt und für die er keineswegs einfach aus dem damaligen 
Preußen, sondern eher noch aus England die wichtigsten 
Bestimmungen sich geholt hat, nicht ein abstraktes Schema, 
das über jeden nationalen Staat könnte hinübergestülpt 
werden, sondern die Staatsform darstellen soll, zu der 
nach seinem Urteil der Prozeß des politischen Lebens 
sich hinbewegte und die herbeiführen zu helfen das ver- 
nünftige Selbstbewußtsein aller denkenden Politiker be- 
strebt sein mußte. Wie sehr auch hier der Gegensatz 
gegen alle absolutistischen Neigungen und legitimistischen 
Theorien in Hegel lebendig war, das beweist seine be- 
rühmte Bemerkung, daß in einer wohlgeordneten Monarchie 
dem Gesetz allein die objektive Seite zukomme und der 
Monarch ihm nur das subjektive ,,ich will" hinzuzu- 
fügen habe, und der Satz: „man fordert daher mit 
Unrecht objektive Eigenschaften an dem Monarchen; er 
hat nur ja zu sagen und den Punkt auf das i zu setzen" 
(S. 361). Ebendahin gehört die Bemerkung: „wenn man 
die Idee des Monarchen erfassen will, so kann man sich 
nicht damit begnügen, zu sagen, daß Gott die Könige ein- 
gesetzt habe; denn Gott hat alles, auch das Schlechteste 
gemacht" (S, 361). Deshalb ist es sehr begreiflich, daß 
Hegel an derselben Stelle, wo er sich gegen den abstrakten 
Liberalismus der Rousseauschen Ideen mit besonnener 



*) Phil. Eibl., Bd. 114, S. .SUff., S. 332 ff. 



Einleitung des Herausgebers. LXXV 

Weißheit ausgesprochen hat, mit vernichtender Schärfe 
den einflußreichsten Vertreter der Restaurationsideen, 
K. L, von Hall er, abgefertigt und die Rechtslehre, die sich 
mit Verachtung des Gedankens und der Freiheit auf die 
göttliche Einsetzung der Macht und auf die zwingende 
Ordnung der Natur beruft, als ebenso unvernünftig und 
unwahrhaftig wie der Ehre Gottes und der Würde des 
Menschen zuwider gebrandmarkt hat. (S. 198 ff.) 

Dem gedankenlosen Lobpreise der st-aatlichen Un- 
freiheit, der obenein noch mit Redensarten unreifer 
Frömmigkeit verbrämt zu sein pflegte, stand die rein ver- 
standesmäßige Auffassung des Staates als einer zu be- 
stimmten natürlichen Zwecken eingerichteten Anstalt 
gegenüber. Das öffentliche Wohl, das Volkswohl, die Wohl- 
fahrt der einzelnen sah man als die Staatszwecke an; die 
Regierung, die Verwaltung sollten um dieser Zwecke 
willen da sein. Die Bestimmung darüber, was eigentlich 
als das Wohl zu gelten habe, dem der Staat nachtrachten 
soll, fand man nicht in den überlieferten Kulturgütern der 
Nation, in ihren Sitten, ihrem Glauben, dem Geist ihrer 
Gesetze und öffentlichen Ordnungen; man erwartete 
sie von der Klugheit der Parteiführer, von der fort- 
schreitenden Aufklärung des Volkes, von den Meinungen 
und Gefühlen der Menge. Die Behörden und die Verfassung 
bedeuteten nichts als einen äußerlichen Apparat, den man 
nach Belieben müßte im Sinne der jeweiligen Parteiparole » 
können spielen lassen. Die Hauptsorge mußte demnach 
sein, die Macht des Staates in keinem seiner Organe zur 
Selbständigkeit kommen zu lassen, eines der Organe gegen 
das andere in Wettbewerb zu setzen und die entscheidende 
Gewalt nirgends in dem gegliederten Staatsorganisraus, 
sondern in dem ungeordneten Drange der Volksmasse 
zum Ausdruck zu bringen, die durch ihre wechseln- 
den Stimmungen bald die eine, bald die andere Partei 
ans Ruder bringt und also aus der Regierung wieder- 
um nichts als eine Partei macht, gegen die zu op- 
ponieren Pflicht jedes freidenkenden Bürgers wird. 
Wenigstens ist auf diese Weise die Regierung immer 
der politische Feind eines Teiles der Nation, und diese 
ist in Faktionen zerrissen und mit sich selbst uneins. So 
etwa zeichnet Hegel in seiner Philosophie der Geschichte*) 
den vulgären Liberalismus, als dessen Heimat er Frank- 

♦) a. a. 0. S. 557. 



LXXVI Einleitung des Herausgebers. 

reich betrachtete. Dai3 er ihm die gegliederte Staats- 
macht in der Majestät und Autorität ihrer geistigen Selb- 
ständigkeit entgegenstellte, daß er den zufälligen Inter- 
essen und der unverständigen Meinung der Vielen die 
fachmännische Einsicht und politische Weisheit der ge- 
schäftskundigen Staatsdiener vorzog, dajß er auch in den 
Parlamenten nicht die Vertretung des atomisierten Haufens, 
sondern der wahrhaft wertvollen bürgerlichen Lebenskreise, 
eine Versammlung nicht der die Instinkte und das geistige 
Niveau der Masse teilenden Agitatoren, sondern der besten 
und sachverständigsten Männer der Nation hergestellt zu 
sehen wünschte, wird man ihm schwerlich verübeln dürfen. 
Auch hat ihm die Geschichte des Parlamentarismus bis 
zum heutigen Tage kaum unrecht gegeben. Worauf es aber 
zum ersprießlichen Wirken der Volksvertretung am 
meisten ankommt und woneben jeder äußerliche Unter- 
schied des "Wahlrechtes bedeutungslos erscheint, das 
ist das Vorherrschen der Staatsgesinnung im Volke über 
alle partikularen Interessen. Keine äußerliche Einrichtung 
vermag solche Staatsgesinnung hervorzurufen; wo sie 
fehlt, nützt das demokratischste Wahlrecht so V\enig wie 
das vorsichtigst abgestufte. Wenn Hegel seinen Ent- 
wurf einer freien und vernünftigen Verfassung für den 
Stand der nationalen Kultur entwickelt, auf dem er zu seiner 
Zeit die politisch reifsten Nationen sah, setzt er 
natürlich die Bedingung voraus, daß diese Verfassung 
ein Produkt des nationalen Geistes, daß ihre Grundlage 
die durch die ganze Nation einheitlich hindurchherrschende 
bürgerliche Sittlichkeit sei. 

Die bürgerliche Sittlichkeit als das allein wahrhaft 
tragfähige Fundament eines wahrhaft freien Staates hat 
Hegel nach ihrer substanziellen Form in dem antiken, 
speziell in dem griechischen Staate verwirklicht geschaut 
und hat von den schwärmerischen Tagen seiner jugend- 
lichen Griechenbegeisterung an unwandelbar das Ideal- 
bild dieser schönen Sittliclikeit bewundert und verehrt. 
Aber er hat nicht daran gedacht, in diesem Idealbilde 
schon die Vollendung der sittlichen Idee zu sehen. Die 
schöne Einheit von Staatsordnung und persönlichem Staats- 
bewußtsein bei den Griechen erklärt er daraus, daß so- 
wohl die Staatsordnung wie die Persönlichkeit noch natür- 
lich gebunden, noch nicht nach allen ihren Momenten 
für sich entwickelt waren, so daß auf diese Einheit not- 
wendig eine schmerzliche Trennung folgen mußte. Die 



Einleitung des Herausgebers. LXXVII 

griechische Polis trug wie der griechische Mensch den 
Charakter einer natürlichen Individualität. Zuerst auf dem 
Gebiete des Selbstbewußtseins mußte der Trieb sich geltend 
machen, über diese Bestimmung zu dem Bewußtsein der 
unendlichen subjektiven Freiheit fortzuschreiten. V/ie sich 
die unendliche Subjektivität über die Schranken der 
Polis hinwegsetzt und sich vom staatlichen Leben in die 
Freiheit der Abstraktion und des weltbürgerlichen Privat- 
lebens zurückzieht, dehnt sich auch der Staat über seine 
individuelle Form aus zum Weltreich. In der Allmacht 
Roms geht die antike Welt der schönen Individuen zu- 
grunde, und es bildet sich der Rechtszustand heraus, 
vor dem aller Unterschied der Subjekte verschwunden 
ist und jedes nur wie jedes andere als Person gilt*). 
Diesem Extrem der staatlichen Bildung entspricht die 
selbständige Entfaltung der Subjektivität, die sich im 
Christentum in ihrer Unendlichkeit erfaßt und ihre Heimat 
in dem Jenseits des natürlichen Staates, in dem Reiche 
Gottes findet. Das Reich Gottes aber muß seine Wirklich- 
keit erweisen, indem es sich zu einem Staate Gottes auf 
Erden gestaltet. Hinwiederum faßt der weltliche Staat 
in dem durch die religiöse Erneuerung der Welt neu- 
belebten Boden frischer Volksindividualitäten Wurzel, und 
es entstehen neue nationale Reiche. Der geschichtliche 
Prozeß, der sich nun vollzieht, ist die Auseinandersetzung 
zwischen dem irdischen und dem Gottesstaate, zwischen 
dem nationalen weltlichen und dem religiösen intellek- 
tuellen Reiche; und erst im harten Kampfe dieser Reiche, 
in der allmählichen Durchdringung des Diesseits mit dem 
Jenseits und umgekehrt, kommt die wahre staatliche Sitt- 
lichkeit wieder zum Vorschein. (§359—60. S.2781) Den 
Wendepunkt bildet die Reformation, die das Selbstbewußt- 
sein mit seiner Welt wie mit seinem Jenseits versöhnt und 
an Stelle einer weltfremden und widerspruchsvollen Heilig- 
keit die bürgerliche Sittlichkeit zum Prinzip des Gemein- 
schaftslebens macht**). 

Von dieser Grundanschauung aus erklärt sich die 
Stellung, die Hegel in der Rechtsphilosophie zu der Frage 
nach dem Verhältnis von Staat und Kirche einnimmt. 
Von einer äußerlichen Vereinerleiung des staatlichen und 
religiösen Lebens will er auf dem Boden der christlichen 



*=) Phänomenologie, Phil. Bibl., Bd. 114, S. 311 ff., S. 384. 
*) Encyclopädie, 3. Aufl. § 551. Phil. Bibl. Bd. 33, S. 473. 



LXXVIII Einleitung des Herausgebers. 

Kultur schlechterdings nichts wissen. Schon in seinen 
ungedruckten Jugendarbeiten hat er den Abstand der 
christlichen Religion von der antiken darin gefunden, es 
sei „das Schicksal der christlichen Religion, daß Kirche 
und Staat, Gottesdienst und Leben, Frömmigkeit und 
Tugend, geistliches und weltliches Tun nie in eins zu- 
sammenschmelzen können. Es ist gegen ihren wesentlichen 
Charakter, in einer unpersönlichen, lebendigen Schönheit 
Ruhe zu finden"*). Wohl aber hat Hegel in dem Prinzip 
des protestantischen Glaubens jene Macht der Innerlich- 
keit erblickt, die, wenngleich sie auf dem Gebiete der 
religiösen Gemeinschaft sich auch zu besonderen kirch- 
lichen Bildungen gestalten muß, dem staatlichen Organis- 
mus nicht fremd und herrschsüchtig gegenübersteht, 
sondern ihm die tiefere Weihe gibt und die Staats- 
angehörigen mit dem Geiste sittlicher Bildung zu durch- 
dringen vermag, durch den im Staate die Verkörperung der 
sittlichen Freiheit zur Anschauung kommt**). Er hat in 
dieser gut protestantischen Gesinnung einen echt lutherischen 
Zorn gegen die römische Kirche und ihr Prinzip der Un- 
freiheit im Religiösen in sich genährt, das sie zur herrsch- 
süchtigen Überhebung über den Staat und sein Prinzip 
der bürgerlichen Sittlichkeit treibt***). So hat er es auch 
klar und rund ausgesprochen, „daß mit der katholischen 
Religion keine vernünftige Verfassung möglich ist"t). 
Aber als er die Rechtsphilosophie schrieb, sah er die 
Vernünftigkeit des Staates in erster Linie nicht von der 
katholischen Kirche, sondern von Strömungen innerhalb des 
Protestantismus bestritten, die mit dem modernen Prinzip 
des subjektivistischen Religionsstandpunktes zusammen- 
hingen. Insbesondere empörte ihn die Manier, „auf 
das Gefühl das zu stellen, was die und zwar mehr- 
tausendjährige Arbeit der Vernunft und ihres Ver- 
standes ist" und „daß solche Ansicht sich auch die 
Gestalt der Frömmigkeit annimmt" (S. 9). Die Be- 
ziehung auf diese pietistisch verschwimmende, poli- 
tisch demokratisierende Richtung beherrscht seine Aus- 

*) Nohl, Hermann, Hegels Theologische Jugendschriften. 
Tübingen 1907, S. 342. 

**) Vgl. hierzu Max Lenz a. a. 0. S. 194 f. 
***) Encycl. 3. Aufl. § 552, Phil. Bibl. Bd. 83, S. 466. — Vgl. 
auch Cousins Äußerung bei Kuno Fischer, a. a. 0. S. 176. 

-{•) Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, her- 
ausgeg. von Brunstäd, S. 554. 



Einleitung- des Herausgebers. LXXIX 

führungen in §270 der Rechtsphilosophie durchaus. Er 
ist wohl anderwärts der Tatsache gerechter geworden, daß 
sich die christliche Religion, und gerade der Protestantis- 
mus in dem Dogma und in dem Kultus eine Gestalt von 
selbständigem Wahrheitsgehalte gegeben habe. Hier inter- 
essiert ihn ausschließlich die Behauptung der Staats- 
autorität gegenüber allen auf der Basis des Gefühls oder 
des individuellen Verstandes erwachsenen Sondertendenzen. 
Schon als Fünfundzwanzigjähriger hatte er es als schweren 
Schaden des staatlichen Lebens erkannt, daß der Staat 
vor den Korporationen kapituliert und sich zum Voll- 
strecker ihrer Interessen gemacht habe. Die Kirche, die 
Zünfte, aber ebenso auch die Wissenschaft in der Gestalt 
der Gelehrtenzunft, machen dem Staate über sein Ver- 
halten, die Gelehrtenzunft z. B. über die Auswahl seiner 
Beamten, drückende Vorschriften in ihrem Interesse*). 

Diese strenge Auffassung der Staatshoheit kehrt in der 
Rechtsphilosophie in begrifflich vertiefter Form wieder. Die 
Religion ist das belebende Prinzip für den Staat, solange sie 
in der Sphäre des Glaubens und der Einfachheit der Andacht 
sich hält. Sie ist der Aufsicht des Staates unterworfen und 
seinem Schutze anbefohlen, soweit sie sich zu einer äußeren 
kirchlichen Gemeinschaft organisiert. Sie steht, soweit 
sie ihre Lehre auf Glauben und Autorität gründet, in der 
Form ihrer Wahrheit hinter dem Staate zurück, der den 
in ihm waltenden sittlichen Geist durch seine Verfassung 
und Gesetze wesentlich in der Form des Gedankens hat 
und also der Religion gegenüber das Wissende ist. Des- 
halb tritt auch der Staat auf die Seite der Wissenschaft 
und der Freiheit des Denkens gegenüber kirchlichem Ge- 
wissenszwang. Dabei aber behauptet er der Wissenschaft 
gegenüber genau die gleiche Oberhoheit wie gegenüber 
der Religion. Weder die eine noch die andere hat An- 
spruch auf Unabhängigkeit vom Staate, der nur als ein 
Mittel für sie als einen Selbstzweck zu sorgen habe. Viel- 
mehr „hat der Staat gegen das Meinen schlechter Grund- 
sätze, sobald es sich zu einem allgemeinen und die Wirk- 
lichkeit anfressenden Dasein macht, die objektive Wahr- 
heit und die Grundsätze des sittlichen Lebens in Schutz 
zu nehmen" — eine Wahrheit, die heute, wo ,,der Formalis- 
mus der unbedingten Subjektivität" wieder nur zu geneigt 
ist, „den wissenschaftlichen Ausgangspunkt zu seinem 

*) Nohl, Hermann, a. a. 0. S. 184 f. 



LXXX l'iinleitnng des Herausgebers. 

Grunde zu nehmen und die Lehrveranstaltungen des Staates 
selbst zu der Prätension einer Kirche gegen ihn zu er- 
heben und zu kehren" (S. 218) manchen Ohren unerfreu- 
lich klingen mag, darum aber nicht minder feststeht. 

Ein Demokrat ist Hegel, wie man sieht, trotz seiner 
liberalen Gesinnung sicherlich nicht gewesen. Aber Libe- 
ralismus und Demokratie sind auch zwei sehr verschiedene 
Dinge. Jener hat selbst bei der aufgeklärten Despotie 
unter Umständen eine sicherere Freistatt gefunden als 
in durch und durch demokratischen Gemeinwesen. Da- 
gegen ist die Art, wie Hegel für die staatliche Ordnung 
und die bürgerliche Freiheit eintritt und den Staat gegen 
alle kirchlichen Machtgelüste und doktrinären Velleitäten 
auf sich selbst und die ihm inwohnende Idee der sittlichen 
Freiheit stellt, ein wahrhaft glänzendes Zeugnis für die 
echt liberale Gesinnung, die ihn beseelt hat, und die be- 
griffsgemäß dem konservativen Gedanken nicht etv\'a 
widerspricht, sondern ihn in sich einschließt. Von dem 
wahrhaft staatsmännischen Geiste eines besonnenen Libe- 
ralismus, der sein Werk durchweht, hat die politische 
Entwicklung unserer Nation eine na<;lihaltige und segens- 
reiche Einwirkung empfangen. 

III, Die nationale Idee. 

So wird ein unbefangener Beobachter wohl aner- 
kennen müssen, daß die alte Tradition, die Hegel als 
einen politischen Reaktionär darstellt, so wenig durch 
seine Rechtsphilosophie bestätigt wird wie durch seine 
gesamte Haltung während aller Epochen seines Lebens- 
ganges. Man hat gemeint, Hegel habe seine Rechtsphilo- 
sophie geschrieben, um den preußischen Staat in seiner 
damaligen Form zu verherrlichen. Dabei ist das Gemälde 
des konstitutionellen Staates, das er entwirft, gerade im 
Vergleich mit dem damaligen Preußen vollkommen ein 
Zukunftsbild. Sein Eintreten für die Schwurgerichte, seine 
Konstruktion des Zv/eikammersystems, seine Begeisterung 
für den Welthandel und den überseeischen Verkehr gehen 
weit über die Gesichtspunkte hinaus, die in dem Staats- 
leben Preußens zu seiner Zeit maßgebend waren. Und 
wenn er die erbliche Monarchie mit Nachdruck vertrat, 
so war darin auch nicht die leiseste Spur von Hinneigung 
zu absolutistischen Tendenzen zu finden; im Gegenteil tritt 
gerade hier sein Standpunkt der aufgeklärten Einsicht 
in die Staatsnotwendigkeiten besonders klar zutage. Nicht 



I 



Einleitung des Herausgebers. LXXXI 

dem vonnärzlichen Zustande Preußens hat sein System 
den wissenschaftlichen Halt geboten; wohl aber ist es ein 
Wegbereiter für das moderne Preußen geworden. In den 
Grundanschauungen der späteren preußischen Rechts- 
wissenschaft ebenso wie in der Gesinnung, aus der heraus 
das Staatsrecht Preußens und Deutschlands auf seine 
dauernden Verfassungsgrundlagen ist gestellt worden, hat 
der Hegeische Begriff vom Staate als der Organisation 
der Freiheit fortgewirkt. 

Aber, so wirft man ein, Hegel ist doch der Günstling 
der in Preußen herrschenden Clique gewesen und hat dem 
Minister Altenstein als der wahre preußische Staats- 
philosoph gegolten. In der Tat ist die warme Verehrung 
Altensteins für Hegel und das Vertrauen des Ministers 
auf die innere Wahrheit der Hegeischen Philosophie und 
ihren daraus folgenden Wert für die geistig sittliche Bildung 
der Nation einer der bemerkenswertesten Züge in der 
Geistesgeschichte jener Zeit. Aber man würde Hegel wie 
Altenstein unrecht tun, wollte man ihr Bündnis damit 
erklären, daß sie in reaktionären Gelüsten sich begegnet 
wären, Altenstein war selbst das Gegenteil eines Reaktio- 
närs und stand der kleinen rückschrittlichen Clique, die 
durch die Verhältnisse jener Zeit in Preußen zu großem 
Einflüsse gekommen war, innerlich ganz fern. Seiner 
Richtung nach gehörte er, wenn auch vielleicht nicht mit 
besonderer Selbständigkeit, dem Kreise der Männer an, 
die über die Einseitigkeit des doktrinären Liberalismus 
ebenso wie des romantischen Subjektivismus zu einer ge- 
läuterten, ebenso gesund konservativen wie bewußt libe- 
ralen Staatsauffassung vorgedrungen waren. Denn liberal 
und konservativ sind keine ausschließenden Gegensätze. 

Das hergebrachte Urteil über jene seltsam ver- 
worrene nachnapoleonische Zeit ist weiter als bis zu dem 
Verständnis für die Aufklärung und den Rationalismus 
auf der einen Seite und ihr zugehöriges romantisches 
Korrelat in der Schleiermacherschen Gefühlsreligion und 
pietistischen Deutschtümelei auf der anderen Seite noch 
nicht vorgedrungen. Alles, was sich gegen jene beiden 
Tendenzen wehrte und sie zurückdrängte, nennt man 
am liebsten auch heute noch ohne Unterschied ein- 
fach ,, Reaktion", Nun mußten freilich die Einseitig- 
keiten und Schwächen jener Tendenzen notwendig eine 
Reaktion hervorrufen. Und in deren Gefolge mußten 
sich auch Bestrebungen geltend machen, die unverständig 

Hegel, Kechtsphilosophie. F 



LXXXII Einleitung des Herausgebers. 

und kurzsichtig auf gewaltsame Unterdrückung der Geister 
und auf z^vangsweise Wiederherstellung überwundener Zu- 
stände abzielten. Das liegt in der Natur der Dinge. Wo 
eine geistige Bewegung aufkommt, die Macht über die 
Gemüter gewinnt, da gibt es auch Parteien, die sie fanatisch 
und radikal übertreiben und in Unvernunft verkehren. 
So ist es bei der Reformation, so bei der Aufklärung ge- 
gangen; wie hätte es bei dem Erwachen des historischen 
und nationalen Sinnes, der den Geist der Aufklärung ab- 
zulösen berufen war, anders gehen können? Aber es wäre 
höchst ungerecht, diese höhere Stufe geistiger Bildung, 
auf der sich zu halten freilich noch der gegenwärtigen 
Generation nicht gelingen will, na-ch den Ausschreitungen 
zu beurteilen, die ihr erstes Auftreten in der Wirklichkeit 
begleitet haben. Diese Bildungsform, die aus den mannig- 
fachen Momenten der bisherigen Geistesentwicklung zur 
inneren Einheit sich durchgerungen hatte, könnte man 
vielleicht am kürzesten bald als objektiven, bald als abso- 
luten Idealismus bezeichnen. Als seine charakteristischen 
Vertreter muß 'man für die Sphäre der allgemein mensch- 
lichen Bildung Goethe, für die Sphäre der philosophischen 
Erkenntnis Hegel, für die Sphäre der volkstümlichen Emp- 
findung, des ursprünglichen vorstelliingsmäßigen Bewußt- 
seins die Kreise der christlichen Erweckung, der erneuerten 
kirchlichen Gläubigkeit ins Auge fassen, Kreise, in denen 
wir z. B. die Namen Bethman Hollweg, Bismarck und 
Caprivi finden. 

In dem geistigen Leben, das seiner Substanz nach 
einheitlich diese drei Sphären durchdrang, lagen die Quellen 
der Kraft für den mächtigen Aufstieg Preußens und 
Deutschlands im vorigen Jahrhundert. Man würde sehr 
unrecht tun, wollte man um der Demagogenverfolgungen 
oder um der Hengstenbergischen Kirchenzeitung willen 
■die tiefe innere Berechtigung dieser neuen Form des natio- 
nalen Bev.'ußtscins verkennen, in der zum ersten Male das 
subjektive Moment der freien überlegenen Persönlichkeit, 
wie es die Aufklärung herausgebildet hatte, mit dem ob- 
jektiven Moment der geschichtlichen Überlieferung, des 
Besitzes an heiligen Gütern der Menschheits- und natio- 
nalen Kultur wirklich zusam.menschmolz. Hegel selber 
hat wahrlich schwer genug unter der Unzulänglichkeit 
und dem Unverstände zu leiden gehabt, mit dem dies Prin- 
zip sich zunächst in dem allgemeinen Bewußtsein geltend 
machte. Er, der dem christlichen Dogma in lutherischer 



Einleitung des Herausgebers. LXXXIII 

Fassung den Rang der höchsten Wahrheitsoffenbarung vin- 
dizierte, sah sich von derjenigen pietistischen Orthodoxie, 
die — zum Teil noch aus der Schleiermacherschen Über- 
lieferung her — gegen das begriffliche Denken über gött- 
liche Dinge den heftigsten Abscheu empfand, auf das 
bitterste angefeindet. Trotzdem hat er seine innere Gemein- 
samkeit mit dem Geiste, der in jener Orthodoxie entstellt 
und verkümmert zum Ausdrucke kam, nie verleugnet; und 
es mutet fast tragisch an, wie er in der zweiten und dritten 
Auflage seiner Encyclopädie, deren Vorreden er zu scharfen 
Streitschriften gegen den gedankenlosen Pietismus wie 
gegen die schmähsüchtige Orthodoxie gestaltet hatte, bei 
jeder Gelegenheit bemüht ist, von seiner Philosophie nach- 
zuweisen, daß gerade sie und nicht die damaligen theo- 
logischen Versuche dem Geiste und der Wahrheit des 
Christentums genugtue. 

Um so mehr wird man die Stellung Altensteins zu 
Hegel zu würdigen haben. Es war ohne Zweifel die Ab- 
sicht des Ministers, sich auf den Boden zu stellen, den das 
vernünftige Selbstbewußtsein damals sich gewonnen hatte. 
Er handelte gewissenhaft im Sinne der Aufgabe, die dem 
preußischen Kultusminister gestellt ist, wenn er an den 
Universitäten dem neuen Geiste Raum schaffte, der da- 
mals den Fortschritt über die eingewohnte Manier be- 
zeichnete. Überdies entsprach dieser Geist gerade dem, 
was in dem preußischen Volke von jeher am kraftvollsten 
lebendig war. Gewiß war für Preußen die Aufklärung 
eines der wirksamsten Momente in seiner Entwickelung 
zum modernen Staate gewesen; der aufgeklärte Despotis- 
mus des großen Friedrich hat zu diesem Staate die Funda- 
mente gelegt. Aber Hegel hat in seiner Jugend wohl be- 
merkt, daß dieser Staat Friedrichs des Großen eigentlich 
1 ein Mechanismus sei, dem die Seele mangele. Dem Volks- 
• geiste war dieser Bau fremd geblieben. Denn die Auf- 
klärung hatte wohl die dünne Schicht der Gebildeten für 
sich gewonnen; den Geist der Nation aber hatte sie nicht 
umgewandelt. Der war durch den lutherischen Glauben 
gebildet worden und beruhte fest auf diesem Grunde seiner 
inneren sittlichen Freiheit. Es war darum kein fremdes 
Element, das sich in dem öffentlichen Leben Preußens 
geltend machte, als die lutherische Gläubigkeit in den 
Gedankenkreisen der preußishen Gelehrtenwelt und Be- 
amtenschaft wieder durchdrang. Im Gegenteil kam da- 
I durch erst das preußische Wesen in seiner Eigentümlich- 

1 F* 



LXXXIV Einleitung des Herausgebers. 

keit recht zur Wirkung. Dies religiöse Element war wohl 
der Aufklärung, keineswegs aber dem preui3ischen Staate 
oder der geistigen Grundlage entgegengesetzt, auf der er 
ruhte. 

Man wird deslialb Altenstein daraus keinen Vorwurf 
machen dürfen, daß er auf die theologischen Lehrstühle, 
die bis dahin im Besitze der deutschen Aufklärung ge- 
wesen waren, Vertreter der neuen Gläubigkeit einsetzte*), 
selbst wenn unter ihnen auch unsympathische und be- 
schränkte Rückschrittler sich befunden haben. Der Minister 
bewies damit nur sein richtiges Urteil über die Lebens- 
kraft der theologischen Richtungen jener Zeit. Der Ratio- 
nalismus war nicht bloß mehr eine absterbende, sondern 
eine abgestorbene Richtung; sein Erbe wurde bald von der 
sogenannten Hegeischen Linken angetreten. Die deutsche 
Aufklärung hatte das volle Maß der Möglichkeiten er- 
schöpft, die sie zur Weiterbildung des geistigen Lebens dar- 
geboten hatte. Schleiermacher selbst hatte die neue, zur Or- 
thodoxie mehr und mehr hintreibende Strömung geweckt 
und gefördert und sah aus den Keimen, die er ausgestreut 
hatte, eine Saat aufgehen, die ihn, der mit beiden Füßen in 
der Aufklärung stehen geblieben war, wenig erfreute. Es 
hat sich in Preußen öfter ereignet, daß die Theologie gegen 
den Willen der Fakultäten und die Kirche gegen die Meinung 
der Kirchenbehörde von dem Kultusminister wesentlich und 
fruchtbar gefördert worden ist. Das gilt auch von den 
Maßnahmen Altensteins. Mindestens die Berufung eines 
Mannes wie Tholuck müßte doch dem Minister als Ver- 
dienst angerechnet werden. Dieser geniale Menschen- 
bildner, den übrigens Hegel nach Halle mit dem Wunsche 
entlassen liat: Bringen Sie ein Pereat dem Hallischeu 
Rationalismus! ist durch seine Wirksamkeit dortselbst zu 
einem Wohltäter unseres Vaterlandes in gar nicht zu be- 
rechnendem Umfange geworden. Hat er doch eine Reih(^ 
Generationen von Pfarrern großgezogen, wie e« deren 
gleich tüchtig und volkstümlich selten gegeben hat. Hegel 
hat, als der engherzige Pietismus auch an ihm sich zu 
reiben anfing, gegen Tholuck eine derbe Kritik wegen seiner 
mangelnden gedanklichen Durchbildung gerichtet. Tho- 
luck aber hat sie sich ad notam genommen und ist durch 
das Studium des Aristoteles und Hegels zu Hengstenbergs 
schwerem Ärger auf eine solidere wissenschaftliche Grund- 



*') Älax Lenz, a. a. 0. S. 7. 



Einleitung- des Herausgehers. LXXXV 

läge gekommen, hat auch offen anerkannt, daß Schleier- 
machers Einfluß "bei ihm mehr negative Stellung, Hegel- 
sche Einflüsse mehr positive Stellung hervorgerufen 
haben*). 

Wir haben also keinen Grund, Hegel wegen der Freund- 
schaft, die ihm Altenstein gewidmet hat, für verdächtig 
zu erklären, um so weniger als Altenstein, wenn es darauf 
ankam, sich zugunsten der philosophischen Bildung sehr 
energisch gegen die Denkfeindschaft der gefühlsmäßigen 
Rechtgläubigkeit zur Wehre setzte**). Von beiden Männern 
wird man sagen dürfen, daß sie prinzipiell hoch über den 
Gegensätzen standen, die in dem öffentlichen Leben ihrer 
Zeit miteinander rangen, und daß sie eben darum bald 
als zu der einen, bald als zu der anderen Seite gehörig 
erscheinen mußten. Es war ja eine eigentümliche Fügung 
der Dinge, daß sowohl die Demokratie wie die Reaktion 
damals ihre Nahrung aus den gleichen Quellen sogen; 
beide waren je nachdem aufklärerisch oder religiös ge- 
färbt. Die Demokraten waren zum guten Teile überspannte 
Pietisten, die Bureaukraten ebenso vielfach Bewunderer 
des französischen, aus dem Naturrecht und der Revolution 
erzeugten Verwaltungsmechanismus. Es konnte gar nicht 
ausbleiben, daß ein Philosoph, der das relative Recht und 
Unrecht all solcher Sinnesweisen hatte begreifen lernen, 
bei seiner Berührung mit dem öffentlichen Leben bald 
der einen, bald der anderen Richtung als Bundesgenosse 
erscheinen mußte. 

Nun war es gewiß nicht bloß die Eigentümlichkeit der 
geschichtlichen Situation, sondern in hohem Maße auch 
die persönliche Eigenart Hegels, die es mit sich gebracht 
hat, daß er durch seine Vorrede zur Rechtsphilo- 
sophie als der unbedingte Gesinnungsgenosse der schroff- 
sten Reaktion erschien. Diese Vorrede, deren rein philo- 
sophischer Inhalt von dem höchsten Werte ist, klingt durch 
ihre Bezugnahme auf Zeitereignisse, die damals die öffent- 
liche Meinung erregten, geradezu wie eine Verteidigung 
nicht bloß der Karlsbader Beschlüsse, sondern aller Greuel 
der Demagogenverfolgung und wie eine Verurteilung des 
nationalen Idealismus. Zweifellos trägt sie stärker als 
irgendeine Hegeische Arbeit den Charakter einer Gelegen- 



*) Witte, Das Leben D. Tholucks. 2. Bd. 1886, S. 409. 
"**) Vgl. den Kampf um die Habilitation 0. v. Gerlachs, bei 
Max Lenz. a. a. 0. S. 350ff. 



LXXXVI Einleitung des Herausgebers. 

heitsschriit und offenbart nicht bloß den tiefen Geist des 
Philosophen, sondern auch seine Fähigkeit zu unbarm- 
herziger, vernichtender Polemik. Sein Groll, der sich in 
dieser Vorrede entlud, richtete sich aber auch gegen 
einen Feind, wider den er vom Beginn seiner schrift- 
stellerischen Tätigkeit an beständig gekämpft hatte. Die 
„Reflexionsphilo&ophie der Subjektivität", der er sogar 
in der Form der Kantischen Moral geradezu Unsittlich- 
keit vorgeworfen hatte*), sah er zu einer allgemeinen 
Weltweisheit ausgebreitet und verwässert. Einen der ,, Heer- 
führer dieser Seichtigkeit", Fries, hatte er bereits in 
der Einleitung seiner Logik 1812 mit rücksichtsloser 
Schroffheit behandelt**). Die von Fries wider ihn ge- 
richtete Kritik hatte die Erbitterung Hegels gegen den 
Standpunkt und die Persönlichkeit von Fries nur verschärft. 
Er sah in dessen Methode eine Pseudowissenschaft, die 
zunächst den wissenschaftlichen Geist und dann die sitt- 
liche Ordnung zu zerstören drohte. Nun war durch die 
Torheiten bei dem Wartburgfeste von 1817 und noch mehr 
durch die Mordtat Sands die Gefahr offenbar geworden, 
die in der Pflege der subjektivistischen Geistesrichtung 
an den Universitäten tatsächlich lag. Alle Welt erschrak 
über das, was als praktische Folge der populären 2ieit- 
philosophie erschien. Diesen Augenblick hat Hegel be- 
nutzt, um mit der ihm so sehr verhai3ten wissenschaft- 
lichen Richtung endgültig abzurechnen. Er durfte hoffen, 
ihre Verderblichkeit werde aus ihren Folgen jedermann 
einleuchten, und begrüßte es in gewissem Sinne mit 
Genugtuung, daß „jene sich so nennende Philosophie" 
aus der Beschränkung auf die bloß theoretischen Erörte- 
rungen den Schritt getan habe, sich in der Wirklichkeit 
durchzusetzen. Dadurch habe sie den Widerstand der Re- 
gierungen gegen sich wachrufen müssen, die das nicht 
dulden können, was die substanzielle Quelle von den Taten, 
die allgemeinen Grundsätze, verdirbt (S. 11). 

Das war die Konstellation, die es bewirkte, daß Hegel 
auf seinem 'Wege mit den Reaktionären zusammentraf, 

-) Krit. Journ. d. Pliil., 2. Bd., 2. St., S. 39. 
**) „Eine soeben ei'schieuene neueste Bearbeitung dieser 
Wissenscbaft, System der Logik von Fries, kehrt zu den antliro- 
pologischen Grundlagen zurück. Die Seichtigkeit der dabei zu- 
gininde liegenden Vorstelking oder Meinung an und für sich und 
der Ausführung überhebt mich der Mühe, irgend eine Rücksicht 
auf diese bedeutuuoslose Erscheinung zu nehmen." 



I 



Einleitung des Herausgebers. LXXXVII 

die für Privilegien und Absolutismus kämpften, während 
er für Staatsautorität und wahre, sittlich gegründete Frei- 
heit eintrat. Aber darum ist er nicht ein Scherge der 
Reaktion geworden; viel eher darf man behaupten, daß in 
jenem kritischen Zeitpunkte selbst die Reaktion einen not- 
wendigen und wahrhaften Gedanken zu verfechten helfen 
mußte. Überaus interessant ist es zu sehen, wie Worte 
aus Hegels Vorrede zur Rechtsphilosophie schon zwei 
Jahre, ehe sie geschrieben war, in dem Gutachten an- 
klingen, das der Bischof Eylert dem Könige Friedrich 
Wilhelm III. über den Brief de Wettes an die Mutter 
Sands erstattet hat. Dort heißt es: ,, Ständen diese Ideen 
als solche isoliert da, gehörten sie dieser oder jener 
philosophischen Schule an, blieben sie in der abge- 
schlossenen Sphäre abstrakter Systeme, so möchte man 
sie sich selbst überlassen und von der Zeit, die sie ge- 
lehrt hat, auch ihren Untergang erwarten: aber sie leben 
nicht bloß im spekulierenden Verstände und der trockenen 
Vorstellung, sie sind auch in das Gemüt und seine Affekte 
eingedrungen; sie greifen tief und zerstörend in das wirk- 
liche Leben ein; sie bilden Faktionen und schließen Bünd- 
nisse; sie bewaffnen sich mit dem Dolche und haben eine 
die bestehende Ordnung angreifende, politische, tief und 
weit verzweigte Tendenz erhalten"*). Man möchte fast 
auf persönliche Beziehungen zwischen Hegel und Eylert 
8chliei3en, die es diesem ermöglicht haben, sich einer 
Ausdrucksweise zu bedienen, wie sie für Hegel charakte- 
ristisch zu sein scheint. Jedenfalls aber zeigt diese Überein- 
stimmung, daß Hegel, als er in seiner Vorrede gegen seine 
alten Feinde vorging, sich dazu durch die aller Welt vor 
Augen liegenden Tatsachen konnte aufgefordert fühlen. 
Das Jahr darauf hat er einen ähnlichen Vorstoß, und 
wieder in einer Vorrede, gemacht. Endlich war nämlich, 
in demselben Jahre wie Hegels Rechtsphilosophie, der 
erste Band der langerwarteten Schleiermacherschen 
Glaubenslehre erschienen. Dieses Vorkommnis in der 
Wissenschaft sah Hegel in demselben Lichte an wie die 
Kompromittierung der Friesschen Richtung in der Politik, 
nämlich als ein ganz offenbares Fiasko und einen Beweis 
der vollkommenen Wertlosigkeit der Schleiermacherschen 
Theologie. In diesem Sinne schrieb er privatim an Hin- 
richs: „Von Daub erwarte ich eine offene Erklärung, ob 



*) Max Lenz, a. a. 0. S. 74. 



LXXXVIII Einleitung des Herausgebers, 

denn das die Dogmatik der unirten, evangelischen Kirche 
sey, was man uns — freylich nur in einem erst ersten 
Teile, vermutlich weil man für Weiteres in diesen Zeiten 
der Unterdrückung, wie man es heißt — nicht traut — 
als solche zu bieten die Unverschämtheit und Plattheit 
gehabt hat"*). In der Überzeugung, daß nunmehr diese 
Theologie sich selber das Urteil gesprochen habe, hat 
dann Hegel in der Vorrede zu Hinrichs' Religionsphilo- 
sophie die Hinrichtung an ihr vollziehen wollen, als er 
über die ,, tierische Unwissenheit von Gott" klagte, die 
sich in der modernen Theologie kundtue, und erklärte, 
nach ihren Prinzipien sei „der Hund der beste Christ"**), 
Bei Unzähligen in der Mit- und Nachwelt hat sich Hegel 
durch diese beiden Vorreden ganz gewaltig geschadet; 
er hatte die Festigkeit völlig unterschätzt, mit der die von 
ihm verworfenen Richtungen sich in der Stimmung der 
Menschen eingewurzelt hatten. Aber von ihm war es 
durchaus ehrlich gehandelt und im Bewußtsein, ohne Rück- 
sicht auf Menschen schlechthin der Sache zu dienen, wenn 
er die Gelegenheit benutzte, die sich ihm zu bieten schien, 
um mit den ihm widerwärtigsten Gedankenrichtungen ab- 
zurechnen. So hat er über seine Vorrede zur Rechts- 
philosophie und ihren Eindruck auf die Öffentlichkeit auch 
selbst an Daub geschrieben: ,,Mit meinem Vorwort und 
dahin einschlagenden Äußerungen habe ich allerdings, wie 
Sie gesehen haben werden, dieser kahlen und an- 
maßenden Sekte, — dem Kalbe, wie man in Schwaben zu 
reden pflegt, ins Auge schlagen wollen; sie war gewohnt, 
unbedingt das Wort zu haben, und ist zum Teil sehr ver- 
wundert gewesen, daß man von wissenschaftlicher Seite 
nichts auf sie halte und gar den Mut haben könne, öffent- 
lich gegen sie zu sprechen; hier, wo diese Parthie ins- 
besondere das Wort zu führen gewohnt ist und war und 
sich für eine puissance hielt, — habe ich freylich saure, 
wenigstens stumme Gesichter gegen mich zu sehen gehabt. 
Auf vormals sogenannte Schmalzgesellenschaft konnten 
sie nicht schieben, was ich gesagt, und waren daher um 
so mehr in Verlegenheit, in welche Kategorieen sie die 



*) Briefe von und an Hegel, ßd. 2, S. 66, — Das Original 
des Briefes, wonach obiges Zitat gegeben ist, befindet sich auf 
der Kgl. Bibl. in Berlin. 

**) Hegels Wwe., 17. Bd., S. 303, 295. 



Einleitung des Herausgebers. LXXXIX 

Sache bringen sollten"*). — Später hat man doch die 
Kategorie der Schmalzgesellenschaft gar zu gerne an- 
gewandt, aber dadurch nur bewiesen, daß man sich eben auf 
die Warte des Philosophen zu begeben nicht fähig sei, der 
die verschiedenen Strömungen der Zeit von höherem Ge- 
sichtspunkte als ihre Parteigänger zu betrachten weiß. 
In Wahrheit ist Hegel von der nationalen Idee tief 
durchdrungen gewesen, wenngleich er, auch hierin Goethe 
verwandt, für die deutsche Nationalität vorerst die Ein- 
heit in dem geistigen Leben, hauptsächlich in dem prote- 
stantischen Glauben als die allein wirkliche ansah und die 
unwirklichen Aspirationen auf eine von unten herauf ,, durch 
die heilige Kette der Freundschaft" zu erreichende poli- 
tische Einheit als Torheiten verv/arf. Zu genau hatte er 
die politische Zersplitterung Deutschlands, zu genau den 
die einzelnen „Völkchen" beseelenden Geist der Besonder- 
heit und des Eigensinns kennen gelernt, als daß er an 
eine Wiedergeburt des deutschen Reiches aus dem „Brei 
des Herzens" hätte glauben können. Als er in seiner etwa 
1802 geschriebenen, aber damals ungedruckt gebliebenen, 
glänzenden Abhandlung über die ,, Verfassung Deutsch- 
lands"**) die einfache Wahrheit aussprach, daß Deutsch- 
land kein Staat mehr, seine Verfassung nichts als ein Ge- 
dankending sei, da hat er doch nicht bloß in der Stimmung 
der Resignation festgestellt, was damals war, er hat auch mit' 
wahrhaft prophetischem Blicke den einzigen Ausweg aus 
der trostlosen Zerfahrenheit der deutschen Zustände vor- 
gezeichnet. ,,Der gemeine Haufe des deutschen Volkes 
nebst seinen Landständen, die von gar nichts anderem 
als von Trennung der deutschen Völkerschaften wissen, 
und denen die Vereinigung derselben et^vas ganz Fremdes 
ist, müßte durch die Gewalt eines Eroberers in eine 
Masse versammelt, sie müßten gezwungen werden, sich 
als zu Deutschland gehörig zu betrachten. Dieser The- 
seus müßte Großmut genug haben, dem Volke, das er 
aus zerstreuten Völkchen geschaffen hätte, einen Anteil 
an dem, was alle betrifft, einzuräumen — weil eine 
demokratische Verfassung, wie sie Theseus seinem Volke 
gab, in unseren Zeiten und großen Staaten ein Widerspruch 
in sich selbst ist, so würde der Anteil eine Organi- 



*) Briefe von u. an Hegel. Bd. 2, S. 46. 
* *) Kritik der Verfassung Deutschlands von Georg Friedr. 
Wilh. Hegel, herausgegeben von Dr. Georg MoUat, Kassel 1893. 



XC Einleitung des Herausgebers. 

sation sein ■ — Charakter genug, um — wenn er auch 
nicht wie Theseus mit Undank belohnt würde, sondern 
sich durch die Direktion der Staatsmacht, die er in Händen 
hätte, davor sichern könnte — den Haß tragen zu wollen, 
den Richelieu und andere große Menschen auf sich luden, 
welche die Besonderheiten und Eigentümlichkeiten der 
Menschen zertrümmerten. — Begriff und Einsicht führen 
etwas so Mißtrauisches gegen sich mit, daß sie durch die 
Gewalt gerechtfertigt werden müssen: dann unterwirft 
sich ihnen der Mensch."*) 

Als Hegel diese Zeilen schrieb, stand ihm schon das 
Bild Napoleons vor der Seele, der mit Gewalt in Frank- 
reich Begriff und Einsicht zur Herrschaft gebracht hatte 
und hernach auch in Deutschland als der Zertrümmerer 
verrotteter Unordnungen und als Wegbereiter für zweck- 
mäßigen Wiederaufbau vernünftiger Ordnungen ein welt- 
geschichtliches Reinigungsamt führen sollte. In diesem 
Sinne verdiente er wohl die Bewunderung, die ihm Hegel 
zollte. Sein Sturz aber bestätigte dem Philosophen, 
was er schon in der Phänomenologie ausgesprochen hatte, 
daß auf die Erscheinung des freien Selbstbewußtseins 
als einer die Wirklichkeit zerstörenden und nach sich 
selbst formenden Einzelheit die neue Gestalt des mora- 
lischen Geistes folgen müsse**), dem die Wirklichkeit 
nichts als die Stätte der Bewährung seiner inneren Frei- 
heit ist. Damit sieht er dann den Fortschritt, zu dem der 
Weltgeist der Zeit das Kommando gegeben hat***), wieder 
auf die Seite der inneren Entfaltung der in den Volks- 
geistern vorhandenen Kräfte gelegt und, während ihm die 
äußerliche Organisiererei in Bayern als ein ziemlich sub- 
stanzloses Verfahren erscheint, so lenken sich seine Blicke 
allmählich auf Preußen hin als auf den Staat, der von 
innen heraus dem Streben der Zeit entgegenkommt. 

In seiner Schrift über die Verfassung Deutschlands 
hatte Hegel noch sehr unfreundlich von Preußen ge- 
sprochen. „Welche Dürre," so schreibt er, „im preu- 



*) a. a. 0. S. 130 f. 
**) Briefe von und an Hegel, Bd. I, S. 271 f. — Phänomen., 
Phil. Bibl. Bd. 114, S. 387. 

***) Briefe von u. an Hegel, Bd. 1, S. 401. — Ausfdlirlicher 
aber ungefähr im gleichen Sinne, handelt hierüber Max Lenz, 
a. a. 0. S. 197 ff. 



Einleitung des Herausgebers. XCI 

ßischen Staate herrscht, das fällt jedem auf, der das erste 
Dorf desselben betritt oder seinen völligen Mangel an 
wissenschaftlichem und künstlerischem Genie sieht oder 
seine Stärke nicht nach der ephemeren Energie betrachtet, 
zu der ein einzelnes Genie ihn für eine Zeit hinauf zu 
zwingen gewußt hat."*) Indessen hat er doch Preußen 
in derselben Schrift auch schon von einer anderen Seite 
her betrachtet, wenngleich mit Mißtrauen und Abneigung, 
Er schreibt: „Preußen ist durch diese seine Macht außer 
der Sphäre des gemeinschaftlichen Interesses getreten und 
deswegen nicht mehr für die Stände als der natürliche 
Mittelpunkt für Erhaltung der Selbständigkeit anzusehen. 
Es kann die Allianz anderer Stände wünschen, {]s ist hierin 
unabhängig von dem Bestände der deutschen Fürsten, Es 
kann sich für sich schützen. Der Bund der deutschen 
Stände mit ihm ist demnach ungleich; denn es bedarf 
derselben weniger, als sie desselben bedürfen, und der 
Vorteil muß also auch ungleich sein, Preußen kann selbst 
Besorgnisse erwecken."**) So wird man sein damaliges 
Urteil dahin zusammenfassen können, daß Preußen Macht 
und Organisation habe, aber keinen Geist, der sie belebte. 
Inzwischen aber war nun durch die Steinschen Reformen 
auch der Geist geweckt worden, Sie verbanden in glück- 
liclister Weise die großen Prinzipien der modernen Frei- 
heit mit dem bestehenden staatlichen Organismus. Der 
seiner selbst bewoißte freie Geist zog in die preußische 
Staatsordnung ein, und Hegel konnte dort verwirklicht 
sehen, was er dereinst als Forderung an einen gebildeten 
Staat aufgestellt hatte: ,,Den Widerspruch, daß der Staat 
die höchste Gewalt sei, und daß die einzelnen durch sie 
nicht erdrückt seien, löst die Macht der Gesetze . . , 
Auf der Lösung dieser Aufgabe beruht alle Weisheit der 
Organisation der Staaten,"***) Darum konnte Hegel, als er 
nach Berlin übergesiedelt war, der einleitenden Ansprache, 
mit der er seine Heidelberger Vorlesungen über die Philo- 
sophie der Geschichte begonnen hatte, die Bemerkung 
anfügen: „Wir sind überhaupt jetzt so weit gekommen, zu 
solchem größeren Ernst und höherem Bedürfnis gelangt, 
daß uns nur Ideen und das, was sich vor unserer A^ernunft 



*) a. a. 0, S. 23 f. 

**) a. a. 0. S. 105. 

*'■*) a. a. 0. S. 137. 



XCII Einleitung des Herausgebers. 

rechtfertigt, gelten kann. — Der preußische Staat ist 
es dann näher, der auf Intelligenz gebaut ist."*) 

Daß Hegel diese Überzeugung sich bewahrt hat trotz 
der vielfach so weit hinter den Stein-Scharnhorstschen 
Idealen zurückbleibenden Wirklichkeit der vormärzlichen 
Zustände Preußens, beweist nur seinen tiefen staats- 
männischen Sinn, der nicht an den vergänglichen Er- 
scheinungen der Oberfläche haftet, sondern an das Sub- 
stanzielle, den bleibenden Begriff sich hält. Es scheint 
für unser Vaterland die Regel zu bestehen, daß nach 
kaum einem Jahrzehnt ungemeinen politischen Auf- 
schwunges lange Zeiten ^ des enttäuschenden Schwankens, 
des Rückgreifens auf vergangene Verhältnisse folgen, da- 
mit in solcher Unruhe und Unbefriedigung sich das neue 
Prinzip wie ein Baum in schlechtem Wetter erst inner- 
lich stärke und als unentbehrlich herausstelle. Ist es 
doch nach der Wiedergeburt des deutschen Reiches in der 
glorreichen Zeit Wilhelms I, nicht anders gegangen, und wäre 
es doch höchst kurzsichtig, wollte man die Stimmung der 
Reichsverdrossenheit in sich nähren, weil unsere Gegen- 
wart so mannigfach von den Idealen abweicht, die dem 
neuen Reiche bei seiner Geburt mit in die Wiege gelegt 
worden sind. Nein, es gilt in geschichtlichem Sinne 
weiter schauen als über die Spanne weniger Jahre oder 
auch Jahrzehnte und überzeugt sein, daß, wo eine wahr- 
hafte Idee am Werke ist, sie sich durch die ihr entgegen- 
stehenden Hemmungen nur immer siegreicher hindurch- 
ringen wird. An der Idee, die er im preußischen Staate 
sich verwirklichen sah, hat Hegel festgehalten. Er hat 
Preußen als den Staat des Gedankens und der wahren 
bürgerlichen Freiheit, Berlin als den Mittelpunkt der deut- 
schen Politik und Bildung erkannt und geliebt. Und 
darum war er freilich für das Treiben der Großdeutschen 
nicht zu haben. 

Zwar in Heidelberg hat er durch seinen Schüler Careve 
den Burschenschaften nahe gestanden und noch in Berlin 
ein burschenschaftliches Fest mitgemacht, bei dem es ziem- 
lich toll herging**) — schwerlich zu Hegels besonderer 
Freude. Aber an dem Traume der deutschen Republik hat 
er nie gehangen und hat sich, sobald der Zwiespalt zwischen 
der Staatsmacht und den demokratisch großdeutschen Ten- 

*) Hegels Wwe., 13. Bd., 1. Aufl., S. 4 Anm. 
**) Max Lenz, a. a. 0. S. 53f. 



Einleitung des Herausgebers. XCIII 

denzen offen ausbrach, mit voller Entschiedenheit auf die 
Seite der Staatsmacht gestellt. In §322 der Rechtsphilo- 
sophie hat er die bezeichnenden Worte geschrieben: „Die- 
jenigen, welche von Wünschen einer Gesamtheit, die einen 
mehr oder weniger selbständigen Staat ausmacht und ein 
eigenes Zentrum hat, sprechen — von Wünschen, diesen 
Mittelpunkt und seine Selbständigkeit zu verlieren, um 
mit einem anderen ein Ganzes auszumachen, wissen wenig 
von der Natur einer Gesamtheit und dem Selbstgefühl, 
das ein Volk in seiner Unabhängigkeit hat." (S. 2611) 
Gewiß, damit hat er sich als einen ausgemachten ,, Real- 
politiker'' gekennzeichnet; aber soweit ist doch hoffentlich 
nun bei uns das politische Urteil allmählich gereift, daß 
wir für einen Politiker nur den halten, der mit den ge- 
gebenen Verhältnissen rechnet. Hegel hat wahrhaftig dem 
Idealen seinen zukommenden Platz eingeräumt. Er hat 
nicht nur allgemein die ideelle Welt als den eigentlichen 
Inhalt und Reichtum des Staates anerkannt, sondern mit 
hohem Freimut und männlicher Begeisterung die großen 
Ideale der deutschen Nation, die Prinzipien der Innerlich- 
keit und des protestantischen Gewissens, der sittlichen 
und der bürgerlichen Freiheit verfochten und verherr- 
licht. Wenn er als das unentbehrliche Gefäß, das diesen 
kostbaren Inhalt zu schützen bestimmt war, den Staat 
in seiner selbständigen Hoheit seinen Zeitgenossen vor 
Augen gestellt und sie zwar den Nationalstaat, aber nicht 
einen erträumten, sondern den geschichtlich vorhandenen 
und aus eigener Macht sich entwickelnden hat verstehen 
lehren wollen, so hat er auch damit ein Fundament gelegt, 
auf dem die späteren Geschlechter über den von ihm ent- 
worfenen Bau v/eiter hinaus bauen konnten. Er verdient auch 
in dieser Hinsicht den Namen, den Rosenkranz*) ihm mit 
gutem Recht beigelegt hat: der deutsche Nationalphilosoph. 



*) Rosenkranz, Karl, Hegel als deutscher Xationalphilo- 
sopb. Leipzig 1870. 



Jnlialtsverzeichnis. 

Seite 

Vorrede des Herausgebers V 

Einleitung des Herausgebebers VII — XCIII 

1. Kapitel. Die Stellung- der Rechtsphilosophie in 
Hegels System. 

T. Die drei Teile der Philosophie des Geistes XI 

II. Der objektive Geist XVI 

III. Objektiver und absoluter Geist XXIV 

2. Kapitel. Das System der Hegeischen Rechts- 
philosophie. 

I. Seine Voraussetzung XXXVI 

II. Seine Anlage XLIl 

III. Seine Ergebnisse L 

3. Kapitel. Der Geist der Hegelschen Sprachlehre. 

I. Die historische Idee LIX 

II. Die liberale Idee LXIX 

III. Die nationale Idee LXXX 



Hegels Grundlinien der Philosophie des 
Rechts. 

VoiTede 3 

Einleitung. Begriff der Philosophie des Kechts, des Willens, 

der Freiheit und des Rechts. § 1—32 18 

Einteilung. § 33 45 

Erster Teil. 
Das abstrakte Recht. 

§ 34—104. 

Erster Abschnitt. Das Eigentum. §41—71 52 

a) Besitznahme. § 54 — 58 60 

b) Gebrauch der Sache. § 59—64 63 

c) Entäußerung des Eigentums. § 65 — 70 67 

Übergang vom Eigentum zum Vertrag. § 71 . . . 73 

Zweiter Abschnitt. Der Vertrag. § 72 — 80 74 

Dritter Abschnitt. Das Unrecht. §82 — 104 82 

a) Unbefangenes (Zivil-)Unrecht. § 84—86 82 

b) Betrug. § 87—89 ' 83 

c) Zwang und Verbrechen. § 90—103 84 

Übergang vom Recht zur Moralität. § 104 .... 93 



Inhaltsverzeichnis. XCV 

Zweiter Teil. 
Sie Moralität. 

§ 105—141. Seito 

Erster Abschnitt. Der Vorsatz und die Schuld. § 106—118 100 

Zweiter Abschnitt. Die Absicht und das Wohl. § 119—128 102 

Dritter Abschnitt. Das Gute und das Gewissen. § 129 — 141 109 

Moralische Formen des Bösen. Heuchelei, Probabilismus, 

gute Absicht, Überzeugung, Ironie. Anm. zu § 140 118 

Übergang der Moralität zur Sittlichkeit. § 141 . . . 131 

Dritter Teil. 
Die Sittlichkeit. 

§ 142—360. 

Erster Abschnitt. Die Familie. § 158—181 140 

A. Die Ehe. § 161—169 140 

B. Das Vermögen der Familie. § 170—172 .... 146 

C. Die Erziehung der Kinder und die Auflösung der 
Familie. § 173—181 147 

Zweiter Abschnitt. Die bürgerliche Gesellschaft. § 182—256 154 

A. Das System der Bedürfnisse. § 189—208 .... 159 

a) Die Art des Bedürfnisses und der Befriedigung. 

§ 190—195 160 

b) Die Art der Arbeit. § 196—198 162 

c) Das Vermögen und die Stände. § 199—208 . . 168 

B. Die Rechtspflege. § 209—229 169 

a) Das Recht als Gesetz. § 211—214 169 

b) Das Dasein des Gesetzes. § 215—218 .... 174 

c) Das Gericht. § 219—229 .' 177 

C. Die Polizei und Korporation. § 230—256 .... 183 

a) Die Polizei. § 2'31— 249 184 

b) Die Korporation. § 250—256 191 

Dritter Abschnitt. Der Staat. § 257—360 195 

A. Das innere Staatsrecht § 260—329 202 

I. Innere Verfassung für sich. § 272—320 ... 219 

a) Die fürstliche Gewalt. § 275—286 .... 225 

b) Die Regierungsgewalt. § 287—297 .... 237 

c) Die gesetzgebende Gewalt. § 298—320 . . 243 
II. Die Souveränität gegen außen. '§ 321—329 . . 261 

B. Das äußere Staatsrecht. § 330—340 266 

C. Die Weltgeschichte. § 341—360 271 



Zusätze aus Hegels Torlesungen, redigiert von Eduard 

Gans 283 



Ilatiirieclit und Staatswissenschaft. 



Hegel, Eechtsphilosophie. 



Vorrede. 



Die unmittelbare Veranlassung zur Herausgabe dieses 
Grundrisses ist das Bedürfnis, meinen Zuhörern einen Leit- 
faden zu den Vorlesungen in die Hände zu geben, welche 
ich meinem Amte gemäß über die Philosophie des 
Rechts halte. Dieses Lehrbuch ist eine weitere, ins- 
b'esondere mehr systematische Ausführung derselben 
Grundbegriffe, welche über diesen Teil der Philosophie 
in der von mir sonst für meine Vorlesungen bestimmten 
Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften 
(Heidelberg 1817) i) bereits enthalten sind. 

Daß dieser Grundriß aber im Druck erscheinen sollte, 
hiermit auch vor das größere Publikum kommt, wurde die 
Veranlassung, die Anmerkungen, die zunächst in kurzer 
Erwähnung die verwandten oder abvv^eichenden Vorstel- 
lungen, weiteren Folgen und dergleichen andeuten sollten, 
was in den Vorlesungen seine gehörige Erläuterung er- 
halten würde, manchmal schon hier weiter auszuführen, 
um den abstrakteren Inhalt des Textes zuweilen zu verdeut- 
lichen, und auf naheliegende, in dermaliger Zeit gäng und 
gäbe Vorstellungen eine ausgedehntere Rücksicht zu 
nehmen. So ist eine Anzahl weitläufigerer Anmerkungen 
entstanden, als der Zweck und Stil eines Kompendiums sonst 
mit sich bringt. Ein eigentliches Kompendium iedoch hat den 
für fertig angesehenen Umkreis einer Wissenschaft zum 
Gegenstande, und das ihm Eigentümliche ist, vielleicht 
einen kleinen Zusatz hier und da ausgenommen, vornehm- 
lich die Zusammenstellung und Ordnung der wesentlichen 
Momente eines Inhalts, der längst ebenso zugegeben und 

1) Von Hegel selbst noch in zwei späteren, stark vei-mebrten 
Auflagen herausgegeben (1827, 1830). Die 3. Auflage ist als 
Bd. 33 der Phil. Bibl. von Georg Lasson neu herausgegeben 
worden. H. citiert in dem obigen Werke natürlich immer die 
1. Aufl.; unter dem Strich werden hier die entsprechenden §§ 
der 3. Aufl. angegeben. 

1* 



4 Vorrede. 

bekannt ist, als jene Form ihre längst ausgemachten Regeln 
und Manieren hat. Von einem philosophischen Grundriß 
erwartet man diesen Zuschnitt schon etwa darum nicht, 
weil man sich vorstellt, das, was die Philosophie vor sich 
bringe, sei ein so übernächtiges Werk als das Gewebe der 
Penelope, das jeden Tag von vorne angefangen werde. 

Allerdings weicht dieser Grundriß zunächst von einem 
gewöhnlichen Kompendium durch die Methode ab, die darin 
das Leitende ausmacht. Daß aber die philosophische Art 
des Fortschreitens von einer Materie zu einer anderen und 
des wissenschaftlichen Beweisens, diese spekulative Er- 
kenntnisweise überhaupt, wesentlich sich von anderer Er- 
kenntnisweise unterscheidet, wird hier vorausgesetzt. Die. 
Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen Verschieden- 
heit kann es allein sein, was die Philosophie aus dem 
schmählichen Verfall, in welchen sie in unseren Zeiten 
versunken ist, herauszureißen vermögen wird. Man hat 
wohl die Unzulänglichkeit der Formen und Regeln der vor- 
maligen Logik, des Definierens, Einteilens und Schließens, 
welche die Regeln der Verstandeserkenntnis enthalten, für 
die spekulative Wissenschaft erkannt, oder mehr nur ge- 
fühlt als erkannt, und dann diese Regeln nur als Fesseln 
weggeworfen, um aus dem Herzen, der Phantasie, der zu- 
fälligen Anschauung willkürlich zu sprechen; und da denn 
doch auch Reflexion und Gedankenverhältnisse eintreten 
müssen, verfährt man bewußtlos in der verachteten Me- 
thode des ganz gewöhnlichen Folgerns und Räsonnements. 
— Die Natur des spekulativen Wissens habe ich in meiner 
Wissenschaft der Logik^) ausführlich entwickelt; in 
diesem Grundriß ist darum nur hier und da eine Erläuterung 
über Fortgang und Methode hinzugefügt worden. Bei der 
konkreten und in sich so mannigfaltigen Beschaffenheit 
des Gegenstandes ist es zwar vernachlässigt worden, in 
allen und jeden Einzelheiten die logische Fortleitung nach- 
zuweisen und herauszuheben; teils konnte dies bei voraus- 
gesetzter Bekanntschaft mit der wissenschaftlichen Me- 
thode für überflüssig gehalten werden, teils wird aber es 
von selbst auffallen, daß das Ganze wie die Ausbildung 
seiner Glieder auf dem logischen Geiste beruht. Von dieser 

1) Nürnberg, 1812 — 16, in 3 Bdn. Den ersten Band bat 
Hegel selbst in seinem letzten Lebensjahre noch umgearbeitet; 
in dieser Fassung ist er als Bd. 3 der „Werke" Hs. erschienen. 
Bd. 4 und 5 der „Werke" geben die anderen Bände der Original- 
ausgabe in unverändertem Abdruck -wieder. 



I 



Vorrede. 5 

Seite möchte ich auch vornehmlich, daß diese Abhand- 
lung gefaßt und beurteilt \\ürde. Denn das, um was es in der- 
selben zu tun ist, ist die Wissenschaft, und in der Wissen- 
schaft ist der Inhalt wesentlich an die Form gebunden. 

Man kann zwar von denen, die es am gründlichsten 
zu nehmen scheinen, hören, die Form sei etwas Äußeres 
und für die Sache Gleichgültiges, es komme nur auf diese 
an; man kann weiter das Geschäft des Schriftstellers, ins- 
besondere des philosophischen darein setzen, Wahrheiten 
zu entdecken, Wahrheiten zu sagen, Wahrheiten und 
richtige Begriffe zu verbreiten. Wenn man nun betrachtet, 
wie solches Geschäft wirklich betrieben zu werden pflegt, so 
sieht man einesteils denselben alten Kohl immer wieder 
aufkochen und nach allen Seiten hin ausgeben — ein 
Geschäft, das wohl auch sein Verdienst um die Bildung 
und Erweckung der Gemüter haben wird, wenn es gleich 
mehr als ein vielgeschäftiger Überfluß angesehen werden 
könnte — „denn sie haben Mosen und die Propheten, laß 
sie dieselben hören" i). Vornehmlich hat man vielfältige 
Gelegenheit, sich über den Ton und die Prätension, die sich 
dabei zu erkennen gibt, zu verwundern, nämlich als ob 
es der Welt nur noch an diesen eifrigen Verbreitern von 
Wahrheiten gefehlt hätte, und als ob der aufgewärmte Kohl 
neue und unerhörte Wahrheiten brächte, und vornehmlich 
immer „in jetziger Zeit" hauptsächlich zu beherzigen wäre. 
Andernteils aber sieht man, was von solchen Wahrheiten 
von der einen Seite her ausgegeben wird, durch eben 
dergleichen von anderen Seiten her ausgespendete Wahr- 
heiten verdrängt und weggeschwemmt werden. Was nun 
in diesem Gedränge von Wahrheiten weder Altes noch 
Neues, sondern Bleibendes sei, wie soll dieses aus diesen 
formlos hin- und hergehenden Betrachtungen sich heraus- 
heben — wie anders sich unterscheiden und bewähren, als 
durch die Wissenschaft? 

Ohnehin über Recht, Sittlichkeit, Staat ist die 
Wahrheit ebensosehr alt, als in den öffentlichen 
Gesetzen, der öffentlichen Moral und Religion 
offen dargelegt und bekannt. Was bedarf diese 
Wahrheit weiter, insofern der denkende Geist sie in dieser 
nächsten Weise zu besitzen nicht zufrieden ist, als sie auch 
zu begreifen, und dem schon an sich selbst vernünftigen 
Inhalt auch die vernünftige Form zu gewinnen, damit er 

1) Luk. 16, 29. 



6 Vorrede. 

für das freie Denken gerechtfertigt erscheine, welches 
nicht bei dem Gegebenen, es sei durch die äußere po- 
sitive Autorität des Staates oder der Übereinstimmung der 
Menschen, oder durch die Autorität des inneren Geiülils 
und Herzens und das unmittelbar beistimmende Zeugnis 
des Geistes unterstützt, stehen bleibt, sondern von sich 
ausgeht und eben damit fordert, sich im Innersten mit 
der Wahrheit geeint zu wissen? 

Das einfache Verhalten des unbefangenen Gemütes 
ist, sich mit zutrauensvoller Überzeugung an die öffent- 
lich bekannte Wahrheit zu halten, und auf diese feste- 
Grundlage seine Handlungsweise und feste Stellung im 
Leben zu bauen. Gegen dieses einfache Verhalten tut sich 
etwa schon die vermeinte Schwierigkeit auf, v>^ie aus den 
unendlich verschiedenen Meinungen sich das, was 
darin das allgemein Anerkannte und Gültige sei, unter- 
scheiden und herausfinden lasse; und man kann diese Ver- 
legenheit leicht für einen rechten und wahrhaften Ernst 
um die Sache nehmen. In der Tat sind aber die, welche 
sich auf diese Verlegenheit et^vas zugute tun, in dem 
Falle, den Wald vor den Bäumen nicht zu sehen, und es 
ist nur die Verlegenheit und Schwierigkeit vorhanden, 
welche sie selbst veranstalten; ja diese ihre Verlegenheit 
und Schwierigkeit ist vielmehr der Beweis, daß sie etwas 
anderes als das allgemein Anerkannte und Geltende, als 
die Substanz des Rechten und Sittlichen wollen. Denn 
ist es darum wahrhaft, und nicht um die Eitelkeit und 
Besonderheit des Meinens und Seins zu tun, so hielten 
sie sich an das substantielle Rechte, nämlich an die Ge- 
bote der Sittlichkeit und des Staats, und richteten ihr Leben 
darnach ein. — Die weitere Schwierigkeit aber kommt von 
der Seite, daß der Mensch denkt und im Denken seine 
Freiheit und den Grund der Sittlichkeit sucht. Dieses 
Recht, so hoch, so göttlich es ist, wird aber in Unrecht 
verkehrt, wenn nur dies für Denken gilt und das Denken 
nur dann sich frei weiß, insofern es vom Allgemein- 
Anerkannten und Gültigen abweiche und sich etwas 
Besonderes zu erfinden gewußt habe. 

Am festesten konnte in unserer Zeit die Vorstellung, 
als ob die Freiheit des Denkens und des Geistes überhaupt 
sich nur durch die Abweichung, ja Feindschaft gegen das 
öffentlich Anerkannte beweise, in Beziehung auf den 
Staat eingewurzelt, und hiernach absonderlich eine Phi- 
losophie über den Staat wesentlich die Aufgabe zu haben 



Vorrede. 7 

scheinen, auch eine Theorie und eben eine neue und 
besondere zu erfinden und zu geben. Wenn man diese 
Vorstellung und das ihr gemäße Treiben sieht, so sollte 
man meinen, als ob noch kein Staat und Staatsverfassung 
in der Welt gewesen, noch gegenwärtig vorhanden sei, 
sondern als ob man jetzt — und dies Jetzt dauert immer 
fort — ganz von vorne anzufangen, und die sittliche Welt 
nur auf ein solches jetziges Ausdenken und Ergründen 
und Begründen gewartet habe. Von der Natur gibt man 
zu, daß die Philosophie sie zu erkennen habe, wie sie ist, 
daß der Stein der Weisen irgendwo, aber in der Natur 
selbst verborgen liege, daß sie in sich vernünftig sei 
und das Wissen diese in ihr gegenwärtige, wirkliche 
Vernunft, nicht die auf der Oberfläche sich zeigenden 
Gestaltungen und Zufälligkeiten, sondern ihre ewige Har- 
mionie, aber als ihr immanentes Gesetz und Wesen zu er- 
forschen und begreifend zu fassen habe. Die sittliche 
Welt dagegen, der Staat, sie, die Vernunft, wie sie sich 
im Elemente des Selbstbewußtseins verwirklicht, soll nicht 
des Glücks genießen, daß es die Vernunft ist, welche in 
der Tat in diesem Elemente sich zur Kraft und Gewalt 
gebracht habe, darin behaupte und inwohne. Ds,s geistige 
Universum soll vielmehr dem Zufall und der Willkür preis- 
gegeben, es soll gottverlassen sein, so daß nach diesem 
Atheismus der sittlichen Welt das Wahre sich außer 
ihr befinde, und zugleich, weil doch auch Vernunft darin 
sein soll, das Wahre nur ein Problema sei. Hierin aber 
liege die Berechtigung, ja die Verpflichtung für jedes 
Denken, auch seinen Anlauf zu nehmen, doch nicht um 
den Stein der Weisen zu suchen, denn durch das Philo- 
sophieren unserer Zeit ist das Suchen erspart und jeder 
gewiß, so wie er steht und geht, diesen St^ein in seiner 
Gewalt zu haben. Nun geschieht es freilich, daß die- 
jenigen, welche in dieser Wirklichkeit des Staats leben 
und ihr Wissen und Wollen darin befriedigt finden, — und 
deren sind viele, ja mehr als es meinen und wissen, denn 
im Grunde sind es Alle, — daß also wenigstens die- 
jenigen, v/elche mit Bewußtsein ihre Befriedigung im 
Staate haben, jener Anläufe und Versicherungen lachen 
und sie für ein bald lustigeres oder ernsteres, ergötzliches 
oder gefährliches, leeres Spiel nehmen. Jenes unruhige 
Treiben der Reflexion und Eitelkeit, sowie die Aufnahme 
und Begegnung, welche sie erfährt, wäre nun eine Sache 
für sich, die sich auf ihre Weise in sich entwickelt; aber 



8 Vorrede. 

es ist die Philosophie überhaupt, welche sich durch 
jenes Getreibe in mannigfaltige Verachtung und Mißkredit 
gesetzt hat. Die schlimmste der Verachtungen ist diese. 
daß wie gesagt jeder, wie er so steht und geht, über die 
Philosophie überhaupt Bescheid zu v/issen und abzusprechen 
imstande zu sein überzeugt ist. Keiner anderen Kunst 
und Wissenschaft wird diese letzte Verachtung bezeigt, 
zu meinen, daß man sie geradezu inne habe. 

In der Tat, was wir von der Philosophie der neueren 
Zeit mit der größten Prätension über den Staat haben 
ausgehen sehen, berechtigte wohl jeden, der Lust hatte 
mitzusprechen, zu dieser Überzeugung, ebensolches von sich 
aus geradezu machen zu können und damit sich den Beweis, 
im Besitz der Philosophie zu sein, zu geben. Ohnehin hat die 
sich so nennende Philosophie es ausdrücklich ausgesprochen, 
daß das Wahre selbst nicht erkannt werden könne, 
sondern daß dies das Wahre sei, was jeder über die sitt- 
lichen Gegenstände, vornehmlich über Staat, Regierung 
und Verfassung, sich aus seinem Herzen, Gemüt und 
Begeisterung aufsteigen lasse. Was ist darüber nicht 
alles der Jugend insbesondere zum Munde geredet worden? 
Die Jugend hat es sich denn auch wohl gesagt sein lassen. 
Den Seinen gibt Er's schlaf end^), — ist auf die 
Wissenschaft angewendet worden, -and damit hat jeder 
Schlafende sich zu den Seinen gezählt; was er so im 
Schlafe der Begriffe bekommen, war denn freilich auch 
Ware darnach. — Ein Heerführer dieser Seichtigkeit, die 
sich Philosophieren nennt, Herr Fries*), hat sich nicht 
entblödet, bei einer feierlichen, berüchtigt gewordenen 
öffentlichen Gelegenheit-) in einer Rede über den Gegen- 
stand von Staat und Staatsverfassung die Vorstellung zu 
geben: „in dem Volke, in welchem echter Gemeingeist 
herrsche, würde jedem Geschäft der öffentlichen Ange- 
legenheiten das Leben von unten aus dem Volke 
kommen, würden jedem einzelnen Werke der Volksbildung 
und des volkstümlichen Dienstes sich lebendige Gesell- 
schaften weihen, durch die heilige Kette der Freund- 
schaft unverbrüchlich vereinigt", und dergleichen. — Di?3 

*) Von der Seichtigkeit seiner Wissenschaft habe ich sonst 
Zeugnis gegeben; s. Wissenschaft der Logik (Nürnberg 1812), 
Einl. S. XVII. LA.nm., in den „Werken", Bd. 3, S. 39, fortgelassen.] 

^) Ps. 127, 'J. — -) Bei dem Wartburgfeste der deutschen 
Burschenschaften am 18. Oktober 1817. 



Vorrede. 9 

ist der Hauptsinn der Seichtigkeit, die Vv''issenschaft statt 
auf die Entv/iclcelung des Gedankens und Begriffs, viel- 
melir auf die unmittelbare Wahrnehmung und die zufällige 
Einbildung zu stellen, ebenso die reiche Gliederung des 
Sittlichen in sich, welche der Staat ist, die Architektonik 
seiner Vernünftigkeit, die durch die bestimmte Unter- 
scheidung der Kreise des öffentlichen Lebens und ihrer 
Berechtigungen und durch die Strenge des Maßes, in dem 
sich jeder Pfeiler, Bogen und Strebung hält, die Stärke 
des Ganzen aus der Harmonie seiner Glieder hervorgehen 
macht, - — ■ diesen gebildeten Bau in den Brei des „Herzens, 
der Freundschaft und Begeisterung" zusammenfließen zu 
lassen. Wie nach Epikur die Welt überhaupt, so ist frei- 
lich nicht, aber so sollte, die sittliche Welt nach solcher 
Vorstellung, der subjektiven Zufälligkeit des Meinens und 
der Willkür übergeben werden. Mit dem einfachen Haus- 
mittel, auf das Gefühl das zu stellen, was die und zwar 
mehrtausendjährige Arbeit der Vernunft und ihres Ver- 
standes ist, ist freilich alle die Mühe der von dem denkenden 
Begriffe geleiteten Vernunfteinsicht und Erkenntnis erspart. 
Mephistopheles bei Goethe, — eine gute Autorität, — 
sagt darüber ungefähr i), was ich auch sonst angeführt: 

„Verachte nur Verstand und Wissenschaft, 
des Menschen allerhöchste Gaben — 
so hast dem Teufel dich ergeben 
und mußt zugrunde gehn." 

Unmittelbar nahe liegt es, daß solche Ansicht sich auch 
die Gestalt der Frömmigkeit annimmt; denn mit vvas 
allem hat dieses Getreibe sich nicht zu autorisieren ver- 
sucht! Mit der Gottseligkeit und der Bibel aber hat es 
sich die höchste Berechtigung, die sittliche Ordnung und 
die Objektivität der Gesetze zu verachten, zu geben ver- 
meint. Denn wohl ist es auch die Frömmigkeit, welche die 
in der Welt zu einem organischen Reiche auseinander ge- 
schlagene Wahrheit zur einfacheren Anschauung des Ge- 
fühls einwickelt. Aber sofern sie rechter Art ist, gibt 
sie die Form dieser Region auf, sobald sie aus dem Innern 
heraus in den Tag der Entfaltung und des geoffenbarten 
Reichtums der Idee eintritt, und bringt aus ihrem inneren 
Gottesdienst die Verehrung gegen eine an und für sich 

1) Die Wiedergabe der Goetheschen Verse ist in der Tat 
höchst inkorrekt. H. hat sie früher schon in der Phänomenologie 
citiert, Lassonsche Ausgabe, S. 237 (Phil. Bibl. Bd. 114). 



10 Vorrede. 

seiende, über die subjektive Form des Gefühls erhabene, 
Wahrheit und Gesetze mit. 

Die besondere Form des Übeln Gewissens, welche sich 
in der Art der Beredsamkeit, zu der sich jene Seichtig- 
keit aufspreizt, kund tut, kann hierbei bemerkliöh ge- 
macht werden; und zwar zunächst, daß sie da, wo sie am 
geistlosesten ist, am meisten vom Geiste spricht, wo 
sie am totesten und ledernsten redet, das Wort Leben und 
ins Leben einführen, wo sie die größte Selbst-sucht des 
leeren Hochmuts kund tut, am meisten das Wort Volk im 
Munde führt. Das eigentümliche Wahrzeichen aber, das 
sie an der Stirne trägt, ist der Haß gegen dao_ Gesetz. 
Daß Recht und Sittlichkeit, und die wirkliche Welt des 
Rechts und des Sittlichen sich durch den Gedanken er- 
faßt, durch Gedanken sich die Form der Vernünftigkeit, 
nämlich Allgemeinheit und Bestimmtheit gibt, dies, das 
Gesetz, ist es, was jenes sich das Belieben vorbehaltende 
Gefühl, jenes das Rechte in die subjektive Überzeugung 
stellende Gewissen, mit Grund als das sich feindseligste 
ansieht. Die Form des Rechten als einer Pflicht und als 
eines Gesetzes Vv^ird von ihm als ein toter, kalter Buch- 
stabe und als eine Fessel empfunden; denn es erkennt 
in ihm nicht sich selbst, sich in ihm somit nicht frei, weil 
das Gesetz die Vernunft der Sache ist, und diese dem 
Gefühle nicht verstattet, sich an der eigenen Partikularität 
zu v/ärmen. Das Gesetz ist darum, v/ie im Laufe dieses 
Lehrbuchs irgendwo angemerkt worden i), vornehmlich das 
Schiboleth, an dem die falschen Brüder und Freunde des 
sogenannten Volkes sich abscheiden. 

Indem nun die Rabulisterei der Willkür sich des 
Namens der Philosophie bemächtigt und ein großes 
Publikum in die Meinung zu versetzen vermocht hat, als ob 
dergleichen Treiben Philosophie sei, so ist es fast gar 
zur Unehre geworden, über die Natur des Staats noch 
philosophisch zu sprechen; und es ist rechtlichen Männern 
nicht zu verargen, wenn sie in Ungeduld geraten, sobald 
sie von philosophischer Wissenschaft des Staats reden 
hören. Noch weniger ist sich zu verwundern, wenn die 
Regierungen auf solches Philosophieren endlich die Auf- 
merksamkeit gerichtet haben, da ohnehin bei uns die Philo- 
sophie nicht wie etwa bei den Griechen als eine private 
Kunst exerziert wird, sondern sie eine öffentliche, das 



») §258 Anm. S. 198 f. 



Vorrede. U 

Publikum berührende Existenz, vornehmlich oder allein im 
Staatsdienste, hat. Wenn die Regierungen ihren diesem 
Fache gewidmeten Gelehrten das Zutrauen bewiesen haben, 
sich für die Ausbildung und den Gehalt der Philosophie auf 
sie gänzlich zu verlassen, — wäre es hier und da, wenn 
man will, nicht so sehr Zutrauen, als Gleichgültigkeit gegen 
die Wissenschaft selbst gewesen, und das Lehramt derselben 
nur traditionell beibehalten worden (wie man denn, soviel 
mir bekannt ist, in Frankreich die Lehrstühle der Meta- 
physik v/enigstens hat eingehen lassen) — so ist ihnen 
vielfältig jenes Zutrauen schlecht vergolten worden, oder 
wo man, im anderen Fall, Gleichgültigkeit sehen wollte, 
so wäre der Erfolg, das Verkommen gründlicher Erkennt- 
nis, als ein Büßen dieser Gleichgültigkeit anzusehen. Zu- 
nächst scheint wohl die Seichtigkeit etwa am allerverträg- 
lichsten, wenigstens mit äußerer Ordnung und Ruhe zu 
sein, v/eil sie nicht dazu kommt, die Substanz der Sachen 
zu berühren, ja nur zu ahnen; sie würde somit zunächst 
wenigstens polizeilich nichts gegen sich haben, wenn nicht 
der Staat noch das Bedürfnis tieferer Bildung und Einsicht 
in sich schlösse und die Befriedigung desselben von der 
Wissenschaft forderte. Aber die Seichtigkeit führt von 
selbst in Rücksicht des Sittlichen, des Rechts und der 
Pflicht überhaupt, auf diejenigen Grundsätze, welche in 
dieser Sphäre das Seichte ausmachen, auf die Prinzipien 
der Sophisten, die wir aus Plato so entschieden kennen 
lernen, — die Prinzipien, welche das, was Recht ist, auf die 
subjektiven Zwecke und Meinungen, auf das sub- 
jektive Gefühl und die partikuläre Überzeugung 
stellen, — • Prinzipien, aus welchen die Zerstörung ebenso 
der inneren Sittlichkeit und des rechtschaffenen Gewissens, 
der Liebe und des Rechts unter den Privatpersonen, als die 
Zerstörung der öffentlichen Ordnung und der Staatsgesetze 
folgt. Die Bedeutung, welche dergleichen Erscheinungen 
für die Regierungen gewinnen müssen, wird sich nicht 
etwa durch den Titel abweisen lassen, der sich auf das ge- 
schenkte Zutrauen selbst und auf die Autorität eines Amtes 
stützte, um an den Staat zu fordern, daß er das, v/as die 
substantielle Quelle von den Taten, die allgemeinen Grund- 
sätze, verdirbt, und sogar dessen Trotz, als ob es sich so 
gehörte, gewähren und walten lassen solle. Wem Gott 
ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, — ist 
ein alter Scherz, den man wohl in unseren Zeiten nicht 
gar für Ernst wird behaupten wollen. 



1 2 Vorrede. 

In der Wichtigkeit der Art und Weise des Philoso- 
phierens, welche durch die Umstände bei den Regierungen 
aufgefrischt worden ist, läßt sich das Moment des Schutzes 
und Vorschubs nicht verkennen, dessen das Studium der 
Philosophie nach vielen anderen Seiten hin bedürftig ge- 
worden zu sein scheint. Denn liest man in so vielen Pro- 
duktionen aus dem Fache der positiven Wissenschaften, in- 
gleichen der religiösen Erbaulichkeit und anderer unbe- 
stimmter Literatur, wie darin nicht nur die vorhin er- 
wähnte Verachtung gegen die Philosophie bezeigt ist, daß 
solche, die zugleich beweisen, daß sie in der Gedanken- 
bildung völlig zurück sind und Philosophie ihnen etwas 
ganz Fremdes ist, doch sie als etwas bei sich Abgetanes 
behandeln, — sondern wie daselbst ausdrücklich gegen 
die Philosophie losgezogen und ihr Inhalt, die begrei- 
fende Erkenntnis Gottes und der physischen und gei- 
stigen Natur, die Erkenntnis der Wahrheit als für 
eine törichte, ja sündhafte Anmaßung erklärt, wie die 
Vernunft, und wieder die Vernunft, und in unendlicher 
Wiederholung die Vernunft angeklagt, herabgesetzt und 
verdammt, — oder wie wenigstens zu erkennen gegeben 
wird, wie unbequem bei einem großen Teile des wissen- 
schaftlich sein sollenden Treibens die doch unabwend- 
baren Ansprüche des Begriffes fallen, — wenn man, sage 
ich, dergleichen Erscheinungen vor sich hat, so möchte 
man beinahe dem Gedanken Raum geben, daß von dieser 
Seite die Tradition nicht mehr ehrwürdig, noch hin- 
reichend wäre, dem philosophischen Studium die Toleranz 
und die öffentliche Existenz zu sichern*). — Die zu unserer 
Zeit gäng und gäben Deklamationen und Anmaßungen 
gegen die Philosophie bieten das sonderbare Schauspiel 



*) Dergleichen Ansichten fielen mir bei einem Briefe Job. 
V. Müllers ("Werke, Teil VIII, S. 56) ein, wo es vom Zustande 
Roms im Jahre 1803, als diese Stadt unter französischer Herr- 
schaft stand, unter anderem heißt: „Befragt, wie es um die ilöent- 
lichen Lehranstalten stehe, antwortete ein Professor: On les 
tolere eomme les bordeis." — Die sogenannte Vernunftlehre, 
nämlich die Logik, kann man wohl sogar noch empfehlen 
hören, etwa mit der Überzeugung, daß man sich mit ihr als 
trockener und unfruchtbarer Wissenschaft entweder ohnehin nicht 
mehr beschäftige, oder wenn dies hin und wieder geschehe, man 
in ihr nur inhaltslose, also nichtsgebende und nichtsverderbeude 
Formeln erhalte, daß somit die Empfehlung auf keinen Fall 
schaden, sowie nichts nützen werde. 



I 



Von-ede. 13 

dar, daß sie durch jene Seichtigkeit, zu der diese Wissen- 
schaft degradiert worden ist, einerseits ihr Recht haben, 
und andererseits selbst in diesem Elemente wurzeln, gegen 
das sie undankbar gerichtet sind. Denn indem jenes sich 
so nennende Philosophieren die Erkenntnis der Wahrheit 
für einen törichten Versuch erklärt hat, hat es, wie der 
Despotismus der Kaiser Roms Adel und Sklaven, Tugend 
und Laster, Ehre und Unehre, Kenntnis und Unwissenheit 
gleichgemacht hat, alle Gedanken und alle Stoffe ni- 
velliert, — so daß die Begriffe des Wahren, die Gesetze 
des Sittlichen auch weiter nichts sind als Meinungen und 
subjektive Überzeugungen, und die verbrecherischsten 
Grundsätze als Überzeugungen mit jenen Gesetzen in 
gleiche Würde gestellt sind, und daß ebenso jede noch 
so kahle und partikuläre Objekte und noch so stroherne 
Materien in gleiche Würde gestellt sind mit dem, was das 
Interesse aller denkenden Menschen und die Bänder der 
sittlichen Welt ausmacht. 

Es ist darum als ein Glück für die Wissenschaft zu 
achten, — in der Tat ist es, wie bemerkt, die Not- 
wendigkeit der Sache, — ■ daß jenes Philosophieren, 
das sich als eine Schulweisheit in sich fortspinnen 
mochte, sich in näheres Verhältnis mit der Wirklichkeit 
gesetzt hat, in welcher es mit den Grundsätzen der Rechte 
und der Pflichten Ernst ist, und welche im Tage des Be- 
wußtseins derselben lebt, und daß es somit zum öffent- 
lichen Bruche gekommen ist. Es ist eben diese Stel- 
lung der Philosophie zur Wirklichkeit, welche die 
Mißverständnisse betreffen, und ich kehre hiermit zu dem 
zurück, was ich vorhin bemerkt habe, daß die Philosophie, 
weil sie das Ergründen des Vernünftigen ist, eben 
damit das Erfassen des Gegenwärtigen und Wirk- 
lichen, nicht das Aufstellen eines Jenseitigen ist, das 
Gott weiß wo sein sollte, — oder von dem man in der 
Tat wohl zu sagen weiß, wo es ist, nämlich in dem Irrtum 
eines einseitigen, leeren Räsonnierens. Im Verlaufe der 
folgenden Abhandlung habe ich bemerkt, daß selbst die 
platonische Republik, welche als das Sprichwort eines 
leeren Ideals gilt, wesentlich nichts aufgefaßt hat als 
die Natur der griechischen Sittlichkeit, und daß dann im 
Bewußtsein des in sie einbrechenden tieferen Prinzips, das 
an ihr unmittelbar nur als eine noch unbefriedigte Sehn- 
sucht und damit nur als Verderben erscheinen konnte, 
Plato aus eben der Sehnsucht die Hilfe dagegen hat 



1^ Von-ede. 

suchen müssen, aber sie, die aus der Höhe kommen mußte, 
zunächst nur ,in einer äußeren besonderen Form jener 
Sittlichkeit suchen konnte, durch welche er jenes Ver- 
derben zu gewältigen sich ausdachte, und wodurch er 
ihren tieferen Trieb, die freie unendliche Persönlichkeit, 
gerade am tiefsten verletzte. Dadurch aber hat er sich 
als der große Geist bewiesen, daß eben das Prinzip, um 
welches sich das Unterscheidende seiner Idee dreht, die 
Angel ist, um welche die bevorstehende Umwälzung der 
Welt sich gedreht hat. 

Was vernünftig ist, das ist wirklich; 
und was wirklich ist, das ist vernünftig. 

In dieser Überzeugung steht jedes unbefangene Be- 
wußtsein, wie die Philosophie, und hiervon geht diese 
ebenso in Betrachtung des geistigen Universums aus, als 
des natürlichen. Wenn die Reflexion, das Gefühl oder 
welche Gestalt das subjektive Bewußtsein habe, die Gegen- 
wart für ein Eitles ansieht, über sie hinaus ist und es 
besser Vv^eiß, so befindet es sich im Eiteln, und weil es 
Wirklichkeit nur in der Gegenwart hat, ist es so selbst 
nur Eitelkeit. Wenn umgekehrt die Idee für das gilt, was 
nur so eine Idee, eine Vorstellung in einem Meinen ist, 
so gewährt hingegen die Philosophie die Einsicht, daß 
nichts wirklich ist als die Idee. Darauf kommt es dann 
an, in dem Scheine des Zeitlichen und Vorübergehenden 
die Substanz, die immanent, und das Ewige, das gegen- 
wärtig ist, zu erkennen. Denn das Vernünftige, was sy- 
nonym ist mit der Idee, indem es in seiner Wirklichkeit 
zugleich in die äußere Existenz tritt, tritt in einem un- 
endlichen Reichtum von Formen, Erscheinungen und Ge- 
staltungen hervor, und umzieht seinen Kern mit der bunten 
Rinde, in welcher das Bewußtsein zunächst haust, welche 
der Begriff erst durchdringt, um den inneren Puls zu 
finden und ihn ebenso in den äußeren Gestaltungen noch 
schlagend zu fühlen. Die unendlich mannigfaltigen Ver- 
hältnisse aber, die sich in dieser Äußerlichkeit, dui*ch das 
Scheinen des Wesens in sie, bilden, dieses unendliche Ma- 
terial und seine Regulierung, ist nicht Gegenstand der 
Philosophie. Sie mischte sich damit in Dinge, die sie nicht 
angehen; guten Rat darüber zu erteilen, kann sie sich er- 
sparen; Plato konnte es unterlassen, den Ammen anzu- 
empfehlen, mit den Kindern nie stillezustehen, sie immer 
auf den Armen zu schaukeln, ebenso Fichte die Vervoll- 



i 



Vorrede. 15 

kommnung der Paßpolizei bis dahin, wie man es nannte, 
zu konstruieren, daß von den Verdächtigen nicht nur 
das Signalement in den Paß gesetzt, sondern das Porträt 
darin gemalt werden solle. In dergleichen Ausführungen 
ist VOR Philosophie keine Spur mehr zu sehen, und sie 
kann dergleichen Ultraweisheit um so mehr lassen, als 
sie über diese unendliche Menge von Gegenständen ge- 
rade am liberalsten sich zeigen soll. Damit wird die 
Wissenschaft auch von dem Hasse, den die Eitelkeit des 
Besserwissens auf eine Menge von Umständen und Insti- 
tutionen v/irft, — ein Haß, in welchem sich die Kleinlich- 
keit am meisten gefällt, weil sie nur dadurch zu einem 
Selbstgefühl kommt, — sich am entferntesten zeigen. 

So soll denn diese Abhandlung, insofern sie die Staats- 
wissenschaft enthält, nichts anderes sein als der Versuch, 
den Staat als ein in sich Vernünftiges zu begreifen 
und darzustellen. Als philosophische Schrift muß sie 
am entferntesten davon sein, einen Staat, Wie er sein 
soll, konstruieren zu sollen; die Belehrung, die in ihr 
liegen kann, kann nicht darauf gehen, den Staat zu be- 
lehren, wie er sein soll, sondern vielmehr, wie er, das 
sittliche Universum, erkannt werden soll. 

'Idov 'PöSog, löov xal ro jT^drjfia. 
Hie Rhodus, hie saltus. 

Das was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philo- 
sophie, denn das, was ist, ist die Vernunft. Was das 
Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner 
Zeit; so ist auch die Philosophie, ihre Zeit in Gedanken 
erlaßt. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine 
Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als, 
ein Individuum überspringe seine Zeit, springe über Rhodus 
hinaus. Geht seine Theorie in der Tat drüber hinaus, 
baut es sich eine Welt, wie sie sein soll, so existiert 
sie wohl, aber nur in seinem Meinen, — einem weichen 
Elemente, dem sich alles Beliebige einbilden läßt. 

Mit weniger Veränderung würde jene Redensart lauten: 

Hier ist die Rose, hier tanze. 

Was zwischen der Vernunft als selbstbewußtem Geiste 
und der Vernunft als vorhandener Wirklichkeit liegt, was 
jene Vernunft von dieser scheidet und in ihr nicht die Be- 
friedigung finden läßt, ist die Fessel irgend eines Ab- 
straktums, das nicht zum Begriffe befreit ist. Die Ver- 



1 6 Vorrede. 

nunft als die Rose im Kreuze der Gegenwart zu erkennen 
und damit dieser sich zu erfreuen, diese vernünftige Ein- 
sicht ist die Versöhnung mit der Wirklichkeit, welche 
die Philosophie denen gewährt, an die einmal die innere 
Anforderung ergangen ist, zu begreifen, und in dem, 
was substantiell ist, ebenso die subjektive Freiheit zu 
erhalten, sowie mit der subjektiven Freiheit nicht in einem 
Besonderen und Zufälligen, sondern in dem, was an und 
für sich ist, zu stehen. 

Dies ist es auch, was den konkreteren Sinn dessen aus- 
macht, was oben!) abstrakter als Einheit der Form und 
des Inhalts bezeichnet worden ist, denn die Form in 
ihrer konkretesten Bedeutung ist die Vernunft als begrei- 
fendes Erkennen, und der Inhalt die Vernunft als das sub- 
stantielle Wesen der sittlichen, wie der natürlichen Wirk- 
lichkeit; die bewußte Identität von beidem ist die philoso- 
phische Idee. — Es ist ein großer Eigensinn, der Eigen- 
sinn, der dem Menschen Ehre macht, nichts in der Gesin- 
nung anerkennen zu wollen, was nicht durch den Gedanken 
gerechtfertigt ist, — und dieser Eigensinn ist das Cha- 
rakteristische der neueren Zeit, ohnehin das eigentüm- 
liche Prinzip des Protestantismus, Was Luther als 
Glauben im Gefühl und im Zeugnis des Geistes begonnen, 
es ist dasselbe, was der weiterhin gereifte Geist im Be- 
griffe zu fassen, und so in der Gegenwart sich zu be- 
freien, und dadurch in ihr sich zu finden bestrebt ist. Wie 
es ein berühmtes Wort-) geworden ist, daß eine halbe Phi- 
losophie von Gott abführe, — und es ist dieselbe Halbheit, 
die das Erkennen in eine Annäherung zur Wahrheit 
setzt, — die wahre Philosophie aber zu Gott führe, so 
ist es dasselbe mit dem Staate. So wie die Vernunft sich 
nicht mit der Annäherung, als welche weder kalt noch warm 
ist und darum ausgespien wird 3), ebensowenig begnügt sie 
sich mit der kalten Verzweiflung, die zugibt, daß es in dieser 
Zeitlichkeit wohl schlecht oder höchstens mittelmäßig zu- 
gehe, aber eben in ihr nichts Besseres zu haben und nur 
darum Frieden mit der Wirklichkeit zu halten sei; es ist 
ein wärmerer Friede mit ihr, den die Erkenntnis ver- 
schafft. 

*) S. 4 f. — 2j H. meint vermutlich tlen Ausspruch Baco's von 
V'erulam, „leves gustus in philosophia movere fortasse ad atheisminn, 
sed pleniores haustus ad religionem reducere"' (de augm. sc. T, 5). — 
3) Apok. 3, 16. 



Vorrede. 17 

Um noch über das Belehren, wie die Welt sein 
soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philo- 
sophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint 
sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bil- 
dungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, 
was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Ge- 
schichte, daß erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale 
dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe 
Welt, in ihrer Substanz erfaßt, in Gestalt eines intellek- 
tuellen Reichs erbaut. Wenn die Philosophie ihr Grau in 
Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, 
und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern 
nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit 
der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. 

Doch es ist Zeit, dieses Vorwort zu schließen; als 
Vorwort kam ihm ohnehin nur zu, äußerlich und subjektiv 
von dem Standpunkt der Schrift, der es vorangeschickt ist, 
zu sprechen. Soll philosophisch von einem Inhalte ge- 
sprochen werden, so verträgt er nur eine wissenschaftliche, 
objektive Behandlung, wie denn auch dem Verfasser Wider- 
rede anderer Art als eine wissenschaftliche Abhandlung 
der Sache selbst, nur für ein subjektives Nachwort und 
beliebige Versicherung gelten und ihm gleichgültig sein 
muß. 

Berlin, den 25. Juni 1820. 



Hegel, Rechtsphilosophie. 



Einleitung. 



§ 1- 

Die philosophische Rechtswissenschaft hat die 
Idee des Rechts, den Begriff des Rechts und dessen Ver- 
wirklichung zum Gegenstande. 

Die Philosophie hat es mit Ideen, und darum nicht 
mit dem, was man bloße Begriffe zu heißen pflegt, 
zu tun, sie zeigt vielmehr deren Einseitigkeit und Un- 
wahrheit auf, sowie, daß der Begriff (nicht das, was l 
man oft so nennen hört, aber nur eine abstrakte Yer- 
standesbestimmung ist) allein es ist, was Wirklich- 
keit hat und zwar so, daß er sich diese selbst gibt. 
Alles, was nicht diese durch den Begriff selbst gesetzte 
Wirklichkeit ist, ist vorübergehendes Dasein, äußer- 
liche Zufälligkeit, Meinung, wesenlose Erscheinung, Un- 
wahrheit, Täuschung u. s. f. Die Gestaltung, welche 
sich der Begriff in seiner Verwirklichung gibt, ist zur 
Erkenntnis des Begriffs selbst, das andere, von der 
Form, nur als Begriff zu sein, unterschiedene wesent- 
liche Moment der Idee. 

§ 2. 

Die Rechtswissenschaft ist ein Teil der Philosophie. 
Sie hat daher die Idee, als welche die Vernunft eines 
Gegenstandes ist, aus dem Begriffe zu entwickeln, oder, 
was dasselbe ist, der eigenen immanenten Entwickelung 
der Sache selbst zuzusehen. Als Teil hat sie einen be- 
stimmten Anfangspunkt, welcher das Resultat und 
die Wahrheit von dem ist, was vorhergeht, und was den 
sogenannten Beweis desselben ausmacht. Der Begriff 
des Rechts fällt daher seinem Werden nach außerhalb 
der Wissenschaft des Rechts, seine Deduktion ist hier vor- 
ausgesetzt und er ist als gegeben aufzunehmen. 



J 



Einleitung. § 2. 19 

Nach der formellen, nicht philosophischen Methode 
der Wissenschaften wird zuerst die Definition, we- 
nigstens um der äußeren wissenschaftlichen Form wegen, 
gesucht und verlangt. Der positiven Rechtswissenschaft 
kann es übrigens auch darum nicht sehr zu tun sein, da 
sie vornehmlich darauf geht, anzugeben, was Rechtens 
ist, d. h, welches die besonderen gesetzlichen Bestim- 
mungen sind, weswegen man zur Warnung sagte: omnis 
definitio in jure civili periculosa. Und in der Tat, je 
unzusammenhängender und widersprechender in sich die 
Bestimmungen eines Rechtes sind, desto weniger sind 
Definitionen in demselben möglich, denn diese sollen 
vielmehr allgemeine Bestimmungen enthalten, diese aber 
machen unmittelbar das Widersprechende, hier das Un- 
rechtliche, in seiner Blöße sichtbar. So z. B. wäre für 
das römische Recht keine Definition vom Menschen 
möglich, denn der Sklave ließe sich darunter nicht sub- 
sumieren, in seinem Stand ist jener Begriff vielmehr 
verletzt; ebenso perikulös würde die Definition von Eigen- 
tum und Eigentümer für viele Verhältnisse erscheinen. 
— Die Deduktion aber der Definition wird etwa aus 
der Etymologie, vornehmlich daraus geführt, daß sie 
aus den besonderen Fällen abstrahiert und dabei das 
Gefühl und die Vorstellung der Menschen zum Grunde 
gelegt wird. Die Richtigkeit der Definition wird dann 
in die Übereinstimmung mit den vorhandenen Vorstel- 
lungen gesetzt. Bei dieser Methode wird das, was allein 
wissenschaftlich wesentlich ist, in Ansehung des In- 
halts die Notwendigkeit der Sache an und für sich 
selbst (hier des Rechts), in Ansehung der Form aber 
die Natur des Begriffs, beiseite gestellt. Vielmehr ist 
in der philosophischen Erkenntnis die Notwendigkeit 
eines Begriffs die Hauptsache, und der Gang, als Re- 
sultat, geworden zu sein, sein Beweis und Deduktion. 
Indem so sein Inhalt für sich notwendig ist, so ist 
das Zweite, sich umzusehen, was in den Vorstellungen 
und in der Sprache demselben entspricht. Wie aber 
dieser Begriff für sich in seiner Wahrheit und wie er 
in der Vorstellung ist, dies kann nicht nur verschieden 
voneinander, sondern muß es auch der Form und Gestalt 
nach sein. Wenn jedoch die Vorstellung nicht auch ihrem 
Inhalte nach falsch ist, kann wohl der Begriff, als in 
ihr enthalten und, seinem Wesen nach, in ihr vorhanden 
aufgezeigt, d. h. die Vorstellung zur Form des Begriffs 



20 Einleitung. § 3. 

erhoben werden. Aber sie ist so wenig Maßstab und 
Kriterium des für sich selbst notwendigen und wahren 
Begriffs, daß sie vielmehr ihre Wahrheit aus ihm zu 
nehmen, sich aus ihm zu berichtigen und zu erkennen 
hat. — Wenn aber jene Weise des Erkennens mit ihren 
Förmlichkeiten von Definitionen, Schließen, Beweisen 
u. dergl., einerseits mehr oder weniger verschwunden 
ist, so ist es dagegen ein schlimmer Ersatz, den sie 
durch eine andere Manier erhalten hat, nämlich die 
Ideen überhaupt, so auch die des Rechts und dessen 
weiterer Bestimmungen als Tatsachen des Bewußt- 
seins unmittelbar aufzugreifen und zu behaupten, und 
das natürliche oder ein gesteigertes Gefühl, die eigene 
Brust und die Begeisterung zur Quelle des Rechts 
zu machen. Wenn diese Methode die bequemste unter 
allen ist, so ist sie zugleich die unphilosophischste, — 
andere Seiten solcher Ansicht hier nicht zu erwähnen, 
die nicht bloß auf das Erkennen, sondern unmittelbar 
auf das Handeln Beziehung hat. Wenn die erste zwar 
formelle Methode doch noch die Form des Begriffes in 
der Definition, und im Beweise die Form einer Not- 
wendigkeit des Erkennens fordert, so macht die Manier 
des unmittelbaren Bewußtseins und Gefühls die Sub- 
jektivität, Zufälligkeit und Willkür des Wissens zum 
Prinzip. — Worin das wissenschaftliche Verfahren der 
Philosophie bestehe, ist hier aus der philosophischen 
Logik vorauszusetzen. 

§ 3. 
Das Recht ist positiv überhaupt a) durch die Form, 
in einem Staate Gültigkeit zu haben, und diese gesetz- 
liche Autorität ist das Prinzip für die Kenntnis desselben, 
die positive Rechtswissenschaft, b) Dem Inhalte 
nach erhält dies Recht ein positives Element a) durch 
den besonderen Nationalcharakter eines Volkes, die 
Stufe seiner geschichtlichen Entwickelung und den Zu- 
sammenhang aller der Verhältnisse, die der Naturnot- 
wendigkeit angehören, ß) durch die Not^vendigkeit, daß 
ein System eines gesetzlichen Rechts die Anwendung des 
allgemeinen Begriffes auf die besondere von außen sich 
gebende Beschaffenheit der Gegenstände und Fälle ent- 
halten muß, — eine Anwendung, die nicht mehr spekula- 
tives Denken und Entwickelung des Begriffes, sondern 
Subsumtion des Verstandes ist; y) durch die für die Ent- 



Einleitung. § 3. 21 

Scheidung in der Wirklichkeit erforderlichen letzten 

Bestimmungen. 

Wenn dem positiven Rechte und den Gesetzen das 
Gefühl des Herzens, Neigung und Willkür entgegen- 
gesetzt wird, so kann es wenigstens nicht die Philo- 
sophie sein, welche solche Autoritäten anerkennt. — 
Daß Gewalt und Tyrannei ein Element des positiven 
Rechts sein kann, ist demselben zufällig und geht seine 
Natur nicht an. Es wird späterhin §§ 211 — 214 die 
Stelle aufgezeigt werden, wo das Recht positiv werden 
muß. Hier sind die daselbst sich ergeben werdenden 
Bestimmungen nur angeführt worden, um die Grenze des 
philosophischen Rechts zu bezeichnen, und um sogleich 
die etwaige Vorstellung oder gar Forderung zu be- 
seitigen, als ob durch dessen systematische Entwicke- 
lung ein positives Gesetzbuch, d. i. ein solches, wie der 
wirkliche Staat eines bedarf, herauskommen solle. — Daß 
das Naturrecht oder das philosophische Recht vom posi- 
tiven verschieden ist, dies darein zu verkehren, daß 
sie einander entgegengesetzt und widerstreitend sind, 
wäre ein großes Mißverständnis; jenes ist zu diesem 
vielmehr im Verhältnis von Institutionen zu Pandekten. 
— In Ansehung des im § zuerst genannten geschicht- 
lichen Elements im positiven Rechte hat Montesquieu 
die wahrhafte historische Ansicht, den echt philoso- 
phischen Standpunkt, angegeben, die Gesetzgebung über- 
haupt und ihre besonderen Bestimmungen nicht isoliert 
und abstrakt zu betrachten, sondern vielmehr als ab- 
hängiges Moment einer Totalität, im Zusammenhange 
mit allen übrigen Bestimmungen, welche den Charakter 
einer Nation und einer Zeit ausmachen; in diesem Zu- 
sammenhange erhalten sie ihre wahrhafte Bedeutung, 
sowie damit ihre Rechtfertigung. — Das in der Zeit er- 
scheinende Hervortreten und Entwickeln von Rechts- 
bestimmungen zu betrachten, — diese rein geschicht- 
liche Bemühung, sowie die Erkenntnis ihrer verstän- 
digen Konsequenz, die aus der Vergleichung derselben 
mit bereits vorhandenen Rechtsverhältnissen hervor- 
geht, hat in ihrer eigenen Sphäre ihr Verdienst und ihre 
Würdigung und steht außer dem Verhältnis mit der philo- 
sophischen Betrachtung, insofern nämlich die Entwicke- 
lung aus historischen Gründen sich nicht selbst ver- 
wechselt mit der Entwickelung aus dem Begriffe, und 
die geschichtliche Erklärung und Rechtfertigung nicht 



22 Einleitung. § 3. 

zur Bedeutung einer an und für sich gültigen Recht- 
fertigung ausgedehnt wird. Dieser Unterschied, der sehr 
wichtig und wohl festzuhalten ist, ist zugleich sehr ein- 
leuchtend; eine Rechtsbestimmung kann sich aus den 
Umständen und vorhandenen Rechts-Institutionen 
als vollkommen gegründet und konsequent zeigen 
lassen und doch an und für sich unrechtlich und un- 
vernünftig sein, wie eine Menge der Bestimmungen des 
römischen Privatrechts, die aus solchen Institutionen, 
als die römische väterliche Gewalt, der römische Ehe- 
stand, ganz konsequent flössen. Es seien aber auch 
Rechtsbestimmungen rechtlich und vernünftig, so ist es 
etwas ganz anderes, dies von ihnen aufzuzeigen, was 
allein durch den Begriff wahrhaftig geschehen kann, und 
ein anderes, das Geschichtliche ihres Hervortretens dar- 
zustellen, die Umstände, Fälle, Bedürfnisse und Begeben- 
heiten, welche ihre Feststellung herbeigeführt haben. 
Ein solches Aufzeigen und (pragmatisches) Erkennen 
aus den näheren oder entfernteren geschichtlichen Ur- 
sachen heißt man häufig: Erklären oder noch lieber 
Begreifen, in der Meinung, als ob durch dieses Auf- 
zeigen des Geschichtlichen alles oder vielmehr das We- 
sentliche, worauf es allein ankomrae, geschehe, um das 
Gesetz oder Rechts-Institution zu begreifen; w^ährend 
vielmehr das wahrhaft Wesentliche, der Begriff der 
Sache, dabei gar nicht zur Sprache gekommen ist. — - 
Man pflegt so auch von den römischen, germanischen 
Rechtsbegriffen, von Rechtsbegriffen, vfie sie in 
diesem oder jenem Gesetzbuche bestimmt seien, zu 
sprechen, während dabei nichts von Begriffen, son- 
dern allein allgemeine Rechtsbestimmungen, Ver- 
standessätze, Grundsätze, Gesetze u. dergl. vor- 
kommen. — Durch Hintansetzung jenes Unterschiedes 
gelingt es, den Standpunkt zu verrücken und die Frage 
nach der wahrhaften Rechtfertigung in eine Rechtferti- 
gung aus Umständen, Konsequenz aus Voraussetzungen, 
die für sich etwa ebensowenig taugen u. s. f., hinüber 
zu spielen und überhaupt das Relative an die Stelle 
des Absoluten, die äußerliche Erscheinung an die Stelle 
der Natur der Sache zu setzen. Es geschieht der ge- 
schichtlichen Rechtfertigung, wenn sie das äußerliche 
Entstehen mit dem Entstehen aus dem Begriffe ver- 
wechselt, daß sie dann bewußtlos das Gegenteil dessen 
tut, was sie beabsichtigt. Wenn das Entstehen einer 



Einleitung. § 3. 23 

Institution unter ihren bestimmten Umständen sich voll- 
kommen zweckmäßig und notwendig erweist und hier- 
mit das geleistet ist, was der historische Standpunkt 
erfordert, so folgt, wenn dies für eine allgemeine Recht- 
fertigung der Sache selbst gelten soll, vielmehr das 
Gegenteil, daß nämlich, weil solche Umstände nicht 
mehr vorhanden sind, die Institution hiermit vielmehr 
ihren Sinn und ihr Recht verloren hat. So, wenn z. B. 
für Aufrechthaltung der Klöster ihr Verdienst um 
Urbarmachung und Bevölkerung von Wüsteneien, um 
Erhaltung der Gelehrsamkeit durch Unterricht und Ab- 
schreiben u. s. f. geltend gemacht und dies Verdienst 
als Grund und Bestimmung für ihr Fortbestehen an- 
gesehen worden ist, so folgt aus demselben vielmehr, daß 
sie unter den ganz veränderten Umständen, insoweit 
wenigstens, überflüssig und unzweckmäßig geworden sind. 

— Indem nun die geschichtliche Bedeutung, das ge- 
schichtliche Aufzeigen und Begreiflichmachen des Ent- 
stehens, und die philosophische Ansicht gleichfalls des 
Entstehens und Begriffes der Sache in verschiedenen 
Sphären zu Hause sind, so können sie insofern eine 
gleichgültige Stellung gegeneinander behalten. Indem 
sie aber, auch im Wissenschaftlichen, diese ruhige Stel- 
lung nicht immer behalten, so führe ich noch etwas 
diese Berührung Betreffendes an, wie es in Herrn 
Hugosi) Lehrbuch der Geschichte des römischen 
Rechts erscheint, woraus zugleich eine weitere Er- 
läuterung jener Manier des Gegensatzes hervorgehen 
kann. Herr Hugo führt daselbst (5. Auflage § 53) an, 
„daß Cicero die zwölf Tafeln, mit einem Seitenblicke 
auf die Philosophen, lobe", ,,der Philosoph Phavorinus 
aber sie ganz ebenso behandle, wie seitdem schon mancher 
große Philosoph das positive Recht behandelt habe". 
Herr Hugo spricht ebendaselbst die ein für allemal 
fertige Erwiderung auf solche Behandlung in dem Grunde 
aus, „weil Phavorinus die zwölf Tafeln ebensowenig, 
als diese Philosophen das positive Recht verstanden". 

— Was die Zurechtweisung des Philosophen Phavo- 
rinus durch den Rechtsgelehrten Sextus Cäcilius 
bei Gellius noct. Attic. XX. 1. betrifft, so spricht sie 
zunächst das bleibende und wahrhafte Prinzip der Recht- 



>) Hugo, Gustav Eitter von, 1764—1844, seit 1788 Professor 
in Göttingen. 



24l Einleitung. § 8. 

fertigung des seinem Gehalte nach bloß Positiven aus. 
Non ignoras, sagt Cäcilius sehr gut zu Phavorinus, 
legum opjmrtunitates et medelas pro temporum moribus 
et pro rerum publicarum generibus, ac pro utilitatum 
praesentium rationibus, proque vitiorum, quibus meden- 
dum est, fervoribus, mutari ac flecti, neque uno statu 
consistere, quin, ut facies coeli et maris, ita rerum 
atque fortunae tempestatibus varientur. Quid salubrius 
Visum est rogatione illa Stolonis etc., quid utilius ple- 
biscito Voconio etc., quid tam necessarium existimatum 
est, quam lex Licinia etc.? Omnia tarnen haec vhUteratn 
et operta sunt civitatis opulentia etc. — Diese Gesetze 
sind insofern positiv, als sie ihre Bedeutung und Zweck- 
mäßigkeit in den Umständen, somit nur einen histo- 
rischen Wert überhaupt haben, deswegen sind sie auch 
vergänglicher Natur. Die Weisheit der Gesetzgeber und 
Regierungen in dem, was sie für vorhandene Umstände 
getan und für Zeitverhältnisse festgesetzt haben, ist 
eine Sache für sich und gehört der Würdigung der Ge- 
schichte an, von der sie um so tiefer anerkannt werden 
wird, je mehr eine solche Würdigung von philosophischen 
Gesichtspunkten unterstützt ist. — Von den ferneren 
Eechtfertigungen der zwölf Tafeln gegen den Phavo- 
rinus aber will ich ein Beispiel anführen, weil Cäcilius 
dabei den unsterblichen Betrug der Methode des Ver- 
standes und seines Räsonnierens anbringt, nämlich für 
eine schlechte Sache einen guten Grund anzu- 
geben und zu meinen, sie damit gerechtfertigt zu haben. 
Für das abscheuliche Gesetz, welches dem Gläubiger 
nach den verlaufenen Fristen das Recht gab, den 
Schuldner zu töten oder ihn als Sklaven zu verkaufen, 
ja wenn der Gläubiger mehrere waren, von ihm sich 
Stücke abzuschneiden und ihn so unter sich zu 
teilen, und zwar so, daß, wenn einer zu viel oder zu 
wenig abgeschnitten hätte, ihm kein Rechtsnach- 
teil daraus entstehen sollte (eine Klausel, welche 
Shakespeares Shylock, im Kaufmann von Vene- 
dig, zugute gekommen und von ihm dankbarst akzeptiert 
worden wäre), — führt Cäcilius den guten Grund an, 
daß Treu und Glauben dadurch um so mehr gesichert 
[werden] und es eben, um der Abscheulichkeit des Ge- 
setzes willen, nie zur Anwendung desselben habe kommen 
sollen. Seiner Gedankenlosigkeit entgeht dabei nicht 
bloß die Reflexion, daß eben durch diese Bestimmung 



Einleitung. § 3. 25 

jene Absicht, die Sicherung der Treu und Glaubens, ver- 
nichtet wird, sondern daß er selbst unmittelbar darauf 
ein Beispiel von der durch seine unmäßige Strafe ver- 
fehlten Wirkung des Gesetzes über die falschen Zeugnisse 
anführt. — Was aber Herr Hugo damit will, daß 
Phavorinus das Gesetz nicht verstanden habe, ist nicht 
abzusehen; jeder Schulknabe ist wohl fähig, es zu ver- 
stehen, und am besten würde der genannte Shylock auch 
noch die angeführte, für ihn so vorteilhafte Klausel 
verstanden haben; — unter Verstehen müßte Herr 
Hugo nur diejenige Bildung des Verstandes meinen, 
welche sich bei einem solchen Gesetze durch einen guten 
Grund beruhigt. — Ein anderes ebendaselbst dem Pha- 
vorinus vom Cäcilius nachgewiesenes Nichtverstehen 
kann übrigens ein Philosoph schon, ohne eben schamrot 
zu werden, eingestehen, — daß nämlich jumentum, 
v/elches nur „und nicht eine arcera", nach dem Gesetze 
einem Kranken, um ihn als Zeugen vor Gericht zu bringen, 
zu leisten sei, nicht nur ein Pferd, sondern auch eine 
Kutsche oder Wagen bedeutet haben soll. Cäcilius konnte 
aus dieser gesetzlichen Bestimmung einen weiteren Be- 
weis von der Vortrefflichkeit und Genauigkeit der alten 
Gesetze ziehen, daß sie sich nämlich sogar darauf ein- 
ließen, für die Sistierung eines kranken Zeugen vor Ge- 
richt die Bestimmung nicht bloß bis zum Unterschiede 
von einem Pferde und einem Wagen, sondern von Wagen 
und Wagen, einem bedeckten und ausgefütterten, wie 
Cäcilius erläutert, und einem, der nicht so bequem ist, 
— zu treiben. — Man hätte hiermit die Wahl zwischen 
der Härte jenes Gesetzes oder zwischen der Unbedeutend- 
heit solcher Bestimmungen, — aber die Unbedeutendheit 
von solchen Sachen und vollends von den gelehrten Er- 
läuterungen derselben auszusagen, würde einer der 
größten Verstöße gegen diese und andere Gelehrsam- 
keit sein. 

Herr Hugo kommt aber auch im angeführten Lehr- 
buche auf die Vernünftigkeit, in Ansehung des rö- 
mischen Rechts zu sprechen; was mir davon aufgestoßen 
ist, ist folgendes. Nachdem derselbe in der Abhandlung 
des Zeitraums von Entstehung des Staats bis auf 
die zwölf Tafeln § 38 und 39 gesagt, „daß man (in 
Rom) viele Bedürfnisse gehabt und genötigt war, zu ar- 
beiten, wobei man als Gehilfen Zug- und Lasttiere 
brauchte, wie sie bei uns vorkommen, daß der Boden 



26 Einleitung. § 3. 

eine Abwechselung von Hügeln und Tälern war, und die 
Stadt auf einem Hügel lag u. s. w. — Anführungen, durch 
welche vielleicht der Sinn Montesquieus hat erfüllt 
sein sollen, wodurch man aber schwerlich seinen Geist 
getroffen finden wird, — so führt er nun § 40 zwar an, 
„daß der rechtliche Zustand noch sehr weit davon ent- 
fernt war, den höchsten Forderungen der Vernunft 
ein Genüge zu tun", (ganz richtig; das römische Fa- 
milienrecht, die Sklaverei u. s. f. tut auch sehr geringen 
Forderungen der Vernunft kein Genüge); aber bei den 
folgenden Zeiträumen vergißt Herr Hugo anzugeben, in 
welchem und ob in irgend einem derselben das römische 
Recht den höchsten Forderungen der Vernunft 
Genüge geleistet habe. Jedoch von den juristischen 
Klassikern, in dem Zeiträume der höchsten Ausbil- 
dung des römischen Rechts, als Wissenschaft, 
wird § 289 gesagt, „daß man schon lange bemerkt, daß 
die juristischen Klassiker durch Philosophie gebildet 
waren"; aber „wenige wissen (durch die vielen Auf- 
lagen des Lehrbuchs des Herrn Hugo wissen es nun doch 
mehrere), daß es keine Art von Schriftstellern gibt, 
die im konsequenten Schließen aus Grundsätzen so sehr 
verdienten, den Mathematikern und in einer ganz auf- 
fallenden Eigenheit der Entwickelung der Begriffe dem 
neueren Schöpfer der Metaphysik an die Seite gesetzt 
zu werden, als gerade die römischen Rechtsgeiehrten: 
letzteres belege der merkwürdige Umstand, daß nir- 
gend so viele Trichotomien vorkommen, als bei den 
juristischen Klassikern und bei Kant". — Jene von 
Leibniz gerühmte Konsequenz ist gewiß eine wesent- 
liche Eigenschaft der Rechtswissenschaft, wie der Mathe- 
matik und jeder anderen verständigen Wissenschaft; aber 
mit der Befriedigung der Forderungen der Vernunft und 
mit der philosophischen Wissenschaft hat diese Ver- 
standes-Konsequenz noch nichts zu tun. Außerdem ist 
aber wohl die Inkonsequenz der römischen Rechts- 
gelehrten und der Prätoren als eine ihrer größten Tu- 
genden zu achten, als durch welche sie von ungerechten 
und abscheulichen Institutionen abwichen, aber sich ge- 
nötigt sahen, callide leere Wortunterschiede (wie das, 
was doch auch Erbschaft war, eine Bonorum possessio 
zu nennen) und eine selbst alberne Ausflucht (und 
Albernheit ist gleichfalls eine Inkonsequenz) zu ersinnen, 
um den Buchstaben der Tafeln zu retten, wie durch die 



Einleitung. § 4. 27 

iictio, vTiöxQioig, eine filia sei ein filius (Heinecc. Antiq. 
Rom., IIb. L, tit, IL, § 24). — Possierlich aber ist es, 
die juristischen Klassiker wegen einiger trichotomi- 
scher Einteilungen — vollends nach den daselbst 
Anm. 5 angeführten Beispielen — mit Kant zusammen- 
gestellt und so etwas Entwickelung der Begriffe geheißen 
zu sehen. 



Der Boden des Rechts ist überhaupt das Geistige, 
und seine nähere Stelle und Ausgangspunkt der Wille, 
welcher frei ist, so daß die Freiheit seine Substanz und 
Bestimmung ausmacht, und das Rechtssystem das Reich 
der verwirklichten Freiheit, die Welt des Geistes aus ihm 
selbst hervorgebracht, als eine zweite Natur, ist. 

In Ansehung der Freiheit des Willens kann an die 
vormalige Verfahrungsart des Erkennens erinnert wer- 
den. Man setzte nämlich die Vorstellung des Wil- 
lens voraus und versuchte aus ihr eine Definition des- 
selben herauszubringen und festzusetzen; dann wurde 
nach der Weise der vormaligen empirischen Psychologie 
aus den verschiedenen Empfindungen und JErscheinun- 
gen des gewöhnlichen Bewußtseins, als Reue, Schuld 
u. dergl., als welche sich nur aus dem freien Willen 
ßollen erklären lassen, der sogenannte Beweis ge- 
führt, daß der Wille frei sei. Bequemer ist es aber, 
sich kurzweg daran zu halten, daß die Freiheit als 
eine Tats-ache des Bewußtseins gegeben sei und an 
sie geglaubt werden müsse. Daß der Wille frei und 
was Wille und Freiheit ist — die Deduktion hiervon 
kann, wie schon bemerkt ist (§ 2), allein im Zusammen- 
hange des Ganzen stattfinden. Die Grundzüge dieser 
Prämisse, — daß der Geist zunächst Intelligenz und 
daß die Bestimmungen, durch welche sie in ihrer Ent- 
wickelung fortgeht, vom Gefühl, durch Vorstellen, 
zum Denken, der Weg sind, sich als Wille hervor- 
zubringen, welcher, als der praktische Geist überhaupt, 
die nächste Wahrheit der Intelligenz ist, — habe ich 
in meiner Encyklopädie der philosophischen 
Wissenschaften (Heidelberg, 1817) dargestellt und 
hoffe, deren weitere Ausführung dereinst geben zu 
können. Es ist mir um so mehr Bedürfnis, dadurch, wie 
ich hoffe, zu gründlicherer Erkenntnis der Natur des 
Geistes das Meinige beizutragen, da sich, wie daselbst 



28 Einleitung. § 5. 

§ 367 Anm, ^) bemerkt ist, nicht leicht eine philo- 
sophische Wissenschaft in so vernachlässigtem und 
schlechtem Zustande befindet als die Lehre vom 
Geiste, die man gewöhnlich Psychologie nennt. — In 
Ansehung der in diesem und in den folgenden §§ der 
Einleitung angegebenen Momente des Begriffes des 
Willens, welche das Resultat jener Prämisse sind, kann 
sich übrigens zum Behuf des Vorstellens auf das Selbst- 
bewußtsein eines jeden berufen werden. Jeder wird 
zunächst in sich finden, von allem, was es sei, abstra- 
hieren zu können und ebenso sich selbst bestimmen, 
jeden Inhalt durch sich in sich setzen zu können, und 
ebenso für die weiteren Bestimmungen das Beispiel in 
seinem Selbstbewußtsein haben. 

§5. 

Der Wille enthält «) das Element der reinen Un- 
bestimmtheit oder der reinen Reflexion des Ich in sich, 
in welcher jede Beschränkung, jeder durch die Natur, die 
Bedürfnisse, Begierden und Triebe unmittelbar vorhandener, 
oder, wodurch es sei, gegebener und bestimmter Inhalt auf- 
gelöst ist; die schrankenlose Unendlichkeit der absoluten 
Abstraktion oder Allgemeinheit, das reine Denken 
seiner selbst. 

Diejenigen, welche das Denken als ein besonderes, |li 
eigentümliches Vermögen, getrennt vom Willen, als lO 
einem gleichfalls eigentümlichen Vermögen, betrachten |8 
und weiter gar das Denken als dem Willen, besonders j^ 
dem guten Willen für nachteilig halten, zeigen sogleich ll 
von vornherein, daß sie gar nichts von der Natur des 'I 
Willens wissen; eine Bemerkung, die über denselben ;i 
Gegenstand noch öfters zu machen sein wird. — Wenn 
die eine hier bestimmte Seite des Willens, — diese : 
absolute Möglichkeit, von jeder Bestimmung, in der 
Ich mich finde, oder die Ich in mich gesetzt habe, ab- 
strahieren zu können, die Flucht aus allem Inhalte als 
einer Schranke, es ist, wozu der Wille sich bestimmt, 
oder die für sich von der Vorstellung als die Freiheit 
festgehalten wird, so ist dies die negative oder die 
Freiheit des Verstandes. — Es ist die Freiheit der 
Leere, welche zur wirklichen Gestalt und zur Leiden- 

*) In der 3. Aufl. § 444 (Lassonsche Ausgabe, Phil. Bibl. 
Bd. 33, S. 383 f.). 



Einleitung. § 6. 29 

Schaft erhoben und zwar, bloß theoretisch bleibend, 
im Religiösen der Fanatismus der indischen reinen Be- 
schauung, aber zur Wirklichkeit sich wendend, im Poli- 
tischen wie im Religiösen der Fanatismus der Zer- 
trümmerung aller bestehenden gesellschaftlichen Ord- 
nung, und die Hinwegräumung der einer Ordnung ver- 
dächtigen Individuen, wie die Vernichtung jeder sich 
wieder hervortun wollenden Organisation wird^). Nur 
indem er etwas zerstört, hat dieser negative Wille 
das Gefühl seines Daseins; er meint wohl etwa irgend 
einen positiven Zustand zu wollen, z. B. den Zustand 
allgemeiner Gleichheit oder allgemeinen religiösen 
Lebens, aber er will in der Tat nicht die positive Wirk- 
lichkeit desselben, denn diese führt sogleich irgend eine 
Ordnung, eine Besonderung sowohl von Einrichtungen 
als von Individuen herbei, die Besonderung und objektive 
Bestimmung ist es aber, aus deren Vernichtung dieser 
negativen Freiheit ihr Selbstbewußtsein hervorgeht. So 
kann das, was sie zu wollen meint, für sich schon 
nur eine abstrakte Vorstellung, und die Verwirklichung 
derselben nur die Furie des Zerstörens sein. 



ß) Ebenso ist Ich das Übergehen aus unterschieds- 
loser Unbestimmtheit zur Unterscheidung, Bestimmen 
und Setzen einer Bestimmtheit als eines Inhalts und Gegen- 
stands. — Dieser Inhalt sei nun weiter als durch die 
Natur gegeben oder aus dem Begriffe des Geistes erzeugt. 
Durch dies Setzen seiner selbst als eines bestimmten tritt 
Ich in das Dasein überhaupt; — das absolute Moment 
der Endlichkeit oder Besonderung des Ich. 

Dies zweite Moment der Bestimmung ist ebenso 
Negativität, Aufheben als das erste — es ist nämlich 
das Aufheben der ersten abstrakten Negativität. — Wie 
das Besondere überhaupt im Allgemeinen, so ist deswegen 
dies zweite Moment im ersten schon enthalten und nur 
ein Setzen dessen, was das erste schon an sich ist; 
— das erste Moment, als erstes für sich nämlich ist 
nicht die wahrhafte Unendlichkeit, oder konkrete All- 
gemeinheit, der Begriff, — sondern nur ein Bestimmtes, 
Einseitiges; nämlich weil es die Abstraktion von aller 

*) Vgl. „Die absolute Freiheit und der Schrecken". Hegel, 
Phänomenologie (Phil. Bibl. ßd. 114, S. 378 ff.). 



30 Einleitung. § 7. 

Bestimmtheit ist, ist es selbst nicht ohne die Bestimmt- 
heit; und als ein Abstraktes, Einseitiges zu sein, macht 
seine Bestimmtheit, Mangelhaftigkeit und Endlichkeit aus. 

— Die Unterscheidung und Bestimmung der zwei ange- 
gebenen Momente findet sich in der Fichteschen Philo- 
sophie, ebenso in der Kan tischen u. s. f. ; nur, um bei der 
Fichteschen Darstellung stehen zu bleiben, ist Ich als 
das Unbegrenzte (im ersten Satze der Fichteschen Wissen- 
schaftslehre) ganz nur als Positives genommen (so 
ist es die Allgemeinheit und Identität des Verstandesj, 
so daß dieses abstrakte Ich für sich das Wahre sein 
soll, und daß darum ferner die Beschränkung, — das 
Negative überhaupt, sei es als eine gegebene, äußere 
Schranke oder als eigene Tätigkeit des Ich — (im 
zweiten Satze) hinzukommt. — Die im Allgemeinen 
oder Identischen, wie im Ich, immanente Negativität 
aufzufassen, war der weitere Schritt, den die spekulative 
Philosophie zu machen hatte; — ein Bedürfnis, von 
welchem diejenigen nichts ahnen, welche den Dualis- 
mus der Unendlichkeit und Endlichkeit nicht einmal 
in der Immanenz und Abstraktion, wie Fichte, auffassen. 

§ 7. 
y) Der Wille ist die Einheit dieser beiden Momente; — 
die in sich reflektierte und dadurch zur Allgemeinheit 
zurückgeführte Besonderheit, — Einzelnheit; die 
Selbstbestimmung des Ich, in Einem sich als das 
Negative seiner selbst, nämlich als bestimmt, beschränkt 
zu setzen und bei sich, d. i. in seiner Identität mit sich 
und Allgemeinheit zu bleiben, und in der Bestimmung sich 
nur mit sich selbst zusammen zu schließen. — Ich bestimmt 
sich, insofern es die Beziehung der Negativität auf sich 
selbst ist; als diese Beziehung auf sich ist es ebenso 
gleichgültig gegen diese Bestimmtheit, weiß sie als die 
seinige und ideelle, als eine bloße Möglichkeit, durch 
die es nicht gebunden ist, sondern in der es nur ist, weil 
es sich in derselben setzt. — Dies ist die Freiheit des 
Willens, welche seinen Begriff oder Substantialität, seine 
Schwere so ausmacht, wie die Schwere die Substantialität 
des Körpers. 

Jedes Selbstbewußtsein weiß sich als Allgemeines, 

— als die Möglichkeit, von allem Bestimmten zu abstra- 
hieren, — als Besonderes mit einem bestimmten Gegen- 
stande, Inhalt, Zweck. Diese beiden Momente sind jedoch 



Einleitung. § 8. 31 

nur Abstraktionen; das Konkrete und Wahre (und alles 
Wahre ist konkret) ist die Allgemeinheit, welche zum 
Gegensatze das Besondere hat, das aber durch seine 
Reflexion in sich mit dem Allgemeinen ausgeglichen ist. 
— Diese Einheit ist die Einzel nh ei t, aber sie nicht 
in ihrer Unmittelbarkeit als Eins, wie die Einzelnheit 
in der Vorstellung ist, sondern nach ihrem Begriffe 
(Encykl. der philosoph. Wissenschaften, § 112 — lll)i), 
• — oder diese Einzelnheit ist eigentlich nichts anderes als 
der Begriff selbst. Jene beiden ersten Momente, daß der 
Wille von allem abstrahieren könne und daß er auch 
bestimmt sei — durch sich oder anderes — werden 
leicht zugegeben und gefaßt, weil sie für sich un- 
wahre und Verstandes-Momente sind; aber das dritte, 
das Wahre und Spekulative (und alles Wahre, insofern 
es begriffen wird, kann nur spekulativ gedacht werden) 
ist es, in welches einzugehen sich der Verstand weigert, 
der immer gerade den Begriff das Unbegreifliche nennt. 
Der Erweis und die nähere Erörterung dieses Innersten 
der Spekulation, der Unendlichkeit, als sich auf sich 
beziehender Negativität, dieses letzten Quellpunktes aller 
Tätigkeit, Lebens und Bewußtseins, gehört der Logik 
als der rein spekulativen Philosophie an. — Es kann 
hier nur noch bemerklich gemacht werden, daß wenn 
man so spricht: der Wille ist allgemein, der Wille 
bestimmt sich, man den Willen schon als vorausgesetztes 
Subjekt, oder Substrat ausdrückt, aber er ist nicht 
ein Fertiges und Allgemeines vor seinem Bestimmen 
und vor dem Aufheben und der Idealität dieses Be- 
stimmens, sondern er ist erst Wille als diese sich in 
sich vermittelnde Tätigkeit und Rückkehr in sich. 



Das weiter Bestimmte der Besonderung (/?. § 8) 
lacht den Unterschied der Formen des Willens aus; 
,) insofern die Bestim.mtheit der formelle Gegensatz von 
Subjektivem und Objektivem als äußerlicher unmittel- 
•arer Existenz ist, so ist dies der formale Wille als 
ielbstbewußtsein, welcher eine Außenwelt vorfindet, und 
,1s die in der Bestimmtheit in sich zurückkehrende Einzeln- 
leit der Prozeß ist, den subjektiven Zweck durch die 
/"ermittelung der Tätigkeit und eines Mittels in die Ob- 

1) In der 3. Aufl. §§ 163-165 (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 159 ff.). 



32 Einleitung. § 9—10. 

jektivität zu übersetzen. Im Geiste, wie er an und 
für sich ist, als in welchem die Bestimmtheit schlechthin 
die seinige und wahrhafte ist (Encyklop., §363)i), macht 
das Verhältnis des Bewußtseins nur die Seite der Er- 
scheinung des Willens aus, welche hier nicht mehr für 
sich in Betrachtung kommt. 

§9. 
b) Insofern die Willensbestimmungen die eigenen des 
Willens, seine in sich reflektierte Besonderung überhaupt 
sind, sind sie Inhalt. Dieser Inhalt als Inhalt des Willens 
ist ihm nach der in a) angegebenen Form Zweck, teils 
innerlicher oder subjektiver in dem vorstellenden Wollen, 
teils durch die Vermittelung der das Subjektive in die 
Objektivität übersetzenden Tätigkeit verwirklichter, aus- 
geführter Zweck. 

§ 10. 
Dieser Inhalt oder die unterschiedene Willensbestim- 
mung ist zunächst unmittelbar. So ist der Wille nur 
an sich frei, oder für uns, oder es ist überhaupt der 
Wille in seinem Begriffe. Erst indem der Wille sich 
selbst zum Gegenstande hat, ist er für sich, was er an 
sich ist. 

Die Endlichkeit besteht nach dieser Bestimmung 
darin, daß, w^as etwas an sich oder seinem Begriffe 
nach ist, eine von dem verschiedene Existenz oder Er- 
scheinung ist, was es für sich ist; so ist z. B. das 
abstrakte Außereinander der Natur an sich der Raum, 
für sich aber die Zeit. Es ist hierüber das Gedoppelte 
zu bemerken, erstens, daß, weil das Wahre nur die 
Idee ist, wenn man einen Gegenstand oder Bestimmung, 
nur wie er an sich oder im Begriffe ist, erfaßt, man 
ihn noch nicht in seiner Wahrheit hat; alsdann, daß 
etwas, wie es als Begriff oder an sich ist, gleichfalls 
existiert und diese Existenz eine eigene Gestalt des 
Gegenstandes ist (wie vorhin der Raum); die Trennung 
des Ansich- und Fürsichseins, die im Endlichen vorhanden 
ist, macht zugleich sein bloßes Dasein oder Erschei- 
nung aus — (wie unmittelbar [hernach] ein Beispiel am 
natürlichen Willen und dann [am] formellen Rechte u. s. f. 
vorkommen wird). Der Verstand bleibt bei dem bloßen 

») In der 3. Aufl. § 440 (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 380). 



Einleitung. § 11—12. 33 

An sichsein stehen und nennt so die Freiheit nach diesem 
Ansichsein ein Vermögen, wie sie denn so in der 
Tat nur die Möglichkeit ist. Aber er sieht diese Be- 
stimmung als absolute und perennierende an und nimmt 
ihre Beziehung auf das, was sie will, überhaupt auf 
ihre Realität, nur für eine Anwendung auf einen ge- 
gebenen Stoff an, die nicht zum Wesen der Freiheit 
selbst gehöre; er hat es auf diese Weise nur mit dem 
Abstraktum, nicht mit ihrer Idee und Wahrheit zu tun. 

§ 11- 

Der nur erst an sich freie Wille ist der unmittel- 
lare oder natürliche Wille, Die Bestimmungen des 
Jnterschieds, welchen der sich selbst bestimmende Begriff 
m Willen setzt, erscheinen im unmittelbaren Willen als ein 
inmittelbar vorhandener Inhalt, — es sind die Triebe, 
Begierden, Neigungen, durch die sich der Wille von 
^Tatur bestimmt findet. Dieser Inhalt nebst dessen ent- 
i^ickelten Bestimmungen kommt zwar von der Vernünftig- 
:eit des Willens her und ist so an sich vernünftig, aber 
n solche Form der Unmittelbarkeit ausgelassen, ist er 
loch nicht in Form der Vernünftigkeit. Dieser Inhalt 
3t zwar für mich der Mein ige überhaupt; diese Form 
md jener Inhalt sind aber noch verschieden, — der 
Ville ist so in sich endlicher Wille. 

Die empirische Psychologie erzählt und beschreibt 
diese Triebe und Neigungen und die sich darauf gründen- 
den Bedürfnisse, wie sie dieselben in der Erfahrung vor- 
findet oder vorzufinden vermeint, und sucht auf die ge- 
wöhnliche Weise diesen gegebenen Stoff zu klassifi- 
zieren. Was das Objektive dieser Triebe und wie 
dasselbe in seiner Wahrheit ohne die Form der Un- 
vernünftigkeit, in der es Trieb ist, und wie es zugleich 
in seiner Existenz gestaltet ist, davon unten. 

§12. 

Das System dieses Inhalts, wie es sich im Willen un- 
littelbar vorfindet, ist nur als eine Menge und Mannig- 
altigkeit von Trieben, deren jeder der Meinige überhaupt 
leben anderen, und zugleich ein Allgemeines und Un- 
bestimmtes ist, das vielerlei Gegenstände und Weisen der 
Befriedigung hat. [Dadurch] Daß der Wille sich in dieser 
:edoppelten Unbestimmtheit die Form der Einzelnheit 

Hegel, Eechtsphilosophie. 3 



34 Einleitung. § 13—14. 

gibt (§ 7), ist er beschließend und nur als beschließender 

Wille überhaupt ist er wirklicher Wille. 

Statt etwas beschließen, d. h. die Unbestimmt- 
heit, in welcher der eine sowohl als der andere Inhalt 
zunächst nur ein möglicher ist, aufheben, hat unsere 
Sprache auch den Ausdruck: sich entschließen, indem 
die Unbestimmtheit des Willens selbst, als das Neutrale, 
aber unendlich Befruchtete, der Urkeim alles Daseins, 
in sich die Bestimmungen und Zwecke enthält und sie 
nur aus sich hervorbringt. 

§ 13. 
Durch das Beschließen setzt der Wille sich als Willen 
eines bestimmten Individuums und als sich hinaus gegen 
anderes unterscheidenden. Außer dieser Endlichkeit als 
Bewußtsein (§ 8) ist der unmittelbare Wille aber um des 
Unterschieds seiner Form und seines Inhalts (§ 11) willen 
formell, es kommt ihm nur das abstrakte Beschließen, 
als solches, zu, und der Inhalt ist noch nicht der Inhalt 
und das Werk seiner Freiheit. 

Der Intelligenz als denkend bleibt der Gegenstand 
und Inhalt Allgemeines, sie selbst verhält sich als 
allgemeine Tätigkeit. Im Willen hat das Allgemeine 
zugleich wesentlich die Bedeutung des Meinigen, als 
Einzelnheit, und im unmittelbaren d. i. formellen 
Willen, als der abstrakten, noch nicht mit seiner freien 
Allgemeinheit erfüllten Einzelnheit. Im Willen beginnt 
daher die eigene Endlichkeit der Intelligenz, und 
nur dadurch, daß der Wille sich zum Denken wieder 
erhebt und seinen Zwecken die immanente Allgemein- 
heit gibt, hebt er den Unterschied der Form und des 
Inhalts auf und macht sich zum objektiven, unendlichen 
Willen. Diejenigen verstehen daher wenig von der Natur 
des Denkens und Wollens, welche meinen, im Willen 
überhaupt sei der Mensch unendlich, im Denken aber 
sei er oder gar die Vernunft beschränkt. Insofern 
Denken und Wollen noch unterschieden sind, ist viel- 
mehr das Umgekehrte das Wahre, und die denkende 
Vernunft ist als Wille dies, sich zur Endlichkeit zu 
entschließen. 

§14. 

Der endliche Wille, als nur nach der Seite der Form 
sich in sich reflektierendes und bei sich selbst seiendes 



II 



Einleitung. § 35. 35. 

unendliches Ich (§ 5) steht über dem Inhalt, den 
unterschiedenen Trieben, sowie über den weiteren einzelnen 
Arten ihrer Verwirklichung und Befriedigung, wie es zu- 
gleich, als nur formell unendliches, an diesen Inhalt, als 
die Bestimmungen seiner Natur und seiner äußeren Wirk- 
lichkeit, jedoch als unbestimmtes nicht an diesen oder jenen 
Inhalt, gebunden ist (§ 6 u, 11). Derselbe ist insofern 
für die Reflexion des Ich in sich nur ein Möglicher, als 
der Meinige zu sein oder auch nicht, und Ich die Möglich- 
keit, mich zu diesem oder einem anderen zu bestimmen, 
— unter diesen für dasselbe nach dieser Seite äußeren 
Bestimmungen zu wählen. 

§15. 

Die Freiheit des Willens ist nach dieser Bestimmung 
Willkür — in welcher dies beides enthalten ist, die 
freie von allem abstrahierende Reflexion und die Ab- 
hängigkeit von dem innerlich oder äußerlich gegebenen 
Inhalte und Stoffe, Weil dieser an sich als Zweck not- 
wendige Inhalt zugleich gegen jene Reflexion als Mög- 
licher bestimmt ist, so ist die Willkür die Zufälligkeit, 
wie sie als Wille ist. 

Die gewöhnlichste Vorstellung, die man bei der Frei- 
heit hat, ist die der Willkür, — • die Mitte der Reflexion 
zwischen dem Willen als bloß durch die natürlichen 
Triebe bestimmt, und dem an und für sich freien Willen. 
Wenn man sagen hört, die Freiheit überhaupt sei dies, 
daß man tun könne, was man wolle, so kann solche 
Vorstellung nur für gänzlichen Mangel an Bildung des 
Gedankens genommen werden, in welcher sich von dem, 
was der an und für sich freie Wille, Recht, Sittlichkeit 
u. s. f. ist, noch keine Ahnung findet. Die Reflexion, 
die formelle Allgemeinheit und Einheit des Selbst- 
bewußtseins, ist die abstrakte Gewißheit des Willens 
von seiner Freiheit, aber sie ist noch nicht die Wahr- 
heit derselben, weil sie sich noch nicht selbst zum 
Inhalte und Zwecke hat, die subjektive Seite also noch 
ein anderes ist als die gegenständliche; der Inhalt dieser 
Selbstbestimmung bleibt deswegen auch schlechthin nur 
ein Endliches. Die Willkür ist, statt der Wille in seiner 
Wahrheit zu sein, vielmehr der Wille als der Wider- 
■ Spruch. — - In dem zur Zeit der Wolf ischen Metaphysik 
vornehmlich geführten Streit, ob der Wille wirklich 



36 Einleitung. § 16—17. 

frei, oder ob das Wissen von seiner Freiheit nur eine 
Täuschung sei, war es die Willkür, die man vor Augen 
gehabt. Der Determinismus hat mit Recht der Ge- 
wißheit jener abstrakten Selbstbestimmung den Inhalt 
entgegengehalten, der als ein vorgefundener nicht 
in jener Gewißheit enthalten und daher ihr von außen 
kommt, obgleich dies Außen der Trieb, Vorstellung, über- 
haupt das, auf welche Weise es sei, so erfüllte Bewußt- 
sein ist, daß der Inhalt nicht das Eigene der selbst be- 
stimmenden Tätigkeit als solcher ist. Indem hiermit nur 
das formelle Element der freien Selbstbestimmung in 
der Willkür immanent, das andere Element aber ein ihr 
gegebenes ist, so kann die Willkür allerdings, wenn sie 
die Freiheit sein soll, eine Täuschung genannt werden. 
Die Freiheit in aller Reflexionsphilosophie, wie in der 
Kantischen und dann der Friesischen vollendeten 
Verseichtigung der Kantischen, ist nichts anders, als 
jene formale Selbsttätigkeit. 

§ 16. 

Das im Entschluß Gewählte (§ 14) kann der Wille 
ebenso wieder aufgeben (§ 5). Mit dieser Möglichkeit aber, 
ebenso über jeden anderen Inhalt, den er an die Stelle setzt, 
und ins Unendliche fort hinauszugehen, kommt er nicht 
über die Endlichkeit hinaus, weil jeder solcher Inhalt ein 
von der Form Verschiedenes, hiermit ein Endliches, und 
das Entgegengesetzte der Bestimmtheit, die Unbestimmt- 
heit, — Unentschlossenheit oder Abstraktion, — nur das 
andere gleichfalls einseitige Moment ist. 

§ IT. 

Der Widerspruch, welcher die Willkür ist (§ 15), hat 
als Dialektik der Triebe und Neigungen die Erschei- 
nung, daß sie sich gegenseitig stören, die Befriedigung 
des einen die Unterordnung oder Aufopferung der Befrie- 
digung des anderen fordert u. s. f.; und indem der Trieb 
nur einfache Richtung seiner Bestimmtheit ist, das Maß 
somit nicht in sich selbst hat, so ist dies unterordnende oder 
aufopfernde Bestimmen das zufällige Entscheiden der Will- 
kür, sie verfahre nun dabei mit berechnendem Verstände, 
bei welchem Triebe mehr Befriedigung zu gewinnen sei, 
oder nach welcher anderen beliebigen Rücksicht. 



Einleitung. § 18—20. 37 

§ 18. 

In Ansehung der Beurteilung der Triebe hat die 
Dialektik die Erscheinung, daß als immanent, somit 
positiv, die Bestimmungen des unmittelbaren Willens gut 
sind; der Mensch heißt so von Natur gut. Insofern 
sie aber Naturbestimmungen, also der Freiheit und 
dem Begriffe des Geistes überhaupt entgegen und das Ne- 
gative sind, sind sie auszurotten; der Mensch heißt 
so von Natur böse. Das Entscheidende für die eine oder 
die andere Behauptung ist auf diesem Standpunkt« gleich- 
falls die subjektive Willkür. 

§ 19- 
In der Forderung der Reinigung der Triebe liegt 
die allgemeine Vorstellung, daß sie von der Form ihrer 
unmittelbaren Naturbestimmtheit und von dem Subjektiven 
und Zufälligen des Inhalts befreit und auf ihr substantielles 
Wesen zurückgeführt vv^erden. Das Wahrhafte dieser un- 
bestimmten Forderung ist, daß die Triebe als das ver- 
nünftige System der Willensbestimmung seien; sie so aus 
dem Begriffe zu fassen, ist der Inhalt der Wissenschaft 
des Rechts. 

Der Inhalt dieser Wissenschaft kann nach allen 
seinen einzelnen Momenten z. B. Recht, Eigentum, Mo- 
ralität, Familie, Staat u. s. f. in der Form vorgetragen 
werden, daß der Mensch von Natur den Trieb zum 
Recht, auch den Trieb zum Eigentum, zur Moralität, 
auch den Trieb der Geschlechterliebe, den Trieb zur 
Geselligkeit u. s. f. habe. Will man statt dieser Form 
der empirischen Psychologie vornehmer Weise eine phi- 
losophische Gestalt haben, so ist diese nach dem, was, 
wie vorhin bemerkt worden, in neuerer Zeit für Philo- 
sophie gegolten hat und noch gilt, wohlfeil damit zu 
bekommen, daß man sagt, der Mensch finde als Tat- 
sache seines Bewußtseins in sich, daß er das Recht, 
Eigentum, den Staat u. s. i. wolle. Weiterhin wird eine 
andere Form desselben Inhalts, der hier in Gestalt von 
Trieben erscheint, nämlich die von Pflichten, ein- 
treten. 

§ 20. 
Die auf die Triebe sich beziehende Reflexion bringt, 
als sie vorstellend, berechnend, sie untereinander und dann 



38 Einleitung. § 21. 

mit ihren Mitteln, Folgen u. s. f. und mit einem Ganzen der 
Befriedigung — der Glückseligkeit — vergleichend, 
die formelle Allgemeinheit an diesen Stoff, und rei- 
niget denselben auf diese äußerliche Weise von seiner 
Roheit und Barbarei. Dies Hervortreiben der Allgemein- 
heit des Denkens ist der absolute Wert der Bildung 
(vergl. § 187). 

§21. 

Die Wahrheit aber dieser formellen, für sich unbe- 
stimmten und ihre Bestimmtheit an jenem Stoffe vor- 
findenden Allgemeinheit, ist die sich selbst bestim- 
mende Allgemeinheit, der Wille, die Freiheit. In- 
dem er die Allgemeinheit, sich selbst, als die unendliche 
Form zu seinem Inhalte, Gegenstande und Zweck hat, ist 
er nicht nur der an sich, sondern ebenso der für sich 
freie Wille — die wahrhafte Idee. 

Das Selbstbewußtsein des Willens, als Begierde, 
Trieb ist sinnlich, wie das Sinnliche überhaupt die 
Äußerlichkeit und damit das Außersichsein des Selbst- 
bewußtseins bezeichnet. Der reflektierende Wille 
hat die zwei Elemente, jenes Sinnliche und die denkende 
Allgemeinheit; der an und für sich seiende Wille 
hat den Willen selbst als solchen, hiermit sich in 
seiner reinen Allgemeinheit, zu seinem Gegenstande, 
— der Allgemeinheit, welche eben dies ist, daß die Un- 
mittelbarkeit der Natürlichkeit und die Partiku- 
larität, mit welcher ebenso die Natürlichkeit behaftet, 
als sie von der Reflexion hervorgebracht wird, in ihr auf- 
gehoben ist. Dies Aufheben aber und Erheben ins All- 
gemeine ist das, was die Tätigkeit des Denkens heißt 
Das Selbstbewußtsein, das seinen Gegenstand, Inhalt 
und Zweck bis zu dieser Allgemeinheit reinigt und er- 
hebt, tut dies als das im Willen sich durchsetzende 
Denken. Hier ist der Punkt, auf welchem es er- 
hellt, daß der Wille nur als denkende Intelligenz wahr- 
hafter, freier Wille ist. Der Sklave weiß nicht sein 
Wesen, seine Unendlichkeit, die Freiheit, er weiß sich 
nicht als Wesen; — und er weiß sich so nicht, das ist, 
er denkt sich nicht. Dies Selbstbewußtsein, das durch 
das Denken sich als Wesen erfaßt, und damit eben sich 
von dem Zufälligen und Unwahren abtut, macht das 
Prinzip des Rechts, der Moralität und aller Sittlichkeit 
aus. Die, welche philosophisch vom Recht, Moralität, 






I 



Einleitung. § 22—23. 39 

Sittlichkeit sprechen, und dabei das Denken ausschließen 
wollen, und an das Gefühl, Herz und Brust, an die Be- 
geisterung verweisen, sprechen damit die tiefste Ver- 
achtung aus, in welche der Gedanke und die Wissen- 
schaft gefallen ist, indem so die Wissenschaft sogar 
selbst, über sich in Verzweiflung und in die höchste 
Mattigkeit versunken, die Barbarei und das Gedanken- 
lose sich zum Prinzip macht und so viel an ihr wäre, 
dem Menschen alle Wahrheit, Wert und Würde raubte. 

§ 22. 

Der an und für sich seiende Wille ist wahrhaft un- 
endlich, weil sein Gegenstand er selbst, hiermit derselbe 
für ihn nicht ein Anderes noch Schranke, sondern er 
darin vielmehr nur in sich zurückgekehrt ist. Er ist 
ferner nicht bloße Möglichkeit, Anlage, Vermögen 
(potentia), sondern das Wirklich-Unendliche (infini- 
tum actu), weil das Dasein des Begriffs, oder seine gegen- 
ständliche Äußerlichkeit das Innerliche selbst ist. 

Wenn man daher nur vom freien Willen, als solchem, 
spricht, ohne die Bestimmung, daß er der an und für 
sich freie Wille ist, so spricht man nur von der An- 
lage der Freiheit, oder von dem natürlichen und end- 
lichen Willen (§ 11) und eben damit, der Worte und der 
Meinung unerachtet, nicht vom freien Willen. — ■ Indem 
der Verstand das Unendliche nur als Negatives und da- 
mit als ein Jenseits faßt, meint er dem Unendlichen um 
so mehr Ehre anzutun, je mehr er es von sich weg in 
die Weite hinausschiebt und als ein Fremdes von sich 
entfernt. Im freien Willen hat das wahrhaft Unend- 
liche Wirklichkeit und Gegenwart, — er selbst ist diese 
in sich gegenwärtige Idee. 

§ 23. 

Nur in dieser Freiheit ist der Wille schlechthin bei 
sich, weil er sich auf nichts als auf sich selbst bezieht, 
sowie damit alles Verhältnis der Abhängigkeit von 
etwas anderem hinwegfällt. — Er ist wahr oder viel- 
mehr die Wahrheit selbst, weil sein Bestimmen darin be- 
steht, in seinem Dasein, d. i. als sich gegenüberstehendes 
zu sein, was sein Begriff ist, oder der reine Begriff die 
Anschauung seiner selbst zu seinem Zwecke und Rea- 
lität hat. 



40 Einleitung. § 24—25. 

§24. 

Er ist allgemein, weil in ihm alle Beschränkung 
und besondere Einzelnheit aufgehoben ist, als welche allein 
in der Verschiedenheit des Begriffes und seines Gegen- 
standes oder Inhalts, oder nach anderer Form, in der 
Verschiedenheit seines subjektiven Fürsichseins — und 
seines Ansichseins, seiner ausschließenden und beschlie- 
ßenden Einzelnheit — und seiner Allgemeinheit selbst, liegt. 
Die verschiedenen Bestimmungen der Allgemein- 
heit ergeben sich in der Logik (s. Encyklop. der philos. 
Wissenschaften, § 118 — 126) i). Bei diesem Ausdruck 
fällt dem Vorstellen zunächst die abstrakte und äußer- 
liche ein; aber bei der an und für sich seienden Allge- 
meinheit, wie sie sich hier bestimmt hat, ist weder an 
die Allgemeinheit der Reflexion, die Gemeinschaft- 
lichkeit oder die Allheit zu denken, noch an die ab- 
strakte Allgemeinheit, welche außer dem Einzelnen, 
auf der anderen Seite steht, die abstrakte Verstandes- 
identität (§ 6 Anm.). Es ist die in sich konkrete und 
so für sich seiende Allgemeinheit, welche die Substanz, 
die immanente Gattung oder immanent« Idee des Selbst- 
bewußtseins ist; — der Begriff des freien Willens, als 
das über seinen Gegenstand übergreifende, durch 
seine Bestimmung hindurchgehende Allgemeine, 
das in ihr mit sich identisch ist. — Das an und für sich 
seiende Allgemeine ist überhaupt das, was man das 
Vernünftige nennt und was nur auf diese spekulative 
Weise gefaßt werden kann. 

§ 25. 

Das Subjektive heißt in Ansehung des Willens über- 
haupt die Seite seines Selbstbewußtseins, der Einzelnheit 
(§ 7) im Unterschiede von seinem an sich seienden Be- 
griffe, daher heißt seine Subjektivität a) die reine Form, 
die absolute Einheit des Selbstbewußtseins mit sich, 
in der es als Ich = Ich schlechthin innerlich und ab- 
straktes Beruhen auf sich ist — die reine Gewißheit 
seiner selbst, unterschieden von der Wahrheit; ß) die Be- 
sonderheit des Willens als die Willkür und der zufällige 
Inhalt beliebiger Zwecke; y) überhaupt die einseitige Form 

1) In der 3. Aufl. §§ 169—178 (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 164 ff.). 



Einleitung. § 26. 41 

(§ 8), insofern das Gewollte, wie es seinem Inhalte nach 
sei, nur erst ein dem Selbstbewußtsein angehöriger Inhalt 
und unausgeführter Zweck ist. 

§ 26. 
Der Wille a) insofern er sich selbst zu seiner Bestim- 
mung hat und so seinem Begriffe gemäß und wahrhaftig 
ist, ist der schlechthin objektive Wille, ß) der ob- 
jektive Wille aber, als ohne die unendliche Form des 
Selbstbewußtseins ist der in sein Objekt oder Zustand, 
wie er seinem Inhalte nach beschaffen sei, versenkte Wille 
— der kindliche, sittliche, wie der sklavische, abergläubische 
U.S. f. — ;■) Die Objektivität ist endlich die einseitige Form 
im Gegensatze der subjektiven Willensbestiramung, hiermit 
die Unmittelbarkeit des Daseins, als äußerliche Existenz; 
der Wille wird sich in diesem Sinne erst durch die Aus- 
führung seiner Zwecke objektiv. 

Diese logischen Bestimmungen von Subjektivität und 
Objektivität sind hier in der Absicht besonders auf- 
geführt worden, um in Ansehung ihrer, da sie in der 
Folge oft gebraucht werden, ausdrücklich zu bemerken, 
daß es ihnen wie anderen Unterschieden und entgegen- 
gesetzten Reflexionsbestimraungen geht, um ihrer End- 
lichkeit und daher ihrer dialektischen Natur willen in 
ihr Entgegengesetztes überzugehen. Anderen solchen 
Bestimmungen des Gegensatzes bleibt jedoch ihre Be- 
deutung fest für Vorstellung und Verstand, indem ihre 
Identität noch als ein Innerliches ist. Im Willen hin- 
gegen führen solche Gegensätze, welche abstrakte und 
zugleich Bestimmungen von ihm, der nur als das Kon- 
krete gewußt werden kann, sein sollen, von selbst auf 
diese ihre Identität und auf die Verwechslung ihrer Be- 
deutungen; — eine Verwechslung, die dem Verstände 
bewußtlos nur begegnet. — So ist der Wille, als die in 
sich seiende Freiheit, die Subjektivität selbst, diese 
ist damit sein Begriff und so seine Objektivität; End- 
lichkeit aber ist seine Subjektivität, im Gegensatze gegen 
die Objektivität; aber eben in diesem Gegensatze ist der 
Wille nicht bei sich, mit dem Objekte verwickelt, und seine 
Endlichkeit besteht ebensowohl darin, nicht subjektiv zu 
sein u.s.f. — Was daher im folgenden das Subjektive oder 
Objektive des Willens für eine Bedeutung haben soll, hat 
jedesmal aus dem Zusammenhang zu erhellen, der ihre 
Stellung in Beziehung auf die Totalität enthält. 



42 Einleitung. § 27—29. 

§27. 

Die absolute Bestimmung oder, wenn man will, der 
absolute Trieb des freien Geistes (§ 21), daß ihm seine Frei- 
heit Gegenstand sei — objektiv sowohl in dem Sinne, daß 
sie als das vernünftige System seiner selbst, als in dem 
Sinne, daß dies unmittelbare Wirklichkeit sei (§ 26) — 
um für sich, als Idee zu sein, was der Wille an sich ist; 
— der abstrakte Begriff der Idee des Willens ist über- 
haupt der freie Wille, der den freien Willen will. 

§ 28. 

Die Tätigkeit des Willens, den Widerspruch der Sub- 
jektivität und Objektivität aufzuheben und seine Zwecke 
aus jener Bestimmung in diese überzusetzen und in der 
Objektivität zugleich bei sich zu bleiben, ist außer der 
formalen Weise des Bewußtseins (§ 8), worin die Objek- 
tivität nur als unmittelbare Wirklichkeit ist, die wesent- 
liche Entwickelung des substantiellen Inhalts der Idee 
(§ 21), eine Entwickelung, in welcher der Begriff die zu- 
nächst selbst abstrakte Idee zur Totalität ihres Systems 
bestimmt, die als das Substantielle unabhängig von dem 
Gegensatze eines bloß subjektiven Zwecks und seiner Reali- 
sierung, dasselbe in diesen beiden Formen ist. 

§29. 

Dies, daß ein Dasein überhaupt, Dasein des freien 
Willens ist, ist das Recht. — Es ist somit überhaupt 
die Freiheit, als Idee. 

Die Kantische (Kants Rechtslehre Einl.) und auch 
allgemeiner angenommene Bestimmung, worin „die Be- 
schränkung meiner Freiheit oder Willkür, daß sie 
mit jedermanns Willkür nach einem allgemeinen Gesetze 
zusammen bestehen könne", das Hauptmoment ist — ent- 
hält teils nur eine negative Bestimmung, die der Be- 
schränkung, teils läuft das Positive, das allgemeine oder 
sogenannte Vernunftgesetz, die Übereinstimmung der 
Willkür des einen mit der Willkür des anderen, auf die 
bekannte formelle Identität und den Satz des Wider- 
spruchs hinaus. Die angeführte Definition des Rechts 
enthält die seit Rousseau vornehmlich verbreitete An- 
sicht, nach welcher der Wille, nicht als an und für sich 
seiender, vernünftiger, der Geist nicht als wahrer Geist, 



< 



Einleitung. § 30. 43 

sondern als besonderes Individuum, als Wille des Ein- 
zelnen in seiner eigentümlichen Willkür, die substantielle 
Grundlage und das Erste sein soll. Nach diesem ein- 
mal angenommenen Prinzip kann das Vernünftige frei- 
lich nur als beschränkend für diese Freiheit, sowie auch 
nicht als immanent Vernünftiges, sondern nur als ein 
äußeres, formelles Allgemeines herauskommen. Jene An- 
sicht ist ebenso ohne allen spekulativen Gedanken und 
von dem philosophischen Begriffe verworfen, als sie in 
den Köpfen und in der Wirklichkeit Erscheinungen her- 
vorgebracht hat, deren Fürchterlichkeit nur an der Seich- 
tigkeit der Gedanken, auf die sie sich gründeten, eine 
Parallele hat, 

§30. 

Das Recht ist etwas Heiliges überhaupt, allein 
weil es das Dasein des absoluten Begriffes, der selbst- 
bewußten Freiheit ist. — Der Formalismus des Rechte 
aber (und weiterhin der Pflicht) entsteht aus dem Unter- 
schiede der Entwickelung des Freiheitsbegriffs. Gegen 
formelleres, d. i. abstrakteres und darum beschränkteres 
Recht, hat die Sphäre und Stufe des Geistes, in welcher 
er die weiteren in seiner Idee enthaltenen Momente zur 
Bestimmung und Wirklichkeit in sich gebracht hat, als 
die konkretere in sich reichere und wahrhafter allgemeine 
eben damit auch ein höheres Recht. 

Jede Stufe der Entwickelung der Idee der Freiheit 
hat ihr eigentümliches Recht, weil sie das Dasein der 
Freiheit in einer ihrer eigenen Bestimmungen ist. Wenn 
vom Gegensatze der Moralität, der Sittlichkeit gegen das 
Recht gesprochen wird, so ist unter dem Rechte nur 
das erste formelle der abstrakten Persönlichkeit ver- 
standen. Die Moralität, die Sittlichkeit, das Staatsinter- 
esse ist jedes ein eigentümliches Recht, weil jede dieser 
Gestalten Bestimmung und Dasein der Freiheit ist. 
In Kollision können sie nur kommen, insofern sie auf 
gleicher Linie stehen, Rechte zu sein; wäre der mora- 
lische Standpunkt des Geistes nicht auch ein Recht, die 
Freiheit in einer ihrer Formen, so könnte sie gar nicht 
in Kollision mit dem Rechte der Persönlichkeit oder 
einem anderen kommen, weil ein solches den Freiheits- 
begriff, die höchste Bestimmung des Geistes, in sich 
enthält, gegen welchen Anderes ein substanzloses ist. 



44 Einleitung. § 31. 

Aber die Kollision enthält zugleich dies andere Moment, 
daß sie beschränkt und damit auch eins dem anderen 
untergeordnet ist; nur das Recht des Weltgeistes ist das 
uneingeschränkt absolute. 

§ 31. 

Die Methode, wie in der Wissenschaft der Begriff sich 
aus sich selbst entwickelt und nur ein im^manentes Fort- 
schreiten und Hervorbringen seiner Bestimmungen ist — 
der Fortgang nicht durch die Versicherung, daß es ver- 
schiedene Verhältnisse gebe, und dann durch das An- 
wenden des Allgemeinen auf solchen von sonst her auf- 
genommenen Stoff geschieht, ist hier gleichfalls aus der 
Logik vorausgesetzt. 

Das bewegende Prinzip des Begriffs, als die Be- 
sonderungen des Allgemeinen nicht nur auflösend, son- 
dern auch hervorbringend, heiße ich die Dialektik, 
— Dialektik also nicht in dem Sinne, daß sie einen dem 
Gefühl, dem unmittelbaren Bewußtsein überhaupt ge- 
gebenen Gegenstand, Satz u. s. f. auflöst, verwirrt, herüber 
und hinüber führt und es nur mit Herleiten seines 
Gegenteils zu tun hat, — eine negative Weise, wie sie 
häufig auch bei P lato erscheine. Sie kann so das Gegen- 
teil einer Vorstellung, oder entschieden wie der alte 
Skeptizismus den Widerspruch derselben, oder auch 
matter Weise eine Annäherung zur Wahrheit, eine 
moderne Halbheit, als ihr letztes Resultat ansehen. Die 
höhere Dialektik des Begriffes ist, die Bestimmung nicht 
bloß als Schranke und Gegenteil, sondern aus ihr den 
positiven Inhalt und Resultat hervorzubringen und auf- 
zufassen, als wodurch sie allein Ent Wickelung und 
immanentes Fortschreiten ist. Diese Dialektik ist dann 
nicht äußeres Tun eines subjektiven Denkens, sondern 
die eigene Seele des Inhalts, die organisch ihre Zweige 
und Früchte hervortreibt. Dieser Entwickelung der Idee 
als eigener Tätigkeit ihrer Vernunft sieht das Denken 
als subjektives, ohne seinerseits eine Zutat hinzuzufügen, 
nur zu. Etwas vernünftig betrachten heißt, nicht an 
den Gegenstand von außen her eine Vernunft hinzu- 
bringen und ihn dadurch bearbeiten, sondern der Gegen- 
stand ist für sich selbst vernünftig; hier ist es der Geist 
in seiner Freiheit, die höchste Spitze der selbstbewußten 
Vernunft, die sich Wirklichkeit gibt und als existierende 



Einleitimg. § 32. Einteilung. § 33. 45 

Welt erzeugt; die Wissenschaft hat nur das Geschäft, 
diese eigene Arbeit der Vernunft der Sache zum Be- 
wußtsein zu bringen. 

§ 32. 

Die Bestimmungen in der Entvvickelung des Be- 
griffs sind einerseits selbst Begriffe, andererseits, weil der 
Begriff wesentlich als Idee ist, sind sie in der Form des 
Daseins, und die Reihe der sich ergebenden Begriffe ist 
damit zugleich eine Reihe von Gestaltungen; so sind sie 
in der Wissenschaft zu betrachten. 

In spekulativerem Sinn ist die Weise des Daseina 
eines Begriffes und seine Bestimmtheit eins und das- 
selbe. Es ist aber zu bemerken, daß die Momente, deren 
Resultat eine weiter bestimmte Form ist, ihm als Be- 
griffsbestimmungen in der wissenschaftlichen Entwicke- 
lung der Idee vorangehen, aber nicht in der zeitlichen 
Entwickelung als Gestaltungen ihm vorausgehen. So 
hat die Idee, wie sie als Familie bestimmt ist, die Be- 
griffsbestimmungen zur Voraussetzung, als deren Re- 
sultat sie im folgenden dargestellt werden wird. Aber 
daß diese inneren Voraussetzungen auch für sich schon 
als Gestaltungen, als Eigentumsrecht, Vertrag, Mo- 
ralität u.s. f. vorhanden seien, dies ist die andere Seite der 
Entwickelung, die nur in höher vollendeter Bildung es 
zu diesem eigentümlich gestalteten Dasein ihrer Mo- 
mente gebracht hat. 

Eioteilung. 

§33. 

Nach dem Stufengange der Entwickelung der Idee des 
an und für sich freien Willens ist der Wille 

A. unmittelbar; sein Begriff daher abstrakt, — die 
Persönlichkeit, — und sein Dasein eine unmittel- 
bare äußerliche Sache; — • die Sphäre des abstrakten 
oder formellen Rechts. 

B. der Wille aus dem äußeren Dasein in sich reflektiert, 
als subjektive Einzelnheit bestimmt gegen das 
Allgemeine, — dasselbe, teils als Inneres, das 
Gute, teils als Äußeres, eine vorhandene Welt, 
und diese beiden Seiten der Idee als nur durch ein- 



46 Einteilung. § 33. 

ander vermittelt; die Idee in ihrer Entzweiung 
oder besonderen Existenz, das Recht des sub- 
jektiven Willens im Verhältnis zum Recht der 
Welt und zum Recht der, aber nur an sich sei- 
enden, Idee; — die Sphäre der Moralität. 
C. die Einheit und Wahrheit dieser bsiden abstrakten 
Momente, — die gedachte Idee des Guten realisiert 
in dem in sich reflektierten Willen und in äußer- 
licher Welt; ■ — so daß die Freiheit als die Sub- 
stanz ebensosehr als Wirklichkeit und Notwen- 
digkeit existiert, wie als subjektiver Wille; — 
die Idee in ihrer an und für sich allgemeinen Existenz; 
die Sittlichkeit. 
Die sittliche Substanz aber ist gleichfalls 

a. natürlicher Geist; — die Familie, 

b. in ihrer Entzweiung und Erscheinung; — die 
bürgerliche Gesellschaft, 

c. der Staat, als die in der freien Selbständigkeit des 
besonderen Willens ebenso allgemeine und objektive 
Freiheit; — welcher wirkliche und organische Geist 
a. eines Volks sich ß. durch das Verhältnis der be- 
sonderen Volksgeister hindurch, y. in der Welt- 
geschichte zum allgemeinen Weltgeiste wirklich wird 
und offenbart, dessen Recht das Höchste ist 

Daß eine Sache oder Inhalt, der erst seinem Be- 
griffe nach, oder wie er an sich ist, gesetzt ist, die 
Gestalt der Unmittelbarkeit oder des Seins hat, ist 
aus der spekulativen Logik vorausgesetzt; ein anderes ist 
der Begriff, der in der Form des Begriffs für sich ist; 
dieser ist nicht mehr ein Unmittelbares. — Gleicher- 
weise ist das die Einteilung bestimmende Prinzip voraus- 
gesetzt. Die Einteilung kann auch als eine historische 
Vorausangabe der Teile angesehen werden, denn die 
verschiedenen Stufen müssen als Entwickelungsmomente 
der Idee sich aus der Natur des Inhalts selbst hervor- 
bringen. Eine philosophische Einteilung ist überhaupt 
nicht eine äußerliche, nach irgendeinem oder mehreren 
aufgenommenen Einteilungsgründen gemachte äußere 
Klassifizierung eines vorhandenen Stoffes, sondern das 
immanente Unterscheiden des Begriffes selbst. — Mo- 
ralität und Sittlichkeit, die gewöhnlich etwa als 
gleichbedeutend gelten, sind hier in wesentlich ver- 
schiedenem Sinne genommen. Inzwischen scheint auch 



I 



Einteilung, § 33. 47 

die Vorstellung sie zu unterscheiden; der Kantische 
Sprachgebrauch bedient sich vorzugsweise des Ausdrucks 
Moralität, wie denn die praktischen Prinzipien dieser 
Philosophie sich durchaus auf diesen Begriff beschränken, 
den Standpunkt der Sittlichkeit sogar unmöglich 
machen, ja selbst sie ausdrücklich zernichten und em- 
pören. Wenn aber Moralität und Sittlichkeit, ihrer Ety- 
mologie nach, auch gleichbedeutend wären, so hinderte 
dies nicht, diese einmal verschiedenen Worte für ver- 
schiedene Begriffe zu benutzen. 



Erster Teil. 

Das abstrakte Recht. 



§34. 

Der an und für sich freie Vv'ille, wie er in seinem 
abstrakten Begriffe ist, ist in der Bestimmtheit der 
Unmittelbarkeit. Nach dieser ist er seine gegen die 
Realität negative, nur sich abstrakt auf sich beziehende 
Wirklichkeit, — in sich einzelner Wille eines Sub- 
jekts. Nach dem Momente der Besonderheit des 
Willens hat er einen weiteren Inhalt bestimmter Zwecke 
und als ausschließende Einzelnheit diesen Inhalt zu- 
gleich als eine äußere, unmittelbai= vorgefundene Welt 
vor sich. 

§35. 

Die Allgemeinheit dieses für sich freien Willens 
ist die formelle, die selbstbewußte sonst inhaltslose ein- 
fache Beziehung auf sich in seiner Einzelnheit, — das 
Subjekt ist insofern Person. In der Persönlichkeit 
liegt, daß ich als Dieser vollkommen nach allen Seiten 
(in innerlicher Willkür, Trieb und Begierde, sowie nach 
unmittelbarem äußerlichen Dasein) bestimmte und end- 
liche, doch schlechthin reine Beziehung auf mich bin und 
in der Endlichkeit mich so als das Unendliche, All- 
gemeine und Freie weiß. 

Die Persönlichkeit fängt erst da an, insofern das 
Subjekt nicht bloß ein Selbstbewußtsein überhaupt von 
sich hat als konkretem auf irgendeine Weise bestimmtem, 
sondern vielmehr ein Selbstbewußtsein von sich als voll- 
kommen abstraktem Ich, in welchem alle konkrete Be- 
schränktheit und Gültigkeit negiert und ungültig ist. 
In der Persönlichkeit ist daher das Wissen seiner als 



I 



Das abstrakte Recht. § 36—38. 49 

Gegenstandes, aber als durch das Denken in die 
einfache Unendlichkeit erhobenen und dadurch mit sich 
rein-identischen Gegenstandes. Individuen und Völker 
haben noch keine Persönlichkeit, insofern sie noch nicht 
zu diesem reinen Denken und Wissen von sich gekommen 
sind. Der an und für sich seiende Geist unterscheidet 
sich dadurch von dem erscheinenden Geiste, daß in 
derselben Bestimmung, worin dieser nur Selbstbewußt- 
sein, — Bewußtsein von sich, aber nur nach dem 
natürlichen Willen und dessen noch äußerlichen Gegen- 
sätzen ist (Phänomenologie des Geistes. Bamberg und 
Würzburg 1807, S. 101 s. f. und Encyklopädie der 
philos. Wissensch. § 844)^), der Geist sich als abstraktes 
und zwar freies Ich zum Gegenstande und Zwecke hat 
und so Person ist. 

§ 36. 

1. Die Persönlichkeit enthält überhaupt die Rechts- 
fähigkeit und macht den Begriff und die selbst abstrakte 
Grundlage des abstrakten und daher formellen Rechtes 
aus. Das Rechtsgebot ist daher: sei eine Person und 
respektiere die anderen als Personen. 

§ 37. 

2. Die Besonderheit des Willens ist wohl Moment 
des ganzen Bewußtseins des Willens (§ 34), aber in der 
abstrakten Persönlichkeit als solcher noch nicht enthalten. 
Sie ist daher zwar vorhanden, aber als von der Persön- 
lichkeit, der Bestimmung der Freiheit, noch verschieden, 
Begierde, Bedürfnis, Triebe, zufälliges Belieben u. s. f. ■ — 
Im formellen Rechte kommt es daher nicht auf das be- 
sondere Interesse, meinen Nutzen oder mein Wohl an — 
ebensowenig auf den besonderen Bestimmungsgrund meines 
Willens, auf die Einsicht und Absicht. 

§ 38. 
In Beziehung auf die konkrete Handlung und mora- 
lische und sittliche Verhältnisse ist gegen deren weiteren 
Inhalt das abstrakte Recht nur eine Möglichkeit, die 
rechtliche Bestimmung daher nur eine Erlaubnis oder 
Befugnis. Die Notwendigkeit dieses Rechts beschränkt 
sich aus demselben Grunde seiner Abstraktion auf das 



1) Phänomenologie, Lassonsche Ausg., S. 1 16 f. (Phil. Bibl. 
114. Bd.); Encyklop. 3. Aufl. § 424 (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 374 f.). 
Hegel, Kechtsphilosophie. 4 



50 Erster Teil, i; 39—40. 

Negative, die Persönlichkeit und das daraus Folgende 
nicht zu verletzen. Es gibt daher nur Rechtsverbote, 
und die positive Form von Rechtsgeboten hat ihrem letzten 
Inhalte nach das Verbot zugrunde liegen. 

§ 39. 

3. Die beschließende und unmittelbare Einzelnheit 
der Person verhält sich zu einer vorgefundenen Natur, 
welcher hiermit die Persönlichkeit des Willens als ein 
Subjektives gegenübersteht, aber dieser, als in sich un- 
endlich und allgemein, ist die Beschränkung, nur sub- 
jektiv zu sein, widersprechend und nichtig. Sie ist das 
Tätige, sie aufzuheben und sich Realität zu geben, oder, 
was dasselbe ist, jenes Dasein als das ihrige zu set2ien. 

§ 40. 
Das Recht ist zuerst das unmittelbare Dasein, welches 
sich die Freiheit auf unmittelbare Weise gibt, 

a) Besitz, welcher Eigentum ist; — die Freiheit ist 
hier die des abstrakten Willens überhaupt, oder eben damit 
einer einzelnen sich nur zu sich verhaltenden Person. 

b) Die Person, sich von sich unterscheidend, verhält 
sich zu einer anderen Person und zwar haben beide nur 
als Eigentümer für einander Dasein. Ihre an sich seiende 
Identität erhält Existenz durch das Übergehen des Eigen- 
tums des einen in das des anderen mit gemeinsamen Wülen 
und Erhaltung ihres Rechts, — im Vertrag. 

c) Der Wille als (a) in seiner Beziehung auf sich, nicht 
von einer anderen Person (b), sondern in sich selbst 
unterschieden, ist er, als besonderer Wille von sich als 
an und für sich seiendem verschieden und entgegen- 
gesetzt, — Unrecht und Verbrechen. 

Die Einteilung des Rechts in Personen-Sachen- 
recht und das Recht zu Aktionen hat, so wie die vielen 
anderen dergleichen Einteilungen, zunächst den Zweck, 
die Menge des vorliegenden unorganischen Stoffs in eine 
äußerliche Ordnung zu bringen. Es liegt in diesem Ein- 
teilen vornehmlich die Verwirrung, Rechte, welche sub- 
stantielle Verhältnisse, wie Familie und Staat, zu ihrer 
Voraussetzung haben, und solche, die sich auf die bloße 
abstrakte Persönlichkeit beziehen, kunterbunt zu ver- 
mischen. In diese Verwirrung gehört die Kantische und 
sonst beliebt gewordene Einteilung in sächliche, per- 
sönliche und dinglichpersönliche Rechte. Das 



Das abstrakte Recht. § 40. 51 

Schiefe und Begriff lose der Einteilung in Personen- 
und Sachenrecht, das in dem römischen Rechte zu- 
grunde liegt, zu entwickeln (das Recht zu Aktionen be- 
trifft die Rechtspflege und gehört nicht in diese Ord- 
nung), würde zu weit führen. Hier erhellt schon so 
viel, daß nur die Persönlichkeit ein Recht an Sachen 
gibt und daher das persönliche Recht wesentlich Sachen- 
recht ist, — Sache im allgemeinen Sinne als das der 
Freiheit überhaupt Äußerliche, wozu auch mein Körper, 
mein Leben gehört. Dies Sachenrecht ist das Recht 
der Persönlichkeit als solcher. Was aber das im 
römischen Rechte sogenannte Personenrecht betrifft, 
so soll der Mensch erst, mit einem gewissen status 
betrachtet, eine Person sein (Heineccii Elem. Jur. Civ., 
§ LXXV.); im römischen Rechte ist hiermit sogar die 
Persönlichkeit selbst, als gegenüber der Sklaverei, nur 
ein Stand, Zustand. Der Inhalt des römischen so- 
genannten Personenrechts betrifft dann außer dem Recht 
an Sklaven, wozu ungefähr auch die Kinder gehören, 
und dem Zustande der Rechtlosigkeit (capitis dimi- 
nutio) die Familienverhältnisse. Bei Kant sind 
vollends die Familienverhältnisse, die auf dingliche 
Weise persönlichen Rechte. — Das römische Per- 
sonenrecht ist daher nicht das Recht der Person als 
solcher, sondern wenigstens der besonderen Person; 

— späterhin wird sich zeigen, daß das Familienverhält- 
nis vielmehr das Aufgeben der Persönlichkeit zu 
seiner substantiellen Grundlage hat. Es kann nun 
nicht anders als verkehrt erscheinen, das Recht der be- 
sonders bestimmten Person vor dem allgemeinen 
Rechte der Persönlichkeit abzuhandeln. — Die persön- 
lichen Rechte bei Kant sind die Rechte, die aus 
einem Vertrage entstehen, daß Ich etwas gebe, leiste 

— das jus ad rem im römischen Recht, das aus einer 
Obligatio entspringt. Es ist allerdings nur eine Person, 
die aus einem Vertrage zu leisten hat, sowie auch nur eine 
Person, die das Recht an eine solche Leistung erwirbt, 
aber ein solches Recht kann man darum nicht ein persön- 
liches nennen; jede Art von Rechten kommt nur einer 
Person zu, und objektiv ist ein Recht aus dem Ver- 
trage nicht Recht an eine Person, sondern nur an ein 
ihr Äußerliches, oder etwas von ihr zu Veräußerndes, 
immer an eine Sache. 



52 Erster Teil. Das abstrakte Recht. § 41—43. 

Erster Abschnitt. 

Bas Eigentum. 

§41. 

Die Person muß sich eine äußere Sphäre ihrer 
Freiheit geben, um als Idee zu sein. Weil die Person 
der an und für sich seiende unendliche Wille in dieser 
ersten noch ganz abstrakten Bestimmung ist, so ist dies 
von ihm Unterschiedene, was die Sphäre seiner Freiheit 
ausmachen kann, gleichfalls als das von ihm unmittelbar 
Verschiedene und Trennbare bestimmt. 

§42. 

Das von dem freien Geiste unmittelbar Verschiedene ist 
für ihn und an sich das Äußerliche überhaupt, — eine 
Sache, ein Unfreies, Unpersönliches und Rechtloses. 

Sache hat wie das Objektive die entgegengesetzten 
Bedeutungen, das eine Mal, wenn man sagt: das ist 
die Sache, es kommt auf die Sache, nicht auf die 
Person an, — die Bedeutung des Substantiellen; das 
andere Mal gegen die Person (nämlich nicht das be- 
sondere Subjekt) ist die Sache das Gegenteil des Sub- 
stantiellen, das seiner Bestimmung nach nur Äußer- 
liche. — Was für den freien Geist, der vom bloßen 
Bewußtsein wohl unterschieden werden muß, das Äußer- 
liche ist, ist es an und für sich, darum ist die Begriffs- 
bestimmung der Natur dies, das Äußerliche an ihr 
selbst zu sein. 

§ 43. 

Die Person hat als der unmittelbare Begriff und 
damit auch wesentlich Einzelne eine natürliche Existenz, 
teils an ihr selbst, teils als eine solche, zu der sie als 
einer Außenwelt sich verhält. — Nur von diesen Sachen, 
als die es unmittelbar, nicht von Bestimmungen, die es 
durch die Vermittelung des Willens zu werden fähig sind, 
ist hier bei der Person, die selbst noch in ihrer ersten 
Unmittelbarkeit ist, die Rede. 

Geistige Geschicklichkeiten, Wissenschaften, Künste, 
selbst Religiöses (Predigten, Messen, Gebete, Segen in ge- 
weihten Dingen), Erfindungen u, s. f. werden Gegenstände |l 



I 



Erster Abschnitt. Das Eigentum. § 43. 53 

des Vertrags, anerkannten Sachen in Weise desKaufens, 
Verkaufens u. s. f. gleichgesetzt. Man kann fragen, ob 
der Künstler, der Gelehrte u. s. f. im juristischen Besitze 
seiner Kunst, Wissenschaft, seiner Fähigkeit, eine Predigt 
zu halten, Messe zu lesen u. s. w. sei, d. i. ob dergleichen 
Gegenstände Sachen seien. Man wird Anstand nehmen, 
solche Geschicklichkeiten, Kenntnisse, Fähigkeiten u. s. f. 
Sachen zu nennen: da über dergleichen Besitz einer- 
seits als über Sachen verhandelt und kontrahiert wird, 
er andererseits aber ein Inneres und Geistiges ist, kann 
der Verstand über die juristische Qualifikation desselben 
in Verlegenheit sein, da ihm nur der Gegensatz: daß 
etwas entweder Sache oder Nicht-Sache (wie das Ent- 
weder unendlich, Oder endlich), vorschwebt, Kennt- 
nisse, Wissenschaften, Talente u. s. f. sind freilich dem 
freien Geiste eigen und ein Innerliches desselben, nicht 
ein Äußerliches, aber ebensosehr kann er ihnen durch 
die Äußerung ein äußerliches Dasein geben und sie 
veräußern (s. unten), wodurch sie unter die Bestim- 
mung von Sachen gesetzt werden. Sie sind also nicht 
zuerst ein Unmittelbares, sondern werden es erst durch 
die Vermittelung des Geistes, der sein Inneres zur Un- 
mittelbarkeit und Äußerlichkeit herabsetzt, — Nach der 
unrechtlichen und unsittlichen Bestimmung des römischen 
Eechts waren die Kinder Sachen für den Vater und 
dieser hiermit im juristischen Besitze seiner Kinder, und 
doch wohl stand er auch im sittlichen Verhältnisse der 
Liebe zu ihnen (das freilich durch jenes Unrecht sehr 
geschwächt werden mußte). Es fand darin also eine, 
aber ganz unrechtliche Vereinigung der beiden Bestim- 
mungen von Sache und Nicht-Sache statt, — Im ab- 
strakten Rechte, das nur die Person als solche, somit 
auch das Besondere, was zum Dasein und Sphäre ihrer 
Freiheit gehört, nur insofern zum Gegenstande hat, als 
es als ein von ihr Trennbares und unmittelbar Ver- 
schiedenes ist, dies mache seine wesentliche Bestimmung 
aus, oder es könne sie nur erst vermittelst des sub- 
jektiven Willens erhalten, kommen geistige Geschick- 
lichkeiten, Wissenschaften u. s. f. allein nach ihrem juristi- 
schen Besitze in Betracht; der Besitz des Körpers und 
des Geistes, der durch Bildung, Studium, Gewöhnung u. s. f. 
erworben wird, und als ein inneres Eigentum des 
Geistes ist, ist hier nicht abzuhandeln. Von dem Über- 
gange aber eines solchen geistigen Eigentums in die 



54 Erster Teil. Das abstrakte Recht. § 44— 4ü. 

Äui3erlichkeit, in welcher es unter die Bestimmung eines 
juristisch-rechtlichen Eigentums fällt, ist erst bei der 
Veräußerung zu sprechen, 

§44. 

Die Person hat das Recht, in jede Sache ihren Willen 
zu legen, welche dadurch die Meinige ist, zu ihrem 
substantiellen Zwecke, da sie einen solchen nicht in sich 
selbst hat, ihrer Bestimmung und Seele meinen Willen 
erhält, — absolutes Zueignungsrecht des Menschen auf 
alle Sachen. 

Diejenige sogenannte Philosophie, welche den un- 
mittelbaren einzelnen Dingen, dem Unpersönlichen, 
Realität im Sinne von Selbständigkeit und wahrhaftem 
Für- und Insichsein zuschreibt, ebenso diejenige, welche 
versichert, der Geist könne die Wahrheit nicht erkennen 
und nicht wissen, was das Ding an sich ist, wird von 
dem Verhalten des freien Willens gegen diese Dinge 
unmittelbar widerlegt. Wenn für das Bewußtsein, für 
das Anschauen und Vorstellen die sogenannten Außen- 
dinge den Schein von Selbständigkeit haben, so ist 
dagegen der freie Wille der Idealismus, die Wahrheit 
solcher Wirklichkeit. 

§45. 

Daß Ich etwas in meiner selbst äußeren Gewalt habe, 
macht den Besitz aus, sowie die besondere Seite, daß 
Ich etwas aus natürlichem Bedürfnisse, Triebe und der 
Willkür zu dem Meinigen mache, das besondere Interesse 
des Besitzes ist. Die Seite aber, daß Ich als freier Wille 
mir im Besitze gegenständlich und hiermit auch erst wirk- 
licher Wille bin, macht das Wahrhafte und Rechtliche 
darin, die Bestimmung des Eigentums aus. 

Eigentum zu haben, erscheint in Rücksicht auf das 
Bedürfnis, indem dieses zum Ersten gemacht wird, als 
Mittel; die wahrhafte Stellung aber ist, daß vom Stand- 
punkte der Freiheit aus das Eigentum als das erste 
Dasein derselben, wesentlicher Zweck für sich ist. 

§ 46. 
Da mir im Eigentum mein Wille als persönlicher, 
somit als Wille des Einzelnen objektiv wird, so erhält es 
5en Charakter von Privateigentum, und gemeinschaft- 
liches Eigentum, das seiner Natur nach vereinzelt besessen 



I 



Erster Abschnitt. Das Eigentum. >5 47. 55 

werden kann, die Bestimmung von einer an sich auflös- 
baren Gemeinschaft, in der meinen Anteil zu lassen, für 
sich Sache der Willkür ist. 

Die Benutzung elementarischer Gegenstände ist, 
ihrer Natur nach, nicht fähig, zu Privatbesitz partiku- 
larisiert zu werden. — Die agrarischen Gesetze in 
Rom enthalten einen Kampf zwischen Gemeinsamkeit 
und Privateigentümlichkeit des Grundbesitzes; die letztere 
mußte als das vernünftigere Moment, obgleich auf Kosten 
anderen Rechts, die Oberhand behalten. — Familien- 
fideikommissarisches Jjjgentum enthält ein Moment, 
dem das Recht der Persönlichkeit und damit des Privat- 
eigentums entgegensteht. Aber die Bestimmungen, die 
das Privateigentum betreffen, können höheren Sphären 
des Rechts, einem Gemeinwesen, dem Staate unter- 
geordnet werden müssen, wie in Rücksicht auf 
Privateigentümlichkeit beim Eigentum einer soge- 
nannten moralischen Person, Eigentum in toter Hand, 
der Fall ist. Jedoch können solche Ausnahmen nicht 
im Zufall, in Privatwillkür, Privatnutzen, sondern nur 
in dem vernünftigen Organismus des Staats begründet 
sein, — Die Idee des platonischen Staats enthält das 
Unrecht gegen die Person, des Privateigentums unfähig 
zu sein, als allgemeines Prinzip. Die Vorstellung von 
einer frommen oder freundschaftlichen und selbst er- 
zwungenen Verbrüderung der Menschen mit Gemein- 
schaft der Güter und der Verbannung des privat- 
eigentümlichen Prinzips kann sich der Gesinnung leicht 
darbieten, welche die Natur der Freiheit des Geistes 
und des Rechts verkennt und sie nicht in ihren be- 
stimmten Momenten erfaßt. Was die moralische oder 
religiöse Rücksicht betrifft, so hielt Epikur seine 
Freunde, wie sie, einen solchen Bund der Gütergemein- 
schaft zu errichten, vorhatten, gerade aus dem Grunde 
davon ab, weil dies ein Mißtrauen beweise, und die 
einander mißtrauen, nicht Freunde seien. (Diog. Laert. 
I. X. n. VI.) 

§ 47. 
Als Person bin Ich selbst unmittelbar Einzelner, 
— dies heißt in seiner weiteren Bestimmung zunächst: 
Ich bin lebendig in diesem organischen Körper,, 
welcher mein dem Inhalte nach allgemeines ungeteiltes 
äußeres Dasein, die reale Möglichkeit alles Aveiter be- 



56 Erster Teil. Das abstrakte Hecht. § 48. 

stimmten Daseins ist. Aber als Person habe ich zugleich 
mein Leben und Körper, wie andere Sachen, nur in- 
sofern es mein Wille ist. 

Daß Ich nach der Seite, nach welcher Ich nicht 
als der für sich seiende, sondern als der unmittelbare 
Begriff existiere, lebendig bin und einen organischen 
Körper habe, beruht auf dem Begriffe des Lebens und 
dem des Geistes als Seele, — auf Momenten, die aus 
der Naturphilosophie (Encyklop. der philos. Wissensch. 
§ 259 ff. vgl. § 161, 164 und 298) und der Anthropologie 
(ebendas. § 318)^) aufgenommen sind. — 

Ich habe diese Glieder, das Leben nur, insofern 
ich will; das Tier kann sich nicht selbst verstümmeln 
oder umbringen, aber der Mensch. 

§ 48. 

Der Körper, insofern er unmittelbares Dasein ist, ist 
er dem Geiste nicht angemessen; um williges Organ und 
beseeltes Mittel desselben zu sein, muß er erst von ihm 
in Besitz genommen werden (§ 57). — Aber für 
andere bin ich wesentlich ein Freies in meinem Körper, 
wie ich ihn unmittelbar habe. 

Nur weil Ich als Freies im Körper lebendig bin, 
darf dieses lebendige Dasein nicht zum Lasttiere miß- 
braucht werden. Insofern Ich lebe, ist meine Seele (der 
Begriff und höher das Freie) und der Leib nicht ge- 
schieden, dieser ist das Dasein der Freiheit und ,Ich 
empfinde in ihm. Es ist daher nur ideeloser, sophi- 
stischer Verstand, welcher die Unterscheidung machen 
kann, daß das Ding an sich, die Seele, nicht berührt 
oder angegriffen werde, wenn der Körper mißhandelt 
und die Existenz der Person der Gewalt eines anderen 
unterworfen wird. Ich kann mich aus meiner Existenz 
in mich zurückziehen und sie zur äußerlichen machen. 
— die besondere Empfindung aus mir hinaushalten und 
in den Fesseln frei sein. Aber dies ist mein Wille, 
für den anderen bin Ich in meinem Körper; frei für 
den anderen bin ich nur als frei im Dasein, ist ein 
identischer Satz (s. meine Wissensch. der Logik I. Bd.. 



1) In der 3. Aufl. § 336 ff.; vgl. §§ 213, 216, 376 (Phil. 
Bibl. Bd. 33, S. 303ff"., 190, 194, 331) u. §§ 388ff". (Phil. Bibl. 
Bd. C3, S. 339 ß".). 



Erster Abschnitt. Das Eigentum. § 49. 57 

S. 49ff,)^). Meinem Körper von anderen angetane 
Gewalt ist Mir angetane Gewalt. 

Dai3, weil Ich empfinde, die Berührung und Gewalt 
gegen meinen Körper mich unmittelbar als wirklich 
und gegenwärtig berührt, macht den unterschied 
zwischen persönlicher Beleidigung und zwischen Ver- 
letzung meines äußeren Eigentums, als in welchem mein 
Wille nicht in dieser unmittelbaren Gegenwart und Wirk- 
lichkeit ist. 

§ 49. 
Im Verhältnisse zu äußerlichen Dingen ist das Ver- 
nünftige, daß Ich Eigentum besitze; die Seite des Be- 
sonderen aber begreift die subjektiven Zwecke, Bedürf- 
nisse, die Willkür, die Talente, äußere Umstände u. s. f. 
(§ 45); hiervon hängt der Besitz bloß als solcher ab, 
aber diese besondere Seite ist in dieser Sphäre der ab- 
strakten Persönlichkeit noch nicht identisch mit der Frei- 
heit gesetzt. Was und wieviel Ich besitze, ist daher 
eine rechtliche Zufälligkeit. 

In der Persönlichkeit sind die mehreren Personen, 
wenn man hier von mehreren sprechen will, wo noch 
kein solcher Unterschied stattfindet, gleich. Dies ist 
aber ein leerer tautologischer Satz; denn die Person ist 
als das Abstrakte eben das noch nicht Besonderte und 
in bestimmtem Unterschiede Gesetzte. — Gleichheit 
ist die abstrakte Identität des Verstandes, auf welche 
das reflektierende Denken, und damit die Mittelmäßigkeit 
des Geistes überhaupt, zunächst verfällt, wenn ihm die 
Beziehung der Einheit auf einen Unterschied vorkommt. 
Hier wäre die Gleichheit nur Gleichheit der abstrakten 
Personen als solcher, außer welcher eben damit alles, 
was den Besitz betrifft, dieser Boden der Ungleich- 
heit, fällt. — Die bisweilen gemachte Forderung der 
Gleichheit in Austeilung des Erdbodens oder gar des 
weiter vorhandenen Vermögens, ist ein um so leererer 
und oberflächlicherer Verstand, als in diese Besonderheit 
nicht nur die äußere Naturzufälligkeit, sondern auch 
der ganze Umfang der geistigen Natur in ihrer un- 
endlichen Besonderheit und Verschiedenheit, sowie in 
ihrer zum Organismus entwickelten Vernunft fällt, — 

1) In der~2rAufl. (Hegels AVwe. 3. Bd. 1833) ist dieser 
Abschnitt der Logik stark verändert; dem obigen Zitat entspricht 
dort S. 115ff. 



58 Erster Teil. Das abstrakte Recht. § ')0—ö-2. 

Von einer Ungerechtigkeit der Natur über un- 
gleiches Austeilen des Besitzes und Vermögens kann 
nicht gesprochen werden, denn die Natur ist nicht frei, 
und darum weder gerecht, noch ungerecht. Daß alle 
Menschen ihr Auskommen für ihre Bedürfnisse haben 
sollen, ist teils ein moralischer und, in dieser Unbestimmt- 
heit ausgesprochen, zwar wohlgemeinter, aber, wie das 
bloß Wohlgemeinte überhaupt, nichts Objektives seiender 
Wunsch, teils ist Auskommen etwas anderes als Besitz 
und gehört einer anderen Sphäre, der bürgerlichen 
Gesellschaft, an. 

§ 50. 

Daß die Sache dem in der Zeit zufällig Ersten, der 

sie in Besitz nimmt, angehört, ist, weil ein Zweiter nicht in 

Besitz nehmen kann, was bereits Eigentum eines anderen ist, 

eine sich unmittelbar verstehende, überflüssige Bestimmung. 

§ 51. 
Zum Eigentum als dem Dasein der Persönlichkeit, 
ist meine innerliche Vorstellung und Wille, daß etwas 
mein sein solle, nicht hinreichend, sondern es wird dazu 
die Besitzergreifung erfordert. Das Dasein, welches 
jenes Wollen hierdurch erhält, schließt die Erkennbarkeit 
für andere in sich. — Daß die Sache, von der Ich Besitz 
nehmen kann, herrenlos sei, ist (wie § 50) eine sich von 
selbst verstehende negative Bedingung, oder bezieht sich 
vielmehr auf das antizipierte Verhältnis zu anderen. 

§ 52. 
Die Besitzergreifung macht die Materie der Sache zu 
meinem Eigentum, da die Materie für sich nicht ihr eigen ist. 
Die Materie leistet mir Widerstand (und sie ist 
nur dies, mir Widerstand zu leisten), d. i. sie zeigt mir 
ihr abstraktes Fürsichsein nur als abstraktem Geiste, 
nämlich als sinnlichem (verkehrter Weise hält das 
sinnliche Vorstellen das sinnliche Sein des Geistes für 
das Konkrete und das Vernünftige für das Abstrakte), 
aber in Beziehung auf den Willen und Eigentum hat 
dies Fürsichsein der Materie keine Wahrheit. Das Besitz- 
ergreifen als äußerliches Tun, wodurch das allgemeine 
Zueignungsrecht der Naturdinge verwirklicht wird, tritt 
in die Bedingungen der physischen Stärke, der List, 
der Geschicklichkeit, der Vermittelung überhaupt, wo- 
durch man körperlicherweise etwas habhaft wird. Nach 



Erster Abschnitt. Das Eigentum. § 53. 59 

der qualitativen Verschiedenheit der Naturdinge hat 
deren Bemächtigung und Besitznahme einen unendlich 
vielfachen Sinn und eine ebenso unendliche Beschränkung 
und Zufälligkeit. Ohnehin ist die Gattung und das Ele- 
mentarische, als solches, nicht Gegenstand der per- 
sönlichen Einzelnheit; um dies zu werden und er- 
griffen werden zu können, muß es erst vereinzelt 
werden (ein Atemzug der Luft, ein Schluck Wassers). 
An der Unmöglichkeit, eine äui3erliche Gattung als solche 
und das Elementarische in Besitz nehmen zu können, 
ist nicht die äußerliche physische Unmöglichkeit als 
das letzte zu betrachten, sondern daß die Person als 
Wille sich als Einzelnheit bestimmt und als Person 
zugleich unmittelbare Einzelnheit ist, hiermit sich auch 
als solche zum Äußerlichen als zu Einzelnheiten verhält. 
(§ 13 Anm., § 43.) — Die Bemächtigung und das äußer- 
liche Besitzen wird daher auch auf unendliche Weise 
mehr oder weniger unbestimmt und unvollkommen. 
Immer aber ist die Materie nicht ohne wesentliche Form 
und nur durch diese ist sie etwas. Je mehr ich mir 
diese Form aneigne, desto mehr komme ich auch in 
den wirklichen Besitz der Sache. Das Verzehren von 
Nahrungsmitteln ist eine Durchdringung und Verände- 
rung ihrer qualitativen Natur, durch die sie vor dem 
Verzehren das sind, was sie sind. Die Ausbildung meines 
organischen Körpers zu Geschicklichkeiten, sowie die 
Bildung meines Geistes ist gleichfalls eine mehr oder 
weniger vollkommene Besitznahme und Durchdringung; 
der Geist ist es, den ich mir am vollkommensten zu 
eigen machen kann. Aber diese Wirklichkeit der 
Besitzergreifung ist verschieden von dem Eigentum 
als solchem, welches durch den freien Willen vollendet 
ißt. Gegen ihn hat die Sache nicht ein Eigentümliches 
für sich zurückbehalten, wenn schon im Besitze, als 
einem äußerlichen Verhältnis, noch eine Äußerlichkeit 
zurückbleibt. Über das leere Abstraktum einer Materie 
ohne Eigenschaften, welches im Eigentum außer mir 
und der Sache eigen bleiben soll, muß der Gedanke 
Meister werden. 

§ 53. 
Das Eigentum hat seine näheren Bestimmungen im 
Verhältnisse des Willens zur Sache; dieses ist a) un- 
mittelbar Besitznahme, insofern der Wille in der Sache. 



60 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Erster Abschnitt. 

als einem Positiven, sein Dasein hat; ß) insofern sie 
ein Negatives gegen ihn ist, hat er sein Dasein in ihr 
als einem zu Negierenden, — Gebrauch, y) die Reflexion 
des Willens in sich aus der Sache — Veräußerung; — 
positives, negatives und unendliches Urteil des 
Willens über die Sache. 

A. Besitznahme. 

§54. 

Die Besitznahme ist teils die unmittelbare körper- 
liche Ergreifung, teils die Formierung, teils die 
bloße Bezeichnung. 

§55. 

a) Die körperliche Ergreifung ist nach der sinn- 
lichen Seite, indem Ich in diesem Besitzen unmittelbar 
gegenwärtig bin und damit mein Wille ebenso erkennbar 
ist, die vollständigste Weise; aber überhaupt nur sub- 
jektiv, temporär und dem Umfange nach, sowie auch durch 
die qualitative Natur der Gegenstände höchst eingeschränkt. 
— Durch den Zusammenhang, in den ich etwas mit ander- 
wärts mir schon eigentümlichen Sachen bringen kann, 
oder etwas sonst zufälligerweise kommt, durch andere 
Vermittelungen wird der Umfang dieser Besitznahme etwas 
ausgedehnt. 

Mechanische Kräfte, Waffen, Instrumente erweitern 
den Bereich meiner Gewalt. — Zusammenhänge, wie 
des meinen Boden bespülenden Meeres, Stromes, eines 
zur Jagd, Weide, und anderer Benutzung tauglichen 
Bodens, der an mein festes Eigentum angrenzt, der 
Steine und anderer Mineralienlager unter meinem Acker, 
Schätze in oder unter meinem Grundeigentum u. s. f., — 
oder Zusammenhänge, die erst in der Zeit und zufällig 
erfolgen (wie ein Teil der sogenannten natürlichen 
Accessionen, Alluvion und dergleichen, auch Stran- 
dung) — , die Foetura ist wohl eine Accession zu meinem 
Vermögen, aber, als ein organisches Verhältnis, kein 
äußerliches Hinzukommen zu einer anderen von mir 
besessenen Sache und daher von ganz anderer Art, 
als die sonstigen Accessionen, — sind teils leichtere 
zum Teil ausschließende Möglichkeiten, etwas in Besitz 
zu nehmen oder zu benutzen für einen Besitzer gegen 
einen anderen, teils kann das Hinzugekommene als ein 



Das Eigentum. A. Besitznahme. § 56 — 57. gl 

unselbständiges Accidens der Sache, zu der es hinzu- 
gekommen, angesehen werden. Es sind dies überhaupt 
äußerliche Verknüpfungen, die nicht den Begriff und 
die Lebendigkeit zu ihrem Bande haben. Sie fallen 
daher dem Verstände für Herbeibringung und Ab- 
wägung der Gründe und Gegengründe und der positiven 
Gesetzgebung zur Entscheidung, nach einem Mehr oder 
Weniger von Wesentlichkeit oder Unwesentlichkeit der 
Beziehungen, anheim. 

§56. 

ß) Durch die Formierung erhält die Bestimmung, 
daß etwas das Meinige ist, eine für sich bestehende 
Äußerlichkeit und hört auf, auf meine Gegenwart in 
diesem Raum und in dieser Zeit und auf die Gegenwart 
meines Wissens und Wollens beschränkt zu sein. 

Das Formieren ist insofern die der Idee an- 
gemessenste Besitznahme, weil sie das Subjektive und 
Objektive in sich vereinigt, übrigens nach der qualita- 
tiven Natur der Gegenstände und nach der Verschieden- 
heit der subjektiven Zwecke unendlich verschieden. — 
Es gehört hierher auch das Formieren des Organischen, 
an welchem das, was ich an ihm tue, nicht als ein 
Äußerliches bleibt, sondern assimiliert wird; Bearbeitung 
der Erde, Kultur der Pflanzen, Bezähmen, Füttern und 
Hegen der Tiere; — weiter vermittelnde Veranstaltun- 
gen zur Benutzung elementarischer Stoffe oder Kräfte, 
veranstaltete Einwirkung eines Stoffes auf einen 
anderen u. s. f. 

§57. 

Der Mensch ist nach der unmittelbaren Existenz 
an ihm selbst ein Natürliches, seinem Begriffe Äußeres; 
erst durch die Ausbildung seines eigenen Körpers und 
Geistes, wesentlich dadurch, daß sein Selbstbewußt- 
sein sich als freies erfaßt, nimmt er sich in Besitz 
und wird das Eigentum seiner selbst und gegen andere. 
Dieses Besitznehmen ist umgekehrt ebenso dies, das, was 
er seinem Begriffe nach (als eine Möglichkeit, Ver- 
mögen, Anlage) ist, in die Wirklichkeit zu setzen, wo- 
durch es ebensowohl erst als das Seinige gesetzt, als 
auch als Gegenstand und vom einfachen Selbstbewußtsein 
unterschieden und dadurch fähig wird, die Form der 
Sache zu erhalten (vergl. Anm. zu § 43). 



62 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Erster Abschnitt. 

Die behauptete Berechtigung der Sklaverei (in 
allen ihren näheren Begründungen durch die physische 
Gewalt, Kriegsgefangenschaft, Rettung und Erhaltung 
des Lebens, Ernährung, Erziehung, Wohltaten, eigene 
Einwilligung u. s. f.), sowie die Berechtigung einer Herr- 
schaft, als bloßer Herrenschaft überhaupt und alle 
historische Ansicht über das Recht der Sklaverei 
und der Herrenschaft beruht auf dem Standpunkt, 
den Menschen als Naturwesen überhaupt nach 
einer Existenz (v/ozu auch die Willkür gehört) zu 
nehmen, die seinem Begriffe nicht angemessen ist. Die 
Behauptung des absoluten Unrechts der Sklaverei hin- 
gegen hält am Begriffe des Menschen als Geistes, 
als des an sich freien, fest und ist einseitig darin, 
daß sie den Menschen als von Natur frei, oder, was 
dasselbe ist, den Begriff als solchen in seiner Unmittel- 
barkeit, nicht die Idee, als das Wahre nimmt. Diese 
Antinomie beruht, wie alle Antinomie, auf dem for- 
mellen Denken, das die beiden Momente einer Idee, 
getrennt, jedes für sich, damit der Idee nicht angemessen 
und in seiner Unwahrheit, festhält und behauptet. Der 
freie Geist ist eben dieses (§ 21), nicht als der bloße 
Begriff oder an sich zu sein, sondern diesen Formalis- 
mus seiner selbst und damit die unmittelbare natürliche 
Existenz aufzuheben und sich die Existenz nur als die 
seinige, als freie Existenz, zu geben. Die Seite der 
Antinomie, die den Begriff der Freiheit behauptet, hat 
daher den Vorzug, den absoluten Ausgangspunkt, 
aber auch nur den Ausgangspunkt für die Wahrheit 
zu enthalten, während die andere Seite, welche bei der 
begrifflosen Existenz stehen bleibt, den Gesichtspunkt 
von Vernünftigkeit und Recht gar nicht enthält. Der 
Standpunkt des freien Willens, womit das Recht und die 
Rechtswissenschaft anfängt, ist über den unwahren Stand- 
punkt, auf welchem der Mensch als Naturwesen und 
nur als an sich seiender Begriff, der Sklaverei daher 
fähig ist, schon hinaus. Diese frühere unwahre Er- 
scheinung betrifft den Geist, welcher nur erst auf dem 
Standpunkte seines Bewußtseins ist; die Dialektik des 
Begriffs und des nur erst unmittelbaren Bewußtseins 
der Freiheit, bewirkt daselbst den Kampf des An- 
erkennens und das Verhältnis der Herrenschaft 
und der Knechtschaft (s. Phänomenologie des Geistes, 
S. 115ff. und Encyklop. der philosoph. Wissensch. 



Das Eigentum. B. Gebrauch der Sache. § 58 — 59. (53 

§ 352ff.)^). Daß aber der objektive Geist, der Inhalt 
des Eechts, nicht selbst wieder nur in seinem sub- 
jelitiven Begriffe, und damit, daß dies, daß der Mensch 
an und für sich nicht zur Sklaverei bestimmt sei, nicht 
wieder als ein bloßes Sollen aufgefaßt werde, dies 
findet allein in der Erkenntnis statt, daß die Idee der 
Freiheit wahrhaft nur als der Staat ist. 

§58. 

y) Die für sich nicht wirkliche, sondern meinen Willen 
nur vorstellende Besitznahme ist ein Zeichen an der 
Sache, dessen Bedeutung sein soll, daß Ich meinen Willen 
in sie gelegt habe. Diese Besitznahme ist nach dem 
gegenständlichen Umfang und der Bedeutung sehr un- 
bestimmt. 

B. Der Gebrauch der Sache. 

§59. 

Durch die Besitznahme erhält die Sache das Prädikat 
die meinige zu sein, und der Wille hat eine positive 
Beziehung auf sie. In dieser Identität ist die Sache ebenso- 
sehr als ein Negatives gesetzt und mein Wille in dieser 
Bestimmung ein besonderer, Bedürfnis, Belieben u. s. f . 
Aber mein Bedürfnis als Besonderheit eines Willens ist 
das Positive, welches sich befriedigt, und die Sache, als 
das an sich Negative, ist nur für dasselbe und dient 
ihm. — Der Gebrauch ist diese Realisierung meines 
Bedürfnisses durch die Veränderung, Vernichtung, Ver- 
zehrung der Sache, deren selbstlose Natur dadurch ge- 
offenbart wird und die so ihre Bestimmung erfüllt. 

Daß der Gebrauch die reelle Seite und Wirklichkeit 
des Eigentums ist, schwebt der Vorstellung vor, wenn 
sie Eigentum, von dem kein Gebrauch gemacht wii-d, 
für totes und herrenloses ansieht und bei unrechtmäßiger 
Bemächtigung desselben es als Grund, daß es vom Eigen- 
tümer nicht gebraucht worden sei, anführt. - — Aber 
der Wille des Eigentümers, nach welchem eine Sache 
die seinige ist, ist die erste substantielle Grundlage, 
von der die weitere Bestimmung, der Gebrauch, nur 
die Erscheinung und besondere Weise ist, die jener all- 
gemeinen Grundlage nachsteht. 

1) Phänomenol., Lassonsche Ausg. (Phil. Bibl. Bd. 114), S. 
127 ff.; Encykl. 3. Aufl., §§ 430ff. (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 376 ff.). 



64 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Erster Abschnitt. 

§ 60. 

Die Benutzung einer Sache in unmittelbarer Er- 
greifung ist für sich eine einzelne Besitznahme. Inso- 
fern aber die Benutzung sich auf ein fortdauerndes Be- 
dürfnis gründet und wiederholte Benutzung eines sich er- 
neuernden Erzeugnisses ist, etwa auch zum Behufe der 
Erhaltung dieser Erneuerung sich beschränkt, so machen 
diese und andere Umstände jene unmittelbare einzelne 
Ergreifung zu einem Zeichen, daß sie die Bedeutung 
einer allgemeinen Besitznahme, damit der Besitznahme der 
elementarischen oder organischen Grundlage oder der 
sonstigen Bedingungen solcher Erzeugnisse haben soll. 

§61. 

Da die Substanz der Sache für sich, die mein Eigen- 
tum ist, ihre Äußerlichkeit, d. i. ihre Nichtsubstantialität 
ist, — sie ist gegen mich nicht Endzweck in sich selbst 
(§ 42), — und diese realisierte Äußerlichkeit der Gebrauch 
oder die Benutzung, die ich von ihr mache, ist, so ist 
der ganze Gebrauch oder Benutzung die Sache in 
ihrem ganzen Umfange, so daß, wenn jener mir zu- 
steht, Ich der Eigentümer der Sache bin, von welcher 
über den ganzen Umfang des Gebrauchs hinaus nichts 
übrig bleibt, was Eigentum eines anderen sein könnte. 

§ 62. 

Nur ein teilweiser oder temporärer Gebrauch, 
sowie ein teilweiser oder temporärer Besitz (als die 
selbst teilweise oder temporäre Möglichkeit, die Sache 
zu gebrauchen), der mir zusteht, ist daher vom Eigen- 
tum e der Sache selbst unterschieden. Wenn der ganze 
Umfang des Gebrauches mein wäre, das abstrakte Eigen- 
tum aber eines anderen sein sollte, so wäre die Sache 
als die meinige von meinem Willen gänzlich durchdrungen 
(vorh. § und § 52), und zugleich darin ein für mich Un- 
durchdringliches, der und zwar leere Wille eines anderen. 
— Ich mir in der Sache als positiver Wille objektiv und 
zugleich nicht objektiv, — das Verhältnis eines absoluten 
Widerspruchs. — Das Eigentum ist daher wesentlich 
freies, volles Eigentum. 

Die Unterscheidung unter dem Rechte auf den 
ganzen Umfang des Gebrauchs und unter ab- 
straktem Eigentum gehört dem leeren Verstände, dem 



Das Eigentum, ß. Gebrauch der Sache. § 62. 65 

die Idee, hier als Einheit des Eigentums oder auch des 
persönlichen Willens überhaupt, und der Realität des- 
selben, nicht das Wahre ist, sondern dem diese beiden 
Momente in ihrer Absonderung voneinander für etwas 
Wahres gelten. Diese Unterscheidung ist daher als 
wirkliches Verhältnis das einer leeren Herrenschaft, das 
(wenn die Verrücktheit nicht nur von der bloßen Vor- 
stellung des Subjektes und seiner Wirklichkeit, die in 
unmittelbarem Widerspruche in einem sind, gesagt würde) 
eine Verrücktheit der Persönlichkeit genannt werden 
könnte, weil das Mein in einem Objekte unvermittelt 
mein einzelner ausschliei3ender Wille und ein anderer 
einzelner ausschließender Wille sein sollte. — In den 
Institut, libr. II. tit. IV. ist gesagt: ususfructus est jus 
alienis rebus utendi, fruendi salva rerum substantia. 
Weiterhin heißt es ebendaselbst: ne tamen in Universum 
inutiles essent proprietates, semper abscedente usufructu: 
placuit certis modis extingui usumfructum et ad pro- 
prietatem reverti. — Placuit — als ob es erst ein Be- 
lieben oder Beschluß wäre, jener leeren Unterscheidung 
durch diese Bestimmung einen Sinn zu geben. Eine 
proprietas semper abscedente usufructu wäre nicht nur 
inutilis, sondern keine proprietas mehr. — Andere Unter- 
scheidungen des Eigentums selbst, wie in res mancipi 
und nee mancipi, das dominium Quiritarium und Bo- 
nitarium und dergleichen zu erörtern, gehört nicht hier- 
her, da sie sich auf keine Begriffsbestimmung des Eigen- 
tums beziehen und bloß historische Delikatessen dieses 
Rechts sind. — Aber die Verhältnisse des dominii di- 
recti und des dominii utilis, der emphyteutische Ver- 
trag und die weiteren Verhältnisse von Lehngütern mit 
ihren Erb- und anderen Zinsen, Güten, Handlohn u. s. f. 
in ihren mancherlei Bestimmungen, wenn solche Lasten 
unablösbar sind, enthalten einerseits die obige Unter- 
scheidung, anderseits auch nicht, eben insofern mit dem 
dominio utili Lasten verbunden sind, wodurch das do- 
minium directum zugleich ein dominium utile wird. Ent- 
hielten solche Verhältnisse nichts, als nur jene Unter- 
scheidung in ihrer strengen Abstraktion, so stünden darin 
eigentlich nicht zwei Herren (domini), sondern ein 
Eigentümer imd ein leerer Herr gegeneinander über. 
Um der Lasten willen aber sind es zwei Eigentümer, 
welche im Verhältnisse stehen. Jedoch sind sie nicht 
im Verhältnisse eines gemeinschaftlichen Eigen- 

Hegel, ßechtsphilosophie. 5 



66 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Erster Abschnitt. 

tums. Zu solchem Verhältnisse liegt der Übergang von 
jenem am nächsten; — ein Übergang, der dann darin 
schon begonnen hat, wenn an dem dominium directum 
der Ertrag berechnet und als das Wesentliche an- 
gesehen, somit das Unberechenbare der Herrenschaft über 
ein Eigentum, welche etwa für das Edle gehalten 
worden, dem Utile, welches hier das Vernünftige ist, 
nachgesetzt wird. 

Es ist wohl an die anderthalb tausend Jahre, daß 
die Freiheit der Person durch das Christentum zu 
erblühen angefangen hat und unter einem übrigens 
kleinen Teile des Menschengeschlechts allgemeines 
Prinzip geworden ist. Die Freiheit des Eigentums 
aber ist seit gestern, kann man sagen, hier und da als 
Prinzip anerkannt worden. — Ein Beispiel aus der Welt- 
geschichte über die Länge der Zeit, die der Geist braucht, 
in seinem Selbstbewußtsein fortzuschreiten — und gegen 
die Ungeduld des Meinens. 

§ 63. 

Die Sache im Gebrauch ist eine einzelne nach Qua- 
lität und Quantität bestimmte und in Beziehung auf ein 
spezifisches Bedürfnis. Aber ihre spezifische Brauchbar- 
keit ist zugleich als quantitativ bestimmt vergleich- 
bar mit anderen Sachen von derselben Brauchbarkeit, 
sowie das spezifische Bedürfnis, dem sie dient, zugleich 
Bedürfnis überhaupt und darin nach seiner Besonder- 
heit ebenso mit anderen Bedürfnissen vergleichbar ist, 
und darnach auci die Sache mit solchen, die für andere 
Bedürfnisse brauchbar sind. Diese ihre Allgemeinheit, 
deren einfache Bestimmtheit aus der Partikularität der 
Sache hervorgeht, so daß von dieser spezifischen Qua- 
lität zugleich abstrahiert wird, ist der Wert der Sache, 
worin ihre wahrhafte Substantialität bestimmt und Gegen- 
stand des Bewußtseins ist. Als voller Eigentümer der 
Sache bin ich es ebenso von ihrem Werte, als von dem 
Gebrauche derselben. 

Der Lehnsträger hat den Unterschied in seinem 

Eigentum, daß er nur der Eigentümer des Gebrauchs, 

nicht des Werts der Sache sein soll. 

§ 64. 

Die dem Besitze gegebene Form und das Zeichen sind 
selbst äußerliche Umstände, ohne die subjektive Gegenwart 



i 



Das Eigentum. C. Entäußerung desselben. § 65. 67 

des Willens, die allein deren Bedeutung und Wert aus- 
macht. Diese Gegenwart aber, die der Gebrauch, Be- 
nutzung oder sonstiges Äußern des Willens ist, fällt in 
die Zeit, inRücksicht welcher die Objektivität die Fort- 
dauer dieses Äußerns ist. Ohne diese wird die Sache, als 
von der Wirklichkeit des Willens und Besitzes verlassen, 
herrenlos; Ich verliere oder erwerbe daher Eigentum durch 
Verjährung. 

Die Verjährung ist daher nicht bloß aus einer äußer- 
lichen, dem strengen Recht zuwiderlaufenden Rücksicht 
in das Recht eingeführt worden, der Rücksicht, die Strei- 
tigkeiten und Verwirrungen abzuschneiden, die durch 
alte Ansprüche in die Sicherheit des Eigentums kommen 
würden u. s. f. Sondern die Verjährung gründet sich auf 
die Bestimmung der Realität des Eigentums, der Not- 
wendigkeit, daß der Wille, etwas zu haben, sich äußere. 
— Öffentliche Denkmale sind Nationaleigentum oder 
eigentlich, wie die Kunstwerke überhaupt in Rücksicht 
auf Benutzung, gelten sie durch die ihnen inwohnende 
Seele der Erinnerung und der Ehre, als lebendige und 
selbständige Zwecke; verlassen aber von dieser Seele, 
werden sie nach dieser Seite für eine Nation herrenlos 
und zufälliger Privatbesitz, wie z. B. die griechischen, 
ägyptischen Kunstwerke in der Türkei. — Das Privat- 
eigentumsrecht der Familie eines Schriftstellers 
an dessen Produktionen verjährt sich aus ähnlichem 
Grunde; sie werden in dem Sinne herrenlos, daß sie (auf 
entgegengesetzte Weise, wie jene Denkmale) in allge- 
meines Eigentum übergehen und nach ihrer besonderen 
Benutzung der Sache in zufälligen Privatbesitz. — Bloßes 
Land, zu Gräbern oder auch für sich auf ewige Zeiten 
zum Nichtgebrauch geweiht, enthält eine leere un- 
gegenwärtige Willkür, durch deren Verletzung nichts 
Wirkliches verletzt wird, deren Achtung daher auch nicht 
garantiert werden kann. 

C. Entäußerung des Eigentums. 

§ 65. 
Meines Eigentums kann ich mich entäußern, da es 
das meinige nur ist, insofern ich meinen Willen darein 
lege, — so daß ich meine Sache überhaupt von mir als 
herrenlos lasse (derelinquiere), oder sie dem Willen eines 
anderen zum Besitzen überlasse, — aber nur insofern 
die Sache ihrer Natur nach ein Äußerliches ist. 

5* 



68 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Erster Abschnitt. 

§66. 

Unveräußerlich sind daher diejenigen Güter, oder 
vielmehr substantiellen Bestimmungen, sowie das Recht an 
sie unverjährbar, welche meine eigenste Person und 
das allgemeine Wesen meines Selbstbewui3tseins ausmachen, 
wie meine Persönlichkeit überhaupt, meine allgemeine 
Willensfreiheit, Sittlichkeit, Religion. 

Daß das, was der Geist seinem Begriffe nach oder 
an sich ist, auch im Dasein und für sich sei (somit 
Person, des Eigentums fähig sei, Sittlichkeit, Religion 
habe), — diese Idee ist selbst sein Begriff (als causa sui, 
das ist, als freie Ursache, ist er solches, cujus natura non 
potest concipi nisi existens. Spinoza Eth. S. I. Def. I.). 
In eben diesem Begriffe, nur durch sich selbst und 
als unendliche Rückkehr in sich aus der natürlichen 
Unmittelbarkeit seines Daseins, das zu sein, was er ist, 
liegt die Möglichkeit des Gegensatzes zwischen dem, 
was er nur an sich und nicht auch für sich ist (§ 57), 
sowie umgekehrt zwischen dem, was er nur für sich, 
nicht an sich ist (im Willen das Böse); — und hierin 
die Möglichkeit der Entäußerung der Persönlich- 
keit und seines substantiellen Seins — diese Entäuße- 
rung geschehe auf eine bewußtlose oder ausdrückliche 
Weise. — Beispiele von Entäußerung der Persönlich- 
keit sind die Sklaverei, Leibeigenschaft, Unfähigkeit 
Eigentum zu besitzen, die Unfreiheit desselben u. s. f.; 
Entäußerung der intelligenten Vernttnftigkeit, Moralität, 
Sittlichkeit, Religion kommt vor im Aberglauben, in 
der anderen eingeräumten Autorität und Vollmacht, mir, 
was ich für Handlungen begehen solle (wenn einer sich 
ausdrücklich zum Raube, Morde u. s. f. oder zur Möglich- 
keit von Verbrechen verdingt), mir, was Gewissenspflicht, 
religiöse Wahrheit sei u. s. f. zu bestimmen und vorzu- 
schreiben. — Das Recht an solches Unveräußerliche ist 
unverjährbar, denn der Akt, wodurch ich von meiner 
Persönlichkeit und substantiellem Wesen Besitz nehme, 
mich zu einem Rechts- und Zurechnungsfähigen, Mora- 
lischen, Religiösen mache, entnimmt diese Bestimmungen 
eben der Äußerlichkeit, die allein ihnen die Fähigkeit 
gab, im Besitz eines anderen zu sein. Mit diesem Auf- 
heben der Äußerlichkeit fällt die Zeitbestimmung und 
alle Gründe weg, die aus meinem früheren Konsens oder 
Gefallenlassen genommen werden können. Diese Rück- 



It 



Das Eigentum. C. Entäußerung desselben. § 67 — 68. 69 

kehr meiner in mich selbst, wodurch Ich mich als Idee, 
als rechtliche und moralische Person existierend mache, 
hebt das bisherige Verhältnis und das Unrecht auf, das 
Ich und der andere meinem Begrüf und Vernunft angetan 
hat, die unendliche Existenz des Selbstbewußtseins als 
ein Äußerliches behandeln lassen und behandelt zu haben. 
— Diese Rückkehr in mich deckt den Widerspruch auf, 
anderen meine Rechtfähigkeit, Sittlichkeit, Religiosität 
in Besitz gegeben zu haben, was ich selbst nicht besaß, 
und was, sobald ich es besitze, eben wesentlich nur als 
das Meinige und nicht als ein Äußerliches existiert. 

§67. 

Von meinen besonderen, körperlichen und gei- 
stigen Geschicklichkeiten und Möglichkeiten der Tätig- 
keit kann ich einzelne Produktionen und einen in der 
Zeit beschränkten Gebrauch an einen anderen ver- 
äußern, weil sie nach dieser Beschränkung ein äußer- 
liches Verhältnis zu meiner Totalität und Allgemein- 
heit erhalten. Durch die Veräußerung meiner ganzen 
durch die Arbeit konkreten Zeit und der Totalität meiner 
Produktion würde ich das Substantielle derselben, meine 
allgemeine Tätigkeit und Wirklichkeit, meine Persön- 
lichkeit zum Eigentum eines anderen machen. 

Es ist dasselbe Verhältnis, wie oben § 61 zwischen 
der Substanz der Sache und ihrer Benutzung; wie 
diese, nur insofern sie beschränkt ist, von jener ver- 
schieden ist, so ist auch der Gebrauch meiner Kräfte 
von ihnen selbst und damit von mir nur unterschieden, 
insofern er quantitativ beschränkt ist; — die Totalität 
der Äußerungen einer Kraft ist die Kraft selbst, — der 
Accidenzen die Substanz, — der Besonderungen das All- 
gemeine. 

§ 68. 
Das Eigentümliche an der geistigen Produktion kann 
durch die Art und Weise der Äußerung unmittelbar in 
solche Äußerlichkeit einer Sache umschlagen, die nun 
ebenso von anderen produziert werden kann; so daß mit 
deren Erwerb der nunmehrige Eigentümer, außerdem daß 
er damit sich die mitgeteilten Gedanken oder die tech- 
nische Erfindung zu eigen machen kann, welche Mög- 
lichkeit zum Teil (bei schriftstellerischen Werken) die 
einzige Bestimmung und den Wert des Erwerbs ausmacht. 



\ 



70 Erster Teil. Das absti-akte Recht. Erster Abschnitt. 

zugleich in den Besitz der allgemeinen Art und Weise, 
sich so zu äußern und solche Sachen vielfältig hervorzu- 
bringen, kommt. 

Bei Kunstwerken ist die den Gedanken in einem 
äußerlichen Material verbildlichende Form als Ding so 
sehr das Eigentümliche des produzierenden Individuums, 
daß ein Nachmachen derselben wesentlich das Produkt 
der eigenen geistigen und technischen Geschicklichkeit 
ist. Bei einem schriftstellerischen Werke ist die Form, 
wodurch es eine äußerliche Sache ist, so wie bei der 
Erfindung einer technischen Vorrichtung, mechani- 
scher Art, — dort, weil der Gedanke nur in einer 
Reihe vereinzelter abstrakter Zeichen, nicht in kon- 
kreter Bildnerei dargestellt wird, hier, weil er über- 
haupt einen mechanischen Inhalt hat, — und die Art 
und Weise, solche Sachen als Sachen zu produzieren, 
gehört unter die gewöhnlichen Fertigkeiten. — Zwischen 
den Extremen des Kunstwerks und der handwerksmäßigen 
Produktion gibt es übrigens Übergänge, die bald mehr, 
bald weniger von dem einen oder dem anderen an sich 
haben. 

§69. 

Indem der Erwerber eines solchen Produkts an dem 
Exemplar als Einzelnem den vollen Gebrauch und Wert 
desselben besitzt, so ist er vollkommener und freier Eigen- 
tümer desselben als eines Einzelnen, obgleich der Ver- 
fasser der Schrift oder der Erfinder der technischen Vor- 
richtung Eigentümer der allgemeinen Art und Weise 
bleibt, dergleichen Produkte und Sachen zu vervielfältigen, 
als welche allgemeine Art und Weise er nicht unmittelbar 
veräußert hat, sondern sich dieselbe als eigentümliche 
Äußerung vorbehalten kann. 

Das Substantielle des Rechts des Schriftstellers und 
Erfinders ist zunächst nicht darin zu suchen, daß er bei 
der Entäußerung des einzelnen Exemplares es willkür- 
lich zur Bedingung macht, daß die damit in den Besitz 
des anderen kommende Möglichkeit, solche Produkte 
nunmehr als Sachen gleichfalls hervorzubringen, nicht 
Eigentum des anderen werde, sondern Eigentum des Er- 
finders bleibe. Die erste Frage ist, ob eine solche 
Trennung des Eigentums der Sache von der mit ihr 
gegebenen Möglichkeit, sie gleichfalls zu produzieren, 
im Begriffe zulässig ist und das volle, freie Eigentum 



Das Eigentum. C. Entäußerung desselben, § 69. 71 

(§ 62) nicht aufhebt, — worauf es erst in die Willkür des 
ersten geistigen Produzenten kommt, diese Möglichkeit 
für sich zu behalten, oder als einen Wert zu veräußern 
oder für sich keinen Wert darauf zu legen und mit der 
einzelnen Sache auch sie preiszugeben. Diese Möglich- 
keit hat nämlich das Eigene, an der Sache die Seite zu 
sein, wonach diese nicht nur eine Besitzung, sondern ein 
Vermögen ist (s. unten § 170 ff.), so daß dies in 
der besonderen Art und Weise des äußeren Gebrauchs 
liegt, der von der Sache gemacht wird, und von dem 
Gebrauche, zu welchem die Sache unmittelbar bestimmt 
ist, verschieden und trennbar ist (er ist nicht, wie man 
es heißt, eine solche accessio naturalis wie die foetura). 
Da nun der Unterschied in das seiner Natur nach Teil- 
bare, in den äußerlichen Gebrauch fällt, so ist die Zu- 
rückbehaltung des einen Teils bei Veräußerung des 
anderen Teils des Gebrauchs nicht der Vorbehalt einer 
Herrenschaft ohne Utile. — Die bloß negative, aber aller- 
erste Beförderung der Wissenschaften und Künste ist, 
diejenigen, die darin arbeiten, gegen Diebstahl zu 
sichern und ihnen den Schutz ihres Eigentums angedeihen 
zu lassen; wie die allererste und wächtigste Beförderung 
des Handels und der Industrie war, sie gegen die Räuberei 
auf den Landstraßen sicher zu stellen. — Indem übrigens 
das Geistesprodukt die Bestimmung hat, von anderen In- 
dividuen aufgefaßt und ihrer Vorstellung, Gedächtnis, 
Denken u. s. f. zu eigen gemacht zu werden und ihre Äuße- 
rung, wodurch sie das Gelernte (denn Lernen heißt 
nicht nur, mit dem Gedächtnis die Worte auswendig 
lernen — die Gedanken anderer können nur durch Denken 
aufgefaßt werden, und dies Nach-denken ist auch Lernen) 
gleichfalls zu einer veräußerbaren Sache machen, 
hat immer leicht irgendeine eigentümliche Form, so daß 
sie das daraus erwachsende Vermögen als ihr Eigen- 
tum betrachten und für sich das Recht solcher Produk- 
tion daraus behaupten können. Die Fortpflanzung der 
Wissenschaften überhaupt und das bestimmte Lehr- 
geschäft insbesondere ist, seiner Bestimmung und Pflicht 
nach, am bestimmtesten bei positiven Wissenschaften, 
der Lehre einer Kirche, der Jurisprudenz u. s. f. die Re- 
petition festgesetzter, überhaupt schon geäußerter und 
von außen aufgenommener Gedanken, somit auch in 
Schriften, welche dies Lehrgeschäft und die Fortpflan- 
zung und Verbreitung der Wissenschaften zum Zweck 



72 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Erster AbBchnitt. 

haben. Inwiefern nun die in der wiederholenden Äuße- 
rung sich ergebende Form den vorhandenen wissen- 
schaftlichen Schatz und insbesondere die Gedanken 
solcher anderer, die noch im äußerlichen Eigentum ihrer 
Geistesprodukte sind, in ein spezielles geistiges Eigen- 
tum des reproduzierenden Individuums verwandle, und 
ihm hiermit das Recht, sie auch zu seinem äußerlichen 
Eigentum zu machen, gehe oder inwiefern nicht, — 
inwiefern solche Wiederholung in einem schriftstelle- 
rischen Werke ein Plagiat werde, läßt sich nicht durch 
eine genaue Bestimmung angeben und hiermit nicht 
rechtlich und gesetzlich festsetzen. Das Plagiat müßte 
daher eine Sache der Ehre sein und von dieser zurück- 
gehalten werden. — Gesetze gegen den Nachdruck er- 
füllen daher ihren Zweck, das Eigentum der Schrift- 
steller und der Verleger rechtlich zu sichern, zwar in 
dem bestimmten, aber sehr beschränkten Umfange. Die 
Leichtigkeit, absichtlich an der Form etwas zu ändern 
oder ein Modifikatiönchen an einer großen Wissenschaft, 
an einer umfassenden Theorie, welche das Werk eines 
anderen ist, zu erfinden, oder schon die Unmöglichkeit, 
im Vortrage des Aufgefaßten bei den Worten des Ur- 
hebers zu bleiben, führen für sich außer den besonderen 
Zwecken, für welche eine solche Wiederholung nötig 
wird, die unendliche Vielfachheit von Veränderungen 
herbei, die dem fremden Eigentum den mehr oder weniger 
oberflächlichen Stempel des Seinigen aufdrücken; wie 
die hundert und aber hundert Kompendien, Auszüge, 
Sammlungen u. s. f., Rechenbücher, Geometrien, Erbau- 
ungsschriften u. s. f. zeigen, wie jeder Einfall einer kri- 
tischen Zeitschrift, Musenalmanachs, Konversationslexi- 
kons U.S. f. sogleich ebenfalls unter demselben oder einem 
veränderten Titel wiederholt, aber als etwas Eigentüm- 
liches behauptet werden kann; — wodurch denn leicht 
dem Schriftsteller oder erfindenden Unternehmer der 
Gewinn, den ihm sein Werk oder Einfall versprach, zu- 
nichte gemacht oder gegenseitig heruntergebracht oder 
allen ruiniert wird. — Was aber die Wirkung der 
Ehre gegen das Plagiat betrifft, so ist dabei dies auf- 
fallend, daß der Ausdruck Plagiat oder gar gelehrter 
Diebstahl nicht mehr gehört wird — es sei, entweder 
daß die Ehre ihre Wirkung getan, das Plagiat zu ver- 
drängen, oder daß es aufgehört hat, gegen die Ehre 
zu sein und das Gefühl hierüber verschwunden ist, oder 



Das Eigentum. Übergang zum Vertrage. § 70 — 71. 73 

daß ein Einfällchen und Veränderung einer äußeren Form 
sich als Originalität und selbstdenkendes Produzieren 
so hoch anschlägt, um den Gedanken an ein Plagiat gar 
nicht in sich aufkommen zu lassen. 

§70. 

Die umfassende Totalität der äußerlichen Tätigkeit, 
das Leben, ist gegen die Persönlichkeit, als welche 
selbst diese und unmittelbar ist, kein Äußerliches. Die 
Entäußerung oder Aufopferung desselben ist vielmehr das 
Gegenteil, als das Dasein dieser Persönlichkeit. Ich habe 
daher zu jener Entäußerung überhaupt kein Recht, und nur 
eine sittliche Idee, als in welcher diese unmittelbar 
einzelne Persönlichkeit an sich untergegangen, und die 
deren wirkliche Macht ist, hat ein Recht darauf, so 
daß zugleich wie das Leben als solches unmittelbar, 
auch der Tod die unmittelbare Negativität desselben 
ist, daher er von außen, als eine Natursache, oder im 
Dienste der Idee, von fremder Hand empfangen werden 
muß. 

Übergrang vom Eigentum zum Vertrage. 

§ 71. 
Das Dasein ist als bestimmtes Sein wesentlich Sein 
für anderes (siehe oben Anmerk. zu § 48); das Eigen- 
tum, nach der Seite, daß es ein Dasein als äußerliche 
Sache ist, ist für andere Äußerlichkeiten und im Zusammen- 
hange dieser Notwendigkeit und Zufälligkeit. Aber als 
Dasein des Willens ist es als für anderes nur für den 
Willen einer anderen Person. Diese Beziehung von Willen 
auf Willen ist der eigentümliche und wahrhafte Boden, 
in welchem die Freiheit Dasein hat. Diese Vermittelung, 
Eigentum nicht mehr nur vermittelst einer Sache und 
meines subjektiven Willens zu haben, sondern ebenso ver- 
mittelst eines anderen Willens, und hiermit in einem ge- 
meinsamen Willen zu haben, macht die Sphäre des Ver- 
trags aus. 

I Es ist durch die Vernunft ebenso notwendig, daß 

' die Menschen in Vertragsverhältnisse eingehen, — 
schenken, tauschen, handeln u. s. f., — als daß sie Eigen- 
tum besitzen (§ 45 Anm.). Wenn für ihr Bewußtsein 
das Bedürfnis überhaupt, das Wohlwollen, der Nutzen 
u. s. f. es ist, was sie zu Verträgen führt, so ist ies an 



74 Erster Teil. Das abstrakte Recht. § 72—74. 

sich die Vernunft, nämlich die Idee des reellen (d. i. 
nur im Willen vorhandenen) Daseins der freien Persön- 
lichkeit. — Der Vertrag setzt voraus, daß die darein 
Tretenden sich als Personen und Eigentümer aner- 
kennen; da er ein Verhältnis des objektiven Geistes 
ist, so ist das Moment der Anerkennung schon in ihm 
enthalten und vorausgesetzt (vergl. §§ 35; 57 Anm.). 



Zweiter Abschnitt. 

Der Vertrag. 

§72. 

Das Eigentum, von dem die Seite des Daseins oder 
der Äußerlichkeit nicht mehr nur eine Sache ist, son- 
dern das Moment eines (und hiermit anderen) Willens in 
sich enthält, kommt durch den Vertrag zustande, — 
als den Prozeß, in welchem der Widerspruch, daß Ich 
für mich seiender, den anderen Willen ausschließender 
Eigentümer insofern bin und bleibe, als Ich in einem mit 
dem anderen identischen Willen aufhöre, Eigentümer zu 
sein, sich darstellt und vermittelt. 

§73. 

Ich kann mich eines Eigentums nicht nur (§ 65) als 
einer äußerlichen Sache entäußern, sondern muß durch 
den Begriff mich desselben als Eigentums entäußern, da- 
mit mir mein Wille, als daseiend, gegenständlich sei. 
Aber nach diesem Momente ist mein WUle als entäußerter 
zugleich ein anderer. Dies somit, worin diese Not- 
wendigkeit des Begriffes reell ist, ist die Einheit unter- 
schiedener Willen, in der also ihre Unterschiedenheit und 
Eigentümlichkeit sich aufgibt. Aber in dieser Identität 
ihres Willens ist (auf dieser Stufe) ebenso dies enthalten, 
daß jeder ein mit dem anderen nicht identischer, für 
sich eigentümlicher Wille sei und bleibe. 

§74. 

Dies Verhältnis ist somit die Vermittelung eines in 
der absoluten Unterscheidung fürsichseiender Eigentümer 
identischen Willens, und enthält, daß jeder mit seinem 
und des anderen Willen, aufhört Eigentümer zu sein, es 



s 

I 



Zweiter Abschnitt. Der Vertrag. § 75. 75 

bleibt und es wird; — die Vermittelung des Willens, 
ein und zwar einzelnes Eigentum aufzugeben, und des 
Willens, ein solches, hiermit das eines anderen, anzu- 
nehmen, und zwar in dem identischen Zusammenhange, 
daß das eine Wollen nur zum Entschluß kommt, insofern 
das andere Wollen vorhanden ist. 

§ 75. 

Da die beiden kontrahierenden Teile als unmittel- 
bare selbständige Personen sich zueinander verhalten, so 
geht der Vertrag a) von der Willkür aus; ß) der iden- 
tische Wille, der durch den Vertrag in das Dasein tritt, 
ist nur ein durch sie gesetzter, somit nur gemein- 
samer, nicht an und für sich allgemeiner; y) der Gegen- 
stand des Vertrages ist eine einzelne äußerliche Sache, 
denn nur eine solche ist ihrer bloßen Willkür, sie zu ent- 
äußern (§ 65 ff.) unterworfen. 

Unter den Begriff vom Vertrag kann daher die 
Ehe nicht subsumiert werden; diese Subsumtion ist in 
ihrer — Schändlichkeit, muß man sagen, — bei Kant 
(Metaphys. Anfangsgr. der Rechtslehre, S. 106 ff.)0 
aufgestellt. — Ebensowenig liegt die Natur des Staats 
im Vertragsverhältnisse, ob der Staat als ein Vertrag 
aller mit allen, oder als ein Vertrag dieser aller mit 
dem Fürsten und der Regierung genommen werde. — 
Die Einmischung dieses, sowie der Verhältnisse des 
Privateigentums überhaupt, in das Staatsverhältnis, hat 
die größten Verwirrungen im Staatsrecht und in der 
Wirklichkeit hervorgebracht. Wie in früheren Perioden 
die Staatsrechte und Staatspflichten als ein unmittel- 
bares Privateigentum besonderer Individuen gegen das 
Recht des Fürsten und Staats angesehen und behauptet 
worden, so sind in einer neueren Zeitperiode die Rechte 
des Fürsten und des Staats als Vertragsgegenstände 
und auf ihn gegründet, als ein bloß Gemeinsames 
des Willens und aus der Willkür der in einen Staat 
Vereinigten Hervorgegangenes, betrachtet worden. — 
So verschieden einerseits jene beiden Standpunkte sind, 
so haben sie dies gemein, die Bestimmungen des Privat- 
eigentums in eine Sphäre übergetragen zu haben, die 
von ganz anderer und höherer Natur ist. — Siehe unten: 
Sittlichkeit und Staat. 

1) Metaphysik der Sitten. I. Teil §§ 24—27. 



76 Erster Teil. Das abstrakte Recht. § 76—17. 

§76. 

Formell ist der Vertrag, insofern^ die beiden Ein- 
willigungen, wodurch der gemeinsame Wille zustande 
kommt, das negative Moment der Entäußerung einer Sache 
und das Positive der Annahme derselben, an die beiden 
Kontrahenten verteilt sind; — Schenkungsvertrag. — 
Reell aber kann er genannt werden, insofern jeder der 
beiden kontrahierenden Willen die Totalität dieser ver- 
mittelnden Momente ist, somit darin ebenso Eigentümer 
wird und bleibt; — Tauschvertrag. 

§77. 

Indem jeder im reellen Vertrage dasselbe Eigentum 
behält, mit welchem er eintritt und welches er zugleich 
aufgibt, so unterscheidet sich jenes identisch bleibende, 
als das im Vertrage an sich seiende Eigentum, von den 
äußerlichen Sachen, welche im Tausche ihren Eigentümer 
verändern. Jenes ist der Wert, in welchem die Vertrags- 
gegenstände bei aller qualitativen äußeren Verschieden- 
heit der Sachen einander gleich sind, das Allgemeine 
derselben (§ 63). 

Die Bestimmung, daß einp laesio enormis die 
im Vertrag eingegangene Verpflichtung aufhebe, hat 
somit ihre Quelle im Begriffe des Vertrags und näher 
in dem Momente, daß der Kontrahierende durch die 
Entäußerung seines Eigentums, Eigentümer und in 
näherer Bestimmung, quantitativ derselbe bleibt. Die 
Verletzung aber ist nicht nur enorm (als eine solche 
wird sie angenommen, wenn sie die Hälfte des Werts 
übersteigt), sondern unendlich, wenn über ein un- 
veräußerliches Gut (§ 66) ein Vertrag oder Stipu- 
lation überhaupt zu ihrer Veräußerung eingegangen wäre. 
— Eine Stipulation übrigens ist zunächst ihrem In- 
halte nach vom Vertrage [so] unterschieden, daß sie irgend- 
einen einzelnen Teil oder Moment des ganzen Vertrags 
bedeutet, dann auch daß sie die förmliche Festsetzung 
desselben ist, wovon nachher. Sie enthält nach jener 
Seite nur die formelle Bestimmung des Vertrags, die 
Einwilligung des einen, etwas zu leisten, und die Ein- 
willigung des anderen zu sein, es anzunehmen; sie ist 
darum zu den sogenannten einseitigen Verträgen ge- 
zählt worden. Die Unterscheidung der Verträge in ein- 
seitige und zweiseitige, sowie andere Einteilungen der- 



Zweiter Abschnitt. Der Vertrag. § 78—79. 77 

selben im römischen Rechte sind teils oberflächliche 
Zusammenstellungen nach einer einzelnen oft äußer- 
lichen Rücksicht, wie der Art und Weise ihrer Förm- 
lichkeit, teils vermischen sie unter anderen auch Be- 
stimmungen, welche die Natur des Vertrags selbst be- 
treffen, und solche, welche sich erst auf die Rechts- 
pflege (actiones) und die rechtlichen Wirkungen nach 
dem positiven Gesetze beziehen, oft aus ganz äußer- 
lichen Umständen herstammen und den Begriff des Rechts 
verletzen. 

§78. 

Der Unterschied von Eigentum und Besitz, der sub- 
stantiellen und der äußerlichen Seite (§ 45), wird im Vertrag 
zu dem Unterschiede des gemeinsamen Willens als Über- 
einkunft, und der Verwirklichung derselben durch die 
Leistung. Jene zustande gekommene Übereinkunft ist, 
für sich im Unterschiede von der Leistung, ein Vorge- 
stelltes, welchem daher nach der eigentümlichen Weise 
des Daseins der Vorstellungen in Zeichen (Encyklop, 
der Philosoph. Wissenschaften § 379 f.) ^) ein besonderes 
Dasein, in dem Ausdrucke der Stipulation durch Förm- 
lichkeiten der Gebärden und anderer symbolischer Hand- 
lungen, insbesondere in bestimmter Erklärung durch die 
Sprache, dem der geistigen Vorstellung würdigsten Ele- 
mente, zu geben ist. 

Die Stipulation ist nach dieser Bestimmung zwar 
die Form, wodurch der im Vertrag abgeschlossene 
Inhalt als ein erst vorgestellter sein Dasein hat. Aber 
das Vorstellen ist nur Form und hat nicht den Sinn, als 
ob damit der Inhalt noch ein Subjektives, so oder so 
zu Wünschendes und zu Wollendes sei, sondern der In- 
halt ist die durch den Willen vollbrachte Abschließung 
hierüber. 

§ 79. 

Die Stipulation enthält die Seite des Willens, daher das 
Substantielle des Rechtlichen im Vertrage, gegen 
welches der, insofern der Vertrag noch nicht erfüllt ist, 
noch bestehende Besitz für sich nur das Äußerliche ist, das 
seine Bestimmung allein in jener Seite hat. Durch die 
Stipulation habe ich ein Eigentum und besondere Willkür; 

1) In der 3. Aufl. § 458 f. (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 396 ff.). 



78 Erster Teil. Das abstrakte Recht. § 79. 

darüber aufgegeben, und es ist bereits Eigentum des 
anderen geworden, ich bin daher durch sie unmittelbar 
zur Leistung rechtlich verbunden. 

Der Unterschied von einem bloßen Versprechen und 
einem Vertrag liegt darin, daß in jenem das, was ich 
schenken, tun, leisten wolle, als ein Zukünftiges aus- 
gesprochen ist und noch eine subjektive Bestimmung 
meines Willens bleibt, die ich hiermit noch ändern kann. 
Die Stipulation des Vertrages hingegen ist schon selbst 
das Dasein meines Willensbeschlusses in dem Sinne, 
daß ich meine Sache hiermit veräußert, sie itzt auf- 
gehört habe, mein Eigentum zu sein, und daß ich sie 
bereits als Eigentum des anderen anerkenne. Die rö- 
mische Unterscheidung zwischen pactum und contractus 
ist von schlechter Art. — Fichte hat einst die Behaup- 
tung aufgestellt, daß die Verbindlichkeit, den Ver- 
trag zu halten, nur erst mit der beginnenden Leistung 
des anderen für mich anfange, weil ich vor der Leistung 
in der Unwissenheit darüber sei, ob der andere es ernst- 
lich mit seiner Äußerung gemeint habe; die Verbind- 
lichkeit vor der Leistung sei daher nur moralischer, 
nicht rechtlicher Natur i). Allein die Äußerung der 
Stipulation ist nicht eine Äußerung überhaupt, sondern 
enthält den zustande gekommenen gemeinsamen 
Willen, in welchem die Willkür der Gesinnung und 
ihrer Änderung sich aufgehoben hat. Es handelt sich 
deswegen nicht um die Möglichkeit, ob der andere inner- 
lich anders gesinnt gewesen oder geworden sei, sondern 
ob er das Recht dazu habe. Wenn der andere auch zu 
leisten anfängt, bleibt mir gleichfalls die Willkür des 
Unrechts. Jene Ansicht zeigt ihre Nichtigkeit gleich 
dadurch, daß das Rechtliche des Vertrags auf die 
schlechte Unendlichkeit, den Prozeß ins Unendliche, ge- 
stellt wäre, auf die unendliche Teilbarkeit der Zeit, der 
Materie des Tuns u. s. f. Das Dasein, das der Wille 
in der . Förmlichkeit der Gebärde, oder in der für sich 
bestimmten Sprache hat, ist schon sein als des intellek- 
tuellen, vollständiges Dasein, von dem die Leistung nur 
die selbstlose Folge ist. — Daß es übrigens im positiven 
Rechte sogenannte Real-Kontrakte gibt, zum Unter- 
schiede von sogenannten Konsensual-Kontrakten in 

*) Beiträge zur Berichtig, d. Urt. üb. d. franz. Rev. Sämtl, 
Werke VI, S. 111 ff. 



Zweiter Abschnitt Der Vertrag. § 80. 79 

dem Sinne, daß jene nur für vollgültig angesehen werden, 
wenn zu der Einwilligung die wirkliche Leistung (res, 
traditio rei) hinzukommt, tut nichts zur Sache. Jene 
sind teils die besonderen Fälle, wo mich diese Übergabe 
erst in den Stand setzt, meinerseits leisten zu können, 
und meine Verbindlichkeit, zu leisten, sich allein auf 
die Sache, insofern ich sie in die Hände erhalten, bezieht, 
wie beim Darlehn, Leihkontrakt und Depositum (was 
auch noch bei anderen Verträgen der Fall sein kann); 
— ein Umstand, der nicht die Natur des Verhältnisses 
der Stipulation zur Leistung, sondern die Art und Weise 
des Leistens betrifft — teils bleibt es überhaupt der Will- 
kür überlassen, in einem Vertrag zu stipulieren, daß die 
Verbindlichkeit des einen zur Leistung nicht im Vertrage 
als solchem selbst liegen, sondern erst von der Leistung 
des anderen abhängig sein solle. 

§ 80. 
Die Einteilung der Verträge und eine darauf ge- 
gründete verständige Abhandlung ihrer Arten ist nicht 
von äußerlichen Umständen, sondern von Unterschieden, 
die in der Natur des Vertrages selbst liegen, herzunehmen. — 
Diese Unterschiede sind der von formellem und von reellem 
Vertrag, dann von Eigentum und von Besitz und Gebrauch, 
Wert und von spezifischer Sache. Es ergeben sich dem- 
nach folgende Arten: (Die hier gegebene Einteilung 
trifft im ganzen mit der Kantischen Einteilung, Metaphys. 
Anfangsgründe der Eechtslehre, S. 120 ff. 0, zusammen, 
und es wäre längst zu erwarten gewesen, daß der gewöhn- 
liche Schlendrian der Einteilung der Verträge in Real- 
und Konsensual-, genannte und ungenannte Kontrakte u.s. f. 
gegen die vernünftige Einteilung aufgegeben worden wäre.) 
A. Sc henkungs vertrag, und zwar 

1) einer Sache; eigentlich sogenannte Schenkung, 

2) das Leihen einer Sache, als Verschenkung eines 
Teils oder des beschränkten Genusses und 
Gebrauchs derselben; der Verleiher bleibt hierbei 
Eigentümer der Sache (mutuum und commoda- 
tum ohne Zinsen). Die Sache ist dabei entweder 
eine spezifische, oder aber wird sie, wenn sie auch 
eine solche ist, doch als eine allgemeine angesehen 
oder gilt (wie Geld) als eine für sich allgemeine. 

1) Metaphysik der Sitten I. Teil, § 31. 



80 Erster Teil. Das abstrakte Recht. § 80. 

3) Schenkung einer Dienstleistung überhaupt, 
z. B. der bloßen Aufbewahrung eines Eigentums 
(depositum); — die Schenkung einer Sache mit der 
besonderen Bedingung, daß der andere erst Eigen- 
tümer wird auf den Zeitpunkt des Todes des 
Schenkenden, d. h. auf den Zeitpunkt, wo dieser 
ohnehin nicht mehr Eigentümer ist; die testamen- 
tarische Disposition liegt nicht im Begriffe des 
Vertrags, sondern setzt die bürgerliche Gesell- 
schaft und eine positive Gesetzgebung voraus. 
B. Tauschvertrag, 

1) Tausch als solcher: 

«) einer Sache überhaupt, d. i. einer spezifischen 
Sache gegen eine andere desgleichen. 

ß) Kauf oder Verkauf (emtio venditio); Tausch 
einer spezifischen Sache gegen eine, die als 
die allgemeine bestimmt ist, d. i. welche nur 
als der Wert ohne die andere spezifische Be- 
stimmung zur Benutzung gilt, — gegen Geld. 

2) Vermietung (locatio conductio), Veräußerung des 
temporären Gebrauchs eines Eigentums gegen 
Mietzins, und zwar 

a) einer spezifischen Sache, eigentliche Vermie- 
tung — oder 

ß) einer allgemeinen Sache, so daß der Ver- 
leiher nur Eigentümer dieser, oder, was dasselbe 
ist, des Wertes bleibt, — Anleihe (mutuum, 
jenes auch commodatum mit einem Mietzins; — 
die weitere empirische Beschaffenheit der Sache, 
ob sie ein Stock, Geräte, Haus u.s.f., res fungibilis 
oder non fungibilis ist, bringt (wie im Verleihen 
als Schenken Nr. 2) andere besondere, übrigens 
aber nicht wichtige Bestimmungen herbei). 

3) Lohnvertrag (locatio operae), VeräuJ3enmg mei- 
nes Produzierens oder Dienstleistens, in- 
sofern es nämlich veräußerlich ist, auf eine be- 
schränkte Zeit oder nach sonst einer Beschrän- 
kung (s. § 67). 

Verwandt ist hiermit das Mandat und andere Ver- 
träge, wo die Leistung auf Charakter und Zutrauen 
oder auf höheren Talenten beruht und eine Inkom- 
mensurabilität des Geleisteten gegen einen äußeren 



Zweiter Abschnitt. Der Vertrag. §81. 81 

Wert (der hier auch nicht Lohn, sondern Honorar 
heii3t) eintritt. 
C. Vervollständigung eines Vertrags (cautio) durch 
Verpfändung. 

Bei den Verträgen, wo ich die Benutzung einer 
Sache veräui3ere, bin ich nicht im Besitz, aber noch 
Eigentümer derselben (wie bei der Vermietung). 
Ferner kann ich bei Tausch-, Kauf-, auch Schenkungs- 
verträgen Eigentümer geworden sein, ohne noch im 
Besitz zu sein, sowie überhaupt in Ansehung irgend- 
einer Leistung, wenn nicht: Zug um Zug, statt- 
findet, diese Trennung eintritt. Daß ich nun auch 
im wirklichen Besitze des Werts, als welcher 
noch oder bereits mein Eigentum ist, in dem einen 
Falle bleibe, oder in dem anderen Falle darein gesetzt 
werde, ohne daß ich im Besitze der spezifischen 
Sache bin, die ich überlasse oder die mir werden soll, 
dies wird durch das Pfand bewirkt, — eine spezi- 
fische Sache, die aber nur nach dem Werte meines 
zum Besitz überlassenen oder des mir schuldigen 
Eigentums, mein Eigentum ist, nach ihrer spezifischen 
Beschaffenheit und Mehrwerte aber Eigentum des 
Verpfändenden bleibt. Die Verpfändung ist daher nicht 
selbst ein Vertrag, sondern nur eine Stipulation (§ 77), 
das einen Vertrag in Rücksicht auf den Besitz des 
Eigentums vervollständigende Moment. — Hypo- 
thek, Bürgschaft sind besondere Formen hiervon. 

§ 8L 

Im Verhältnis unmittelbarer Personen zueinander über- 
haupt ist ihr Wille, ebensosehr wie an sich identisch 
und im Vertrage von ihnen gemeinsam gesetzt, so auch 
ein besonderer. Es ist, weil sie unmittelbare Per- 
sonen sind, zufällig, ob ihr besonderer Wille mit dem 
an sich seienden Willen übereinstimmend sei, der durch 
jenen allein seine Existenz hat. Als besonderer für sich 
v^om allgemeinen verschieden, tritt er in Willkür und 
Fälligkeit der Einsicht imd des Wollens gegen das auf, 
>vas an sich Recht ist, — das Unrecht. 

Den Übergang zum Unrecht macht die logische höhere 
Notwendigkeit, daß die Momente des Begriffs, hier das 
Recht an sich, oder der Wille als allgemeiner, und 
das Recht in seiner Existenz, welche eben die Be- 

Hegel. Eechtsphilosophie. G 



82 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Dritter Abschnitt. 

Sonderheit des Willens ist, als für sich verschieden 
gesetzt seien, was zur abstrakten Realität des Be- 
griffs gehört. — Diese Besonderheit des Willens für 
sich aber ist Willkür und Zufälligkeit, die ich im Ver- 
trage nur als Willkür über eine einzelne Sache, nicht 
als die Willkür und Zufälligkeit des Willens selbst auf- 
gegeben habe. 



Dritter Abschnitt. 

Das rnrecht. 

§82. 
Im Vertrage ist das Recht an sich als ein Ge- 
setztes, seine innere Allgemeinheit als ein Gemein- 
sames der Willkür und besonderen Willens. Diese Er- 
scheinung des Rechts, in welchem dasselbe und sein 
wesentliches Dasein, der besondere Wille, unmittelbar, d. i. 
zufällig übereinstimmen, geht im Unrecht zum Schein 
fort, — zur Entgegensetzung des Rechts an sich und des 
besonderen Willens, als in welchem es ein besonderes 
Recht wird. Die Wahrheit dieses Scheins aber ist, daß 
er nichtig ist und daß das Recht durch das Negieren 
dieser seiner Negation sich wiederherstellt, durch welchen 
Prozeß seiner Vermittelung, aus seiner Negation zu sich 
zurückzukehren, es sich als Wirkliches und Geltendes 
bestimmt, da es zuerst nur an sich und etwas Unmittel- 
bar e s war. 

§ 83. 
Das Recht, das als ein Besonderes und damit Man- 
nigfaltiges gegen seine an sich seiende Allgemeinheit 
und Einfachheit die Form eines Scheines erhält, ist 
ein solcher Schein teils an sich oder unmittelbar, teils 
wird es durch das Subjekt als Schein, teils schlecht- 
hin als nichtig gesetzt, — unbefangenes oder 
bürgerliches Unrecht, Betrug und Verbrechen. 

A. ünbefaugrenes Unrecht. 

§ 84. 

Die Besitznahme (§ 54) und der Vertrag für sich und 
nach ihren besonderen Arten, zunächst verschiedene Äuße- 
rungen und Folgen meines Willens überhaupt, sind, weil 



A. Das Unrecht. B. Betrug. § 85—87. 83 

der Wille das in sich Allgemeine ist, in Beziehung auf 
das Anerkennen Anderer, Rechtsgründe. In ihrer Äußer- 
lichkeit gegeneinander und Mannigfaltigkeit liegt es, daß 
sie in Beziehung auf eine und dieselbe Sache verschiedenen 
Personen angehören können, deren jede aus ihrem be- 
sonderen Rechtsgrunde die Sache für ihr Eigentum an- 
sieht; womit Rechtskollisionen entstehen. 

§ 85. 

Diese Kollision, in der die Sache aus einem Rechts- 
grunde angesprochen wird, und welche die Sphäre des 
bürgerlichen Rechtsstreits ausmacht, enthält die An- 
erkennung des Rechts als des Allgemeinen und Ent- 
scheidenden, so daß die Sache dem gehören soll, der das 
Recht dazu hat. Der Streit betrifft nur die Subsumtion 
der Sache unter das Eigentum des einen oder des anderen; 
— ein schlechtweg negatives Urteil, wo im Prädikate 
des Meinigen nur das Besondere negiert wird. 

§86. 

In den Parteien ist die Anerkennung des Rechts mit 
dem entgegengesetzten besonderen Interesse und eben- 
solcher Ansicht verbunden. Gegen diesen Schein tritt 
zugleich in ihm selbst (vorherg. §) das Recht an sich 
als vorgestellt und gefordert hervor. Es ist aber zunächst 
nur als ein Sollen, weil der Wille noch nicht als ein 
solcher vorhanden ist, der sich von der Unmittelbarkeit 
des Interesses befreit, als besonderer den allgemeinen 
Willen zum Zwecke hätte; noch ist er hier als eine solche 
anerkannte Wirklichkeit bestimmt, gegen welche die Par- 
teien auf ihre besondere Ansicht und Interesse Verzicht zu 
tun hätten. 



B. Betrug. 

§87. 

Das Recht an sich in seinem Unterschiede von dem 
Recht als besonderem und daseiendem, ist als ein gefor- 
dertes zwar als das Wesentliche bestimmt, aber darin 
zugleich nur ein gefordertes, nach dieser Seite etwas 
bloß subjektives, damit unwesentliches und bloß schei- 
nendes. So das Allgemeine von dem besonderen Willen 



84 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Dritter Abschnitt. 

zu einem nur scheinenden, — zunächst im Vertrage zur nur 
äußerlichen Gemeinsamkeit des AVillens herabgesetzt, ist 
es der Betrug, 



Im Vertrage erwerbe ich ein Eigentum um der be- 
sonderen Beschaffenheit der Sache willen, und zugleich 
nach ihrer inneren Allgemeinheit teils nach dem Werte, 
teils als aus dem Eigentum des anderen. Durch die Will- 
kür des anderen kann mir ein falscher Schein hierüber 
vorgebracht werden, so daß es mit dem Vertrage als beider- 
seitiger freier Einwilligung des Tausches über diese Sache, 
nach ihrer unmittelbaren Einzelnheit, seine Richtig- 
keit hat, aber die Seite des an sich seienden Allgemeinen 
darin fehlt. (Das unendliche Urteil nach seinem positiven 
Ausdrucke oder identischen Bedeutung. S. Encyklop. der 
Philosoph. Wissensch. § 121) M. 

§89. 

Daß gegen diese Annahme der Sache bloß als dieser, 
und gegen den bloß meinenden, sowie den willkürlichen 
Willen, das Objektive oder Allgemeine teils als Wert 
erkennbar, teils als Recht geltend sei, teils die gegen das 
Recht subjektive Willkür aufgehoben werde, — ist hier 
zunächst gleichfalls nur eine Forderung. 

C. Zwaug: und Verbrechen. 

§90. 

Daß mein Wille im Eigentum sich in eine äußer- 
liche Sache legt, darin liegt, daß er ebensosehr als er in 
ihr reflektiert wird, an ihr ergriffen und unter die Not- 
wendigkeit gesetzt wird. Er kann darin teils Gewalt über- 
haupt leiden, teils kann ihm durch die Gewalt zur Be- 
dingung irgendeines Besitzes oder positiven Seins eine 
Aufopferung oder Handlung gemacht, — Zwang angetan 
werden. 

§91. 
Als Lebendiges kann der Mensch wohl bezwungen, 
d. h, seine physische und sonst äußerliche Seite unter 
die Gewalt anderer gebracht, aber der freie Wille kann 

1) In der 3. Aufl. § 173 (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 166). 



Das Unrecht. C. Zwang und Verbrechen. § 92—94. 85 

an und für sich nicht gezwungen werden (§ 5), als nur 
sofern er sich selbst aus der Äußerlichkeit, an der 
er festgehalten wird, oder aus deren Vorstellung nicht 
zurückzieht (§7). Es kann nur der zu etwas gezwungen 
werden, der sich zwingen lassen will. 

§ 92. 
Weil der Wille, nur insofern er Dasein hat, Idee oder 
wirklich frei und das Dasein, in welches er sich gelegt 
hat, Sein der Freiheit ist, so zerstört Gewalt oder Zwang 
in ihrem Begriff sich unmittelbar selbst, als Äußerung eines 
Willens, welche die Äußerung oder Dasein eines Willens 
aufhebt. Gewalt oder Zwang ist daher, abstrakt genommen, 
unrechtlich. 

§ 93. 
Der Zwang hat davon, daß er sich in seinem Be- 
griffe zerstört, die reelle Darstellung darin, daß Zwang 
durch Zwang aufgehoben wird; er ist daher nicht 
nur bedingt rechtlich, sondern notwendig, — nämlich als 
zweiter Zwang, der ein Aufheben eines ersten Zwanges ist. 
Verletzung eines Vertrages durch Nichtleistung des 
Stipulierten, oder der Rechtspflichten gegen die Familie, 
[den] Staat, durch Tun oder Unterlassen, ist insofern erster 
Zwang oder wenigstens Gewalt, als ich ein Eigentum, 
das eines anderen ist, oder eine schuldige Leistung dem- 
selben vorenthalte oder entziehe. — Pädagogischer 
Zwang, oder Zwang gegen Wildheit und Roheit ausgeübt, 
erscheint zwar als erster nicht auf Vorangehung eines 
ersten erfolgend. Aber der nur natürliche Wille ist an 
sich Gewalt gegen die an sich seiende Idee der Freiheit, 
welche gegen solchen ungebildeten Willen in Schutz zu 
nehmen und in ihm zur Geltung zu bringen ist. Ent- 
weder ist ein sittliches Dasein in Familie oder Staat schon 
gesetzt, gegen welche jene Natürlichkeit eine Gewalt- 
tätigkeit ist, oder es ist nur ein Naturzustand, — Zu- 
stand der Gewalt überhaupt vorhanden, so begründet 
die Idee gegen diesen ein Heroenrechti). 

§ 94. 

Das abstrakte Recht ist Zwangs recht, weil das Un- 
recht gegen dasselbe eine Gewalt gegen das Dasein meiner 

~~«) Vgl. § 359. 



86 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Dritter Abschnitt. 

Freiheit in einer äußerlichen Sache ist; die Erhaltung 
dieses Daseins gegen die Gewalt hiermit selbst als eine 
äußerliche Handlung und eine jene erste aufhebende Ge- 
walt ist. 

Das abstrakte oder strenge Recht sogleich von vorn- 
herein als ein Recht definieren, zu dem man zwingen 
dürfe, — heißt es an einer Folge auffassen, welche erst 
in dem Umwege des Unrechts eintritt. 

§ 95. 
Der erste Zwang als Gewalt von dem Freien aus- 
geübt, welche das Dasein der Freiheit in seinem kon- 
kreten Sinne, das Recht als Recht verletzt, ist Ver- 
brechen, — ein negativ-unendliches Urteil in seinem 
vollständigen Sinne, (siehe meine Logik 2. B. S. 99)^), 
durch welches nicht nur das Besondere, die Subsumtion 
einer Sache unter meinen Willen (§ 85), sondern zugleich 
das Allgemeine, Unendliche im Prädikate des Meinigen, 
die Rechtsfähigkeit und zwar ohne die Vermittelung 
meiner Meinung (wie im Betrug) (§ 88), ebenso gegen 
diese negiert wird, — die Sphäre des peinlichen Rechts. 
Das Recht, dessen Verletzung das Verbrechen ist, 
hat zwar bis hierher nur erst die Gestaltungen, die wir 
gesehen haben, das Verbrechen hiermit auch zunächst nur 
die auf diese Bestimmungen sich beziehende nähere Be- 
deutung. Aber das in diesen Formen Substantielle ist 
das Allgemeine, das in seiner weiteren Entwickelung 
und Gestaltung dasselbe bleibt und daher ebenso dessen 
Verletzung, das Verbrechen, seinem Begriffe nach. Den 
besonderen, weiter bestimmten Inhalt, z. B. in Mein- 
eid, Staatsverbrechen, Münz-, Wechselverfälschung u. s. f. 
betrifft daher auch die im folgenden § zu berücksich- 
tigende Bestimmung. 

§96. 

Insofern es der daseiende Wille ist, welcher allein 
verletzt werden kann, dieser aber im Dasein in die Sphäre 
eines quantitativen Umfangs, sowie qualitativer Bestim- 
mungen eingetreten, somit danach verschieden ist, so macht 
es ebenso einen Unterschied für die objektive Seite der 
Verbrechen aus, ob solches Dasein und dessen Bestimmt- 
heit überhaupt in ihrem ganzen Umfang, hiermit in der 
ihrem Begriffe gleichen Unendlichkeit (wie in Mord, Skla- 

1) HegelTWweTö. Bd. (1833), SToä 



i 



Das Um-echt. C. Zwang und Verbrechen. § 97—98. 87 

verei, Religionszwang u. s. f.), oder nur nach einem Teile, 
sowie nach welcher qualitativen Bestimmung verletzt ist. 
Die stoische Ansicht, daß es nur eine Tugend und 
ein Laster gibt, die drakonische Gesetzgebung, die jedes 
Verbrechen mit dem Tode bestraft, wie die Roheit der 
formellen Ehre, welche die unendliche Persönlichkeit 
in jede Verletzung legt, haben dies gemein, daß sie bei 
dem abstrakten Denken des freien Willens und der 
Persönlichkeit stehenbleiben, und sie nicht in ihrem 
konkreten und bestimmten Dasein, das sie als Idee haben 
muß, nehmen. — Der Unterschied von Raub und Dieb- 
stahl bezieht sich auf das Qualitative, daß bei jenem 
Ich auch als gegenwärtiges Bewußtsein, also als diese 
subjektive Unendlichkeit verletzt und persönliche Ge- 
walt gegen mich verübt ist. — Manche qualitative Be- 
stimmungen, wie die Gefährlichkeit für die öffent- 
liche Sicherheit, haben in den weiter bestimmten Ver- 
hältnissen ihren Grund, aber sind auch öfters erst auf 
dem Umwege der Folgen, statt aus dem Begriffe der 
Sache, aufgefaßt; — wie eben das gefährlichere Ver- 
brechen für sich in seiner unmittelbaren Beschaffenheit, 
eine dem Umfange oder der Qualität nach schwerere 
Verletzung ist. — Die subjektive moralische Qualität 
bezieht sich auf den höheren Unterschied, inwiefern ein 
Ereignis und Tat überhaupt eine Handlung ist, und be- 
trifft deren subjektive Natur selbst, wovon nachher. 

§97. 

Die geschehene Verletzung des Rechts als Rechts ist 
zwar eine positive, äußerliche Existenz, die aber in 
sich nichtig ist. Die Manifestation dieser ihrer Nich- 
tigkeit ist die ebenso in die Existenz tretende Vernichtung 
jener Verletzung, — die Wirklichkeit des Rechts, als seine 
sich mit sich durch Aufhebung seiner Verletzung ver- 
mittelnde Notwendigkeit. 

§ 98. 
Die Verletzung als nur an dem äußerlichen Dasein 
oder Besitze ist ein Übel, Schaden an irgendeiner Weise 
des Eigentums oder Vermögens; die Aufhebung der Ver- 
letzung als einer Beschädigung ist die zivile Genugtuung 
als Ersatz, insofern ein solcher überhaupt stattfinden kann. 
In dieser Seite der Genugtuung muß schon an die 
Stelle der qualitativen spezifischen Beschaffenheit des 



88 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Dritter Abschnitt. 

Schadens, insofern die Beschädigung eine Zerstörung 
und überhaupt unwiederherstellbar ist, die allgemeine 
Beschaffenheit derselben, als Wert, treten. 

§99. 

Die Verletzung aber, welche dem an sich seienden 
Willen (und zwar hiermit ebenso diesem Willen des Ver- 
letzers, als des Verletzten und aller) widerfahren, hat 
an diesem an sich seienden Willen als solchem keine po- 
sitive Existenz, so wenig als an dem bloßen Produkte. 
Für sich ist dieser an sich seiende Wille (das Recht, 
Gesetz an sich) vielmehr das nicht äußerlich Existierende 
und insofern das Unverletzbare. Ebenso ist die Verletzung 
für den besonderen Willen des Verletzten und der übrigen 
nur etwas Negatives. Die positive Existenz der Ver- 
letzung ist nur als der besondere Wille des Ver- 
brechers. Die Verletzung dieses als eines daseienden 
Willens also ist das Aufheben des Verbrechens, das sonst 
gelten würde, und ist die Wiederherstellung des Rechts. 
Die Theorie der Strafe ist eine der Materien, die 
in der positiven Rechtswissenschaft neuerer Zeit am 
schlechtesten weggekommen sind, weil in dieser Theorie 
der Verstand nicht ausreicht, sondern es wesentlich auf 
den Begriff ankommt. — Wenn das Verbrechen und 
dessen Aufhebung, als welche sich weiterhin als Strafe 
bestimmt, nur als ein Übel überhaupt betrachtet wird, 
so kann man es freilich als unvernünftig ansehen, ein 
Übel bloß deswegen zu wollen, weil schon ein anderes 
Übel vorhanden ist. (Klein,i) Grunds, des peinlichen 
Rechts, § 9 f.) Dieser oberflächliche Charakter eines Ü b e 1 s 
wird in den verschiedenen Theorien über die Strafe, der 
Verhütungs-, Abschreckungs-, Androhungs-, Besserungs- 
usw. Theorie, als das Erste vorausgesetzt, und was da- 
gegen herauskommen soll, ist ebenso oberflächlich als 
ein Gutes bestimmt. Es ist aber weder bloß um ein 
Übel, noch um dies oder jenes Gute zu tun, sondern es 
handelt sich bestimmt um Unrecht und um Gerech- 
tigkeit. Durch jene oberflächlichen Gesichtspunkte 
aber wird die objektive Betrachtung der Gerechtig- 
keit, welche der erste und substantielle Gesichtspunkt 
bei dem Verbrechen ist, beiseite gestellt, und es folgt 

1) Klein, Ernst Ferdin., 1743—1810, seit 1800 Geh. Ober- 
tribunalsrat in Berlin. 



Das Unrecht. C. Zwang und Verbrechen. § 100. 89 

von selbst, daß der moralische Gesichtspunkt, die sub- 
jektive Seite des Verbrechens, vermischt mit trivialen 
psychologischen Vorstellungen von den Reizen und der 
Stärke sinnlicher Triebfedern gegen die Vernunft, von 
psychologischem Zwang und Einwirkung auf die Vor- 
stellung (als ob eine solche nicht durch die Freiheit 
ebensowohl zu etwas nur Zufälligem herabgesetzt würde) 
— zum Wesentlichen wird. Die verschiedenen Rück- 
sichten, welche zu der Strafe als Erscheinung und ihrer 
Beziehung auf das besondere Bewußtsein gehören, und 
die Folgen auf die Vorstellung (abzuschrecken, zu bessern 
i:. s. f.) betreffen, sind an ihrer Stelle, und zwar vornehm- 
lich bloß in Rücksicht der Modalität der Strafe, wohl von 
wesentlicher Betrachtung, aber setzen die Begründung 
voraus, daß das Strafen an und für sich gerecht sei. 
In dieser Erörterung kommt es allein darauf an, daß 
das Verbrechen und zwar nicht als die Hervorbringung 
eines Übels, sondern als Verletzung des Rechts als Rechts 
aufzuheben ist, und dann welches die Existenz ist, 
die das Verbrechen hat und die aufzuheben ist; sie ist 
das wahrhafte Übel, das wegzuräumen ist, und worin 
sie liege, der wesentliche Punkt; solange die Begriffe 
hierüber nicht bestimmt erkannt sind, so lange muß Ver- 
wirrung in der Ansicht der Strafe herrschen. 

§ 100. 

Die Verletzung, die dem Verbrecher widerfährt, ist 
nicht nur an sich gerecht, — als gerecht ist sie zugleich 
sein an sich seiender Wille, ein Dasein seiner Freiheit, 
sein Recht; sondern sie ist auch ein Recht an den Ver- 
brecher selbst, d. i. in seinem daseienden Willen, in 
seiner Handlung gesetzt. Denn in seiner als eines Ver- 
nünftigen Handlung liegt, daß sie etwas Allgemeines, 
daß durch sie ein Gesetz aufgestellt ist, das er in ihr für 
sich anerkannt hat, unter welches er also, als unter sein 
Recht subsumiert werden darf. 

Beccaria^) hat dem Staate das Recht zur Todesstrafe 
bekanntlich aus dem Grunde abgesprochen, weil nicht 
präsumiert werden könne, daß im gesellschaftlichen Ver- 
trage die Einwilligung der Individuen, sich töten zu 
lassen, enthalten sei, vielmehr das Gegenteil angenommen 

1) Cesare Beccaria, 1735 — 93, dei delitti e della peue, 
Monaco 1764. 



90 Erster Teil. Das abstrakte Recht. Dritter Abschnitt. 

werden müsse. Allein der Staat ist überhaupt nicht ein 
Vertrag (s. § 75), noch ist der Schutz und die Siche- 
rung des Lebens und Eigentums der Individuen als 
einzelner so unbedingt sein substantielles Wesen, viel- 
mehr ist er das Höhere, welches dieses Leben und 
Eigentum selbst auch in Anspruch nimmt und die Auf- 
opferung desselben fordert. — Ferner ist [es] nicht nur 
der Begriff des Verbrechens, das Vernünftige desselben 
an und für sich, mit oder ohne Einwilligung der 
Einzelnen, was der Staat geltend zu machen hat, sondern 
auch die formelle Vernünftigkeit, das Wollen des Ein- 
zelnen, liegt in der Handlung des Verbrechers. Daß 
die Strafe darin als sein eigenes Recht enthaltend an- 
gesehen wird, darin wird der Verbrecher als Vernünf- 
tiges geehrt. — Diese Ehre wird ihm nicht zuteil, 
wenn aus seiner Tat selbst nicht der Begriff und der 
Maßstab seiner Strafe genommen wird; — ebensowenig 
auch, wenn er nur als schädliches Tier betrachtet wird, 
das unschädlich zu machen sei, oder in den Zwecken 
der Abschreckung und Besserung. — Ferner in Rück- 
sicht auf die Weise der Existenz der Gerechtigkeit ist 
ohnehin die Form, welche sie im Staate hat, nämlich als 
Strafe, nicht die einzige Form und der Staat nicht die 
bedingende Voraussetzung der Gerechtigkeit an sich. 

§ lOL 
Das Aufheben des Verbrechens ist insofern Wieder- 
vergeltung, als sie dem Begriffe nach Verletzung der 
Verletzung ist und dem Dasein nach das Verbrechen einen 
bestimmten, qualitativen und quantitativen Umfang, hier- 
mit auch dessen Negation als Dasein einen ebensolchen 
hat. Diese auf dem Begriffe beruhende Identität ist aber 
nicht die Gleichheit in der spezifischen, sondern in der 
an sich seienden Beschaffenheit der Verletzung, — nach 
dem Werte derselben. 

Da in der gewöhnlichen Wissenschaft die Definition 
einer Bestimmung, hier der Strafe, aus der allge- 
meinen Vorstellung der psychologischen Erfahrung 
des Bewußtseins genommen werden soll, so würde diese 
wohl zeigen, daß das allgemeine Gefühl der Völker und 
Individuen bei dem Verbrechen ist und gewesen ist, daß 
es Strafe verdiene und dem Verbrecher geschehen 
solle, wie er getan hat. Es ist nicht abzusehen, wie 
diese Wissenschaften, welche die Quelle ihrer Bestim- 



Das Unrecht. 0. Zwang und Verbrechen. §101. 91 

mungen in der allgemeinen Vorstellung haben, das andere 
Mal einer solchen auch sogenannten allgemeinen Tat- 
sache des Bewußtseins widersprechende Sätze annehmen. 
— Eine Hauptschwierigkeit hat aber die Bestimmung 
der Gl eichheit in die Vorstellung der Wiedervergel- 
tung hereingebracht; die Gerechtigkeit der Strafbestim- 
mungen nach ihrer qualitativen und quantitativen Be- 
schaffenheit ist aber ohnehin ein Späteres als das Sub- 
stantielle der Sache selbst. Wenn man sich auch für 
dieses weitere Bestimmen nach anderen Prinzipien um- 
sehen müßte, als für das Allgemeine der Strafe, so 
bleibt dieses, was es ist. Allein der Begriff selbst muß 
überhaupt das Grundprinzip auch für das Besondere 
enthalten. Diese Bestimmung des Begriffs ist aber eben 
jener Zusammenhang der Notwendigkeit, daß das Ver- 
brechen als der an sich nichtige Wille, somit seine Ver- 
nichtung, — die als Strafe erscheint, — in sich selbst 
enthält. Die innere Identität ist es, die am äußerlichen 
Dasein sich für den Verstand als Gleichheit reflektiert. 
Die qualitative und quantitative Beschaffenheit des Ver- 
brechens und seines Aufhebens fällt nun in die Sphäre der 
Äußerlichkeit; in dieser ist ohnehin keine absolute Be- 
stimmung möglich (vergl. § 49); diese bleibt im Felde 
der Endlichkeit nur eine Forderung, die der Ver- 
stand immer mehr zu begrenzen hat, was von der 
höchsten Wichtigkeit ist, die aber ins Unendliche fort- 
geht und nur eine Annäherung zuläßt, die perennierend 
ist. — Übersieht man nicht nur diese Natur der Endlich- 
keit, sondern bleibt man auch vollends bei der ab- 
strakten, spezifischen Gleichheit stehen, so ent- 
steht nicht nur eine unübersteigliche Schwierigkeit, die 
Strafen zu bestimmen (vollends wenn noch die Psycho- 
logie die Größe der sinnlichen Triebfedern, und die da- 
mit verbundene, — wie man will, entweder um so 
größere Stärke des bösen Willens, oder auch die um 
so geringere Stärke und Freiheit des Willens über- 
haupt herbeibringt), sondern es ist sehr leicht, die Wieder- 
vergeltung der Strafe (als Diebstahl um Diebstahl, Raub 
um Raub, Aug' um Aug', Zahn um Zahn, wobei man 
sich vollends den Täter als einäugig oder zahnlos vor- 
stellen kann), als Absurdität darzustellen, mit der aber 
der Begriff nichts zu tun hat, sondern die allein jener 
herbeigebrachten spezifischen Gleichheit zu schul- 
den kommt. Der Wert als das innere Gleiche von 



92 Erster Teil. Da3 abstrakte Recht. Dritter Abschnitt. 

Sachen, die in ihrer Existenz spezifisch ganz verschieden 
sind, ist eine Bestimmung, die schon bei den Verträgen 
(s. oben) ingleichen in der Zivilklage gegen Verbrechen 
(§ 95) vorkommt, und wodurch die Vorstellung aus der 
unmittelbaren Beschaffenheit der Sache in das All- 
gemeine hinübergehoben wird. Bei dem Verbrechen, 
als in welchem das Unendliche der Tat die Grund- 
bestimmung ist, verschwindet das bloß äußerlich Spe- 
zifische um so mehr, und die Gleichheit bleibt nur die 
Grundregel für das Wesentliche, was der Verbrecher 
verdient hat, aber nicht für die äußere spezifische Ge- 
stalt dieses Lohns. Nur nach der letzteren sind Dieb- 
stahl, Raub und Geld-, Gefängnisstrafe u. s. f. schlecht- 
hin Ungleiche, aber nach ihrem Werte, ihrer allgemeineif 
Eigenschaft, Verletzungen zu sein, sind sie Vergleich- 
bare. Es ist dann, wie bemerkt, die Sache des Ver- 
standes, die Annäherung an die Gleichheit dieses ihres 
Wertes zu suchen. Wird der an sich seiende Zu- 
sammenhang des Verbrechens und seiner Vernichtung 
und dann der Gedanke des Wertes und der Vergleich- 
barkeit beider nach dem Werte nicht gefaßt, so kann 
es dahin kommen, daß man (Klein, Grunds, des peinl. 
Rechts, § 9) in einer eigentlichen Strafe eine nur will- 
kürliche Verbindung eines Übels mit einer unerlaubten 
Handlung sieht. 

§ 102. 

Das Aufheben des Verbrechens ist in dieser Sphäre 
der Unmittelbarkeit des Rechts zunächst Rache, dem In- 
halte nach gerecht, insofern sie Wiedervergeltung ist. 
Aber der Form nach ist sie die Handlung eines subjek- 
tiven Willens, der in jede geschehene Verletzung seine 
Unendlichkeit legen kann und dessen Gerechtigkeit daher 
überhaupt zufällig, sowie er auch für den anderen nur 
als besonderer ist. Die Rache wird hierdurch, daß sie 
als positive Handlung eines besonderen Willens ist, eine 
neue Verletzung: sie verfällt als dieser Widerspruch in 
den Progreß ins Unendliche und erbt sich von Geschlechtern 
zu Geschlechtern ins Unbegrenzte fort. 

Wo die Verbrechen nicht als crimina publica, sondern 
privata (wie bei den Juden, bei den Römern Diebstahl, 
Raub, bei den Engländern noch in einigem u. s. f.) ver- 
folgt und bestraft werden, hat die Strafe wenigstens 



Das Unrecht. Übergang zur Moralität. § 103 — 104. 93 

noch einen Teil von Rache an sich. Von der Privatrache 
ist die Racheübung der Heroen, abenteuernder Ritter 
u. s. f. verschieden, die in die Entstehung der Staaten 
fällt. 

§ 103. 

Die Forderung, daß dieser Widerspruch (wie der 
Widerspruch beim anderen Unrecht) (§ 86, 89), der hier 
an der Art und Weise des Aufhebens des Unrechts vor- 
handen ist, aufgelöst sei, ist die Forderung einer vom sub- 
jektiven Interesse und Gestalt, sowie von der Zufälligkeit 
der Macht befreiten, so nicht rächenden, sondern stra- 
fenden Gerechtigkeit. Darin liegt zunächst die For- 
derung eines Willens, der als besonderer subjektiver 
Wille das Allgemeine als solches wolle. Dieser Begriff 
der Moralität aber ist nicht nur ein Gefordertes, sondern 
in dieser Bewegung selbst hervorgegangen. 

Übergang' vom Recht in Moralität. 

§ 104. 

Das Verbrechen und die rächende Gerechtigkeit stellt 
nämlich die Gestalt der Entwickelung des Willens, als 
in die Unterscheidung des allgemeinen an sich und des 
einzelnen, für sich gegen jenen seienden, hinaus- 
gegangen dar, und ferner, daß der an sich seiende Wille 
durch Aufheben dieses Gegensatzes in sich zurückgekehrt 
und damit selbst für sich und wirklich geworden ist. 
So ist und gilt das Recht, gegen den bloß für sich 
seienden einzelnen Willen bewährt, als durch seine Not- 
wendigkeit wirklich. — Diese Gestaltung ist ebenso zu- 
gleich die fortgebildete innere Begriffsbestimmtheit des 
Willens. Nach seinem Begriffe ist seine Verwirklichung 
an ihm selbst dies, das Ansichsein und die Form der Un- 
mittelbarkeit, in welcher er zunächst ist und diese als 
Gestalt am abstrakten Rechte hat, aufzuheben (§ 21), — 
somit sich zunächst in dem Gegensatze des allgemeinen 
an sich und des einzelnen für sich seienden Willens zu 
setzen, und dann durch das Aufheben dieses Gegensatzes, 
die Negation der Negation, sich als Wille in seinem Da- 
sein, daß er nicht nur freier Wille an sich, sondern für 
sich selbst ist, als sich auf sich beziehende Negativität zu 
bestimmen. Seine Persönlichkeit, als welche der Wille 



94 Erster Teil. Das abstrakte Recht, 

im abstrakten Rechte nur ist, hat derselbe so nunmehr zu 
seinem Gegenstande; die so für sich unendliche Sub- 
jektivität der Freiheit macht das Prinzip des moralischen 
Standpunkts aus. 

Sehen wir näher auf die Momente zurück, durch 
welche der Begriff der Freiheit sich aus der zunächst 
abstrakten zur sich auf sich selbst beziehenden Be- 
stimmtheit des Willens, hiermit zur Selbstbestim- 
mung der Subjektivität fortbildet, so ist diese Be- 
stimmtheit im Eigentum das abstrakte Meinige und 
daher in einer äußerlichen Sache, — im Vertrage das 
durch Willen vermittelte und nur gemeinsame 
Meinige, — im Unrecht ist der Wille der Rechtssphäre, 
sein abstraktes Ansichsein oder Unmittelbarkeit als Zu- 
fälligkeit durch den einzelnen selbst zufälligen 
Willen gesetzt. Im moralischen Standpunkt ist sie so 
überwunden, daß diese Zufälligkeit selbst als in sich 
reflektiert und mit sich identisch die unendliche in 
sich seiende Zufälligkeit des Willens, seine Subjek- 
tivität ist. 



Zweiter Teil. 

Die Moralität. 



§ 105. 

Der moralische Standpunkt ist der Standpunkt des 
Willens, insofern er nicht bloß an sich, sondern für 
sich unendlich ist (vorh. §). Diese Reflexion des Willens 
in sich und seine für sich seiende Identität gegen das 
Ansichsein und die Unmittelbarkeit und die darin sich 
entwickelnden Bestimmtheiten bestimmt die Person zum 
Subjekte, 

§ 106. 
Indem die Subjektivität nunmehr die Bestimmtheit des 
Begriffs ausmacht und von ihm als solchem, dem an sich 
seienden Willen, unterschieden [ist], und zwar, indem der Wille 
des Subjekts als des für sich seienden Einzelnen zugleich 
ist (die Unmittelbarkeit auch noch an ihm hat), macht 
sie das Dasein des Begriffs aus. — Es hat sich damit 
für die Freiheit ein höherer Boden bestimmt; an der 
Idee ist itzt die Seite der Existenz oder ihr reales 
Moment die Subjektivität des Willens. Nur im Willen, 
als subjektivem, kann die Freiheit oder der an sich seiende 
Wille wirklich sein. 

Die zweite Sphäre, die Moralität, stellt daher im 
Ganzen die reale Seite des Begriffs der Freiheit dar, 
und der Prozeß dieser Sphäre ist, den zunächst nur für 
sich seienden Willen, der unmittelbar nur an sich 
identisch ist mit dem an sich seienden oder allgemeinen 
Willen, nach diesem Unterschiede, in welchem er sich 
in sich vertieft, aufzuheben, und ihn für sich als iden- 
tisch mit dem an sich seienden Willen zu setzen. Diese 
Bewegung ist sonach die Bearbeitung dieses nunmehrigen 
Bodens der Freiheit, der Subjektivität, die[se, die] zu- 
nächst abstrakt, nämlich vom Begriffe unterschieden 
ist, ihm gleich [zu machen] und dadurch für die Idee 



96 Zweiter Teil. Die Moralität. § 107—108. 

ihre wahrhafte Realisation zu erhalten, daß der sub- 
jektive Wille sich zum ebenso objektiven, hiermit wahr- 
haft konkreten bestimmt. 

§107. 

Die Selbstbestimmung des Willens ist zugleich 

Moment seines Begriffs und die Subjektivität nicht nur 

die Seite seines Daseins, sondern seine eigene Bestimmung 

(§ 104). Der als subjektiv bestimmte, für sich freie Wille, 

zunächst als Begriff, hat, um als Idee zu sein, selbst 

Dasein. Der moralische Standpunkt ist daher in seiner 

Gestalt das Recht des subjektiven Willens. Nach 

diesem Rechte anerkennt und ist der Wüle nur etwas, 

insofern es das Seinige, er darin sich als Subjektives ist. 

Derselbe Prozeß des moralischen Standpunktes (s, 

Anm. z. vor. §) hat nach dieser Seite die Gestalt, 

die Entwicklung des Rechts des subjektiven Willens 

zu sein — oder der Weise seines Daseins, — so daß 

er das, was er als das Seinige in seinem Gegenstande 

erkennt, dazu fortbestimmt, sein wahrhafter Begriff, das 

Objektive im Sinne seiner Allgemeinheit zu sein. 

§108. 

Der subjektive Wille als unmittelbar für sich und von 
dem an sich seienden unterschieden (§ 106 Anm.) ist 
daher abstrakt, beschränkt und formell. Die Subjektivität 
ist aber nicht nur formell, sondern macht als das unend- 
liche Selbstbestimmen des Willens das Formelle desselben 
aus. Weil es in diesem seinem ersten Hervortreten am 
einzelnen Willen noch nicht als identisch mit dem Be- 
griffe des Willens gesetzt ist, so ist der moralische Stand- 
punkt der Standpunkt des Verhältnisses und des Sollens 
oder der Forderung. — Und indem die Differenz der Sub- 
jektivität ebenso die Bestimmung gegen die Objektivität 
als äußerliches Dasein enthält, so tritt hier auch der Stand- 
punkt des Bewußtseins ein (§8), — überhaupt der 
Standpunkt der Differenz, Endlichkeit und Erschei- 
nung des Willens. 

Das Moralische ist zunächst nicht schon als das dem 
Unmoralischen Entgegengesetzte bestimmt, wie das Recht 
nicht unmittelbar das dem Unrecht Entgegengesetzte, 
sondern es ist der allgemeine Standpunkt des Mora- 
lischen sowohl als des Unmoralischen, der auf der Sub- 
jektivität des Willens beruht. 



Die Moralitiit. §109—111. 97 

§ 109. 
Dieses Formelle enthält seiner allgemeinen Bestimmung 
nach zuerst die Entgegensetzung der Subjektivität und Ob- 
jektivität und die sich daraui beziehende Tätigkeit (§ 8), — 
deren Momente näher diese sind: Dasein und Bestimmt- 
heit ist im Begriffe identisch (vergl. § 104) und der 
Wille als subjektiv ist selbst dieser Begriff, — beides 
und zwar für sich zu unterscheiden und sie als identisch 
zu setzen. Die Bestimmtheit ist im sich selbst bestimmen- 
den Willen a) zunächst als durch ihn selbst in ihm ge- 
setzt; — die Besonderung seiner in ihm. selbst, ein Inhalt, 
den er sich gibt. Dies ist die erste Negation und dereu 
formelle Grenze, nur ein Gesetztes, Subjektives zu sein. 
Als die unendliche Reflexion in sich ist diese Grenze 
für ihn selbst und er ß) das Wollen, diese Schranke 
aufzuheben, — die Tätigkeit, diesen Inhalt aus der 
Subjektivität in die Objektivität überhaupt, in ein un- 
mittelbares Dasein zu übersetzen. ;■) Die einfache 
Identität des Willens mit sich in dieser Entgegensetzung 
ist der sich in beiden gleichbleibende, und gegen diese 
Unterschiede der Form gleichgültige Inhalt, der Zweck. 

§ 110. 
Diese Identität des Inhalts erhält aber auf dem mora- 
lischen Standpunkt, wo die Freiheit, diese Identität des 
"Willens mit sich, für ihn ist (§ 105), die nähere eigen- 
tümliche Bestimmung. 

a) Der Inhalt ist für mich als der meinige so be- 
stimmt, daß er in seiner Identität nicht nur als mein 
innerer Zv»^eck, sondern auch, insofern er die äui3er- 
liche Objektivität erhalten hat, meine Subjektivität für 
mich enthalte. 

§ 111. 

b) Der Inhalt, ob er zwar ein Besonderes entliält 
(dies sei sonst genommen, woher es wolle), hat als Inhalt 
des in seiner Bestimmtheit in sich reflektierten, hier- 
mit mit sich identischen und allgemeinen Willens, a) die 
Bestimmung in ihm selbst, dem an sich seienden Willen 
angemessen zu sein oder die Objektivität deo Begriffes 
zu haben, ß) indem der subjektive Wille als für sich 
seiender zugleich noch formell ist (§ 108), ist dies nur 
Forderung, und er enthält ebenso die Möglichkeit, dem 
Begriffe nicht angemessen zu sein. 

Hegel, Eechtsphilosophie. 7 



98 Zweiter Teil. Die Moralität. § 112—113. 

§ 112. 

c) Indem ich meine Subjektivität in Ausführung meiner 
Zwecke erhalte (§ 110), hebe ich darin als [in] der 
Objektivierung derselben diese Subjektivität zugleich als 
unmittelbare, somit als diese meine einzelne auf. Aber 
die so mit mir identische äußerliche Subjektivität ist der 
Wille anderer (§ 73). — Der Boden der Existenz des 
Willens ist nun die Subjektivität (§ 106) und der Vv'ille 
anderer die zugleich mir andere Existenz, die ich meinem 
Zv^^ecke gebe. — Die Ausführung meines Zwecks hat daher 
diese Identität meines und anderer Willen in sich, — sie 
hat eine positive Beziehung auf den Willen anderer. 

Die Objektivität des ausgeführten Zwecks schließt 
daher die drei Bedeutungen in sich, oder enthält viel- 
mehr in Einem die drei Momente: a) Äußerliches un- 
mittelbares Dasein (§ 109),^) dem Begriffe angemessen 
(§ 112), y) allgemeine Subjektivität zu sein. Die 
Subjektivität, die sich in dieser Objektivität erhält, 
ist a) daß der objektive Zweck der meinige sei, so daß 
Ich mich als Diesen darin erhalte (§ 110); ,?j und ;■) 
der Subjektivität ist schon mit den Momenten ß) und ;•) 
der Objektivität zusammengefallen. — Daß diese Bestim- 
mungen so, auf dem moralischen Standpunkte sich unter- 
scheidend, nur zum Widerspruche vereinigt sind, macht 
näher das Erscheinende oder die Endlichkeit dieser 
Sphäre aus (§ 108) und die Entwicklung dieses Stand- 
punkts ist die Entwicklung dieser Widersprüche und 
deren Auflösungen, die aber innerhalb desselben nur 
relativ sein können. 

§ 113. 

Die Äußerung des Willens als subjektiven oder 
moralischen ist Handlung. Die Handlung enthält die 
aufgezeigten Bestimmungen, a) von mir in ihrer Äußer- 
lichkeit als die meinige gewußt zu werden, ß) die wesent- 
liche Beziehung auf den Begriff als ein Sollen und y) auf 
den Willen anderer zu sein. 

Erst die Äußerung des moralischen Willens ist 
Handlung. Das Dasein, das der Wille im formellen 
Rechte sich gibt, ist in einer unmittelbaren Sache, 
ist selbst unmittelbar und hat für sich zunächst keine 
ausdrückliche Beziehung auf den Begriff, der als 
noch nicht gegen den subjektiven Willen, von ihm nicht 



Die Moralität. § 114. 99 

unterschieden ist, noch eine positive Beziehung auf 
den Willen anderer; das Rechtsgebot ist seiner Grund- 
bestimmung nach nur Verbot (§ 38). Der Vertrag 
und das Unrecht fangen zwar an, eine Beziehung auf 
• den Willen anderer zu haben — aber die Überein- 
stimmung, die in jenem zustande kommt, gründet sich 
auf die Willkür; und die wesentliche Beziehung, die 
darin auf den Willen des anderen ist, ist als rechtliche 
das Negative, mein Eigentum (dem Werte nach) zu 
behalten und dem anderen das Seinige zu lassen. Die 
Seite des Verbrechens dagegen als aus dem subjek- 
tiven Willen kommend und nach der Art und Weise, 
wie es in ihm seine Existenz hat, kommt hier erst in 
Betracht. — Die gerichtliche Handlung (actio), als 
mir nicht nach ihrem Inhalt, der durch Vorschriften 
bestimmt ist, imputabel,- enthält nur einige Momente 
der moralischen eigentlichen Handlung und zwar in 
äußerlicher Weise; eigentliche moralische Handlung 
zu sein ist daher eine von ihr als gerichtlicher unter- 
schiedene Seite. 

§ 114. 

Das Recht des moralischen Willens enthält die drei 
Seiten: 

a) Das abstrakte oder formelle Recht der Hand- 
lung, daß, wie sie ausgeführt in unmittelbarem Dasein 
ist, ihr Inhalt überhaupt der meinige, daß sie so Vor- 
satz des subjektiven Willens sei. 

b) Das Besondere der Handlung ist ihr innerer 
Inhalt, a) wie für mich dessen allgemeiner Charakter 
bestimmt ist, was den Wert der Handlung und das, wo- 
nach sie für mich gilt, — die Absicht, ausmacht; — 
ß) ihr Inhalt, als mein besonderer Zweck meines parti- 
kulären subjektiven Daseins, — ist das Wohl, 

c) Dieser Inhalt als Inneres zugleich in seine All- 
gemeinheit, als in die an und für sich seiende Objek- 
tivität erhoben, ist der absolute Zweck des Willens, das 
Gute, in der Sphäre der Reflexion mit dem Gegensatze 
der subjektiven Allgemeinheit, teils des Bösen, teils 
des Gewissens. 



100 Zweiter Teil. Die Moralität. Erster Abschnitt. 
Erster Abschnitt. 

Der Vorsatz und die Schuld. 

§ 115. 

Die Endlichkeit des subjektiven Willens in der Un- 
mittelbarkeit des Handelns besteht unmittelbar darin, daß 
er für sein Handeln einen vorausgesetzten äußerlichen 
Gegenstand mit mannigfaltigen Umständen hat. Die Tat 
setzt eine Veränderung an diesem vorliegenden Dasein 
und der Wille hat schuld überhaupt daran, insofern in 
dem veränderten Dasein das abstrakte Prädikat des 
Meinigen liegt. 

Eine Begebenheit, ein hervorgegangener Zustand ist 
eine konkrete äußerliche Wirklichkeit, die deswegen 
unbestimmbar viele Umstände an ihr hat. Jedes einzelne 
Moment, das sich als Bedingung, Grund, Ursache 
eines solchen Umstandes zeigt, und somit das Seinige 
beigetragen hat, kann angesehen werden, daß es schuld 
daran sei oder wenigstens schuld daran habe. Der 
formelle Verstand hat daher bei einer reichen Begeben- 
heit (z. B. der französischen Revolution) an einer un- 
zähligen Menge von Umständen die Wahl, welchen er 
als einen, der schuld sei, behaupten mW. 

§ 116. 

Meine eigene Tat ist es z^var nicht, wenn Dinge, 
deren Eigentümer ich bin, und die als äußerliche in mannig- 
faltigem Zusammenhange stehen und wirken (wie es auch 
mit mir selbst als mechanischem Körper oder als Leben- 
digem der Fall sein kann), anderen dadurch Schaden ver- 
ursachen. Dieser fällt mir aber mehr oder weniger 
zur Last, weil jene Dinge überhaupt die meinigen, 
jedoch auch nach ihrer eigentümlichen Natur nur mehr 
oder weniger meiner Herrschaft, Aufmerksamkeit u. s. f. 
unterworfen sind. 

§117. 

Der selbst handelnde Wille hat in seinem auf das 
vorliegende Dasein gerichteten Zwecke die Vorstellung 
der Umstände desselben. Aber weil er, um dieser Vor- 
aussetzung willen, endlich ist, ist die gegenständliche 



I 



Der Vorsatz und die Schuld. § 118. 101 

Erscheinung für ihn zufällig und kann in sich etwas 
anderes enthalten, als in seiner Vorstellung. Das Recht 
des Willens aber ist, in seiner Tat nur dies als seine 
Handlung anzuerkennen, und nur an dem schuld zu 
haben, was er von ihren Voraussetzungen in seinem Zwecke 
weiß, was davon in seinem Vorsatze lag. — Die Tat kann 
nur als Schuld des Willens zugerechnet werden; — 
das Recht des Wissens. 

§ 118. 

Die Handlung ferner als in äußerliches Dasein ver- 
setzt, das sich nach seinem Zusammenhange in äußerer 
Notwendigkeit nach allen Seiten entwickelt, hat mannig- 
faltige Folgen. Die Folgen, als die Gestalt, die den 
Zweck der Handlung zur Seele hat, sind das Ihrige (das 
der Handlung Angehörige), — ■ zugleich aber ist sie, als 
der in die Äußerlichkeit gesetzte Zweck, den äußer- 
lichen Mächten preisgegeben, welche ganz anderes daran 
knüpfen, als sie für sich ist und sie in entfernte, fremde 
Folgen fortwälzen 1). Es ist ebenso das Recht des Willens, 
sich nur das erster e zuzurechnen, weil nur sie in 
seinem Vorsatze liegen. 

Was zufällige und was notwendige Folgen sind, 
enthält die Unbestimmtheit dadurch, daß die innere Not- 
wendigkeit am Endlichen als äußere Notwendigkeit, 
als ein Verhältnis von einzelnen Dingen zu einander ins 
Dasein tritt, die als selbständige gleichgültig gegen 
einander und äußerlich zusammen kommen. Der Grund- 
satz: bei den Handlungen die Konsequenzen verachten, 
und der andere: die Handlungen aus den Folgen be- 
urteilen, und sie zum Maßstabe dessen, was recht und 
gut sei, zu machen — ist beides gleich abstrakter 
Verstand. Die Folgen, als die eigene immanente Ge- 
staltung der Handlung, manifestieren nur deren Natur 
und sind nichts anderes als sie selbst; die Handlung 
kann sie daher nicht verleugnen und verachten. Aber 
umgekehrt ist unter ihnen ebenso das äußerlich Ein- 
greifende und zufällig Hinzukommende begriffen, was 



^) Schiller, Wallensteins Tod, 1. Aufz., 4. Auftritt: In meiner 
Brust war meine Tat noch mein; einmal entlassen aus dem sichern 
Winkel des Herzens, ihrem mütterlichen Boden, hinausgegeben 
in des Lebens Fremde, gehört sie jenen tück'scheu Mächten 
an, die keines Menschen Kunst vertraulich macht. 



102 Zweiter Teil. Die Moralität. Zweiter Abschnitt, 

die Natur der Handlung selbst nichts angeht. — Die 
Entwicklun'g des Widerspruchs, den die Notwendig- 
keit des Endlichen enthält, ist im Dasein eben das 
Umschlagen von Notwendigkeit in Zufälligkeit und um- 
gekehrt. Handeln heißt daher nach dieser Seite, sich 
diesem Gesetze preisgeben. — Hierin liegt, daß 
es dem Verbrecher, wenn seine Handlung weniger 
schlimme Folgen hat, zugute kommt, sowie die gute 
Handlung es sich muß gefallen lassen, keine oder weniger 
Folgen gehabt zu haben, und daß dem Verbrechen, 
aus dem sich die Folgen vollständiger entmckelt haben, 
diese zur Last fallen, — Das heroische Selbstbewußt- 
sein (wie in den Tragödien der Alten, ödips u. s. f.) ist 
aus seiner Gediegenheit noch nicht zur Reflexion des 
Unterschiedes von Tat und Handlung, der äußer- 
lichen Begebenheit und dem Vorsatze und Wissen der 
Umstände, sowie zur Zersplitterung der Folgen fort- 
gegangen, sondern übernimmt die Schuld im ganzen 
Umfange der Tat^). 



Zweiter Abschnitt. 

Die Absicht und das Wohl. 

§ 119. 

Das äußerliche Dasein der Handlung ist ein mannig- 
faltiger Zusammenhang, der unendlich in Einzelnheiten 
geteilt betrachtet werden kann und die Handlung so, 
daß sie nur eine solche Einzelnheit zunächst be- 
rührt habe. Aber die Wahrheit des Einzelnen ist das 
Allgemeine, und die Bestimmtheit der Handlung ist für 
sich nicht ein zu einer äußerlichen Einzelnheit isolierter, 
sondern den mannigfaltigen Zusammenhang in sich ent- 
haltender allgemeiner Inhalt, Der Vorsatz, als von 
einem Denkenden ausgehend, enthält nicht bloß die 
Einzelnheit, sondern wesentlich jene allgemeine Seite, 
— die Absicht. 

Absicht enthält etymologisch die Abstraktion, 
teils die Form der Allgemeinheit, teils das Heraus- 

') Zu diesen Ausführungen vergl. in H.s Phänomenologie 
den Abschnitt über die „sittliche Handlung u, s. w.- (Phil, Bibl., 
Bd. 114, S. 300 ff.). 



Die Absicht und das Wohl. § 120. 103 

nehmen einer besonderen Seite der konkreten Sache. 
Das Bemühen der Rechtfertigung durch die Absicht 
ist das Isolieren einer einzelnen Seite überhaupt, die 
als das subjektive Wesen der Handlung behauptet wird. 
— Das Urteil über eine Handlung als äußerliche Tat 
noch ohne die Bestimmung ihrer rechtlichen oder un- 
rechtlichen Seite, erteilt derselben ein allgemeines 
Prädikat, daß sie Brandstiftung, Tötung u. s. f. ist. — 
Dje vereinzelte Bestimmtheit der äußerlichen Wirk- 
lichkeit zeigt das, was ihre Natur ist, als äußerlichen 
Zusammenhang. Die Wirklichkeit wird zunächst nur 
an einem einzelnen Punkte berührt (\vie die Brand- 
stiftung nur einen kleinen Punkt des Holzes unmittel- 
bar trifft, was nur einen Satz, kein Urteil gibt), aber 
die allgemeine Natur dieses Punktes enthält seine Aus- 
dehnung. Im Lebendigen ist das Einzelne unmittelbar 
nicht als Teil, sondern als Organ, in welchem das All- 
gemeine als solches gegenwärtig existiert, so daß beim 
Morde nicht ein Stück Fleisch, als etwas Einzelnes, 
sondern darin selbst das Leben verletzt wird. Es ist 
einesteils die subjektive Reflexion, welche die logische 
Natur des Einzelnen und Allgemeinen nicht kennt, die 
sich in die Zersplitterung in Einzelnheiten und Folgen 
einläßt, andrerseits ist es die Natur der endlichen Tat 
selbst, solche Absonderungen der Zufälligkeiten zu ent- 
halten. — Die Erfindung des dolus indirectus hat in 
dem Betrachteten ihren Grund. 

§ 120. 

Das Recht der Absicht ist, daß die allgemeine 
Qualität der Handlung nicht nur an sich sei, sondern 
von dem Handelnden gewußt werde, somit schon in 
seinem subjektiven Willen gelegen habe; sowie umgekehrt 
das Recht der Objektivität der Handlung, wie es ge- 
nannt werden kann, ist, sich vom Subjekt als Denken- 
dem als gewußt und gewollt zu behaupten. 

Dies Recht zu dieser Einsicht führt die gänzliche 
oder geringere Zurechnungsunfähigkeit der Kinder, 
Blödsinnigen, Verrückten u. s. f. bei ihren Handlungen mit 
sich. — Wie aber die Handlungen nach ihrem äußer- 
lichen Dasein Zufälligkeiten der Folgen in sich schließen, 
so enthält auch das subjektive Dasein die Unbestimmt- 
heit, die sich auf die Macht und Stärke des Selbstbewußt- 



104 Zweiter Teil. Die Moralität. Zweiter AUcIinitt. 

seins und der Besonnenheit bezieht, — eine Unbestimmt- 
heit, die jedoch nur in Ansehung des Blödsinns, der 
Verrücktheit, u. dergl. wie des Kindesalters in Rück- 
sicht kommen kann, weil nur solche entschiedene 
Zustände den Charakter des Denkens und der Willens- 
freiheit aufheben und es zulassen, den Handelnden nicht 
nach der Ehre, ein Denkendes und ein 'Wille zu sein, 
zu nehmen. 

§ 121. 

Die allgemeine Qualität der Handlung ist der auf die 
einfache Form der Allgemeinheit zurückgebrachte, 
mannigfaltige Inhalt der Handlung überhaupt. Aber das 
Subjekt hat als in sich reflektiertes, somit gegen die ob- 
jektive Besonderheit Besonderes, in seinem Zwecke 
seinen eigenen besonderen Inhalt, der die bestimmende 
Seele der Handlung ist. Daß dies Moment der Besonder- 
heit des Handelnden in der Handlung enthalten und aus- 
geführt ist, macht die subjektive Freiheit in ihrer 
konkreteren Bestimmung aus, das Recht des Subjekts, 
in der Handlung seine Befriedigung zu finden. 

§ 122. 

Durch dies Besondere hat die Handlung subjektiven 
Wert, Interesse für mich. Gegen diesen Zweck, die 
Absicht dem Inhalte nach, ist das Unmittelbare der 
Handlung in ihrem weiteren Inhalte zum Mittel herab- 
gesetzt. Insofern solcher Zweck ein Endliches ist, kann 
er wieder zum Mittel für eine weitere Absicht u. s. f. ins 
Unendliche herabgesetzt werden. 

§ 123. 

Für den Inhalt dieser Zwecke ist hier nur a) die 
formelle Tätigkeit selbst vorhanden, — daß das Subjekt 
bei dem, was es als seinen Zweck ansehen und befördern 
soll, mit seiner Tätigkeit sei; — wofür sich die Menschen 
als für das Ihrige interessieren oder interessieren sollen, 
dafür wollen sie tätig sein, ß) Weiter bestimmten Inhalt 
aber hat die noch abstrakte und formelle Freiheit der 
Subjektivität nur an ihrem natürlichen subjektiven 
Dasein, Bedürfnissen, Neigungen, Leidenschaften, Mei- 
nungen, Einfällen u. s. f. Die Befriedigung dieses Inhalts 
ist das Wohl oder die Glückseligkeit in ihren beson- 



Die Absiebt und das Wolil. § 124. 105 

I deren Besümmungen und im Allgemeinen, die Zwecke der 
Endlichkeit überhaupt. 

Es ist dies als der Standpunkt des Verhältnisses 
(§ 108), auf dem das Subjekt zu seiner Unterschiedenheit 
bestimmt, somit als Besonderes gilt, der Ort, wo der 
Inhalt des natürlichen Willens (§ 11) eintritt; er ist 
hier aber nicht, wie er unmittelbar ist, sondern dieser 
Inhalt ist als dem in sich reflektierten Willen angehörig, 
zu einem allgemeinen Zwecke, des Wohls oder der 
Glückseligkeit (Encykl. § 395 ff.) ^) erhoben, — dem 
Standpunkt des, den Willen noch nicht in seiner Freiheit 
erfassenden, sondern über seinen Inhalt als einen natür- 
lichen und gegebenen reflektierenden Denkens, — 
wie z. B. zu Krösus' und Solons Zeit. 

§ 124. 
Indem auch die subjektive Befriedigung des Indi- 
viduums selbst (darunter die Anerkennung seiner in Ehre 
und Ruhm) in der Ausführung an und für sich gelten- 
der Zwecke enthalten ist, so ist beides, die Forderung, daß 
nur ein solcher als gewollt und erreicht erscheine, wie 
die Ansicht, als ob die objektiven und die subjektiven 
Zwecke einander im Wollen ausschließen, eine leere Be- 
hauptung des abstrakten Verstandes. Ja sie wird zu etwas 
Schlechtem, wenn sie darein übergeht, die subjektive Be- 
friedigung, weil solche (wie immer in einem vollbrachten 
Werke) vorhanden, als die wesentliche Absicht des 
Handelnden und den objektiven Zweck als ein solches zu 
behaupten, das ihm nur ein Mittel zu jener gewesen sei. 
— Was das Subjekt ist, ist die Reihe seiner Hand- 
lungen. Sind diese eine Reihe wertloser Produktionen, 
so ist die Subjektivität des Wollens ebenso eine wertlose; 
ist dagegen die Reihe seiner Taten substantieller Natur, 
so ist es auch der innere Wille des Individuums. 

Das Recht der Besonderheit des Subjekts, sich 
befriedigt zu finden, oder, was dasselbe ist, das Recht 
der subjektiven Freiheit macht den Wende- und 
Mittelpunkt in dem Unterschiede des Altertums und 
der modernen Zeit. Dies Recht in seiner Unendlichkeit 
ist im Christentum ausgesprochen und zum allgemeinen 
wirklichen Prinzip einer neuen Form der Welt gemacht 
worden. Zu dessen näheren Gestaltungen gehören die 
Liebe, das Romantische, der Zweck der ewigen Selig- 

1) In der 3. Aufl. §§ 478—480 (Phil. ßibl. Bd. 33, S. 415 f.). 



106 Zweiter Teil. Die Moralität. Zweiter Abschnitt. 

keit des Individuums u. s. f., — alsdann die Moralität und 
das Gewissen, ferner die anderen Formen, die teils im 
folgenden als Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und als 
Momente der politischen Verfassung sich hervortun werden, 
teils aber überhaupt in der Geschichte, insbesondere in 
der Geschichte der Kunst, der Wissenschaften und der 
Philosophie auftreten. — Dies Prinzip der Besonderheit 
ist nun allerdings ein Moment des Gegensatzes, und 
zunächst wenigstens ebensowohl identisch mit dem 
Allgemeinen, als unterschieden von ihm. Die abstrakte 
Reflexion fixiert aber dies Moment in seinem Unter- 
schiede und Entgegensetzung gegen das Allgemeine und 
bringt so eine Ansicht der Moralität hervor, daß diese 
nur als feindseliger Kampf gegen die eigene Befriedi- 
gung perenniere, — die Forderung 

,,mit Abscheu zu tun, was die Pflicht gebeut"^). 
Eben dieser Verstand bringt diejenige psychologische 
Ansicht der Geschichte hervor, welche alle große Taten 
und Individuen damit kleinzumachen und herabzuwür- 
digen versteht, daß sie Neigungen und Leidenschaften, 
die aus der substantiellen Wirksamkeit gleichfalls ihre 
Befriedigung fanden, sowie Ruhm und Ehre und andere 
Folgen, überhaupt die besondere Seite, welche er vor- 
her zu etwas für sich Schlechtem dekretierte, zur Haupt- 
absicht und wirkenden Triebfeder der Handlungen um- 
schafft; — er versichert, weil große Handlungen und 
die Wirksamkeit, die in einer Reihe solcher Handlungen 
bestand, Großes in der Welt hervorgebracht, und für 
das handelnde Individuum die Folge der Macht, 
der Ehre und des Ruhms gehabt, so gehöre nicht jenes 
Große, sondern nur dies Besondere und Äußerliche, das 
davon auf das Individuum fiel, diesem an; weil dies 
Besondere Folge, so sei es darum auch als Zweck, 
und zwar selbst als einziger Zweck gewesen. — Solche 
Reflexion hält sich an das Subjektive der großen Indi- 
viduen, als in welchem sie selbst steht und übersieht 
in dieser selbstgemachten Eitelkeit das Substantielle der- 
selben; — es ist die Ansicht ,,der psychologischen 
Kammerdiener, für welche es keine Helden gibt, nicht 
weil diese keine Helden, sondern weil jene nur die 
Kammerdiener sind" (Phänomenol. des Geistes S. 616)-), 



1) Schiller, Die Philosophen (,.Gewissensskrupel", ,.Entschei- 
dung"). — -) Lassonsche Ausgabe (Phil. Bibl. 114. Bd.), S. 430. 



I 



Die Absicht und das Wohl. § 125—126. 107 

§ 125. 
Das Subjektive mit dem besonderen Inhalte des 
Wohls steht als in sich Reflektiertes, Unendliches zugleich 
in Beziehung auf das Allgemeine, den an sich seienden 
Willen. Dies Moment, zunächst an dieser Besonderheit 
selbst gesetzt, ist es das Wohl auch anderer, — in 
vollständiger, aber ganz leerer Bestimmung, das Wohl 
aller. Das Wohl vieler anderer Besonderer überhaupt 
ist dann auch wesentlicher Zweck und Recht der Sub- 
jektivität. Indem sich aber das von solchem besonderen 
Inhalt unterschiedene, an und für sich seiende All- 
gemeine hier weiter noch nicht bestimmt hat, denn als 
das Recht, so können jene Zwecke des Besonderen von 
diesem verschieden, demselben gemiäß sein, aber auch 
nicht. 

§ 126. 

Meine sowie der anderen Besonderheit ist aber nur 
überhaupt ein Recht, insofern ich ein Freies bin. Sie 
kann sich daher nicht im Widerspruche dieser ihrer sub- 
stantiellen Grundlage behaupten; und eine Absicht meines 
Wohls, sowie des Wohls anderer, — in welchem Falle 
sie insbesondere eine moralische Absicht genannt wird, 
— kann nicht eine unrechtliche Handlung recht- 
fertigen. 

Es ist vorzüglich eine der verderbten Maximen 
unserer Zeit, die teils aus der vorkantischen Periode 
des guten Herzens herstammt, und z, B. die Quint- 
essenz bekannter rührender dramatischer Darstellungen 
ausmacht, bei unrechtlichen Handlungen für die so- 
genannte moralische Absicht zu interessieren und 
schlechte Subjekte mit einem seinsollenden guten Herzen, 
d. i. einem solchen, welches sein eigenes Wohl und etwa 
auch das Wohl anderer will, vorzustellen; teils aber ist 
diese Lehre in gesteigerter Gestalt wieder aufgewärmt 
und die innere Begeisterung und das Gemüt, d. i. die 
Form der Besonderheit als solche, zum Kriterium dessen, 
was recht, vernünftig und vortrefflich sei, gemacht 
worden, so daß Verbrechen und deren leitende Ge- 
danken, wenn es die plattsten, hohlsten Einfälle und 
törichtsten Meinungen seien, darum rechtlich, vernünftig 
und vortrefflich wären, weil sie aus dem Gemüt und 
aus der Begeisterung kommen; das Nähere s. unten 
§ 140 Anm. — Es ist übrigens der Standpunkt zu beachten, 



108 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

auf dem Recht und Wohl hier betrachtet sind, nämlich al.t 
formelles Recht und als besonderes Wohl des Einzelnen; 
das sogenannte allgemeine Beste, das Wohl de-.- 
Staates, d. i. das Recht des wirklichen konkreten Geistes, 
ist eine ganz andere Sphäre, in der das formelle Recht 
ebenso ein untergeordnetes Moment ist als das besondere 
Wohl und die Glückseligkeit des Einzelnen. Daß e^ 
einer der häufigen Mißgriffe der Abstraktion ist, das 
Privatrecht wie das Privatwohl als an und für sich 
gegen das Allgemeine des Staats geltend zu machen, 
ist schon oben^) bemerkt. 

§ 127. 
Die Besonderheit der Interessen des natürlichen 
Willens in ihre einfache Totalität zusammengefaßt, ist 
das persönliche Dasein als Leben. Dieses in der letzten 
Gefahr und in der Kollision mit dem rechtlichen Eigen- 
tum eines anderen hat ein Notrecht (nicht als Billigkeit, 
sondern als Recht) anzusprechen, indem auf der einen 
Seite die unendliche Verletzung des Daseins und darin 
die totale Rechtlosigkeit, auf der anderen Seite nur die 
Verletzung eines einzelnen beschränkten Daseins der Frei- 
heit steht, wobei zugleich das Recht als solches und die 
Rechtsfähigkeit des nur in diesem Eigentum Verletzten 
anerkannt wird. 

Aus dem Notrecht fließt die Wohltat der Kompe- 
tenz, daß einem Schuldner Handwerkszeuge, Ackergeräte, 
Kleider, überhaupt von seinem Vermögen, d. i. vom 
Eigentum der Gläubiger so viel gelassen wird, als zur 
Möglichkeit seiner — sogar standesgemäßen — Er- 
nährung dienend, angesehen wird. 

§ 128. 

Die Not offenbart sowohl die Endlichkeit und damit 
die Zufälligkeit des Rechts als des Wohls, — des ab- 
strakten Daseins der Freiheit, ohne daß es als Existenz 
der besonderen Person ist, und der Sphäre des besonderen 
Willens ohne die Allgemeinheit des Rechts. Ihre Ein- 
seitigkeit und Idealität ist damit gesetzt, wie sie an 
ihnen selbst im Begriffe schon bestimmt ist; das Recht 
hat bereits (§ 106) sein Dasein als den besonderen Willen 
bestimmt, und die Subjektivität in ihrer umfassenden Be- 

») § 29. 



Das Gute und das CTe\\dssen. § 129—131. 109 

Sonderheit ist selbst das Dasein der Freiheit (§ 127), so 
wie sie an sich als unendliche Beziehung des Willens auf 
sich das Allgemeine der Freiheit ist. Die beiden Momente 
an ihnen so zu ihrer Wahrheit, ihrer Identität, integriert, 
aber zunächst noch in relativer Beziehung aufeinander, 
sind das Gute, als das erfüllte, an und für sich be- 
stimmte Allgemeine, und das Gewissen, als die in sich 
wissende und in sich den Inhalt bestimmende unendliche 
Subjektivität. 

Dritter Abschnitt. 

Das Oute und das Oewissen. 

§129. 

Das Gute ist die Idee, als Einheit des Begriffs 
des Willens und des besonderen Willens, — in welcher 
das abstrakte Recht, wie das Wohl und die Subjektivität 
des Wissens und die Zufälligkeit des äußerlichen Daseins, 
als für sich selbständig aufgehoben, damit aber ihrem 
Wesen nach darin enthalten und erhalten sind, — 
die realisierte Freiheit, der absolute Endzweck 
der Welt. 

§ 130. 

Das Wohl hat in dieser Idee keine Gültigkeit für sich 
als Dasein des einzelnen besonderen Willens, sondern nur 
als allgemeines Wohl und wesentlich als allgemein an 
sich, d. i. nach der Freiheit; — das Wohl ist nicht ein 
Gutes ohne das Recht. Ebenso ist das Recht nicht das 
Gute ohne das Wohl (fiat justitia soll nicht pereat mundus 
zur Folge haben). Das Gute hiermit, als die Notwendig- 
keit, wirklich zu sein durch den besonderen Willen, und 
zugleich als die Substanz desselben, hat das absolute 
Recht gegen das abstrakte Recht des Eigentums und 
die besonderen Zwecke des Wohls. Jedes dieser Momente, 
insofern es von dem Guten unterschieden wird, hat nur 
Gültigkeit, insofern es ihm gemäß und ihm unter- 
geordnet ist. 

§ 131. 
Für den subjektiven Willen ist das Gute ebenso das 
schlechthin Wesentliche, und er hat nur Wert und Würde, 
insofern er in seiner Einsicht und Absicht demselben gemäß 



110 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

ist. Insofern das Gute hier noch diese abstrakte Idee 
des Guten ist, so ist der subjektive Wille noch nicht als 
in dasselbe aufgenommen und ihm gemäß gesetzt; er 
steht somit in einem Verhältnis zu demselben und zwar 
in dem, daß das Gute für denselben das Substantielle 
sein, — daß er dasselbe zum Zwecke machen und voll- 
bringen soll, — wie das Gute seinerseits nur im sub- 
jektiven Willen die Vermittlung hat, durch welche es in 
Wirklichkeit tritt. 

§ 132. 

Das Recht des subjektiven Willens ist, daß das, 
was er als gültig anerkennen soll, von ihm als gut ein- 
gesehen werde, und daß ihm eine Handlung, als der 
in die äußerliche Objektivität tretende Zweck, nach seiner 
Kenntnis von ihrem Werte, den sie in dieser Objektivität 
hat, als rechtlich oder unrechtlich, gut oder böse, gesetz- 
lich oder ungesetzlich zugerechnet werde. 

Das Gute ist überhaupt das Wesen des Willens in 
seiner Substantialität und Allgemeinheit, — der 
Wille in seiner Wahrheit; — es ist deswegen schlechthin 
nur im Denken und durch das Denken. Die Behaup- 
tung daher, daß der Mensch das Wahre nicht erkennen 
könne, sondern es nur mit Erscheinungen zu tun habe, 
— daß das Denken dem guten Willen schade, diese und 
dergleichen Vorstellungen nehmen, wie den intellek- 
tuellen, ebenso allen sittlichen Wert und Würde aus dem 
Geiste hinweg. — Das Recht, nichts anzuerkennen, was 
Ich nicht als vernünftig einsehe, ist das höchste Recht 
dos Subjekts, aber durch seine subjektive Bestimmung 
zugleich formell, und das Recht des Vernünftigen 
als des Objektiven an das Subjekt bleibt dagegen fest 
stehen. — Wegen ihrer formellen Bestimmung ist die 
Einsicht ebensowohl fähig, wahr, als bloße Meinung 
und Irrtum zu sein. Daß das Individuum zu jenem 
Rechte seiner Einsicht gelange, dies gehört nach dem 
Standpunkte der noch moralischen Sphäre, seiner be- 
sonderen subjektiven Bildung an. Ich kann an mich 
die Forderung machen, und es als ein subjektives Recht 
in mir ansehen, dai3 Ich eine Verpflichtung aus guten 
Gründen einsehe und die Überzeugung von derselben 
habe, und noch mehr, daß ich sie aus ihrem Begriffe 
und Natur erkenne. Was ich für die Befriedigung meiner 



Das Gute und das Gewissen. § 132. IH 

Überzeugung von dem Guten, Erlaubten odei" Unerlaubten 
einer Handlung und damit von ihrer Zurechnungsfähig- 
keit in dieser Rücksicht, fordere, tut aber dem Rechte 
der Objektivität keinen Eintrag. — Dieses Recht der 
Einsicht in das Gute ist unterschieden vom Recht der 
Einsicht (§ 117) in Ansehung der Handlung als solcher; 
das Recht der Objektivität hat nach dieser die Gestalt, 
daß, da die Handlung eine Veränderung ist, die in 
einer wirklichen Welt existieren soll, also in dieser an- 
erkannt sein will, sie dem, was darin gilt, überhaupt 
gemäß sein muß. Wer in dieser Wirklichkeit handeln 
will, hat sich eben damit ihren Gesetzen unterworfen, 
und das Recht der Objektivität anerkannt. — Gleicher- 
weise hat im Staate, als der Objektivität des Ver- 
nunftbegriifs, die gerichtliche Zurechnung nicht bei 
dem stehen zu bleiben, was einer seiner Vernunft gemäß 
hält oder nicht, nicht bei der subjektiven Einsicht in 
die Rechtlichkeit oder Unrechtlichkeit, in das Gute oder 
Böse, und bei den Forderungen, die er für die Befriedi- 
gung seiner Überzeugung macht. In diesem objektiven 
Felde gilt das Recht der Einsicht als Einsicht in das 
Gesetzliche oder Ungesetzliche, als in das geltende 
Recht, und sie beschränkt sich auf ihre nächste Be- 
deutung, nämlich Kenntnis als Bekanntschaft mit 
dem zu sein, was gesetzlich und insofern verpflichtend 
ist. Durch die Öffentlichkeit der Gesetze und durch 
die allgemeinen Sitten benimmt der Staat dem Rechte 
der Einsicht die formelle Seite und die Zufälligkeit für 
das Subjekt, welche dies Recht auf dem dermaligen 
Standpunkte noch hat. Das Recht des Subjekts, die 
Handlung in der Bestimmung des Guten oder Bösen, 
des Gesetzlichen oder Ungesetzlichen zu kennen, hat 
bei Kindern, Blödsinnigen, Verrückten die Folge, auch 
nach dieser Seite die Zurechnungsfähigkeit zu vermindern 
oder aufzuheben. Eine bestimmte Grenze läßt sich jedoch 
für diese Zustände und deren Zurechnungsfähigkeit nicht 
festsetzen. Verblendung des Augenblicks aber, Gereizt- 
heit der Leidenschaft, Betrunkenheit, überhaupt was man 
die Stärke sinnlicher Triebfedern nennt (insofern das, 
was ein Notrecht (§ 120) begründet, ausgeschlossen ist), 
zu Gründen in der Zurechnung und der Bestimmung des 
Verbrechens selbst und seiner Strafbarkeit zu 
machen, und solche Umstände anzusehen, als ob durch 
sie die Schuld des Verbrechers hinweggenommen werde, 



112 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abscbnitt. 

heißt ihn gleichfalls (vergl. § 100, 119 Anm.) nicht 
nach dem Rechte und der Ehre des Menschen behandeln, 
als dessen Natur eben dies ist, wesentlich ein All- 
gemeines, nicht ein abstrakt-Augenblickliches und Ver- 
einzeltes des Wissens zu sein. — Wie der Mordbrenner 
\ nicht diese zollgroße Fläche eines Holzes, die er mit 
i dem Lichte berührte, als isoliert, sondern in ihr das All- 
1 gemeine, das Haus, in Brand gesteckt hat, so ist er als 
1 Subjekt nicht das Einzelne dieses Augenblicks oder 
1 diese isolierte Empfindung der Hitze der Rache; so 
( wäre er ein Tier, das wegen seiner Schädlichkeit und 
der Unsicherheit, Anwandlungen der "Wut unterworfen 
zu sein, vor den Kopf geschlagen werden müßte. — 
Daß der Verbrecher im Augenblick seiner Handlung 
sich das Unrecht und die Strafbarkeit derselben deutlich 
müsse vorgestellt haben, um ihm als Verbrechen zu- 
gerechnet werden zu können, — diese Forderung, die 
ihm das Recht seiner moralischen Subjektivität zu be- 
wahren scheint, spricht ihm vielmehr die innewohnende 
intelligente Natur ab, die in ihrer tätigen Gegenwärtig- 
keit nicht an die Wolfisch-psychologische Gestalt von 
deutlichen Vorstellungen gebunden und nur im 
Falle des Wahnsinns so verrückt ist, um von dem Wissen 
und Tun einzelner Dinge getrennt zu sein. — Die Sphäre, 
wo jene Um.stände als Milderungsgründe der Strafe in 
Betracht kommen, ist eine andere als die des RechtvS, 
die Sphäre der Gnade. 

§ 133. 

Das Gute hat zu dem besonderen Subjekte das Ver- 
iiältnis, das Wesentliche seines Willens zu sein, der 
hiermit darin schlechthin seine Verpflichtung hat. Indem 
die Besonderheit von dem Guten unterschieden ist und 
in den subjektiven V/illen fällt, so hat das Gute zunächst 
nur die Bestimmung der allgemeinen abstrakten 
Wesentlichkeit, • — der Pflicht; — um dieser ihrer 
Bestimmung willen soll die Pflicht um der Pflicht 
v/illen getan werden. 

§ 134. 

Weil das Handeln für sich einen besonderen Inhalt und 
bestimmten Zweck erfordert, das Abstraktum der Pflicht 
aber noch keinen solchen enthält, so entsteht die Frage: 



Das Gute und das Gewisseu. § 1.'].j. 113 

was ist Pflicht? Für diese Bestimmung ist zunächst 
noch nichts vorhanden, als dies: Recht zu tun und für das 
Wohl, sein eigenes Wohl und das Wohl in allgemeiner 
Bestimmung, das Wohl anderer, zu sorgen (s. § 119). 

§ 135. 
Diese Bestimmungen sind aber in der Bestimmung 
der Pflicht selbst nicht enthalten, sondern indem beide 
bedingt und beschränkt sind, führen sie eben damit den 
Übergang in die höhere Sphäre des Unbedingten, der 
Pflicht, herbei. Der Pflicht selbst, insofern sie im mora- 
lischen Selbstbewußtsein, das Wesentliche oder Allgemeine 
desselben ist, wie es sich innerhalb seiner auf sich nur 
bezieht, bleibt damit nur die abstrakte Allgemeinheit, [sie] 
hat die inhaltslose Identität, oder das abstrakte Posi- 
tive, das Bestimmungslose zu ihrer Bestimmung. 

So wesentlich es ist, die reine unbedingte Selbst- 
bestimmung des Willens als die Wurzel der Pflicht 
herauszuheben, wie denn die Erkenntnis des Willens erst 
durch die Kantische Philosophie ihren festen Grund 
und Ausgangspunkt durch den Gedanken seiner unend- 
lichen Autonomie gewonnen hat (s. § 133), so sehr setzt 
die Festhaltung des bloß moralischen Standpunkts, der 
nicht in den Begriff der Sittlichkeit übergeht, diesen Ge- 
winn zu einem leeren Formalismus und die mora- 
lische V/issenschaft zu einer Eednerei von der Pflicht 
um der Pflicht willen herunter. Von diesem Stand- 
punkt aus ist keine immanente Pflichtenlehre möglich; 
man kann von außen her wohl einen Stoff herein- 
nehmen, und dadurch auf besondere Pflichten kommen, 
aber aus jener Bestimmung der Pflicht als dem Mangel 
des Widerspruchs, [oder als] der formellen Über- 
einstimmung mit sich, welche nichts anderes ist als 
die Festsetzung der abstrakten Unbestimmtheit, kann 
nicht zur Bestimmung von besonderen Pflichten über- 
gegangen werden, noch wenn ein solcher besonderer 
Inhalt für das Handeln zur Betrachtung kommt, liegt 
ein Kriterium in jenem Prinzip, ob er eine Pflicht sei 
oder nicht. — Im Gegenteil kann alle unrechtliche und 
unm.oralische Handlungsweise auf diese Weise gerecht- 
fertigt werden. — Die weitere Kantische Form, die 
Fähigkeit einer Handlung, als allgemeine Maxime vor- 
gestellt zu werden, führt zwar die konkretere Vor- 
stellung eines Zustandes herbei, aber enthält für sich 

Hegel, EechtsphUosophie. 8 



114 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

kein weiteres Prinzip, als jenen Mangel des Widerspruchs 
und die formelle Identität. — Daß kein Eigentum 
stattfindet, enthält für sich ebensowenig einen Wider- 
spruch, als daß dieses oder jenes einzelne Volk, Fa- 
milie u. s. f . nicht existiere, oder daß überhaupt keine 
Menschen leben. Wenn es sonst für sich fest und 
vorausgesetzt ist, daß Eigentum und Menschenleben sein 
und respektiert werden soll, dann ist es ein Widerspruch, 
einen Diebstahl oder Mord zu begehen; ein Widerspruch 
kann sich nur mit etwas ergeben, das ist, mit einem 
Inhalt, der als festes Prinzip zum voraus zugrunde liegt. 
In Beziehung auf ein solches ist erst eine Handlung 
entweder damit übereinstimmend oder im Widerspruch. 
Aber die Pflicht, welche nur als solche, nicht um eines 
Inhalts willen, gewollt werden soll, die formelle Iden- 
tität ist eben dies, allen Inhalt und Bestimmung aus- 
zuschließen. 

Die weiteren Antinomien und Gestaltungen des peren- 
nierenden Sollens, in welchen sich der bloß mora- 
lische Standpunkt des Verhältnisses nur herumtreibt, 
ohne sie lösen und über das Sollen hinauskommen zu 
können, habe ich Phänomenol. des Geistes S. 550ff. ent- 
wickelt; vergl. Encyklop. der philos. Wissenschaften 
§ 420 ff. 1). 

§136. 

Um der abstrakten Beschaffenheit des Guten willt-n 
fällt das andere Moment der Idee, die Besonderheit 
überhaupt, in die Subjektivität, die in ihrer in sich reflek- 
tierten Allgemeinheit die absolute Gewißheit ihrer selbst 
in sich, das Besonderheit Setzende, das Bestimmende und 
Entscheidende ist, — das Gewissen. 

§137. 

Das wahrhafte Gewissen ist die Gesinnung, das, was 
an und für sich gut ist, zu wollen; es hat daher feste 
Grundsätze; und zwar sind ihm diese die für sich objek- 
tiven Bestimmungen und Pflichten. Von diesem seinem 
Inhalte, der Wahrheit, unterschieden, ist es nur die for- 

*) Phänomenol., (Die moralische Weltanschauung, die Ver- 
stellung); Lassonsche Ausgabe (Phil, ßibl., 114. Bd.), S. 389 ff. 
Encykiop., 3. Aufl. § 507 ff. (Phil. Bibl., 33. Bd., S. 429 ff.). 



Das Gute und das Gewisseu. § 137. 115 

melle Seite der Tätigkeit des Willens, der als dieser 
keinen eigentümlichen Inhalt hat. Aber das objektive 
System dieser Grundsätze und Pflichten und die Vereinigung 
des subjektiven Wissens mit demselben, ist erst auf dem 
Standpunkte der Sittlichkeit vorhanden. Hier auf dem 
formellen Standpunkte der Moralität ist das Gewissen ohne 
diesen objektiven Inhalt, so für sich die unendliche for- 
melle Gewißheit seiner selbst, die eben darum zugleich 
als die Gewißheit dieses Subjekts ist. 

Das Gewissen drückt die absolute Berechtigung 
des subjektiven Selbstbewußtseins aus, nämlich in sich 
und aus sich selbst zu wissen, was Recht und Pflicht 
ist, und nichts anzuerkennen, als was es so als das Gute 
weiß, zugleich in der Behauptung, daß, was es so weiß 
und will, in Wahrheit Recht und Pflicht ist. Das 
Gewissen ist als diese Einheit des subjektiven Wissens 
und dessen, was an und für sich ist, ein Heiligtum, 
welches anzutasten Frevel wäre. Ob aber das Gewissen 
eines bestimmten Individuums dieser Idee des Ge- 
wissens gemäß ist, ob das, was es für gut hält oder 
ausgibt, auch wirklich gut ist, dies erkennt sich allein 
aus .dem Inhalt dieses Gutseinsollenden. Was Recht 
und Pflicht ist, ist als das an und für sich Vernünftige 
der Willensbestimmungen, wesentlich weder das be- 
sondere Eigentum eines Individuums, noch in der Form 
von Empfindung oder sonst einem einzelnen, d. i. sinn- 
lichen Wissen, sondern wesentlich von allgemeinen, 
gedachten Bestimmungen, d. i. in der Form von Ge- 
setzen und Grundsätzen. Das Gewissen ist daher 
diesem Urteil unterworfen, ob es wahrhaft ist oder 
nicht, und seine Berufung nur auf sein Selbst ist un- 
mittelbar dem entgegen, was es sein will, die Regel einer 
vernünftigen, an und für sich gültigen allgemeinen 
Handlungsweise. Der Staat kann deswegen das Gewissen 
in seiner eigentümlichen Form, d. i. als subjektives 
Wissen nicht anerkennen, so wenig als in der Wissen- 
schaft die subjektive Meinung, die Versicherung und 
Berufung auf eine subjektive Meinung, eine Gültigkeit 
hat. Was im wahrhaften Gewissen nicht unterschieden 
ist, ist aber unterscheidbar, und es ist die bestimmende 
Subjektivität des Wissens und Wollens, welche sich von 
dem wahrhaften Inhalte trennen, sich für sich setzen 
und denselben zu einer Form und Schein herabsetzen 
Jcann. Die Zweideutigkeit in Ansehung des Gewissens 



1 

IIG Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

liegt daher darin, daß es in der Bedeutung jener Iden- 
tität des subjektiven Wissens und Wollens und des wahr- 
haften Guten vorausgesetzt, und so als ein Heiliges be- 
hauptet und anerkannt wird, und ebenso als die nur 
subjektive Reflexion des Selbstbewußtseins in sich doch 
auf die Berechtigung Anspruch macht, welche jener 
Identität selbst nur vermöge ihres an und für sich 
gültigen vernünftigen Inhalts zukommt. In den mora- 
lischen Standpunkt, wie er in dieser Abhandlung von 
dem sittlichen unterschieden wird, fällt nur das formelle 
Gewissen; das wahrhafte ist nur erwähnt worden, um 
seinen Unterschied anzugeben und das mögliche Miß- 
verständnis zu beseitigen, als ob hier, wo nur das formelle 
Gewissen betrachtet wird, von dem wahrhaften die Rede 
wäre, welches in der, in der Folge erst vorkommenden 
sittlichen Gesinnung enthalten ist. Das religiöse Ge- 
wissen gehört aber überhaupt nicht in diesen Kreis. 

§ 138. 

Diese Subjektivität als die abstrakte Selbstbestimmung 
und reine Gewißheit nur ihrer selbst, verflüchtigt ebenso 
alle Bestimmtheit des Rechts, der Pflicht und des Da- 
seins in sich, als sie die urteilende Macht ist, für einen 
Inhalt nur aus sich zu bestimmen, was gut ist, und zu- 
gleich die Macht, welcher das zuerst nur vorgestellte und 
sein sollende Gute eine Wirklichkeit verdankt. 

Das Selbstbewußtsein, das überhaupt zu dieser ab- 
soluten Reflexion in sich gekommen ist, weiß sich in 
ihr als ein solches, dem alle vorhandene und gegebene 
Bestimmung nichts anhaben kann noch soll. Als all- 
gemeinere Gestaltung in der Geschichte (bei Sokrates, 
den Stoikern u. s. f.) erscheint die Richtung, nach innen 
in sich zu suchen und aus sich zu wissen und zu be- 
stimmen, was recht und gut ist, in Epochen, wo das, 
was als das Rechte und Gute in der Wirklichkeit und 
Sitte gilt, den besseren Willen nicht befriedigen kann; 
wenn die vorhandene Welt der Freiheit ihm ungetreu 
geworden, findet er sich in den geltenden Pflichten 
nicht mehr, und muß die in der Wirklichkeit verlorene 
Harmonie nur in der ideellen Innerlichkeit zu gewinnen 
suchen. Indem so das Selbstbewußtsein sein formelles 
Recht erfaßt und erworben, kommt es nun darauf an, 
wie der Inhalt beschaffen ist, den es sich gibt. 



Das Gute und das Gewissen, § 139. 1X7 

§ 139. 

Das Selbstbewußtsein in der Eitelkeit aller sonst 
geltenden Bestimmungen und in der reinen Innerlichkeit 
des Willens, ist ebensosehr die Möglichkeit, das an und 
für sich Allgemeine, als die Willkür, die eigene 
Besonderheit über das Allgemeine zum Prinzipe zu 
machen, und sie durch Handeln zu realisieren — böse 
zu sein. 

Das Gewissen ist als formelle Subjektivität schlecht- 
hin dies, auf dem Sprunge zu sein, ins Böse umzu- 
schlagen; an der für sich seienden, für sich wissenden 
und beschließenden Gewißheit seiner selbst haben beide, 
die Moralität und das Böse, ihre gemeinschaftliche 
Wurzel. 

Der Ursprung des Bösen überhaupt liegt in dem 
Mysterium, d. i. in dem Spekulativen der Freiheit, ihrer 
Notwendigkeit, aus der Natürlichkeit des Willens 
herauszugehen, und gegen sie innerlich zu sein. Es 
ist diese Natürlichkeit des Willens, welche als der Wider- 
spruch seiner selbst, und mit sich unverträglich in jenem 
Gegensatz zur Existenz kommt, und es ist so diese 
Besonderheit des Willens selbst, welche sich weiter 
als das Böse bestimmt. Die Besonderheit ist nämlich 
nur als das Gedoppelte, hier der Gegensatz der Natür- 
lichkeit gegen die Innerlichkeit des Willens, welche in 
diesem Gegensatze nur ein relatives und formelles 
Fürsichsein ist, das seinen Inhalt allein aus den Be- 
stimmungen des natürlichen Willens, der Begierde, Trieb, 
Neigung u. s. f. schöpfen kann. Von diesen Begierden, 
Trieben u. s, f. heißt es nun, daß sie gut oder auch böse 
sein können. Aber indem der Wille sie in dieser Be- 
stimmung von Zufälligkeit, die sie als natürliche 
haben, und damit die Form, die er hier hat, die Besonder- 
heit, selbst zur Bestimmung seines Inhalts macht, so 
ist er der Allgemeinheit, als dem inneren Objektiven, 
dem Guten, welches zugleich mit der Reflexion des 
AVillens in sich und dem erkennenden Bewußtsein, als 
das andere Extrem zur unmittelbaren Objektivität, dem 
bloß Natürlichen, eintritt, entgegengesetzt, und so ist 
diese Innerlichkeit des Willens böse. Der Mensch ist 
daher zugleich, sowohl an sich oder von Natur als 
durch seine Reflexion in sich, böse, so daß weder 
die Natur als solche, d. i. wenn sie nicht Natürlichkeit 



118 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abechnitt. 

des in ihrem besonderen Inhalte bleibenden Willens wäre, 
noch die in sich gehende Reflexion, das Erkennen 
überhaupt, wenn es sich nicht in jenem Gegensatz hielte, 
für sich das Böse ist. ■ — Mit dieser Seite der Not- 
wendigkeit des Bösen ist ebenso absolut vereinigt, 
daß dies Böse bestimmt ist als das, was notwendig nicht 
sein soll, — d. i. daß es aufgehoben werden soll, nicht 
daß jener erste Standpunkt der Entzweiung überhaupt 
nicht hervortreten solle, — er macht vielmehr die Schei- 
dung des unvernünftigen Tieres und des Menschen aus, 
— sondern daß nicht auf ihm stehen geblieben, und die 
Besonderheit nicht zum Wesentlichen gegen das All- 
gemeine festgehalten, daß er als nichtig überwunden 
werde. Ferner bei dieser Notwendigkeit des Bösen ist 
es die Subjektivität, als die Unendlichkeit dieser 
Reflexion, welche diesen Gegensatz vor sich hat und 
in ihm ist; wenn sie auf ihm stehen bleibt, d. i. böse 
ist, so ist sie somit für sich, hält sich als Einzelne 
und ist selbst diese Willkür. Das einzelne Subjekt als 
solches hat deswegen schlechthin die Schuld seines 
Bösen. 

§ 140. 
Indem das Selbstbewußtsein an seinem Zwecke eine 
positive Seite (§ 135), deren er notwendig hat, weil er 
dem Vorsatze des konkreten wirklichen Handelns an- 
gehört, herauszubringen weiß, so vermag es um solcher, 
als einer Pflicht und vortrefflichen Absicht willen, 
die Handlung, deren negativer wesentlicher Inhalt zu- 
gleich in ihm, als in sich Reflektierten, somit des All- 
gemeinen des Willens sich Bewußten, in der Vergleichung 
mit diesem stehet, [für] andere und sich selbst als 
gut zu behaupten, — [für] andere, so ist es die Heuchelei, 
— [für] sich selbst, so ist es die noch höhere Spitze der 
sich als das Absolute behauptenden Subjektivität. 
Diese letzte abstruseste Form des Bösen, wodurch 
das Böse in Gutes, und das Gute in Böses verkehrt wird, 
das Bewußtsein sich als diese Macht, und deswegen 
sich als absolut weiß, — ist die höchste Spitze der 
Subjektivität im moralischen Standpunkte, die Form, zu 
vvelcher das Böse in unserer Zeit und zwar durch die 
Philosophie, d. h. eine Seichtigkeit des Gedankens, welche ^ 
einen tiefen Begriff in diese Gestalt verrückt hat, und * 
sich den Namen der Philosophie, ebenso wie sie dem 



Daß Gute und das Gewissen. § 140. 119 

Bösen den Namen des Guten anmaßt, gediehen ist. Ich 
will in dieser Anmerkung die Hauptgestalten dieser 
Subjektivität, die gäng und gäbe geworden sind, kurz 
angeben. Was 

a) die Heuchelei betrifft, so sind in ihr die 
Momente enthalten a) das Wissen des wahrhaften All- 
gemeinen, es sei in Form nur des Gefühls von Recht 
und Pflicht, oder in Form weiterer Kenntnis und Er- 
kenntnis davon; ß) das Wollen des diesem Allgemeinen 
widerstrebenden Besonderen und zwar y) als ver- 
gleichendes Wissen beider Momente, so daß für das 
wollende Bewußtsein selbst sein besonderes Wollen als 
Böses bestimmt ist. Diese Bestimmungen drücken das 
Handeln mit bösem Gewissen aus, noch nicht die 
Heuchelei als solche. — Es ist eine zu einer Zeit sehr 
wichtig gewordene Frage gewesen, ob eine Handlung 
nur insofern böse sei, als sie mit bösem Gewissen 
geschehen, d. h. mit dem entwickelten Bewußtsein 
der soeben angegebenen Momente. — Pascal zieht (Les 
Provinc. 4e lettre) sehr gut die Folge aus der Bejahung 
der Frage: Hs seront tous damnes ces demi-pecheurs, 
qui ont quelque amour pour la vertu. Mais pour ces f rancs- 
pecheurs, pecheurs endurcis, pecheurs sans melange, 
pleins et acheves, l'enfer ne les tient pas: ils ont trompe 
le diable ä force de s'y abandonner*). — Das subjektive 
Recht des Selbstbewußtseins, daß es die Handlung unter 
der Bestimmung, wie sie an und für sich gut oder böse 
ist, wisse, muß mit dem absoluten Rechte der Objek- 
tivität dieser Bestimmung nicht so in Kollision ge- 
dacht werden, daß beide als trennbar gleichgültig 
und zufällig gegeneinander vorgestellt werden, welches 
Verhältnis insbesondere auch bei den vormaligen Fragen 



*) Pascal führt daselbst auch die Fürbitte Christi am 
Kreuze für seine Feinde an: Vater vergib ihnen, denn sie 
wissen nicht, was sie tun; — eine überflüssige Bitte, wenn 
der Umstand, daß sie nicht gewußt, was sie getan, ihrer Hand- 
lung die Qualität erteilt hatte, nicht böse zu sein, somit der 
Vergebung nicht zu bedürfen. Ingleichen führt er die Ansicht 
des Aristoteles an (die Stelle steht Eth. Nicom. III, 2.): 
welcher unterscheidet, ob der Handelnde ouh sldtüg oder dyvowv 
sei; in jenem Falle der Unwissenheit handelt er unfreiwillig 
(diese Unwissenheit bezieht sich auf die äußeren Umstände) 
(b. oben § 117) und die Handlung ist ihm nicht zuzurechnen. 
Über den anderen Fall aber sagt Aristoteles: „Jeder Schlechte 



120 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

Über die wirksame Gnade ^) zugrunde gelegt wurde. 
Das Böse ist nach der formellen Seite das Eigenste 
des Individuums, indem es eben seine sich schlechthin 
lur sich eigen setzende Subjektivität ist, und damit 
schlechthin seine Schuld (s, § 139 und Anm. zu vorher- 
geh, §), und nach der objektiven Seite ist der Mensch, 
seinem Begriffe nach als Geist, Vernünftiges über- 
haupt, und hat die Bestimmung der sich wissenden All- 
gemeinheit schlechthin in sich. Es heißt ihn daher nicht 
nach der Ehre seines Begriffes behandeln, wenn die 
Seite des Guten und damit die Bestimmung seiner bösen 
Handlung als einer bösen von ihm getrennt, und sie 
ihm nicht als böse zugerechnet würde. Wie bestimmt 
oder in Vv^elchem Grade der Klarheit oder Dunkelheii; 
das Bewußtsein jener Momente in ihrer Unterschieden- 
heit zu einem Erkennen entwickelt, und inwiefern 
eine böse Handlung mehr oder weniger mit förmlichem 
bösen Gewissen vollbracht sei, dies ist die gleichgültigere, 
mehr das Empirische betreffende Seite. 

b) Böse aber und mit bösem Gewissen handeln ist 
noch nicht die Heuchelei; in dieser kommt die formelle 
Bestimmung der Unwahrheit hinzu, das Böse zunächst 
für andere als gut zu behaupten, und sich überhaupt 
äußerlich als gut, gewissenhaft, fromm u. dergl. zu 
stellen, was auf diese Weise nur ein Kunststück des 
Betrugs für andere ist. Der Böse kann aber ferner in 
seinem sonstigen Gutestun oder Frömmigkeit, überhaupt 
in guten Gründen, für sich selbst eine Berechtigung 
zum Bösen finden, indem er durch sie es für sich zum 
Guten verkehrt. Diese Möglichkeit liegt in der Sub- 
jektivität, welche als abstrakte Negativität alle Bestim- 
mungen sich unterworfen, und aus ihr kommend weiß. 
Zu dieser Verkehrung ist 



erkennt nicht, was zu tun und was zu lassen ist, und eben dieser 
Mangel {ä/nagria) ist es, was die Menschen ungerecht und über- 
haupt böse macht. Die Nichterkenntnis der Wahl des Guten 
und Bösen macht nicht, daß eine Handlung unfreiv\'illig ist 
(nicht zugerechnet werden kann), sondern nur, daß sie 
schlecht ist." Aristoteles hatte freilich eine tiefere Einsicht 
in den Zusammenhang des Erkenneus und Wolleus, als in einer 
flachen Philosophie gäng und gäbe geworden ist, welche lehrt, 
daß das Nichterkennen, das Gemüt und die Begeisterung 
die wahrhaften Prinzipien des sittlichen Handelns seien. 

1) Tn den Jansenistisrlien Streitigkeitou. 



Das Gute und das Gewissen, i; 140. X21 

c) diejenige Gestalt zunächst zu rechnen, welche als 
der Probabilismus bekannt ist. Er macht zum Prinzip, 
dai3 eine Handlung, für die das Bewußtsein irgend- 
einen guten Grund aufzutreiben weiß, es sei auch nur 
die Autorität eines Theologen, und wenn es auch 
andere Theologen von dessen Urteil noch so sehr ab- 
weichend weiß, — erlaubt ist, und daß das Gewissen 
darüber sicher sein kann. Selbst bei dieser Vorstellung 
ist noch dies richtige Bewußtsein vorhanden, daß ein 
solcher Grund und Autorität nur Probabilität gebe, 
obgleich dies zur Sicherheit des Gewissens hinreiche; 
es ist darin zugegeben, daß ein guter Grund nur von 
solcher Beschaffenheit ist, daß es neben ihm andere, 
wenigstens ebenso gute Gründe geben könne. Auch 
diese Spur von Objektivität ist noch hierbei zu erkennen, 
daß es ein Grund sein soll, der bestimme. Indem aber 
die Entscheidung des Guten oder Bösen auf die vielen 
guten Gründe, worunter auch jene Autoritäten be- 
griffen sind, gestellt ist, dieser Gründe aber so viele 
und entgegengesetzte sind, so liegt hierin zugleich dies, 
daß es nicht diese Objektivität der Sache, sondern die 
Subjektivität ist, welche zu entscheiden hat, — die 
Seite, wodurch Belieben und Willkür über gut und böse 
zum Entscheidenden gemacht wird, und die Sittlichkeit, 
wie die Religiosität, untergraben ist. Daß es aber die 
eigene Subjektivität ist, in welche die Entscheidung fällt, 
dies ist noch nicht als das Prinzip ausgesprochen, viel- 
mehr wird, wie bemerkt, ein Grund als das Entscheidende 
ausgegeben; der Probabilismus ist soweit noch eine Ge- 
stalt der Heuchelei. 

d) Die nächst höhere Stufe ist, daß der gute Wille 
darin bestehen soll, daß er das Gute will; dies Wollen 
des abstrakt-Guten soll hinreichen, ja die einzige 
Erfordernis sein, damit die Handlung gut sei. Indem 
die Handlung als bestimmtes Wollen einen Inhalt hat, 
das abstrakte Gute aber nichts bestimmt, so ist es 
der besonderen Subjektivität vorbehalten, ihm seine Be- 
stimmung und Erfüllung zu geben. Wie im Probabilis- 
mus für den, der nicht selbst ein gelehrter Reverend 
Pere ist, es die Autorität eines solchen Theologen ist, 
auf welche die Subsumtion eines bestimmten Inhalts 
unter die allgemeine Bestimmung des Guten gemacht 
werden kann, so ist hier jedes Subjekt unmittelbar in 
diese Würde eingesetzt, in das abstrakte Gute den Inhalt 



122 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

ZU legen, oder was dasselbe ist, einen Inhalt unter ein 
Allgemeines zu subsumieren. Dieser Inhalt ist an der 
Handlung als konkreter überhaupt eine Seite, deren sie 
mehrere hat, Seiten, welche ihr vielleicht sogar das 
Prädikat einer verbrecherischen und schlechten geben 
können. Jene meine subjektive Bestimmung des Guten 
aber ist das in der Handlung von mir gewußte Gute, 
die gute Absicht (§ 111). Es tritt hiermit ein Gegen- 
satz von Bestimmungen ein, nach deren einer die Hand- 
lung gut, nach anderen aber verbrecherisch ist. Damit 
scheint auch die Frage bei der wirklichen Handlung 
einzutreten, ob denn die Absicht wirklich gut sei. 
Daß aber das Gute wirkliche Absicht ist, dies kann 
nun nicht nur überhaupt, sondern muß auf dem Stand- 
punkte, wo das Subjekt das abstrakte Gute zum Be- 
stimmungsgrund hat, sogar immer der Fall sein können. 
Was durch eine solche nach anderen Seiten sich als ver- 
brecherisch und böse bestimmende Handlung von der 
guten Absicht verletzt wird, ist freilich auch gut, und 
es schiene darauf anzukommen, welche unter diesen 
Seiten die wesentlichste wäre. Aber diese objektive 
Frage fällt hier hinweg, oder vielmehr ist es die Sub- 
jektivität des Bewußtseins selbst, deren Entscheidung 
das Objektive allein ausmacht. "Wesentlich und gut 
sind ohnehin gleichbedeutend; jenes ist eine ebensolche 
Abstraktion, wie dieses; gut ist, was in Rücksicht des 
Willens wesentlich ist, und das Wesentliche in dieser 
Rücksicht soll eben das sein, daß eine Handlung für 
mich als gut bestimmt ist. Die Subsumtion aber jeden 
beliebigen Inhalts unter das Gute ergibt sich für sich 
unmittelbar daraus, daß dies abstrakte Gute, da es gar 
keinen Inhalt hat, sich ganz nur darauf reduziert, über- 
haupt etwas Positives zu bedeuten, — etwas, das in 
irgendeiner Rücksicht gilt, und nach seiner unmittel- 
baren Bestimmung auch als ein wesentlicher Zweck gelten 
kann; — z. B. Armen Gutes tun, für mich, für mein 
Leben, für meine Familie sorgen u. s. f. Ferner wie das 
Gute das Abstrakte ist, so ist damit auch das Schlechte 
das Inhaltslose, das von meiner Subjektivität seine Be- 
stimmung erhält; und es ergibt sich nach dieser Seite 
auch der moralische Zweck, das unbestimmte Schlechte 
zu hassen und auszurotten. — Diebstahl, Feigheit, Mord 
u. s. f., haben als Handlungen, d. i. überhaupt als von einem 
subjektiven Willen vollbrachte, unmittelbar die Bestim- 



Das Orute und das Gewissen. ^ 140. 123 

mung, die Befriedigung eines solchen Willens, hiermit 
ein Positives zu sein, und um die Handlung zu einer 
guten zu machen, kommt es nur darauf an, diese posi- 
tive Seite als meine Absicht bei derselben zu wissen, 
und diese Seite ist für die Bestimmung der Handlung, 
daß sie gut ist, die wesentliche, darum, weil ich sie 
als das Gute in meiner Absicht weiß. Diebstahl, um 
den Armen Gutes zu tun, Diebstahl, Entlaufen aus der 
Schlacht, um der Pflicht willen für sein Leben, für 
seine (vielleicht auch dazu arme) Familie zu sorgen — 
Mord, aus Haß und Rache, d. i. um das Selbstgefühl 
seines Rechts, des Rechts überhaupt, und das Gefühl 
der Schlechtigkeit des andern, seines Unrechts gegen 
mich oder gegen andere, gegen die Welt oder das 
Volk überhaupt, durch die Vertilgung dieses schlechten 
Menschen, der das Schlechte selbst in sich hat, womit 
zum Zwecke der Ausrottung des Schlechten wenigstens 
ein Beitrag geliefert wird, zu befriedigen, sind auf 
diese Weise, um der positiven Seite ihres Inhalts willen, 
zur guten Absicht und damit zur guten Handlung ge- 
macht. Es reicht eine höchst geringe Verstandes- 
bildung dazu hin, um, wie jene gelehrten Theologen, 
für jede Handlung eine positive Seite, und damit einen 
guten Grund und Absicht herauszufinden. — So hat 
man gesagt, daß es eigentlich keinen Bösen gebe, denn 
er will das Böse nicht um des Bösen willen, d. i. nicht 
das rein Negative als solches, sondern er will immer 
etwas Positives, somit nach diesem Standpunkte ein 
Gutes. In diesem abstrakten Guten ist der Unterschied 
von gut und böse, und alle wirklichen Pflichten ver- 
schwunden; deswegen bloß das Gute wollen, und bei 
einer Handlung eine gute Absicht haben, dies ist so 
vielmehr das Böse, insofern das Gute nur in dieser 
Abstraktion gewollt, und damit die Bestimmung des- 
selben der Willkür des Subjekts vorbehalten wird. 

An diese Stelle gehört auch der berüchtigte Satz: 
der Zweck heiligt die Mittel. — So für sich zu- 
nächst ist dieser Ausdruck trivial und nichtssagend. 
Man kann ebenso unbestimmt erwidern, daß ein heiliger 
Zweck wohl die Mittel heilige, aber ein unheiliger Zweck 
sie nicht heilige. Wenn der Zweck recht ist, so sind 
es auch die Mittel, ist insofern ein tautologischer Aus- 
druck, als das Mittel eben das ist, was nichts für sich, 
sondern um eines anderen willen ist, und darin, in dem 



124 Zweitor Teil. Die Ivioralitüt. Dritter Abschnitt. 

Zwecke, seine Bestimmung und Wert hat, — wenn es 
njimlich in Wahriieit ein Mittel isi. — Es ist aber 
mit ienem Satze nicht der bloß formelle Sinn gemeint, 
sondern es wird darunter etwas Bestimmteres verstanden, 
daß nämlich für einen guten Zweck etwas als Mittel 
zu gebrauchen, was für sich schlechthin kein Mittel 
ist, etwas zu verletzen, was für sich heilig ist, ein Ver- 
brechen also zum Mittel eines guten Zwecks zu machen, 
erlaubt, ja auch wohl Pflicht sei. Es schwebt bei jenem 
Satze einerseits das unbestimmte Bewußtsein von der 
Dialektik des vorhin bemerkten Positiven in ver- 
einzelten rechtlichen oder sittlichen Bestimmungen, oder 
solcher ebenso unbestimmten allgemeinen Sätze vor, wie: 
du sollst nicht töten, oder: du sollst für dein 
AVohl, für das Wohl deiner Familie sorgen. Die 
Gerichte, Krieger haben nicht nur das Recht, sondern 
die Pflicht, Menschen zu töten, wo aber genau be- 
stimmt ist, wegen welcher Qualität Menschen und unter 
welchen Umständen dies erlaubt und Pflicht sei. So' 
muß auch mein Wohl, meiner Familie Wohl höheren 
Zwecken nach- und somit zu Mitteln herabgesetzt werden. 
Was sich aber als Verbrechen bezeichnet, ist nicht so 
eine unbestimmt gelassene Allgemeinheit, die noch einer 
Dialektik unterläge, sondern hat bereits seine bestimmte 
objektive Begrenzung. Was solcher Bestimmung nun 
in dem Zwecke, der dem Verbrechen seine Natur be- 
nehmen sollte, entgegengestellt wird, der heilige Zweck, 
ist nichts anderes, als die subjektive Meinung von 
dem, was gut und besser sei. Es ist dasselbe, was darin 
geschieht, daß das Wollen beim abstrakt Guten stehen 
bleibt, daß nämlich alle an und für sich seiende und 
geltende Bestimmtheit des Guten und Schlechten, des 
Rechts und Unrechts, aufgehoben, und dem Gefühl, Vor- 
stellen und Belieben des Individuums diese Bestimmung 
zugeschrieben wird. — Die subjektive Meinung wird 
endlich ausdrücklich als die Regel des Rechts und der 
Pflicht ausgesprochen, indem 

e) die Überzeugung, welche etwas für recht 
hält, es sein soll, wodurch die sittliche Natur einer 
Handlung bestimmt werde. Das Gute, das man will, 
hat noch keinen Inhalt; das Prinzip der Überzeugung 
enthält nun dies Nähere, daß die Subsumtion einer Hand- 
lung unter die Bestimmung des Guten dem Subjekte 
zustehe. Hiermit ist auch der Schein von einer sitt- 



Das (iute und das Grewissen. § 140. J25 

liehen Objektivität vollends verschwunden. Solche Lehre 
hängt unmittelbar mit der öfters erwähnten sich so 
nennenden Philosophie zusammen, welche die Erkenn- 
barkeit des Wahren, — und das Wahre des wollenden 
Geistes, seine Vernünftigkeit, insofern er sich verwirk- 
licht, sind die sittlichen Gebote, — leugnet. Indem 
ein solches Philosophieren die Erkenntnis des Wahren 
für eine leere, den Kreis des Erkennens, der nur das 
Scheinende sei, überfliegende Eitelkeit ausgibt, muß es 
unmittelbar auch das Scheinende in Ansehung des Han- 
delns zum Prinzip machen und das Sittliche somit in die 
eigentümliche Weltansicht des Individuums und seine 
besondere Überzeugung setzen. Die Degradation, 
in welche so die Philosophie herabgesunken ist, erscheint 
freilich zunächst vor der Welt als eine höchst gleich- 
gültige Begebenheit, die nur dem müßigen Schul- 
geschwätze widerfahren sei, aber notwendig bildet sich 
solche Ansicht in die Ansicht des Sittlichen, als in einen 
wesentlichen Teil der Philosophie hinein, und dann erst 
erscheint an der Wirklichkeit und für sie, was an jenen 
Ansichten ist. — Durch die Verbreitung der Ansicht, 
daß die subjektive Überzeugung es sei, wodurch die 
sittliche Natur einer Handlung allein bestimmt werde, 
ist es geschehen, daß wohl vormals viel, aber heutiges- 
tags wenig mehr von Heuchelei die Rede ist; denn 
die Qualifizierung des Bösen als Heuchelei hat zugrunde 
liegen, daß gewisse Handlungen an und für sich Ver- 
gehen, Laster und Verbrechen sind, daß, der sie begehe, 
sie notwendig als solche wisse, insofern er die Grund- 
sätze und äußeren Handlungen der Frömmigkeit und 
Rechtlichkeit eben in dem Scheine, zu dem er sie miß- 
braucht, wisse und anerkenne. Oder in Ansehung des 
Bösen überhaupt galt die Voraussetzung, daß es Pflicht 
sei, das Gute zu erkennen, und es vom Bösen zu unter- 
scheiden zu wissen. Auf allen Fall aber galt die ab- 
solute Forderung, daß der Mensch keine lasterhafte und 
verbrecherische Handlungen begehe, und daß sie ihm, 
insofern er ein Mensch und kein Vieh ist, als solche 
zugerechnet werden müssen. Wenn aber das gute Herz, 
die gute Absicht und die subjektive Überzeugung für 
das erklärt wird, was den Handlungen ihren Wert gebe, 
so gibt es keine Heuchelei und überhaupt kein Böses 
mehr, denn was einer tut, weiß er durch die Reflexion 
der guten Absichten und Bewegungsgründe zu etwas 



126 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

Gutem zu machen, und durch das Moment seiner Über- 
zeugung ist es gut*). So gibt es nicht mehr Ver- 
brechen und Laster an und für sich, und an die Stelle 
des obeni) angeführten frank und freien, verhärteten, 
ungetrübten Sündigens ist das Bewußtsein der voll- 
kommenen Rechtfertigung durch die Absicht und Über- 
zeugung getreten. Meine Absicht des Guten bei meiner 
Handlung, und meine Überzeugung davon, daß es gut 
ist, macht sie zum Guten. Insofern von einem Be- 
urteilen und Richten der Handlung die Rede wird, ist 
es vermöge dieses Prinzips nur nach der Absicht und 
Überzeugung des Handelnden, nach seinem Glauben, 
daß er gerichtet werden solle, — nicht in dem Sinne, 
wie Christus einen Glauben an die objektive Wahr- 
heit fordert, so daß für den, der einen schlechten Glauben 
hat, d. h. eine ihrem Inhalte nach böse Überzeugung, 
auch das Urteil schlecht, d. h. diesem bösen Inhalte 
gemäß ausfalle, sondern nach dem Glauben im Sinn 
der Überzeugungstreue, ob der Mensch in seinem 
Handeln seiner Überzeugung treu geblieben, der for- 
mellen subjektiven Treue, welche allein das Pflicht- 
mäßige enthalte. — Bei diesem Prinzip der Überzeugung, 
weil sie zugleich als ein Subjektives bestimmt ist, 
muß sich zwar auch der Gedanke an die Möglichkeit 
eines Irrtums aufdringen, worin somit die Voraus- 
setzung eines an und für sich seienden Gesetzes liegt. 
Aber das Gesetz handelt nicht, es ist nur der wirk- 
liche Mensch, der handelt, und bei dem Werte der 
menschlichen Handlungen kann es nach jenem Prinzipe 



*) „Daß er sich vollkommen überzeugt fühle, daran 
zweifle ich nicht im mindesten. Aber wieviele Menschen 
beginnen nicht aus einer solchen gefühlten Überzeugung die 
ärgsten Frevel. Also, wenn dieser Grund überall entschuldigen 
mag, BO gibt es kein vernünftiges Urteil mehr über gute 
und böse, ehrwürdige und verächtliche Entschlie- 
ßungen; der Wahn hat dann gleiche Rechte mit der Ver- 
nunft, oder die Vernunft hat dann überhaupt keine Rechte, 
kein gültiges Ansehen mehr; ihre Stimme ist ein Unding; wer 
nur nicht zweifelt, der ist in der Wahrheit! 

Mir schaudert vor den Folgen einer solchen Toleranz, die 
eine ausschließende zum Voi'teil der Unvernunft wäre." 

Fr. H. Jacobi an den Grafen Holmer. Eutin, 5. Aug. 1800 
über Gr. Stolbergs Rel. Veränderung (ßrennus. Berlin, Aug. 1802). 

1) S. 119. 



Das Gute uud das Gewissen. § 140. 127 

nur darauf ankommen, inwiefern er jenes Gesetz in 
seine Überzeugung aufgenommen hat. Wenn es aber 
sonach nicht die Handlungen sind, die nach jenem Ge- 
setze zu beurteilen, d. h. überhaupt danach zu bemessen 
sind, so ist nicht abzusehen, zu was jenes Gesetz noch 
sein und dienen soll. Solches Gesetz ist zu einem nur 
äußeren Buchstaben, in der Tat einem leeren Wort 
heruntergesetzt, denn erst durch meine Überzeugung wird 
es zu einem Gesetze, einem mich Verpflichtenden und 
Bindenden, gemacht. — Daß solches Gesetz die Auto- 
rität Gottes, des Staats, für sich hat, auch die Autorität 
von Jahrtausenden, in denen es das Band war, in welchem 
die Menschen und alles ihr Tun und Schicksal sich 
zusammenhält und Bestehen hat, — Autoritäten, welche 
eine Unzahl Überzeungungen von Individuen in 
sich schließen, — und daß Ich dagegen die Autorität 
meiner einzelnen Überzeugung setze, — als meine sub- 
jektive Überzeugung ist ihre Gültigkeit nur Autorität, 
— dieser zunächst ungeheuer scheinende Eigendünkel ist 
durch das Prinzip selbst beseitigt, als welches die sub- 
jektive Überzeugung zur Regel macht. — Wenn nun 
zwar durch die höhere Inkonsequenz, welche die durch 
seichte Wissenschaft und schlechte Sophisterei unver- 
treibliche Vernunft und Gewissen hereinbringen, die 
Möglichkeit eines Irrtums zugegeben wird, so ist 
damit, daß das Verbrechen und das Böse überhaupt ein 
Irrtum sei, der Fehler auf sein Geringstes reduziert. 
Denn Irren ist menschlich, — wer hätte sich nicht 
über dies und jenes, ob ich gestern Kohl oder Kraut 
zu Mittag gegessen habe, und über Unzähliges, Unwich- 
tigeres und Wichtigeres, geirrt? Jedoch der Unter- 
schied von Wichtigem und Unwichtigem fällt hinweg, 
wenn es allein die Subjektivität der Überzeugung und 
das Beharren bei derselben ist, worauf es ankommt. 
Jene höhere Inkonsequenz von der Möglichkeit eines 
Irrtums aber, die aus der Natur der Sache kommt, setzt 
sich in der Wendung, daß eine schlechte Überzeugung 
nur ein Irrtum ist, in der Tat nur in die andere Inkonse- 
quenz der Unredlichkeit um; das eine Mal soll es die 
Überzeugung sein, auf welche das Sittliche und der 
höchste Wert des Menschen gestellt ist, sie wird hier- 
mit für das Höchste und Heilige erklärt, und das andere 
Mal ist es weiter nichts, um das es sich handelt, als 
ein Irren, mein Überzeugtsein ein geringfügiges und 



128 Zweiter Teil. Die Moralität. Dritter Abschnitt. 

zufälliges, — eigentlich etwas Äußerliches, das mir sv> 
oder so begegnen kann. In der Tat ist mein Über- 
zeugtsein etwas höchst Geringfügiges, wenn ich nichts 
Wahres erkennen kann; so ist es gleichgültig, wie ich 
denke, und es bleibt mir zum Denken jenes leere Gute, 
das Abstraktum des Verstandes. — Es ergibt sich 
übrigens, um dies noch zu bemerken, nach diesem Prinzip 
der Berechtigung aus dem Grunde der Überzeugung 
die Konsequenz tür die Handlungsweise anderer gegen 
mein Handeln, daß, indem sie nach ihrem Glauben 
und Überzeugung meine Handlungen für Verbrechen 
halten, sie ganz recht daran tun; — eine Konsequenz, 
bei der ich nicht nur nichts zum voraus behalte, sondern 
im Gegenteil nur von dem Standpunkte der Freiheit und 
Ehre in das Verhältnis der Unfreiheit und Unehre herab- 
gesetzt bin, nämlich in der Gerechtigkeit, welche an sich 
auch das Meinige ist, nur eine fremde subjektive Über- 
zeugung zu erfahren, und in ihrer Ausübung mich nur 
von einer äußeren Gewalt behandelt zu meinen. 

f) Die höchste Form endlich, in welcher diese Sub- 
jektivität sich vollkommen erfaßt und ausspricht, ist 
die Gestalt, die man mit einem vom Plato erborgten 
Namen Ironie genannt hat; — denn nur der Name ist 
von Plato genommen, der ihn von einer Weise des 
Sokrates brauchte, welche dieser in einer persönlichen 
Unterredung gegen die Einbildung des ungebildeten und 
des sophistischen Bewußtseins zum Behuf der Idee der 
Wahrheit und Gerechtigkeit anwandte, aber nur jenes 
Bewußtsein, die Idee selbst nicht, ironisch behandelte. 
Die Ironie betrifft nur ein Verhalten des Gesprächs gegen 
Personen; ohne die persönliche Richtung ist die we- 
sentliche Bewegung des Gedankens die Dialektik, und 
Plato war so weit entfernt, das Dialektische für sich 
oder gar die Ironie für das Letzte und für die Idee selbst 
zu nehmen, daß er im Gegenteil das Herüber- und Hin- 
übergehen des Gedankens vollends einer subjektiven Mei- 
nung in die Substantialität der Idee versenkte und 
endigte*). — Die hier noch zu betrachtende Spitze der 



*) Mein verstorbener Kollege, Professor Solger'), hat zwar 
den vom Herrn Fried, v. Schlegel in einer früheren Periode 
seiner schriftstellerischen Laufbahn aufgebrachten und bis zu 

>) Solger, Karl Wilhelm Ferdinand, 1730—1819. 



Das Gute und das Gewissen. § 140. 129 

sich als das Letzte erfassenden Subjektivität kann nur 
dies sein, sich noch als jenes Beschließen und Ent- 
scheiden über Wahrheit, Recht und Pflicht zu wissen, 
welches in den vorhergehenden Formen schon an sich 
vorhanden ist. Sie besteht also darin, das sittlich Ob- 
jektive wohl zu wissen, aber nicht sich selbst vergessend 
und auf sich Verzicht tuend in den Ernst desselben sich 
zu vertiefen und aus ihm zu handeln, sondern in der 



jener Bich selLst als das Höchste wissenden Subjektivität gestei- 
gerten Ausdruck der Ironie aufgenommen, aber sein von solcher 
Bestimmung entfernter besserer Sinn und seine philosophische 
Einsicht hat darin nur vornehmlich die Seite des eigentlichen 
Dialektischen, des bewegenden Pulses der spekulativen Betrach- 
tung ergriffen und festgehalten. Ganz klar aber kann ich daa 
nicht finden, noch mit den Begriffen übereinstimmen, welche 
derselbe noch in seiner letzten, gehaltvollen Arbeit, einer aus- 
führlichen Kritik über die Vorlesungen des Herrn August 
Wilhelm v. Schlegel über dramatische Kunst und 
Literatur (Wiener Jahrb. Bd. VII, S. 90ff.) entwickelt. „Die 
wahre Ironie," sagt Solger daselbst S. 92, „geht von dem Ge- 
sichtspunkt aus, daß der Mensch, solange er in dieser gegen- 
wärtigen Welt lebt, seine Bestimmung auch im höchsten Sinne 
des Worts nur in dieser Welt erfüllen kann. Alles, womit wir 
über endliche Zwecke hinauszugehen glauben, ist eitle 
und leere Einbildung. — Auch das Höchste ist für unser Han- 
deln nur in begrenzter endlicher Gestaltung da." Dies 
ist, richtig verstanden, platonisch und sehr wahr gegen das daselbst 
vorher erwähnte leere Streben in das (abstrakte) Unendliche 
gesagt. Daß aber das Höchste in begrenzter endlicher Ge- 
staltung ist, wie das Sittliche, — und das Sittliche ist wesent- 
lich als Wirklichkeit und Handlung, — dies ist sehr verschieden 
davon, daß es ein endlicher Zweck sei; die Gestaltung, die 
Form des Endlichen, benimmt dem Inhalt, dem Sittlichen nichts 
von seiner Substantialität und der Unendlichkeit, die es in sich 
selbst hat. Es heißt v.eiter: „Und eben deswegen ist es (das Höchste) 
;t n uns so nichtig als das Geringste und gehet notwendig 
mit uns und unserm nichtigen Sinne unter, denn in 
Wahrheit ist es nur da in Gott, und in diesem Untergange ver- 
klärt es sich als ein Göttliches, an welchem wir nicht teil haben 
würden, wenn es nicht eine unmittelbare Gegenwart dieses Gött- 
lichen gäbe, die sich eben im Verschwinden unserer Wirklich- 
keit offenbart; die Stimmung aber, welcher dieses unmittelbar in 
den menschlichen Begebenheiten selbst einleuchtet, ist die tra- 
gische Ironie." Auf den willkürlichen Namen Ironie käme es 
nicht an; aber darin liegt etwas Unklares, daß es das Höchste 
sei, was mit unserer Nichtigkeit untergehe, und daß erst im 
Verschwinden unserer Wirklichkeit das Göttliche sich offenbare, 
Heg-el, Kechtsphilosophie. 9 



130 Zweiter Teil. Die Moralität Dritter Abschnitt. 

Beziehung darauf dasselbe zugleich von sich zu halten, 
und sich als das zu wissen, welches so will und be- 
schließt, und auch ebensogut anders wollen und 
beschließen kann. — Ihr nehmt ein Gesetz in der Tat 
und ehrlicherweise als an und für sich seiend, Ich bin 
auch dabei und darin, aber auch noch weiter als Ihr, 
ich bin auch darüber hinaus und kann es so oder so 
machen. Nicht die Sache ist das Vortreffliche, sondern 
Ich bin der Vortreffliche, und bin der Meister über das 
Gesetz und die Sache, der damit, als mit seinem Be- 
lieben, nur spielt, und in diesem ironischen Bewußt- 



wie es auch S. 91 ebendaselbst heißt: „wir sehen die Helden 
irre werden an dem Edelsten und Schönsten in ihren Gesin- 
nungen und Gefühlen, nicht bloß in Rücksicht des Erfolgs, son- 
dern auch ihrer Quelle und ihres Wertes, ja wir erheben 
uns an dem Untergange des Besten selbst." Daß der tra- 
gische Untergang höchst sittlicher Gestalten nur insofern interes- 
sieren (der gerechte Untergang aufgespreizter reiner Schurken 
und Verbrecher, wie z. B. der Held in einer modernen Tragödie, 
der Schuld'), einer ist, hat zwar ein kriminaljuristisches Inter- 
esse, aber keines für die wahre Kunst, von der hier die Rede 
ist), erheben und mit sich selbst versöhnen kann, als solche Ge- 
stalten gegeneinander mit gleich berechtigten unterschiedenen 
sittlichen Mächten, welche durch Unglück in Kollision gekommen, 
auftreten und so nun durch diese ihre Entgegensetzung gegen 
ein Sittliches Schuld haben, woraus das Recht und das Unrecht 
beider, und damit die wahre sittliche Idee gereinigt und trium- 
phierend über diese Einseitigkeit, somit versöhnt in uns her- 
vorgeht, daß sonach nicht das Höchste in uns es ist, welches 
untergeht, und wir uns nicht am Untergange des Besten, 
sondern im Gegenteil am Triumph des Wahi-en erheben, — 
daß dies das wahrhafte rein sittliche Interesse der antiken Tra- 
gödie ist (in der romantischen erleidet diese Bestimmung noch 
eine weitere Modifikation), ') habe ich in der Phänomenologie 
des Geistes (S. 404if. vgl. 683 ff.) 3) ausgeführt. Die sittliche 
Idee aber ohne jenes Unglück der Kollision und den 
Untergang der in diesem Unglück befangenen Individuen ist in 
der sittlichen Welt wirklich und gegenwärtig, und daß dies 
Höchste sich nicht in seiner Wirklichkeit als ein Nichtiges 
darstellt, dies ist es, was die reale sittliche Existenz, der Staat, 
bezweckt und bewirkt, und was in ihm das sittliche Selbstbewußt- 
sein besitzt, anschaut und weiß, und das denkende Erkennen begreift. 

1) Von Adolf Müllner, 1774—1829. 

2) Vgl. Hegels Ästhetik, Wwe. Bd. 10, 2. Aufl. 1843, S. 542 ff. 
s) Lassonsche Ausgabe (Phil. Bibl., 114. Bd.) S. 305 ff.. 

S. 471 ff. 



Übergang zur Sittlichkeit. § 141. 131 

sein, in welchem Ich das Höchste untergehen lasse, 
nur mich genieße. — Diese Gestalt ist nicht nur die 
Eitelkeit alles sittlichen Inhalts der Rechte, Pflichten, 
Gesetze, — das Böse, und zwar das in sich ganz all- 
gemeine Böse, — sondern sie tut auch die Form, die 
subjektive Eitelkeit, hinzu, sich selbst als diese Eitel- 
keit alles Inhalts zu wissen, und in diesem Wissen sich 
als das Absolute zu wissen. — Inwiefern diese absolute 
Selbstgefälligkeit nicht ein einsamer Gottesdienst seiner 
selbst bleibt, sondern etwa auch eine Gemeinde bilden 
kann, deren Band und Substanz etwa auch die gegen- 
seitige Versicherung von Gewissenhaftigkeit, guten Ab- 
sichten, das Erfreuen über diese wechselseitige Rein- 
heit, vornehmlich aber das Laben an der Herrlichkeit 
dieses Sich-Wissens und Aussprechens, und an der Herr- 
lichkeit dieses Hegens und Pflegens ist, — inwiefern 
das, was schöne Seele genannt worden, die in der 
Eitelkeit aller Objektivität und damit in der Unwirklich- 
keit ihrer selbst verglimmende edlere Subjektivität, ferner 
andere Gestaltungen, mit der betrachteten Stufe ver- 
wandte Wendungen sind, — habe ich Phänomenologie des 
Geistes S. 605 ff. i) abgehandelt, wo der ganze Abschnitt 
c) das Gewissen, insbesondere auch in Rücksicht des 
Überganges in eine — dort übrigens anders bestimmte, 
höhere Stufe überhaupt, verglichen werden kann. 

Übergang von der Moralität in Sittlichkeit. 

§ 141. 
Für das Gute, als das substantielle Allgemeine der 
Freiheit, aber noch Abstrakte, sind daher ebensosehr 
Bestimmungen überhaupt und das Prinzip derselben, aber 
als mit ihm identisch, gefordert, wie für das Ge- 
wissen, das nur abstrakte Prinzip des Bestimmens, die 
Allgemeinheit und Objektivität seiner Bestimmungen ge- 
fordert ist. Beide, jedes so für sich zur Totalität ge- 
steigert, werden zum Bestimmungslosen, das bestimmt sein 
soll. - — Aber die Integration beider relativen Totalitäten 
zur absoluten Identität ist schon an sich vollbracht, in- 
dem eben diese für sich in ihrer Eitelkeit verschwebende 
Subjektivität der reinen Gewißheit seiner selbst iden- 
tisch ist mit der abstrakten Allgemeinheit des Guten; 
— die, somit konkrete, Identität des Guten und des sub- 

») Lassonsche Ausgabe (Phil. Bibl., 114. Bd.), S. 419 ff. 

9* 



132 Zweiter Teil. Die Moralität. 

jektiven Willens, die Wahrheit derselben, ist die Sitt- 
lichkeit. 

Das Nähere über einen solchen Übergang des Be- 
griffs macht sich in der Logik verständlich. Hier nur 
soviel, daß die Natur des Beschränkten und Endlichen, 

— und solches sind hier das abstrakte, nur sein sol- 
lende Gute und die ebenso abstrakte, nur gut sein sol- 
lende Subjektivität, — an ihnen selbst ihr Gegenteil, 
das Gute seine Wirklichkeit, und die Subjektivität (das 
Moment der Wirklichkeit des Sittlichen) das Gute, 
haben, aber daß sie als einseitige noch nicht gesetzt 
sind als das, was sie an sich sind. Dies Gesetztwerden 
erreichen sie in ihrer Negativität, darin daß sie, wie sie 
sich einseitig, jedes das nicht an ihnen haben zu 
sollen, was an sich an ihnen ist, — das Gute ohne Sub- 
jektivität und Bestimmung, und das Bestimmende, die 
Subjektivität ohne das Ansichseiende — als Totalitäten 
für sich konstituieren, sich aufheben und dadurch zu 
Momenten herabsetzen, — zu Momenten des Begriffs, 
der als ihre Einheit offenbar wird und eben durch dies 
Gesetztsein seiner Momente Realität erhalten hat, so- 
mit nun als Idee ist, — Begriff, der seine Bestimmungen 
zur Realität herausgebildet und zugleich in ihrer Identität 
als ihr an sich seiendes Wesen ist. — Das Dasein der 
Freiheit, welches unmittelbar als das Recht war, ist ■ 
in der Reflexion des Selbstbewußtseins zum Guten be- 
stimmt; das Dritte, hier in seinem Übergänge als die 
Wahrheit dieses Guten und der Subjektivität, ist daher 
ebensosehr die Wahrheit dieser und des Rechts. — Das 
Sittliche ist subjektive Gesinnung, aber des an sich 
seienden Rechts; — daß diese Idee die Wahrheit des 
Freiheitsbegriffs ist, dies kann nicht ein Vorausgesetztes, 
aus dem Gefühl oder woher sonst Genommenes, sondern 

— in der Philosophie — nur ein Bewiesenes sein. 
Diese Deduktion desselben ist aliein darin enthalten, 
daß das Recht und das moralische Selbstbewußtsein an 
ihnen selbst sich zeigen, darin als in ihr Resultat zu- 
rückzugehen. — Diejenigen, welche des Beweisens und 
Deduzierens in der Philosophie entübrigt sein zu können 
glauben, zeigen, daß sie von dem ersten Gedanken dessen, 
was Philosophie ist, noch entfernt sind und mögen wohl 
sonst reden, aber in der Philosophie haben die kein 
Recht mitzureden, die ohne Begriff reden wollen. 



Dritter Teil. 

Die Sittlichkeit. 



§142. 

Die Sittlichkeit ist die Idee der Freiheit, als das 
lebendige Gute, das in dem Selbstbewußtsein sein Wissen, 
Wollen, und durch dessen Handeln seine Wirklichkeit, so- 
wie dieses an dem sittlichen Sein seine an und für sich 
seiende Grundlage und bewegenden Zweck hat, — der zur 
vorhandenen Welt und zur Natur des Selbstbe- 
wußtseins gewordene Begriff der Freiheit. 

§ 143. 

Indem diese Einheit des Begriffs des Willens und 
seines Daseins, welches der besondere Wille ist. Wissen 
ist, ist das Bewußtsein des Unterschiedes dieser Momente 
der Idee vorhanden, aber so, daß nunmehr jedes für sich 
selbst die Totalität der Idee ist, und sie zur Grundlage 
und Inhalt hat. 

§144. 

a) Das objektive Sittliche, das an die Stelle des ab- 
strakten Guten tritt, ist die durch die Subjektivität als 
unendliche Form konkrete Substanz. Sie setzt daher 
Unterschiede in sich, welche hiermit durch den Begriff 
bestimmt sind, und wodurch das Sittliche einen festen In- 
halt hat, der für sich notwendig und ein, über das sub- 
jektive Meinen und Belieben erhabenes, Bestehen ist, die 
an und für sich seienden Gesetze und Einrich- 
tungen. 

§145. 

Daß das Sittliche das System dieser Bestimmungen 
der Idee ist, macht die Vernünftig keit desselben aus. 
Es ist auf diese Weise die Freiheit oder der an und für 



13-i Dritter Teil. § li6— J47. 

sich seiende Wille als das Objektive, Kreis der Notwendig- 
keit, dessen Momente die sittlichen Mächte sind, welche 
das Leben der Individuen regieren und in diesen als ihren 
Accidenzen, ihre Vorstellung, erscheinende Gestalt und 
Wirklichkeit haben. 

§146. 

ß) Die Substanz ist in diesem ihrem wirklichen 
Selbstbewußtsein sich wissend und damit Objekt des 
Wissens. Für das Subjekt haben die sittliche Substanz, 
ihre Gesetze und Gewalten einerseits als Gegenstand das 
Verhältnis, daß sie sind, im höchsten Sinne der Selb- 
ständigkeit, — eine absolute, unendlich festere Autorität 
und Macht als das Sein der Natur. 

Die Sonne, Mond, Berge, Flüsse, überhaupt die um- 
gebenden Naturobjekte sind, sie haben für das Bewußt- 
sein die Autorität nicht nur überhaupt zu sein, sondern 
auch eine besondere Natur zu haben, welche es gelten 
läßt, nach ihr in seinem Verhalten zu ihnen, seiner Be- 
schäftigung mit ihnen und ihrem Gebrauche sich richtet. 
Die Autorität der sittlichen Gesetze ist unendlich höher, 
weil die Naturdinge nur auf die ganz äußerliche und 
vereinzelte Weise die Vernünftigkeit darstellen, und 
sie unter die Gestalt der Zufälligkeit verbergen. 

§147. 

Andererseits sind sie dem Subjekte nicht ein Frem- 
des, sondern es gibt das Zeugnis des Geistes von 
ihnen als von seinem eigenen Wesen, in welchem 
es sein Selbstgefühl hat, und darin als seinem von 
sich ununterschiedenen Elemente lebt, — ein Verhältnis, 
das unmittelbar, noch identischer, als selbst Glaube und 
Zutrauen, ist. 

Glaube und Zutrauen gehören der beginnenden Re- 
flexion an und setzen eine Vorstellung und Unterschied 
voraus; — wie es z. B. verschieden wäre, an die heid- 
nische Religion glauben, und ein Heide sein. Jenes 
Verhältnis oder vielmehr verhältnislose Identität, in der 
das Sittliche die wirkliche Lebendigkeit des Selbstbewußt- 
seins ist, kann allerdings in ein Verhältnis des Glaubens 
und der Überzeugung, und in ein durch weitere Re- 
flexion vermitteltes übergehen, in eine Einsicht durch 



Die Sittlichkeit. § 148— U9. 135 

Gründe, die auch von irgend besonderen Zwecken, Inter- 
essen und Rücksichten, von Furcht oder Hoffnung, oder 
von geschichtlichen Voraussetzungen anfangen können. 
Die adäquate Erkenntnis derselben aber gehört dem 
denkenden Begriffe an. 

§ 148. 

Als diese substantiellen Bestimmungen sind sie für das 
Individuum, welches sich von ihnen als das Subjektive 
und in sich Unbestimmte oder das besonders Bestimmte 
unterscheidet, hiermit im Verhältnisse zu ihnen als 
zu seinem Substantiellen steht, — ■ Pflichten für seinen 
Willen bindend. 

Die ethische Pflichtenlehre, d. i. wie sie ob- 
jektiv ist, nicht in dem leeren Prinzip der moralischen 
Subjektivität befaßt sein soll, als welches vielmehr nichts 
bestimmt (§ 134), — ist daher die in diesem dritten 
Teile folgende systematische Entwickelung des Kreises 
der sittlichen Notwendigkeit. Der Unterschied dieser 
Darstellung von der Form einer Pflichtenlehre liegt 
allein darin, daß in dem Folgenden die sittlichen Be- 
stimmungen sich als die notwendigen Verhältnisse er- 
geben, hierbei stehen geblieben und nicht zu jeder der- 
selben noch der Nachsatz gefügt wird, also ist diese 
Bestimmung für den Menschen eine Pflicht. — Eine 
Pflichienlehre, insofern sie nicht philosophische Wissen- 
schaft ist, nimmt aus den Verhältnissen als vorhandenen 
ihren Stoff, und zeigt den Zusammenhang desselben 
mit den eigenen Vorstellungen, allgemein sich vor- 
findenden Grundsätzen und Gedanken, Zwecken, Trieben, 
Em.pfindungen u. s. f., und kann als Gründe die weiteren 
Folgen einer jeden Pflicht in Beziehung auf die anderen 
sittlichen Verhältnisse, sowie auf das Wohl und die 
Meinung hinzufügen. Eine immanente und konsequente 
Pflichtenlehre kann aber nichts anderes sein, als die Ent- 
wickelung der Verhältnisse, die durch die Idee der 
Freiheit notwendig, und daher wirklich in ihrem ganzen 
Umfange, im Staat sind. 

§ 149. 

Als Beschränkung kann die bindende Pflicht nur 
gegen die unbestimmte Subjektivität oder abstrakte Frei- 



136 Dritter Teil. § 150. 

heit, und gegen die Triebe des natürlichen, oder des sein 
unbestimmtes Gute aus seiner Willkür bestimmenden mo- 
ralischen Willens erscheinen. Das Individuum hat aber 
in der Pflicht vielmehr seine Befreiung, teils von der 
Abhängigkeit, in der es in dem bloßen Naturtriebe steht, 
sowie von der Gedrücktheit, in der es als subjektive Be- 
sonderheit in den moralischen Reflexionen des SoUens 
und Mögens ist, teils von der unbestimmten Subjektivität, 
die nicht zum Dasein und der objektiven Bestimmtheit 
des Handelns kommt, und in sich und als eine Unwirk- 
lichkeit bleibt. In der Pflicht befreit das Individuum 
sich zur substantiellen Freiheit. 

§150. 

Das Sittliche, insofern es sich an dem individuellen 
durch die Natur bestimmten Charakter als solchem reflek- 
tiert, ist die Tugend, die, insofern sie nichts zeigt, als 
die einfache Angemessenheit des Individuums an die 
Pflichten der Verhältnisse, denen es angehört. Recht- 
schaffenheit ist. 

Was der Mensch tun müsse, welches die Pflichten 
sind, die er zu erfüllen hat, um. tugendhaft zu sein, ist 
in einem sittlichen Gemeinwesen leicht zu sagen, — 
es ist nichts anderes von ihm zu tun, als was ihm in 
seinen Verhältnissen vorgezeichnet, ausgesprochen und 
bekannt ist. Die Rechtschaffenheit ist das Allgemeine, 
was an ihn teils rechtlich, teils sittlich gefordert werden 
kann. Sie erscheint aber für den moralischen Stand- 
punkt leicht als etwas Untergeordneteres, über das man 
an sich und andere noch mehr fordern müsse; denn die 
Sucht, etwas Besonderes zu sein, genügt sich nicht 
mit dem, was das An- und Fürsichseiende und All- 
gemeine ist; sie findet erst in einer Ausnahme das 
Bewußtsein der Eigentümlichkeit. — Die verschie- 
denen Seiten der Rechtschaffenheit können ebenso- 
gut auch Tugenden genannt werden, weil sie ebenso- 
sehr Eigentum, — obwohl in der Vergleichung mit 
anderen nicht besonderes, — des Individuums sind. 
Das Reden aber von der Tugend grenzt leicht an leere 
Deklamation, weil damit nur von einem Abstrakten und 
Unbestimmten gesprochen w^ird, sowie auch solche Rede 
mit ihren Gründen und Darstellungen sich an das In- 
dividuum als an eine Willkür und subjektives Belieben 



I 



Die Sittlichkeit. § 150. 137 

wendet. Unter einem vorhandenen sittlichen Zustande, 
dessen Verhältnisse vollständig entwickelt und verwirk- 
licht sind, hat die eigentliche Tugend nur in außer- 
ordentlichen Umständen und Kollisionen jener Verhält- 
nisse ihre Stelle und Wirklichkeit; — in wahrhaften 
Kollisionen, denn die moralische Reflexion kann sich 
allenthalben Kollisionen erschaffen und sich das Bewußt- 
sein von etwas Besonderem und von gebrachten Opfern 
geben. Im ungebildeten Zustande der Gesellschaft und 
des Gemeinwesens kommt deswegen mehr die Form der 
Tugend als solcher vor, weil hier das Sittliche und dessen 
Verwirklichung mehr ein individuelles Belieben und 
eine eigentümliche geniale Natur des Individuums ist, 
wie denn die Alten besonders von Herkules die Tugend 
prädiziert haben. Auch in den alten Staaten, weil in 
ihnen die Sittlichkeit nicht zu diesem freien System 
einer selbständigen Entwickelung und Objektivität ge- 
diehen war, mußte es die eigentümliche Genialität der 
Individuen sein, welche diesen Mangel ersetzte. — Die 
Lehre von den Tugenden, insofern sie nicht bloß 
Pflichtenlehre ist, somit das Besondere, auf Natur- 
bestimmtheit Gegründete des Charakters umfaßt, wird 
hiermit eine geistige Naturgeschichte sein. 

Indem die Tugenden das Sittliche in der Anwendung 
auf das Besondere, und nach dieser subjektiven Seite 
ein Unbestimmtes sind, so tritt für ihre Bestimmung das 
Quantitative des Mehr und Weniger ein; ihre Betrachtung 
führt daher die gegenüberstehenden Mängel oder Laster 
herbei, wie bei Aristoteles, der die besondere Tugend 
daher seinem richtigen Sinne nach als die Mitte zwischen 
einem Zuviel und einem Zuwenig bestimmte. — Der- 
selbe Inhalt, welcher die Form von Pflichten und dann 
von Tugenden annimmt, ist es auch, der die Form von 
Trieben hat (§ 19 Anm.). Auch sie haben denselben 
Inhalt zu ihrer Grundlage, aber weil er in ihnen noch 
dem unmittelbaren Willen und der natürlichen Emp- 
findung angehört, und zur Bestimmung der Sittlich- 
keit nicht heraufgebildet ist, so haben sie mit dem In- 
halte der Pflichten und Tugenden nur den abstrakten 
Gegenstand gemein, der als bestimmungslos in sich selbst, 
die Grenze des Guten oder Bösen für sie nicht enthält, 
— oder sie sind nach der Abstraktion des Positiven gut, 
und umgekehrt nach der Abstraktion des Negativen 
böse (§ 18). 



138 Dritter Teil. § 151 — 153. 

§ 151. 
Aber in der einfachen Identität mit der Wirklich- 
keit der Individuen erscheint das Sittliche, als die all- 
gemeine Handlungsweise derselben — als Sitte, — die 
Gewohnheit desselben als eine zweite Natur, die an 
die Stelle des ersten bloß natürlichen Willens gesetzt, und 
die durchdringende Seele, Bedeutung und Wirklichkeit ihres 
Daseins ist, der als eine Welt lebendige und vorhandene 
Geist, dessen Substanz so erst als Geist ist. 

§152. 
Die sittliche Substantialität ist auf diese Weise 
zu ihrem Rechte und dieses zu seinem Gelten gekommen, 
daß in ihr nämlich die Eigenwilligkeit und das eigene Ge- 
wissen des Einzelnen, das für sich wäre und einen Gegensatz 
gegen sie machte, verschwunden [sind], indem der sittliche 
Charakter das unbewegte, aber in seinen Bestimmungen 
zur wirklichen Vernünftigkeit aufgeschlossene Allgemeine 
als seinen bewegenden Zweck weiß, und seine Würde, 
sowie alles Bestehen der besonderen Zwecke in ihm ge- 
gründet erkennt und wirklich darin hat. Die Subjektivität 
ist selbst die absolute Form und die existierende Wirklich- 
keit der Substanz, und der Unterschied des Subjekts von 
ihr als seinem Gegenstande, Zwecke und Macht ist nur 
der zugleich ebenso unmittelbar verschwundene Unterschied 
der Form. 

Die Subjektivität, welche den Boden der Existenz 
für den Freiheitsbegriff ausmacht (§ 106) und auf dem 
moralischen Standpunkte noch im Unterschiede von 
diesem ihrem Begriff ist, ist im Sittlichen die ihm adä- 
quate Existenz desselben. 

§153. 

Das Recht der Individuen für ihre subjektive 
Bestimmung zur Freiheit hat darin, daß sie der sitt- 
lichen Wirklichkeit angehören, seine Erfüllung, indem die 
Gewißheit ihrer Freiheit in solcher Objektivität ihre 
Wahrheit hat, und sie im Sittlichen ihr eigenes Wesen, 
ihre innere Allgemeinheit wirklich besitzen (§ 417). 
Auf die Frage eines Vaters, nach der besten Weise 
seinen Sohn sittlich zu erziehen, gab ein Pythagoreer (auch 
anderen wird sie in den Mund gelegt) die Antwort: wenn 
du ihn zum Bürger eines Staats von guten Gesetzen 
machst. 



Die Sittlichkeit. § 154—157. 139 

§154. 
Das Recht der Individuen an ihre Besonderheit ist 
ebenso in der sittlichen Substantialität enthalten, denn die 
Besonderheit ist die äußerlich erscheinende Weise, in 
welcher das Sittliche existiert. 

§ 155. 
In dieser Identität des allgemeinen und besonderen 
Willens fällt somit Pflicht und Recht in Eins, und der 
Mensch hat durch das Sittliche insofern Rechte, als er 
Pflichten, und Pflichten, insofern er Rechte hat. Im ab- 
strakten Rechte habe Ich das Recht, und ein anderer die 
Pflicht gegen dasselbe, — • im Moralischen soll nur das 
Recht meines eigenen Wissens und Wollens, sowie meines 
Wohls mit den Pflichten geeint und objektiv sein. 

§ 156. 
Die sittliche Substanz, als das für sich seiende Selbst- 
bewußtsein mit seinem Begriffe geeint enthaltend, ist der 
wirkliche Geist einer Familie und eines Volks. 

§ 157. 
Der Begriff dieser Idee ist nur als Geist, als sich 
Wissendes und Wirkliches, indem er die Objektivierung 
seiner selbst, die Bewegung durch die Form seiner Mo- 
mente ist. Er ist daher: 

A. der unmittelbare oder natürliche sittliche Geist; 
— die Familie. 

Diese Substantialität geht in den Verlust ihrer Ein- 
heit, in die Entzweiung und in den Standpunkt des Rela- 
tiven über, und ist so 

B. bürgerliche Gesellschaft, eine Verbindung der 
Glieder als selbständiger Einzelner in einer so- 
mit formellen Allgemeinheit, durch ihre Be- 
dürfnisse, und durch die Rechtsverfassung als 
Mittel der Sicherheit der Personen und des Eigen- 
tums und durch eine äußerliche Ordnung für 
ihre besonderen und gemeinsamen Interessen, welcher 
äußerliche Staat sich 

C. in den Zweck und die Wirklichkeit des substantiellen 
Allgemeinen, und des demselben gewidmeten öffent- 
lichen Lebens, — in die Staatsverfassung zurück- 
und zusammennimmt. 



140 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Erster Abschnitt, 

Erster Abschnitt. 
Die Familie. 

§ 158. 
Die Familie hat als die unmittelbare Substantia- 
lität des Geistes seine sich empfindende Einheit, die 
Liebe, zu ihrer Bestimmung, so daß die Gesinnung ist, 
das Selbstbewußtsein seiner Individualität in dieser Ein- 
heit als an und für sich seiender Wesentlichkeit zu haben, 
um in ihr nicht als eine Person für sich, sondern als Mit- 
glied zu sein. 

§159. 
Das Recht, welches dem Einzelnen auf den Grund 
der Familien-Einheit zukommt, und was zunächst sein Leben 
in dieser Einheit selbst ist, tritt nur insofern in die Form 
Rechtens als des abstrakten Momentes der bestimmten 
Einzelnheit hervor, als die Familie in die Auflösung über- 
geht, und die, welche als Glieder sein sollen, in ihrer Ge- 
sinnung und Wirklichkeit, als selbständige Personen werden, 
und was sie in der Familie für ein bestimmtes Moment 
ausmachten, nun in der Absonderung, also nur nach äußer- 
lichen Seiten (Vermögen, Alimentation, Kosten der Er- 
ziehung u. dergl.) erhalten. 

§ 160. 
Die Familie vollendet sich in den drei Seiten: 

a) in der Gestalt ihres unmittelbaren Begriffes als Ehe, 

b) in dem äußerlichen Dasein, dem Eigentum und Gut 
der Familie und der Sorge dafür; 

c) in der Erziehung der Kinder und der Auflösung der 
Familie. 

A. Die Ehe. 

§ 161. 
Die Ehe enthält, als das unmittelbare sittliche 
Verhältnis, erstens das Moment der natürlichen Le- 
bendigkeit, und zwar als substantielles Verhältnis die Le- 
bendigkeit in ihrer Totalität, nämlich als Wirklichkeit der 
Gattung und deren Prozeß. (S. Encykl. der philos. Wiss. 
§167 ff. und 288 ff.)0 Aber im Selbstbewußtsein wird 
zweitens die nur innerliche oder an sich seiende und 

») 3. Aufl. § 220 ff. u. § 366 ff. (Phil. Bibl., 33. Bd., S. 195 ff., 
323 ff.). 



Die Familie. A. Die Ehe. § 162. 141 

eben damit in ihrer Existenz nur äußerliche Einheit der 
natürlichen Geschlechter in eine geistige, in selbstbe- 
wußte Liebe, umgewandelt. 

§ 162. 
Als subjektiver Ausgangspunkt der Ehe kann mehr 
die besondere Neigung der beiden Personen, die in dies 
Verhältnis treten, oder die Vorsorge und Veranstaltung 
der Eltern u. s. f. erscheinen; der objektive Ausgangspunkt 
aber ist die freie Einwilligung der Personen und zwar 
dazu. Eine Person auszumachen, ihre natürliche und 
einzelne Persönlichkeit in jener Einheit aufzugeben, welche 
nach dieser Rücksicht eine Selbstbeschränkung, aber eben, 
indem sie in ihr ihr substantielles Selbstbewußtsein gewinnen, 
ihre Befreiung ist. 

Die objektive Bestimmung, somit die sittliche Pflicht, 
ist, in den Stand der Ehe zu treten. Wie der äußerliche 
Ausgangspunkt beschaffen ist, ist seiner Natur nach 
zufällig, und hängt insbesondere von der Bildung der 
Reflexion ab. Die Extreme hierin sind das eine, daß 
die Veranstaltung der wohlgesinnten Eltern den Anfang 
macht, und in den zur Vereinigung der Liebe fürein- 
ander bestimmt werdenden Personen hieraus, daß sie 
sich, als hierzu bestimmt, bekannt werden, die Neigung 
entsteht, — • das andere, daß die Neigung in den Per- 
sonen, als in diesen unendlich partikularisierten zuerst 
erscheint. — Jenes Extrem oder überhaupt der Weg, 
worin der Entschluß zur Verehelichung den Anfang 
macht, und die Neigung zur Folge hat, so daß bei der 
wirklichen Verheiratung nun beides vereinigt ist, kann 
selbst als der sittlichere Weg angesehen werden. — In 
dem anderen Extrem ist es die unendlich besondere 
Eigentümlichkeit, welche ihre Prätensionen geltend macht 
und mit dem subjektiven Prinzip der modernen Welt 
(s. oben § 124 Anm.) zusammenhängt. — In den mo- 
dernen Dramen und anderen Kunstdarstellungen aber, 
wo die Geschlechterliebe das Grundinteresse ausmacht, 
wird das Element von durchdringender Frostigkeit, das 
darin angetroffen wird, in die Hitze der dargestellten 
Leidenschaft durch die damit verknüpfte gänzliche Zu- 
fälligkeit, dadurch nämlich gebracht, daß das ganze 
Interesse als nur auf diesen beruhend vorgestellt wird, 
was wohl für diese von unendlicher Wichtigkeit sein 
kann, aber es an sich nicht ist. 



142 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Erster Abschnitt. 

§163. 
Das Sittliche der Ehe besteht in dem Bewußtsein 
dieser Einheit als substantiellen Zweckes, hiermit in der 
Liebe, dem Zutrauen und der Gemeinsamkeit der ganzen 
individuellen Existenz, — in welcher Gesinnung und Wirk- 
lichkeit der natürliche Trieb zur Modalität eines Natur- 
moments, das eben in seiner Befriedigung zu erlöschen 
bestimmt ist, herabgesetzt wird, das geistige Band in 
seinem Rechte als das Substantielle, hiermit als das über 
die Zufälligkeit der Leidenschaften und des zeitlichen be- 
sonderen Beliebens erhabene, an sich unauflösliche sich 
heraushebt. 

Daß die Ehe nicht das Verhältnis eines Vertrags 
über ihre wesentliche Grundlage ist, ist oben bemerkt 
worden (§ 75), denn sie ist gerade dies, vom Vertrags- 
Standpunkte, der in ihrer Einzelnheit selbständigen Per- 
sönlichkeit, auszugehen, um ihn aufzuheben. Die Iden- 
tifizierung der Persönlichkeiten, wodurch die Familie 
eine Person ist, und die Glieder derselben Accidenzen 
(die Substanz ist aber wesentlich das Verhältnis zu 
ihr selbst von Accidenzen (s. Encyklop. der phil. 
Wissensch. § 98) i), isit der sittliche Geist, der für sich, 
abgestreift von der mannigfaltigen Äußerlichkeit, die 
er in seinem Dasein, als in diesen Individuen und den 
in der Zeit und auf mancherlei Weisen bestimmten Inter- 
essen der Erscheinung hat, — als eine Gestalt für die 
Vorstellung herausgehoben, als die Penaten u. s. f. ver- 
ehrt worden ist, und überhaupt das ausmacht, worin der 
religiöse Charakter der Ehe und Familie, die Pietät, 
liegt. Es ist eine weitere Abstraktion, wenn das Gött- 
liche, Substantielle von seinem Dasein getrennt, und so 
auch die Empfindung und das Bewußtsein der geistigen 
Einheit, als fälschlich sogenannte platonische Liebe 
fixiert worden ist; diese Trennung hängt mit der mön- 
chischen Ansicht zusammen, durch welche das Moment 
der natürlichen Lebendigkeit als das schlechthin Ne- 
gative bestimmt, und ihm eben durch diese Trennung 
eine unendliche Wichtigkeit für sich gegeben wird. 

§164. 
Wie die Stipulation des Vertrags schon für sich den 
wahrhaften Übergang des Eigentums enthält (§ 79), so 

») In der 3. Aufl. § 160 (Phil. Bibl. 33. Bd., S. 150). 



Die Familie. A. Die Ehe. § 1G4. 143 

macht die feierliche Erklärung der Einwilligung zum sitt- 
lichen Bande der Ehe und die entsprechende Anerkennung 
und Bestätigung desselben durch die Familie und Gemeinde 
— (dai3 in dieser Rücksicht die Kirche eintritt, ist eine 
weitere hier nicht auszuführende Bestimmung) — die förm- 
liche Schließung und Wirklichkeit der Ehe aus, so 
daß diese Verbindung nur durch das Vorangehen dieser 
Zeremonie als der Vollbringung des Substantiellen durch 
das Zeichen, die Sprache, als das geistigste Dasein des 
Geistigen (§ 78), als sittlich konstituiert ist. Damit ist 
das sinnliche, der natürlichen Lebendigkeit angehörige Mo- 
ment in sein sittliches Verhältnis als eine Folge und Ac- 
cidentalität gesetzt, welche dem äußerlichen Dasein der 
sittlichen Verbindung angehört, die auch in der gegen- 
seitigen Liebe und Beihilfe allein erschöpft sein kann. 
Wenn darnach gefragt wird, was als der Haupt- 
zweck der Ehe angesehen werden müsse, um daraus 
die gesetzlichen Bestimmungen schöpfen oder beurteilen 
zu können, so wird unter diesem Hauptzwecke ver- 
standen, welche von den einzelnen Seiten ihrer Wirklich- 
keit als die vor den anderen wesentliche angenommen 
werden müsse. Aber keine für sich macht den ganzen 
Umfang ihres an und für sich seienden Inhalts, des Sitt- 
lichen, aus, und die eine oder die andere Seite ihrer 
Existenz kann, unbeschadet des Wesens der Ehe, fehlen, 
— Wenn das Schließen der Ehe als solches, die Feier- 
lichkeit, wodurch das Wesen dieser Verbindung als ein 
über das Zufällige der Empfindung und besonderer 
Neigung erhabenes Sittliches ausgesprochen und kon- 
statiert wird, für eine äußerliche Formalität und 
ein sogenanntes bloß bürgerliches Gebot genommen 
wird, so bleibt diesem Akte nichts übrig, als etwa den 
Zweck der Erbaulichkeit und der Beglaubigung des 
bürgerlichen Verhältnisses zu haben, oder gar die bloß 
positive Willkür eines bürgerlichen oder kirchlichen Ge- 
botes zu sein, das der Natur der Ehe nicht nur gleich- 
gültig sei, sondern das auch, insofern von dem Gemüt 
von wegen des Gebots ein Wert auf dies förmliche 
Schließen gelegt, und als voranzugehende Bedingung 
der gegenseitigen vollkommenen Hingebung angesehen 
werde, die Gesinnung der Liebe veruneinige und als ein 
Fremdes der Innigkeit dieser Einigung zuwiderlaufe. 
Solche Meinung, indem sie den höchsten Begriff von 
der Freiheit, Innigkeit und Vollendung der Liebe zu 



144 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Erster Abschnitt. 

geben die Prätension hat, leugnet vielmehr das Sittliche 
der Liebe, die höhere Hemmung und Zurücksetzung des 
bloßen Naturtriebs, welche schon auf eine natürliche 
Weise in der Scham enthalten ist, und durch das be- 
stimmtere geistige Bewußtsein zur Keuschheit und 
Zucht erhoben ist. Näher ist durch jene Ansicht die 
sittliche Bestimmung verworfen, die darin besteht, daß 
das Bewußtsein sich aus seiner Natürlichkeit und Sub- 
jektivität zum Gedanken des Substantiellen sammelt, und 
statt sich das Zufällige und die Willkür der sinnlichen 
Neigung immer noch vorzubelis.lten, die Verbindung 
dieser Willkür entnimmt und dem Substantiellen, den 
Penaten sich verpflichtend, übergibt, und das sinnliche 
Moment zu einem von dem Wahrhaften und Sittlichen 
des Verhältnisses und der Anerkennung der Verbindung 
als einer sittlichen, nur bedingten herabsetzt. — Es 
ist die Frechheit und der sie unterstützende Verstand, 
welcher die spekulative Natur des substantiellen Ver- 
hältnisses nicht zu fassen vermag, der aber das sittliche 
unverdorbene Gemüt, wie die Gesetzgebungen christ- 
licher Völker entsprechend sind. 

§ 165. 

Die natürliche Bestimmtheit der beiden Geschlechter 
erhält durch ihre Vernünftigkeit intellektuelle und sitt- 
liche Bedeutung. Diese Bedeutung ist durch den Unter- 
schied bestimmt, in welchen sich die sittliche Substantia- 
lität als Begriff an sich selbst dirimiert, um aus ihm ihre 
Lebendigkeit als konkrete Einheit zu gewinnen. 

§166. 

Das Eine ist daher das Geistige, als das sich Ent- 
zweiende in die für sich seiende persönliche Selb- 
ständigkeit und in das Wissen und Wollen der freien All- 
gemeinheit, das Selbstbewußtsein des begreifenden Ge- 
dankens und [das] Wollen des objektiven Endzwecks; — das 
Andere das in der Einigkeit sich erhaltende Geistige als 
Wissen und Wollen des Substantiellen in Form der kon- 
kreten Einzelnheit und der Empfindung; — jenes im 
Verhältnis nach außen das Mächtige und Betätigende; dieses 
das Passive und Subjektive. Der Mann hat daher sein 
wirkliches substantielles Leben im Staate, der Wissen- 
schaft u. dergl., und sonst im Kampfe und der 



Die FamiUe. A. Die Ehe. § 167—168. 145 

Arbeit mit der Außenwelt und mit sich selbst, so daß 
er nur aus seiner Entzweiung die selbständige Einigkeit 
mit sich erkämpft, deren ruhige Anschauung und die emp- 
findende subjektive Sittlichkeit er in der Familie hat, in 
welcher die Frau ihre substantielle Bestimmung und in 
dieser Pietät ihre sittliche Gesinnung hat. 

Die Pietät wird daher in einer der erhabensten 
Darstellungen derselben, der Sophokleischen Anti- 
gene, vorzugsweise als das Gesetz des Weibes aus- 
gesprochen, und als das Gesetz der empfindenden sub- 
jektiven Substantialität, der Innerlichkeit, die noch nicht 
ihre vollkommene Verwirklichung erlangt, als das Gesetz 
der alten Götter, des Unterirdischen, als ewiges Gesetz, 
von dem niemand weiß, von wannen es erschien, und 
im Gegensatz gegen das offenbare, das Gesetz des 
Staates dargestellt; — ein Gegensatz, der der höchste 
sittliche und darum der höchste tragische, und in der 
Weiblichkeit und Männlichkeit daselbst individualisiert 
ist; vgl. Phänomen, des Geistes S. 383 ff., 417 ff. i). 

§ 167. 

Die Ehe ist wesentlich Monogamie, weil die Persön- 
lichkeit, die unmittelbare ausschließende Einzelnheit es 
ist, welche sich in dies Verhältnis legt und hingibt, dessen 
Wahrheit und Innigkeit (die subjektive Form der 
Substantialität) somit nur aus der gegenseitigen un- 
geteilten Hingebung dieser Persönlichkeit hervorgeht; 
diese kommt zu ihrem Rechte, im anderen ihrer selbst 
bewußt zu sein, nur insofern das andere als Person, d. i. 
als atome Einzelnheit in dieser Identität ist. 

Die Ehe, und wesentlich die Monogamie, ist eines 
der absoluten Prinzipien, worauf die Sittlichkeit eines 
Gemeinwesens beruht; die Stiftung der Ehe wird daher 
als eines der Momente der göttlichen oder heroischen 
Gründung der Staaten aufgeführt. 

§ 168. 

Weil es ferner diese sich selbst unendlich eigene Persön- 
lichkeit der beiden Geschlechter ist, aus deren freien 
Hingebung die Ehe hervorgeht, so muß sie nicht inner- 

1) LasBonBche Ausgabe (Phil. Bibl., 114. Bd.) S. 282f., 309ff. 
Hegel, Rechtsphilosophie. ;J0 



146 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Erster Abschnitt 

halb des schon natürlich-identischen, sich bekannten 
und in aller Einzelnheit vertraulichen Kreises, in welchem 
die Individuen nicht eine sich selbst eigentümliche Persön- 
lichkeit gegeneinander haben, geschlossen werden, sondern 
aus getrennten Familien und ursprünglich verschiedener 
Persönlichkeit sich finden. Die Ehe unter Blutsver- 
wandten ist daher dem Begriffe, welchem die Ehe als 
eine sittliche Handlung der Freiheit, nicht als eine Ver- 
bindung unmittelbarer Natürlichkeit und deren Triebe 
ist, somit auch wahrhafter natürlicher Empfindung zu- 
wider. 

Wenn man die Ehe selbst als nicht im Naturrecht, 
sondern bloß als im natürlichen Geschlechtstrieb ge- 
gründet und als einen willkürlichen Vertrag betrachtet, 
ebenso, wenn man für die Monogamie äußere Gründe 
sogar aus dem physischen Verhältnisse der Anzahl der 
Männer und Weiber, ebenso für das Verbot der Ehe 
unter Blutsverwandten nur dunkele Gefühle angegeben 
hat: so lag dabei die gewöhnliche Vorstellung von einem 
Naturzustande und einer Natürlichkeit des Rechts, und 
der Mangel am Begriffe der Vernünftigkeit und Frei- 
heit, zum Grunde. 

§ 169. 

Die Familie hat als Person ihre äußerliche Realität 
in einem Eigentum, in dem sie das Dasein ihrer sub- 
stantiellen Persönlichkeit nur als in einem Vermögen hat. 

B. Das Vermögen der Familie. 

§170. 

Die Familie hat nicht nur Eigentum, sondern für sie 
als allgemeine und fortdauernde Person tritt das Be- 
dürfnis und die Bestimmungeines bleib enden und sicheren 
Besitzes, eines Vermögens ein. Das im abstrakten Eigen- 
tum willkürliche Moment des besonderen Bedürfnisses des 
bloß Einzelnen und die Eigensucht der Begierde ver- 
ändert sich hier in die Sorge und den Erwerb für ein 
Gemeinsames, in ein Sittliches. 

Einführung des festen Eigentums erscheint mit Ein- 
führung der Ehe in den Sagen von den Stiftungen der 
Staaten, oder wenigstens eines geselligen gesitteten 
Lebens, in Verbindung. — Worin übrigens jenes Ver- 



Die Familie. B. Vermögen der Familie. §171—173. 147 

mögen bestehe, und welches die wahrhafte Weise seiner 
Befestigung sei, ergibt sich in der Sphäre der bürger- 
lichen Gesellschaft. 

§ 171. 

Die Familie als rechtliche Person gegen andere hat 
der Mann als ihr Haupt zu vertreten. Ferner kommt ihm 
vorzüglich der Erwerb nach außen, die Sorge für die 
Bedürfnisse, sowie die Disposition und Verwaltung des 
Familienvermögens zu. Dieses ist gemeinsames Eigentum, 
so daß kein Glied der Familie ein besonderes Eigentum, 
jedes aber sein Recht an das Gemeinsame hat. Dieses 
Recht und jene dem Haupte der Familie zustehende Dis- 
position können aber in Kollision kommen, indem das in 
der Familie noch Unmittelbare der sittlichen Gesinnung 
(§ 158) der Besonderung und Zufälligkeit offen ist. 

§ 172. 

Durch eine Ehe konstituiert sich eine neue Familie, 
welche ein für sich Selbständiges gegen die Stämme 
oder Häuser ist, von denen sie ausgegangen ist; die Ver- 
bindung mit solchen hat die natürliche Blutsverwandtschaft 
zur Grundlage, die neue Familie aber die sittliche Liebe. 
Das Eigentum eines Individuums steht daher auch in wesent- 
lichem Zusammenhang mit seinem Eheverhältnis, und nur 
in entfernterem mit seinem Stamme oder Hause, 

Die Ehepakten, wenn in ihnen für die Güter- 
gemeinschaft der Eheleute eine Beschränkung liegt, die 
Anordnung eines bestehenden Rechtsbeistandes der Frau 
u. dergl., haben insofern den Sinn, gegen den Fall 
der Trennung der Ehe durch natürlichen Tod, Scheidung 
u. dergl. gerichtet und Sicherungsversuche zu sein, 
wodurch den unterschiedenen Gliedern auf solchen Fall 
ihr Anteil an dem Gemeinsamen erhalten wird. 

C. Die Erziehung' der Kinder und die Auflösung^ der Familie. 

§ 173. 

In den Kindern wird die Einheit der Ehe, welche als 
substantiell nur Innigkeit und Gesinnung, als existierend 
aber in den beiden Subjekten gesondert ist, als Einheit 
selbst eine für sich seiende Existenz und Gegen- 

10* 



148 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Erster Abschnitt. 

stand, den sie als ihre Liebe, als ihr substantielles Dasein, 
lieben. — • Der natürlichen Seite nach wird die Voraus- 
setzung unmittelbar vorhandener Personen, — als 
Eltern, — hier zum Resultate, — ein Fortgang, der sich 
in den unendlichen Progreß der sich erzeugenden und 
voraussetzenden Geschlechter verläuft, — die Weise, wie 
in der endlichen Natürlichkeit der einfache Geist der 
Penaten seine Existenz als Gattung darstellt. 

§174. 

Die Kinder haben das Recht, aus dem gemeinsamen 
Familienvermögen ernährt und erzogen zu werden. Das 
Recht der Eltern auf die Dienste der Kinder als Dienste 
gründet und beschränkt sich auf das Gemeinsame der 
Familiensorge überhaupt. Ebenso bestimmt sich das Recht 
der Eltern über die Willkür der Kinder durch den Zweck, 
sie in Zucht zu halten und zu erziehen. Der Zweck von 
Bestrafungen ist nicht die Gerechtigkeit als solche, son- 
dern subjektiver, moralischer Natur, Abschreckung der 
noch in Natur befangenen Freiheit und Erhebung des 
Allgemeinen in ihr Bewußtsein und ihren Willen. 

§ 175. 

Die Kinder sind an sich Freie, und das Leben ist das 
unmittelbare Dasein nur dieser Freiheit, sie gehören daher 
weder anderen, noch den Eltern als Sachen an. Ihre 
Erziehung hat die in Rücksicht auf das Familienverhält- 
nis positive Bestimmung, daß die Sittlichkeit in ihnen 
zur unmittelbaren, noch gegensatzlosen Empfindung ge- 
bracht [werde], und das Gemüt darin als dem Grunde 
des sittlichen Lebens, in Liebe, Zutrauen und Gehorsam 
sein erstes Leben gelebt habe, — dann aber die in Rück- 
sicht auf dasselbe Verhältnis negative Bestimmung, die 
Kinder aus der natürlichen Unmittelbarkeit, in der sie sich 
ursprünglich befinden, zur Selbständigkeit und freien Per- 
sönlichkeit und damit zur Fähigkeit, aus der natürlichen 
Einheit der Familie zu treten, zu erheben. 

Das Sklavenverhältnis der römischen Kinder ist eine 
der diese Gesetzgebung befleckendsten Institutionen, und 
diese Kränkung der Sittlichkeit in ihrem innersten und 
zartesten Leben ist eins der wichtigsten Momente, den 
weltgeschichtlichen Charakter der Römer und ihre Rich- 
tung auf den Rechts-Formalismus zu verstehen. — Die 



Die Familie. C. Erziehung der Kinder u. s. w. §176 — 177. 149 

Notwendigkeit, erzogen zu werden, ist in den Kindern 
als das eigene Gefühl, in sich, wie sie sind, unbefriedigt 
zu sein, — als der Trieb, der Welt der Erwachsenen, 
die sie als ein Höheres ahnen, anzugehören, der Wunsch, 
groß zu werden. Die spielende Pädagogik nimmt das 
Kindische schon selbst als etwas, das an sich gelte, gibt 
es den Kindern so und setzt ihnen das Ernsthafte und 
sich selbst in kindische, von den Kindern selbst gering 
geachtete Form herab. Indem sie so dieselben in der 
ünfertigkeit, in der sie sich fühlen, vielmehr als fertig 
vorzustellen und darin befriedigt zu machen bestrebt ist, 
— stört und verunreinigt sie deren wahres eigenes 
besseres Bedürfnis, und bewirkt teils die Interesselosig- 
keit und Stumpfheit für die substantiellen Verhältnisse 
der geistigen Welt, teils die Verachtung der Menschen, 
da sich ihnen als Kindern dieselben selbst kindisch und 
verächtlich vorgestellt haben, und dann die sich an der 
eigenen Vortrefflichkeit weidende Eitelkeit und Eigen- 
dünkel. 

§ 176. 
Weil die Ehe nur erst die unmittelbare sittliche Idee 
ist, hiermit ihre objektive Wirklichkeit in der Innigkeit 
der subjektiven Gesinnung und Empfindung hat, so liegt 
darin die erste Zufälligkeit ihrer Existenz. So wenig ein 
Zwang stattfinden kann, in die Ehe zu treten, so wenig 
gibt es sonst ein nur rechtliches positives Band, das die 
Subjekte bei entstandenen widrigen und feindseligen Ge- 
sinnungen und Handlungen zusammenzuhalten vermöchte. 
Es ist aber eine dritte sittliche Autorität gefordert, welche 
das Recht der Ehe, der sittlichen Substantialität, gegen 
die bloße Meinung von solcher Gesinnung und gegen die 
Zufälligkeit bloß temporärer Stimmun_g u. s. f. festhält, diese 
von der totalen Entfremdung unterscheidet, und die letztere 
konstatiert, um erst in diesem Falle die Ehe scheiden 
zu können. 

§177. 

Die sittliche Auflösung der Familie liegt darin, daß 
die Kinder zur freien Persönlichkeit erzogen, in der Voll- 
jährigkeit anerkannt werden, als rechtliche Personen 
und fähig zu sein, teils eigenes freies Eigentum zu haben, 
teils eigene Familien zu stiften, — die Söhne als Häupter, 
und die Töchter als Frauen, — eine Familie, in welcher 
sie nunmehr ihre substantielle Bestimmung haben, gegen 



150 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Erster Abschnitt. 

die ihre erste Familie als nur erster Grund und Aus- 
gangspunkt zurücktritt, und noch mehr das Abstraktum 
des Stammes keine Rechte hat. 

§ 178. 
Die natürliche Auflösung der Familie durch den Tod 
der Eltern, insbesondere des Mannes, hat die Erbschaft 
in Ansehung des Vermögens zur Folge; ihrem Wesen 
nach ein Eintreten in den eigentümlichen Besitz des an 
sich gemeinsamen Vermögens, — ein Eintreten, das mit 
den entfernteren Graden der Verwandtschaft und im Zu- 
stande der die Personen und Familien verselbständigenden 
Zerstreuung der bürgerlichen Gesellschaft um so unbe- 
stimmter wird, als die Gesinnung der Einheit sich um so 
mehr verliert, und als jede Ehe das Aufgeben der vorigen 
Familienverhältnisse und die Stiftung einer neuen selb- 
ständigen Familie wird. 

Der Einfall, als Grund der Erbschaft den Umstand 
anzusehen, daß durch den Tod das Vermögen herren- 
loses Gut werde, und als solches dem, der sich zuerst 
in Besitz setzt, zufalle, diese Besitzergreifung aber wohl 
meistens von den Verwandten, als der gewöhnlich 
nächsten Umgebung werde vorgenommen werden, — 
welcher gewöhnliche Zufall dann durch die positiven 
Gesetze der Ordnung wegen zur Regel erhoben werde, 
— dieser Einfall läßt die Natur des Familienverhält- 
nisses unberücksichtigt. 

§ 179. 
Es entsteht durch dies Auseinanderlallen die Freiheit 
für die Willkür der Individuen, teils überhaupt ihr Ver- 
mögen mehr nach Belieben, Meinungen und Zwecken der 
Einzelnheit zu verwenden, teils gleichsam einen Kreis von 
Freunden, Bekannten u. s. f. statt einer Familie anzusehen 
und diese Erklärung mit den rechtlichen Folgen der Erb- 
schaft in einem Testamente zu machen. 

In die Bildung eines solchen Kreises, worin die 
sittliche Berechtigung des Willens zu einer solchen Dis- 
position über das Vermögen läge, tritt, besonders inso- 
fern sie schon die Beziehung auf das Testieren mit sich 
führt, so viele Zufälligkeit, Willkür, Absichtlichkeit für 
selbstsüchtige Zwecke u. s. f. ein, daß das sittliche Mo- 
ment etwas sehr Vages ist, und die Anerkennung der 
Befugnis der Willkür, zu testieren, viel leichter für 



Die Familie. C. Erziehung der Kinder u. s. w. § 180. 151 

Verletzung sittlicher Verhältnisse und für niederträch- 
tige Bemühungen und ebensolche Abhängigkeiten Ver- 
anlassung wird, wie sie auch törichter Willkür und der 
Heimtücke, an die sogenannten Wohltaten und Geschenke, 
auf den Fall des Todes, in welchem mein Eigentum 
ohnehin aufhört, mein zu sein, Bedingungen der Eitelkeit 
und einer herrischen Quälerei zu knüpfen, Gelegenheit 
und Berechtigung gibt, 

§ 180. 
Das Prinzip, daß die Glieder der Familie zu selb- 
ständigen rechtlichen Personen werden (§ 177), läßt inner- 
halb des Kreises der Familie etwas von dieser Willkür 
und Unterscheidung unter den natürlichen Erben eintreten, 
die aber nur höchst beschränkt stattfinden kann, um das 
Grundverhältnis nicht zu verletzen. 

Die bloße direkte Willkür des Verstorbenen kann 
nicht zum Prinzip für das Recht, zu testieren, gemacht 
werden, insbesondere nicht insofern sie dem substan- 
tiellen Rechte der Familie gegenüber stehet, deren Liebe, 
Verehrung gegen ihr ehemaliges Mitglied es doch vor- 
nehmlich nur sein könnte, welche dessen Willkür nach 
seinem Tode beachtete. Eine solche Willkür enthält 
für sich nichts, das höher als das Familienrecht selbst 
zu respektieren wäre; im Gegenteil. Das sonstige Gelten 
einer Letzten- Wlllens-Disposition läge allein in der will- 
kürlichen Anerkennung der anderen. Ein solches Gelten 
kann ihr vornehmlich nur eingeräumt werden, insofern 
das Familienverhältnis, in welchem sie absorbiert isi, ent- 
fernter und unwirksamer wird. Unwirksamkeit desselben 
aber, wo es wirklich vorhanden ist, gehört zum Un- 
sittlichen, und die ausgedehnte Gültigkeit jener Willkür 
gegen ein solches enthält die Schwächung seiner Sitt- 
lichkeit in sich. — Diese Willkür aber innerhalb der 
Familie zum Hauptprinzip der Erbfolge zu machen, ge- 
hörte zu der vorhin bemerkten Härte und Unsittlichkeit 
der römischen Gesetze, nach denen der Sohn auch vom 
Vater verkauft werden konnte, und wenn er von anderen 
freigelassen wurde, in die Gewalt des Vaters zurück- 
kehrte, und erst auf die dritte Freilassung aus der 
Sklaverei wirklich frei wurde, — nach denen der Sohn 
überhaupt nicht de jure volljährig und eine rechtliche 
Person wurde und nur den Kriegsraub, peculium ca- 
strense, als Eigentum besitzen konnte, und wenn er 



152 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Erster Abschnitt. 

durch jenen dreimaligen Verkauf und Loslassung aus 
der väterlichen Gewalt trat, nicht mit denen, die noch 
in der Familienknechtschaft geblieben waren, ohne Testa- 
mentseinsetzung erbte, — ebenso daß die Frau (insofern 
sie nicht in die Ehe als in ein Sklavenverhältnis, in 
manum conveniret, in mancipio esset, sondern als Ma- 
trone trat) nicht so sehr der Familie, die sie durch die 
Heirat an ihrem Teile gestiftet und die nunmehr wirk- 
lich die ihrige ist, als vielmehr der, aus der sie ab- 
stammte, angehörig blieb, und daher vom Erben des 
Vermögens der wirklich Ihrigen ebenso ausge- 
schlossen, als die Gattin und Mutter von diesen nicht 
beerbt wurde. — Daß das Unsittliche solcher und anderer 
Rechte bei weiterhin erwachendem Gefühle der Ver- 
nünftigkeit im Wege der Rechtspflege, z. B. mit Beihilfe 
des Ausdrucks: von bonorum possessio (daß hiervon 
wieder possessio bonorum unterschieden ist, gehört zu 
solchen Kenntnissen, die den gelehrten Juristen aus- 
machen) statt hereditas, durch die Fiktion, eine filia 
in einen filius umzutaufen, eludiert wurde, ist oben schon 
(§ 3 Anm.) als die traurige Notwendigkeit für den 
Richter bemerkt worden, das Vernünftige pfiffiger- 
weise gegen schlechte Gesetze, wenigstens in einigen 
Folgen einzuschwärzen. Die fürchterliche Instabilität der 
wichtigsten Institutionen und ein tumultuarisches Gesetz- 
geben gegen die Ausbrüche der daraus entspringenden 
Übel, hängt damit zusammen. — Welche unsittliche 
Folgen dies Recht der Willkür im Testamentmachen bei 
den Römern hatte, ist sattsam aus der Geschichte und 
Lucians und anderer Schilderungen bekannt. — Es liegt 
in der Natur der Ehe selbst, als der unmittelbaren 
Sittlichkeit, die Vermischung vom substantiellen Ver- 
hältnis, natürlicher Zufälligkeit und innerer Willkür; — 
wenn nun der Willkür durch das Knechtschaftsverhältnis 
der Kinder und die anderen bemerkten und sonst damit 
zusammenhängenden Bestimmungen, vollends auch durcli 
die Leichtigkeit der Ehescheidungen bei den Römern, 
gegen das Recht des Substantiellen der Vorzug ein- 
geräumt wird, so daß selbst Cicero, — und wieviel 
Schönes hat er nicht über das Honestum und Decorum 
in seinen Officiis und allenthalben anderwärts ge- 
schrieben! — die Spekulation machte, seine Gattin fort- 
zuschicken, um durch das Heiratsgut einer neuen seine 
Schulden zu bezahlen, — so ist dem Verderben der Sitten 



J 



Die Familie. C. Erziehung der Kinder u. s. w. §181. 153 

ein gesetzlicher Weg gebahnt, oder vielmehr die Gesetze 
sind die Notwendigkeit desselben. 

Die Institution des Erbrechts, zur Erhaltung und 
zum Glanz der Familie durch Substitutionen und 
Familienf ideikommisse, entweder die Töchter zu- 
gunsten der Söhne, oder zugunsten des ältesten Sohnes 
die übrigen Kinder von der Erbschaft auszuschliei3en, 
oder überhaupt eine Ungleichheit eintreten zu lassen, 
verletzt teils das Prinzip der Freiheit des Eigentums 
(§ 62), teils beruhet sie auf einer Willkür, die an und 
für sich kein Recht hat, anerkannt zu werden, — näher 
auf dem Gedanken, diesen Stamm oder Haus, nicht 
sowohl diese Familie aufrecht erhalten zu wollen. Aber 
nicht dieses Haus oder Stamm, sondern die Familie 
als solche ist die Idee, die solches Recht hat, und 
durch die Freiheit des Vermögens und die Gleichheit 
des Erbrechts wird ebensowohl die sittliche Gestaltung 
erhalten, als die Familien vielmehr als durch das 
Gegenteil erhalten werden. — In solchen Institutionen 
ist, wie in den römischen, das Recht der Ehe (§ 172) 
überhaupt verkannt, daß sie die vollständige Stiftung 
einer eigentümlichen wirklichen Familie ist, und gegen 
sie das, was Familie überhaupt heißt, stirps, gens, nur 
ein sich mit den Generationen immer weiter entfernen- 
des und sich verunwirklichendes Abstraktum wird 
(§ 177). Die Liebe, das sittliche Moment der Ehe, ist 
als Liebe Empfindung für wirkliche, gegenwärtige Indi- 
viduen, nicht für ein Abstraktum. — Daß sich die Ver- 
standesabstraktion als das weltgeschichtliche Prinzip des 
Römerreichs zeigt, s, unten § 356. — Daß aber die 
höhere politische Sphäre ein Recht der Erstgeburt und 
ein eisernes Staramvermögen, doch nicht als eine Will- 
kür, sondern als aus der Idee des Staates notwendig 
herbeiführt, davon unten § 306. 

Ülbergang der Familie in die bürgerliehe Gesellschaft. 

§181. 

Die Familie tritt auf natürliche Weise, und wesentlich 
durch das Prinzip der Persönlichkeit in eine Vielheit 
von Familien auseinander, welche sich überhaupt als selb- 
ständige konkrete Personen und daher äußerlich zuein- 
ander verhalten. Oder die in der Einheit der Familie als 
der sittlichen Idee, als die noch in ihrem Begriffe ist, 



15-1 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zwtiter Abschnitt. 

gebundenen Momente, müssen von ihm zur selbständigen 
Realität entlassen werden; — die Stufe der Differenz, 
Zunächst abstrakt ausgedrückt, gibt dies die Bestimmung 
der Besonderheit, welche sich zwar auf die Allgemein- 
heit bezieht, so daß diese die, aber nur noch innerliche, 
Grundlage und deswegen auf formelle in das Besondere 
nur scheinende Weise ist. Dies Reflexionsverhältnis 
stellt daher zunächst den Verlust der Sittlichkeit dar, oder, 
da sie als das Wesen notwendig scheinend ist (Encykl. 
der philos. Wissensch. § 64 ff., § 81ff.)0, macht es die 
Erscheinungswelt des Sittlichen, die bürgerliche Ge- 
sellschaft aus. 

Die Erweiterung der Familie als Übergehen der- 
selben in ein anderes Prinzip ist in der Existenz teils 
die ruhige Erweiterung derselben zu einem Volke, — 
einer Nation, die somit einen gemeinschaftlichen natür- 
lichen Ursprung hat, teils die Versammlung zerstreuter 
Familiengemeinden, entweder durch herrische Gewalt, 
oder durch freiwillige, von den verknüpfenden Bedürf- 
nissen und der Wechselwirkung ihrer Befriedigung ein- 
geleitete Vereinigung. 



Zweiter Abschnitt. 

Die bürgerliche Gesellschaft. 

§182. 

Die konkrete Person, welche sich als besondere 
Zweck ist, als ein Ganzes von Bedürfnissen und eine Ver- 
mischung von Naturnotwendigkeit und Willkür, ist das 
eine Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft, — aber die 
besondere Person als wesentlich in Beziehung auf andere 
solche Besonderheit, so daß jede durch die andere und 
zugleich schlechthin nur als durch die Form der All- 
gemeinheit, das andere Prinzip, vermittelt sich 
geltend macht und befriedigt. 

§ 183. 
Der selbstsüchtige Zweck in seiner Verwirklichung, 
so durch die Allgemeinheit bedingt, begründet ein System 

1) In der 3. Autl. § llöff., § 131 ff., (Phil. Bibl. 33. Bd.. 
S. 128ff., 139 ff.). 



Die bürgerliche Gesellschaft, tj 184 — 185. 155 

allseitiger Abliängigkeit, daß die Subsistenz und das Wohl 
des Einzelnen und sein rechtliches Dasein in die Sub- 
sistenz, das Wohl und Recht aller verflochten, darauf ge- 
gründet und nur in diesem Zusammenhange wirklich und 
gesichert ist. — Man kann dies System zunächst als den 
äußeren Staat, — Not- und Verstandesstaat an- 
sehen. 

§184. 

Die Idee in dieser ihrer Entzweiung erteilt den Mo- 
menten eigentümliches Dasein, — der Besonder- 
heit das Recht, sich nach allen Seiten zu entwickeln 
and zu ergehen, und der Allgemeinheit das Recht, sich 
ils Grund und notwendige Form der Besonderheit, sowie 
ils die Macht über sie und ihren letzten Zweck zu erweisen, 
— Es ist das System der in ihre Extreme verlorenen Sitt- 
Uchkeit, was das abstrakte Moment der Realität der 
dee ausmacht, welche hier nur als die relative Tota- 
ität und innere Notwendigkeit an dieser äußeren 
i]rscheinung ist^). 

§ 185. 

Die Besonderheit für sich, einerseits als sich nach 

,llen Seiten auslassende Befriedigung ihrer Bedürfnisse, 

ufälliger Willkür und subjektiven Beliebens, zerstört in 

hren Genüssen sich selbst und ihren substantiellen Be- 

riff; andererseits als unendlich erregt, und in durch- 

ängiger Abhängigkeit von äußerer Zufälligkeit und Will- 

ür, sowie von der Macht der Allgemeinheit beschränkt, 

;t die Befriedigung des notwendigen, wie des zufälligen 

edürfnisses zufällig. Die bürgerliche Gesellschaft bietet 

,.i diesen Gegensätzen und ihrer Verwickelung das Schau- 

Diel ebenso der Ausschweifung, des Elends und des beiden 

emeinschaftlichen physischen und sittlichen Verderbens dar. 

Die selbständige Entwickelung der Besonderheit 

(vergl. § 124 Anm.) ist das Moment, welches sich in 

den alten Staaten als das hereinbrechende Sittenverderben 

und der letzte Grund des Untergangs derselben zeigt. 

Diese Staaten, teils im patriarchalischen und religiösen 

Prinzip, teils im Prinzip einer geistigeren, aber ein- 

^) Hierzu vgl. den Abschnitt der Phänomenologie: „Die 
..iduug und ihr Reich der Wirklichkeit" (Phil, ßibl., Bd. 114, 
J 320 ff.). 



156 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

lächeren Sittlichkeit, — überhaupt auf ursprüngliche 
natürliche Anschauung gebaut, konnten die Entzweiung 
derselben und die unendliche Reflexion des Selbstbewußt- 
seins in sich nicht aushalten, und erlagen dieser Re- 
flexion, wie sie sich hervorzutun anfing, der Gesinnung 
und dann der Wirklichkeit nach, weil ihrem noch einfachen 
i'rinzip die wahrhaft unendliche Kraft mangelte, die 
allein in derjenigen Einheit liegt, welche den Gegensatz 
der Vernunft zu seiner ganzen Stärke auseinander- 
gehen läßt, und ihn überwältigt hat, in ihm somit sich 
erhält, und ihn in sich zusammenhält. — Plato 
in seinem Staate stellt die substantielle Sittlichkeit in 
ihrer idealen Schönheit und Wahrheit dar, er ver- 
mag aber mit dem Prinzip der selbständigen Besonder- 
heit, das in seiner Zeit in die griechische Sittlichkeit 
hereingebrochen war, nicht anders fertig zu werden, 
als daß er ihm seinen nur substantiellen Staat entgegen- 
stellte und dasselbe bis in seine Anfänge hinein, die 
es im Privateigentum (§ 46 Anm.) und in der Familie 
hat, und dann in seiner weiteren Ausbildung als die 
eigene Willkür und Wahl des Standes u. s. f., ganz aus- 
schloß. Dieser Mangel ist es, der auch die große sub- 
stantielle Wahrheit seines Staates verkennen und den- 
selben gewöhnlich für eine Träumerei des abstrakten 
Gedankens, für das, was man oft gar ein Ideal zu 
nennen pflegt, ansehen macht. Das Prinzip der selb- 
ständigen in sich unendlichen Persönlichkeit 
des Einzelnen, der subjektiven Freiheit, das innerlich 
in der christlichen Religion und äußerlich, daher mit 
der abstrakten Allgemeinheit verknüpft, in der römi- 
schen Welt aufgegangen ist, kommt in jener nur sub- 
stantiellen Form des wirklichen Geistes nicht zu seinem 
Rechte. Dies Prinzip ist geschichtlich später als die 
griechische Welt, und ebenso ist die philosophische 
Reflexion, die bis zu dieser Tiefe hinabsteigt, später als 
die substantielle Idee der griechischen Philosophie. 

§ 186. 
Aber das Prinzip der Besonderheit geht eben damit, daß 
es sich für sich zur Totalität entwickelt, in die Allgemein- 
heit über, und hat allein in dieser seine Wahrheit und 
das Recht seiner positiven Wirklichkeit. Diese Einheit, 
die wegen der Selbständigkeit beider Prinzipien auf diesem 
Standpunkte der Entzweiung (§ 184) nicht die sittliche 



Die bürgerliche Gesellschaft, §187. 157 

Identität ist, ist eben damit nicht als Freiheit, sondern 
als Notwendigkeit, daß das Besondere sich zur Form 
der Allgemeinheit erhebe, in dieser Form sein Be- 
stehen suche und habe. 

§ 187. 
Die Individuen sind als Bürger dieses Staates Privat- 
personen, welche ihr eigenes Interesse zu ihrem Zwecke 
haben. Da dieser durch das Allgemeine vermittelt ist, das 
ihnen somit als Mittel erscheint, so kann er von ihnen 
nur erreicht werden, insofern sie selbst ihr Wissen, Wollen 
und Tun auf allgemeine Weise bestimmen, und sich zu 
einem Gliede der Kette dieses Zusammenhanges machen. 
Das Interesse der Idee hierin, das nicht im Bewußtsein 
dieser Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft als solcher 
liegt, ist der Prozeß, die Einzelnheit und Natürlichkeit 
derselben durch die Naturnotwendigkeit ebenso als durch 
die Willkür der Bedürfnisse, zur formellen Freiheit 
und formellen Allgemeinheit des Wissens und Wollens 
zu erheben, die Subjektivität in ihrer Besonderheit zu 
bilden. 

Es hängt mit den Vorstellungen von der Unschuld 
des Naturzustandes, von Sitteneinfalt ungebildeter Völker 
einerseits, und andererseits mit dem Sinne, der die Be- 
dürfnisse, deren Befriedigung, die Genüsse und Bequem- 
lichkeiten des partikulären Lebens u, s. f. als absolute 
Zwecke betrachtet, zusammen, wenn die Bildung dort 
als etwas nur Äußerliches, dem Verderben Ange- 
höriges, hier als bloßes Mittel für jene Zwecke be- 
trachtet wird; die eine wie die andere Ansicht zeigt 
die Unbekanntschaft mit der Natur des Geistes und 
dem Zwecke der Vernunft. Der Geist hat seine Wirk- 
lichkeit nur dadurch, daß er sich in sich selbst entzweit, 
in den Naturbedürfnissen und in dem Zusammenhange 
dieser äußeren Notwendigkeit sich diese Schranke und 
Endlichkeit gibt, und eben damit, daß er sich in sie 
hinein bildet, sie überwindet und darin sein objek- 
tives Dasein gewinnt. Der Vernunftzweck ist deswegen 
weder jene natürliche Sitteneinfalt, noch in der Ent- 
wickelung der Besonderheit die Genüsse als solche, die 
durch die Bildung erlangt werden, sondern daß die 
Natureinfalt, d. i. teils die passive Selbstlosigkeit, 
teils die Roheit des Wissens und Willens, d. i, die Un- 
mittelbarkeit und Einzelnheit, in die der Geist 



158 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

versenkt ist, weggearbeitet werde und zunächst diese 
seine Äußerlichkeit die Vernünftigkeit, der sie fähig 
ist, erhalte, nämlich die Form der Allgemeinheit, 
die Verständigkeit. Auf diese Weise nur ist der 
Geist in dieser Äußerlichkeit als solcher einheimisch 
und bei sich. Seine Freiheit hat so in derselben ein 
Dasein, und er wird in diesem, seiner Bestimmung zur 
Freiheit an sich fremden Elemente für sich, hat es 
nur mit solchem zu tun, dem sein Siegel aufgedrückt 
und [das] von ihm produziert ist. — Eben damit kommt 
denn die Form der Allgemeinheit für sich im Ge- 
danken zur Existenz, — die Form, welche allein das 
würdige Element für die Existenz der Idee ist. — Die 
Bildung ist daher in ihrer absoluten Bestimmung die 
Befreiung und die Arbeit der höheren Befreiung, näm- 
lich der absolute Durchgangspunkt zu der, nicht mehr 
unmittelbaren, natürlichen, sondern geistigen, ebenso zur 
Gestalt der Allgemeinheit erhobenen unendlich subjek- 
tiven Substantialität der Sittlichkeit. — Diese Befrei- 
ung ist im Subjekt die harte Arbeit gegen die bloße 
Subjektivität des Benehmens, gegen die Unmittelbarkeit 
der Begierde, sowie gegen die subjektive Eitelkeit der 
Empfindung und die Willkür des Beliebens. Daß sie 
diese harte Arbeit ist, macht einen Teil der Ungunst 
aus, der auf sie fällt. Durch diese Arbeit der Bildung 
ist es aber, daß der subjektive Wille selbst in sich 
die Objektivität gewinnt, in der er seinerseits allein 
würdig und fähig ist, die Wirklichkeit der Idee zu 
sein. — Ebenso macht zugleich diese Form der All- 
gemeinheit, zu der sich die Besonderheit verarbeitet 
und heraufgebildet hat, die Verständigkeit, daß die Be- 
sonderheit zum wahrhaften Fürsichsein der Einzeln- 
heit wird, und indem sie der Allgemeinheit den er- 
füllenden Inhalt und ihre unendliche Selbstbestimmung 
gibt, selbst in der Sittlichkeit als unendlich fürsich- 
seiende, freie Subjektivität ist. Dies ist der Standpunkt, 
der die Bildung als immanentes Moment des Abso- 
luten, und ihren unendlichen Wert erweist. 

§ 188. 
Die bürgerliche Gesellschaft enthält die drei Momente: 
A. Die Vermittel ung des Bedürfnisses und die Be- 
friedigung des Einzelnen durch seine Arbeit und 



Bürgerl. Gesellsch, A. System d. Bedürfnisso. § 189. 15 9 

durch die Arbeit und Befriedigung der Bedürfnisse 
aller Übrigen, — das System der Bedürfnisse. 

B. Die Wirklichkeit des darin enthaltenen Allgemeinen 
der Freiheit, der Schutz des Eigentums durch die 
Rechtspflege. 

C. Die Vorsorge gegen die in jenen Systemen zurück- 
bleibende Zufälligkeit und die Besorgung des be- 
sonderen Interesses als eines Gemeinsamen, durch 
die Polizei und Korporation. 



A. Das System der Bedürfnisse. 

§ 189. 

Die Besonderheit zunächst als das gegen das All- 
gemeine des Willens überhaupt Bestimmte (§ 60) ist sub- 
jektives Bedürfnis, welches seine Objektivität, d. i. Be- 
friedigung durch das Mittel, n) äußerer Dinge, die nun 
ebenso das Eigentum und Produkt anderer Bedürfnisse 
und Willen sind, und ß) durch die Tätigkeit und Arbeit, 
als das die beiden Seiten Vermittelnde erlangt. Indem 
sein Zweck die Befriedigung der subjektiven Besonder- 
heit ist, aber in der Beziehung auf die Bedürfnisse und 
die freie Willkür anderer die Allgemeinheit sich geltend 
macht, so ist dies Scheinen der Vernünftigkeit in diese 
Sphäre der Endlichkeit der Verstand, die Seite, auf die 
es in der Betrachtung ankommt, und welche das Ver- 
söhnende innerhalb dieser Sphäre selbst ausmacht. 

Die Staatsökonomie ist die Wissenschaft, die 
von diesen Gesichtspunkten ihren Ausgang hat, dann 
aber das Verhältnis und die Bewegung der Massen in 
ihrer qualitativen und quantitativen Bestimmtheit und 
Verwickelung darzulegen hat. — Es ist dies eine der 
Wissenschaften, die in neuerer Zeit als ihrem Boden 
entstanden ist. Ihre Entwickelung zeigt das Inter- 
essante, wie der Gedanke (s. Smith, Say, Ricardo) 1) aus 

*) Adam Smith, 1723—90; inquiry into the nature and 
cause of the wealth of nations, Lond. 1776. — Jean Baptiste 
Say, 1767—1832; traite d'economie politique, Paris 1803. — 
David Ricardo, 1772 — 1828; on the principles of political 
economy and taxation, Lond. 1817. 



160 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

der unendlichen Menge von Einzelnheiten, die zunächst 
vor ihm liegen, die einfachen Prinzipien der Sache, den 
in ihr wirksamen und sie regierenden Verstand heraus- 
findet. — Wie es einerseits das Versöhnende ist, in 
der Sphäre der Bedürfnisse dies in der Sache liegende 
und sich betätigende Scheinen der Vernünftigkeit zu 
erkennen, so ist umgekehrt dies das Feld, wo der Ver- 
stand der subjektiven Zwecke und moralischen Meinun- 
gen seine Unzufriedenheit und moralische Verdrießlich- 
keit ausläßt. — 

a) Die Art des Bedürfnisses und der Befriedigung. 

§ 190. 

Das Tier hat einen beschränkten Kreis von Mitteln 
und Weisen der Befriedigung seiner gleichfalls beschränkten 
Bedürfnisse, Der Mensch beweist auch in dieser Ab- 
hängigkeit zugleich sein Hinausgehen über dieselbe und 
seine Allgemeinheit, zunächst durch die Vervielfäl- 
tigung der Bedürfnisse und Mittel, und dann durch Zer- 
legung und Unterscheidung des konkreten Bedürf- 
nisses in einzelne Teile und Seiten, welche verschiedene 
partikularisierte, damit abstraktere Bedürfnisse 
werden. 

Im Rechte ist der Gegenstand die Person, im 
moralischen Standpunkte das Subjekt, in der Familie 
das Familienglied, in der bürgerlichen Gesellschaft 
überhaupt der Bürger (als bourgeois) — hier auf dem 
Standpunkte der Bedürfnisse (vergl, § 123 Anm.) ist es 
das Konkretum der Vorstellung, das man Mensch 
nennt; es jst also erst hier und auch eigentlich nur 
hier vom Menschen in diesem Sinne die Rede. 

§191. 

Ebenso teilen und vervielfältigen sich die Mittel 
für die partikularisierten Bedürfnisse und überhaupt die 
Weisen ihrer Befriedigung, welche wieder relative Zwecke 
und abstrakte Bedürfnisse werden; — eine ins Unendliche 
fortgehende Vervielfältigung, welche in eben dem Maße 
eine Unterscheidung dieser Bestimmungen und Be- 
urteilung der Angemessenheit der Mittel zu ihren 
Zwecken, — die Verfeinerung, ist. 



Bürger!. Gesellsch. A. System der Bedürfnisse. §192—194. 161 

§192. 

Die Bedürfnisse und die Mittel werden als reelles 
Dasein ein Sein für andere, durch deren Bedürfnisse und 
Arbeit die Befriedigung gegenseitig bedingt ist. Die Ab- 
straktion, die eine Qualität der Bedürfnisse und der Mittel 
wird (s. vorherg. §), wird auch eine Bestimmung der gegen- 
seitigen Beziehung der Individuen aufeinander; diese All- 
gemeinheit als Anerkanntsein ist das Moment, welches 
sie in ihrer Vereinzelung und Abstraktion zu konkreten, 
als gesellschaftlichen, Bedürfnissen, Mitteln und Weisen 
der Befriedigung macht. 

§ 193. 

Dies Moment wird so eine besondere Zweckbestim- 
mung für die Mittel für sich und deren Besitz, sowie für 
die Art und Weise der Befriedigung der Bedürfnisse. Es 
enthält ferner unmittelbar die Forderung der Gleichheit 
mit den anderen hierin; das Bedürfnis dieser Gleichheit 
einerseits und das Sich-gleich-machen, die Nachahmung, 
wie andererseits das Bedürfnis der darin ebenso vor- 
handenen Besonderheit, sich durch eine Auszeichnung 
geltend zu machen, wird selbst eine wirkliche Quelle der 
Vervielfältigung der Bedürfnisse und ihrer Verbreitung. 

§ 194. 

Indem im gesellschaftlichen Bedürfnisse, als der Ver- 
knüpfung vom unmittelbaren oder natürlichen und vom 
geistigen Bedürfnisse der Vorstellung, das letztere sich 
als das Allgemeine zum Überwiegenden macht, so liegt 
in diesem gesellschaftlichen Momente die Seite der Be- 
freiung, daß die strenge Naturnotwendigkeit des Be- 
dürfnisses versteckt wird, und der Mensch sich zu seiner, 
und zwar einer allgemeinen Meinung und einer nur selbst- 
gemachten Notwendigkeit, statt nur zu äußerlicher, zu 
innerer Zufälligkeit, zur Willkür, verhält. 

Die Vorstellung, als ob der Mensch in einem so- 
genannten Naturzustande, worin er nur sogenannte ein- 
fache Naturbedürfnisse hätte und für ihre Befriedigung 
nur Mittel gebrauchte, wie eine zufällige Natur sie ihm 
unmittelbar gewährte, in Rücksicht auf die Bedürfnisse 
in Freiheit lebte, ist, noch ohne Rücksicht des Moments 
der Befreiung, die in der Arbeit liegt, wovon nachher, 

Hegel, Rechtsphilosophie. jl 



162 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

— eine unwahre Meinung, weil das Naturbedürinis als 
solches und dessen unmittelbare Befriedigung nur der 
Zustand der in die Natur versenkten Geistigkeit und 
damit der Roheit und Unfreiheit wäre, und die Freiheit 
allein in der Reflexion des Geistigen in sich, seiner 
Unterscheidung von dem Natürlichen und seinem Reflexe 
auf dieses, liegt. 

§ 195. 

Diese Befreiung ist formell, indem die Besonderheit 
der Zwecke der zugrunde liegende Inhalt bleibt. Die Rich- 
tung des gesellschaftlichen Zustandes auf die unbestimmte 
Vervielfältigung und Spezifizierung der Bedürfnisse, Mittel 
und Genüsse, welche, sowie der Unterschied zwischen 
natürlichem und gebildetem Bedürfnisse, keine Grenzen hat, 
— der Luxus — ist eine ebenso unendliche Vermehrung 
der Abhängigkeit und Not, welche es mit einer den un- 
endlichen Widerstand leistenden Materie, nämlich mit 
äui3eren Mitteln von der besonderen Art, Eigentum des 
freien Willens zu sein, dem somit absolut Harten, zu 
tun hat. 

b) Die Art der Arbeit. 

§ 196. 

Die Vermittelung, den partikularisierten Bedürf- 
nissen angemessene ebenso partikularisierte Mittel zu 
bereiten und zu erwerben, ist die Arbeit, welche das von 
der Natur unmittelbar gelieferte Material für diese viel- 
fachen Zwecke durch die mannigfaltigsten Prozesse spezi- 
fiziert. Diese Formierung gibt nun dem Mittel den Wert 
und seine Zweckmäßigkeit, so daß der Mensch in seiner 
Konsumtion sich vornehmlich zu menschlichen Produk- 
tionen verhält und solche Bemühungen es sind, die er 
verbraucht. 

§ 197. 

An der Mannigfaltigkeit der interessierenden Bestim- 
mungen und Gegenstände entwickelt sich die theoretische 
Bildung, nicht nur eine Mannigfaltigkeit von Vorstel- 
lungen und Kenntnissen, sondern auch eine Beweglichkeit 
und Schnelligkeit des Vorstellens und des Übergehens von 
einer Vorstellung zur anderen, das Fassen verwickelter 



Bürgerl. Gesellsch. A. System der Bedürfnisse. § 198—199. 163 

und allgemeiner Beziehungen u. s. 1 — die Bildung des Ver- 
standes überhaupt, damit auch der Sprache. — Die prak- 
tische Bildung durch die Arbeit besteht in dem sich 
erzeugenden Bedürfnis und der Gewohnheit der Be- 
schäftigung überhaupt, dann der Beschränkung seines 
Tuns, teils nach der Natur des Materials, teils aber vor- 
nehmlich nach der Willkür anderer, und einer durch diese 
Zucht sich erwerbenden Gewohnheit objektiver Tätig- 
keit und allgemeingültiger Geschicklichkeiten. 

§198. 

Das Allgemeine und Objektive in der Arbeit liegt aber 
in der Abstraktion, welche die Spezifizierung der Mittel 
und Bedürfnisse bewirkt, damit ebenso die Produktion spezi- 
fiziert und die Teilung der Arbeiten hervorbringt. Das 
Arbeiten des Einzelnen wird durch die Teilung einfacher 
und hierdurch die Geschicklichkeit in seiner abstrakten 
Arbeit, sowie die Menge seiner Produktionen größer. Zu- 
gleich vervollständigt diese Abstraktion der Geschicklich- 
keit und des Mittels die Abhängigkeit und die Wechsel- 
beziehung der Menschen für die Befriedigung der üb- 
rigen Bedürfnisse zur gänzlichen Notwendigkeit. Die Ab- 
straktion des Produzierens macht das Arbeiten ferner 
immermehr mechanisch und damit am Ende fähig, daß 
der Mensch davon wegtreten und an seine Stelle die 
Maschine eintreten lassen kann. 

c) Das Vermögen. 

§199. 

In dieser Abhängigkeit und Gegenseitigkeit der Arbeit 
und der Befriedigung der Bedürfnisse schlägt die sub- 
jektive Selbstsucht in den Beitrag zur Befriedi- 
gung der Bedürfnisse aller anderen um, — in die 
Vermittelung des Besonderen durch das Allgemeine als 
dialektische Bewegung, so daß, indem jeder für sich er- 
wirbt, produziert und genießt, er eben damit für den 
Genuß der Übrigen produziert und erwirbt. Diese Not- 
wendigkeit, die in der allseitigen Verschlingung der Ab- 
hängigkeit aller liegt, ist nunmehr für jeden das all- 
gemeine, bleibende Vermögen (s. § 170), das für 
ihn die Möglichkeit enthält, durch seine Bildung und Ge- 
schicklichkeit daran teilzunehmen, um für seine Subsistenz 

11* 



164 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

gesichert zu sein, — so wie dieser durch seine Arbeit 
vermittelte Erwerb das allgemeine Vermögen erhält und 
vermehrt. 

§ 200. 

Die Möglichkeit der Teilnahme an dem all- 
gemeinen Vermögen, das besondere Vermögen, ist aber 
bedingt, teils durch eine unmittelbare eigene Grundlage 
(Kapital), teils durch die Geschicklichkeit, welche ihrer- 
seits wieder selbst durch jenes, dann aber durch die zu- 
fälligen Umstände bedingt ist, deren Mannigfaltigkeit die 
Verschiedenheit in der Entwickelung der schon für 
sich ungleichen natürlichen körperlichen und geistigen 
Anlagen hervorbringt, — eine Verschiedenheit, die in dieser 
Sphäre der Besonderheit nach allen Richtungen und von 
allen Stufen sich hervortut und mit der übrigen Zufällig- 
keit und Willkür die Ungleichheit des Vermögens und 
der Geschicklichkeiten der Individuen zur notwendigen 
Folge hat. 

Dem in der Idee enthaltenen objektiven Rechte 
der Besonderheit des Geistes, welches die von der 
Natur — dem Elemente der Ungleichheit — gesetzte 
Ungleichheit der Menschen in der bürgerlichen Ge- 
sellschaft nicht nur nicht aufhebt, sondern aus 
dem Geiste produziert, sie zu einer Ungleichheit 
der Geschicklichkeit, des Vermögens und selbst 
der intellektuellen und moralischen Bildung erhobt, 
— die Forderung der Gleichheit entgegensetzen, 
gehört dem leeren Verstände an, der dies sein Ab- 
straktum und sein Sollen für das Reelle und Vernünf- 
tige nimmt. Diese Sphäre der Besonderheit, die sich 
das Allgemeine einbildet, behält in dieser nur relativen 
Identität mit demselben ebensosehr die natürliche als 
willkürliche Besonderheit, damit den Rest des Natur- 
zustandes, in sich. Ferner ist es die im Systeme mensch- 
licher Bedürfnisse und ihrer Bewegung immanente Ver- 
nunft, welche dasselbe zu einem organischen Ganzen 
von Unterschieden gliedert; s. folg. §. 

§201. 

Die unendlich mannigfachen Mittel und deren ebenso 
unendlich sich verschränkende Bewegung in der gegen- 
seitigen Hervorbringung und Austauschung sammelt durch 



ßürgerl. Gesellsch. A. System der Bedürfnisse. § 202—203. 165 

die ihrem Inhalte inwohnende Allgemeinheit und unter- 
scheidet sich in allgemeinen Massen, so daß der 
ganze Zusammenhang sich zu besonderen Systemen 
der Bedürfnisse, ihrer Mittel und Arbeiten, der Arten 
und Weisen der Befriedigung und der theoretischen und 
praktischen Bildung, — Systemen, denen die Individuen 
zugeteilt sind, — zu einem Unterschiede der Stände, aus- 
bildet. 

§ 202. 

Die Stände bestimmen sich nach dem Begriffe als 
der substantielle oder unmittelbare, der reflektierende 
oder formelle, und dann als der allgemeine Stand. 

§ 203. 

a) Der substantielle Stand hat sein Vermögen 
an den Naturprodukten eines Bodens, den er bearbeitet, 
— eines Bodens, der ausschließendes Privateigentum zu 
sein fähig ist und nicht nur unbestimmte Abnutzung, sondern 
eine objektive Formierung erfordert. Gegen die Anknüp- 
fung der Arbeit und des Erwerbs an einzelne feste Natur- 
epochen und die Abhängigkeit des Ertrags von der ver- 
änderlichen Beschaffenheit des Naturprozesses macht sich 
der Zweck des Bedürfnisses zu einer Vorsorge auf die 
Zukunft, behält aber durch ihre Bedingungen die Weise 
einer weniger durch die Reflexion und eigenen Willen 
vermittelten Subsistenz, und darin überhaupt die substan- 
tielle Gesinnung einer unmittelbaren auf dem Familien- 
verhältnisse und dem Zutrauen beruhenden Sittlichkeit. 

Mit Recht ist der eigentliche Anfang und die erste 
Stiftung der Staaten in die Einführung des Acker- 
baues, nebst der Einführung der Ehe gesetzt worden, 
indem jenes Prinzip das Formieren des Bodens und da- 
mit ausschließendes Privateigentum mit sich führt (vergl. 
§ 170 Anm.), und das im Schweifenden seine Subsistenz 
suchende, schweifende Leben des Wilden zur Ruhe des 
Privatrechts und zur Sicherheit der Befriedigung des Be- 
dürfnisses zurückführt, womit sich die Beschränkung 
der , Geschlechterliebe zur Ehe, und damit die Erweite- 
rung dieses Bandes zu einem fortdauernden in sich 
allgemeinen Bunde, des Bedürfnisses zur Familien- 
sorge und des Besitzes zum Familiengute verknüpft. 
Sicherung, Befestigung, Dauer der Befriedigung der Bedürf- 



166 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

nisse u. s.f. — Charaktere, wodurch sich diese Institutionen 
zunächst empfehlen, sind nichts anderes als Formen 
der Allgemeinheit und Gestaltungen, wie die Vernünftig- 
keit, der absolute Endzweck, sich in diesen Gegenständen 
geltend macht. — Was kann für diese Materie inter- 
essanter sein, als meines sehr verehrten Freundes, Herrn 
Creuzers, ebenso geistreiche als gelehrte Auf- 
schlüsse, die derselbe insbesondere im vierten Band 
seiner Mythologie und Symbolik über die agrono- 
mischen Feste, Bilder und Heiligtümer der Alten uns 
gegeben hat, welche sich der Einführung des Acker- 
baues und der damit zusammenhängenden Institutionen 
als göttlicher Taten bewußt worden sind und ihnen so 
religiöse Verehrung widmeten 0. 

Daß der substantielle Charakter dieses Standes von 
Seiten der Gesetze des Privatrechts, insbesondere der 
Rechtspflege, sowie von selten des Unterrichts und 
der Bildung, auch der Religion, Modifikationen, nicht in 
Ansehung des substantiellen Inhalts, aber in An- 
sehung der Form und Reflexions-Entwickelung 
nach sich zieht, ist eine weitere Folge, die ebenso in 
Ansehung der anderen Stände statt hat. 

§204. 

b) Der Stand des Gewerbes hat die Formierung 
des Naturprodukts zu seinem Geschäfte und ist für die 
Mittel seiner Subsistenz an seine Arbeit, an die Ref le.xion 
und den Verstand, sowie wesentlich an die Vermittelung 
mit den Bedürfnissen und den Arbeiten anderer angewiesen. 
Was er vor sich bringt und genießt, hat er vornehmlich 
sich selbst, seiner eigenen Tätigkeit zu danken. — 
Sein Geschäft unterscheidet sich wieder, als Arbeit für 
einzelne Bedürfnisse in konkreterer Weise und auf Ver- 
langen Einzelner, in den Handwerksstand, — als ab- 
straktere Gesamtmasse der Arbeit für einzelne Bedürf- 
nisse aber eines allgemeineren Bedarfs, in den Fabri- 
kantenstand, — und als Geschäft des Tausches der ver- 
einzelten Mittel gegeneinander vornehmlich durch das all- 
gemeine Tauschmittel, das Geld, in welchem der abstrakte 
Wert aller Waren wirklich ist, in den Handelsstand. 



1) Creuzer, Georg JFriedrich. 1771 — 1858, seit 1804 Professor 
in Heidelberg: „Symbolik u. Mythologie der alten Völker, be- 
sonders der (iriechen". 



Bürgerl. Gesellsch, A. System der Bedürfnisse. §205—206. 1G7 

§ 205. 

c) Der allgemeine Stand hat die allgemeinen 
Interessen des gesellschaftlichen Zustandes zu seinem 
Geschäfte; der direkten Arbeit für die Bedürfnisse 
muß er daher entweder durch Privatvermögen oder 
dadurch enthoben sein, daß er vom Staat, der seine Tätig- 
keit in Anspruch nimmt, schadlos gehalten wird, so daß 
das Privatinteresse in seiner Arbeit für das Allgemeine 
seine Befriedigung findet. 

§ 206. 

Der Stand, als die sich objektiv gewordene Besonder- 
heit, teilt sich so einerseits nach dem Begriffe in seine 
allgemeinen Unterschiede. Andererseits aber, welchem be- 
sonderem Stande das Individuum angehöre, darauf haben 
Naturell, Geburt und Umstände ihren Einfluß, aber die 
letzte und wesentliche Bestimmung liegt in der subjek- 
tiven Meinung und der besonderen Willkür, die sich 
in dieser Sphäre ihr Recht, Verdienst und ihre Ehre gibt, so 
daß, was in ihr durch innere Notwendigkeit geschieht, 
zugleich durch die Willkür vermittelt ist und für das 
subjektive Bewußtsein die Gesta-lt hat, das Werk seines 
Willens zu sein. 

Auch in dieser Rücksicht tut sich in bezug auf das 
Prinzip der Besonderheit und der subjektiven Willkür 
der Unterschied in dem politischen Leben des Morgen- 
landes und Abendlandes, und der antiken und der mo- 
dernen Welt hervor. Die Einteilung des Ganzen in 
Stände erzeugt sich bei jenen zwar objektivvonselbst, 
weil sie an sich vernünftig ist; aber das Prinzip der 
subjektiven Besonderheit erhält dabei nicht zugleich sein 
Recht, indem z. B. die Zuteilung der Individuen zu den 
Ständen den Regenten, wie in dem platonischen Staate 
(de Rep. III., p. 320 ed. Bip. T. VI.), oder der bloßen 
Geburt, wie in den indischen Kasten, überlassen ist. 
So in die Organisation des Ganzen nicht aufgenommen 
und in ihm nicht versöhnt, zeigt sich deswegen die sub- 
jektive Besonderheit, weil sie als wesentliches Moment 
gleichfalls hervortritt, als Feindseliges, als Verderben 
der gesellschaftlichen Ordnung (s. § 185 Anm.), ent- 
weder als sie über den Haufen werfend, wie in den 
griechischen Staaten und in der römischen Republik, 



168 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Z.veiter Absclinitt. 

oder wenn diese als Gewalt habend oder etwa als re- 
ligiöse Autorität sich erhält, als innere Verdorbenheit 
und vollkommene Degradation, wie gewissermaßen 
bei den Lakedämoniern und jetzt am vollständigsten 
bei den Indern der Fall ist. — Von der objektiven Ord- 
nung aber in Angemessenheit mit ihr und zugleich in 
ihrem Recht erhalten, wird die subjektive Besonderheit 
zum Prinzip aller Belebung der bürgerlichen Gesellschaft, 
der Entwickelung der denkenden Tätigkeit, des Ver- 
dienstes und der Ehre. Die Anerkennung und das Recht, 
daß, was in der bürgerlichen Gesellschaft und im Staate 
durch die Vernunft notwendig ist, zugleich durch die 
Willkür vermittelt geschehe, ist die nähere Bestim- 
mung dessen, was vornehmlich in der allgemeinen Vor- 
stellung Freiheit heißt (§ 121). 

§ 207. 

Das Individuum gibt sich nur Wirklichkeit, indem es 
in das Dasein überhaupt, somit in die bestimmte Be- 
sonderheit tritt, hiermit ausschließend sich auf eine 
der besonderen Sphären des Bedürfnisses beschränkt. 
Die sittliche Gesinnung in diesem Systeme ist daher die 
Rechtschaffenheit, und die Standesehre, sich und 
zwar aus eigener Bestimmung durch seine Tätigkeit, Fleiß 
und Geschicklichkeit zum Gliede eines der Momente der 
bürgerlichen Gesellschaft zu machen und als solches zu 
erhalten, und nur durch diese Vermittelung mit dem All- 
gemeinen für sich zu sorgen, sowie dadurch in seiner Vor- 
stellung und der Vorstellung anderer anerkannt zi sein. 
— Die Moralität hat ihre eigentümliche Stelle in dieser 
Sphäre, wo die Reflexion [des Individuums] auf sein Tun, der 
Zv/eck der besonderen Bedürfnisse und des Wohls herr- 
schend ist und die Zufälligkeit in Befriedigung derselben 
auch eine zufällige und einzelne Hilfe zur Pflicht macht. 

Daß das Individuum sich zunächst (d. i, besonders 
in der Juge.;d) gegen die Vorstellung sträubt, sich zu 
einem besonderen Stande zu entschließen, und dies als 
eine Beschränkung seiner allgemeinen Bestimmung und 
als eine bloß äußerliche Notwendigkeit ansieht, liegt 
in dem abstrakten Denken, das an dem Allgemeinen und 
damit Unwirklichen stehen bleibt und nicht erkennt, daß 
um dazusein, der Begriff überhaupt in den Unter- 
schied des Begriffs und seiner Realität, und damit in 



Bürgerl. Gesellschaft, ß. Rechtspflege. § 208—211. 169 

die Bestimmtheit und Besonderheit tritt (s. § 7), und 
daß es nur damit Wirklichkeit und sittliche Objektivität 
gewinnen kann. 

§ 208. 
Das Prinzip dieses Systems der Bedürfnisse hat als 
die eigene Besonderheit des Wissens und des WoUens die 
an und für sich seiende Allgemeinheit, die Allgemein- 
heit der Freiheit nur abstrakt, somit als Recht des 
Eigentums in sich, welches aber hier nicht mehr nur 
an sich, sondern in seiner geltenden Wirklichkeit, als 
Schutz des Eigentums durch die Rechtspflege ist. 

B. Die Rechtspflege. 

§209. 
Das Relative der Wechselbeziehung der Bedürfnisse 
und der Arbeit für sie hat zunächst seine Reflexion in 
sich, überhaupt in der unendlichen Persönlichkeit, dem 
(abstrakten) Rechte. Es ist aber diese Sphäre des Re- 
lativen, als Bildung, selbst, welche dem Rechte das Da- 
sein gibt, als allgemein Anerkanntes, Gewußtes 
und Gewolltes zu sein, und vermittelt durch dies Gewußt- 
und Gewolltsein Gelten und objektive Wirklichkeit zu haben. 
Es gehört der Bildung, dem Denken als Bewußtsein 
des Einzelnen in Form der Allgemeinheit, daß Ich als 
allgemeine Person aufgefaßt werde, worin Alle iden- 
tisch sind. Der Mensch gilt so, weil er Mensch ist, 
nicht weil er Jude, Katholik, Protestant, Deutscher, Ita- 
liener u. s. f. ist. Dies Bev/ußtsein, dem der Gedanke 
gilt, ist von unendlicher Wichtigkeit, — nur dann mangel- 
haft, wenn es etwa als Kosmopolitismus sich dazu 
fixiert, dem konkreten Staatsleben gegenüberzustehen. 

§ 210. 
Die objektive Wirklichkeit des Rechts ist, teils für 
das Bewußtsein zu sein, überhaupt gewußt zu werden, 
teils die Macht der Wirklichkeit zu haben und zu gelten 
und damit auch als allgemein Gültiges gewußt zu 
werden, 

a) Das Recht als Gesetz. 
§ 211. 
Was an sich Recht ist, ist in seinem objektiven Dasein 
gesetzt, d, i. durch den Gedanken für das Bewußtsein be- 



170 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

stimmt und als das, was Recht ist und gilt, bekannt, das 
Gesetz; und das Recht ist durch diese Bestimmung po- 
sitives Recht überhaupt. 

Etwas als Allgemeines setzen, — d.i. es als All- 
gemeines zum Bewußtsein bringen — ist bekanntlich 
Denken (vergl. oben § 13 Anm. und § 21 Anm.); indem 
es so den Inhalt auf seine einfachste Form zurückbringt, 
gibt es ihm seine letzte Bestimmtheit. Was Recht 
ist, erhält erst damit, daß es zum Gesetze wird, nicht nur 
die Form seiner Allgemeinheit, sondern seine wahr- 
hafte Bestimmtheit. Es ist darum bei der Vorstellung 
des Gesetzgebens nicht bloß da-s eine Moment vor sich 
zu haben, daß dadurch etwas als die für alle gültige 
Regel des Benehmens ausgesprochen werde; sondern das 
innere wesentliche Moment ist vor diesem anderen die 
Erkenntnis des Inhalts in seiner bestimmten All- 
gemeinheit. Gewohnheitsrechte selbst, da nur die 
Tiere ihr Gesetz als Instinkt haben, nur die Menschen 
aber es sind, die es als Gewohnheit haben, enthalten das 
Moment, als Gedanken zu sein und gewußt zu werden. 
Ihr Unterschied von Gesetzen besteht nur darin, daß sie 
auf eine subjektive und zufällige Weise geweißt werden, 
daher für sich unbestimmter [sind] und die Allgemeinheit 
des Gedankens getrübter, außerderu die Kenntnis des Rechts 
nach dieser und jener Seite und überhaupt ein zufälliges 
Eigentum Weniger ist. Daß sie durch ihre Form, als 
Gewohnheiten zu sein, den Vorzug haben sollen, ins 
Leben übergegangen zu sein ( — man spricht heutiges- 
tags übrigens gerade da am meisten vom Leben und 
vom Übergehen ins Leben, wo man in dem totesten 
Stoffe und in den totesten Gedanken versiert — ) ist eine 
Täuschung, da die geltenden Gesetze einer Nation da- 
durch, daß sie geschrieben und gesammelt sind, nicht 
aufhören, ihre Gewohnheiten zu sein. Wenn die Ge- 
wohnheitsrechte dazu kommen, gesammelt und zusammen- 
gestellt zu werden, was bei einem nur zu einiger Bildung 
gediehenen Volke bald geschehen muß, so ist dann diese 
Sammlung das Gesetzbuch, das sich freilich, weil es 
bloße Sammlung ist, durch seine Unförmlichkeit, 
Unbestimmtheit und Lückenhaftigkeit auszeichnen wird. 
Es wird sich vornehmlich von einem eigentlich soge- 
nannten Gesetzbuche dadurch unterscheiden, daß dieses 
die Rechtsprinzipien in ihrer Allgemeinheit und damit 
in ihrer Bestimmtheit denkend auffaßt und ausspricht. 



Bürgerl. Gesellschaft. B. Rechtspflege. §212. 171 

Englands Landrecht oder gemeines Recht ist be- 
kanntlich in Statuten (förmlichen Gesetzen) und in 
einem sogenannten ungeschriebenen Gesetze ent- 
halten; dieses ungeschriebene Gesetz ißt übrigens ebenso- 
gut geschrieben, und dessen Kenntnis kann und muß 
durch Lesen allein (der vielen Quartanten, die es aus- 
füllt) erworben werden. Welche ungeheure Verwirrung 
aber auch in der dortigen Rechtspflege sowohl als in 
der Sache liegt, schildern die Kenner derselben. Ins- 
besondere bemerken sie den Umstand, daß, da dies un- 
geschriebene Gesetz in den Dezisionen der Gerichtshöfe 
und Richter enthalten ist, die Richter damit fortdauernd 
die Gesetzgeber machen, daß sie auf die Autorität 
ihrer Vorgänger, als die nichts getan als das unge- 
schriebene Gesetz ausgesprochen haben, ebenso ange- 
wiesen sind als nicht angewiesen sind, da sie selbst 
das ungeschriebene Gesetz in sich haben und daraus das 
Recht haben, über die vorhergegangenen Entscheidungen 
zu urteilen, ob sie demselben angemessen sind oder 
nicht. — Gegen eine ähnliche Verwirrung, die in der 
späteren römischen Rechtspflege aus den Autoritäten 
aller der verschiedenen berühmten Juriskonsuiten ent- 
stehen konnte, wurde von einem Kaiser das sinnreiche 
Auskunftsmittel getroffen, das den Namen Citiergesetz 
führt und eine Art von kollegialischer Einrichtung unter 
den längst verstorbenen Rechtsgelehrten, mit Mehr- 
heit der Stimmen und einem Präsidenten, einführte (s. 
Herrn Hugos röm.. Rechtsgeschichte § 854). ■ — Einer 
gebildeten Nation oder dem juristischen Stande in der- 
selben die Fähigkeit abzusprechen, ein Gesetzbuch zu 
machen, — da es nicht darum zu tun sein kann, ein 
System ihrem Inhalte nach neuer Gesetze zu machen, 
sondern den vorhandenen gesetzlichen Inhalt in seiner 
bestimmten Allgemeinheit zu erkennen, d. i. ihn denkeiid 
zu fassen, — mit Hinzuiügung der Anwendung aufs Be- 
sondere, — wäre einer der größten Schimpfe*), der 
einer Nation oder jenem Stande angetan werden könnte. 

§ 212. 

In dieser Identität des Ansichseins und des Gesetzt- 
seins hat nur das als Recht Verbindlichkeit, was Gesetz 

*) Gegen Savignys Schrift „Vom Berufe unserer Zeit zur 
Gesetzgebung-'. 



172 Dritter Teil. Die Sittlichkeit, Zweiter Abschnitt. 

ist. Indem das Gesetztsein die Seite des Daseins aus- 
macht, in der auch das Zufällige des Eigenwillens und 
anderer Besonderheit eintreten kann, so kann das, was 
Gesetz ist, in seinem Inhalte noch von dem verschieden 
sein, was an sich Recht ist. 

Im positiven Rechte ist daher das, was gesetz- 
mäßig ist, die Quelle der Erkenntnis dessen, was Recht 
ist, oder eigentlich, was Rechtens ist; — die positive 
Rechtswissenschaft ist insofern eine historische Wissen- 
schaft, welche die Autorität zu ihrem Prinzip hat. Was 
noch übrigens geschehen kann, ist Sache des Verstandes 
und betrifft die äußere Ordnung, Zusammenstellung. 
Konsequenz, weitere Anwendung u. dergl. Wenn der 
Verstand sich auf die Natur der Sache selbst einläßt, 
so zeigen die Theorien, z. B. des Kriminalrechts, was 
er mit seinem Räsonnement aus Gründen anrichtet. — 
Indem die positive Wissenschaft einerseits nicht nur 
das Recht, sondern auch die notwendige Pflicht hat, so- 
wohl die historischen Fortgänge als die Anwendungen 
und ZerSpaltungen der gegebenen Rechtsbestimmungen 
in alle Einzelnheiten aus ihren positiven Datis zu dedu- 
zieren und ihre Konsequenz zu zeigen, so darf sie auf 
der anderen Seite sich wenigstens nicht absolut ver- 
wundern, wenn sie es auch als eine Querfrage für ihre 
Beschäftigung ansieht, wenn nun gefragt wird, ob denn 
nach allen diesen Beweisen eine Rechtsbestimmung ver- 
nünftig ist. — Vergl. über das Verstehen § 3 Anm. 

§213. 

Das Recht, indem es in das Dasein zunächst in der 
Form des Gesetztseins tritt, tritt auch dem Inhalte nach 
als Anwendung in die Beziehung auf den Stoff der in 
der bürgerlichen Gesellschaft ins Unendliche sich ver- 
einzelnden und verwickelnden Verhältnisse und Arten des 
Eigentums und der Verträge, — ferner der auf Gemüt, 
Liebe und Zutrauen beruhenden sittlichen Verhältnisse, 
jedoch dieser nur insofern sie die Seite des abstrakten 
Rechts enthalten (§ 159); die moralische Seite und mo- 
ralischen Gebote, als welche den Willen nach seiner 
eigensten Subjektivität und Besonderheit betreffen, können 
nicht Gegenstand der positiven Gesetzgebung sein. Weiteren 
Stoff liefern die aus der Rechtspflege selbst, aus dem 
Staat u. s. f. fließenden Rechte und Pflichten, 



Bürgerl. Gesellschaft. B.Rechtspflege. §214. 173 

§214. 

Außer der Anwendung auf das Besondere schließt 
aber das Gesetztsein des Rechts die Anwendbarkeit auf 
den einzelnen Fall in sich. Damit tritt es in die Sphäre 
des durch den Begriff Unbestimmten, Quantitativen (des 
Quantitativen für sich oder als Bestimmung des Werts 
bei Tausch eines Qualitativen gegen ein anderes Qualita- 
tives). Die Begriffsbestimmtheit gibt nur eine allgemeine 
Grenze, innerhalb deren noch ein Hin- und Hergehen statt- 
findet. Dieses muß aber zum Behuf der Verwirklichung 
abgebrochen werden, womit eine innerhalb jener Grenze 
zufällige und willkürliche Entscheidung eintritt. 

In dieser Zuspitzung des Allgemeinen, nicht nur 
zum Besonderen, sondern zur Vereinzelung, d. i. zur un- 
mittelbaren Anwendung, ist es vornehmlich, wo das 
rein Positive der Gesetze liegt. Es läßt sich nicht 
vernünftig bestimmen, noch durch die Anwendung einer 
aus dem Begriffe herkommenden Bestimmtheit ent- 
scheiden, ob für ein Vergehen eine Leibesstrafe von 
vierzig Streichen oder von vierzig weniger eins, noch 
ob eine Geldstrafe von fünf Talern oder aber von vier 
Talern und dreiundzwanzig u. s. f. Groschen, noch ob eine 
Gefängnisstrafe von einem Jahre oder von dreihundert- 
undvierundsechzig u. s. f. oder von einem Jahre und einem, 
zwei oder drei Tagen, das Gerechte sei. Und doch ist 
schon ein Streich zuviel, ein Taler oder ein Groschen, 
eine Woche, ein Tag Gefängnis zuviel oder zuwenig 
eine Ungerechtigkeit. — • Die Vernunft ist es selbst, 
welche anerkennt, daß die Zufälligkeit, der Widerspruch 
und Schein ihre, aber beschränkte, Sphäre und Recht 
hat, und sich nicht bemüht, dergleichen Widersprüche 
ins Gleiche und Gerechte zu bringen; hier ist allein noch 
das Interesse der Verwirklichung, das Interesse, daß 
überhaupt bestimmt und entschieden sei, es sei, auf 
welche Weise es (innerhalb einer Grenze) wolle, vor- 
handen. Dieses Entscheiden gehört der formellen Ge- 
wißheit seiner selbst, der abstrakten Subjektivität an, 
welche sich ganz nur daran halten mag, — daß sie, 
innerhalb jener Grenze, nur abbreche und festsetze, 
damit festgesetzt sei, — oder auch an solche Bestim- 
mungsgründe, wie eine runde Zahl ist, oder als die Zahl 
Vierzig weniger Eins enthalten mag. — Daß das Gesetz 
etwa nicht diese letzte Bestimmtheit, welche die Wirk- 



174 Dritter Teil. Dii; Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

lichkeit erfordert, festsetzt, sondern sie dem Richter 
zu entscheiden überläßt und ihn nur durch ein Minimum 
und Maximum beschränkt, tut nichts zur Sache, denn 
dies Minimum und Maximum ist jedes selbst eine solche 
runde Zahl und hebt es nicht auf, daß von dem Richter 
alsdann eine solche endliche, rein positive Bestimmung 
gefaßt werde, sondern gesteht es demselben, wie not- 
wendig, zu. 

b) Das Dasein des Gesetzes. 

§215. 

Die Verbindlichkeit gegen das Gesetz schließt von 
den Seiten des Rechts des Selbstbewußtseins (§ 132 mit 
der Anm.) die Notwendigkeit ein, daß die Gesetze all- 
gemein bekannt gemacht seien. 

Die Gesetze so hoch aufhängen, wie Dionysius 
der Tyrann tat, daß sie kein Bürger lesen konnte, — 
oder aber sie in den weitläufigen Apparat von gelehrten 
Büchern, Sammlungen von Dezisionen abweichender Ur- 
teile und Meinungen, Gewohnheiten u. s. f. und noch 
dazu in einer fremden Sprache vergraben, so daß die 
Kenntnis des geltenden Rechts nur denen zugänglich ist, 
die sich gelehrt darauf legen, — ist ein und dasselbe 
Unrecht. — Die Regenten, welche ihren Völkern, wenn 
auch nur eine unförmliche Sammlung, wie Justinian, 
noch mehr aber ein Land recht, als geordnetes und 
bestimmtes Gesetzbuch, gegeben haben, sind nicht nur 
die größten Wohltäter derselben geworden und mit Dank 
dafür von ihnen gepriesen worden, sondern sie haben 
damit einen großen Akt der Gerechtigkeit exerziert. 

§216. 

Für das öffentliche Gesetzbuch sind einerseits ein- 
fache allgemeine Bestimmungen zu fordern, andererseits 
führt die Natur des endlichen Stoffs auf endlose Fort- 
bestimmung. Der Umfang der Gesetze soll einerseits ein 
fertiges geschlossenes Ganzes sein, andererseits ist er 
das fortgehende Bedürfnis neuer gesetzlicher Bestim- 
mungen. Da diese Antinomie aber in die Spezialisie- 
rung der allgemeinen Grundsätze fällt, welche fest bestehen 
bleiben, so bleibt dadurch das Recht an ein fertiges Ge- 
setzbuch ungeschmälert, sowie daran, daß diese allgemeinen 



Bürgerl. Gesellschaft. B. Rechtspflege. §217. 175 

einfachen Grundsätze für sich, unterschieden von ihrer 
Spezialisierung, faßlich und aufstellbar sind. 

Eine Hauptquelle der Verwickelung der Gesetz- 
gebung ist zwar, wenn in die ursprünglichen, ein Unrecht 
enthaltenden, somit bloß historischen Institutionen, mit 
der Zeit das Vernünftige, an und für sich Rechtliche ein- 
dringt, wie bei den römischen oben (§ 180 Anm.) bemerkt 
worden, dem alten Lehnsrechte u. s. f. Aber es ist wesent- 
lich, einzusehen, daß die Natur des endlichen Stoffes 
selbst es mit sich bringt, daß an ihm die Anwendung 
auch der an und für sich vernünftigen, der in sich all- 
gemeinen Bestimmungen auf den Progreß ins Unend- 
liche führt. — An ein Gesetzbuch die Vollendung zu 
fordern, daß es ein absolut fertiges, keiner weiteren 
Fortbestimmung fähiges sein solle, — eine Forderung, 
welche vornehmlich eine deutsche Krankheit ist, — 
und aus dem Grunde, weil es nicht so vollendet werden 
könne, es nicht zu etwas sogenanntem Unvollkommenen, 
d. h. nicht zur Wirklichkeit kommen zu lassen, beruht 
beides auf der Mißkennung der Natur endlicher Gegen- 
stände, wie das Privatrecht ist, als in denen die soge- 
nannte Vollkommenheit das Perennieren der Annähe- 
rung ist, und auf der Mißkennung des Unterschiedes 
des Vernunft-Allgemeinen und des Verstandes-Allge- 
meinen und dessen Anwenden auf den ins Unendliche 
gehenden Stoff der Endlichkeit und Einzelnheit. — Le 
plus grand ennemi du bien c'est le mieux^), — ist der 
Ausdruck des wahrhaften gesunden Menschenverstandes 
gegen den eitlen räsonnierenden und reflektierenden. 

§217. 

Wie in der bürgerlichen Gesellschaft das Recht an 
sich zum Gesetze wird, so geht auch das vorhin unmittel- 
bare und abstrakte Dasein meines einzelnen Rechts in 
die Bedeutung des Anerkanntseins als eines Daseins in 
dem existierenden allgemeinen Willen und Wissen über. 
Die Erwerbungen und Handlungen über Eigentum müssen 
daher mit der Form, welche ihnen jenes Dasein gibt, 
vorgenommen und ausgestattet werden. Das Eigentum 
beruht nun auf Vertrag und auf den dasselbe des Be- 
weises fähig und rechtskräftig machenden Förmlich- 
keiten. 



1) In der 1. Aufl. ; le Meilleur. 



176 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

Die ursprünglichen d. 1. unmittelbaren Erwerbungs- 
arten und Titel (§ 54 ff.) fallen in der bürgerlichen Ge- 
sellschaft eigentlich hinweg und kommen nur als einzelne 
Zufälligkeiten oder beschränkte Momente vor. — Es 
ist teils das im Subjektiven stehen bleibende Gefühl, 
teils die Reflexion, die am Abstraktum ihrer Wesentlich- 
keiten hält, welche die Förmlichkeiten verwirft, die 
seinerseits wieder der tote Verstand gegen die Sache 
festhalten und ins Unendliche vermehren kann. — 
Übrigens liegt es im Gange der Bildung, von der sinn- 
lichen und unmittelbaren Form eines Inhaltes mit langer 
und harter Arbeit zur Form seines Gedankens und da- 
mit einem ihm gemäßen einfachen Ausdruck zu ge- 
langen, daß im Zustande einer nur erst beginnenden 
Rechtsbildung die Solennitäten und Formalitäten von 
großer Umständlichkeit [sind] und mehr als Sache selbst 
denn als das Zeichen gelten; woher denn auch im rö- 
mischen Rechte eine Menge von Bestimmungen und be- 
sonders von Ausdrücken aus den Solennitäten beibehalten 
worden sind, statt durch Gedankenbestimmungen und 
deren adäquaten Ausdruck ersetzt worden zu sein. 

§218. 

Indem Eigentum und Persönlichkeit in der bürger- 
lichen Gesellschaft gesetzliche Anerkennung und Gültig- 
keit haben, so ist das Verbrechen nicht mehr nur Ver- 
letzung eines subjektiv-Unendlichen, sondern der all- 
gemeinen Sache, die eine in sich feste und starke Exi- 
stenz hat. Es tritt damit der Gesichtspunkt der Gefähr- 
lichkeit der Handlung für die Gesellschaft ein, wodurch 
einerseits die Größe des Verbrechens verstärkt wird, 
andererseits aber setzt die ihrer selbst sicher gewordene 
Macht der Gesellschaft die äußerliche Wichtigkeit der 
Verletzung herunter und führt daher eine größere Milde in 
der Ahndung desselben herbei. 

Daß in einem Mitgliede der Gesellschaft die anderen 
alle verletzt sind, verändert die Natur des Verbrechens 
nicht nach seinem Begriffe, sondern nach der Seite der 
äußeren Existenz, der Verletzung, die nun die Vor- 
stellung und das Bewußtsein der bürgerlichen Gesell- 
schaft, nicht nur das Dasein des unmittelbar Verletzten 
trifft. In den Heroenzeiten (siehe die Tragödien der 
Alten) sehen sich die Bürger durch die Verbrechen, 
welche die Glieder der Königshäuser gegeneinander be- 



Bürgerl. Gesellschaft. B. Rechtspflege. § 219. 177 

gehen, nicht als verletzt an, — Indem das Verbrechen, 
an sich eine unendliche Verletzung, als ein Dasein 
nach qualitativen und quantitativen Unterschieden be- 
messen werden muß (§ 96), welches nun wesentlich als 
Vorstellung und Bewußtsein von dem Gelten der 
Gesetze bestimmt ist, so ist die Gefährlichkeit für 
die bürgerliche Gesellschaft eine Bestimmung seiner 
Größe, oder auch eine seiner qualitativen Bestimmungen. 
— Diese Qualität nun oder Größe ist aber nach dem 
Zustande der bürgerlichen Gesellschaft veränderlich, 
und in ihm liegt die Berechtigung, sowohl einen Dieb- 
stahl von etlichen Sous oder einer Rübe mit dem Tode, 
als einen Diebstahl, der das Hundert- und Mehrfache 
von dergleichen Werten beträgt, mit einer gelinden 
Strafe zu belegen. Der Gesichtspunkt der Gefährlich- 
keit für die bürgerliche Gesellschaft, indem er die Ver- 
brechen zu aggravieren scheint, ist es vielmehr vor- 
nehmlich, der ihre Ahndung vermindert hat. Ein Straf- 
kodex gehört darum vornehmlich seiner Zeit und dem 
Zustand der bürgerlichen Gesellschaft in ihr an. 

c) Das Gericht. 

§219. 

Das Recht, in der Form des Gesetzes in das Dasein 
getreten, ist für sich, steht dem besonderen Wollen 
und Meinen vom Rechte selbständig gegenüber imd hat 
sich als Allgemeines geltend zu machen. Diese Er- 
kenntnis und Verwirklichung des Rechts im besonderen 
Falle, ohne die subjektive Empfindung des besonderen 
Interesses, kommt einer öffentlichen Macht, dem Ge- 
richte, zu. 

Die historische Entstehung des Richters und der 
Gerichte mag die Form des patriarchalischen Verhält- 
nisses oder der Gewalt oder der freiwilligen Wahl 
gehabt haben; für den Begriff der Sache ist dies gleich- 
gültig. Die Einführung des Rechtsprechens von selten 
der Fürsten und Regierungen als bloße Sache einer be- 
liebigen Gefälligkeit und Gnade anzusehen, wie Herr 
von Ha 11 er (in seiner Restauration der Staatswissen- 
schaft) tut, gehört zu der Gedankenlosigkeit, die davon 
nichts ahnt, daß beim Gesetz und Staate davon die 
Rede sei, daß ihre Institutionen überhaupt als vernünf- 
tig an und für sich notwendig sind, und die Form, wie 

Hegel, Rechtsphilosophie. 12 



178 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt; 

sie entstanden und eingeführt worden, das nicht ist, um 
das es sich bei Betrachtung ihres vernünftigen Grundes 
handelt. — Das andere Extrem zu dieser Ansicht ist 
die Roheit, die Rechtspflege, wie in den Zeiten des 
Faustrechts, für ungehörige Gewalttätigkeit, Unter- 
drückung der Freiheit und Despotismus zu achten. Die 
Rechtspflege ist so sehr als Pflicht wie als Recht der 
öffentlichen Macht anzusehen, das ebensowenig auf 
einem Belieben der Individuen, eine Macht damit zu 
beauftragen oder nicht, beruht. 

§ 220. 

Das Recht gegen das Verbrechen in der Form der 
Rache (§ 102) ist nur Recht an sich, nicht in der Form 
Rechtens, d. i. nicht in seiner Existenz gerecht. Statt 
der verletzten Partei tritt das verletzte Allgemeine auf, 
das im Gerichte eigentümliche Wirklichkeit hat, und über- 
nimmt die Verfolgung und Ahndung des Verbrechens, 
welche damit die nur subjektive und zufällige Wieder- 
vergeltung durch Rache zu sein aufhört und sich in die 
wahrhafte Versöhnung des Rechts mit sich selbst, in Strafe 
verwandelt, — in objektiver Rücksicht, als Versöhnung 
des durch Aufheben des Verbrechens sich selbst wieder- 
herstellenden und damit als gültig verwirklichenden 
Gesetzes, und in subjektiver Rücksicht des Verbrechers, 
als seines von ihm gewußten und für ihn und zu seinem 
Schutze gültigen Gesetzes, in dessen Vollstreckung 
an ihm er somit selbst die Befriedigung der Gerechtig- 
keit, nur die Tat des Seinigen, findet. 

§221. 

Das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft hat das 
Recht, im Gericht zu stehen, sowie die Pflicht, sich 
vor Gericht zu stellen und sein streitiges Recht nur 
von dem Gericht zu nehmen. 

§ 222. 

Vor den Gerichten erhält das Recht die Bestimmung, 
ein erweisbares sein zu müssen. Der Rechtsgang 
setzt die Parteien in den Stand, ihre Beweismittel und 
Rechtsgründe geltend zu machen, und den Richter, sich in 
die Kenntnis der Sache zu setzen. Diese Schritte sind 



Bürgerl. Gesellschaft. B, Rechtspflege. § 223—224. 179 

selbst Rechte; ihr Gang muß somit gesetzlich bestimmt 
sein, und sie machen auch einen wesentlichen Teil der 
theoretischen Rechtswissenschaft aus. 

§ 223. 

Durch die Zersplitterung dieser Handlungen in immer 
mehr vereinzelte Handlungen und deren Rechte, die in sich 
keine Grenze enthält, tritt der Rechtsgang, an sich schon 
Mittel, als etwas Äußerliches seinem Zwecke gegenüber. 

— Indem den Parteien das Recht, solchen weitläufigen 
Formalismus durchzumachen, der ihr Recht ist, zusteht, 
so ist, indem er ebenso zu einem Übel und selbst Werk- 
zeuge des Unrechts gemacht werden kann, es ihnen von 
Gerichts wegen, — um die Parteien und das Recht selbst 
als die substantielle Sache, worauf es ankommt, gegen 
den Rechtsgang und dessen Mißbrauch in Schutz zu nehmen, 

— zur Pflicht zu machen, einem einfachen Gerichte 
(Schieds-, Friedensgericht) und dem Versuche des Ver- 
gleichs sich zu unterwerfen, ehe sie zu jenem schreiten. 

Die Billigkeit enthält einen dem formellen Rechte 
aus moralischen oder anderen Rücksichten geschehenden 
Abbruch, und bezieht sich zunächst auf den Inhalt des 
Rechtsstreites. Ein Billigkeitsgerichtshof aber wird 
die Bedeutung haben, daß er über den einzelnen Fall, 
ohne sich an die Formalitäten des Rechtsganges und 
insbesondere an die objektiven Beweismittel, wie sie 
gesetzlich gefaßt werden können, zu halten, sowie nach 
dem eigenen Interesse des einzelnen Falles als dieses, 
nicht im Interesse einer allgemeinen zu machenden ge- 
setzlichen Disposition, entscheidet. 

§224. 

Wie die öffentliche Bekanntmachung der Gesetze unter 
die Rechte des subjektiven Bewußtseins fällt (§ 215), so 
auch die Möglichkeit, die Verwirklichung des Gesetzes 
im besonderen Falle, nämlich den Verlauf von äußerlichen 
Handlungen, von Rechtsgründen u. s. f. zu kennen, indem 
dieser Verlauf an sich eine allgemein gültige Geschichte 
ist, und der Fall seinem besonderen Inhalte nach zwar 
nur das Interesse der Parteien, der allgemeine Inhalt aber 
das Recht darin, und dessen Entscheidung das Interesse 
aller betrifft, — Öffentlichkeit der Rechtspflege. 

12* 



180 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

Deliberationen der Mitglieder des Gerichts über das 
zu fällende Urteil unter sich sind Äußerungen der noch 
besonderen Meinungen und Ansichten, also ihrer Natur 
nach nichts öffentliches. 

§225. 

In dem Geschäfte des Rechtsprechens als der An- 
wendung des Gesetzes auf den einzelnen Fall unter- 
scheiden sich die zwei Seiten, erstens die Erkenntnis 
der Beschaffenheit des Falles nach seiner unmittelbaren 
Einzelnheit, ob ein Vertrag u. s. f. vorhanden, eine ver- 
letzende Handlung begangen, und wer deren Täter sei, und 
im peinlichen Hechte die Reflexion als Bestimmung der 
Handlung nach ihrem substantiellen, verbrecherischen 
Charakter (§ 119 Anm.), — zweitens die Subsumtion des 
Falles unter das Gesetz der Wiederherstellung des Rechts, 
worunter im Peinlichen die Strafe begriffen ist. Die Ent- 
scheidungen über diese beiden verschiedenen Seiten sind 
verschiedene Funktionen. 

In der römischen Gerichtsverfassung kam die Unter- 
scheidung dieser Funktionen darin vor, daß der Prätor 
seine Entscheidung gab, im Fall sich die Sache so 
oder so verhalte, und daß er zui- Untersuchung dieses 
Verhaltens einen besonderen Judex bestellte. — Die 
Charakterisierung einer Handlung nach ihrer bestimmten 
verbrecherischen Qualität (ob z. B. ein Mord oder Tötung) 
ist im englischen Rechtsverfahren der Einsicht oder 
Willkür des Anklägers überlassen, und das Gericht kann 
keine andere Bestimmung fassen, wenn es jene unrichtig 
findet. 

§ 226. 

Vornehmlich die Leitung des ganzen Ganges der Unter- 
suchung, dann der Rechtshandlungen der Parteien, als 
welche selbst Rechte sind (§ 222), dann auch die zweite 
Seite des Rechtsurteils (s. vorherg. §) ist ein eigentüm- 
liches Geschäft des juristischen Richters, für welchen als 
Organ des Gesetzes der Fall zur Möglichkeit der Sub- 
sumtion vorbereitet, d. i. aus seiner erscheinenden empi- 
rischen Beschaffenheit heraus, zur anerkannten Tatsache 
und zur allgemeinen Qualifikation erhoben worden sein 
muß. 



Bürgerl. G-esellschaft. B. Rechtspflege. § 227. ' 181 

§ 227. 

Die erstere Seite, die Erkenntnis des Falles in seiner 
unmittelbaren Einzelnheit und seine Qualifizierung ent- 
hält für sich kein Rechtsprechen. Sie ist eine Erkenntnis, 
wie sie jedem gebildeten Menschen zusteht. Inso- 
fern für die Qualifikation der Handlung das subjektive Mo- 
ment der Einsicht und Absicht des Handelnden (s. IL T.) 
wesentlich ist, und der Beweis ohnehin nicht Vernunft- 
oder abstrakte Verstandesgegenstände, sondern nur Einzeln- 
heiten, Umstände und Gegenstände sinnlicher Anschauung 
und subjektiver Gewißheit betrifft, daher keine absolut 
objektive Bestimmung in sich enthält, so ist das Letzte 
in der Entscheidung die subjektive Überzeugung und 
das Gewissen (animi sententia), wie in Ansehung des Be- 
weises, der auf Aussagen und Versicherungen anderer 
beruht, der Eid die zwar subjektive, aber letzte Bewäh- 
rung ist. 

Bei dem in Rede stehenden Gegenstand ist es eine 
Hauptsache, die Natur des Beweisens, auf welches 
es hier ankommt, ins Auge zu fassen und es von dem 
Erkennen und Beweisen anderer Art zu unterscheiden. 
Eine Vernunftbestimmung, wie der Begriff des Rechts 
selbst ist, zu beweisen, d. i. ihre Notwendigkeit zu er- 
kennen, erfordert eine andere Methode als der Beweis 
eines geometrischen Lehrsatzes. Ferner bei letzterem 
ist die Figur vom Verstände bestimmt und einem Ge- 
setze gemäß bereits abstrakt gemacht; aber bei einem 
empirischen Inhalt, wie eine Tatsache ist, ist der Stoff 
des Erkennens die gegebene sinnliche Anschauung und 
die sinnliche subjektive Gewißheit und das Aussprechen 
und Versichern von solcher, — woran nun das Schließen 
und Kombinieren aus solchen Aussagen, Zeugnissen, Um- 
ständen u. dergl. tätig ist. Die objektive Wahrheit, 
welche aus solchem Stoffe und der ihm gemäßen Me- 
thode hervorgeht, — die bei dem Versuche sie für sich 
objektiv zu bestimmen, auf halbe Beweise und in 
weiterer wahrhafter Konsequenz, die zugleich eine for- 
m.elle Inkonsequenz in sich enthält, auf außerordent- 
liche Strafen führt, — hat einen ganz anderen Sinn als 
die Wahrheit einer Vernunftbestimmung oder eines Satzes, 
dessen Stoff sich der Verstand bereits abstrakt be- 
stimmt hat. Daß nun solche empirische Wahrheit einer 
Begebenheit zu erkennen, in der eigentlich juristischen 



182 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

Bestimmung eines Gerichts, daß in dieser eine eigen- 
tümliche Qualität hierfür und damit ein ausschließendes 
Recht an sich und Notwendigkeit liege, dies aufzuzeigen 
machte einen Hauptgesichtspunkt bei der Frage aus, 
inwiefern den förmlichen juristischen Gerichtshöfen das 
Urteil über das Faktum wie über die Rechtsfrage zu- 
zuschreiben sei. 

§ 228. 

Das Recht des Selbstbewußtseins der Partei ist im 
Richterspruch nach der Seite, daß er die Subsumtion 
des qualifizierten Falles unter das Gesetz ist, in An- 
sehung des Gesetzes dadurch bewahrt, daß das Gesetz 
bekannt und damit das Gesetz der Partei selbst, und in 
Ansehung der Subsumtion, daß der Rechtsgang öffent- 
lich ist. Aber in Ansehung der Entscheidung über den 
besonderen, subjektiven und äußerlichen Inhalt der 
Sache, dessen Erkenntnis in die ersten der § 225 ange- 
gebenen Seiten fällt, findet jenes Recht in dem Zutrauen 
zu der Subjektivität der Entscheidenden seine Befriedigung. 
Dies Zutrauen gründet sich vornehmlich auf die Gleich- 
heit der Partei mit denselben nach ihrer Besonderheit, 
dem Stande, u. dergl. 

Das Recht des Selbstbewußtseins, das Moment der 
subjektiven Freiheit, kann als der substantielle Ge- 
sichtspunkt in der Frage über Notwendigkeit der öffent- 
lichen Rechtspflege und der sogenannten Geschwornen- 
gerichte angesehen werden. Auf ihn reduziert sich das 
Wesentliche, was in der Form der Nützlichkeit für 
diese Institutionen vorgebracht werden kann. Nach 
anderen Rücksichten und Gründen von diesen oder jenen 
Vorteilen oder Nachteilen, kann herüber und hinüber 
gestritten werden; sie sind wie alle Gründe des Räsonne- 
ments sekundär und nicht entscheidend, oder aber aus 
anderen vielleicht höheren Sphären genommen. Daß 
die Rechtspflege an sich von rein juristischen Gerichten 
gut, vielleicht besser als mit anderen Institutionen, aus- 
geübt werden könne, um diese Möglichkeit handelt 
es sich insofern nicht, als, wenn sich auch diese Mög- 
lichkeit zur Wahrscheinlichkeit, ja selbst zur Notwendig- 
keit steigern ließe, es von der anderen Seite immer 
das Recht des Selbstbewußtseins ist, welches dabei 
seine Ansprüche behält und sie nicht befriedigt findet. 



Bürgerl. Gesellsch. C. Polizei u. Korporation. § 229—230. 183 

— Wenn die Kenntnis des Rechts durch die Beschaffen- 
heit dessen, was die Gesetze in ihrem Umfange ausmacht, 
ferner des Ganges der gerichtlichen Verhandlungen, und 
die Möglichkeit das Recht zu verfolgen, Eigentum 
eines auch durch Terminologie, die für die, um deren 
Recht es geht, eine fremde Sprache ist, sich ausschließend 
machenden Standes ist, so sind die Mitglieder der bürger- 
lichen Gesellschaft, die für die Subsistenz auf ihre 
Tätigkeit, ihr eigenes Wissen und Wollen an- 
gewiesen sind, gegen das nicht nur Persönlichste und 
Eigenste, sondern auch das Substantielle und Vernünftige 
darin, das Recht, fremde gehalten und unter Vor- 
mundschaft, selbst in eine Art von Leibeigenschaft 
gegen solchen Stand, gesetzt. Wenn sie wohl das Recht 
haben, im Gerichte leiblich, mit den Füßen, zugegen 
zu sein (in judicio stare), so ist dies wenig, wenn 
sie nicht geistig, mit ihrem eigenen Wissen gegen- 
wärtig sein sollen, und das Recht, das sie erlangen, 
bleibt ein äußerliches Schicksal für sie, 

§ 229. 

In der Rechtspflege führt sich die bürgerliche Gesell- 
schaft, in der sich die Idee in der Besonderheit verloren [hat] 
und in die Trennung des Inneren und Äußeren auseinander- 
gegangen ist, zu deren Begriffe, der Einheit des an sich 
seienden Allgemeinen mit der subjektiven Besonderheit 
zurück, jedoch diese im einzelnen Falle und jenes in der 
Bedeutung des abstrakten Rechts. Die Verwirklichung 
dieser Einheit in der Ausdehnung auf den ganzen Umfang 
der Besonderheit, zunächst als relativer Vereinigung, macht 
die Bestimmung der Polizei, und in beschränkter, aber 
konkreter Totalität, die Korporation aus. 

C. Die Polizei uud Korporation. 

§ 230. 

Im System der Bedürfnisse ist die Subsistenz 
und das Wohl jedes Einzelnen als eine Möglichkeit, 
deren Wirklichkeit durch seine Willkür und natürliche 
Besonderheit ebenso als durch das objektive System der 
Bedürfnisse bedingt ist; durch die Rechtspflege wird die 
Verletzung des Eigentums und der Persönlichkeit getilgt. 
Das in der Besonderheit wirkliche Recht enthält aber 



184 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

sowohl, daß die Zufälligkeiten gegen den einen und 
den anderen Zweck aufgehoben seien, und die un- 
gestörte Sicherheit der Person und des Eigentums 
bewirkt, als daß die Sicherung der Subsistenz und des 
Wohls der Einzelnen, — daß das besondere Wohl als 
Recht behandelt und verwirklicht sei. 

a) Die Polizei. 

§231. 

Die sichernde Macht des Allgemeinen bleibt zinichst, 
insofern für den einen oder anderen Zweck der besondere 
Wille noch das Prinzip ist, teils au' den Kreis der Zufällig- 
keiten beschränkt, teils eine äußere Ordnung. 

§ 232. 
Außer den Verbrechen, welche die allgemeine Macht 
zu verhindern oder zur gerichtlichen Behandlung zu bringen 
hat, — der Zufälligkeit als Willkür des Bösen, — har 
die erlaubte Yvlllkür für sich rechtlicher Handlungen und 
des Privatgebrauchs des Eigentums auch äußerliche Be- 
ziehungen auf andere Einzelne, sowie auf sonstige öffent- 
liche Veranstaltungen eines gemeinsamen Zwecks. Durch 
diese allgemeine Seite werden Privathandlungen eine Zu- 
fälligkeit, die aus meiner Gev.-alt tritt und den anderen 
zum Schaden und Unrecht gereichen kann oder gereicht. 

§ 233. 
Dies ist zwar nur eine Möglichkeit des Schadens, 
aber daß die Sache nichts schadet, ist als eine Zufälligkeit 
gleichfalls nicht mehr; dies ist die Seite des Unrechts, 
die in solchen Handlungen liegt, somit der letzte Grund 
der polizeilichen Strafgerechtigkeit. 

§ 234. 

Die Beziehungen des äußerlichen Daseins fallen in 
die Verstandesunendlichkei';; es ist daher keine Grenze an 
sich vorhanden, was schädlich oder nicht schädlich, auch 
in Rücksicht auf Verbrechen, was verdächtig oder unver- 
dächtig sei, was zu verbieten oder zu beaufsichtigen, oder 
mit Verboten, Beaufsichtigung und Verdacht, Nachfrage 
und Rechenschaf tgebung verschont zu lassen sei. Es sind 
die Sitten, der Geist der übrigen Verfassung, der jedes- 
malige Zustand, die Gefahr des Augenblicks u. s. f., welche 
die näheren Bestimmungen geben. 



Bürgerl. Gesellsch. C. Polizei u. Korporation. § 236 — 236. 185 

§ 235. 

In der unbestimmten Vervielfältigung und Verschrän- 
kung der täglichen Bedürfnisse ergeben sich in Rücksicht 
auf die Herbeischaffung und den Umtausch der 
Mittel ihrer Befriedigung, auf deren ungehinderte Mög- 
lichkeit sich jeder verläßt, sowie in Rücksicht der darüber 
so sehr als möglich abzukürzenden Untersuchungen und 
Verhandlungen Seiten, die ein gemeinsames Interesse sind 
und zugleich für alle das Geschäft von einem, — und 
Mittel und Veranstaltungen, welche für gemeinschaftlichen 
Gebrauch sein können. Diese allgemeinen Geschäfte 
und gemeinnützigen Veranstaltungen fordern die Auf- 
sicht und Vorsorge der öffentlichen Macht. 

§ 236. 

Die verschiedenen Interessen der Produzenten und 
Konsumenten können in Kollision miteinander kommen, und 
wenn sich zwar das richtige Verhältnis im ganzen von 
selbst herstellt, so bedarf die Ausgleichung auch einer 
über beiden stehenden mit Bewußtsein vorgenommenen 
Regulierung. Das Recht zu einer solchen für das Einzelne 
(z. B. Taxation der Artikel der gemeinsten Lebensbedürfnisse) 
liegt darin, daß durch das öffentliche Ausstellen Waren, 
die von ganz allgemeinem, alltäglichem Gebrauche sind, 
nicht sowohl einem Individuum als solchem, sondern ihm 
als Allgemeinem, dem Publikum, angeboten werden, dessen 
Recht, nicht betrogen zu werden, und die Untersuchung 
der Waren, als ein gemeinsames Geschäft von einer öffent- 
lichen Macht vertreten und besorgt werden kann. — Vor- 
nehmlich aber macht die Abhängigkeit großer Industrie- 
zv/eige von auswärtigen Umständen und entfernten Kom- 
binationen, welche die an jene Sphären angewiesenen und 
gebundenen Individuen in ihrem Zusammenhang nicht über- 
sehen können, eine allgemeine Vorsorge und Leitung not- 
wendig. 

Gegen die Freiheit des Gewerbes und Handels in 
der bürgerlichen Gesellschaft ist das andere Extrem 
die Versorgung, sowie die Bestimmung der Arbeit aller 
durch öffentliche Veranstaltung, — wie etwa auch die 
alte Arbeit der Pyramiden und der anderen ungeheuren 
ägyptischen und asiatischen Werke, welche für öffent- 
liche Zwecke, ohne die Vermittelung der Arbeit des 
Einzelnen durch seine besondere Willkür und sein be- 



186 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt, 

sonderes Interesse, hervorgebracht wurden. Dieses Inter- 
esse ruft jene Freiheit gegen die höhere Regulierung 
an, bedarf aber, je mehr es blind in den selbstsüchtigen 
Zweck vertieft [ist], um so mehr einer solchen, um zum 
Allgemeinen zurückgeführt zu werden und um die ge- 
fährlichen Zuckungen und die Dauer des Zwischenraumes, 
in welchem sich die Kollisionen auf dem Wege bewußt- 
loser Notwendigkeit ausgleichen sollen, abzukürzen und 
zu mildern. 

§ 237. 

Wenn nun die Möglichkeit der Teilnahme an dem 
allgemeinen Vermögen für die Individuen vorhanden und 
durch die öffentliche Macht gesichert ist, so bleibt sie, 
ohnehin daß diese Sicherung unvollständig bleiben muß, 
noch von der subjektiven Seite den Zufälligkeiten unter- 
worfen, und um so mehr, je mehr sie Bedingungen der 
Geschicklichkeit, Gesundheit, Kapital u. s. w. voraussetzt. 

§ 238. 

Zunächst ist die Familie das substantielle Ganze, dem 
die Vorsorge für diese besondere Seite des Individuums 
sowohl in Rücksicht der Mittel und Geschicklichkeiten, um 
aus dem allgemeinen Vermögen sich [etwas] erwerben zu 
können, als auch [in Rücksicht] seiner Subsistenz und Ver- 
sorgung im Falle eintretender Unfähigkeit, angehört. Die 
bürgerliche Gesellschaft reißt aber das IndiWduum aus 
diesem Bande heraus, entfremdet dessen Glieder einander j 
und anerkennt sie als selbständige Personen; sie substituiert ) 
ferner statt der äußeren unorganischen Natur und des ' 
väterlichen Bodens, in welchem der Einzelne seine Sub- i 
sistenz hatte, den ihrigen und unterwirft das Bestehen \ 
der ganzen Familie selbst, der Abhängigkeit von ihr, der j 
Zufälligkeit. So ist das Individuum Sohn der bürger- j 
liehen Gesellschaft geworden, die ebensosehr An- I 
Sprüche an ihn, als er Rechte auf sie hat. 1 

§ 239. 

Sie hat in diesem Charakter der allgemeinen 
Familie die Pflicht und das Recht gegen die Willkür 
und Zufälligkeit der Eltern, auf die Erziehung, insofern 
sie sich auf die Fähigkeit, Mitglied der Gesellschaft zu 



Bürgerl. Gesellsch. C. Polizei u. Korporation. § 240 — 242, 187 

werden, bezieht, vornehmlich wenn sie nicht von den 
Eltern selbst, sondern von anderen zu vollenden ist, Auf- 
sicht und Einwirkung zu haben, — ingleichen insofern 
gemeinsame Veranstaltungen dafür gemacht werden können, 
diese zu treffen. 

§240. 

Gleicherweise hat sie die Pilicht und das Recht über 
die, welche durch Verschwendung die Sicherheit ihrer und 
ihrer Familie Subsistenz vernichten, [sie] in V^ormundschaft 
zu nehmen und an ihrer Stelle den Zweck der Gesellschaft 
und den ihrigen auszuführen. 

§ 241. 
Aber ebenso als die Willkür können zufällige, phy- 
sische und in den äußeren Verhältnissen (§ 200) liegende 
Umstände Individuen zur Armut herunterbringen, einem Zu- 
stande, der ihnen die Bedürfnisse der bürgerlichen Gesell- 
schaft läßt, und der — indem sie ihnen zugleich die natür- 
lichen Erwerbsmittel (§ 217) entzogen [hat] und das weitere 
Band der Familie als eines Stammes aufhebt, (§ 181) — 
dagegen sie aller Vorteile der Gesellschaft, Erwerbsfähig- 
keit von Geschicklichkeiten und Bildung überhaupt, auch 
der Rechtspflege, Gesundheitssorge, sdbst oft des Trostes 
der Religion u. s. f. mehr oder weniger verlustig macht. 
Die allgemeine Macht übernimmt die Stelle der Familie 
bei den Armen, ebensosehr in Rücksicht ihres unmittel- 
baren Mangels als der Gesinnung der Arbeitsscheu, Bös- 
artigkeit und der weiteren Laster, die aus solcher Lage 
und dem Gefühl ihres Unrechts entspringen. 

§ 242. 
Das Subjektive der Armut und überhaupt der Not 
aller Art, der schon in seinem Naturkreise jedes Individuum 
ausgesetzt ist, erfordert auch eine subjektive Hilfe ebenso 
in Rücksicht der besonderen Umstände als des Ge- 
müts und der Liebe. Hier ist der Ort, wo bei aller 
allgemeinen Veranstaltung die Moralität genug zu tian 
findet. Weil aber diese Hilfe für sich und in ihren Wir- 
kungen von der Zufälligkeit abhängt, so geht das Streben 
der Gesellschaft dahin, in der Notdurft und ihrer Abhilfe 
das Allgemeine herauszufinden und zu veranstalten, und 
jene Hilfe enbehrlicher zu machen. 



188 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

Das Zufällige des Almosens, der Stiftungen, wie 
des Lampenbrennens bei Heiligenbildern u. s. f. wird er- 
gänzt durch öffentliche Armenanstalten, Krankenhäuser, 
Straßenbeleuchtung u. s. w. Der Mildtätigkeit bleibt noch 
genug für sich zu tun übrig, und es ist eine falsche 
Ansicht, wenn sie der Besonderheit des Gemüts und 
der Zufälligkeit ihrer Gesinnung und Kenntnis diese 
Abhilfe der Not allein vorbehalten wissen will, und sich 
durch die verpflichtenden allgemeinen Anordnungen 
und Gebote verletzt und gekränkt fühlt. Der öffentliche 
Zustand ist im Gegenteil für um so vollkommener zu 
achten, je weniger dem Individuum für sich nach 
seiner besonderen Meinung, in Vergleich mit dem, 
was auf allgemeine Weise veranstaltet ist, zu tun übrig 
bleibt. 

§ 243. 

Wenn die bürgerliche Gesellschaft sich in ungehinderter 
Wirksamkeit befindet, so ist sie innerhalb ihrer selbst in 
fortschreitender Bevölkerung und Industrie be- 
griffen. — Durch die Verallgemeinerung des Zu- 
sammenhangs der Menschen durch ihre Bedürfnisse und 
der Weisen, die Mittel für diese vi bereiten und herbei- 
zubringen, vermehrt sich die Anhäufung der Reich- 
tümer, — denn aus dieser gedoppelten Allgemeinheit wird 
der gröi3te Gewinn gezogen, — auf der einen Seite, wie 
auf der anderen Seite die Vereinzelung und Beschränkt- 
heit der besonderen Arbeit und damit die Abhängigkeit 
und Not der an diese Arbeit gebundenen Klasse, womit 
die Unfähigkeit der Empfindung und des Genusses der 
weiteren Fähigkeiten und besonders der geistigen Vorteile 
der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt. 

§244. 

Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß 
einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als 
die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert. 
— und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der 
Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und 
Arbeit zu bestehen, — bringt die Erzeugung des Pöbels 
hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtig- 
keit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu 
konzentrieren, mit sich führt. 



Bürgerl. Gesellsch. C. Polizei u. Korporation. § 245 — 247. X89 

§245. 
Wird der reicheren Klasse die direkte Last aufgelegt, 
oder es wären in anderem öffentlichen Eigentum (reichen 
Hospitälern, Stiftungen, Klöstern) die direkten Mittel vor- 
handen, die der Armut zugehende Masse auf dem Stande 
ihrer ordentlichen Lebensweise zu erhalten, so würde die 
Subsistenz der Bedürftigen gesichert, ohne durch die Ar- 
beit vermittelt zu sein, was gegen das Prinzip der bürger- 
lichen Gesellschaft und des Gefühls ihrer Individuen von 
ihrer Selbständigkeit und Ehre wäre; — oder sie würde 
durch Arbeit (durch Gelegenheit dazu) vermittelt, so würde 
die Menge der Produktionen vermehrt, in deren Überfluß 
und dem Mangel der verhältnismäßigen selbst produktiven 
Konsumenten, gerade das Übel bestehet, das auf beide 
Weisen sich nur vergröi3ert. Es kommt hierin zum Vor- 
schein, daß bei dem Übermaße des Reichtums die 
bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, d. h. an 
dem ihr eigentümlichen Vermögen nicht genug besitzt, dem 
Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu 
steuern. 

Diese Erscheinungen lassen sich im großen an 
Englands Beispiel studieren, sowie näher die Erfolge, 
welche die Armentaxe, unermeßliche Stiftungen und eben- 
so unbegrenzte Privatwohltätigkeit, vor allem aus dabei 
das Aufheben der Korporationen gehabt haben. Als das 
direkteste Mittel hat sich daselbst (vornehmlich in Schott- 
land) gegen Armut sowohl als insbesondere gegen die 
Abwerfung der Scham und Ehre, der subjektiven Basen 
der Gesellschaft, und gegen die Faulheit und Verschwen- 
dung u. s. f., woraus der Pöbel hervorgeht, dies erprobt, 
die Armen ihrem Schicksal zu überlassen und sie auf 
den öffentlichen Bettel anzuweisen. 

§246. 
Durch diese ihre Dialektik wird die bürgerliche Gesell- 
schaft über sich hinausgetrieben, zunächst diese be- 
stimmte Gesellschaft, um außer ihr in anderen Völkern, 
die ihr an den Mitteln, woran sie Überfluß hat, oder über- 
haupt an Kunstfleiß u. s. f. nachstehen, Konsumenten und 
damit die nötigen Subsistenzmittel zu suchen. 

§ 247. 
Wie für das Prinzip des Familienlebens die Erde, 
fester Grund und Boden, Bedingung ist, so ist für die 



190 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

Industrie das nach außen sie belebende natürliche Element, 
das Meer. In der Sucht des Erwerbs, dadurch, daß sie 
ihn der Gefahr aussetzt, erhebt sie sich zugleich über 
ihn und versetzt das Festwerden an der Erdscholle und 
den begrenzten Kreisen des bürgerlichen Lebens, seine 
Genüsse und Begierden mit dem Elemente der Flüssig- 
keit, der Gefahr und des Unterganges. So bringt sie 
ferner durch dies größte Medium der Verbindung entfernie 
Länder in die Beziehung des Verkehrs, eines den Vertrag 
einführenden rechtlichen Verhältnisses, in welchem Ver- 
kehr sich zugleich das größte Bildungsmittel, und der 
Handel seine welthistorische Bedeutung findet. 

Daß die Flüsse keine natürlichen Grenzen 
sind, für welche sie in neueren Zeiten haben sollen 
geltend gemacht werden, sondern sie und ebenso die 
Meere vielmehr die Menschen verbinden, daß es ein 
unrichtiger Gedanke ist, wenn Horaz sagt (Carm. I, 3): 

deus abscidit 

Prudens Oceano dissociabili 
Terras, 

zeigen nicht nur die Bassins der Flüsse, die von einem 
Stamme oder Volke bewohnt werden, sondern auch z. B. 
die sonstigen Verhältnisse Griechenlands, loniens und 
Großgriechenlands, — Bretagnes und Britanniens, Däne- 
marks und Norwegens, Schwedens, Finnlands, Livlands 
U.S. f., — vornehmlich auch im Gegensatze des geringeren 
Zusammenhangs der Bewohner des Küstenlandes mit 
denen des inneren Landes. — Welches Bildungsmittel 
aber in dem Zusammenhange mit dem Meere liegt, dafür 
vergleiche man das Verhältnis der Nationen, in welchen 
der Kunstfleiß aufgeblüht ist, zum Meere, mit denen, die 
sich die Schiffahrt untersagt [haben], und wie die Ägypter, 
die Inder, in sich verdumpft und in den fürchterlichsten 
und schmählichsten Aberglauben versunken sind; — und 
wie alle großen, in sich strebenden Nationen sich zum 
Meere drängen. 

§248. 

Dieser erweiterte Zusammenhang bietet auch das 
Mittel der Kolonisation, zu welcher — einer sporadischen 
oder systematischen — die ausgebildete bürgerliche Ge- 
sellschaft getrieben wird, und wodurch sie teils einem 



Bürgerl. Gesellsch. C. Polizei u. Korporation. §249—251. 191 

Teil ihrer Bevölkerung in einem neuen Boden die Rückkehr 
zum Familienprinzip, teils sich selbst damit einen neuen 
Bedarf und Feld ihres Arbeitsfleißes verschafft. 

§ 249. 
Die polizeiliche Vorsorge verwirklicht und erhält zu- 
nächst das Allgemeine, welches in der Besonderheit der 
bürgerlichen Gesellschaft enthalten ist, als eine äußere 
Ordnung und Veranstaltung zum Schutz und Sicherheit 
der Massen von besonderen Zwecken und Interessen, als 
welche in diesem Allgemeinen ihr Bestehen haben, sowie 
sie als höhere Leitung Vorsorge für die Interessen (§ 246), 
die über diese Gesellschaft hinausführen, trägt. Indem 
nach der Idee die Besonderheit selbst dieses Allgemeine, 
das in ihren immanenten Interessen ist, zum Zweck und 
Gegenstand ihres Willens und ihrer Tätigkeit macht, so 
kehrt das Sittliche als ein Immanentes in die bürger- 
liche Gesellschaft zurück; dies macht die Bestimmung 
der Korporation aus, 

b) Die Korporation. 

§ 250. 
Der ackerbauende Stand hat an der Substantialität 
seines Familien- und Naturlebens in ihm selbst unmittelbar 
sein konkretes Allgemeines, in welchem er lebt, der all- 
gemeine Stand hat in seiner Bestimmung das Allgemeine 
für sich zum Zwecke seiner Tätigkeit und zu seinem Boden. 
Die Mitte zwischen beiden, der Stand des Gewerbes, ist 
auf das Besondere wesentlich gerichtet und ihm ist 
daher vornehmlich die Korporation eigentümlich. 

§251. 

Das Arbeitswesen der bürgerlichen Gesellschaft zer- 
fällt nach der Natur seiner Besonderheit in verschiedene 
Zweige. Indem solches an sich Gleiche der Besonderheit 
als Gemeinsames in der Genossenschaft zur Existenz 
kommt, faßt und betätigt der auf sein Besonderes ge- 
richtete, selbstsüchtige Zweck zugleich sich als all- 
gemeinen, und das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft 
ist, nach seiner besonderen Geschicklichkeit, Mit- 
glied der Korporation, deren allgemeiner Zweck damit 
ganz konkret ist und keinen weiteren Umfang hat, als 
der im Gewerbe, dem eigentümlichen Geschäfte und Inter- 
esse, liegt. 



192 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

§ 252. 

Die Korporation hat nach dieser Bestimmung unter 
der Aufsicht der öffentlichen Macht das Recht, ihre eigenen 
innerhalb ihrer eingeschlossenen Interessen zu besorgen, 
Mitglieder nach der objektiven Eigenschaft ihrer Geschick- 
lichkeit und Rechtschaffenheit, in einer durch den all- 
gemeinen Zusammenhang sich bestimmenden Anzahl an- 
zunehmen und für die ihr Angehörigen die Sorge gegen 
die besonderen Zufälligkeiten, sowie für die Bildung zur 
Fähigkeit, ihr zugeteilt zu werden, zu tragen — überhaupt 
für sie als zweite Familie einzutreten, welche Stellung 
für die allgemeine, von den Individuen und ihrer be- 
sonderen Notdurft entferntere bürgerliche Gesellschaft un- 
bestimmter bleibt. 

Der Gewerbsmann ist verschieden vom Tagelöhner 
wie von dem, der zu einem einzelnen zufälligen Dienst 
bereit ist. Jener, der Meister, oder der es werden 
will, ist Mitglied der Genossenschaft nicht für einzelnen 
zufälligen Erv.'erb, sondern für den ganzen Umfang, 
das Allgemeine seiner besonderen Subsistenz. — Pri- 
vilegien als Rechte eines in eine Korporation gefaßten 
Zweigs der bürgerlichen Gesellschaft, und eigentliche 
Privilegien nach ihrer Etymologie unterscheiden sich 
dadurch voneinander, daß die letzteren Ausnahmen vom 
allgemeinen Gesetze nach Zufälligkeit sind, jene aber 
nur gesetzlich gemachte Bestimmungen, die in der Natur 
' der Besonderheit eines wesentlichen Zweigs der Ge- 
sellschaft selbst liegen. 

§ 253. 

In der Korporation hat die Familie nicht nur ihren 
festen Boden als die durch Befähigung bedingte Siche- 
rung der Subsistenz, ein festes Vermögen (§ 170), son- 
dern beides ist auch anerkannt, so daß das Mitglied einer 
Korporation seine Tüchtigkeit und sein ordentliches Aus- 
und Fortkommen, daß es etwas ist, durch keine weitere 
äußere Bezeig ungen darzulegen nötig hat. So ist auch 
anerkannt, daß es einem Ganzen, das selbst ein Glied 
der allgemeinen Gesellschaft ist, angehört und für den 
uneigennützigeren Zweck dieses Ganzen Interesse und Be- 
mühungen hat: — es hat so in seinem Stande seine 
Ehre. 



Bürgerl, Gesellsch. C. Polizei u. Korporation. § 254—255, 19 3 

Die Institution der Korporation entspricht durch 
ihre Sicherung des Vermögens insofern der Einführung 
des Ackerbaues und des Privateigentums in einer anderen 
Sphäre (§ 203 Anm.), — Wenn über Luxus und Ver- 
schwendungssucht der gewerbtreibenden Klassen, womit 
die Erzeugung des Pöbels (§ 244) zusammenhängt, 
Klagen zu erheben sind, so ist bei den anderen Ursachen 

— (z. B. das immer mehr mechanisch Werdende der Ar- 
beit) — der sittliche Grund, wie er im obigen liegt, nicht 
zu übersehen. Ohne Mitglied einer berechtigten Kor- 
poration zu sein (und nur als berechtigt ist ein Gemein- 
sames eine Korporation), ist der Einzelne ohne Standes- 
ehre, durch seine Isolierung auf die selbstsüchtige 
Seite des Gewerbs reduziert, seine Subsistenz und Genuß 
nichts Stehendes. Er wird somit seine Anerkennung 
durch die äußerlichen Darlegungen seines Erfolgs in 
seinem Gewerbe zu erreichen suchen, Darlegungen, 
welche unbegrenzt sind, weil seinem Stande gemäß zu 
leben nicht stattfindet, da der Stand nicht existiert — 
denn nur das Gemeinsame existiert in der bürger- 
lichen Gesellschaft, was gesetzlich konstituiert und an- 
erkannt ist — sich also auch keine ihm angemessene 
allgemeinere Lebensweise macht. — In der Korporation 
verliert die Hilfe, welche die Armut empfängt, ihr Zu- 
fälliges, sowie ihr mit Unrecht Demütigendes, und der 
Reichtum in seiner Pflicht gegen seine Genossenschaft 
den Hochmut und den Neid, den er, und zwar jenen 
in seinem Besitzer, diesen in den anderen erregen kann, 

— die Rechtschaffenheit erhält ihre wahrhafte Aner- 
kennung und Ehre. 

§254. 

In der Korporation liegt nur insofern eine Beschrän- 
kung des sogenannten natürlichen Rechts, seine Ge- 
schicklichkeit auszuüben und damit zu erwerben, was zu 
erwerben ist, als sie darin zur Vernünftigkeit bestimmt, 
nämlich von der eigenen Meinung und Zufälligkeit, der 
eigenen Gefahr wie der Gefahr für andere, befreit, an- 
erkannt, gesichert und zugleich zur bewußten Tätigkeit 
für einen gemeinsamen Zweck erhoben wird. 

§ 255. 

Zur Familie macht die Korporation die zweite, 
die in der bürgerlichen Gesellschaft gegründete sittliche 

Hegel, Eeektsphilosophie. I3 



194 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Zweiter Abschnitt. 

Wurzel des Staats aus. Die erstere enthält die Momente 
der subjektiven Besonderheit und der objektiven Allgeraein- 
heit in substantieller Einheit; die zweite aber diese 
Momente, die zunächst in der bürgerlichen Gesellschaft 
zur in sich reflektierten Besonderheit des Bedürf- 
nisses und Genusses und zur abstrakten rechtlichen All- 
gemeinheit entzweit sind, auf innerliche Weise vereinigt, 
so daß in dieser Vereinigung das besondere Wohl als 
Eecht und verwirklicht ist.- 

Heiligkeit der Ehe und die Ehre in der Korpora- 
tion sind die zwei Momente, um welche sich die Des- 
organisation der bürgerlichen Gesellschaft dreht. 

§ 256. 
Der Zv/eck der Korporation als beschränkter und end- 
licher hat seine Wahrheit, — sowie die in der polizei- 
lichen äußerlichen Anordnung vorhandene Trennung und 
deren relative Identität, — in dem an und für sich all- 
gemeinen Zwecke und dessen absoluter Wirklichkeit; 
die Sphäre der bürgerlichen Gesellschaft geht daher in 
den Staat über, 

Stadt und Land, — jene der Sitz des bürgerlichen 
Gewerbes, der in sich aufgehenden und vereinzelnden Re- 
flexion, dieses der Sitz der auf der Natur ruhenden 
Sittlichkeit, — die im Verhältnis zu anderen rechtlichen 
Personen ihre Selbsterhaltung vermittelnden Individuen 
und die Familie machen die beiden noch ideellen Mo- 
mente überhaupt aus, aus denen der Staat als ihr wahr- 
hafter Grund hervorgeht. — Diese Entwickelung 
der unmittelbaren Sittlichkeit durch die Entzweiung der 
bürgerlichen Gesellschaft hindurch zum Staate, der als 
ihren wahrhaften Grund sich zeigt, und nur eine solche 
Entwickelung ist der wissenschaftliche Beweis des 
Begriffes des Staate. — Weil im Gange des wissenschaffc- 
liehen Begriffes der Staat als Resultat erscheint, indem 
er sich als wahrhafter Grund ergibt, so hebt jene 
Vermittelung und jener Schein sich ebensosehr zur 
Unmittelbarkeit auf. In der Wirklichkeit ist darum 
der Staat überhaupt vielmehr das Erste, innerhalb 
dessen sich erst die Familie zur bürgerlichen Gesell- 
schaft ausbildet, und es ist die Idee des Staates selbst, 
welche sich in diese beiden Momente dirimiert; in der 
Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft gewinnt die 
sittliche Substanz ihre unendliche Form, welche die 



Dritter Abschnitt. Der Staat. § 257—258. 195 

beiden Momente in sich enthält: 1. der unendlichen 
Unterscheidung bis zum für-sich-seienden Insichsein 
des Selbstbewußtseins, und 2. der Form der Allgemein- 
heit, welche in der Bildung ist, der Form des Ge- 
dankens, wodurch der Geist sich in Gesetzen und 
Institutionen, seinem gedachten Willen, als orga- 
nische Totalität objektiv und wirklich ist. 

Dritter Abschnitt. 

Der Staat. 

§257. 

Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee, 
— der sittliche Geist als der offenbare, sich selbst 
deutliche, substantielle Wille, der sich denkt und weiß 
und das, was er weiß und insofern er es weiß, vollführt. 
An der Sitte hat er seine unmittelbare, und an dem Selbst- 
bewußtsein des Einzelnen, dem Wissen und Tätigkeit des- 
selben seine vermittelte Existenz, sowie dieses durch die 
Gesinnung in ihm, als seinem Wesen, Zweck und Produkte 
seiner Tätigkeit, seine substantielle Freiheit hat. 
Die Penaten sind die inneren, unteren Götter, 
der Volksgeist (Athene) das sich wissende und wol- 
lende Göttliche; die Pietät die Empfindung und in 
Empfindung sich benehmende Sittlichkeit — die poli- 
tische Tugend das Wollen des an und für sich seienden 
gedachten Zweckes. 

§ 258. 

Der Staat ist als die Wirklichkeit des substantiellen 
Willens, die er in dem zu seiner Allgemeinheit erhobenen 
besonderen Selbstbewußtsein hat, das an und für sich 
Vernünftige. Diese substantielle Einheit ist absoluter 
unbewegter Selbstzweck, in welchem die Freiheit zu ihrem 
höchsten Recht kommt, sowie dieser Endzweck das höchste 
Recht gegen die Einzelnen hat, deren höchste Pflicht 
es ist, Mitglieder des Staats zu sein. 

Wenn der Staat mit der bürgerlichen Gesellschaft 
verwechselt und seine Bestimmung in die Sicherheit und 
den Schutz des Eigentums und der persönlichen Frei- 
heit gesetzt wird, so ist das Interesse der Einzelnen 
als solcher der letzte Zweck, zu welchem sie vereinigt 

13* 



196 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. 

sind, und es folgt hieraus ebenso, daß es etwas Be- 
liebiges ist, Mitglied des Staates zu sein. — Er hat aber 
ein ganz anderes Verhältnis zum Individuum; indem er 
objektiver Geist ist, so hat das Individuum selbst nur 
Objektivität, Wahrheit und Sittlichkeit, als es ein Glied 
desselben ist. Die Vereinigung als solche ist selbst 
der wahrhafte Inhalt und Zweck, und die Bestimmung 
der Individuen ist ein allgemeines Leben zu führen; 
ihre weitere besondere Befriedigung, Tätigkeit, Weise 
des Verhaltens hat dies Substantielle und Allgemein- 
gültige zu seinem Ausgangspunkte und Resultate. — 
Die Vernünftigkeit besteht, abstrakt betrachtet, über- 
haupt in der sich durchdringenden Einheit der Allge- 
meinheit und der Einzelnheit, und hier konkret dem In- 
halte nach in der Einheit der objektiven Freiheit, d. i. 
des allgemeinen substantiellen Willens, und der subjek- 
tiven Freiheit als des individuellen Wissens und seines 
besondere Zwecke suchenden Willens — und deswegen 
der Form nach in einem nach gedachten, d. h. all- 
gemeinen Gesetzen und Grundsätzen sich bestimmenden 
Handeln. — Diese Idee ist das an und für sich ewige und 
notwendige Sein des Geistes. — Welches nun aber der 
historische Ursprung des Staates überhaupt, oder viel- 
mehr jedes besonderen Staates, seiner Rechte und Be- 
stimmungen sei oder gewesen sei, ob er zuerst aus 
patriarchalischen Verhältnissen, aus Furcht oder Zu- 
trauen, aus der Korporation u. s. f. hervorgegangen, und 
wie sich das, worauf sich solche Rechte gründen, im 
Bewußtsein als göttliches, positives Recht oder Ver- 
trag, Gewohnheit und so fort gefaßt und befestigt 
habe, geht die Idee des Staates selbst nicht an, sondern 
ist in Rücksicht auf das wissenschaftliche Erkennen, 
von dem hier allein die Rede ist, als die Erscheinung eine 
historische Sache; in Rücksicht auf die Autorität eines 
wirklichen Staates, insofern sie sich auf Gründe ein- 
läßt, sind diese aus den Formen des in ihm gültigen 
Rechts genommen. — Die philosophische Betrachtung 
hat es nur mit dem Inwendigen von allem diesem, dem 
gedachten Begriffe zu tun. In Ansehung des Auf- 
suchens dieses Begriffes hat Rousseau das Verdienst 
gehabt, ein Prinzip, das nicht nur seiner Form nach 
(wie etwa der Sozialitätstrieb, die göttliche Autorität), 
sondern dem Inhalte nach Gedanke ist, und zwar das 
Denken selbst ist, nämlich den Willen als Prinzip des 



Dritter Abschnitt. Der Staat. § 258. 197 

Staats aufgestellt zu haben. Allein indem er den Willen 
nur in bestimmter Form des einzelnen Willens (wie 
nachher auch Fichte) und den allgemeinen Willen nicht 
als das an und für sich Vernünftige des Willens, sondern 
nur als das Gemeinschaftliche, das aus diesem ein- 
zelnen Willen als bewußtem hervorgehe, faßte: so 
wird die Vereinigung der Einzelnen im Staat zu einem 
Vertrag, der somit ihre Willkür, Meinung und be- 
liebige, ausdrückliche Einwilligung zur Grundlage hat, 
und es folgen die weiteren bloß verständigen, das an 
und für sich seiende Göttliche und dessen absolute Auto- 
rität und Majestät zerstörenden Konsequenzen. Zur Ge- 
walt gediehen, haben diese Abstraktionen deswegen wohl 
einerseits das, seit wir vom Menschengeschlechte wissen, 
erste ungeheure Schauspiel hervorgebracht, die Ver- 
fassung eines großen wirklichen Staates mit Umsturz 
alles Bestehenden und Gegebenen, nun ganz von vorne 
und vom Gedanken anzufangen und ihr bloß das ver- 
meinte Vernünftige zur Basis geben zu wollen, 
andererseits, weil es nur ideenlose Abstraktionen sind, 
haben sie den Versuch zur fürchterlichsten und grellsten 
Begebenheit gemacht. — Gegen das Prinzip des einzelnen 
Willens ist an den Grundbegriff zu erinnern, daß der ob- 
jektive Wille das an sich in seinem Begriffe Vernünf- 
tige ist, ob es von einzelnen erkannt und von ihrem 
Belieben gewollt werde oder nicht: — daß das Entgegen- 
gesetzte, das Wissen und Wollen, die Subjektivität der 
Freiheit, die in jenem Prinzip allein festgehalten ist, 
nur das eine, darum einseitige Moment der Idee des 
vernünftigen Willens enthält, der dies nur dadurch 
ist, daß er ebenso an sich, als daß er für sich ist. 
— Das andere Gegenteil von dem Gedanken, den Staat 
in der Erkenntnis als ein für sich Vernünftiges zu fassen, 
ist, die Äußerlichkeit der Erscheinung, der Zufällig- 
keit der Not, der Schutzbedürftigkeit, der Stärke, des 
Eeichtums u. s. f. nicht als Momente der historischen Ent- 
wickelung, sondern für die Substanz des Staates zu 
nehmen. Es ist hier gleichfalls die Einzelnheit der In- 
dividuen, welche das Prinzip des Erkennens ausmacht, 
jedoch nicht einmal der Gedanke dieser Einzelnheit, 
sondern im Gegenteil die empirischen Einzelnheiten nach 
ihren zufälligen Eigenschaften, Kraft und Schwäche, 
Eeichtum und Armut u. s. f. Solcher Einfall, das an und 
für sich Unendliche und Vernünftige im Staat zu 



198 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. 

Übersehen und den Gedanken aus dem Auffassen seiner 
inneren Natur zu verbannen, ist wohl nie so UQver- 
mischt aufgetreten, als in Herrn v. Hallers^) Restau- 
ration der Staatswissenschaft, — unvermischt, 
denn in allen Versuchen, das Wesen des Staats zu fassen, 
wenn auch die Prinzipien noch so einseitig oder ober- 
flächlich sind, führt diese Absicht selbst, den Staat zu 
begreifen, Gedanken, allgemeine Bestimmungen mit 
sich; hier aber ist mit Bewußtsein auf den vernünftigen 
Inhalt, der der Staat ist, und auf die Form des Gedankens 
nicht nur Verzicht getan, sondern es wird gegen das 
Eine und gegen das Andere mit leidenschaftlicher Hitze 
gestürmt. Einen Teil der, wie Herr von Haller versichert, 
ausgebreiteten Wirkung seiner Grundsätze verdankt diese 
Restauration wohl dem Umstände, daß er in der Dar- 
stellung aller Gedanken sich abzutun gewußt und 
das Ganze so aus einem Stücke gedankenlos zu halten 
gewußt hat; denn auf diese Weise fällt die Verwirrung 
und Störung hinweg, welche den Eindruck einer Darstel- 
lung schwächt, in der unter das Zufällige [eine] Anmah- 
nung an das Substantielle, unter das bloß Empirische 
und Äußerliche eine Erinnerung an das Allgemeine und 
Vernünftige gemischt und so in der Sphäre des Dürf- 
tigen und Gehaltlosen an das Höhere, Unendliche er- 
innert wird. — Konsequent ist darum diese Darstel- 
lung gleichfalls, denn indem statt des Substantiellen die 
Sphäre des Zufälligen als das Wesen des Staates ge- 
nommen wird, so besteht die Konsequenz bei solchem 
Inhalt eben in der völligen Inkonsequenz einer Gedanken- 
losigkeit, die sich ohne Rückblick fortlaufen läßt und 
sich in dem Gegenteil dessen, was sie soeben gebilligt, 
ebensogut zu Hause findet*). 



*) Das genannte Buch ist um des angegebenen Charakters 
willen von origineller Art. Der Unmut des Verf. könnte für eich 
etwas Edles haben, indem derselbe sich an den vorhin erwähnten, 
von Rousseau vornehmlich ausgegangenen falschen Theorien 
und hauptsächlich an deren versuchter Realisierung entzündet hat. 
Aber der Hr. v. Haller hat sich, um sich zu retten, in ein Gegen- 
teil geworfen, das ein völliger Mangel an Gedanken ist und bei 
dem deswegen von Gehalt nicht die Rede sein kann; — nämlich in 
den bitteraten Haß gegen alle Gesetze, Gesetzgebung, alles 
förmlich und gesetzlich bestimmte Rechte. Der Half des 

») Haller, Karl Ludwig von, 1768—1854; war 1806—1817 
Professor der Rechtswissenschaften in Bern. 



Dritter Abschnitt. Der Staat. § 259. 199 

§ 259. 

Die Idee des Staates hat: a) unmittelbare Wirklich- 
keit und ist der individuelle Staat als sich auf sich be- 



Gesetzes, gesetzlich bestimmten Rechts ist das Schiboleth, 
an dem sich der Fanatismus, der Schwachsinn und die Heuchelei 
der guten Absichten offenbaren und unfehlbar zu erkennen geben, 
was sie sind, sie mögen sonst Kleider umnehmen, welche sie 
wollen. — Eine Originalität, wie die von Hallersche, ist immer 
eine merkwürdige Erscheinung und für diejenigen meiner Leser, 
welche das Buch noch nicht kennen, will ich einiges zur Probe 
anführen. Xachdem Hr. v. H. (S. 342 ff. 1. ßd.) seinen Haupt- 
grundsatz aufgestellt, „daß nämlich wie im Unbelebten das 
Größere das Kleine, das Mächtige das Schwache verdrängt u. s. f., 
so auch unter den Tieren und dann unter den Menschen das- 
selbe Gesetz, unter edleren Gestalten (oft wohl auch unter un- 
edlen?) wiederkomme", und „daß dies also die ewige unab- 
änderliche Ordnung Gottes sei, daß der Mächtigere 
herrsche, herrschen müsse und immer herrschen werde" ; — man 
sieht schon hieraus und ebenso aus dem Folgenden, in welchem 
Sinne hier die Macht gemeint ist, nicht die Macht des Gerechten 
und Sittlichen, sondern die zufällige Naturgewalt; — so belegt 
er dies nun weiterhin und unter anderen Gründen auch damit 
(S. 365 f.), daß die Natur es mit bewundernswürdiger Weisheit 
also geordnet, daß gerade das Gefühl eigener Überlegenheit 
unwiderstehlich den Charakter veredelt und die Entwicklung eben 
derjenigen Tugenden begünstigt, welche für die Untergebenen 
am notwendigsten sind. Er fragt mit vieler schulrhetorischen 
Ausführung, „ob es im Reiche der Wissenschaften die Starken 
oder Schwachen sind, welche Autorität und Zutrauen mehr zu 
niedrigen eigennützigen Zwecken und zum Verderben der gläu- 
bigen Menschen mißbrauchen, ob unter den Rechtsgelehrten die 
Meister in der Wissenschaft die Legulejen und Rabulisten sind, 
welche die Hoffnung gläubiger Klienten betrügen, die das Weiße 
schwarz, das Schwarze weiß machen, die die Gesetze zum Vehikel 
des Unrechts mißbrauchen, ihre Schutzbedürftigen dem Bettelstab 
entgegenführen und wie hungrige Geier das unschuldige Lamm 
zerfleischen" , u. s. f. Hier vergißt Hr. v. H., daß er solche Rhetorik 
gerade zur Unterstützung des Satzes anführt, daß die Herrschaft 
des Mächtigeren ewige Ordnung Gottes sei, die Ordnung, nach 
welcher der Geier das unschuldige Lamm zerfleischt, daß also 
die durch Gesetzeskenntnis Mächtigeren ganz recht daran tun, die 
gläubigen Schutzbedürftigen als die Schwachen zu plündern. Es 
wäre aber zuviel gefordert, daß da zwei Gedanken zusammengebracht 
wären, wo sich nicht einer findet. — Daß Hr. v. Haller ein Feind von 
Gesetzbüchern ist, versteht sich von selbst; die bürgerlichen 
Gesetze sind nach ihm überhaupt einesteils „unnötig, indem sie aus 
dem natürlichen Gesetze sich von selbst verstehen", — es 



200 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. 

ziehender Organismus, ■ — Verfassung oder inneres 
Staatsrecht; 



wäre, seit es Staaten gibt, viele Mühe erspart worden, die auf das 
Gesetzgeben und die Gresetzbücher verwandt worden, und die noch 
darauf und auf das Studium des gesetzlichen Rechts verwendet 
wird, wenn man sich von je bei dem gründlichen Gedanken, 
daß sich alles das von selbst verstehe, beruhigt hätte, — 
„andernteils werden die Gesetze eigentlich nicht den Privat- 
personen gegeben, sondern als Instruktionen für die Unter- 
richter, um ihnen den Willen des Gerichtsherru bekannt zu machen. 
Die Gerichtsbarkeit ist ohnehin (1. B. S. 297; 1. T. S. 254 
und allervvärts) nicht eine Pflicht des Staats, sondern eine Wohl- 
tat, nämlich eine Hilfleistung von Mächtigeren und bloß supple- 
torisch; unter den Mitteln zur Sicherung des Rechts ist sie nicht 
das vollkommenste, vielmehr unsicher und ungewiß, „das 
Mittel, das uns unsere neueren Rechtsgelehrten allein lassen und 
uns die drei anderen Mittel rauben, gerade diejenigen, die 
am schnellsten und sichersten zum Ziele führen, und die 
außer jenem dem Menschen die freundliche Natur zur Siche- 
rung seiner rechtlichen Freiheit gegeben hat" — und 
diese drei sind (was meint man wohl?) 1. eigene Befolgung 
und Einschärfung des natürlichen Gesetzes, 2. Widerstand 
gegen Unrecht, 3. Flucht, wo keine Hilfe mehr zu finden." 
(Wie unfreundlich sind doch die Rechtsgelehrten in Vergleich 
der freundlichen Xatur!) „Das natürlif^he göttliche Gesetz 
aber, das (1. B. S. 292) die allgütige Natur jedem gegeben, ist: 
Ehre in jedem deinesgleichen (nach dem Prinzip des Verfassers 
müßte es heißen: Ehre, der nicht deinesgleichen, sondern der 
der Mächtigere ist) ; beleidige niemand, der dich nicht belei- 
digt; fordere nichts, was er dir nicht schuldig ist (was ist er 
aber schuldig?), ja noch mehr: Liebe deinen Nächsten und nütze 
ihm, wo du kannst." — Die Einpflanzung dieses Gesetzes 
soll es sein, was Gesetzgebung und Verfassung überflüssig mache. 
Es wäre merkwürdig zu sehen, wie Hr. v. H. es sich begreiflich 
macht, daß dieser Einpflanzung ungeachtet doch Gesetzgebungen 
und Verfassungen in die Welt gekommen sind! — In Bd. 3 
S. 862 f. kommt der Herr Verf. auf die „sogenannten National- 
freiheiten" — d. i. die Rechts- und Verfassungsgesetze der Natio- 
nen; jedes gesetzlich bestimmte Recht hieß in diesem großen 
Sinne eine Freiheit; — er sagt von diesen Gesetzen unter 
anderm, „daß ihr Inhalt gewöhnlich sehr unbedeutend sei, ob 
man gleich in Büchern auf dergleichen urkundliche Frei- 
heiten einen großen Wert setzen möge". Wenn man dann sieht, 
daß es die Nationalfreiheiten der deutschen Reichsstände, der 
englischen Nation — die Charta magna, „die aber wenig ge- 
lesen und wegen der veralteten Ausdrücke noch weniger 
verstanden wird" , die bill of rights u. s. f. — , der ungarischen 
Nation u. s. f. sind, von welchen der Verfasser spricht : so wundert 



Dritter Abschnitt. Der Staat. § 259. 201 

b) geht sie in das Verhältnis des einzelnen Staates 
zu anderen Staaten über, — äußeres Staatsrecht; 

c) ist sie die allgemeine Idee als Gattung und ab- 



man sich zu erfahren, daß diese sonst für so wichtig gehaltenen 
Besitztümer etwas Unbedeutendes sind, und daß bei diesen Natio- 
nen auf ihre Gesetze, die zu jedem Stück Kleidung, das die 
Individuen tragen, zu jedem Stück Brot, das sie essen, konkur- 
riert haben und täglich und stündlich in allem konkurrieren, 
bloß in Büchern ein Wert gelegt werde. — Auf das preu- 
ßische allgemeine Gesetzbuch, um noch dies anzuführen, ist 
H.v.H. besonders übel zu sprechen (1. B. S. 185 ff.), weil die un- 
philosophischen Irrtümer (wenigstens noch nicht die Kantische 
Philosophie, auf welche Hr. v. Haller am erbittertsten ist) dabei 
ihren unglaublichen Einfluß bewiesen haben, unter anderem 
vornehmlich, weil darin vom Staate, Staatsvermögen, dem 
Zwecke des Staats, vom Oberhaupte des Staats, von Pflichten 
des Obei'haupts, Staatsdienern u. s. f. die Rede sei. Am ärgsten 
ist dem Hrn. v. H. „das Recht, zur Bestreitung der Staats- 
bedürfnisse das Privatvermögen der Personen, ihr Gewerbe, 
Produkte oder Konsumtion mit Abgaben zu belegen; — weil 
somit der König selbst, da das Staatsverniögen nicht als Privat- 
eigentum des Fürsten, sondern als Staatsvermögen qualifiziert 
wird, so auch die preußischen Bürger nichts Eigenes 
mehr haben, weder ihren Leib noch ihr Gut, und alle Unter- 
tanen gesetzlich Leibeigene seien, denn — sie dürfen 
sich dem Dienst des Staats nicht entziehen". 

"t^j Zu aller dieser unglaublichen Krudität könnte man die Rüh- 
rung am possierlichsten finden, mit der Hr. v. Haller das unaus- 
sprechliche Vergnügen über seine Entdeckungen beschreibt (l.B. 
Vorrede), — „eine Freude, wie nur der "Wahrheitsfreund sie 
fühlen kann, wenn er nach redlichem Forschen die Gewißheit 
erhält, daß er gleichsam (jawohl, gleichsam!) den Ausspruch 
der Natur, das "Wort Gottes selbst, getroffen habe" (das 
Wort Gottes unterscheidet vielmehr seine Offenbarungen von den 
Aussprüchen der Natur und des natürlichen Menschen sehr aus- 
drücklich), — „wie er vor lauter Bewunderung hätte niedersinken 
mögen, ein Strom von freudigen Tränen seinen Augen entquoll, 
und die lebendige Religiosität von da in ihm entstanden ist". — 
Hr, V. H. hätte es aus Religiosität vielmehr als das härteste 
Strafgericht Gottes beweinen müssen, — denn es ist das Här- 
teste, was dem Menschen widerfahren kann, — vom Denken und 
der Vernünftigkeit, von der Verehrung der Gesetze und von der 
Erkenntnis, wie unendlich wichtig, göttlich es ist, daß die Pflichten 
des Staats und die Rechte der Bürger, wie die Rechte des Staats 
und die Pflichten der Bürger gesetzlich bestimmt sind, so- 
weit abgekommen zu sein, daß sich ihm das Absurde für das 
Wort Gottes unterschiebt. 



202 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

solute Macht gegen die individuellen Staaten, der Geist, der 
sich im Prozesse der Weltgeschichte seine Wirklich- 
keit gibt. 

A. Das innere Staatsrecht. 

§ 260. 

Der Staat ist die Wirklichkeit der konkreten Freiheit; 
die konkrete Freiheit aber besteht darin, daß die per- 
sönliche Einzelnheit und deren besondere Interessen so- 
wohl ihre vollständige Entwickelung und die Anerken- 
nung ihres Rechts für sich (im Systeme der Familie 
und der bürgerlichen Gesellschaft) haben, als sie durch 
sich selbst in das Interesse des AJlgemeinen teils über- 
gehen, teils mit Wissen und Willen dasselbe und zwar 
als ihren eigenen substantiellen Geist anerkennen und 
für dasselbe als ihren Endzweck tätig sind, so daß 
weder das Allgemeine ohne das besondere Interesse, Wissen 
und Wollen gelte und vollbracht werde, noch daß die In- 
dividuen bloß für das letztere als Privatpersonen leben, 
und nicht zugleich in und für das Allgemeine wollen und 
eine dieses Zwecks bewußte Wirksamkeit haben. Das 
Prinzip der modernen Staaten hat diese ungeheuere Stärke 
und Tiefe, das Prinzip der Subjektivität sich zum selb- 
ständigen Extreme der persönlichen Besonderheit voll- 
enden zu lassen und zugleich es in die substantielle 
Einheit zurückzuführen und so in ihm selbst diese zu 
erhalten. 

§ 261. 

Gegen die Sphären des Privatrechts und Privatwohls, 
der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft ist der Staat 
einerseits eine äußerliche Notwendigkeit und ihre höhere 
Macht, deren Natur ihre Gesetze, sowie ihre Interessen 
untergeordnet und davon abhängig sind; aber andererseits 
ist er ihr immanenter Zweck und hat seine Stärke in 
der Einheit seines allgemeinen Endzwecks und des be- 
sonderen Interesses der Individuen, darin, daß sie insofern 
Pflichten gegen ihn haben, als sie zugleich Rechte haben 
(§ 155). 

Daß den Gedanken der Abhängigkeit insbesondere 
auch der privatrechtlichen Gesetze von dem bestimmten 
Charakter des Staats, und die philosophische Ansicht, 
den Teil nur in seiner Beziehung auf das Ganze zu be- 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. §261. 203 

trachten, vornehmlich Montesquieu in seinem be- 
rühmten Werke: Der Geist der G esetze, ins Auge 
gefaßt und auch ins einzelne auszuführen versucht hat, 
ist schon oben § 3 Anm. bemerkt worden. — Da die 
Pflicht zunächst das Verhalten gegen etwas für mich 
Substantielles, an und für sich Allgemeines ist, das 
Recht dagegen das Dasein überhaupt dieses Substan- 
tiellen ist, damit die Seite seiner Besonderheit und 
meiner besonderen Freiheit ist, so erscheint beides 
auf den formellen Stufen an verschiedene Seiten oder 
Personen verteilt. Der Staat, als Sittliches, als Durch- 
dringung des Substantiellen und des Besonderen, ent- 
hält, daß meine Verbindlichkeit gegen das Substantielle 
zugleich das Dasein meiner besonderen Freiheit, d. i. 
in ihm Pflicht und Recht in einer und derselben Be- 
ziehung vereinigt sind. Weil aber ferner zugleich 
im Staate die unterschiedenen Momente zu ihrer eigen- 
tümlichen Gestaltung und Realität kommen, hiermit 
der Unterschied von Recht und Pflicht wieder eintritt, 
so sind sie, indem sie an sich, d. i. formell identisch 
sind, zugleich ihrem Inhalte nach verschieden. Im 
Privatrechtlichen und Moralischen fehlt die wirkliche 
Notwendigkeit der Beziehung, und damit ist nur die ab- 
strakte Gleichheit des Inhalts vorhanden; was in diesen 
abstrakten Sphären dem einen recht ist, soll auch dem 
anderen recht, und was dem einen Pflicht ist, soll auch 
dem anderen Pflicht sein. Jene absolute Identität der 
Pflicht und des Rechts findet nur als gleiche Identität 
des Inhalts statt, in der Bestimmung, daß dieser 
Inhalt selbst der ganz allgemeine, nämlich das eine 
Prinzip der Pflicht und des Rechts, die persön- 
liche Freiheit des Menschen ist. Sklaven haben des- 
wegen keine Pflichten, weil sie keine Rechte haben; 
und umgekehrt — (von religiösen Pflichten ist hier 
nicht die Rede). — Aber in der konkreten, sich in sich 
entwickelnden Idee unterscheiden sich ihre Momente, 
und ihre Bestimmtheit wird zugleich ein verschiedener 
Inhalt; in der Familie hat der Sohn nicht Rechte des- 
selben Inhalts als er Pflichten gegen den Vater, und 
der Bürger nicht Rechte desselben Inhalts als er 
Pflichten gegen Fürst und Regierung hat. — Jener Be- 
griff von Vereinigung von Pflicht und Recht ist eine 
der wichtigsten Bestimmungen und enthält die innere 
Stärke der Staaten. — Die abstrakte Seite der Pflicht 



204 Dritter Teil. Die »Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

bleibt dabei stehen, das besondere Interesse als ein un- 
wesentliches, selbst unwürdiges Moment zu übersehen 
und zu verbannen. Die konkrete Betrachtung, die Idee, 
zeigt das Moment der Besonderheit ebenso wesentlich 
und damit seine Befriedigung als schlechthin notwendig; 
das Individuum muß in seiner Pflichterfüllung auf irgend- 
eine Weise zugleich sein eigenes Interesse, seine Be- 
friedigung oder Rechnung finden, und ihm aus seinem 
Verhältnis im Staat ein Recht erwachsen, wodurch die 
allgemeine Sache seine eigene besondere Sache wird. 
Das besondere Interesse soll wahrhaft nicht beiseite ge- 
setzt oder gar unterdrückt, sondern mit dem Allgemeinen 
in Übereinstimmung gesetzt werden, wodurch es selbst 
und das Allgemeine erhalten wird. Das Individuum, 
nach seinen Pflichten Untertan, findet als P5ürger in 
ihrer Erfüllung den Schutz seiner Person und Eigentums, 
die Berücksichtigung seines besonderen Wohls und die 
Befriedigung seines substantiellen Wesens, das Bewußt- 
sein und das Selbstgefühl, Mitglied dieses Ganzen zu 
sein, und in dieser Vollbringung der Pflichten als Lei- 
stungen und Geschäfte für den Staat hat dieser seine 
Erhaltung und sein Bestehen. Nach der abstrakten Seite 
wäre das Interesse des Allgemeinen nur, daß seine Ge- 
schäfte, die Leistungen, die es erfordert, als Pflichten 
vollbracht werden. 

§ 262. 

Die wirkliche Idee, der Geist, der sich selbst in die 
zwei ideellen Sphären seines Begriffs, 'die Familie und 
die bürgerliche Gesellschaft, als in seine Endlichkeit 
scheidet, um aus ihrer Idealität für sich unendlicher wirk- 
licher Geist zu sein, teilt somit diesen Sphären das Material 
dieser seiner endlichen Wirklichkeit, die Individuen als die 
Menge zu, so daß diese Zuteilung am p]inzelnen durch 
die Umstände, die Willkür und eigene Wahl seiner Be- 
stimmung vermittelt erscheint (§ 185 und Anm. das.). 

§ 263. 

In diesen Sphären, in denen seine Momente, die Einzeln- 
heit und Besonderheit, ihre unmittelbare und reflektierte 
Realität haben, ist der Geist als ihre in sie scheinende 
objektive Allgemeinheit, als die Macht des Vernünftigen 
in der Notwendigkeit (§ 184), nämlich als die im Vor- 
herigen betrachteten Institutionen. 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 264—268. 205 

§264. 
Die Individuen der Menge, da sie selbst geistige Na- 
turen und damit das gedoppelte Moment, nämlich das Extrem 
der für sich wissenden und wollenden Einzelnheit und 
das Extrem der das Substantielle wissenden und wollenden 
Allgemeinheit in sich enthalten, und daher zu dem Rechte 
dieser beiden Seiten nur gelangen, insofern sie sowohl 
als Privat- wie als substantielle Personen wirklich sind, 
— erreichen in jenen Sphären teils unmittelbar das erstere, 
teils das andere so, daß sie in den Institutionen, als dem 
an sich seienden Allgemeinen ihrer besonderen Inter- 
essen ihr wesentliches Selbstbewußtsein haben, teils daß 
sie ihnen ein auf einen allgemeinen Zweck gerichtetes Ge- 
schäft und Tätigkeit in der Korporation gewähren. 

§265. 
Diese Institutionen machen die Verfassung, d. i. die 
entwickelte und verwirklichte Vernünftigkeit, im Be- 
sonderen aus und sind darum die feste Basis des Staats, 
sowie des Zutrauens und der Gesinnung der Individuen für 
denselben und die Grundsäulen der öffentlichen Freiheit, 
da in ihnen die besondere Freiheit realisiert und vernünftig, 
damit in ihnen selbst an sich die Vereinigung der Freiheit 
und Notwendigkeit vorhanden ist. 

§ 266. 
Aber der Geist ist nicht nur als diese Notwendigkeit 
und als ein Reich der Erscheinung, sondern als die Ideali- 
tät derselben, und als ihr Inneres sich objektiv und wirk- 
lich; so ist diese substantielle Allgemeinheit sich selbst 
Gegenstand und Zweck, und jene Notwendigkeit hierdurch 
sich ebensosehr in Gestalt der Freiheit. 

§ 267. 
Die Notwendigkeit in der Idealität ist die Ent- 
wickelung der Idee innerhalb ihrer selbst; sie ist als 
subjektive Substantialität die politische Gesinnung, als 
objektive in Unterscheidung von jener der Organismus 
des Staats, der eigentlich politische Staat und seine 
Verfassung. 

§ 268. 
Die politische Gesinnung, der Patriotismus über- 
haupt, als die in Wahrheit stehende Gewißheit (bloß 



206 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

subjektive Gewißheit geht nicht aus der Wahrheit hervor, 
und ist nur Meinung) und das zur Gewohnheit gewordene 
Wollen ist nur Resultat der im Staate bestehenden Insti- 
tutionen, als in welchem die Vernünftigkeit wirklich vor- 
handen ist, sowie sie durch das ihnen gemäJße Handeln 
ihre Betätigung erhält. — Diese Gesinnung ist überhaupt 
das Zutrauen (das zu mehr oder weniger gebildeter Ein- 
sicht übergehen kann), — das Bewußtsein, daß mein sub- 
stantielles und besonderes Interesse im Interesse und 
Zwecke eines anderen (hier des Staats) als im Verhältnis 
zu mir als Einzelnem bewahrt und enthalten ist, — womit 
eben dieser unmittelbar kein anderer für mich ist und 
Ich in diesem Bewußtsein frei bin. 

Unter Patriotismus wird häufig nur die Aufgelegt- 
heit zu außerordentlichen Aufopferungen und Hand- 
lungen verstanden. Wesentlich aber ist er die Gesinnung, 
welche in dem gewöhnlichen Zustande und Lebensverhält- 
nisse das Gemeinwesen für die substantielle Grundlage 
und Zweck zu wissen gewohnt ist. Dieses bei dem ge- 
wöhnlichen Lebensgange sich in allen Verhältnissen be- 
währende Bewußtsein ist es dann, aus dem sich auch 
die Aufgelegtheit zu außergewöhnlicher Anstrengung be- 
gründet. Wie aber die Menschen häufig lieber groß- 
mütig als rechtlich sind, so überreden sie sich leicht, 
jenen außerordentlichen Patriotismus zu besitzen, um 
sich diese wahrhafte Gesinnung zu ersparen oder ihren 
Mangel zu entschuldigen. — Wenn ferner die Gesinnung 
als das angesehen wird, das für sich den Anfang machen 
und aus subjektiven Vorstellungen und Gedanken hervor- 
gehen könne, so wird sie mit der Meinung verwechselt, 
da sie bei dieser Ansicht ihres wahrhaften Grundes, 
der objektiven Realität, entbehrt. 

§ 269. 

Ihren besonders bestimmten Inhalt nimmt die Ge- 
sinnung aus den verschiedenen Seiten des Organismus des 
Staats. Dieser Organismus ist die Entwickelung der 
Idee zu ihren Unterschieden und zu deren objektiver Wirk- 
lichkeit. Diese unterschiedenen Seiten sind so die ver- 
ßchiedenen Gewalten und deren Geschäfte und Wirk- 
samkeiten, wodurch das Allgemeine sich fortwährend, und 
zwar indem sie durch die Natur des Begriffes bestimmt 
sind, auf notwendige Weise hervorbringt, und indem 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 270. 207 

es ebenso seiner Produktion vorausgesetzt ist, sich er- 
hält; — dieser Organismus ist die politische Ver- 
fassung. 

§ 270. 

Daß der Zweck des Staates das allgemeine Interesse 
als solches und darin als ihrer Substanz die Erhaltung 
der besonderen Interessen ist, ist 1. seine abstrakte 
Wirklichkeit oder Substantialität; aber sie ist 2. seine 
Notwendigkeit, als sie sich in die Begriffsunterschiede 
seiner Vvlrksamkeit dirimiert, welche durch jene Substan- 
tialität ebenso wirkliche feste Bestimmungen, Gewalten 
sind; 3. eben diese Substantialität ist aber der als durch 
die Form der Bildung hindurch gegangene sich 
wissende und wollende Geist. Der Staat weiß daher, was 
er will, und weiß es in seiner Allgemeinheit, als Ge- 
dachtes; er wirkt und handelt deswegen nach gewußten 
Zwecken, gekannten Grundsätzen, und nach Gesetzen, die 
es nicht nur an sich, sondern fürs Bewußtsein sind; und 
ebenso, insofern seine Handlungen sich auf vorhandene 
umstände und Verhältnisse beziehen, nach der bestimmten 
Kenntnis derselben. 

Es ist hier der Ort, das Verhältnis des Staats 
zur Religion zu berühren, da in neueren Zeiten so oft 
wiederholt worden ist, daß die Religion die Grundlage 
des Staates sei, und da diese Behauptung auch mit der 
Prätension gemacht wird, als ob mit ihr die Wissen- 
schaft des Staats erschöpft sei, — und keine Behauptung 
mehr geeignet ist, so viele Verwirrung hervorzubringen, 
ja die Verwirrung selbst zur Verfassung des Staats, zur 
Form, welche die Erkenntnis haben solle, zu erheben. 
— Es kann zunächst verdächtig scheinen, daß die Reli- 
gion vornehmlich auch für die Zeiten öffentlichen Elends, 
der Zerrüttung und Unterdrückung empfohlen und ge- 
sucht, und an sie für Trost gegen das Unrecht und für 
Hoffnung zum Ersatz des Verlustes gewiesen wird. 
Wenn es dann ferner als eine Anweisung der Religion 
angesehen wird, gegen die weltlichen Interessen, den 
Gang und die Geschäfte der Wirklichkeit gleichgültig 
zu sein, der Staat aber der Geist ist, der in der Welt 
steht: so scheint die Hinweisung auf die Religion ent- 
weder nicht geeignet, das Interesse und Geschäft des 
Staats zum wesentlichen ernstlichen Zweck zu erheben, 



208 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

oder scheint andererseits im Staatsregiment alles für 
Sache gleichgültiger Willkür auszugeben, es sei, daß 
nur die Sprache geführt werde, als ob im Staate die 
Zwecke der Leidenschaften, unrechtlicher Gewalt u. s. f. 
das Herrschende wären, oder daß solches Hinweisen 
auf die Religion weiter für sich allein gelten und das 
Bestimmen und Handhaben des Rechten in Anspruch 
nehmen will. Wie es für Hohn angesehen würde, wenn 
alle Empfindung gegen die Tyrannei damit abgewiesen 
würde, daß der Unterdrückte seinen Trost in der Religion 
finde: so ist ebenso nicht zu vergessen, daß die Religion 
eine Form annehmen kann, welche die härteste Knecht- 
schaft unter den Fesseln des Aberglaubens und die 
Degradation des Menschen unter das Tier (wie bei den 
Ägyptern und Indern, welche Tiere als ihre höheren 
V/esen verehren) zur Folge hat. Diese Erscheinung 
kann wenigstens darauf aufmerksam machen, daß nicht 
von der Religion ganz überhaupt zu sprechen sei, und 
gegen sie, wie sie in gewissen Gestalten ist, vielmehr 
eine rettende Macht gefordert ist, die sich der Rechte 
der Vernunft und des Selbstbewußtseins annehme. — 
Die wesentliche Bestimmung aber über das Verhältnis 
von Religion und Staat ergibt sich nur, indem an ihren 
Begriff erinnert wird. Die Religion hat die absolute 
Wahrheit zu ihrem Inhalt, und damit fällt auch das 
Höchste der Gesinnung in sie. Als Anschauung, Gefühl, 
vorstellende Erkenntnis, die sich mit Gott, als der un- 
eingeschränkten Grundlage und Ursache, an der alles 
hängt, beschäftigt, enthält sie die Forderung, daß alles 
auch in dieser Beziehung gefaßt werde und in ihr seine 
Bestätigung, Rechtfertigung, Vergewisserung erlange. 
Staat und Gesetze, wie die Pflichten, erhalten in diesem 
Verhältnis für das Bewußtsein die höchste Bewährung 
und die höchste Verbindlichkeit; denn selbst Staat, 
Gesetze und Pflichten sind in ihrer Wirklichkeit ein 
Bestimmtes, das in eine höhere Sphäre als in seine Grund- 
lage übergeht (Encyklop. der philos. Wissensch. § 453) i). 
Deswegen enthält die Religion auch den Ort, der in 
aller Veränderung und in dem Verlust wirklicher Zwecke, 
Interessen und Besitztümer, das Bewußtsein des Un- 
wandelbaren und der höchsten Freiheit und Befriedigung 



1) In der 3. Aufl. §§ 553, 554 (Phil. ßibl. 33. Bd., S. 474). 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 270. 209 

gewährt*). Wenn nun die Religion so die Grundlage 
ausmacht, v/elche das Sittliche überhaupt und näher die 
Natur des Staats als den göttlichen Willen enthält, so ist 
es zugleich nur Grundlage, was sie ist, und hier ist 
es, worin beide auseinandergehen. Der Staat ist gött- 
licher Wille als gegenwärtiger, sich zur wirklichen Ge- 
stalt und Organisation einer Welt entfaltender 
Geist. — Diejenigen, die bei der Form der Religion 
gegen den Staat stehen bleiben wollen, verhalten sich 
wie die, welche in der Erkenntnis das Rechte zu haben 
meinen, wenn sie nur immer beim Wesen bleiben und 
von diesem Abstraktum nicht zum Dasein fortgehen, 
oder wie die (s. oben § 140 Anm.), welche nur das 
abstrakte Gute wollen und der Willkür das, w^as 
gut ist, zu bestimmen vorbehalten. Die Religion ist 
das Verhältnis zum Absoluten in Form des Gefühls, 
der Vorstellung, des Glaubens, und in ihrem alles 
enthaltenden Zentrum ist alles nur als ein Accidentelles, 
auch Verschwindendes. Wird an dieser Form auch in 
Beziehung auf den Staat so festgehalten, daß sie auch 
für ihn das wesentlich Bestimmende und Gültige sei, 
so ist er, als der zu bestehenden Unterschieden, Ge- 
setzen und Einrichtungen entwickelte Organismus, dem 
Schwanken, der Unsicherheit und Zerrüttung preis- 
gegeben. Das Objektive und Allgemeine, die Gesetze, 
anstatt als bestehend und gültig bestimmt zu sein, er- 
halten die Bestimmung eines Negativen gegen jene alles 
Bestimmte einhüllende und eben damit zum Subjektiven 
werdende Form, und für das Betragen der Menschen 
ergibt sich die Folge: dem Gerechten ist kein Gesetz 



*) Die Religion hat wie die Erkenntnis und Wissen- 
schaft eine eigentümliche, von der des Staates verschiedene 
Form zu ihrem Prinzip; sie treten daher in den Staat ein, teils 
im Verhältnis von Mitteln der Bildung und Gesinnung, teils, 
insofern sie wesentlich Selbstzwecke sind, nach der Seite, daß 
sie äußerliches Dasein haben. In beiden Rücksichten verhalten 
sich die Prinzipien des Staates anwendend auf sie; in einer 
vollständig konkreten Abhandlung vom Staate müssen jene Sphä- 
ren, sowie die Kunst, die bloß natürlichen Verhältnisse, u.s.f. gleich- 
falls in der Beziehung und Stellung, die sie im Staate haben, 
betrachtet werden; aber hier in dieser Abhandlung, wo es das 
Prinzip des Staats ist, das in seiner eigentümlichen Sphäre 
nach seiner Idee durchgeführt wird, kann von ihren Prinzipien 
und der Anwendung des Rechts des Staats auf sie nur bei- 
läufig gesprochen werden. 

Hegel, Eechtsphilosophie. 24 



210 Dritter Teil. Die Sittlichkeit, Dritter Abschnitt. 

gegeben; seid fromm, so könnt ihr sonst treiben, was 
ihr wollt, — ihr könnt der eigenen Willkür und Leiden- 
schaft euch überlassen und die anderen, di.^ Unrecht 
dadurch erleiden, an den Trost und die Hoffnung der 
Religion verweisen, oder noch schlimmer, sie als ir- 
religiös verwerfen und verdammen. Insofern aber dies 
negative Verhalten nicht bloß eine innere Gesinnu.v^ 
und Ansicht bleibt, sondern sich an die Wirldichkeit 
wendet und in ihr sich geltend macht, entsteht der 
religiöse Fanatismus, der, wie der politische, alle 
Staatseinrichtung und gesetzliche Ordnung als beengende, 
der inneren, der Unendlichkeit des Gemüts unangemessene 
Schranken, und somit Privateigentum, Ehe, die Ver- 
hältnisse und Arbeiten der bürgerlichen Gesellschaft u.s. f. 
als der Liebe und der Freiheit des Gefühls unwürdig 
verbannt. Da für wirkliches Dasein und Handeln jedoch 
entschieden werden muß, so tritt dasselbe ein wie bei der 
sich als das Absolute wissenden Subjektiv ii.ät des Willens 
überhaupt (§ 140), daß aus der subjektiven Vorstellung, 
d. i. dem Meinen und dem Belieben der Willkür 
entschieden wird. — Das Wahre aber gegen dieses in die 
Subjektivität des Fühlens und Vorstellens sich einhüllende 
Wahre ist der ungeheuere Überschritt des Inneren in 
das Äußere, der Einbildung der Vernunft in die Reali- 
tät, woran die ganze Weltgeschichte gearbeitet, und 
durch welche Arbeit die gebildete Menschheit die Wirk- 
lichkeit und das Bewußtsein des vernünftigen Daseins, 
der Staatseinrichtungen und der Gesetze gewonnen hat. 
Von denen, die den Herrn suchen und in ihrer un- 
gebildeten Meinung alles unmittelbar zu haben sich 
versichern, statt sich die Arbeit aufzulegen, ihre Sub- 
jektivität zur Erkenntnis der Wahrheit und zum Wissen 
des objektiven Rechts und der Pflicht zu erheben, kann 
nur Zertrümmerung aller sittlichen Verhältnisse, Albern- 
heit und Abscheulichkeit ausgehen, — notwendige Konse- 
quenzen der auf ihrer Form ausschließend bestehenden 
und sich so gegen die Wirklichkeit und die in Form 
des Allgemeinen, der Gesetze, vorhandene Wahrheit 
wendenden Gesinnung der Religion. Doch ist nicht not- 
wendig, daß diese Gesinnung so zur Verwirklichung fort- 
gehe; sie kann mit ihrem negativen Standpunkt allerdings 
auch als ein Inneres bleiben, sich den Einrichtungen 
und Gesetzen fügen und es bei der Ergebung und dem 
Seufzen oder dem Verachten und Wünschen bewenden 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. §270. 211 

lassen. Es ist nicht die Kraft, sondern die Schwäche, 
welche in unseren Zeiten die Keligiosität zu einer pole- 
mischen Art von Frömmigkeit gemacht hat, sie hänge 
nun mit einem wahren Bedürfnis, oder auch bloß mit 
nicht befriedigter Eitelkeit zusammen. Scatc sein Meinen 
mit der Arbeit des Studiums zu bezwingen und sein 
Wollen der Zucht zu unterwerfen und es dadurch zum 
freien Gehorsam zu erheben, ist es das Wohlfeilste, auf 
die Erkenntnis objektiver Wahrheit Verzicht zu tun, ein 
Gefühl der Gedrücktheit und damit den Eigendünkel zu 
bewahren, und an der Gottseligkeit bereits alle Er- 
fordernis zu haben, um die Natur der Gesetze und der 
Staatseinrichtungen zu durchschauen, über sie abzu- 
sprechen und, wie sie beschaffen sein sollten und müßten, 
anzugeben, und zwar, weil solches aus einem frommen 
Herzen komme, auf eine unfehlbare und unantastbare 
Weise; denn dadurch, daß Absichten und Behauptungen 
die Eeligion zur Grundlage machen, könne man ihnen 
weder nach ihrer Seichtigkeit, noch nach ihrer Unrecht- 
lichkeit etwas anhaben. 

Insofern aber die Religion, wenn sie wahrhafter 
Art ist, ohne solche negative und polemische Richtung 
gegen den Staat ist, ihn vielmehr anerkennt und bestätigt, 
so hat sie ferner für sich ihren Zustand und ihre 
Äußerung. Das Geschäft iiires Kultus besteht in 
Handlungen und Lehre; sie bedarf dazu Besitztümer 
und Eigentums, sowie dem Dienste der Gemeinde 
gewidmeter Individuen. Es entsteht damit ein Ver- 
hältnis von Staat und Kirchengemeinde. Die Bestimmung 
dieses Verhältnisses ist einfach. Es ist in der Natur 
der Sache, daß der Staat eine Pflicht erfüllt, der Ge- 
meinde für ihren religiösen Zweck allen Vorschub zu 
tun und Schutz zu gewähren, ja, indem die Religion das 
ihn für das Tiefste der Gesinnung integrierende Moment 
ist, von allen seinen Angehörigen zu fordern, daß sie 
sich zu einer Kirchengemeinde halten, — übrigens zu 
irgendeiner, denn auf den Inhalt, insofern er sich auf 
das Innere der Vorstellung bezieht, kann sich der Staat 
nicht einlassen. Der in seiner Organisation ausgebildete 
und darum starke Staat kann sich hierin desto liberaler 
verhalten. Einzelnheiten, die ihn berührten, ganz über- 
sehen, und selbst Gemeinden (wobei es freilich auf die 
Anzahl ankommt) in sich aushalten, welche selbst die 
direkten Pflichten gegen ihn religiös nicht anerkennen, 

14* 



212 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

indem er nämlich die Mitglieder derselben der bürger- 
lichen Gesellschaft unter deren Gesetzen überläßt und 
mit passiver, etwa durch Verwandelung und Tausch ver- 
mittelter, Erfüllung der direkten Pflichten gegen ihn 
zufrieden ist*). — Insofern aber die kirchliche Gemeinde 
Eigentum besitzt, sonstige Handlungen des Kultus 



*) Von Quäkern, "Wiedertäufern u. s. f. kann mau sagen, daß 
sie nur aktive Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft sind, und 
als Privatpersonen nur im Privatverkehr mit anderen stehen, und 
selbst in diesem Verhältnisse hat man ihnen den Eid erlassen; 
die direkten Pflichten gegen den Staat erfüllen sie auf eine pas- 
sive Weise, und von einer der wichtigsten Pflichten, ihn gegen 
Feinde zu verteidigen, die sie direkt verleugnen, wird etwa zu- 
gegeben, sie durch Tausch gegen andere Leistung zu erfüllen. 
Gegen solche Sekten ist es im eigentlichen Sinne der Fall, daß 
der Staat Toleranz ausübt; denn da sie die Pflichtengegen ihn 
nicht anerkennen, können sie auf das Recht, Mitglieder desselben 
zu sein, nicht Anspruch machen. Als einst im nordamerika- 
nischen Kongreß die Abschaffung der Sklaverei der Neger mit 
größerem Nachdruck betrieben wurde, machte ein Deputierter 
aus den südlichen Provinzen die treffende Erwiderung: „Gebt 
uns die Neger zu, wir geben euch die Quäker zu." — Nur durch 
seine sonstige Stärke kann der Staat solche Anomalien übersehen 
und dulden und sich dabei vornehmlich auf die Macht der Sitten 
und der inneren Vernünftigkeit seiner Institutionen verlassen, daß 
diese, indem er seine Rechte hierin nicht strenge geltend macht, 
die Unterscheidung vermindern und überwinden werde. So for- 
melles Recht man etwa gegen die Juden in Ansehung der Ver- 
leihung selbst von bürgerlichen Rechten gehabt hätte, indem 
sie sich nicht bloß als eine besondere Religionspartei, sondern 
als einem fremden Volke angehörig ansehen sollten, so sehr hat 
das aus diesen und anderen Gesichtspunkten erhobene Geschrei 
übersehen, daß sie zu allererst Menschen sind und daß dies 
nicht nur eine flache, abstrakte Qualität ist (§ 209 Anm), sondern 
daß darin liegt, daß durch die zugestandenen bürgerlichen Rechte 
vielmehr das Selbstgefühl, als rechtliche Personen in der 
bürgerlichen Gesellschaft zu gelten, und aus dieser unendlichen 
von allem anderen freien Wurzel die verlangte Ausgleichung der 
Denkungsart und Gesinnung zustande kommt. Die den Juden 
vorgeworfene Trennung hätte sich vielmehr erhalten und wäre 
dem ausschließenden Staate mit Recht zur Schuld und Vorwurf 
geworden; denn er hätte damit sein Prinzip, die objektive In- 
stitution und deren Macht verkannt (vgl. § 268 Anm. am Ende). 
Die Behauptung dieser Ausschließung, indem sie aufs höchste 
Recht zu haben vermeinte, hat sich auch in der Erfahrung am 
törichtsten, die Handlungsart der Regierungen hingegen als das 
Weise und Würdige erwiesen. — 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. §270. 213 

ausübt und Individuen dafür im Dienste hat, tritt sie 
aus dem Inneren in das Weltliche und damit in das 
Gebiet des Staats herüber und stellt sich dadurch un- 
mittelbar unter seine Gesetze, Der Eid, das Sittliche 
überhaupt, wie das Verhältnis der Ehe führen zwar die 
innere Durchdringung und die Erhebung der Gesinnung 
mit sich, welche durch die Eeligion ihre tiefste Ver- 
gewisserung erhält; indem die sittlichen Verhältnisse 
wesentlich Verhältnisse der wirklichen Vernünftig- 
keit sind, so sind es die Rechte dieser, welche darin 
zuerst zu behaupten sind, und zu welchen die kirch- 
liche Vergewisserung als die nur innere, abstraktere 
Seite hinzutritt. — In Ansehung weiterer Äußerungen, 
die von der kirchlichen Vereinigung ausgehen, so ist 
bei der Lehre das Innere gegen das Äußere das Über- 
wiegendere als bei den Handlungen des Kultus und 
anderen damit zusammenhängenden Benehmungen, wo 
die rechtliche Seite wenigstens sogleich für sich als 
Sache des Staats erscheint; (wohl haben sich Kirchen 
auch die Exemtion ihrer Diener und ihres Eigentums 
von der Macht und Gerichtsbarkeit des Staates, sogar 
die Gerichtsbarkeit über weltliche Personen in Gegen- 
ständen, bei denen wie Ehescheidungssachen, Eides- 
angelegenheiten u. s. f. die Religion konkurriert, genom- 
men). — Die polizeiliche Seite in Rücksicht solcher 
Handlungen ist freilich unbestimmter, aber dies liegt in der 
Natur dieser Seite ebenso auch gegen andere ganz bürger- 
liche Handlungen (s. oben § 234). Insofern die religiöse 
Gemeinschaftlichkeit von Individuen sich zu einer Ge- 
meinde, einer Korporation erhebt, steht sie überhaupt 
unter der oberpolizeilichen Oberaufsicht des Staats. — 
Die Lehre selbst aber hat ihr Gebiet in dem Gewissen, 
steht in dem Rechte der subjektiven Freiheit des 
Selbstbewußtseins, — der Sphäre der Innerlichkeit, die 
als solche nicht das Gebiet des Staates ausmacht. Jedoch 
hat auch der Staat eine Lehre, da seine Einrichtungen 
und das ihm Geltende überhaupt über das Rechtliche, 
Verfassung u.s.f. wesentlich in der Form des Gedankens 
als Gesetz ist, und indem er kein Mechanismus, sondern 
das vernünftige Leben der selbstbewußten Freiheit, das 
System der sittlichen Welt ist, so ist die Gesinnung, 
sodann das Bewußtsein derselben in Grundsätzen ein 
wesentliches Moment im wirklichen Staate. Hinwiederum 
ist die Lehre der Kirche nicht bloß ein Inneres des 



214 -Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

Gewissens, sondern als Lehre vielmehr Äußerung, und 
Äu£3erung zugleich über einen Inhalt, der mit den sitt- 
lichen Grundsätzen und Staatsgesetzen aufs innigste zu- 
sammenhängt oder sie unmittelbar selbst Letriift. Staat 
und Kirche trelfen also hier direkt zusammen oder 
gegeneinander. Die Verschiedenheit beider Gebiete 
kann von der Kirche zu dem schroffen Gegensatz ge- 
trieben werden, dai3 sie, als den absoluten Inhalt der 
Religion in sich enthaltend, das Geistige überhaupt 
und damit auch das sittliche Element als ihren Teil 
betrachtet, den Staat aber als ein mechanisches Gerüste 
für die ungeistigen äußerlichen Zwecke, sich als das 
Reich Gottes oder wenigstens als den Weg und Vorplatz 
dazu, den Staat aber als das Reich der Welt, d. i. des 
Vergänglichen und Endlichen, sich damit als den Selbst- 
zweck, den Staat aber nur als bloßes Mittel begreift. 
Mit dieser Prätension verbindet sich dann in Ansehung 
des Lehrens die Forderung, daß der Staat die Kirche 
darin nicht nur mit vollkommener Freiheit gev/ähren 
lasse, sondern unbedingten Respekt vor ihrem Lehren, 
wie es auch beschaffen sein möge, denn diese Bestim- 
mung komme nur ihr zu, als Lehren habe. Wie die 
Kirche zu dieser Prätension aus dem ausgedehnten 
Grunde, daß das geistige Element überhaupt ihr Eigen- 
tum sei, kommt, die Wissenschaft und Erkenntnis 
überhaupt aber gleichfalls in diesem Gebiete steht, für 
sich wie eine Kirche sich zur Totalität von eigentüm- 
lichem Prinzipe ausbildet, welche sich auch als an die 
Stelle der Kirche selbst noch mit größerer Berechtigung 
tretend betrachten kann, so wird dann für die Wissen- 
schaft dieselbe Unabhängigkeit vom Staate, der nur als 
ein Mittel für sie als einen Selbstzweck zu sorgen habe, 
verlangt. — Es ist für dieses Verhältnis übrigens gleich- 
gültig, ob die dem Dienste der Gemeinde sich widmenden 
Individuen und Vorsteher es etwa zu einer vom Staate 
ausgeschiedenen Existenz getrieben haben, so daß nur 
die übrigen Mitglieder dem Staate unterworfen sind, 
oder sonst im Staate stehen und ihre kirchliche Be- 
stimmung nur eine Seite ihres Standes sei, welche sie 
gegen den Staat getrennt halten. — Zunächst ist zu be- 
merken, daß ein solches Verhältnis mit der Vorstellung 
vom Staat zusammenhängt, nach welcher er seine Be- 
stimmung nur hat im Schutz und Sicherheit des Lebens, 
Eigentums und der Willkür eines jeden, insofern sie das 



Der Staat. A. Das iuuere Staatsrecht. § 270. 215 

Leben und Eigentum und die Willkür der anderen nicht 
verletzt, und der Staat so nur als eine Veranstaltung 
der Not betrachtet wird. Das Element des höheren 
Geistigen, des an und für sich Wahren, ist auf diese 
Weise als subjektive Religiosität oder als theoretische 
Wissenschaft jenseits des Staates gestellt, der, als der 
Laie an und für sich, nur zu respektieren habe, und 
das eigentliche Sittliche fällt so bei ihm ganz aus. 
Daß es nun geschichtlich Zeiten und Zustände von 
Barbarei gegeben, wo alles höhere Geistige in der 
Kirche seinen Sitz hatte und der Staat nur ein weltliches 
Regiment der Gewalttätigkeit, der Willkür und Leiden- 
schaft und jener abstrakte Gegensatz das Hauptprinzip 
der Wirklichkeit war (s, § 358), gehört in die Geschichte, 
Aber es ist ein zu blindes und seichtes Verfahren, diese 
Stellung als die wahrhaft der Idee gemäi3e anzugeben. 
Die Entwickelung dieser Idee hat vielmehr dies als die 
Wahrheit erwiesen, daß der Geist, als frei und ver- 
nünftig, an sich sittlich ist, und die wahrhafte Idee 
die wirkliche Vernünftigkeit, und diese es ist, welche 
als Staat existiert. Es ergab sich ferner aus dieser 
Idee ebensosehr, daß die sittliche Wahrheit in der- 
selben für das denkende Bewußtsein, als in die Form 
der Allgemeinheit verarbeiteter Inhalt, als Gesetz, 
ist, — der Staat überhaupt seine Zwecke weiß, sie 
mit bestimmtem Bewußtsein und nach Grundsätzen er- 
kennt und betätigt. Wie oben bemerkt ist, hat nun die 
Religion das Wahre zu ihrem allgemeinen Gegenstande, 
jedoch als einen gegebenen Inhalt, der in seinen Grund- 
bestimmungen nicht durch Denken und Begriffe erkannt 
ist; ebenso ist das Verhältnis des Individuums zu diesem 
Gegenstande eine auf Autorität gegründete Verpflich- 
tung, und das Zeugnis des eigenen Geistes und 
Herzens, als worin das Moment der Freiheit enthalten 
ist, ist Glaube und Empfindung, — Es ist die philo- 
sophische Einsicht, welche erkennt, daß Kirche und Staat 
nicht im Gegensatze des Inhalts der Wahrheit und 
Vernünftigkeit, aber im Unterschiede der Form stehen. 
V/enn daher die Kirche in das Lehren übergeht (es 
gibt und gab auch Kirchen, die nur einen Kultus haben; 
andere, worin er die Hauptsache und das Lehren und 
das gebildetere Bewußtsein nur Nebensache ist) und 
ihr Lehren objektive Grundsätze, die Gedanken des 
Sittlichen und Vernünftigen betrifft, so geht sie in dieser 



216 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

Äußerung unmittelbar in das Gebiet des Staats herüber. 
Gegen ihren Glauben und ihre Autorität über das 
Sittliche, Recht, Gesetze, Institutionen, gegen ihre sub- 
jektive Überzeugung ist der Staat vielmehr das 
Wissende; in seinem Prinzip bleibt wesentlich der 
Inhalt nicht in der Form des Gefühls und Glaubens 
stehen, sondern gehört dem bestimmten Gedanken an. 
Wie der an und für sich seiende Inhalt, in der Gestalt 
der Religion als besonderer Inhalt, als die der Kirche 
als religiöser Gemeinschaft eigentümlichen Lehren, er- 
scheint, so bleiben sie außer dem Bereiche des Staats 
(im Protestantismus gibt es auch keine Geistlichkeit, 
welche ausschließender Depositär der kirchlichen Lehre 
wäre, weil es in ihm keine Laien gibt); indem sich die 
sittlichen Grundsätze und die Staatsordnung überhaupt 
in das Gebiet der Religion herüberziehen und nicht 
nur in Beziehung darauf setzen lassen, sondern auch 
gesetzt werden sollen, so gibt diese Beziehung einerseits 
dem Staate selbst die religiöse Beglaubigung; anderer- 
seits bleibt ihm das Recht und die Form der selbst- 
bewußten, objektiven Vernünftigkeit, das Recht, sie 
geltend zu machen und gegen Behauptungen, die aus 
der subjektiven Gestalt der Wahrheit entspringen, mit 
welcher Versicherung und Autorität sie sich auch 
umgebe, zu behaupten. Weil das Prinzip seiner Form 
als Allgemeines wesentlich der Gedanke ist, so ist es 
auch geschehen, daß von seiner Seite die Freiheit 
des Denkens und der Wissenschaft ausgegangen 
ist (und eine Kirche hat vielmehr den Jordanus Bruno 
verbrannt, den Galilei wegen der Darstellung des 
kopernikanischen Sonnensystems auf den Knien Ab- 
bitte tun lassen u. s. f.) *). Auf seiner Seite hat darum 



*) Laplace, Darstellung des "\Velts5-stenis, V. Buch. 
4. Kap. „Da Gralilei die Entdeckungen (zu denen ihm das 
Teleskop verhalf, die Lichtgestalten der Venus u. s. f.) bekannt 
machte, zeigte er zugleich, daß sie die Bewegungen der Erde 
unwidersprechlich be\nesen. Aber die Vorstellung dieser Be- 
wegung wurde durch eine Versammlung der Kardinäle für ketze- 
risch erklärt, Galilei, ihr berühmtester A'ert eidiger, vor das 
Inquisitiousgericht gefordert und genötigt, sie zu widerrufen, um 
einem harten Gefängnis zu entgehen. — Bei dem Manne von Geist 
ist die Leidenschaft für die Wahrheit eine der stärksten Leiden- 
schaften. Galilei, durch seine eigenen Beobachtungen von 
der Bewegung der Erde überzeugt, dachte lange Zeit auf ein 



Der Staat. A. Das inuere Staatsrecht. §270. 217 

auch die Wissenschaft ihre Stelle; denn sie hat das- 
selbe Element der Form als der Staat, sie hat den 
Zweck des Erkennens, und zwar der gedachten ob- 
jektiven Wahrheit und Vernünftigkeit. Das denkende 
Erkennen kann zwar auch aus der Wissenschaft in das 
Meinen und in das Räsonnieren aus Gründen herunter- 
fallen, sich auf sittliche Gegenstände und die Staats- 
organisation wendend in Widerspruch gegen deren Grund- 
sätze sich setzen, und dies etwa auch mit denselben 
Prätensionen, als die Kirche für ihr Eigentümliches 
macht, auf dies Meinen als auf Vernunft und das Recht 
des subjektiven Selbstbewußtseins, in seiner Meinung 
und Überzeugung frei zu sein. Das Prinzip dieser Sub- 
jektivität des Wissens ist oben (§ 140 Anm.) betrachtet 



neues Werk, worin er alle Beweise dafür zu entwickeln sich vor- 
genommen hatte. Aber um sich zugleich der Verfolgung zu ent- 
ziehen, dereu Opfer er hätte werden müssen, wählte er die Aus- 
kunft, sie in der Form von Dialogen zwischen drei Personen 
darzustellen; man sieht wohl, daß der Vorteil auf der Seite des 
A'erteidigers des kopernikanischen Systems war; da aber Galilei 
nicht zwischen ihnen entschied und den Einwürfen der Anhänger 
des Ptolemäus so viel Gewicht gab, als nur möglich war, so durfte 
er wohl erwarten, im Genüsse der Ruhe, die sein hohes Alter 
und seine Arbeiten verdienten, nicht gestört zu werden. Er 
wurde in seinem siebzigsten Jahre aufs neue vor das Inquisitions- 
tribunal gefordert; man schloß ihn in ein Gefängnis ein, wo man 
eine zweite Widerrufung seiner Meinungen von ihm forderte, 
unter Andi'ohung der für die wieder abgefallenen Ketzer be- 
stimmten Strafe. Man ließ ihn folgende Abschwörungsformel 
unterschreiben: „Ich Galilei, der ich in meinem siebzigsten 
Jahre mich persönlich vor dem Gerichte eingefunden, auf den 
Knien liegend, und die Augen auf die heiligen Evangelien, die 
ich mit meinen Händen berühre, gerichtet, schwöre ab, verfluche 
und verwünsche mit redlichem Herzen und wahrem Glauben die 
Ungereimtheit, Falschheit und Ketzerei der Lehre von der Be- 
wegung der Erde u. s. f." Welch ein Anblick war das, einen ehr- 
würdigen Greis, berühmt durch ein langes, der Erforschung der 
Natur einzig gewidmetes Leben, gegen das Zeugnis seines eigenen 
Gewissens die Wahrheit, die er mit Überzeugungskraft erwiesen 
hatte, auf den Knien abschwören zu sehen. Ein Urteil der In- 
quisition verdammte ihn zu immerwährender Gefangenschaft. Ein 
Jahr hernach wurde er, auf die Verwendung des Großherzogs 
von Florenz, in Freiheit gesetzt. — Er starb 1642. Seinen Ver- 
lust betrauerte Europa, das durch seine Arbeiten erleuchtet und 
über das von einem verhaßten Tribunale gegen einen so großen 
Mann gefällte Urteil aufgebracht war." 



218 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

worden; hierher gehört nur die Bemerkung, daß nach 
einer Seite der Staat gegen das Meinen, — eben insofern 
es nur Meinung, ein subjektiver inlialt ist und darum, es 
spreize sich noch so hoch auf, keine wahre Kraft und 
Gewalt in sich hat, — ebenso wie die Maler, die sich auf 
ihrer Palette an die drei Grunlfarben halten, gegen 
die Schulweisheit von den sieben Grundfarben, eine 
unendliche Gleichgültigkeit ausüben kann. Nach der 
anderen Seite aber hat der Staat gegen dies Meinen 
schlechter Grundsätze, indem es sich zu einem all- 
gemeinen und die Wirklichkeit anfressenden Dasein 
macht, ohnehin insofern der Formalismus der unbedingten 
Subjektivität den wissenschaftlichen Ausgangspunkt zu 
seinem Grunde nehmen und die Lehrveranstaltungen 
des Staates selbst zu der Prätension einer Kirche gegen 
ihn erheben und kehren wollte, die objektive Wahrheit 
und die Grundsätze des sittlichen Lebens in Schutz zu 
nehmen, sowie er im ganzen gegen die, eine unbeschränkte 
und unbedingte Autorität ansprechende, Kirchs um- 
gekehrt das formelle Recht des Selbstbewui3tseins an die 
eigene Einsicht, Überzeugung und überhaupt Denken 
dessen, v/as als objektive Wahrheit gelten soll, geltend 
zu machen hat. 

Die Einheit des Staates und der Kirche, eine 
auch in neuen Zeiten viel besprochene und als höchstes 
Ideal aufgestellte Bestimmung kann noch erwähnt werden. 
Wenn die wesentliche Einheit derselben die der Wahrheit 
der Grundsätze und Gesinnung ist, so ist ebenso wesent- 
lich, daß mit dieser Einlieit der Unterschied, den sie 
in der Form ihres Bewußtseins haben, zur besonderen 
Existenz gekommen sei. Im orientalischen Despotis- 
mus ist jene so oft gewünschte Einheit der Kirche und 
des Staates, aber damit ist der Staat nicht vorhanden, 
— nicht die selbstbewußte, des Geistes allein würdige 
Gestaltung in Kecht, freier Sittlichkeit und organischer 
Entwickelung. — Damit ferner der Staat als die sich 
wissende, sittliche Wirklichkeit des Geistes zum Dasein 
komme, ist seine Unterscheidung von der Form der 
Autorität und des Glaubens notwendig; diese Unterschei- 
dung tritt aber nur hervor, insofern die kirchliche Seite 
in sich selbst zur Trennung kommt; nur so, über den 
besonderen Kirchen, hat der Staat die Allgemein- 
heit des Gedankens, das Prinzip seiner Form, gewonnen 
und bringt sie zur Existenz; um dies zu erkennen, muß 



DerSttiat. A. Das innere Staatsrecht. §271—272. 219 

man wissen, nicht nur was die Allgemeinheit an sich, 
sondern was ihre Existenz ist. Es ist daher so weit 
gefehlt, daß für den Staat die kirchliche Trennung ein 
Unglück wäre oder gewesen wäre, daß er nur durch 
sie hat werden können, was seine Bestimmung ist, die 
selbstbewußte Vernünftigkeit und Sittlichkeit. Ebenso 
ist es das Glücklichste, was der Kirche für ihre eigene 
und was dem Gedanken für seine Freiheit und Vernünf- 
tigkeit hat widerfahren können. 

§ 271. 

Die politische Verfassung ist fürs erste: die Organi- 
sation des Staates und der Prozeß seines organischen Lebens 
in Beziehung auf sich selbst, in welcher er seine Mo- 
mente innerhalb seiner selbst unterscheidet und sie zum 
Bestehen entfaltet. 

Zweitens ist er als eine Individualität ausschlie- 
ßendes Eins, welches sich damit zu anderen verhält, 
seine Unterscheidung also nach außen kehrt und nach 
dieser Bestimmung seine bestehenden Unterschiede inner- 
halb seiner selbst in ihrer Idealität setzt. 

1. Innere Terfassuiig: für sieli. 

§ 272. 

Die Verfassung ist vernünftig, insofern der Staat seine 
Wirksamkeit nach der Natur des Begriffs in sich 
unterscheidet und bestimmt, und zwar so, daß jede 
dieser Gewalten selbst in sich die Totalität dadurch 
ist, daß sie die anderen Momente in sich wirksam hat und 
enthält, und daß sie, weil sie den Unterschied des Begriffs 
ausdrücken, schlechthin in seiner Idealität bleiben und 
nur ein individuelles Ganzes ausmachen. 

Es ist über Verfassung wie über die Vernunft selbst 
in neueren Zeiten unendlich viel Geschwätze, und zwar 
in Deutschland das schalste durch diejenigen in die Welt 
gekommen, welche sich überredeten, es am besten und 
selbst mit Ausschluß aller anderen und am ersten der 
Regierungen zu verstehen, was Verfassung sei, und die 
unabweisliche Berechtigung darin zu haben meinten, daß 
die Religion und die Frömmigkeit die Grundlage aller 
dieser ihrer Seichtigkeiten sein sollte. Es ist kein 
Wunder, wenn dieses Geschwätze die Folge gehabt hat, 
daß vernünftigen Männern die Worte Vernunft, Auf- 



220 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

klärung, Recht u. s. f. wie Verfassung und Freiheit ekel- 
haft geworden sind, und man sich schämen möchte, noch 
über politische Verfassung auch mitzusprechen. Wenig- 
stens aber mag man von diesem Überdrusse die Wirkung 
hoffen, daß die Überzeugung allgemeiner werde, daß 
eine philosophische Erkenntnis solcher Gegenstände 
nicht aus dem Räsonnement, aus Zwecken, Gründen und 
Nützlichkeiten, noch viel weniger aus dem Gemüt, der 
Liebe und der Begeisterung, sondern allein aus dem 
Begriffe hervorgehen könne, und daß diejenigen, welche 
das Göttliche für unbegreiflich und die Erkenntnis des 
Wahren für ein nichtiges Unternehmen halten, sich ent- 
halten müssen, mitzusprechen. Was sie aus ihrem Ge- 
müte und ihrer Begeisterung an unverdautem Gerede 
oder an Erbaulichkeit hervorbringen, beides kann we- 
nigstens nicht die Prätension auf philosophische Be- 
achtung machen. 

Von den kursierenden Vorstellungen ist in Beziehung 
auf den § 269 die von der notwendigen Teilung der 
Gewalten des Staates zu erwähnen, — einer höchst 
wichtigen Bestimmung, welche mit Recht, wenn sie näm- 
lich in ihrem wahren Sinne genommen worden wäre, 
als die Garantie der öffentlichen Freiheit betrachtet 
werden konnte, — einer Vorstellung, von welcher aber 
gerade die, welche aus Begeisterung und Liebe zu 
sprechen meinen, nichts wissen und nichts wissen wollen; 
— denn in ihr ist es eben, wo das Moment der vernünf- 
tigen Bestimmtheit liegt. Das Prinzip der Teilung 
der Gewalten enthält nämlich das wesentliche Moment 
des Unterschiedes, der realen Vernünftigkeit; aber 
wie es der abstrakte Verstand faßt, liegt darin teils 
die falsche Bestimmung der absoluten Selbständig- 
keit der Gewalten gegeneinander, teils die Einseitig- 
keit, ihr Verhältnis zu einander als ein Negatives, als 
gegenseitige Beschränkung aufzufassen. In dieser 
Ansicht wird es eine Feindseligkeit, eine Angst vor jeder, 
was jede gegen die andere als gegen ein Übel hervor- 
bringt, mit der Bestimmung, sich ihr entgegenzusetzen 
und durch diese Gegengewichte ein allgemeines Gleich- 
gewicht, aber nicht eine lebendige Einheit zu bewirken. 
Nur die Selbstbestimmung des Begriffs in sich, nicht 
irgend andere Zwecke und Nützlichkeiten, ist es, welche 
den absoluten Ursprung der unterschiedenen Gewalten 
enthält, und um derentwillen allein die Staats-Ürgani- 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 273. 221 

sation als das in sich Vernünftige und das Abbild der 
ewigen Vernunft ist, — Wie der Begriff, und dann in 
konkreter Weise die Idee sich an ihnen selbst bestimmen 
und damit ihre Momente abstrakt der Allgemeinheit, Be- 
sonderheit und Einzelnheit setzen, ist aus der Logik, 
— freilich nicht der sonst gäng und gäben — zu er- 
kennen. Überhaupt das Negative zum Ausgangspunkt 
zu nehmen, und das Wollen des Bösen und das Mißtrauen 
dagegen zum Ersten zu machen, und von dieser Voraus- 
setzung aus nun pfiffigerweise Dämme auszuklügeln, die 
Einheit als eine Wirksamkeit nur gegenseitiger Dämme zu 
begreifen, charakterisiert dem Gedanken nach den ne- 
gativen Verstand und der Gesinnung nach die An- 
sicht des Pöbels. (S. oben § 244.) — Mit der Selb- 
ständigkeit der Gewalten, z. B. der, wie sie genannt 
worden sind, exekutiven und der gesetzgebenden 
Gewalt, ist, wie man dies auch im großen gesehen hat, 
die Zertrümmerung des Staats unmittelbar gesetzt oder, 
insofern der Staat sich wesentlich erhält, der Kampf, 
daß die eine Gewalt die andere unter sich bringt, da- 
durch zunächst die Einheit, wie sie sonst beschaffen 
sei, bewirkt und so allein das Wesentliche, das Bestehen 
des Staates rettet. 

§ 273. 

Der politische Staat dirimiert sich somit in die sub- 
stantiellen Unterschiede: 

a) der Gewalt, das Allgemeine zu bestimmen und fest- 
zusetzen, — der gesetzgebenden Gewalt, 

■ b) der Subsumtion der besonderen Sphären und ein- 
zelnen Fälle unter das Allgemeine, — der Regierungs- 
gewalt, 

c) der Subjektivität als der letzten Willensentscheidung, 
der fürstlichen Gewalt, — in der die unterschiedenen 
Gewalten zur individuellen Einheit zusammengefaßt sind, 
die also die Spitze und der Anfang des Ganzen, — der 
konstitutionellen Monarchie, ist. 

Die Ausbildung des Staats zur konstitutionellen Mo- 
narchie ist das Werk der neueren Welt, in welcher die 
substantielle Idee die unendliche Form gewonnen hat. 
Die Geschichte dieser Vertiefung des Geistes der Welt 
in sich, oder was dasselbe ist, diese freie Ausbildung, 
in der die Idee ihre Momente — und nur ihre Momente^ 



222 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

sind es — als Totalitäten aus sich entläßt und sie eben 
damit in der idealen Einheit des Begriffs enthält, als 
worin die reelle Vernünftigkeit besteht, — die Geschichte 
dieser wahrhaften Gestaltung des sittlichen Lebens ist 
die Sache der allgemeinen Weltgeschichte. 

Die alte Einteilung der Verfassungen in Monarchie, 
Aristokratie und Demokratie hat die noch unge- 
trennte substantielle Einheit zu ihrer Grundlage, 
welche zu ihrer inneren Unterscheidung (einer ent- 
wickelten Organisation in sich) und damit zur Tiefe und 
konkreten Vernünftigkeit noch nicht gekommen 
ist. Für jenen Standpunkt der alten Welt ist daher diese 
Einteilung die wahre und richtige; denn der Unterschied 
als an jener noch substantiellen, nicht zur absoluten Ent- 
faltung in sich gediehenen Einheit ist wesentlich ein 
äußerlicher und erscheint zunächst als Unterschied 
^der Anzahl (Encykl. der Phil. § 82)*) derjenigen, in 
welchen jene substantielle Einheit immanent sein soll. 
Diese Formen, welche auf solche Weise verschiedenen 
Ganzen angehören, sind in der konstitutionellen Mo- 
narchie zu Momenten herabgesetzt; der Monarch ist 
einer; mit der Regierungsgewalt treten einige und 
mit der gesetzgebenden Gewalt tritt die Vielheit über- 
haupt ein. Aber solche bloß quaiiiitative Unterschiede 
sind, wie gesagt, nur oberflächlich und geben nicht den 
Begriff der Sache an. Es ist gleichfalls nicht passend, 
wenn in neuerer Zeit soviel vom demokratischen, aristo- 
kratischen Elemente in der Monarchie gesprochen 
worden ist; denn diese dabei gemeinten Bestimmungen, 
eben insofern sie in der Monarchie stattfinden, sind 
nicht mehr Demokratisches und Aristokratisches. — Es 
gibt Vorstellungen von Verfassungen, wo nur das Ab- 
straktum von Staat oben hingestellt ist, welches re- 
giere und befehle, und es unentschieden gelassen und 
als gleichgültig angesehen wird, ob an der Spitze dieses 
Staates einer oder mehrere oder alle stehen. — „Alle 
diese Formen," sagt so Fichte in s. Naturrecht, 1. T. 
S. 196, [§ 16] „sind, wenn nur ein Ephorat, (ein von ihm 
erfundenes, sein sollendes Gegengewicht gegen die oberste 
Gewalt)**) vorhanden ist, rechtsgemäß und können allge- 

*rin crer 3. Aufl.. § 132 (Phil. Bibl. Bd. 33. S. 139 f.). 
**) Vgl. Hegel, Über die wissenschaftlichen Behandlungs- 
arten des Naturrechts, Krit. Journ. der Phil., 2. Bd. 2 St., Tü- 
bingen 1802, S. 52flF. (Wwe. 1. Band., S. 3t)5f.). 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 273. 223 

meines Recht im St-aate hervorbringen und erhalten." 

— Eine solche Ansicht (wie auch jene Erfindung eines 
Ephorats) stammt aus der vorhin bemerkten Seichtig- 
keit des Begriffes vom Staate. Bei einem ganz einfachen 
Zustande der Gesellschaft haben diese Unterschiede frei- 
lich wenig oder keine Bedeutung, wie denn Moses in 
seiner Gesetzgebung für den Fall, daß das Volk einen 
König verlange, vv^eiter keine Abänderung der Institu- 
tionen, sondern nur für den König das Gebot hinzufügt. 
daß seine Kavallerie, seine Frauen und sein Gold und 
Silber nicht zahlreich sein solle (5. B. Mose 17, 16 ff.). 

— Man kann übrigens in einem Siane allerdings sager., 
daß auch für die Idee jene drei Formen (die monar- 
chische mit eingeschlossen in der beschränkten Be- 
deutung nämlich, in der sie neben die aristokratische 
und demokratische gestellt wird) gleichgültig sind, 
aber in dem entgegengesetzten Sinne, weil sie insgesamt 
der Idee in ihrer vernünftigen Entwickelung (§ 272) 
nicht gemäß sind und diese in keiner derselben ihr 
Recht und Wirklichkeit erlangen könnte. Deswegen ist 
es auch zur ganz müßigen Frage geworden, welche die 
vorzüglichste unter ihnen wäre; — von solchen Formen 
kann nur historischer Weise die Rede sein. ■ — Sonst 
aber muß man auch in diesem Stücke, wie in so vielen 
anderen, den tiefen Blick Montesquieus in seiner be- 
rühmt gewordenen Angabe der Prinzipien dieser Regie- 
rungsformen anerkennen, aber diese Angabe, um ihre 
Richtigkeit anzuerkennen, nicht mißverstehen. Bekannt- 
lich gab er als Prinzip der Demokratie die Tugend 
an; denn in der Tat beruht solche Verfassung auf der 
Gesinnung als der nur substantiellen Form, in v;elcher 
die Vernünftigkeit des an und für sich seienden Willens 
in ihr noch existiert. Wenn Montesquieu aber hinzu- 
fügt, daß England im siebzehnten Jahrhundert das 
schöne Schauspiel gegeben habe, die Anstrengungen^ eine 
Demokratie zu errichten, als unmächtig zu zeigen, da die 
Tugend in den Führern gemangelt habe, — und wenn 
er ferner hinzusetzt, daß wenn die Tugend in der Re- 
publik verschwindet, der Ehrgeiz sich derer, deren Ge- 
müt desselben fähig ist, und die Habsucht sich aller 
bemächtigt, und der Staat alsdann, eine allgemeine Beute, 
seine Stärke nur in der Macht einiger Individuen und in 
der Ausgelassenheit aller habe, — so ist darüber zu 
bemerken, daß bei einem ausgebildeteren Zustande der 



224 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

Gesellschaft und bei der Entwickelung und dem Frei- 
werden der Mächte der Besonderheit, die Tugend 
der Häupter des Staats unzureichend und eine andere 
Form des vernünftigen Gesetzes, als nur die der Ge- 
sinnung erforderlich wird, damit das Ganze die Kraft, 
sich zusammenzuhalten und den Kräften der entwickelten 
Besonderheit ihr positives wie ihr negatives Recht an- 
gedeihen zu lassen, besitze. Gleicherweise ist das Miß- 
verständnis zu entfernen, als ob damit, daß in der de- 
mokratischen Republik die Gesinnung der Tugend die 
substantielle Form ist, in der Monarchie diese Gesinnung 
für entbehrlich oder gar für abwesend erklärt, und 
vollends als ob Tugend und die in einer gegliederten 
Organisation gesetzlich bestimmte Wirksamkeit ein- 
ander entgegengesetzt und unverträglich wäre. — Daß 
in der Aristokratie die Mäßigung das Prinzip sei, 
bringt die hier beginnende Abscheidung der öffentlichen 
Macht und des Privatinteresses mit sich, welche zugleich 
sich so unmittelbar berühren, daß diese Verfassung in 
sich auf dem Sprunge steht, unmittelbar zum härtesten 
Zustande der Tyrannei oder Anarchie (man sehe die 
römische Geschichte) zu werden und sich zu vernichten. 
— Daß Montesquieu die Ehre als das Prinzip der Mo- 
narchie erkennt, daraus ergibt sich für sich schon, 
daß er nicht die patriarchalische oder antike überhaupt, 
noch die zu objektiver Verfassung gebildete, sondern 
die Feudal-Monarchie und zwar insofern die Verhält- 
nisse ihres inneren Staatsrechts zu rechtlichem Privat- 
eigentume und Privilegien von Individuen und Korpo- 
rationen befestigt sind, versteht. Indem in dieser Ver- 
fassung das Staatsleben auf privilegierter Persönlich- 
keit beruht, in deren Belieben ein großer Teil dessen 
gelegt ist, was für das Bestehen des Staates getan 
werden muß, so ist das Objektive dieser Leistungen nicht 
auf Pflichten, sondern auf Vorstellung und Mei- 
nung gestellt, somit statt der Pflicht nur die Ehre das, 
was den Staat zusammenhält. 

Eine andere Frage bietet sich leicht dar: wer die 
Verfassung machen soll? Diese Frage scheint deut- 
lich, zeigt sich aber bei näherer Betrachtung sogleich 
sinnlos. Denn sie setzt voraus, daß keine Verfassung 
vorhanden, somit ein bloßer atomistischer Haufen von 
Individuen beisammen sei. Wie ein Haufen, ob durch 
sich oder andere, durch Güte, Gedanken oder Gewalt, 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 274—275. 225 

ZU einer Verfassung kommen würde, müßte ihm über- 
lassen bleiben, denn mit einem Haufen hat es der Begriff 
nicht zu tun. — Setzt aber jene Frage schon eine vor- 
handene Verfassung voraus, so bedeutet das Machen 
nur eine Veränderung, und die Voraussetzung einer Ver- 
fassung enthält es unmittelbar selbst, daß die Ver- 
änderung nur auf verfassungsmäßigem Wege geschehen 
könne. — Überhaupt aber ist es schlechthin wesentlich, 
daß die Verfassung, obgleich in der Zeit hervorgegangen, 
nicht als ein Gemachtes angesehen werde; denn sie 
ist vielmehr das schlechthin an und für sich Seiende, 
das darum als das Göttliche und Beharrende, und als 
über der Sphäre dessen, was gemacht wird, zu be- 
trachten ist. 

§274. 

Da der Geist nur als das wirklich ist, als was er sich 
weiß, und der Staat, als Geist eines Volkes, zugleich das 
alle seine Verhältnisse durchdringende Gesetz, die 
Sitte und das Bewußtsein seiner Individuen ist, so hängt 
die Verfassung eines bestimmten Volkes überhaupt von der 
Weise und Bildung des Selbstbewußtseins desselben ab; 
in diesem liegt seine subjektive Freiheit, und damit die 
Wirklichkeit der Verfassung. 

Einem Volke eine, wenn auch ihrem Inhalte nach 
mehr oder weniger vernünftige Verfassung a priori 
geben zu wollen, — dieser Einfall übersähe gerade 
das Moment, durch welches sie mehr als ein Gedanken- 
ding wäre. Jedes Volk hat deswegen die Verfassung, 
die ihm angemessen ist und für dasselbe gehört. 

a) Die fürstliche Gewalt. 
§ 275. 
Die fürstliche Gewalt enthält selbst die drei Momente 
der Totalität in sich (§ 272), die Allgemeinheit der 
Verfassung und der Gesetze, die Beratung als Beziehung 
des Besonderen auf das Allgemeine, und das Moment 
der letzten Entscheidung als der Selbstbestimmung, 
in welche alles Übrige zurückgeht, und wovon es den 
Anfang der Wirklichkeit nimmt. Dieses absolute Selbst- 
bestimmen macht das unterscheidende Prinzip der fürst- 
lichen Gewalt als solcher aus, welches zuerst zu ent- 
wickeln ist. 

Hegel, Rechtsphilosophie. 15 



226 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

§ 276. 

1. Die Grundbestimmung des politischen Staats ist die 
substantielle Einheit als Idealität seiner Momente, in 
welcher a) die besonderen Gewalten und Geschäfte des- 
selben ebenso aufgelöst als erhalten, und nur so erhalten 
sind, als sie keine unabhängige, sondern allein eine solche 
und so weit gehende Berechtigung haben, als in der Idee 
des Ganzen bestimmt ist, — von seiner Macht ausgehen und 
flüssige Glieder desselben als ihres einlachen Selbsts sind. 

§277. 

ß) Die besonderen Geschäfte und Wirksamkeiten des 
Staats sind als die wesentlichen Momente desselben ihm 
eigen, und an die Individuen, durch welche sie gehand- 
habt und betätigt werden, nicht nach deren unmittelbarer 
Persönlichkeit, sondern nur nach ihren allgemeinen und 
objektiven Qualitäten geknüpft und daher mit der be- 
sonderen Persönlichkeit als solcher, äußerlicher- und zu- 
fälligerweise verbunden. Die Staatsgeschäfte und Gewalten 
können daher nicht Privateigentum sein. 

§ 278. 

Diese beiden Bestimmungen, daß die besonderen Ge- 
schäfte und Gewalten des Staats weder für sich, noch in 
dem besonderen Willen von Individuen selbständig und 
fest sind, sondern in der Einheit des Staats als ihrem ein- 
fachen Selbst ihre letzte Wurzel haben, macht die Sou- 
veränetät des Staats aus. 

Dies ist die Souveränetät nach innen, sie hat 
noch eine andere Seite, die nach außen, s, unten. — 
In der ehemaligen Feudalmonarchie war der Staat 
wohl nach außen, aber nach innen war nicht etwa nur 
der Monarch nicht, sondern der Staat nicht souverän. 
Teils waren (vergl. § 273 Anm.) die besonderen Geschäfte 
und Gewalten des Staats und der bürgerlichen Gesell- 
schaft in unabhängigen Korporationen und Gemeinden 
verfaßt, das Ganze daher mehr ein Aggregat als ein 
Organismus, teils waren sie Privateigentum von Indi- 
viduen, und damit was von denselben in Rücksicht auf 
das Ganze getan werden sollte, in deren Meinung und 
Belieben gestellt, — Der Idealismus, der die Sou- 
veränetät ausmacht, ist dieselbe Bestimmung, nach welcher 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 278. 227 

im animalischen Organismus die sogenannten Teile des- 
selben nicht Teile, sondern Glieder, organische Momente 
sind, und deren Isolieren und Für-sich-bestehen die Krank- 
heit ist (s. Encykl, der phil. Wissensch. § 293) i), das- 
selbe Prinzip, das im abstrakten Begriffe des Willens 
(s, folg. § Anm.) als die sich auf sich beziehende Negati- 
vität und damit zur Einzelnheit sich bestimmende 
Allgemeinheit vorkam (§ 7), in welcher alle Besonderheit 
und Bestimmtheit eine aufgehobene ist, der absolute 
sich selbst bestimmende Grund; um sie zu fassen, muß 
man überhaupt den Begriff dessen, was die Substanz und 
die wahrhafte Subjektivität des Begriffes ist, inne haben. 
— Weil die Souveränetät die Idealität aller besonderen 
Berechtigung ist, so liegt der Mißverstand nahe, der 
auch sehr gewöhnlich ist, sie für bloße Macht und leere 
\Villkür, und Souveränetät für gleichbedeutend mit Despo- 
tismus zu nehmen. Aber der Despotismus bezeichnet 
überhaupt den Zustand der Gesetzlosigkeit, wo der be- 
sondere Wille als solcher, es sei nun eines Monarchen 
oder eines Volks (Ochlokratie), als Gesetz oder viel- 
mehr statt des Gesetzes gilt, da hingegen die Souveräne- 
tät gerade im gesetzlichen, konstitutionellen Zustande 
das Moment der Idealität der besonderen Sphären und 
Geschäfte ausmacht, daß nämlich eine solche Sphäre 
nicht ein Unabhängiges, in ihren Zwecken und Wirkungs- 
weisen Selbständiges und sich nur in sich Vertiefendes, 
sondern in diesen Zwecken und Wirkungsweisen vom 
Zwecke des Ganzen (den man im allgemeinen mit 
einem unbestimmteren Ausdrucke das Wohl des Staats 
genannt hat) bestimmt und abhängig sei. Diese Idealität 
kommt auf die gedoppelte Weise zur Erscheinung. — 
Im friedlichen Zustande gehen die besonderen Sphären 
und Geschäfte den Gang der Befriedigung ihrer be- 
sonderen Geschäfte und Zwecke fort, und eß ist teils 
nur die Weise der bewußtlosen Notwendigkeit der 
Sache, nach welcher ihre Selbstsucht in den Beitrag 
zur gegenseitigen Erhaltung und zur Erhaltung des 
Ganzen umschlägt (s, § 183), teils aber ist es die 
direkte Einwirkung von oben, wodurch sie sowohl 
zu dem Zwecke des Ganzen fortdauernd zurückgeführt 
und danach beschränkt (s. Regierungsgewalt § 289), als 
angehalten werden, zu dieser Erhaltung direkte Leistun- 

In der 3. Aufl. § 371 (Phil. Bibl. Bd. 33, S. 327 f.). 

15* 



228 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter AbBchnitt. 

gen zu machen; — im Zustande der Not aber, es sei 
innerer oder äußerlicher, ist es die Souveränetät, in 
deren einfachen Begriff der dort in seinen Besonder- 
heiten bestehende Organismus zusammengeht, und welcher 
die Rettung des Staats mit Aufopferung dieses sonst 
Berechtigten anvertraut ist, wo denn jener Idealismus 
zu seiner eigentümlichen Wirklichkeit kommt (s. unten 
§ 321). 

§279. 

2. Die Souveränetät, zunächst nur der allgemeine 
Gedanke dieser Idealität, existiert nur als die ihrer selbst 
gewisse Subjektivität und als die abstrakte, insofern 
grundlose Selbstbestimmung des Willens, in welcher 
das Letzte der Entscheidung liegt. Es ist dies das Indi- 
viduelle des Staats als solches, der selbst nur darin einer 
ist. Die Subjektivität aber ist in ihrer Wahrheit nur als 
Subjekt, die Persönlichkeit nur als Person, und in der 
zur reellen Vernünftigkeit gediehenen Verfassung hat jedes 
der drei Momente des Begriffes seine für sich wirk- 
liche ausgesonderte Gestaltung, Dies absolut entschei- 
dende Moment des Ganzen ist daher nicht die Individualität 
überhaupt, sondern ein Individuum, der Monarch. 

Die immanente Entwickelung einer Wissenschaft, die 
Ableitung ihres ganzen Inhalts aus dem einfachen 
Begriffe ( — sonst verdient eine Wissenschaft wenig- 
stens nicht den Namen einer philosophischen Wissen- 
schaft — ) zeigt das Eigentümliche, daß der eine und 
derselbe Begriff, hier der Wille, der anfangs, weil es 
der Anfang ist, abstrakt ist, sich erhält, aber seine 
Bestimmungen und zwar ebenso nur durch sich selbst 
verdichtet und auf diese Weise einen konkreten Inhalt 
gewinnt. So ist es das Grundmoment der zuerst im 
unmittelbaren Rechte abstrakten Persönlichkeit, welches 
sich durch seine verschiedenen Formen von Subjektivität 
fortgebildet hat, und hier im absoluten Rechte, dem 
Staate, der vollkommen konkreten Objektivität des 
Willens, die Persönlichkeit des Staats ist, seine 
Gewißheit seiner selbst — dieses Letzte, was alle 
Besonderheiten in dem einfachen Selbst aufhebt, das 
Abwägen der Gründe und Gegenstände, zwischen denen 
sich immer herüber und hinüber schwanken läßt, ab- 
bricht, und sie durch das: Ich will, beschließt, und 
alle Handlung und Wirklichkeit anfängt. — Die Person- 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 279. 229 

lichkeit und die Subjektivität überhaupt hat aber ferner, 
als unendliches sich auf sich Beziehendes, schlechthin 
nur Wahrheit und zwar seine nächste unmittelbare 
Wahrheit als Person, für sich seiendes Subjekt, und 
das für sich Seiende ist ebenso schlechthin Eines. Die 
Persönlichkeit des Staates ist nur als eine Person, der 
Monarch, wirklich. — Persönlichkeit drückt den Begriff 
als solchen aus, die Person enthält zugleich die Wirk- 
lichkeit desselben, und der Begriff ist nur mit dieser 
Bestimmung Idee, Wahrheit. — Eine sogenannte mora- 
lische Person, Gesellschaft, Gemeinde, Familie, so kon- 
kret sie in sich ist, hat die Persönlichkeit nur als 
Moment, abstrakt in ihr; sie ist darin nicht zur Wahr- 
heit ihrer Existenz gekommen. Der Staat aber ist eben 
diese Totalität, in welcher die Momente des Begriffs 
zur Wirklichkeit nach ihrer eigentümlichen Wahrheit 
gelangen. — Alle diese Bestimmungen sind schon für 
sich und in ihren Gestaltungen im ganzen Vorlauf dieser 
Abhandlung erörtert, aber hier darum wiederholt worden, 
weil man sie zwar in ihren besonderen Gestaltungen 
leicht zugibt, aber da sie gerade nicht wiedererkennt 
und auffaßt, wo sie in ihrer wahrhaften Stellung, nicht 
vereinzelt, sondern nach ihrer Wahrheit, als Momente 
der Idee vorkommen. — Der Begriff des Monarchen 
ist deswegen der schwerste Begriff für das Räsonnement, 
d. h. für die reflektierende Verstandesbetrachtung, weil 
es in den vereinzelten Bestimmungen stehen bleibt und 
darum dann auch nur Gründe., endliche Gesichtspunkte 
und das Ableiten aus Gründen kennt. So stellt es 
dann die Würde des Monarchen als etwas nicht nur 
der Form, sondern ihrer Bestimmung nach Abgeleitetes 
dar; vielmehr ist sein Begriff, nicht ein Abgeleitetes, 
sondern das schlechthin aus sich Anfangende zu 
sein. Am nächsten trifft daher hiermit die Vorstellung 
zu, das Recht des Monarchen als auf göttliche Autorität 
gegründet zu betrachten, denn darin ist das Unbedingte 
desselben enthalten. Aber es ist bekannt, welche Miß- 
verständnisse sich hieran geknüpft haben, und die Auf- 
gabe der philosophischen Betrachtung ist, eben dies 
Göttliche zu begreifen. 

Volkssouveränetät kann in dem Sinn gesagt 
werden, daß ein Volk überhaupt nach außen ein Selb- 
ständiges sei und einen eigenen Staat ausmache wie 
das Volk von Großbritannien, aber das Volk von Eng- 



230 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

land oder Schottland, Irland, oder von Venedig, Genua, 
Ceylon u. s. f. kein souveränes Volk mehr sei, seitdem 
sie aufgehört haben, eigene Fürsten oder oberste Re- 
gierungen für sich zu haben. — Man kann so auch 
von der Souveränetät nach innen sagen, daß sie 
im Volke residiere, wenn man nur überhaupt vom 
Ganzen spricht, ganz so wie vorhin (§ 277, 278) ge- 
zeigt ist, daß dem Staate Souveränetät zukomme. Aber 
Volkssouveränetät als im Gegensatze gegen die im 
Monarchen existierende Souveränetät genommen, 
ist der gewöhnliche Sinn, in welchem man in neueren 
Zeiten von Volkssouveränetät zu sprechen angefangen 
hat, — in diesem Gegensatze gehört die Volkssouveränetät 
zu den verworrenen Gedanken, denen die wüste Vor- 
stellung des Volkes zugrunde liegt. Das Volk, ohne 
seinen Monarchen und die eben damit notwendig und 
unmittelbar zusammenhängende Gegliederung des 
Ganzen genommen, ist die formlose Masse, die kein 
Staat mehr ist und der keine der Bestimmungen, die 
nur in dem in sich geformten Ganzen vorhanden 
sind, — Souveränetät, Regierung, Gerichte, Obrigkeit, 
Stände und was es sei, — mehr zukommt. Damit daß solche 
auf eine Organisation, das Staatsleben, sich beziehende 
Momente in einem Volke hervortreten^ hört es auf, dies 
unbestimmte Abstraktum zu sein, das in der blol3 all- 
gemeinen Vorstellung Volk heißt, — Wird unter der 
Volkssouveränetät die Form der Republik und zwar be- 
stimmter der Demokratie verstanden (denn unter Re- 
publik begreift man sonstige mannigfache empirische 
Vermischungen, die in eine philosophische Betrachtung 
ohnehin nicht gehören), so ist teils oben (bei § 273 in 
der Anmerkung) das Nötige gesagt, teils kann gegen 
die entwickelte Idee nicht mehr von solcher Vorstellung 
die Rede sein. — In einem Volke, das weder als ein 
patriarchalischer Stamm, noch in dem unentwickelten 
Zustande, in welchem die Formen der Demokratie oder 
Aristokratie möglich sind (s. Anm. ebend.), noch sonst 
in einem willkürlichen und unorganischen Zustande vor- 
gestellt, sondern als eine in sich entwickelte, wahrhaft 
organische Totalität gedacht wird, ist die Souveränetät 
als die Persönlichkeit des Ganzen, und diese in der ihrem 
Begriffe gemäßen Realität, als die Person des Mo- 
narchen. 

Auf der vorhin bemerkten Stufe, auf welcher die 



Der Staat. A. Das inuere Staatsrecht. § 279. 231 

Einteilung der Veriassungen in Demokratie, Aristokratie 
und Monarchie gemacht worden ist, dem Standpunkte 
der noch in sich bleibenden substantiellen Einheit, die 
noch nicht zu ihrer unendlichen Unterscheidung und 
Vertiefung in sich gekommen ist, tritt das Moment der 
letzten sich selbst bestimmenden Willensent- 
scheidung nicht als immanentes organisches Moment 
des Staats für sich in eigentümliche Wirklichkeit 
heraus. Immer muß zwar auch in jenen unausgebil- 
deteren Gestaltungen des Staats eine individuelle Spitze, 
entweder wie in den dahin gehörenden Monarchien für 
sich vorhanden sein, oder wie in den Aristokratien, 
vornehmlich aber in den Demokratien, sich in den Staats- 
männern, Feldherren, nach Zufälligkeit und dem be- 
sonderen Bedürfnis der Umstände erheben; denn alle 
Handlung und Wirklichkeit hat ihren Anfang und ihre 
Vollführung in der entschiedenen Einheit eines An- 
führers. Aber eingeschlossen in die gediegen bleibende 
Vereinung der Gewalten, muß solche Subjektivität des 
Entscheidens teils ihrem Entstehen und Hervortreten 
nach zufällig, teils überhaupt untergeordnet sein; nicht 
anderswo daher als jenseits solcher bedingten Spitzen 
konnte das unvermischte, reine Entscheiden, ein von 
außen her bestimmendes Fatum, liegen. Als Moment 
der Idee miußte es in die Existenz treten, aber außerhalb 
der menschlichen Freiheit und ihres Kreises, den der 
Staat befaßt, wurzelnd. — Hier liegt der Ursprung des 
Bedürfnisses, von Orakeln, dem Dämon (beim So- 
krates), aus Eingeweiden der Tiere, dem Fressen und 
Fluge der Vögel U.S. f. die letzte Entscheidung über die 
großen Angelegenheiten und für die wichtigen Momente 
des Staats zu holen — eine Entscheidung, welche die 
Menschen, noch nicht die Tiefe des Selbstbewußtseins 
erfassend, und aus der Gediegenheit der substantiellen 
Einheit zu diesem Fürsichsein gekommen, noch nicht 
innerhalb des menschlichen Seins zu sehen die Stärke 
hatten. — Im Dämon des Sokrates (vergl. oben § 138) 
können wir den Anfang sehen, daß der sich vorher 
nur jenseits seiner selbst versetzende Wille sich in 
sich verlegte und sich innerhalb seiner erkannte, — 
der Anfang der sich wissenden und damit wahrhaften 
Freiheit. Diese reelle Freiheit der Idee, da sie eben 
dies ist, jedem der Momente der Vernünftigkeit seine 
eigene, gegenwärtige, selbstbewußte Wirklichkeit zu 



232 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

geben, ist es, welche somit die letzte sich selbst be- 
stimmende Gewißheit, die die Spitze im Begriffe des 
Willens ausmacht, der Funktion eines Bewußtseins zu- 
teilt. Diese letzte Selbstbestimmung kann aber nur in- 
sofern in die Sphäre der menschlichen Freiheit fallen, 
als sie die Stellung der für sich abgesonderten, 
über alle Besonderung und Bedingung erhabenen 
Spitze hat; denn nur so ist sie nach ihrem Begriffe 
wirklich. 

§ 280. 

3. Dieses letzte Selbst des Staatswillens ist in dieser 
seiner Abstraktion einfach und daher unmittelbare 
Einzelnheit; in seinem Begriffe selbst liegt hiermit die 
Bestimmung der Natürlichkeit; der Monarch ist daher 
wesentlich als dieses Individuum, abstrahiert von allem 
anderen Inhalte, und dieses Individuum auf unmittelbare 
natürliche Weise, durch die natürliche Geburt, zur Würde 
des Monarchen bestimmt. 

Dieser Übergang vom Begriff der reinen Selbst- 
bestimmung in die Unmittelbarkeit des Seins und damit 
in die Natürlichkeit ist rein spekulativer Natur, seine 
Erkenntnis gehört daher der logischen Philosophie an. 
Es ist übrigens im ganzen derselbe Übergang, welcher 
als die Natur des Willens überhaupt bekannt und der 
Prozeß ist, einen Inhalt aus der Subjektivität (als vor- 
gestellten Zweck) in das Dasein zu übersetzen (§ 8). 
Aber die eigentümliche Form der Idee und des Über- 
ganges, der hier betrachtet wird, ist das unmittelbare 
Umschlagen der reinen Selbstbestimmung des Willens 
(des einfachen Begriffes selbst) in ein Dieses und natür- 
liches Dasein, ohne die Vermittelung durch einen be- 
sonderen Inhalt — (einen Zweck im Handeln). — Im 
sogenannten ontologischen Beweise vom Dasein 
Gottes ist es dasselbe Umschlagen des absoluten Be- 
griffes in das Sein, was die Tiefe der Idee in der 
neueren Zeit ausgemacht hat, was aber in der neuesten 
Zeit für das Unbegreifliche ausgegeben worden ist, 
— wodurch man denn, weil nur die Einheit des Begriffs 
imd des Daseins (§ 23) die Wahrheit ist, auf das Er- 
kennen der Wahrheit Verzicht geleistet hat. Indem 
das Bewußtsein des Verstandes diese Einheit nicht in 
sich hat und bei der Trennung der beiden Momente 
der Wahrheit stehen bleibt, gibt es etwa bei diesem 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 281. 233 

Gegenstande noch einen Glauben an jene Einheit zu. 
Aber indem die Vorstellung des Monarchen als dem 
gewöhnlichen Bewußtsein ganz anheimfallend angesehen 
wird, so bleibt hier um so mehr der Verstand bei seiner 
Trennung und den daraus fließenden Ergebnissen seiner 
räsonnierenden Gescheitheit stehen und leugnet dann, daß 
das Moment der letzten Entscheidung im Staate an und 
für sich (d. i. im Vernunftbegriff) mit der unmittel- 
baren Natürlichkeit verbunden sei; woraus zunächst die 
Zufälligkeit dieser Verbindung, und indem die ab- 
solute Verschiedenheit jener Momente als das Vernünf- 
tige behauptet wird, weiter die Unvernünftigkeit solcher 
Verbindung gefolgert wird, so daß hieran sich die 
anderen, die Idee des Staates zerrüttenden, Konsequenzen 
knüpfen. 

§281. 

Beide Momente in ihrer ungetrennten Einheit, da^ 
letzte grundlose Selbst des Willens und die damit ebenso 
grundlose Existenz, als der Natur anheimgestellte Be- 
stimmung, — diese Idee des von der Willkür Unbewegten 
macht die Majestät des Monarchen aus. In dieser Ein- 
heit liegt die wirkliche Einheit des Staats, welche nur 
durch diese ihre innere und äußere Unmittelbarkeit, 
der Möglichkeit, in die Sphäre der Besonderheit, deren 
Willkür, Zwecke und Ansichten herabgezogen zu werden, 
dem Kampf der Faktionen gegen Faktionen um den Thron, 
und der Schv/ächung und Zertrümmerung der Staatsgewalt 
entnommen ist. 

Geburts- und Erbrecht machen den Grund der Legi- 
timität als Grund nicht eines bloß positiven Rechts, 
sondern zugleich in der Idee aus. — Daß durch die 
festbestimmte Thronfolge, d. i. die natürliche Succession, 
bei der Erledigung des Throns den Faktionen vorgebeugt 
ist, ist eine Seite, die mit Recht für die Erblichkeit des- 
selben längst geltend gemacht worden ist. Diese Seite 
ist jedoch nur Folge, und zum Grunde gemacht zieht 
sie die Majestät in die Sphäre des Räsonnements her- 
unter und gibt ihr, deren Charakter diese grundlose 
Unmittelbarkeit und dies letzte Insichsein ist, nicht die 
ihr immanente Idee des Staates, sondern etwas außer 
ihr, einen von ihr verschiedenen Gedanken, etwa das 
Wohl des Staates oder Volkes zu ihrer Begründung. 
Aus solcher Bestimmung kann wohl die Erblichkeit 



23-i Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschuitt. 

durch medios terminos gefolgert werden; sie läßt aber 
auch andere medios terminos und damit andere Konse- 
quenzen zu, — und es ist nur zu bekannt, welche Konse- 
quenzen aus diesem \Vohl des Volkes (salut du peuple) 
gezogen worden sind. — Deswegen darf auch nur die 
Philosophie diese Majestät denkend betrachten, denn jede 
andere Weise der Untersuchung als die spekulative der 
unendlichen, in sich selbst begründeten Idee, hebt an und 
für sich die Natur der Majestät auf. — Das Wahl- 
reich scheint leicht die natürlichste Vorstellung zu 
sein, d. h. sie liegt der Seichtigkeit des Gedankens 
am nächsten; weil es die Angelegenheit und das Inter- 
esse des Volks sei, das der Monarch zu besorgen habe, 
so müsse es auch der Wahl des Volkes überlassen 
bleiben, wen es mit der Besorgung seines Wohls be- 
auftragen wolle, und nur aus dieser Beauftragung ent- 
stehe das Recht zur Regierung. Diese Ansicht, wie 
die Vorstellungen vom Monarchen als oberstem Staats- 
beamten, von einem Vertragsverhältnisse zwischen dem- 
selben und dem Volke u. s. f. geht von dem Willen als 
Belieben, Meinung und Willkür der Vielen aus, ■ — 
einer Bestimmung, die, wie längst betrachtet worden, 
in der bürgerlichen Gesellschaft als erste gilt, oder 
vielmehr sich nur geltend machen will, aber weder das 
Prinzip der Familie, noch weniger des Staats ist, über- 
haupt der Idee der Sittlichkeit entgegensteht. — Daß 
das Wahlreich vielmehr die schlechteste der Institu- 
tionen ist, ergibt sich schon für das Räsonnement aus 
den Folgen, die für dasselbe übrigens nur als etwas 
Mögliches und Wahrscheinliches erscheinen, in der 
Tat aber wesentlich in dieser Institution liegen. Die 
Verfassung wird nämlich in einem Wahlreich durch die 
Natur des Verhältnisses, daß in ihm der partikuläre 
Wille zum letzten Entscheidenden gemacht ist, zu einer 
Wahlkapitulation, d. h. zu einer Ergebung der Staats- 
gewalt auf die Diskretion des partikulären Willens, 
woraus die Verwandlung der besonderen Staatsgewalten 
in Privateigentum, die Schwächung und der Verlust der 
Souveränetät des Staats, und damit seine innere Auf- 
lösung und äußere Zertrümmerung hervorgeht. 

§ 282. 

Aus der Souveränetät des Monarchen fließt das Be- 
gnadigungsrecht der Verbrecher, denn ihr nur kommt 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 283—284. 235 

die Verwirklichung der Macht des Geistes zu, das Ge- 
schehene ungeschehen zu machen und im Vergeben und 
Vergessen das Verbrechen zu vernichten. 

Das Begnadigungsrecht ist eine der höchsten An- 
erkennungen der Majestät des Geistes. — Dies Recht 
gehört übrigens zu den Anwendungen oder Reflexen der 
Bestimmungen der höheren Sphäre auf eine vorher- 
gehende. — Dergleichen Anwendungen aber gehören der 
besonderen Wissenschaft an, die ihren Gegenstand in 
seinem empirischen Umfange abzuhandeln hat (vergl. 
§ 270 Anm. [S. 209]). — Zu solchen Anwendungen ge- 
hört auch, daß die Verletzungen des Staats überhaupt, 
oder der Souveränetät, Majestät und der Persönlichkeit 
des Fürsten, unter den Begriff des Verbrechens, der 
früher (§ 95 bis 102) vorgekommen ist, subsumiert, und 
zwar als die höchsten Verbrechen, [sowie] die besondere 
Verfahrungsart [dagegen] u. s. f. bestimmt werden. 

§283. 

Das zweite in der Fürstengewalt Enthaltene ist das 
Moment der Besonderheit, oder des bestimmten Inhalts 
und der Subsumtion desselben unter das Allgemeine. In- 
sofern es eine besondere Existenz erhält, sind es oberste 
beratende Stellen und Individuen, die den Inhalt der vor- 
kommenden Staatsangelegenheiten oder der aus vorhan- 
denen Bedürfnissen nötig werdenden gesetzlichen Bestim- 
mungen mit ihren objektiven Seiten, den Entscheidungs- 
gründen, darauf sich beziehenden Gesetzen, Umständen 
u. s. 1 zur Entscheidung vor den Monarchen bringen. Die 
Erwählung der Individuen zu diesem Geschäfte wie deren 
Entfernung fällt, da sie es mit der unmittelbaren Person 
des Monarchen zu tun haben, in seine unbeschränkte 
Willkür. 

§ 284. 

Insofern das Objektive der Entscheidung, die Kennt- 
nis des Inhalts und der Umstände, die gesetzlichen und 
andere Bestimmungsgründe, allein der Verantwortung, 
d. i. des Beiweises der Objektivität fähig ist und daher einer 
von dem persönlichen Willen des Monarchen als solchem 
unterschiedenen Beratung zukommen kann, sind diese be- 
ratenden Stellen oder Individuen allein der Verantwortung 



236 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

unterworfen; die eigentümliche Majestät des Monarchen, 
als die letzte entscheidende Subjektivität, ist aber über alle 
Verantwortlichkeit für die Regierungshandlungen erhoben. 

§ 285. 

Das dritte Moment der fürstlichen Gewalt betrifft 
das an und für sich Allgemeine, welches in subjektiver 
Rücksicht in dem Gewissen des Monarchen, in ob- 
jektiver Rücksicht im Ganzen der Verfassung und in 
den Gesetzen besteht; die fürstliche Gewalt setzt inso- 
fern die anderen Momente voraus, wie jedes von diesen 
sie voraussetzt. 

§ 286. 

Die objektive Garantie der fürstlichen Gewalt, der 
rechtlichen Succession nach der Erblichkeit des Thrones 
u. s. f. liegt darin, daß wie diese Sphäre ihre von den anderen 
durch die Vernunft bestimmten Momenten ausgeschiedene 
Wirklichkeit hat, ebenso die anderen für sich die eigentüm- 
lichen Rechte und Pflichten ihrer Bestimmung haben; jedes 
Glied, indem es sich für sich erhält, erhält im vernünftigen 
Organismus eben damit die anderen in ihrer Eigentüm- 
lichkeit. 

Die monarchische Verfassung zur erblichen nach 
Primogenitur festbestimmten Thronfolge herausgearbeitet 
zu haben, so daß sie hiermit zum patriarchalischen 
Prinzip, von dem sie geschichtlich ausgegangen ist, aber 
in der höheren Bestimmung als die absolute Spitze eines 
organisch entwickelten Staates zurückgeführt worden, 
ist eines der späteren Resultate der Geschichte, das 
für die öffentliche Freiheit und vernünftige Verfassung 
am wichtigsten ist, obgleich es, wie vorhin bemerkt, 
wenn schon respektiert, doch häufig am wenigsten be- 
griffen wird. Die ehemaligen bloßen Feudalmonarchien, 
fiowie die Despotien zeigen in der Geschichte darum diese 
Abwechslung von Empörungen, Gewalttaten der Fürsten, 
innerlichen Kriegen, Untergang fürstlicher Individuen 
und Dynastien, und die daraus hervorgehende innere 
und äußere, allgemeine Verwüstung und Zerstörung, weil 
in solchem Zustand die Teilung des Staatsgeschäfts, 
indem seine Teile Vasallen, Paschas u. s. f. übertragen sind, 
nur mechanisch, nicht ein Unterschied der Bestimmung 
und Form, sondern nur ein Unterschied größerer oder 
geringerer Gewalt ist. So erhält und bringt jeder Teil, 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 287—288. 237 

indem er sich erhält, nur sich und darin nicht zugleich 
die anderen hervor, und hat zur unabhängigen Selb- 
ständigkeit alle Momente vollständig an ihm selbst. Im 
organischen Verhältnisse, in welchem Glieder, nicht Teile, 
sich zueinander verhalten, erhält jedes die anderen, in- 
dem es seine eigene Sphäre erfüllt; jedem ist für die 
eigene Selbsterhaltung ebenso die Erhaltung der 
anderen Glieder substantieller Zweck und Produkt. Die 
Garantien, nach denen gefragt wird, es sei für die Festig- 
keit der Thronfolge, der fürstlichen Gewalt überhaupt, 
für Gerechtigkeit, öffentliche Freiheit u. s. f., sind Siche- 
rungen durch Institutionen. Als subjektive Ga- 
rantien können Liebe des Volkes, Charakter, Eide, Ge- 
walt u. s. f. angesehen werden, aber sowie von Verfassung 
gesprochen wird, ist die Rede nur von objektiven Ga- 
rantien, den Institutionen, d. i. den organisch ver- 
schränkten und sich bedingenden Momenten. So sind 
sich öffentliche Freiheit überhaupt und Erblichkeit des 
Thrones gegenseitige Garantien und stehen im absoluten 
Zusammenhang, weil die öffentliche Freiheit die ver- 
nünftige Verfassung ist, und die Erblichkeit der fürst- 
lichen Gewalt das, wie gezeigt, in ihrem Begriffe liegende 
Moment. 

b) Die Regierungsgewalt. 

§ 287. 

Von der Entscheidung ist die Ausführung und An- 
wendung der fürstlichen Entscheidungen, überhaupt das 
Fortführen und Imstandeerhalten des bereits Entschiedenen, 
der vorhandenen Gesetze, Einrichtungen, Anstalten für ge- 
meinschaftliche Zwecke u. dergl. unterschieden. Dies Ge- 
schäft der Subsumtion überhaupt begreift die Regie- 
rungsgewalt in sich, worunter ebenso die richter- 
lichen und polizeilichen Gewalten begriffen sind, welche 
unmittelbarer auf das Besondere der bürgerlichen Gesell- 
schaft Beziehung haben und das allgemeine Interesse in 
diesen Zwecken geltend machen. 

§ 288. 

Die gemeinschaftlichen besonderen Interessen, die 
in die bürgerliche Gesellschaft fallen und außer dem an 
und für sich seienden Allgemeinen des Staates selbst 
liegen (§ 256), haben ihre Verwaltung in den Korporationen 



238 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

(§ 251) der Gemeinden und sonstiger Gewerbe und Stände, 
und deren Obrigkeiten, Vorsteher, Verwalter u. dergl. 
Insofern diese Angelegenheiten, die sie besorgen, einer- 
seits das Privateigentum und Interesse dieser be- 
sonderen Sphären sind, und nach dieser Seite ihre Auto- 
rität mit auf dem Zutrauen ihrer Standesgenossen und 
Bürgerschaften beruht, andererseits diese Kreise den 
höheren Interessen des Staates untergeordnet sein müssen, 
wird sich für die Besetzung dieser Stellen im allgemeinen 
eine Mischung von gemeiner Wahl dieser Interessenten 
und von einer höheren Bestätigung und Bestimmung er- 
geben. 

§ 289. 

Die Festhaltung des allgemeinen Staatsinter- 
esses und des Gesetzlichen in diesen besonderen Rechten 
und die Zurückführung derselben auf jenes erfordert eine 
Besorgung durch Abgeordnete der Regierungsgewalt, die 
exekutiven Staatsbeamten und die höheren bera- 
tenden, insofern kollegialisch konstituierten Behörden, 
welche in den obersten, den Monarchen berührenden Spitzen, 
zusammenlaufen. 

Wie die bürgerliche Gesellschaft der Kampfplatz des 
individuellen Privatinteresses aller gegen alle ist, so hat 
hier der Konflikt desselben gegen die gemeinschaft- 
lichen besonderen Angelegenheiten, und dieser zusammen 
mit jenem gegen die höheren Gesichtspunkte und An- 
ordnungen des Staats, seinen Sitz. Der Korporations- 
geist, der sich in der Berechtigung der besonderen 
Sphären erzeugt, schlägt in sich selbst zugleich in den 
Geist des Staates um, indem er an dem Staate das Mittel 
der Erhaltung der besonderen Zwecke hat. Dies ist das 
Geheimnis des Patriotismus der Bürger nach dieser Seite, 
daß sie den Staat als ihre Substanz wissen, weil er ihre 
besonderen Sphären, deren Berechtigung und Autorität 
wie deren Wohlfahrt, erhält. In dem Korporationsgeist, 
da er die Einwurzelung des Besonderen in das 
Allgemeine unmittelbar enthält, ist insofern die 
Tiefe und die Stärke des Staates, die er in der Gesin- 
nung hat. 

Die Verwaltung der Korporations-Angelegenheiten 
durch ihre eigenen Vorsteher wird, da sie zwar ihre 
eigentümlichen Interessen und Angelegenheiten, aber un- 



• Der Staat. A . Das innere Staatsrecht. §290—291. 239 

vollständiger den Zusammenhang der entfernteren Be- 
dingungen und die allgemeinen Gesichtspunkte kennen 
und vor sich haben, häufig ungeschickt sein — außer- 
dem daß weitere Umstände dazu beitragen, z. B. die nahe 
Privat-Berührung und sonstige Gleichheit der Vorsteher 
mit den ihnen untergeordnet sein Sollenden, ihre mannig- 
fachere Abhängigkeit u. s. f. Diese eigene Sphäre kann 
aber als dem Moment der formellen Freiheit über- 
lassen angesehen werden, wo das eigene Erkennen, Be- 
schließen und Ausführen, sowie die kleinen Leiden- 
schaften und Einbildungen einen Tummelplatz haben, sich 
zu ergehen, — und dies um so mehr, je weniger der 
Gehalt der Angelegenheit, die dadurch verdorben, we- 
niger gut, mühseliger u. s. f. besorgt wird, für das All- 
gemeinere des Staates von Wichtigkeit ist, und je mehr 
die mühselige oder törichte Besorgung solcher gering- 
fügiger Angelegenheit in direktem Verhältnisse mit der 
Befriedigung und Meinung von sich steht, die daraus 
geschöpft wird. 

§ 290. 

In dem Geschäfte der Regierung findet sich gleich- 
falls die Teilung der Arbeit (§ 198) ein. Die Orga- 
nisation der Behörden hat insofern die formelle, aber 
schwierige Aufgabe, daß von unten, wo das bürgerliche 
Leben konkret ist, dasselbe auf konkrete Weise regiert 
werde, daß dies Geschäft aber in seine abstrakten Zweige 
geteilt sei, die von eigentümlichen Behörden als unter- 
schiedenen Mittelpunkten behandelt werden, deren Wirk- 
samkeit nach unten, sowie in der obersten Regierungs- 
gewalt in eine konkrete Übersicht wieder zusammenlaufe. 

§29L 

Die Regierungsgeschäfte sind objektiver, für sich 
ihrer Substanz nach bereits entschiedener Natur (§ 287) 
und durch Individuen zu vollführen und zu verwirklichen. 
Zwischen beiden liegt keine unmittelbare natürliche Ver- 
knüpfung; die Individuen sind daher nicht durch die na- 
türliche Persönlichkeit und die Geburt dazu bestimmt. Für 
ihre Bestimmung zu denselben ist das objektive Moment 
die Erkenntnis und der Erweis ihrer Befähigung, — ein 
Erweis, der dem Staate sein Bedürfnis, und als die einzige 
Bedingung zugleich jedem Bürger die Möglichkeit, sich 
dem allgemeinen Stande zu widmen, sichert. 



240 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

§ 292. 

Die subjektive Seite, daß dieses Individuum aus meh- 
reren, deren es, da hier das Objektive nicht (wie z. B. bei 
der Kunst) in Genialität liegt, notwendig unbestimmt 
mehrere gibt, unter denen der Vorzug nichts absolut Be- 
stimmbares ist, zu einer Stelle gewählt und ernannt und 
zur Führung des öffentlichen Geschäfts bevollmächtigt 
wird, diese Verknüpfung des Individuums und des Amtes, 
als zweier für sich gegeneinander immer zufälligen Seiten, 
kommt der fürstlichen als der entscheidenden und souve- 
ränen Staatsgewalt zu, 

§ 293. 

Die besonderen Staatsgeschäfte, welche die Monarchie 
den Behörden übergibt, machen einen Teil der objektiven 
Seite der dem Monarchen innewohnenden Souveränetät aus; 
ihr bestimmter Unterschied ist ebenso durch die Natur 
der Sache gegeben; und wie die Tätigkeit der Behörden 
eine Pflichterfüllung, so ist ihr Geschäft auch ein der 
Zufälligkeit entnommenes Recht. 

§294. 

Das Individuum, das durch den souveränen Akt (§ 292) 
einem amtlichen Berufe verknüpft ist, ist auf seine Pflicht- 
erfüllung, das Substantielle seines Verhältnisses, als Be- 
dingung dieser Verknüpfung angewiesen, in welcher es 
als Folge dieses substantiellen Verhältnisses das Ver- 
mögen und die gesicherte Befriedigung seiner Besonder- 
heit (§ 264) und Befreiung seiner äußeren Lage und Amts- 
tätigkeit von sonstiger subjektiver Abhängigkeit und Ein- 
fluß findet. 

Der Staat zählt nicht auf willkürliche, beliebige Lei- 
stungen (eine Rechtspflege z. B., die von fahrenden 
Rittern ausgeübt wurde), eben weil sie beliebig und 
willkürlich sind, und sich die Vollführung der Leistungen 
nach subjektiven Ansichten, ebenso wie die beliebige 
Nichtleistung und die Ausführung subjektiver Zwecke 
vorbehalten. Das andere Extrem zum fahrenden Ritter 
wäre in Beziehung auf den Staatsdienst das des Staats- 
bedienten, der bloß nach der Not, ohne wahrhafte Pflicht 
und ebenso ohne Recht seinem Dienste verknüpft wäre. 
— Der Staatsdienst fordert vielmehr die Aufopferung 



Der Staat. A. Das innere Staatsreclit. § 295. 241 

selbständiger und beliebiger Befriedigung subjektiver 
Zwecke, und gibt eben damit das Recht, sie in der pflicht- 
mäßigen Leistung, aber nur in ihr zu finden. Hierin 
liegt nach dieser Seite die Verknüpfung des allgemeinen 
und besonderen Interesses, welche den Begriff und die 
innere Festigkeit des Staates ausmacht (§ 260). — Das 
Amtsverhältnis ist gleichfalls kein Vertrags Verhältnis 
(§ 75), obgleich ein gedoppeltes Einwilligen und ein 
Leisten von beiden Seiten vorhanden ist. Der Bedienstete 
ist nicht für eine einzelne zufällige Dienstleistung be- 
rufen, wie der Mandatarius, sondern legt das Haupt- 
interesse seiner geistigen und besonderen Existenz in 
dies Verhältnis. Ebenso ist es nicht eine ihrer Qualität 
nach äußerliche, nur besondere Sache, die er zu leisten 
hätte und die ihm anvertraut wäre; der Wert einer 
solchen ist als Inneres von ihrer Äußerlichkeit ver- 
schieden und wird bei der Nichtleistung des Stipulierten 
noch nicht verletzt (§ 77). Was aber der Staatsdiener 
zu leisten hat, ist wie es unmittelbar ist, ein Wert an 
und für sich. Das Unrecht durch Nichtleistung oder 
positive Verletzung (dienstwidrige Handlung, und beides 
ist eine solche) ist daher Verletzung des allgemeinen In- 
halts selbst (vergl. § 95, ein negativ unendliches Urteil), 
desvv'egen Vergehen oder auch Verbrechen. — Durch 
die gesicherte Befriedigung des besonderen Bedürfnisses 
ist die äußere Not gehoben, welche, die Mittel dazu auf 
Kosten der Amtstätigkeit und Pflicht zu suchen, ver- 
anlassen kann. In der allgemeinen Staatsgewalt finden 
die mit seinen Geschäften Beauftragten Schutz gegen 
die andere subjektive Seite, gegen die Privatleiden- 
schaiten der Regierten, deren Privatinteresse u. s. f. 
durch das Geltendmachen des Allgemeinen dagegen be- 
leidigt wird. 

§ 295. 

Die Sicherung des Staates und der Regierten gegen 
den Mißbrauch der Gewalt von selten der Behörden und 
ihrer Beamten liegt einerseits unmittelbar in ihrer Hie- 
rarchie und Verantwortlichkeit, andererseits in der Be- 
rechtigung der Gemeinden, Korporationen, als wodurch 
die Einmischung subjektiver Willkür in die den Beamten 
anvertraute Gewalt für sich gehemmt und die in das einzelne 
Benehmen nicht reichende Kontrolle von oben, von unten 
ergänzt wird. 

Hegel, Rechtsphilosopkie. \Q 



242 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

Im Benehmen und in der Bildung der Beamten liegt 
der Punkt, wo die Gesetze und Entscheidungen der Re- 
gierung die Einzelnheit berühren und in der Wirklich- 
keit geltend gemacht werden. Dies ist somit die Stelle, 
von welcher die Zufriedenheit und das Zutrauen der 
Bürger zur Regierung, sowie die Ausführung oder Schwä- 
chung und Vereitelung ihrer Absichten nach der Seite 
abhängt, daß die Art und Weise der Ausführung von 
der Empfindung und Gesinnung leicht so hoch ange- 
schlagen wird als der Inhalt des Auszuführenden selbst, 
der schon für sich eine Last enthalten kann. In der 
Unmittelbarkeit und Persönlichkeit dieser Berührung 
liegt es, daß die Kontrolle von oben von dieser Seite un- 
vollständiger ihren Zweck erreicht, der auch an dem ge- 
meinschaftlichen Interesse der Beamten als eines gegen 
die Untergebenen und gegen die Oberen sich zusammen- 
schließenden Standes, Hindernisse finden kann, deren 
Beseitigung insbesondere bei etwa sonst noch unvoll- 
kommeneren Institutionen, das höhere Eingreifen der 
Souveränetät (wie z. B. Friedrichs II. in der berüchtigt- 
gemachten Müller Arnoldschen Sache) erfordert und be- 
rechtigt. 

§ 296. 

Daß aber die Leidenschaftslosigkeit, Rechtlichkeit und 
Milde des Benehmens Sitte werde, hängt teils mit der 
direkten sittlichen und Gedankenbildung zusammen, 
welche dem, was die Erlernung der sogenannten Wissen- 
schaften der Gegenstände dieser Sphären, die erforder- 
liche Geschäftseinübung, die wirkliche Arbeit u. s. f. von 
Mechanismus u. dergl. in sich hat, das geistige Gleich- 
gewicht hält; teils ist die Größe des Staat« ein Haupt- 
moment, wodurch sowohl das Gewicht von Familien- und 
anderen Privatverbindungen geschwächt, als auch Rache, 
Haß und andere solche Leidenschaften ohnmächtiger und 
damit stumpfer werden; in der Beschäftigung mit den in 
dem großen Staate vorhandenen großen Interessen gehen 
für sich diese subjektiven Seiten unter und erzeugt sich 
die Gewohnheit allgemeiner Interessen, Ansichten und Ge- 
schäfte. 

§ 297. 

Die Mitglieder der Regierung und die Staatsbeamten 
machen den Hauptteil des Mittelstandes aus, in welchen 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 298-299. 243 

die gebildete Intelligenz und das rechtliche Bewußtsein der 
Masse eines Volkes fällt. Daß er nicht die isolierte Stel- 
lung einer Aristokratie nehme, und Bildung und Geschick- 
lichkeit nicht zu einem Mittel der Willkür und einer Herren- 
schaft werde, wird durch die Institutionen der Souveränetät 
von oben herab und der Korporationsrechte von unten 
herauf bewirkt. 

So hatte sich vormals die Rechtspflege, deren Objekt 
das eigentümliche Interesse aller Individuen ist, dadurch, 
daß die Kenntnis des Rechts sich in Gelehrsamkeit und 
fremde Sprache und die Kenntnis des Rechtsganges in 
verwickelten Formalismus verhüllte, in ein Instrument 
des Gewinns und der Beherrschung verwandelt. 

c) Die gesetzgebende Gewalt. 

§ 298. 

Die gesetzgebende Gewalt betrifft die Gesetze 
als solche, insofern sie weiterer Fortbestimmung bedürfen, 
und die ihrem Inhalte nach ganz allgemeinen inneren An- 
gelegenheiten. Diese Gewalt ist selbst ein Teil der Ver- 
fassung, welche ihr vorausgesetzt ist und insofern an und 
für sich außer deren direkten Bestimmung liegt, aber in 
der Fortbildung der Gesetze und in dem fortschreitenden 
Charakter der allgemeinen Regierungsangelegenheiten ihre 
weitere Entwickelung erhält. 

§ 299. 

Diese Gegenstände bestimmen sich in Beziehung auf 
die Individuen näher nach den zwei Seiten: a) was durch 
den Staat ihnen zugute kommt, und sie zu genießen und 
ß) was sie demselben zu leisten haben. Unter jenem sind 
die privatrechtlichen Gesetze überhaupt, die Rechte der 
Gemeinden und Korporationen und ganz allgemeine Ver- 
anstaltungen und indirekt (§ 298) das Ganze der Ver- 
fassung begriffen. Das zu Leistende aber kann nur, in- 
dem es auf Geld, als den existierenden allgemeinen Wert 
der Dinge und der Leistungen, reduziert wird, auf eine 
gerechte Weise und zugleich auf eine Art bestimmt werden, 
daß die besonderen Arbeiten und Dienste, die der Ein- 
zelne leisten kann, durch seine Willkür vermittelt werden. 
Was Gegenstand der allgemeinen Gesetzgebung und 
was der Bestimmung der Administrativ-Behörden und der 

16* 



244 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

Regulierung der Regierung überhaupt anheim zu stellen 
sei, läßt sich zwar im allgemeinen so unterscheiden, daß 
in jene nur das dem Inhalte nach ganz Allgemeine, die 
gesetzlichen Bestimmungen, in diese aber das Besondere 
und die Art und Weise der Exekution falle. Aber 
völlig bestimmt ist diese Unterscheidung schon dadurch 
nicht, daß das Gesetz, damit es Gesetz, nicht ein bloßes 
Gebot überhaupt sei (wie „du sollst nicht töten", vergl. 
mit Anm. zum § 140 S. 124), in sich bestimmt sein 
muß; je bestimmter es aber ist, desto mehr nähert sich 
sein Inhalt der Fähigkeit, so wie- es ist, ausgeführt zu 
werden. Zugleich aber würde die so weit gehende Be- 
stimmung den Gesetzen eine empirische Seite geben, 
welche in der wirklichen Ausführung Abänderungen 
unterworfen werden müßte, was dem Charakter von Ge- 
setzen Abbruch täte. In der organischen Einheit der 
Staatsgewalten liegt es selbst, daß es ein Geist ist, der 
das Allgemeine festsetzt, und der es zu seiner be- 
stimmten Wirklichkeit bringt und ausführt. — Es kann 
im Staate zunächst auffallen, daß von den vielen Ge- 
schicklichkeiten, Besitztümern, Tätigkeiten, Talenten und 
darin liegenden unendlich mannigfaltigen lebendigen 
Vermögen, die zugleich mit Gesinnung verbunden sind, 
der Staat keine direkte Leistung fordert, sondern nur 
das eine Vermögen in Anspruch nimmt, das als Geld 
erscheint. — Die Leistungen, die sich auf die Verteidi- 
gung des Staates gegen Feinde beziehen, gehören erst zu 
der Pflicht der folgenden Abteilung. In der Tat ist das 
Geld aber nicht ein besonderes Vermögen neben den 
übrigen, sondern es ist das Allgemeine derselben, in- 
sofern sie sich zu der Äußerlichkeit des Daseins pro- 
duzieren, in der sie als eine Sache gefaßt werden 
können. Nur an dieser äußerlichsten Spitze ist die 
quantitative Bestimmtheit und damit die Gerechtig- 
keit und Gleichheit der Leistungen möglich. — Plato 
läßt in seinem Staate die Individuen den besonderen 
Ständen durch die Oberen zuteilen und ihnen ihre be- 
sonderen Leistungen auflegen (vergl. § 185, Anm.); 
in der Feudalmonarchie hatten Vasallen ebenso un- 
bestimmte Dienste, aber auch in ihrer Besonderheit, 
z. B. das Richteramt u. s. f. zu leisten; die Leistungen im 
Orient, Ägypten für die unermeßlichen Architekturen 
u. s. f. sind ebenso von besonderer Qualität u. s. f. In 
diesen Verhältnissen mangelt das Prinzip der subjek- 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. §300 — 301. 245 

tiven Freiheit, daß das substantielle Tun des Indi- 
viduums, das in solchen Leistungen ohnehin seinem In- 
halte nach ein Besonderes ist, durch seinen besonderen 
Willen vermittelt sei; — ein Recht, das allein durch 
die Forderung der Leistungen in der Form des allge- 
meinen Wertes möglich, und das der Grund ist, der diese 
Verwandlung herbeigeführt hat. 

§ 300. 

In der gesetzgebenden Gewalt als Totalität sind zu- 
nächst die zwei anderen Momente wirksam, das monar- 
chische als dem die höchste Entscheidung zukommt, — 
die Regierungsgewalt als das, mit der konkreten Kennt- 
nis und Übersicht des Ganzen in seinen vielfachen Seiten 
und den darin festgewordenen wirklichen Grundsätzen, so- 
wie mit der Kenntnis der Bedürfnisse der Staatsgewalt 
insbesondere, beratende Moment, — endlich das stän- 
dische Element. 

§ 301. 

Das ständische Element hat die Bestimmung, daß 
die allgemeine Angelegenheit nicht nur an sich, sondern 
auch für sich, d. i. daß das Moment der subjektiven 
formellen Freiheit, das öffentliche Bewußtsein als 
empirische Allgemeinheit der Ansichten und Gedanken 
der Vielen, darin zur Existenz komme. 

Der Ausdruck: die Vielen (oi tioUoI) bezeichnet 
die empirische Allgemeinheit richtiger als das gäng 
und gäbe: Alle. Denn wenn man sagen wird, daß es 
sich von selbst verstehe, daß unter diesen Allen zu- 
nächst wenigstens die Kinder, Weiber u. s. f. nicht gemeint 
seien, so versteht es sich hiermit noch mehr von selbst, 
daß man den ganz bestimmten Ausdruck: Alle nicht 
gebrauchen sollte, wo es sich um noch etwas ganz Un- 
bestimmtes handelt. — Es sind überhaupt so unsäglich 
viele schiefe und falsche Vorstellungen und Redens- 
arten über Volk, Verfassung und Stände in den Umlauf 
der Meinung gekommen, daß es eine vergebliche Mühe 
wäre, sie aufführen, erörtern und berichtigen zu wollen. 
Die Vorstellung, die das gewöhnliche Bewußtsein über 
die Notwendigkeit oder Nützlichkeit der Konkurrenz von 
Ständen zunächst vor sich zu haben pflegt, ist vornehm- 
lich etwa, daß die Abgeordneten aus dem Volk oder 



246 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

gar das Volk es am besten verstehen müsse, was 
zu seinem Besten diene, und daß es den ungezweifelt 
besten Willen für dieses Beste habe. Was das erstere 
betrifft, so ist vielmehr der Fall, daß das Volk, insofern 
mit diesem Worte ein besonderer Teil der Mitglieder 
eines Staats bezeichnet ist, den Teil ausdrückt, der 
nicht weiß was er will. Zu wissen, was man will, 
und noch mehr was der an und für sich seiende Wille, 
die Vernunft, will, ist die Frucht tiefer Erkenntnis und 
Einsicht, welche eben nicht die Sache des Volks ist. 
— Die Gewährleistung, die für das allgemeine Beste 
und die öffentliche Freiheit in den Ständen liegt, findet 
sich bei einigem Nachdenken nicht in der besonderen 
Einsicht derselben — denn die höchsten Staatsbeamten 
haben notwendig tiefere und umfassendere Einsicht in 
die Natur der Einrichtungen und Bedürfnisse des Staats, 
sowie die größere Geschicklichkeit und Gewohnheit 
dieser Geschäfte und können ohne Stände das Beste 
tun, wie sie auch fortwährend bei den ständischen Ver- 
sammlungen das Beste tun müssen, — sondern sie liegt 
teils wohl in einer Zutat von Einsicht der Abgeordneten, 
vornehmlich in das Treiben der den Augen der höheren 
Stellen ferner stehenden Beamten, und insbesondere in 
dringendere und speziellere Bedürfnisse und Mängel, 
die sie in konkreter Anschauung vor sich haben, teils 
aber in derjenigen Wirkung, welche die zu erwartende . 
Zensur Vieler und zwar eine öffentliche Zensur mit sich ( 
führt, schon im voraus die beste Einsicht auf die Ge- ■ 
Schäfte und vorzulegenden Entwürfe zu verwenden und 
sie nur den reinsten Motiven gemäß einzurichten, — eine / 
Nötigung, die ebenso für die Mitglieder der Stände i 
selbst wirksam ist. Was aber den vorzüglich guten J 
Willen der Stände für das allgemeine Beste betrifft, ! 
so ist schon oben (§ 272 Anm.) bemerkt worden, daß 
es zu der Ansicht des Pöbels, dem Standpunkte des 
Negativen überhaupt gehört, bei der Regierung einen 
bösen oder weniger guten Willen vorauszusetzen; — ■ 
eine Voraussetzung, die zunächst, wenn in gleicher Form 
geantwortet werden sollte, die Rekrimination zur Folge 
hätte, daß die Stände, da sie von der Einzelnheit, dem 
Privatstandpunkt und den besonderen Interessen her- 
kommen, für diese auf Kosten des allgemeinen Inter- 
esses ihre Wirksamkeit zu gebrauchen geneigt seien, 
da hingegen die anderen Momente der Staatsgewalt schon 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 302. 2-i7 

für sich auf den Standpunkt des Staates gestellt und 
dem allgemeinen Zwecke gewidmet sind. Was hiermit 
die Garantie überhaupt betrifft, welche besonders in 
den Ständen liegen soll, so teilt auch jede andere der 
Staatsinstitutionen dies mit ihnen, eine Garantie des 
öffentlichen Wohls und der vernünftigen Freiheit zu 
sein, und es gibt darunter Institutionen, wie die Sou- 
veränetät des Monarchen, die Erblichkeit der Thronfolge, 
Gerichtsverfassung u. s. f., in welchen diese Garantie noch 
in viel stärkerem Grade liegt. Die eigentümliche Be- 
griffsbestimmung der Stände ist deshalb darin zu suchen, 
daß in ihnen das subjektive Moment der allgemeinen 
Freiheit, die eigene Einsicht und der eigene Wille der 
Sphäre, die in dieser Darstellung bürgerliche Gesell- 
schaft genannt worden ist, in Beziehung auf den 
Staat zur Existenz kommt. Daß dies Moment eine 
Bestimmung der zur Totalität entwickelten Idee ist, diese 
innere Notwendigkeit, welche nicht mit äußeren Not- 
wendigkeiten und Nützlichkeiten zu verwechseln 
ist, folgt, wie überall, aus dem philosophischen Gesichts- 
punkte. 

§ 302. 

Alsvermittelndes Organ betrachtet, stehen die Stände 
zwischen der Regierung überhaupt einerseits, und dem 
in die besonderen Sphären und Individuen aufgelösten 
Volke andererseits, Ihre Bestimmung fordert an sie so 
sehr den Sinn und die Gesinnung des Staats und 
der Regierung als der Interessen der besonderen 
Kreise und der Einzelnen, Zugleich hat diese Stellung 
die Bedeutung einer mit der organisierten Regierungs- 
gewalt gemeinschaftlichen Vermittelung, daß weder die 
fürstliche Gewalt als Extrem isoliert und dadurch als 
bloße Herrschergewalt und Willkür erscheine, noch daß 
die besonderen Interessen der Gemeinden, Korporationen 
und der Individuen sich isolieren, oder noch mehr, daß 
die Einzelnen nicht zur Darstellung einer Menge und eines 
Haufens, zu einem somit unorganischen Meinen und 
Wollen, und zur bloß massenhaften Gewalt gegen den 
organischen Staat kommen. 

Es gehört zu den v/ichtigsten logischen Einsichten, 
daß ein bestimmtes Moment, das als im Gegensatze 
stehend die Stellung eines Extrems hat, es dadurch 
zu sein aufhört und organisches Mom.ent ist, daß es 



248 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

zugleich Mitte ist. Bei dem hier betrachteten Gegen- 
stand ist es um so wichtiger, diese Seite herauszuheben, 
weil es zu den häufigen, aber höchst gefährlichen Vor- : 
urteilen gehört, Stände hauptsächlich im Ge.3ichtspunkte j 
des Gegensatzes gegen die Regierung, als ob dies | 
ihre wesentliche Stellung wäre, vorzustellen. Organisch, 
d. i. in die Totalität aufgenommen, beweist sich das ; 
ständische Element nur durch die Funktion der Ver- | 
mittelung. Damit ist dpr Gegensatz selbst zu einem i 
Schein herabgesetzt. Wenn er, insofern er seine Er- 
scheinung hat, nicht bloß die Oberfläche beträfe, sondern 
wirklich ein substantieller Gegensatz würde, so wäre 
•der Staat in seinem Untergange begriffen. — Das i 
Zeichen, daß der Widerstreit nicht dieser Art ist, er- i 
gibt sich der Natur der Sache nach dadurch, wenn die ' 
Gegenstände desselben nicht die wesentlichen Elemente ' 
des Staatsorganismus, sondern speziellere und gleich- ' 
gültigere Dinge betreffen, und die Leidenschaft, die 
sich doch an diesen Inhalt knüpft, zur Parteisucht um 
ein bloß subjektives Interesse, etwa um die höheren 
Staatsstellen, wird. 

§ 303. 

Der allgemeine, näher dem Dienst der Regie- 
rung sich widmende Stand hat unmittelbar in seiner Be- 
stimmung, das Allgemeine zum Zwecke seiner wesentlichen 
Tätigkeit zu haben; in dem ständischen Elemente der 
gesetzgebenden Gewalt kommt der Privatstand zu einer 
politischen Bedeutung und Vürksamkeit. Derselbe 
kann nun dabei weder als bloße ungeschiedene Masse, 
noch als eine in ihre Atome aufgelöste Menge erscheinen, 
sondern als das, was er bereits ist, nämlich unterschieden 
in den auf das substantielle Verhältnis, und in den auf 
die besonderen Bedürfnisse und die sie vermittelnde Arbeit 
sich gründenden Stand (§ 201 ff.). Nur so knüpft sich 
in dieser Rücksicht wahrhaft das im Staate wirkliche 
Besondere an das Allgemeine an. 

Dies geht gegen eine andere gangbare Vorstellung, 
daß, indem der Privatstand zur Teilnahme an der all- 
gemeinen Sache in der gesetzgebenden Gewalt erhoben 
wird, er dabei in Form der Einzelnen erscheinen müsse, 
sei es, daß sie Stellvertreter für diese Funktion wählen, 
oder daß gar selbst jeder eine Stimme dabei exerzieren 
solle. Diese atomistische, abstrakte Ansicht verschwindet 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 304, 249 

schon in der Familie wie in der bürgerlichen Gesell- 
schaft, wo der Einzelne nur als Mitglied eines All- 
gemeinen zur Erscheinung kommt. Der Staat aber ist 
wesentlich eine Organisation von solchen Gliedern, die 
für sich Kreise sind, und in ihm soll sich kein Moment 
als eine unorganische Menge zeigen. Die Vielen als 
Einzelne, was man gerne unter Volk versteht, sind wohl 
ein Zusammen, aber nur als die Menge, — eine 
formlose Masse, deren Bewegung und Tun eben damit 
nur elementarisch, vernunftlos, wild und fürchterlich 
wäre. Wie man in Beziehung auf Verfassung noch 
vom Volke, dieser unorganischen Gesamtheit, sprechen 
hört, so kann man schon zum voraus wissen, daß man 
nur Allgemeinheiten und schiefe Deklamationen zu er- 
warten hat, ■ — Die Vorstellung, welche die in jenen 
Kreisen schon vorhandenen Gemeinwesen, wo sie ins 
Politische, d. i. in den Standpunkt der höchsten kon- 
kreten Allgemeinheit eintreten, wieder in eine Menge 
von Individuen auflöst, hält eben damit das bürgerliche 
und das politische Leben voneinander getrennt, und stellt 
dieses sozusagen, in die Luft, da seine Basis nur die 
abstrakte Einzelnheit der Willkür und Meinung, somit 
das Zufällige, nicht eine an und für sich feste und 
berechtigte Grundlage sein würde. — Obgleich in 
den Vorstellungen sogenannter Theorien die Stände der 
bürgerlichen Gesellschaft überhaupt und die Stände 
in politischer Bedeutung weit . auseinander liegen, so 
hat doch die Sprache noch diese Vereinigung erhalten, 
die früher ohnehin vorhanden war. 

§ 304, 

Den in den früheren Sphären bereits vorhandenen 
Unterschied der Stände enthält das politisch-ständische Ele- 
ment zugleich in seiner eigenen Bestimmung. Seine zu- 
nächst abstrakte Stellung, nämlich des Extrems der 
empirischen Allgemeinheit gegen das fürstliche 
oder monarchische Prinzip überhaupt, — in der nur 
die Möglichkeit der Übereinstimmung, und damit 
ebenso die Möglichkeit feindlicher Entgegensetzung 
liegt, — diese abstrakte Stellung wird nur dadurch zum 
vernünftigen Verhältnisse (zum Schlüsse, vergl. Anm. 
zu § 302), daß ihre Vermittelung zur Existenz kommt. 
Wie von selten der fürstlichen Gewalt die Regierungs- 
gewalt (§ 300) schon diese Bestimmung hat, so muß auch 



250 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

von der Seite der Stände aus ein Moment derselben nach - 
der Bestimmung gekehrt sein, wesentlich als das Moment ■ 
der Mitte zu existieren. 

§ 305. 

Der eine der Stände der bürgerlichen Gesellschaft 
enthält das Prinzip, das für sich fähig ist, zu dieser poli- 
tischen Beziehung konstituiert zu werden, der Stand der 
natürlichen Sittlichkeit nämlich, der das Familienleben und, 
in Rücksicht der Subsistenz, den Grundbesitz zu seiner Basis, 
somit in Rücksicht seiner Besonderheit ein auf sich be- 
ruhendes Wollen, und die Naturbestimmung, welche das 
fürstliche Element in sich schließt, mit diesem gemein hat. 

§ 306. 

Für die politische Stellung und Bedeutung wird er 
näher konstituiert, insofern sein Vermögen ebenso un- 
abhängig vom Staatsvermögen als von der Unsicherheit 
des Gewerbes, der Sucht des Gewinns und der Veränder- 
lichkeit des Besitzes überhaupt, — wie von der Gunst 
der Regierungsgewalt so von der Gunst der Menge, und 
selbst gegen die eigene Willkür dadurch festgestellt 
ist, daß die für diese Bestimmung berufenen Mitglieder 
dieses Standes, des Rechts der anderen Bürger, teils über 
ihr ganzes Eigentum frei zu disponieren, teils es nach 
der Gleichheit der Liebe zu den Kindern, an sie übergehend 
zu wissen, entbehren; — das Vermögen wird so ein un- 
veräußerliches, mit dem Majorate belastetes Erbgut. 

§ 307. 

Das Recht dieses Teils des substantiellen Standes ist 
auf diese Weise zwar einerseits auf das Naturprinzip der 
Familie gegründet, dieses aber zugleich durch harte Auf- 
opferungen für den politischen Zweck verkehrt, womit 
dieser Stand wesentlich an die Tätigkeit für diesen Zweck 
angewiesen und gleichfalls infolge hiervon ohne die Zu- 
fälligkeit einer Wahl durch die Geburt dazu berufen 
und berechtigt ist. Damit hat er die feste, substantielle 
Stellung zwischen der subjektiven Willkür oder Zufällig- 
keit der beiden Extreme, und wie er (s, vorherg. §) ein 
Gleichnis des Moments der fürstlichen Gewalt in sich trägt, 
so teilt er auch mit dem anderen Extreme die im übrigen 
gleichen Bedürfnisse und gleichen Rechte, und wird so 
zugleich Stütze des Thrones und der Gesellschaft. 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 308. 251 

§ 308. 

In den anderen Teil des ständischen Elements fällt 
die bewegliche Seite der bürgerlichen Gesellschaf t, 
die äiißerlich wegen der Menge ihrer Glieder, wesentlich 
aber wegen der Natur ihrer Bestimmung und Beschäf- 
tigung, nur durch Abgeordnete eintreten kann. Insofern 
diese von der bürgerlichen Gesellschaft abgeordnet werden, 
liegt es unmittelbar nahe, daß dies diese tut als das, 
was sie ist, — somit nicht als in die Einzelnen atomistisch 
aufgelöst und nur für einen einzelnen und temporären 
Akt sich auf einen Augenblick ohne weitere Haltung ver- 
sammelnd, sondern als in ihre ohnehin konstituierten Ge- 
nossenschaften, Gemeinden und Korporationen gegliedert, 
welche auf diese Weise einen politischen Zusammenhang 
erhalten. In ihrer Berechtigung zu solcher von der fürst- 
lichen Gewalt aufgerufenen Abordnung, wie in der Be- 
rechtigung des ersten Standes zur Erscheinung (§ 307) 
findet die Existenz der Stände und ihrer Versammlung 
eine konstituierte, eigentümliche Garantie. 

Daß alle einzeln an der Beratung und Beschließung 
über die allgemeinen Angelegenheiten des Staates An- 
teil haben sollen, weil diese Alle Mitglieder des Staates, 
und dessen Angelegenheiten die Angelegenheiten aller 
sind, bei denen sie mit ihrem Wissen und Willen zu 
sein ein Recht haben, — diese Vorstellung, welche 
das demokratische Element ohne alle vernünftige 
Form in den Staats-Organismus, der nur durch solche 
Form es ist, setzen wollte, liegt darum so nahe, weil sie 
bei der abstrakten Bestimmung, Mitglied des Staates 
zu sein, stehen bleibt, und das oberflächliche Denken 
sich an Abstraktionen hält. Die vernünftige Betrach- 
tung, das Bewußtsein der Idee, ist konkret und trifft 
insofern mit dem wahrhaften praktischen Sinne, der 
selbst nichts anderes als der vernünftige Sinn, der Sinn 
der Idee ist, zusammen, — der jedoch nicht mit bloßer 
Geschäftsroutine und dem Horizonte einer beschränkten 
Sphäre zu verwechseln ist. Der konkrete Staat ist das 
in seine besonderen Kreise gegliederte Ganze; 
das Mitglied des Staates ist ein Mitglied eines solchen 
Standes; nur in dieser seiner objektiven Bestimmung 
kann es im Staate in Betracht kommen. Seine allgemeine 
Bestimmung überhaupt enthält das gedoppelte Moment, 
Privatperson und als denkendes ebensosehr Bewußt- 



252 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

sein und Wollen des Allgemeinen zu sein; dieses Be- 
wußtsein und Wollen aber ist nur dann nicht leer, sondern 
erfüllt und wirklich lebendig, wenn es mit der Be- 
sonderheit, — und diese ist der besondere Stand und 
Bestimmung, — erfüllt ist; oder das Individuum ist Gat- 
tung, hat aber seine immanente allgemeine Wirk- 
lichkeit als nächste Gattung. — Seine \virkliche und 
lebendige Bestimmung für das Allgemeine erreicht es 
daher zunächst in seiner Sphäre der Korporation, Ge- 
meinde u. s. f, (§ 251), wobei ihm offen gelassen ist, durch 
seine Geschicklichkeit in jede, für die es sich befähigt, 
worunter auch der allgemeine Stand gehört, einzutreten. 
Eine andere Voraussetzung, die in der Vorstellung, daß 
alle an den Staatsangelegenheiten teilhaben sollen, liegt, 
daß nämlich alle sich auf diese Angelegenheiten 
verstehen, ist ebenso abgeschmackt, als man sie dessen 
ungeachtet häufig hören kann. In der öffentlichen Mei- 
nung (s. § 316) aber ist jedem der Weg offen, auch sein 
subjektives Meinen über das Allgemeine zu äußern und 
geltend zu machen. 

§ 309. 

Da die Abordnung zur Beratung und Beschließung 
über die allgemeinen Angelegenheiten geschieht, hat 
sie den Sinn, daß durch das Zutrauen solche Individuen 
dazu bestimmt werden, die sich besser auf diese An- 
gelegenheiten verstehen als die Abordnenden, wie auch, 
daß sie nicht das besondere Interesse einer Gemeinde, 
Korporation gegen das allgemeine, sondern wesentlich 
dieses geltend machen. Sie haben damit nicht das Ver- 
hältnis, kommittierte oder Instruktionen überbringende 
Mandatarien zu sein, um so weniger, als die Zusammen- 
kunft die Bestimmung hat, eine lebendige, sich gegen- 
seitig unterrichtende und überzeugende, gemeinsam be- 
ratende Versammlung zu sein. 

§310. 

Die Garantie der diesem Zweck entsprechenden Eigen- 
schaften und der Gesinnung, — da das unabhängige Ver- 
mögen schon in dem ersten Teile der Stände sein Recht 
verlangt, — zeigt sich bei dem zweiten Teile, der aus 
dem beweglichen und veränderlichen Elemente der bürger- 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. §311. 253 

liehen Gesellschaft hervorgeht, vornehmlich in der, durch 
wirkliche Geschäftsführung, in obrigkeitlichen oder 
Staatsämtern erworbenen und durch die Tat bewährten 
Gesinnung, Geschicklichkeit und Kenntnis der Einrich- 
tungen und Interessen des Staats und der bürgerlichen Ge- 
sellschaft, und dem dadurch gebildeten und erprobten 
obrigkeitlichen Sinn und Sinn des Staates. 

Die subjektive Meinung von sich findet leicht die 
Forderung solcher Garantien, wenn sie in Rücksicht auf 
das sogenannte Volk gemacht wird, überflüssig, ja selbst 
etwa beleidigend. Der Staat hat aber das Objektive, 
nicht eine subjektive Meinung und deren Selbstzutrauea 
zu seiner Bestimmung; die Individuen können nur das 
für ihn sein, was an ihnen objektiv erkennbar und 
erprobt ist, und er hat hierauf bei diesem Teile des 
ständischen Elements um so mehr zu sehen, als der- 
selbe seine Wurzel in den auf das Besondere gerichteten 
Interessen und Beschäftigungen hat, wo die Zufälligkeit, 
Veränderlichkeit und Willkür ihr Recht sich zu ergehen 
hat. — Die äußere Bedingung, ein gewisses Vermögen, 
erscheint bloß für sich genommen als das einseitige 
Extrem der Äußerlichkeit gegen das andere ebenso ein- 
seitige, das bloß subjektive Zutrauen und die Meinung 
der Wählenden. Eins wie das andere macht in seiner 
Abstraktion einen Kontrast gegen die konkreten Eigen- 
schaften, die zur Beratung von Staatsgeschäften er- 
forderlich, und die in den im § 202 angedeuteten Bestim- 
mungen enthalten sind. — Ohnehin hat bei der Wahl zu 
obrigkeitlichen und anderen Ämtern der Genossenschaften 
und Gemeinden die Eigenschaft des Vermögens schon die 
Sphäre, wo sie ihre Wirkung hat ausüben können, be- 
sonders wenn manche dieser Geschäfte unentgeltlich ver- 
waltet werden, und direkt in Rücksicht auf das stän- 
dische Geschäft, wenn die Mitglieder kein Gehalt be- 
ziehen. 

§ 311. 

Die Abordnung, als von der bürgerlichen Gesellschaft 
ausgehend, hat ferner den Sinn, daß die Abgeordneten mJt 
deren speziellen Bedürfnissen, Hindernissen, besonderen 
Interessen bekannt seien und ihnen selbst angehören. In- 
dem sie nach der Natur der bürgerlichen Gesellschaft von 
ihren verschiedenen Korporationen ausgeht (§ 308), und 



254 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

die einfache Weise dieses Ganges nicht durch Abstraktionen 
und die atomistischen Vorstellungen gestört wird, so er- 
füllt sie damit unmittelbar jenen Gesichtspunkt, und Wählen 
ist entweder überhaupt etwas Überflüssiges oder reduziert 
sich auf ein geringes Spiel der Meinung und der Willkür. 
Es bietet sich von selbst das Interesse dar, daß unter 
den Abgeordneten sich für jeden besonderen großen 
Zweig der Gesellschaft, z. B. für den Handel, für die 
Fabriken u. s. f. Individuen befinden, die ihn gründlich 
kennen und ihm selbst angehören; — in der Vorstellung 
eines losen unbestimmten Wählens ist dieser wichtige 
Umstand nur der Zufälligkeit preisgegeben. Jeder solcher 
Zweig hat aber gegen den anderen gleiches Recht, re- 
präsentiert zu werden. Wenn die Abgeordneten als Re- 
präsentanten betrachtet werden, so hat dies einen 
organisch vernünftigen Sinn nur dann, daß sie nicht Re- 
präsentanten als von Einzelnen, von einer Menge 
seien, sondern Repräsentanten einer der wesentlichen 
Sphären der Gesellschaft, Repräsentanten ihrer großen 
Interessen. Das Repräsentieren hat damit auch nicht 
mehr die Bedeutung, daß einer an der Stelle eines 
anderen sei, sondern das Interesse selbst ist in seinem 
Repräsentanten wirklich gegenwärtig, so^vie der 
Repräsentant für sein eigenes objektives Element da 
ist. — Von dem Wählen durch die vielen Einzelnen kann 
noch bemerkt werden, daß notwendig besonders in großen 
Staaten die Gleichgültigkeit gegen das Geben seiner 
Stimme, als die in der Menge eine unbedeutende Wirkung 
hat, eintritt, und die Stimmberechtigten, diese Berechti- 
gung mag ihnen als etwas noch so Hohes angeschlagen 
und vorgestellt werden, eben zum Stimmgeben nicht er- 
scheinen; — so daß aus solcher Institution vielmehr 
das Gegenteil ihrer Bestimmung erfolgt und die Wahl 
in die Gewalt Weniger, einer Partei, somit des besonderen, 
zufälligen Interesses fällt, das gerade neutralisiert werden 
sollte. 

§312. 

Von den zwei im ständischen Elemente enthaltenen 
Seiten (§ 305, 308) bringt jede in die Beratung eine be- 
sondere Modifikation, und weil überdem das eine Moment 
die eigentümliche Funktion der Vermittelung innerhalb 
dieser Sphäre und zwar zwischen Existierenden hat, so er- 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 313—315. 255 

gibt sich für dasselbe gleichfalls eine abgesonderte Exi- 
stenz; die ständische Versammlung wird sich somit in zwei 
Kammern teilen. 

§313. 

Durch diese Sonderung erhält nicht nur die Reife der 
Entschließung vermittelst einer Mehrheit von Instanzen 
ihre größere Sicherung, und wird die Zufälligkeit einer 
Stimmung des Augenblicks, wie die Zufälligkeit, welche 
die Entscheidung durch die Mehrheit der Stimmenanzahl 
annehmen kann, entfernt, sondern vornehmlich kommt das 
ständische Element weniger in den Fall, der Regierung 
direkt gegenüberzustehen, oder im Falle das vermittelnde 
Moment sich gleichfalls auf der Seite des zweiten Standes 
befindet, wird das Gewicht seiner Ansicht um so mehr 
verstärkt, als sie so unparteiischer und sein Gegensatz 
neutralisiert erscheint, 

§314. 

Da die Institution von Ständen nicht die Bestimmung 
hat, daß durch sie die Angelegenheit des Staates an sich 
aufs beste beraten und beschlossen v;erde, von welcher 
Seite ^ie nur einen Zuwachs ausmachen (§ 301), sondern 
ihre unterscheidende Bestimmung darin besteht, daß in 
ihrem Mitwissen, Mitberaten und Mitbeschließen über die 
allgemeinen Angelegenheiten, in Rücksicht der an der Re- 
gierung nicht teilhabenden Glieder der bürgerlichen Ge- 
sellchaft, das Moment der formellen Freiheit sein Recht 
erlange, so erhält zunächst das Moment der allgemeinen 
Kenntnis durch die Öffentlichkeit der Ständeverhand- 
lungen seine Ausdehnung. 

§ 315. 

Die Eröffnung dieser Gelegenheit von Kenntnissen 
hat die allgemeinere Seite, daß so die öffentliche Mei- 
nung erst zu wahrhaften Gedanken und zur Einsicht 
in den Zustand und Begriff des Staates und dessen An- 
gelegenheiten, und damit erst zu einer Fähigkeit, dar- 
über vernünftiger zu urteilen, kommt; sodann auch 
die Geschäfte, die Talente, Tugenden und Geschicklich- 
keiten der Staatsbehörden und Beamten kennen und achten 



256 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

lernt. Wie diese Talente an solcher öffentlichkeit eine 
mächtige Gelegenheit der Entwickelung und einen Schau- 
platz hoher Ehre erhalten, so ist sie wieder das Heilmittel 
gegen den Eigendünkel der Einzelnen und der Menge, und 
ein Bildungsmittel für diese und zwar eines der größten. 

§316. 

Die formelle, subjektive Freiheit, daß die Einzelnen 
als solche ihr eigenes Urteilen, Meinen und Raten über 
die allgemeinen Angelegenheiten haben und äußern, hat 
in dem Zusammen, welches öffentliche Meinung heißt, 
ihre Erscheinung. Das an und für sich Allgemeine, das 
Substantielle und Wahre, ist darin mit seinem Gegen- 
teile, dem für sich Eigentümlichen und Besonderen 
des Meinens der Vielen, verknüpft; diese Existenz ist 
daher der vorhandene Widerspruch ihrer selbst, das Er- 
kennen als Erscheinung; die Wesentlichkeit ebenso un- 
mittelbar als die Unwesentlichkeit, 



§ 317. 

Die öffentliche Meinung enthält daher in sich die 
ewigen substantiellen Prinzipien der Gerechtigkeit, den 
wahrhaften Inhalt und das Resultat der ganzen Verfassung, 
Gesetzgebung und des allgemeinen Zustandes überhaupt, 
in Form des gesunden Menschenverstandes als der 
durch Alle in Gestalt von Vorurteilen hindurchgehenden 
sittlichen Grundlage, sowie die wahrhaften Bedürfnisse 
und richtigen Tendenzen der Wirklichkeit. — Zugleich, 
wie dies Innere ins Bewußtsein tritt und in allgemeinen 
Sätzen zur Vorstellung kommt, teils für sich, teils zum 
Behuf des konkreten Räsonnierens über Begebenheiten, An- 
ordnungen und Verhältnisse des Staates und gefühlte Be- 
dürfnisse, so tritt die ganze Zufälligkeit des Meinens, seine 
Unwissenheit und Verkehrung, falsche Kenntnis und Be- 
urteilung ein. Indem es dabei um das Be\Mißtsein der 
Eigentümlichkeit der Ansicht und Kenntnis zu tun ist, 
so ist eine Meinung, je schlechter ihr Inhalt ist, desto eigen- 
tümlicher; denn das Schlechte ist das in seinem Inhalte 
ganz Besondere und Eigentümliche, das Vernünftige da- 
gegen das an und für sich Allgemeine, und das Eigen- 
tümliche ist das, worauf das Meinen sich etwas ein- 
bildet. 



Der Staat. A. Das innere Staaterecht. § 318. 257 

Es ist darum nicht für eine Verschiedenheit sub- 
jektiver Ansicht zu halten, wenn es das eine Mal heißt: 

Vox populi, vox dei; 
und das andere Mal (bei Ariosto*) z. B.): 

Che'l Volgare ignorante ogn' un riprenda 
E parli piü di quel che meno intenda. 

Beides liegt zumal in der öffentlichen Meinung; — 
indem in ihr Wahrheit und endloser Irrtum so un- 
mittelbar vereinigt ist, so ist es mit dem einen oder 
dem anderen nicht wahrhafter Ernst. Womit es Ernst 
ist, dies kann schwer zu unterscheiden scheinen; in der 
Tat wird es dies auch sein, wenn man sich an die un- 
mittelbare Äußerung der öffentlichen Meinung hält. 
Indem aber das Substantielle ihr Inneres ist, so ist es 
nur mit diesem wahrhaft Ernst; dies kann aber nicht 
aus ihr, sondern eben darum, weil es das Substantielle 
ist, nur aus und für sich selbst erkannt werden. Welche 
Leidenschaft in das Geraeinte auch gelegt sei, und wie 
ernsthaft behauptet oder angegriffen und gestritten 
werde, so ist dies kein Kriterium über das, um was es 
in der Tat zu tun sei; aber dies Meinen würde am aller- 
wenigsten sich darüber verständigen lassen, daß seine 
Ernsthaftigkeit nichts Ernstliches sei. — Ein großer 
Geist ^) hat die Frage zur öffentlichen Beantwortung auf- 
gestellt, ob es erlaubt sei, ein Volk zu täuschen? 
Man mußte antworten, daß ein Volk über seine substantielle 
•Grundlage, das Wesen und bestimmten Charakter seines 
Geistes sich nicht täuschen lasse, aber über die Weise, wie es 
diesen weiß, und nachdieser Weise seine Handlungen, Ereig- 
nisse U.S. f. beurteilt, — von sich selbst getäuscht wird. 

§ 318. 
Die öffentliche Meinung verdient daher ebenso ge- 
achtet, als verachtet zu werden, dieses nach ihrem kon- 
*) Oder bei Goethe: 

Zuschlagen kann die Masse, 

Da ist sie respektabel: 

Urteilen gelingt ihr miserabel. 

') Friedrich der Große durch die Preisfrage der Berliner 
Akademie von 1778: S'il peut etre utile de tromper un peuple? 
(Hamack, Gesch. der Preui3. Akademie, kl. Ausg., S. 321 ff.) 
Vgl. Goethe, Gedichte, Epigrammatisch: Lug und Trug. Die 
Frage wurde schon im Altertum verhandelt und im 18. Jahrh.. 
mit Vorliebe bejahend beantwortet. 

He grel , Rechtsphilosophie. 17 



258 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

kreten Bewußtsein und Äußerung, jenes nach ihrer wesent- 
lichen Grundlage, die, mehr oder weniger getrübt, in jenes 
Konkrete nur scheint. Da sie in ihr nicht den Maßstab 
der Unterscheidung noch die Fähigkeit hat, die substantielle 
Seite zum bestimmten Wissen in sich heraufzuheben, so ist 
die Unabhängigkeit von ihr die erste formelle Bedingung 
zu etwas Großem und Vernünftigem (in der Wirklichkeit 
wie in der Wissenschaft). Dieses kann seinerseits sicher 
sein, daß sie es sich in der Folge gefallen lassen, aner- 
kennen und es zu einem ihrer Vorurteile machen werde. 

§319. 

Die Freiheit der öffentlichen Mitteilung — (der^ n 
eines Mittel, die Presse, was es an weitreichender Bt- 
rührung vor dem anderen, der mündlichen Rede, voraus 
hat, ihm dagegen an der Lebendigkeit zurücksteht), 
die Befriedigung jenes prickelnden Triebes, seine Meinu.. 
zu sagen und gesagt zu haben, hat ihre direkte Sicherung 
in den ihre Ausschweifungen teils verhindernden, teils 
bestrafenden polizeilichen und Rechtsgesetzen und Anord- 
nungen; die indirekte Sicherung aber in der Unschädlich- 
keit, welche vornehmlich in der Vernünftigkeit der Ver- 
fassung, der Festigkeit der Regierung, dann auch in der 
Öffentlichkeit der Ständeversammlungen begründet ist, — 
in letzterem, insofern sich in diesen Versammlungen die 
gediegene und gebildete Einsicht über die Interessen des 
Staates ausspricht und anderen wenig Bedeutendes zu sagen 
übrig läßt, hauptsächlich die Meinung ihnen benommen 
wird, als ob solches Sagen von eigentümlicher Wichtig- 
keit und Wirkung sei; — ferner aber in der Gleichgültig- 
keit und Verachtung gegen seichtes und gehässiges Reden, 
zu der es sich notwendig bald heruntergebracht hat. 

Preßfreiheit definieren als die Freiheit, zu reden 
und zu schreiben, was man will, stehet dem parallel, 
wenn man die Freiheit überhaupt als die Freiheit angibt, 
zu tun, was man will. — Solches Reden gehört der 
noch ganz ungebildeten Roheit und Oberflächlichkeit des 
Vorstellens an. Es ist übrigens der Natur der Sache 
nach nirgends, daß der Formalismus so hartnäckig fest- 
hält und so wenig sich verständigen läßt, als in dieser 
Materie. Denn der Gegenstand ist das Flüchtigste, Be- 
sonderste, Zufälligste des Meinens in unendlicher Man- 
nigfaltigkeit des Inhalts und der Wendungen; über die 
direkte Aufforderung zum Diebstahl, Mord, Aufruhr u. s. f. 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 319. 259 

hinaus liegt die Kunst und Bildung der Äußerung, die für 
sich als ganz allgemein und unbestimmt erscheint, aber 
teils zugleich auch eine ganz bestimmte Bedeutung ver- 
steckt, teils mit Konsequenzen zusammenhängt, die nicht 
wirklich ausgedrückt sind, und von denen es unbestimm- 
bar ist,, sowohl ob sie richtig folgen, als auch ob sie in 
jener Äußerung enthalten sein sollen. Diese Unbestimm- 
barkeit des Stoffes und der Form läßt die Gesetze darüber 
diejenige Bestimmtheit nicht erreichen, welche vom Ge- 
setz gefordert wird, und macht das Urteil, indem Ver- 
gehen, Unrecht, Verletzung hier die besonderste sub- 
jektivste Gestalt haben, gleichfalls zu einer ganz sub- 
jektiven Entscheidung. Außerdem ist die Verletzung 
an die Gedanken, die Meinung und den Willen der anderen 
gerichtet, diese sind das Element, in welchem sie eine 
Wirklichkeit erlangt; dieses Element gehört aber der 
Freiheit der anderen an, und es hängt daher von diesen 
ab, ob jene verletzende Handlung eine wirkliche Tat ist. 
— Gegen die Gesetze kann daher sowohl ihre Unbe- 
stimmtheit aufgezeigt werden, als sich für die Äußerung 
Wendungen und Formierungen des Ausdrucks erfinden 
lassen, wodurch man die Gesetze umgeht oder die richter- 
liche Entscheidung als ein subjektives Urteil behauptet 
wird. Ferner kann dagegen, w^enn die Äußerung als eine 
verletzende Tat behandelt wird, behauptet werden, 
daß es keine Tat, sondern sowohl nur ein Meinen und 
Denken als nur ein Sagen sei; so wird in einem Atem 
aus der bloßen Subjektivität des Inhalts und der Form, 
aus der Unbedeutendheit und Unwichtigkeit eines 
bloßen Meinens und Sagens die Straflosigkeit des- 
selben, und für eben dieses Meinen als für mein und 
zwar geistigstes Eigentum und für das Sagen als für 
die Äußerung und Gebrauch dieses meines Eigentums 
der hohe Respekt und Achtung gefordert. — Das 
Substantielle aber ist und bleibt, daß Verletzung der 
Ehre von Individuen überhaupt, Verleumdung, Schmä- 
hung, Verächtlichmachung der Regierung, ihrer Behörden 
und Beamten, der Person des Fürsten insbesondere, Ver- 
höhnung der Gesetze, Aufforderung zum Aufruhr u. s. f. 
Verbrechen, Vergehen mit den mannigfaltigsten Ab- 
stufungen sind. Die größere Unbestimmbarkeit, welche 
solche Handlungen durch das Element erhalten, worin 
sie ihre Äußerung haben, hebt jenen ihren substantiellen 
Charakter nicht auf, und hat deswegen nur die Folge, 

27* 



260 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter AbscLiiitt. 

daß der subjektive Boden, auf welchem sie begangen 
werden, auch die Natur und Gestalt der Reaktion 
bestimmt; dieser Boden des Vergehens selbst ist es, 
welcher in der Reaktion, sei sie nun als polizeiliche Ver- 
hinderung der Verbrechen, oder als eigentliche Strafe 
bestimmt, die Subjektivität der Ansicht, Zufälligkeit u. 
dergl. zur Notwendigkeit macht. Der Formalismus legt 
sich hier, wie immer darauf, aus einzelnen Seiten, die 
der äui3erlichen Erscheinung angehören, und aus Ab- 
straktionen, die er daraus schöpft, die substantielle und 
konkrete Natur der Sache wegzuräsonnieren. — Die 
Wissenschaften aber, da sie, wenn sie nämlich anders 
Wissenschaften sind, sowohl sich überhaupt nicht auf 
dem Boden des Meinens und subjektiver Ansichten be- 
finden, als auch ihre Darstellung nicht in der Kunst der 
Wendungen, des Anspielens, halben Aussprechens und 
Versteckens, sondern in dem unzweideutigen, bestimmten 
und offenen Aussprechen der Bedeutung und des Sinnes 
besteht, fallen nicht unter die Kategorie dessen, was 
die öffentliche Meinung ausmacht (§ 316). — Übrigens 
indem, wie vorhin bemerkt, das Element, in welchem die 
Ansichten und deren Äußerungen, als solche zu einer 
ausgeführten Handlung werden und ihre wirkliche 
Existenz erreichen, die Intelligenz, Grundsätze, Meinungen 
anderer sind, so hängt diese Seite der Handlungen, ihre 
eigentliche Wirkung und die Gefährlichkeit für die 
Individuen, die Gesellschaft und den Staat (vergl. § 218), 
auch von der Beschaffenheit dieses Bodens ab, wie ein 
Funke auf einen Pulverhaufen geworfen eine ganz 
andere Gefährlichkeit hat als auf feste Erde, wo 
er spurlos vergeht. — Wie daher die wissenschaft- 
liche Äußerung ihr Recht und ihre Sicherung in ihrem 
Stoffe und Inhalt hat, so kann das Unrecht der Äußerung 
auch eine Sicherung, oder wenigstens eine Duldung in 
der Verachtung erhalten, in welche sie sicli versetzt hat. 
Ein Teil solcher für sich auch gesetzlich strafbaren Ver- 
gehen kann auf die Rechnung derjenigen Art von Ne- 
mesis kommen, welche die innere Ohnmacht, die sich 
durch die überwiegenden Talente und Tugenden gedrückt 
fühlt, auszuüben gedrungen ist, um gegen solche Über- 
macht zu sich selbst zu kommen und der eigenen Nich- 
tigkeit ein Selbstbewußtsein wiederzugeben, wie die rö- 
mischen Soldaten an ihren Imperatoren im Triumphzug 
für den harten Dienst und Gehorsam, vornehmlich dafür, 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. §320—322. 261 

daß ihr Name in jener Ehre nicht zum Zählen kam, durch 
Spottlieder eine harmlosere Nemesis ausübten und sich 
in eine Art von Gleichgewicht mit ihnen setzten. Jene 
schlechte und gehässige Nemesis wird durch die Ver- 
achtung um ihren Effekt gebracht, und dadurch, wie 
das Publikum, das etwa einen Kreis um solche Ge- 
schäftigkeit bildet, auf die bedeutungslose Schadenfreude 
und die eigene Verdammnis, die sie in sich hat, be- 
schränkt. 

§ 320. 

Die Subjektivität, welche als Auflösung des be- 
stehenden Staatslebens in dem seine Zufälligkeit geltend 
machen wollenden und sich eben so zerstörenden Meinen 
und Räsonnieren ihre äußerlichste Erscheinung hat, hat 
ihre wahrhafte Wirklichkeit in ihrem Gegenteile, der Sub- 
jektivität, als identisch mit dem substantiellen Willen, 
weiche den Begriff der fürstlichen Gewalt ausmacht, und 
welche als Idealität des Ganzen in dem Bisherigen noch 
nicht zu ihrem Rechte und Dasein gekommen ist. 

II. Die SouTeränetät gegen außen. 

§ 321. 
Die Souveränetät nach innen (§ 278) ist diese 
Idealität insofern, als die Momente des Geistes und seiner 
Wirklichkeit, des Staates, in ihrer Notwendigkeit ent- 
faltet sind und als Glieder desselben bestehen. Aber 
der Geist als in der Freiheit unendlich negative Be- 
ziehung auf sich, ist ebenso wesentlich Für-sich-sein, 
das den bestehenden Unterschied in sich aufgenommen 
hat und damit ausschließend ist. Der Staat hat in dieser 
Bestimmung Individualität, welche wesentlich als Indi- 
viduum, und im Souverän als wirkliches, unmittelbares 
Individuum ist (§ 279). 

§ 322. 
Die Individualität, als ausschließendes Für-sich-sein, 
erscheint als Verhältnis zu anderen Staaten, deren 
jeder selbständig gegen die anderen ist. Indem in dieser 
Selbständigkeit das Für-sich-sein des wirklichen Geistes 
sein Dasein hat, ist sie die erste Freiheit und die höchste 
Ehre eines Volkes. 

Diejenigen, welche von Wünschen einer Gesamt- 
heit, die einen mehr oder weniger selbständigen Staat 



262 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

ausmacht und ein eigenes Zentrum hat, sprechen, — 
von Wünschen, diesen Mittelpunkt und seine Selbständig- 
keit zu verlieren, um mit einem anderen ein Ganzes aus- 
zumachen, wissen wenig von der Natur einer Gesamt- 
heit und dem Selbstgefühl, das ein Volk in seiner Unab- 
hängigkeit hat. — Die erste Gewalt, in welcher Staaten 
geschichtlich auftreten, ist daher diese Selbständigkeit 
überhaupt, wenn sie auch ganz abstrakt ist, und 
keine weitere innere Entwickelung hat; es gehört des- 
wegen zu dieser ursprünglichen Erscheinung, daß ein 
Individuum an ihrer Spitze steht, Patriarch, Stammes- 
haupt u. s. f. 

§ 323. 
Im Dasein erscheint so diese negative Beziehung 
des Staates auf sich als Beziehung eines anderen auf ein 
anderes, und als ob das Negative ein Äußerliches 
wäre. Die Existenz dieser negativen Beziehung hat darum 
die Gestalt eines Geschehens und der Verwickelung mit 
zufälligen Begebenheiten, die von außen kommen. Aber 
sie ist sein höchstes eigenes Moment, — seine wirkliche 
Unendlichkeit als die Idealität alles Endlichen in ihm, — 
die Seite, worin die Substanz als die absolute Macht gegen 
alles Einzelne und Besondere, gegen das Leben, Eigentum 
und dessen Rechte, wie gegen die weiteren Kreise, die 
Nichtigkeit derselben zum Dasein und Bewußtsein bringt. 

§324. 

Diese Bestimmung, mit welcher das Interesse und das 
Recht der Einzelnen als ein verschwindendes Moment ge- 
setzt ist, ist zugleich das Positive, nämlich ihrer nicht 
zufälligen und veränderlichen, sondern an und für sich 
seienden Individualität. Dies Verhältnis und die An- 
erkennung desselben ist daher ihre substantielle Pflicht, 
— die Pflicht, durch Gefahr und Aufopferung ihres Eigen- 
tums und Lebens, ohnehin ihres Meinens und alles dessen, 
was von selbst in dem Umfange des Lebens begriffen ist, 
diese substantielle Individualität, die Unabhängigkeit und 
Souveränetät des Staates zu erhalten. 

Es gibt eine sehr schiefe Berechnung, wenn bei 
der Forderung dieser Aufopferung der Staat nur als 
bürgerliche Gesellschaft, und als sein Endzweck nur die 
Sicherung des Lebens und Eigentums der Indivi- 
duen betrachtet wird; denn diese Sicherheit wird nicht 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 324. 263 

durch die Aufopferung dessen erreicht, was gesichert 
werden soll; — im Gegenteil. — In dem Angegebenen 
liegt das sittliche Moment des Krieges, der nicht als 
absolutes Übel und als eine bloß äußerliche Zufällig- 
keit zu betrachten ist, welche, sei es in was es wolle, 
in den Leidenschaften der Machthabenden oder der 
Völker, in Ungerechtigkeiten u. s. f., überhaupt in solchem, 
das nicht sein soll, seinen somit selbst zufälligen Grund 
habe. Was von der Natur des Zufälligen ist, dem wider- 
fährt das Zufällige, und dieses Schicksal eben ist somit 
die Notwendigkeit, — wie überhaupt der Begriff und 
die Philosophie den Gesichtspunkt der bloßen Zufällig- 
keit verschwinden macht und in ihr, als dem Schein, 
ihr Wesen, die Notwendigkeit, erkennt. Es ist not- 
wendig, daß das Endliche, Besitz und Leben als Zu- 
fälliges gesetzt werde, weil dies der Begriff des End- 
lichen ist. Diese Notwendigkeit hat einerseits die Ge- 
stalt von Naturgewalt, und alles Endliche ist sterblich 
und vergänglich. Im sittlichen Wesen aber, dem Staate, 
wird der Natur diese Gewalt abgenommen, und die Not- 
wendigkeit zum Werke der Freiheit, einem Sittlichen 
erhoben; — jene Vergänglichkeit wird ein gewolltes 
Vorübergehen, und die zum Grunde liegende Negativität 
zur substantiellen eigenen Individualität des sittlichen 
Wesens. — Der Krieg als der Zustand, in welchem mit 
der Eitelkeit der zeitlichen Güter und Dinge, die sonst 
eine erbauliche Redensart zu sein pflegt, Ernst gemacht 
wird, ist hiermit das Moment, worin die Idealität des 
Besonderen ihr Recht erhält und Wirklichkeit wird; 
— er hat die höhere Bedeutung, daß durch ihn, wie ich 
es anderwärts*) ausgedrückt habe, „die sittliche Ge- 
sundheit der Völker in ihrer Indifferenz gegen das Fest- 
werden der endlichen Bestimmtheiten erhalten wird, wie 
die Bewegung der Winde die See vor der Fäulnis be- 
wahrt, in welche sie eine dauernde Ruhe, wie die Völker 
ein dauernder oder gar ein ewiger Friede versetzen 
würde''. — Daß dies übrigens nur philosophische Idee, 
oder wie man es anders auszudrücken pflegt, eine Recht- 
fertigung der Vorsehung ist, und daß die wirklichen 
Kriege noch einer anderen Rechtfertigung bedürfen, 
davon hernach. — Daß die Idealität, welche im Kriege 



7 



*) Über die wissensch. Behandl. des Naturrechts. Krit. Journ. 
d. Phil. 2. Bd., 2. St., S. 62. (Wwe. I, S. 373.) 



264 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

als in einem zufälligen Verhältnisse nach außen liegend, 
zum Vorschein kommt, und die Idealität, nach welcher 
die inneren Staatsgewalten organische Momente des 
Ganzen sind, — dieselbe ist, kommt in der geschicht- 
lichen Erscheinung unter anderen in der Gestalt vor, daß 
glückliche Kriege innere Unruhen verhindert und die 
innere Staatsmacht befestigt haben. Daß Völker, die 
Souveränetät nach innen nicht ertragen wollend oder 
fürchtend, von anderen unterjocht werden, und mit um 
so weniger Erfolg und Ehre sich für ihre Unabhängig- 
keit bemüht haben, je weniger es nach innen zu einer 
ersten Einrichtung der Staatsgewalt kommen konnte 
( — ihre Freiheit ist gestorben an der Furcht zu 
sterben — ); — daß Staaten, welche die Garantie ihrer 
Selbständigkeit nicht in ihrer bewaffneten Macht, sondern 
in anderen Rücksichten haben (wie z. B. gegen Nach- 
barn unverhältnismäßig kleine Staaten), bei einer inneren 
Verfassung bestehen können, die für sich weder Ruhe 
nach innen, noch nach außen verbürgte u. s. f. — sind 
Erscheinungen, die eben dahin gehören. 

§325. 

Indem die Aufopferung für die Individualität des 
Staates das substantielle Verhältnis aller und hiermit all- 
gemeine Pflicht ist, so ^vird es zugleich, als die eine 
Seite der Idealität gegen die Realität des besonderen 
Bestehens, selbst zu einem besonderen Verhältnis, und 
ihm ein eigener Stand, der Stand der Tapferkeit ge- 
widmet. 

§ 326. 

Zwiste der Staaten miteinander können irgendeine be- 
sondere Seite ihres Verhältnisses zum Gegenstand haben; 
für diese Zwiste hat auch der besondere, der Verteidi- 
gung des Staates gewidmete, Teil seine Hauptbestimmung. 
Insofern aber der Staat als solcher, seine Selbständigkeit, 
in Gefahr kommt, so ruft die Pflicht alle seine Bürger zu 
seiner Verteidigung auf. Wenn so das Ganze zur Macht 
geworden und aus seinem inneren Leben in sich nach außen 
gerissen ist, so geht damit der Verteidigungskrieg in Er- 
oberungskrieg über. 

Daß die bewaffnete Macht des Staates, ein stehen- 
des Heer, und die Bestimmung für das besondere Ge- 



Der Staat. A. Das innere Staatsrecht. § 327—328. 265 

schält seiner Verteidigung zu einem Stande wird, ist 
dieselbe Notwendigkeit, durch welche die anderen be- 
sonderen Momente, Interessen und Geschäfte zu einer Ehe, 
zu Gewerbs-, Staats-, Geschäfts- u. s. f. Ständen werden. 
Das Räsonnement, das an Gründen herüber und hinüber 
geht, ergeht sich in Betrachtungen über die größeren 
Vorteile oder über die größeren Nachteile der Einfüh- 
rung stehender Heere, und die Meinung entscheidet sich 
gern für das letztere, weil der Begriff der Sache schwerer 
zu fassen ist als einzelne und äußerliche Seiten, und 
dann weil die Interessen und Zwecke der Besonderheit 
(die Kosten mi't ihren Folgen, größeren Auflagen u. s. f.) 
in dem Bewußtsein der bürgerlichen Gesellschaft für 
höher angeschlagen werden als das an und für sich 
Notwendige, das auf diese Weise nur als ein Mittel für 
jene gilt. 

§ 327. 

Die Tapferkeit ist für sich eine formelle Tugend, 
weil sie die höchste Abstraktion der Freiheit von allen 
besonderen Zwecken, Besitzen, Genuß und Leben, aber diese 
Negation auf eine äußerlich-wirkliche Weise, und 
die Entäußerung, als Vollführung, an ihr selbst nicht 
geistiger Natur ist, die innere Gesinnung dieser oder jener 
Grund, und ihr wirkliches Resultat auch nicht für sich 
und nur für andere sein kann. 

§ 328. 

Der Gehalt der Tapferkeit als Gesinnung liegt in dem 
wahrhaften absoluten Endzweck, der Souveräne tat des 
Staates; — die Wirklichkeit dieses Endzwecks als Werk 
der Tapferkeit hat das Hingeben der persönlichen Wirk- 
lichkeit zu ihrer Vermittelung. Diese Gestalt enthält da- 
her die Härte der höchsten Gegensätze: die Entäußerung 
selbst, aber als Existenz der Freiheit; — die höchste 
Selbständigkeit des Fürsichseins, deren Existenz zu- 
gleich in dem Mechanischen einer äußeren Ordnung 
und des Dienstes ist, — gänzlichen Gehorsam und Abtun 
des eigenen Meinens und Räsonnierens, so Abwesenheit 
des eigenen Geistes, und intensivste und umfassende augen- 
blickliche Gegenwart des Geistes und Entschlossenheit, 
— das feindseligste und dabei persönlichste Handeln gegen 
Individuen, bei vollkommen gleichgültiger, ja guter Ge- 
sinnung gegen sie als Individuen. 



266 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

Das Leben daran setzen, ist freilich mehr als den 
Tod nur fürchten, aber ist sonach das bloß Negative, und 
hat darum keine Bestimmung und Wert für sich; — das 
Positive, der Zweck und Inhalt gibt diesem Mute erst 
die Bedeutung; Räuber, Mörder, mit einem Zwecke, 
welcher Verbrechen ist, Abenteurer mit einem sich in 
seiner Meinung gemachten Zwecke u. s. f. haben auch 
jenen Mut, das Leben daran zu setzen. — Das Prinzip der 
modernen Welt, der Gedanke und das Allgemeine, 
hat der Tapferkeit die höhere Gestalt gegeben, daß 
ihre Äußerung mechanischer zu . sein scheint und nicht 
als Tun dieser besonderen Person, sondern nur als 
Gliedes eines Ganzen, — ebenso daß sie als nicht 
gegen einzelne Personen, sondern gegen ein feindseliges 
Ganze überhaupt gekehrt, somit der persönliche Mut 
als ein nicht persönlicher erscheint. Jenes Prinzip hat 
darum das Feuergewehr erfunden, und nicht eine zu- 
fällige Erfindung dieser Waffe hat die bloß persönliche 
Gestalt der Tapferkeit in die abstraktere verwandelt. 

§ 329. 

Seine Richtung nach außen hat der Staat darin, daß er 
ein individuelles Subjekt ist. Sein Verhältnis zu anderen 
fällt daher in die fürstliche Gewalt, der es deswegen 
unmittelbar und allein zukommt, die bewaffnete Macht zu 
befehligen, die Verhältnisse mit den anderen Staaten durch 
Gesandte u. s. f. zu unterhalten, Krieg und Frieden, und 
andere Traktate zu schließen. 

B. Das äußere Staatsrecht. 

§ 330. 

Das äußere Staatsrecht geht von dem Verhältnisse 
selbständiger Staaten aus; was an und für sich in dem- 
selben ist, erhält daher die Form des Sollens, weil, daß 
es wirklich ist, auf unterschiedenen souveränen Wil- 
len beruht. 

§33L 

Das Volk als Staat ist der Geist in seiner substantiellen 
Vernünftigkeit und unmittelbaren Wirklichkeit, daher die 
absolute Macht auf Erden; ein Staat ist folglich gegen den 
anderen in souveräner Selbständigkeit. Als solcher für 



Der Staat. B. Das äußere Staatsrecht. § 332. 2G7 

den anderen zu sein, d. i. von ihm anerkannt zu sein, 
ist seine erste absolute Berechtigung. Aber diese Be- 
rechtigung ist zugleich nur formell, und die Forderung 
dieser Anerkennung des Staates, bloß weil er ein solcher 
sei, abstrakt; ob er ein so an und für sich Seiendes in 
der Tat sei, kommt auf seinen Inhalt, Verfassung, Zustand 
an, und die Anerkennung, als eine Identität beider ent- 
haltend, beruht ebenso auf der Ansicht und dem Willen 
des anderen. 

So wenig der Einzelne eine wirkliche Person ist 
ohne Relation zu anderen Personen (§ 71 u. sonst); so 
wenig ist der Staat ein wirkliches Individuum ohne Ver- 
hältnis zu anderen Staaten (§ 322). Die Legitimität eines 
Staates und näher, insofern er nach außen gekehrt ist, 
seiner fürstlichen Gewalt, ist einerseits ein Verhältnis, 
das sich ganz nach innen bezieht (ein Staat soll sich 
nicht in die inneren Angelegenheiten des anderen 
mischen) — andererseits muß sie ebenso wesentlich 
durch die Anerkennung der anderen Staaten vervoll- 
ständigt werden. Aber diese Anerkennung fordert eine 
Garantie, daß er die anderen, die ihn anerkennen sollen, 
gleichfalls anerkenne, d. i. sie in ihrer Selbständigkeit 
respektieren werde, und somit kann es ihnen nicht gleich- 
gültig sein, was in seinem Innern vorgeht. — Bei einem 
nomadischen Volke z. B., überhaupt bei einem solchen, 
das auf einer niederen Stufe der Kultur steht, tritt sogar 
die Frage ein, inwiefern es als ein Staat betrachtet werden 
könne. Der religiöse Gesichtspunkt (ehemals bei dem 
jüdischen Volke, den mohammedanischen Völkern) kann 
noch eine höhere Entgegensetzung enthalten, welche 
die allgemeine Identität, die zur Anerkennung gehört, 
nicht zuläßt. 

§ 332. 

Die unmittelbare Wirklichkeit, in der die Staaten zu- 
einander sind, besondert sich zu mannigfaltigen Verhält- 
nissen, deren Bestimmung von der beiderseitigen selb- 
ständigen Willkür ausgeht und somit die formelle Natur 
von Verträgen überhaupt hat. Der Stoff dieser Ver- 
träge ist jedoch von unendlich geringerer Mannigfaltig- 
keit als in der bürgerlichen Gesellschaft, in der die 
Einzelnen nach den vielfachsten Rücksichten in gegen- 
seitiger Abhängigkeit stehen, da hingegen selbständige 
Staaten vornehmlich sich in sich befriedigende Ganze sind. 



268 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

§ 333. 

Der Grundsatz des Völkerrechts, als des allge- 
meinen, an und für sich zwischen den Staaten gelten 
sollenden Rechts, zum Unterschiede von dem besonderen 
Inhalt der positiven Traktate, ist, daß die Traktate, als 
auf welchen die Verbindlichkeiten der Staaten gegenein- 
ander beruhen, gehalten werden sollen. Weil aber deren 
Verhältnis ihre Souveränetät zum Prinzip hat, so sind sie 
insofern im Naturzustande gegeneinander, und ihre Rechte 
haben nicht in einem allgemeinen zur Macht über sie kon- 
stituierten, sondern in ihrem besonderen Willen ihre Wirk- 
lichkeit. Jene allgemeine Bestimmung bleibt daher beim 
Sollen, und der Zustand wird eine Abwechslung von dem 
den Traktaten gemäßen Verhältnisse und von der Auf- 
hebung desselben. 

Es gibt keinen Prätor, höchstens Schiedsrichter und 
Vermittler zwischen Staaten, und auch diese nur zu- 
fälligerweise, d. i. nach besonderen Willen. Die Kan- 
tische Vorstellung eines ewigen Friedens durch einen 
Staatenbund, welcher jeden Streit schlichtete und als 
eine von jedem einzelnen Staate anerkannte Macht jede 
Mißhelligkeit beilegte und damit die Entscheidung durch 
Krieg unmöglich machte, setzt die Einstimmung der 
Staaten voraus, welche auf moralischen, religiösen oder 
welchen Gründen und Rücksichten, überhaupt immer auf 
besonderen souveränen u'illen bsruhte und dadurch mit 
Zufälligkeit behaftet bliebe. 

§334. 

Der Streit der Staaten kann deswegen, insofern die 
besonderen Willen keine Übereinkunft finden, nur durch 
Krieg entschieden werden. Welche Verletzungen aber, 
deren in ihrem weit umfassenden Bereich und bei den viel- 
seitigen Beziehungen durch ihre Angehörigen leicht und 
in Menge vorkommen können, als bestimmter Bruch der 
Traktate oder Verletzung der Anerkennung und Ehre an- 
zusehen seien, bleibt ein an sich Unbestimmbares, indem 
ein Staat seine Unendlichkeit und Ehre in jede seiner 
Einzelnheiten legen kann und um so mehr zu dieser Reiz- 
barkeit geneigt ist, je mehr eine kräftige Individualität 
durch lange innere Ruhe dazu getrieben wird, sich einen 
Stoff der Tätigkeit nach außen zu suchen und zu schaffen. 



Der Staat. B. Das äußere Staatsrecht. § 335—337. 269 

§ 335. 

Überdem kann der Staat als Geistiges überhaupt nicht 
dabei stehenbleiben, bloß die Wirklichkeit der Ver- 
letzung beachten zu wollen, sondern es kommt die Vor- 
stellung von einer solchen als einer von einem anderen 
Staate drohenden Gefahr, mit dem Herauf- und dem Hin- 
abgehen an größeren oder geringeren Wahrscheinlich- 
keiten, Vermutungen der Absichten u. s. f. als Ursache von 
Zwisten hinzu. 

§ 336. 

Indem die Staaten in ihrem Verhältnisse der Selb- 
ständigkeit als besondere Willen gegeneinander sind, und 
das Gelten der Traktate selbst hierauf beruht, der be- 
sondere Wille des Ganzen aber nach seinem Inhalte 
sein Wohl überhaupt ist, so ist dieses das höchste Gesetz 
in seinem Verhalten zu anderen, um so mehr, als die Idee 
des Staates eben dies ist, daß in ihr der Gegensatz von 
dem Rechte als abstrakter Freiheit, und vom erfüllenden 
besonderen Inhalte, dem Wohl, aufgehoben sei, und die 
erste Anerkennung der Staaten (§ 331) auf sie als kon- 
krete Ganze geht. 

§ 337. 

Das substantielle Wohl des Staates ist sein Wohl als 
eines besonderen Staates in seinem bestimmten Interesse 
und Zustande und den ebenso eigentümlichen äußeren Um- 
ständen nebst dem besonderen Traktaten-Verhältnisse; die 
Regierung ist somit eine besondere Weisheit, nicht 
die allgemeine Vorsehung (vergl. § 324 Anm.) — ■ sowie 
der Zweck im Verhältnisse zu anderen Staaten und das 
Prinzip für die Gerechtigkeit der Kriege und Traktate nicht 
ein allgemeiner (philanthropischer) Gedanke, sondern das 
wirklich gekränkte oder bedrohte Wohl in seiner be- 
stimmten Besonderheit ist. 

Es ist zu einer Zeit der Gegensatz von Moral und — 
Politik, und die Forderung, daß die zweite der ersteren 
gemäß sei, viel besprochen worden. Hierher gehört 
nur, darüber überhaupt zu bemerken, daß das Wohl eines 
Staates eine ganz andere Berechtigung hat als das Wohl 
des Einzelnen, und die sittliche Substanz, der Staat, 
ihr Dasein, d. i. ihr Recht unmittelbar in einer nicht 



\ 



270 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

abstrakten, sondern in konkreter Existenz hat, und daß 
nur diese konkrete Existenz, nicht einer der vielen für 
moralische Gebote gehaltenen allgemeinen Gedanken, 
Prinzip ihres Handelns und Benehmens sein kann. Die 
Ansicht von dem vermeintlichen Unrechte, das die Po- 
litik immer in diesem vermeintlichen Gegensatze haben 
soll, beruht noch vielmehr auf der Seichtigkeit der Vor- 
stellungen von Moralität, von der Natur des Staates 
und dessen Verhältnisse zum moralischen Gesichtspunkte. 

§ 338. 

Darin, daß die Staaten sich als solche gegenseitig 
anerkennen, bleibt auch im Kriege, dem Zustande der 
Rechtlosigkeit, der Gewalt und Zufälligkeit, ein Band, 
in welchem sie an und für sich seiend füreinander gelten, 
so daß im Kriege selbst der Krieg als ein Vorübergehen- 
sollendes bestimmt ist. Er enthält damit die völkerrecht- 
liche Bestimmung, daß in ihm die Möglichkeit des Friedens 
erhalten, somit z. B. die Gesandten respektiert, und über- 
haupt, daß er nicht gegen die inneren Institutionen und 
das friedliche Familien- und Privatleben, nicht gegen die 
Privatpersonen geführt werde. 

§ 339. 

Sonst beruht das gegenseitige Verhalten im Kriege 
(z. B, daß Gefangene gemacht werden) und was im Frieden 
ein Staat den Angehörigen eines anderen an Rechten für 
den Privatverkehr einräumt u. s. f., vornehmlich auf den 
Sitten der Nationen, als der inneren unter allen Verhält- 
nissen sich erhaltenden Allgemeinheit des Betragens. 

§ 340. 

In das Verhältnis der Staaten gegeneinander, weil sie 
darin als besondere sind, fällt das höchst bewegte Spiel 
der inneren Besonderheit der Leidenschaften, Interessen, 
Zwecke, der Talente und Tugenden, der Gewalt, des Un- 
rechts und der Laster, wie der äußeren Zufälligkeit, in 
den größten Dimensionen der Erscheinung, — ein Spiel, 
worin das sittliche Ganze selbst, die Selbständigkeit des 
Staates, der Zufälligkeit ausgesetzt wird. Die Prinzipien 
der Volksgeister sind um ihrer Besonderheit willen, 
in der sie als existierende Individuen ihre objektive 



Der Staat. C. Die Weltgeschichte. §341—343. 271 

Wirklichkeit und ihr Selbstbewußtsein haben, überhaupt 
beschränkte, und ihre Schicksale und Taten in ihrem Ver- 
hältnisse zueinander sind die erscheinende Dialektik der 
Endlichkeit dieser Geister, aus welcher der allgemeine 
Geist, der Geist der Welt, als unbeschränkt ebenso 
sich hervorbringt, als er es ist, der sein Recht, — und 
sein Recht ist das allerhöchste, — an ihnen in der Welt- 
geschichte, als dem Weltgerichte, ausübt. 

C. Die Weltgeschichte. 

§341. 

Das Element des Daseins des allgemeinen Geistes, 
welches in der Kunst Anschauung und Bild, in der Religion 
Gefühl und Vorstellung, in der Philosophie der reine, freie 
Gedanke ist, ist in der Weltgeschichte die geistige 
Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfange von Innerlichkeit 
und Äußerlichkeit. Sie ist ein Gericht, weil in seiner an 
und für sich seienden Allgemeinheit das Besondere, 
die Penaten, die bürgerliche Gesellschaft und die Völker- 
geister in ihrer bunten Wirklichkeit, nur als Ideelles sind, 
und die Bewegung des Geistes in diesem Elemente ist, dies 
darzustellen. 

§ 342. 

Die Weltgeschichte ist ferner nicht das bloße Gericht 
seiner Macht, d. i. die abstrakte und vernunftlose Not- 
wendigkeit eines blinden Schicksals, sondern weil er an 
und für sich Vernunft, und ihr Für sichsein im Geiste 
Wissen ist, ist sie die aus dem Begriffe nur seiner Freiheit 
notwendige Entwickelung der Momente der Vernunft und 
damit seines Selbstbewußtseins und seiner Freiheit, - — 
die Auslegung und Verwirklichung des allgemeinen 
Geistes. 

§ 343. 

Die Geschichte des Geistes ist seine Tat, denn er ist 
nur, was er tut, und seine Tat ist, sich und zwar hier als 
Geist sich zum Gegenstande seines Bewußtseins zu machen, 
sich für sich selbst auslegend zu erfassen. Dies Erfassen 
ist sein Sein und Prinzip, und die Vollendung eines Er- 
fassens ist zugleich seine Entäußerung und sein Übergang. 
Der, formell ausgedrückt, von neuem dies Erfassen er- 



272 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

fassende, und was dasselbe ist, aus der Entäußerung in sieh 
gehende Geist, ist der Geist der höheren Stufe gegen sich, 
wie er in jenem ersteren Erfassen stand. 

Die Frage über die Perfektibilität und Er- 
ziehung des Menschengeschlechts fällt hierher. 
Diejenigen, welche diese Perfektibilität behauptet haben, 
haben etwas von der Natur des Geistes geahnet, seiner 
Natur, Fvöjdi amvzov zum Gesetze seines Seins zu haben, 
und indem er das erfaßt, was er ist, eine höhere Gestalt 
als diese, die sein Sein ausmachte, zu sein. Aber denen, 
welche diesen Gedanken verwerfen, ist der Geist ein 
leeres Wort geblieben, sowie die Geschichte ein ober- 
flächliches Spiel zufälliger, sogenannter nur mensch- 
licher Bestrebungen und Leidenschaften. Wenn sie da- 
bei auch in den Ausdrücken von Vorsehung und Plan 
der Vorsehung den Glauben eines höheren Waltens aus- 
sprechen, so bleiben dies unerfüllte Vorstellungen, indem 
sie auch ausdrücklich den Plan der Vorsehung für ein 
ihnen Unerkennbares und Unbegreifliches ausgeben. 

§ 344. 

Die Staaten, Völker und Individuen in diesem Ge- 
schäfte des Weltgeistes stehen in ihrem besonderen be- 
stimmten Prinzipe auf, das an ihrer Verfassung und 
der ganzen Breite ihres Zustandes seine Auslegung und 
Wirklichkeit hat, deren sie sich bewußt und in deren Inter- 
esse vertieft, sie zugleich bewußtlose Werkzeuge und 
Glieder jenes inneren Geschäfts sind, worin diese Gestalten 
vergehen, der Geist an und für sich aber sich den Über- 
gang in seine nächste höhere Stufe vorbereitet und er- 
arbeitet. 

§345. 

Gerechtigkeit und Tugend, Unrecht, Gewalt und Laster, 
Talente und ihre Taten, die kleinen und die großen Leiden- 
schaften, Schuld und Unschuld, Herrlichkeit des individu- 
ellen und des Volkslebens, Selbständigkeit, Glück und Un- 
glück der Staaten und der Einzelnen haben in der Sphäre 
der bewußten Wirklichkeit ihre bestimmte Bedeutung und 
Wert, und finden darin ihr Urteil und ihre, jedoch un- 
vollkommene, Gerechtigkeit. Die Vv^eltgeschichte fällt 
außer diesen Gesichtspunkten; in ihr erhält dasjenige not- 
wendige Moment der Idee des Weltgeistes, welches gegen- 



Der Staat. C. Die Weltgeschichte. §346—347. 273 

wärtig seine Stufe ist, sein absolutes Recht, und das 
darin lebende Volk und dessen Taten erhalten ihre Voll- 
lührung, und Glück und Ruhm. 

§ 346. 

Weil die Geschichte die Gestaltung des Geistes in 
Form des Geschehens, der unmittelbaren natürlichen Wirk- 
lichkeit ist, so sind die Stufen der Entwickelung als un- 
mittelbare natürliche Prinzipien vorhanden, und 
diese, weil sie natürliche sind, sind als eine Vielheit außer- 
einander, somit ferner so, daß einem Volke eines der- 
selben zukommt, — seine geographische und anthro- 
pologische Existenz. 

§ 347. . 

Dem Volke, dem solches Moment als natürliches I 
Prinzip zukommt, ist die Vollstreckung desselben in dem \ 
Fortgange des sich entwickelnden Selbstbewußtseins des 
Weltgeistes übertragen. Dieses Volk ist in der Welt- 
geschichte, für diese Epoche, — und es kann (§346) in 
ihr nur einmal Epoche machen, — das Herrschende. 
Gegen dies sein absolutes Recht, Träger der gegenwärtigen 
Entwickelungsstufe des Weltgeistes zu sein, sind die Geister 
der anderen Völker rechtlos, und sie, wie die, deren Epoche 
vorbei ist, zählen nicht mehr in der Weltgeschichte. 

Die spezielle Geschichte eines welthistorischen Volks 
enthält teils die Entwickelung seines Prinzips von seinem 
kindlichen eingehüllten Zustande aus bis zu seiner Blüte, 
wo es zum freien sittlichen Selbstbewußtsein gekommen, 
nun in die allgemeine Geschichte eingreift, — teils auch 
die Periode des Verfalls und Verderbens; — denn so 
bezeichnet sich an ihm das Hervorgehen eines höheren 
Prinzips als nur des Negativen seines eigenen. Damit 
wird der Übergang des Geistes in jenes Prinzip und so 
der Weltgeschichte an ein anderes Volk angedeutet, — 
eine Periode, von welcher aus jenes Volk das absolute 
Interesse verloren hat, das höhere Prinzip zwar dann 
auch positiv in sich aufnimmt und sich hineinbildet, aber 
darin als in einem Empfangenen nicht mit immanenter 
Lebendigkeit und Frische sich verhält, — vielleicht seine 
Selbständigkeit verliert, vielleicht auch sich als beson- 
derer Staat oder ein Kreis von Staaten fortsetzt oder 
fortschleppt und in mannigfaltigen inneren Versuchen 
und äußeren Kämpfen nach Zufall herumschlägt. 

Hegel, Eechtsphilosophie. 18 



274 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Absclmitt. 

§ 348. 

An der Spitze aller Handlungen, somit auch der welt- 
historischen, stehen Individuen als die das Substantielle 
verwirklichenden Subjektivitäten (§ 279 Anm. S. 229). Als 
diesen Lebendigkeiten der substantiellen Tat des Weltgeistes 
und so unmittelbar identisch mit derselben, ist sie ihnen 
selbst verborgen und nicht Objekt und Zweck (§ 344); 
sie haben auch die Ehre derselben und Dank nicht bei 
ihrer Mitwelt (ebendas.), noch bei der öffentlichen Meinung 
der Nachwelt, sondern als formelle Subjektivitäten nur bei 
dieser Meinung ihren Teil als unsterblichen Ruhm. 

§ 349. 

Ein Volk ist zunächst noch kein Staat, und der Über- 
gang einer Familie, Horde, Stammes, Menge u. s. f. in den 
Zustand eines Staates macht die formelle Realisierung 
der Idee überhaupt in ihm aus. Ohne diese Form er- 
mangelt es als sittliche Substanz, die es an sich ist, der 
Objektivität, in Gesetzen als gedachten Bestimmungen ein 
allgemeines und allgemeingültiges Dasein für sich und für 
die anderen zu haben, und wird daher nicht anerkannt; 
seine Selbständigkeit, als ohne objektive Gesetzlichkeit und 
für sich feste Vernünftigkeit nur formell, ist nicht Souve- 
ränetät. 

Auch in der gewöhnlichen Vorstellung nennt man 
einen patriarchalischen Zustand nicht eine Verfassung, 
noch ein Volk in diesem Zustande einen Sta-at, noch 
seine Unabhängigkeit Souveränetät. Vor den Anfang der 
wirklichen Geschichte fällt daher einerseits die interesse- 
lose, dumpfe Unschuld, andererseits die Tapferkeit des 
formellen Kampfes des Anerkennens und der Rache 
(vergl. § 331 u. S. 62). 

§ 350. 

In gesetzlichen Bestimmungen und in objektiven In- 
stitutionen, von der Ehe und dem Ackerbau ausgehend 
(s. § 203 Anm.), hervorzutreten, ist das absolute Recht 
der Idee, es sei, daß die Form dieser ihrer Verwirklichung 
als göttliche Gesetzgebung und Wohltat, oder als Gewalt 
und Unrecht erscheine; — dies Recht ist das Heroen- 
recht zur Stiftung von Staaten. 



i 



Der Staat. C. Die Weltgeschichte. § 351—353. 275 

§ 351. 

Aus derselben Bestimmung geschieht, daß zivilisierte 
Nationen andere, welche ihnen in den substantiellen Mo- 
menten des Staates zurückstehen (Viehzuchttreibende die 
Jägervölker, die Ackerbauenden beide u. s. f.), als Barbaren 
mit dem Bewußtsein eines ungleichen Rechts, und deren 
Selbständigkeit als etwas Formelles betrachten und be- 
handeln. 

In den Kriegen und Streitigkeiten, die unter solchen 
Verhältnissen entspringen, macht daher das Moment, 
daß sie Kämpfe des Anerkennens in Beziehung auf einen 
bestimmten Gehalt sind, den Zug aus, der ihnen eine 
Bedeutung für die Weltgeschichte gibt. 

§ 352. 

Die konkreten Ideen, die Völkergeister, haben ihre 
Wahrheit und Bestimmung in der konkreten Idee, wie sie 
die absolute Allgemeinheit ist, — dem Weltgeist, um 
dessen Thron sie als die Vollbringer seiner Verwirklichung, 
und als Zeugen und Zieraten seiner Herrlichkeit stehen. 
Indem er als Geist nur die Bewegung seiner Tätigkeit ist, 
sich absolut zu wissen, hiermit sein Bewußtsein von der 
Form der natürlichen Unmittelbarkeit zu befreien und zu 
sich selbst zu kommen, so sind die Prinzipien der Ge- 
staltungen dieses Selbstbewußtseins in dem Gange seiner 
Befreiung, — der welthistorischen Reiche, viere. 

§ 353. 

In der ersten als unmittelbaren Offenbarung hat 
er zum Prinzip die Gestalt des substantiellen Geistes 
als der Identität, in welcher die Einzelnheit in ihr Wesen 
versenkt und für sich unberechtigt bleibt. 

Das zweite Prinzip ist das Wissen dieses substantiellen 
Geistes, so daß er der positive Inhalt und Erfüllung und 
das Fürsichsein als die lebendige Form desselben ist, 
die schöne sittliche Individualität. 

Das dritte ist das in sich Vertiefen des wissenden 
Fürsichseins zur abstrakten Allgemeinheit und da- 
mit zum unendlichen Gegensatze gegen die somit ebenso 
geistverlassene Objektivität. 

Das Prinzip der vierten Gestaltung ist das Umschlagen 
dieses Gegensatzes des Geistes, in seiner Innerlichkeit seine 
Wahrheit und konkretes Wesen zu empfangen und in der 

18* 



276 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

Objektivität einheimiscii und versöhnt zu sein, und weil 
dieser zur ersten Substantialität zurückgekommene Geist 
der aus dem unendlichen Gegensatze zurückge- 
kehrte ist, diese seine Wahrheit als Gedanke und als Welt 
gesetzlicher Wirklichkeit zu erzeugen und zu wissen. 

§354. 
Nach diesen vier Prinzipien sind der welthistorischen 
Reiche die viere: 1. das orientalische, 2. das grie- 
chische, 3. das römische, 4. das germanische. 

§ 355. 
1. Das orientalische Reich. 
Dies erste Reich ist die vom patriarchalischen Natui-- 
ganzen ausgehende, in sich ungetrennte, substantielle Welt- 
anschauung, in der die weltliche Regierung Theokratie, 
der Herrscher auch Hoherpriester oder Gott, Staatsver- 
fassung und Gesetzgebung zugleich Religion, sowie die 
religiösen und moralischen Gebote oder vielmehr Gebräuche 
ebenso Staats- und Rechtsgesetze sind. In der Pracht dieses 
Ganzen geht die individuelle Persönlichkeit rechtlos unter, 
die äußere Natur ist unmittelbar göttlich oder ein Schmuck 
des Gottes, und die Geschichte der Wirklichkeit Poesie. 
Die nach den verschiedenen Seiten der Sitten, Regierung 
und des Staates hin sich entwickelnden Unterschiede werden, 
an der Stelle der Gesetze, bei einfacher Sitte, schwerfällige, 
weitläufige, abergläubische Zeremonien, — Zufälligkeiten 
persönlicher Gewalt und willkürlichen Herrschens, und die 
Gegliederung in Stände eine natürliche Festigkeit von 
Kasten. Der orientalische Staat ist daher nur lebendig in 
seiner Bewegung, welche, — da in ihm selbst nichts stät 
und, was fest ist, versteinert ist, — nach außen geht, ein 
elementarisches Toben und Verwüsten wird; die innerliche 
Ruhe ist ein Privatleben und Versinken in Schwäche und 
Ermattung. 

Das Moment der noch substantiellen, natür- 
lichen Geistigkeit in der Staatsbildung, das als Form 
in der Geschichte jedes Staates den absoluten Ausgangs- 
punkt macht, ist an den besonderen Staaten geschicht- 
lich zugleich mit tiefem Sinn und mit Gelehrsamkeit in 
der Schrift: Vom Untergange der Naturstaaten, 
Berlin 1812, (vom Hrn. Dr. Stuhr^) hervorgehoben und 

1) P. F. Stuhr, 1787—1851, Privatdozent, seit 1826 Prot, 
extraord. in Berlin. 



Der Staat. C. Die Weltgeschichte. §356—357. 277 

nachgewiesen, und damit der vernünftigen Betrachtung 
der Geschichte der Verfassung und der Geschichte über- 
haupt der Weg gebahnt. Das Prinzip der Subjektivität 
und selbstbewußten Freiheit ist dort gleichfalls in der 
germanischen Nation aufgezeigt, jedoch, indem die Ab- 
handlung nur bis zum Untergang der Naturstaaten geht, 
auch nur bis dahin geführt, wo es teils als unruhige Be- 
weglichkeit, menschliche Willkür und Verderben, teils 
in seiner besonderen Gestalt als Gemüt erscheint und 
sich nicht bis zur Objektivität der selbstbewußten 
Substantialität, zu organischer Gesetzlichkeit, ent- 
wickelt hat. 

§ 356. 
2. Das griechische Reich. 

Dieses hat jene substantielle Einheit des Endlichen und 
Unendlichen, aber nur zur mysteriösen, in dumpfe Er- 
innerung, in Höhlen und in Bilder der Tradition zurück- 
gedrängten Grundlage, welche aus dem sich unterschei- 
denden Geiste zur individuellen Geistigkeit und in den 
Tag des Wissens herausgeboren, zur Schönheit und zur 
freien und heiteren Sittlichkeit gemäßigt und verklärt ist. 
In dieser Bestimmung geht somit das Prinzip per- 
sönlicher Individualität sich auf, noch als nicht in sich 
selbst befangen, sondern in seiner idealen Einheit ge- 
halten; — teils zerfällt das Ganze darum in einen Kreis 
besonderer Volksgeister, teils ist einerseits die letzte 
Willensentschließung noch nicht in die Subjektivität des 
für sich seienden Selbstbev/ußtseins, sondern in eine Macht, 
die höher und außerhalb desselben sei, gelegt (vergl. 
§ 279 Anm.), und andererseits ist die dem Bedürfnisse an- 
gehörige Besonderheit noch nicht in die Freiheit aufge- 
nommen, sondern an einen Sklavenstand ausgeschlossen. 

§857. 
3. Das römische Reich. 
In diesem Reiche vollbringt sich die Unterscheidung 
zur unendlichen Zerreißung des sittlichen Lebens in die 
Extreme persönlichen privaten Selbstbewußtseins und 
abstrakter Allgemeinheit. Die Entgegensetzung, aus- 
gegangen von der substantiellen Anschauung einer Aristo- 
kratie gegen das Prinzip freier Persönlichkeit in demokra- 
tischer Form, entwickelt sich nach jener Seite zum Aber- 



278 Dritter Teil. Die Sittlichkeit. Dritter Abschnitt. 

glauben und zur Behauptung kalter, habsüchtiger Gewalt, 
nach dieser zur Verdorbenheit eines Pöbels, und die Auf- 
lösung des Ganzen endigt sich in das allgemeine Unglück 
und den Tod des sittlichen Lebens, worin die Völker- 
individualitäten in der Einheit eines Pantheons ersterben, 
alle Einzelne zu Privatpersonen und zu Gleichen mit for- 
mellem Rechte herabsinken, welche hiermit nur eine ab- 
strakte, ins Ungeheure sich treibende Willkür zusammen- 
hält. 

§ 358. 
4. Das germanische Reich. 

Aus diesem Verluste seiner selbst und seiner Welt 
und dem unendlichen Schmerz desselben, als dessen Volk 
das israelitische bereit gehalten war, erfaßt der in sich 
zurückgedrängte Geist in dem Extreme seiner absoluten 
Negativität, dem an und für sich seienden Wende- 
punkt, die unendliche Positivität dieses seines Innern, 
das Prinzip der Einheit der göttlichen und menschlichen 
Natur, die Versöhnung als der innerhalb des Selbstbewußt- 
seins und der Subjektivität erschienenen objektiven Wahr- 
heit und Freiheit, welche dem nordischen Prinzip der ger- 
manischen Völker zu vollführen übertragen wird. 

§ 359. 

Die Innerlichkeit des Prinzips, als die noch abstrakte, 
in Empfindung als Glauben, Liebe und Hoffnung existie- 
rende, Versöhnung und Lösung alles Gegensatzes, ent- 
faltet ihren Inhalt, ihn zur Wirklichkeit und selbstbewußten 
Vernünftigkeit zu erheben, zu einem vom Gemüte, der 
Treue und Genossenschaft Freier ausgehenden weltlichen 
Reiche, das in dieser seiner Subjektivität ebenso ein Reich 
der für sich seienden rohen Willkür und der Barbarei der 
Sitten ist — gegenüber einer jenseitigen Welt, einem in- 
tellektuellen Reiche, dessen Inhalt wohl jene Wahrheit 
seines Geistes, aber als noch ungedacht in die Barbarei 
der Vorstellung gehüllt ist, und, als geistige Macht über 
das wirkliche Gemüt, sich als eine unfreie fürchterliche 
Gewalt gegen dasselbe verhält. 

§ 360. 

Indem — in dem harten Kampfe dieser im Unterschiede, 
der hier seine absolute Entgegensetzung gewonnen, stehen- 



Der Staat. C. Die Weltgeschichte. § 360. 279 

den und zugleich in einer Einheit und Idee wurzelnden 
Reiche, — das Geistliche die Existenz seines Himmels 
zum irdischen Diesseits und zur gemeinen Weltlichkeit, 
in der Wirklichkeit und in der Vorstellung, degradiert, 
das Weltliche dagegen sein abstraktes Fürsichsein zum 
Gedanken und dem Prinzipe vernünftigen Seins und Wissens, 
zur Vernünftigkeit des Rechts und Gesetzes hinaufbildet, 
ist an sich der Gegensatz zur marklosen Gestalt ge- 
schwunden; die Gegenwart hat ihre Barbarei und unrecht- 
liche Willkür, und die Wahrheit hat ihr Jenseits und ihre 
zufällige Gewalt abgestreift, so daß die wahrhafte Ver- 
söhnung objektiv geworden, welche den Staat zum Bilde 
und zur Wirklichkeit der Vernunft entfaltet, worin das 
Selbstbewußtsein die Wirklichkeit seines substantiellen 
Wissens und Wollens in organischer Entwickelung, wie in 
der Religion das Gefühl und die Vorstellung dieser seiner 
Wahrheit als idealer Wesenheit, in der Wissenschaft 
aber die freie begriffene Erkenntnis dieser Wahrheit als 
einer und derselben in ihren sich ergänzenden Manifesta^ 
tionen, dem Staate, der Natur und der ideellen Welt, 
findet. 



Zusätze 

aus Hegels Vorlesungen, 

zusammengestellt 

von 

Eduard Gfans 



Zusätze. 



1. Zusatz zur Vorrede. (Das Selbstbewußtsein 
und die Rechtsordnung.) Es gibt zweierlei Arten von 
Gesetzen, Gesetze der Natur und des Rechts: die Gesetze 
der Natur sind schlechthin und gelten so, wie sie sind; 
sie leiden an keiner Verkümmerung, obgleich man sich 
in einzelnen Fällen dagegen vergehen kann. Um zu wissen, 
was das Gesetz der Natur ist, müssen wir dieselbe kennen 
lernen, denn diese Gesetze sind richtig: nur unsere Vor- 
stellungen davon können falsch sein. Der Maßstab dieser 
Gesetze ist außer uns, und unser Erkennen tut nichts 
zu ihnen hinzu, befördert sie nicht: nur unsere Erkennt- 
nis über sie kann sich erweitern. Die Kenntnis des Rechts 
ist einerseits ebenso, andererseits nicht. Wir lernen die 
Gesetze ebenso kennen, wie sie schlechthin da sind; so 
hat sie mehr oder weniger der Bürger, und der positive 
Jurist bleibt nicht minder bei dem, was gegeben ist, stehen. 
Aber der Unterschied ist, daß bei den Rechtsgesetzen sich 
der Geist der Betrachtung erhebt, und schon die Ver- 
schiedenheit der Gesetze darauf aufmerksam macht, daß 
sie nicht absolut sind. Die Rechtsgesetze sind Gesetztes, 
von Menschen Herkommendes. Mit diesem kann not- 
wendig die innere Stimme in Kollision treten, oder sich 
ihm anschließen. Der Mensch bleibt bei dem Daseienden 
nicht stehen, sondern behauptet in sich den Maßstab zu 
haben von dem, was recht ist: er kann der Notwendigkeit 
und der Gewalt äußerer Autorität unterworfen sein, aber 
niemals wie der Notwendigkeit der Natur, denn ihm sagt 
immer sein Inneres, wie es sein solle, und in sich selbst 
findet er die Bewährung oder Nichtbewährung dessen, 
was gilt. In der Natur ist die höchste Wahrheit, daß ein 
Gesetz überhaupt ist; in den Gesetzen des Rechts gilt 
die Sache nicht, weil sie ist, sondern jeder fordert, sie solle 



284 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

seinem eigenen Kriterium entsprechen. Hier also ist ein 
Widerstreit möglich dessen, was ist, und dessen, was sein 
soll, des an und für sich seienden Rechts, welches un- 
verändert bleibt, und der Willkürlichkeit der Bestimmung 
dessen, was als Recht gelten solle. Solche Trennung und 
solcher Kampf findet sich nur auf dem Boden des Geistes, 
und weil der Vorzug des Geistes somit zum Unfrieden und 
zur Unseligkeit zu führen scheint, so wird man häufig 
zur Betrachtung der Natur aus der Willkür des Lebens 
zurückverwiesen und soll sich an derselben ein Muster 
nehmen. Gerade in diesen Gegensätzen aber des an und 
für sich seienden Rechts und dessen, was die Willkür 
als Recht geltend macht, liegt das Bedürfnis, gründlich 
das Rechte erkennen zu lernen. Seine Vernunft muß dem 
Menschen im Rechte entgegenkommen; er muß also die 
Vernünftigkeit des Rechts betrachten, und dies ist die 
Sache unserer Wissenschaft, im Gegensatz der positiven 
Jurisprudenz, die es oft nur mit Widersprüchen zu tun 
hat. Die gegenwärtige Welt hat dazu noch ein dringenderes 
Bedürfnis, denn vor alten Zeiten war noch Achtung und 
Ehrfurcht vor dem bestehenden Gesetz da; jetzt aber hat 
die Bildung der Zeit eine andere Wendung genommen, und 
der Gedanke hat sich an die Spitze alles dessen gestellt, 
was gelten soll. Theorien stellen sich dem Daseienden 
gegenüber und wollen als an und für sich richtig und not- 
wendig erscheinen. Nunmehr wird es spezielleres Be- 
dürfnis, die Gedanken des Rechts zu erkennen und zu be- 
greifen. Da sich der Gedanke zur wesentlichen Form 
erhoben hat, so muß man auch das Recht als Gedanken 
zu fassen suchen. Dies scheint zufälligen Meinungen Tür 
und Tor zu öffnen, wenn der Gedanke über das Recht 
kommen soll; aber der wahrhafte Gedanke ist keine Mei- 
nung über die Sache, sondern der Begriff der Sache selbst. 
Der Begriff der Sache kommt uns nicht von Natur. Jeder 
Mensch hat Finger, kann Pinsel und Farben haben, darum 
aber ist er noch kein Maler. Ebenso ist es mit dem Denken. 
Der Gedanke des Rechts ist nicht etwa, was jedermann 
aus erster Hand hat, sondern das richtige Denken ist das 
Kennen und Erkennen der Sache, und unsere Erkenntnis 
Boll daher wissenschaftlich sein. 

2. Zusatz zu § 1. (Die Idee.) Der Begriff und 
seine Existenz sind zwei Seiten, geschieden und einig, 
wie Seele und Leib. Der Körper ist dasselbe Leben als die 
Seele, und dennoch können beide als auseinanderliegende 



Zu § 1—4. 285 

genannt werden. Eine Seele ohne Leib wäre nichts Leben- 
diges, und ebenso umgekehrt. So ist das Dasein des Be- 
griffs sein Körper, sowie dieser der Seele, die ihn her- 
vorbrachte, gehorcht. Die Keime haben den Baum in sich 
und enthalten seine ganze Kraft, obgleich sie noch nicht 
er selbst sind. Der Baum entspricht ganz dem einfachen 
Bilde des Keimes. Entspricht der Körper nicht der Seele, 
so ist es eben etwas Elendes. Die Einheit des Daseins 
und des Begriffs, des Körpers und der Seele ist die Idee. 
Sie ist nicht nur Harmonie, sondern vollkommene Durch- 
dringung. Nichts lebt, was nicht auf irgendeine Weise 
Idee ist. Die Idee des Rechts ist die Freiheit, und um 
wahrhaft aufgefaßt zu werden, muß sie in ihrem Begrüf 
und in dessen Dasein zu erkennen sein. 

3. Zusatz zu § 2. (Der Anfang in der Philoso- 
phie.) Die Philosophie bildet einen Kreis: sie hat ein 
Erstes, Unmittelbares, da sie überhaupt anfangen muß, 
ein nicht Erwiesenes, das kein Resultat ist. Aber womit 
die Philosophie anfängt, ist unmittelbar relativ, indem es 
an einem anderen Endpunkt als Resultat erscheinen muß. 
Sie ist eine Folge, die nicht in der Luft hängt, nicht ein 
unmittelbar Anfangendes, sondern sie ist sich rundend. 

4. Zusatz zu §4. (Freiheit, praktisches und the- 
oretisches Verhalten.) Die Freiheit des Willens ist am 
besten durch eine Hinweisung auf die physische Natur 
zu erklären. Die Freiheit ist nämlich ebenso eine Grund- 
bestimmung des Willens, wie die Schwere eine Grund- 
bestimmung der Körper ist. Wenn man sagt, die Materie 
ist schwer, so könnte man meinen, dieses Prädikat sei nur 
zufällig: es ist es aber nicht, denn nichts ist unschwer 
an der Materie: diese ist vielmehr die Schwere selbst. 
Das Schwere macht den Körper aus und ist der Körper. 
Ebenso ist es mit der Freiheit und dem Willen, denn das 
Freie ist der Wille. Wille ohne Freiheit ist ein leeres Wort, 
sowie die Freiheit nur als Wille, als Subjekt wirklich ist. 

Was aber den Zusammenhang des Willens mit dem 
Denken betrifft, so ist darüber folgendes zu bemerken. 
Der Geist ist das Denken überhaupt, und der Mensch unter- 
scheidet sich vom Tier durch das Denken. Aber man 
muß sich nicht vorstellen, daß der Mensch einerseits 
denkend, andererseits wollend sei, und daß er in der einen 
Tasche das Denken, in der anderen das Wollen habe, denn 
dies wäre eine leere Vorstellung. Der Unterschied zwischen 
Denken und Willen ist nur der zwischen dem theoretischen 



286 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

und praktischen Verhalten, aber es sind nicht etwa zwei 
Vermögen, sondern der Wille ist eine besondere Weis - 
des Denkens: das Denken als sich übersetzend ins Daseir.. 
als Trieb sich Dasein zu geben. 

Dieser Unterschied zwischen Denken und Willen kann 
so ausgedrückt werden. Indem ich einen Gegenstand 
denke, mache ich ihn zum Gedanken, und nehme ihm 
das Sinnliche: ich mache ihn zu etwas, das wesentlich 
und unmittelbar das Meinige ist: denn erst im Denken 
bin ich bei mir, erst das Begreifen ist das Durchbohren 
des Gegenstandes, der nicht mehr mir gegenübersteht, 
und dem ich das Eigene genommen habe, das er für 
sich gegen mich hatte. Wie Adam zu Eva sagt: du 
bist Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinei: 
Bein, so sagt der Geist: dies ist Geist von meine:: 
Geist, und die Fremdheit ist verschwunden. Jede Vor- 
stellung ist eine Verallgemeinerung, und diese gehört dei: 
Denken an. Etwas allgemein machen heißt es denker. 
Ich ist das Denken und ebenso das Allgemeine. Wenn icn 
Ich sage, so lasse ich darin jede Besonderheit fallen, den 
Charakter, das Naturell, die Kenntnisse, das Alter. Ic- 
ist ganz leer, punktuell, einfach, aber tätig in diese 
Einfachheit. Das bunte Gemälde der Welt ist vor mir; 
ich stehe ihm gegenüber und hebe bei diesem Verhalten 
den Gegensatz auf, mache diesen Inhalt zu dem meinigei: 
Ich ist in der Welt zu Hause, wenn es sie kennt, nocn 
mehr, wenn es sie begriffen hat. So weit das theoretische 
Verhalten. 

Das praktische Verhalten fängt dagegen beim Denken, 
beim Ich selbst an und erscheint zuvörderst als ent- 
gegengesetzt, weil es nämlich gleich eine Trennung 
aufstellt. Indem ich praktisch, tätig bin, d. h. handele, 
bestimme ich mich, und mich bestimmen heißt eben einen 
Unterschied setzen. Aber diese Unterschiede, die ich setze, 
sind dann wieder die meinigen, die Bestimmungen kommen 
mir zu, und die Zwecke, wozu ich getrieben bin, gehören 
mir an. Wenn ich nun auch diese Bestimmungen und 
Unterschiede herauslasse, das heißt in die sogenannte 
Aoßenwelt setze, so bleiben sie doch die meinigen: sie sind 
das, was ich getan, gemacht habe, sie tragen die Spur 
meines Geistes. 

Wenn dieses nun der Unterschied des theoretischen 
und praktischen Verhaltens ist, so ist nunmehr das 
Verhältnis beider anzugeben. Das Theoretische ist wesent- 



Zu § 4-5. 287 

lieh im Praktischen enthalten: es geht gegen die Vor- 
stellung, daß beide getrennt sind, denn man kann keinen 
Willen haben ohne Intelligenz, Im Gegenteil, der Wille 
hält das Theoretische in sich: der Wille bestimmt sich; 
diese Bestimmung ist zunächst ein Inneres: was ich 
will, stelle ich mir vor, ist Gegenstand für mich. Das 
Tier handelt nach Instinkt, wird durch ein Inneres ge- 
trieben, und ist so auch praktisch; aber es hat keinen 
Willen, weil es sich das nicht vorstellt, was es begehrt. 
Ebensowenig kann man sich aber ohne Willen theoretisch 
verhalten oder denken; denn indem wir denken, sind wir 
eben tätig. Der Inhalt des Gedachten erhält wohl die 
Form des Seienden, aber dies Seiende ist ein Vermitteltes, 
durch unsere Tätigkeit Gesetztes, Diese Unterschiede sind 
also untrennbar: sie sind eines und dasselbe, und in jeder 
Tätigkeit, sowohl des Denkens als des Wollens, finden sich 
beide Momente. 

5, Zusatz zu § 5. (Die abstrakte Freiheit.) In 
diesem Elemente des Willens liegt, daß ich mich von allem 
losmachen, alle Zwecke aufgeben, von allem abstrahieren 
kann. Der Mensch allein kann alles fallen lassen, auch 
sein Leben: er kann einen Selbstmord begehen. Das 
Tier kann dieses nicht; es bleibt immer nur negativ, in 
einer ihm fremden Bestimmung, an die es sich nur ge- 
wöhnt. Der Mensch ist das reine Denken seiner selbst, 
und nur denkend ist der Mensch diese Kraft, sich All- 
gemeinheit zu geben, d. h. alle Besonderheit, alle Be- 
stimmtheit zu verlöschen. Diese negative Freiheit oder 
diese Freiheit des Verstandes ist einseitig, aber dies Ein- 
seitige enthält immer eine wesentliche Bestimmung in 
sich: es ist daher nicht wegzuwerfen; aber der Mangel 
des Verstandes ist, daß er eine einseitige Bestimmung 
zur einzigen und höchsten erhebt. Geschichtlich kommt 
diese Form der Freiheit häufig vor. Bei den Indern 
z. B. wird es für das Höchste gehalten, bloß in dem 
Wissen seiner einfachen Identität mit sich zu verharren, 
in diesem leeren Raum seiner Innerlichkeit zu verbleiben 
wie das farblose Licht in der reinen Anschauung, und 
jeder Tätigkeit des Lebens, jedem Zweck, jeder Vor- 
stellung zu entsagen. Auf diese Weise wird der Mensch 
zu Brahm; es ist kein Unterschied des endlichen Menschen 
und des Brahm mehr: jede Differenz ist vielmehr in 
dieser Allgemeinheit verschwunden. Konkreter erscheint 
diese Form im tätigen Fanatismus des politischen wie des 



288 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

religiösen Lebens. Dahin gehört z. B. die Schreckens- 
zeit der französischen Revolution, in welcher aller Unter- 
schied der Talente, der Autorität aufgehoben werden sollte. 
Diese Zeit war eine Erzitterung, ein Erbeben*), eine Un- 
verträglichkeit gegen jedes Besondere; denn der Fanatis- 
mus will ein Abstraktes, keine Gegliederung: wo sich 
Unterschiede hervortun, findet er dieses seiner Unbestimmt- 
heit zuwider und hebt sie auf. Deswegen hat auch das 
Volk in der Revolution die Institutionen, die es selbst 
gemacht hatte, wieder zerstört, weil jede Institution dem 
abstrakten Selbstbewußtsein der Gleichheit zuwider ist. 

6. Zusatz zu § 6. (Die Besonderung des Willens.) 
Dieses zweite Moment erscheint als das entgegengesetzte; 
es ist in seiner allgemeinen Weise aufzufassen, es gehört 
zur Freiheit, macht aber nicht die ganze Freiheit aus. 
Das Ich geht hier aus unterschiedsloser Unbestimmtheit 
zur Unterscheidung, zum Setzen einer Bestimmtheit, als 
eines Inhalts und Gegenstandes über. Ich will nicht bloß, 
sondern ich will etwas. Ein Wille, der, wie im vorigen 
Paragraphen auseinandergesetzt ist, nur das abstrakt All- 
gemeine will, will nichts, und ist deswegen kein Wille. 
Das Besondere, was der Wille will, ist eine Beschränkung, 
denn der Wille muß, um Wille zu sein, sich überhaupt 
beschränken. Daß der Wille etwas will, ist die Schranke, 
die Negation. Die Besonderung ist so das, was in der 
Regel Endlichkeit genannt wird. Gewöhnlich hält die 
Reflexion das erste Moment, nämlich das Unbestimmte, 
für das Absolute und Höhere, dagegen das Beschränkte 
für eine bloße Negation dieser Unbestimmtheit. Aber 
diese Unbestimmtheit ist selbst nur eine Negation gegen 
das Bestimmte, gegen die Endlichkeit: Ich ist diese Ein- 
samkeit und absolute Negation. Der unbestimmte Wille 
ist insofern ebenso einseitig als der bloß in der Be- 
stimmtheit stehende. 

7. Zusatz zu § 7. (Der konkrete Begriff der 
Freiheit.) Das, was wir eigentlich Willen nennen, ent- 
hält die beiden vorigen Momente in sich. Ich ist zuvörderst 
als solches reine Tätigkeit, das Allgemeine, das bei sich 
ist; aber dieses Allgemeine bestimmt sich, und insofern 
ist es nicht mehr bei sich, sondern setzt sich als ein 
anderes und hört auf, das Allgemeine zu sein. Das dritte 
ist nun, daß es in seiner Beschränkung, in diesem anderen 



*) Vielleicht: Erbitterung, Erheben. 



Zu § 7-10. 289 

bei sich selbst sei, daß, indem es sich bestimmt, es dennoch 
bei sich bleibe und nicht aufhöre das Allgemeine fest- 
zuhalten: dieses ist dann der konkrete Begriff der Freiheit, 
während die beiden vorigen Momente durchaus abstrakt und 
einseitig befunden worden sind. Diese Freiheit haben 
wir aber schon in der Form der Empfindung, z. B. in 
der Freundschaft und Liebe. Hier ist man nicht einseitig 
in sich, sondern man beschränkt sich gern in Beziehung 
auf ein anderes, weiß sich aber in dieser Beschränkung 
als sich selbst. In der Bestimmtheit soll sich der Mensch 
nicht bestimmt fühlen, sondern indem man das andere als 
anderes betrachtet, hat man darin erst sein Selbstgefühl. 
Die Freiheit liegt also weder in der Unbestimmtheit noch 
in der Bestimmtheit, sondern sie ist beides. Den Willen, 
der sich auf ein Dieses lediglich beschränkt, hat der Eigen- 
sinnige, welcher unfrei zu sein vermeint, wenn er diesen 
Willen nicht hat. Der Wille ist aber nicht an ein Be- 
schränktes gebunden, sondern muß weiter gehen, denn 
die Natur des Willens ist nicht diese Einseitigkeit und 
Gebundenheit; sondern die Freiheit ist, ein Bestimmtes zu 
wollen, aber in dieser Bestimmtheit bei sich zu sein und 
wieder in das Allgemeine zurückzukehren. 

8. Zusatz zu § 8, (Die Zweckbestimmtheit des 
Willens.) Die Betrachtung der Bestimmtheit des Willens 
gehört dem Verstände an und ist zunächst nicht speku- 
lativ. Der Wille ist überhaupt nicht nur im Sinne des 
Inhalts, sondern auch im Sinne der Form bestimmt. Die 
Bestimmtheit der Form nach ist der Zweck und die Aus- 
führung des Zweckes: der Zweck ist zunächst nur ein mir 
Innerliches, Subjektives, aber er soll auch objektiv 
werden, den Mangel der bloßen Subjektivität abwerfen. 
Man kann hier fragen, warum ist er dieser Mangel. Wenn 
das, was Mangel hat, nicht zugleich über seinem Mangel 
steht, so ist der Mangel für dasselbe kein Mangel. Für 
uns ist das Tier ein Mangelhaftes, für sich nicht. Der 
Zweck, insofern er nur erst unser ist, ist für uns ein 
Mangel, denn Freiheit und Wille sind uns Einheit des 
Subjektiven und Objektiven. Der Zweck ist also objektiv 
zu setzen und kommt dadurch nicht in eine neue einseitige 
Bestimmung, sondern nur zu seiner Realisation. 

9. Zusatz zu § 10. (Ansich und Fürsich der 
Freiheit.) Der Wille, der bloß dem Begriffe nach Wille 
ist, ist an sich frei, aber auch zugleich unfrei, denn wahr- 
haft frei wäre er erst als wahrhaft bestimmter Inhalt, 

Hegel, Rechtsphilosophie. 19 



290 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

dann ist er für sich frei, hat die Freiheit zum Gegenstande, 
ist die Freiheit. Was nur erst nach seinem Begriffe ist, 
was an sich bloß ist, ist nur unmittelbar, nur natürlich. 
Dies ist uns auch in der Vorstellung bekannt. Das Kind 
ist an sich Mensch, hat erst an sich Vernunft, ist erst 
Möglichkeit der Vernunft und der Freiheit, und ist nur 
so dem Begriff nach frei. Was nun so erst an sich ist, ist 
nicht in seiner Wirklichkeit. Der Mensch, der an sich ver- 
nünftig ist, muß sich durch die Produktion seiner selbst durch- 
arbeiten durch das Hinausgehen aus sich, aber ebenso durch 
das Hineinbilden in sich, daß er es auch für sich werde. 

10. Zusatz zu § 11. (Trieb und Freiheit.) Triebe, 
Begierden, Neigungen hat auch das Tier, aber das Tier 
hat keinen Willen und muß dem Triebe gehorchen, wenn 
nichts Äußeres es abhält. Der Mensch steht aber als das 
ganz Unbestimmte über den Trieben und kann sie als 
die seinigen bestimmen und setzen. Der Trieb ist in der 
Natur, aber daß ich ihn in dieses Ich setze, hängt von 
meinem Willen ab, der sich also darauf, daß er in der 
Natur liegt, nicht berufen kann. 

11. Zusatz zu § 13. (Die Wirklichkeit des 
Wollens.) Ein Wille, der nichts beschließt, ist kein 
wirklicher Wille; der Charakterlose kommt nie zum Be- 
schließen. Der Grund des Zaudeius kann auch in einer 
Zärtlichkeit des Gemüts liegen, welches weiß, daß im 
Bestimmen es sich mit der Endlichkeit einläßt, sich eine 
Schranke setzt, und die Unendlichkeit aufgibt: es will 
aber nicht der Totalität entsagen, die es beabsichtigt. Ein 
solches Gemüt ist ein totes, wenn es auch ein schönes sein 
will. Wer Großes will, sagt Goethe, muß sich beschränken 
können*). Durch das Beschließen allein tritt der Mensch 
in die Wirklichkeit, wie sauer es ihm auch wird; denn 
die Trägheit will aus dem Brüten in sich nicht heraus- 
gehen, in der sie sich eine allgemeine Möglichkeit bei- 
behält. Aber Möglichkeit ist noch nicht Wirklichkeit. 
Der Wille, der seiner sicher ist, verliert sich darum im 
Bestimmten noch nicht. 

12. Zusatz zu § 15. (Willkür und Partikularität.) 
Da ich die Möglichkeit habe, mich hier oder dort zu 
bestimmen, d. h. da ich wählen kann, so besitze ich 



*) „Wer Grroßes will, muß sich zusammenraffen; In der 
Beschränkung zeigt sich erst der Meister." Aus dem Sonett 
„Natur imd Kunst". (Gedichte. Epigrammatisch.) 



Zu § 11-17. 291 

W,illkür, was man gewöhnlich Freiheit nennt. Die Wahl, 
die ich habe, liegt in der Allgemeinheit des Willens, daß 
ich dieses oder jenes zu dem Meinigen machen kann. 
Dies Meinige ist als besonderer Inhalt mir nicht ange- 
messen, ist also getrennt von mir, und nur in der Möglich- 
keit das Meinige zu sein, sowie ich die Möglichkeit bin, 
mich mit ihm zusammenzuschließen. Die Wahl liegt daher 
in der Unbestimmtheit des Ich. und in der Bestimmtheit 
eines Inhalts. Der Wille ist also dieses Inhalts willen nicht 
frei, obgleich er die Seite der Unendlichkeit formell an 
sich hat; ihm entspricht keiner dieser Inhalte: in keinem 
hat er wahrhaft sich selbst. In der Willkür ist das ent- 
halten, daß der Inhalt nicht durch die Natur meines 
Willens bestimmt ist der Meinige zu sein, sondern durch 
Zufälligkeit; ich bin also ebenso abhängig von diesem 
Inhalt, und dies ist der Widerspruch, der in der Willkür 
liegt. Der gewöhnliche Mensch glaubt frei zu sein, wenn 
ihm willkürlich zu handeln erlaubt ist; aber gerade in der 
Willkür liegt, daß er nicht frei ist. Wenn ich das Ver- 
nünftige will, so handle ich nicht als partikulares Indivi- 
duum, sondern nach den Begriffen der Sittlichkeit über- 
haupt; in einer sittlichen Handlung mache ich nicht mich 
selbst, sondern die Sache geltend. Der Mensch aber, indem 
er etwas Verkehrtes tut, läßt seine Partikularität am 
meisten hervortreten. Das Vernünftige ist die Landstraße, 
wo jeder geht, wo niemand sich auszeichnet. Wenn große 
Künstler ein Werk vollenden, so kann man sagen: so muß 
es sein; d. h. des Künstlers Partikularität ist ganz ver- 
schwunden und keine Manier erscheint darin. Phidias 
hat keine Manier; die Gestalt selbst lebt und tritt hervor. 
Aber je schlechter der Künstler ist, desto mehr sieht man 
ihn selbst, seine Partikularität und Willkür. Bleibt man 
bei der Betrachtung in der Willkür stehen, daß der Mensch 
dieses oder jenes wollen könne, so ist dies allerdings seine 
Freiheit; aber hält man die Ansicht fest, daß der Inhalt 
ein gegebener sei, so wird der Mensch dadurch bestimmt 
und ist eben nach dieser Seite hin nicht mehr frei. 

13. Zusatz zu § 17. (Der Widerstreit der Triebe.) 
Die Triebe und Neigungen sind zunächst Inhalt des Willens, 
und nur die Reflexion steht über denselben; aber diese 
Triebe werden selbst treibend, drängen einander, stören 
sich, und wollen alle befriedigt werden. Wenn ich nun 
mit Hintenansetzung aller anderen mich bloß in einen der- 
selben hineinlege, so befinde ich mich in einer zerstörenden 

19* 



292 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

Beschränktheit, denn ich habe meine Allgemeinheit eben 
dadurch aufgegeben, welche ein System aller Triebe ist. 
Ebensowenig ist aber mit einem bloßen Unterordnen der 
Triebe geholfen, worauf der Verstand gewöhnlich kommt, 
weil hier kein Maß dieser Anordnung zu geben ist und 
die Forderung daher gewöhnlich in die Langweiligkeit all- 
gemeiner Redensarten ausläuft. 

14. Zusatz zu § 18. (Die Lehre von der Erb- 
sünde.) Die christliche Lehre, daß der Mensch von Natur 
böse sei, steht höher wie die andere, die ihn für gut 
hält; ihrer philosophischen Auslegung zufolge ist sie also 
zu fassen. Als Geist ist der Mensch ein freies Wesen, das 
die Stellung hat, sich nicht durch Naturimpulse bestimmen 
zu lassen. Der Mensch, als im unmittelbaren und un- 
gebildeten Zustande, ist daher in einer Lage, in der er 
nicht sein soll und von der er sich befreien muß. Die 
Lehre von der Erbsünde, ohne welche das Christentum 
nicht die Religion der Freiheit wäre, hat diese Bedeutung. 

15. Zusatz zu § 20, (Die Glückseligkeit.) In 
der Glückseligkeit hat der Gedanke schon eine Macht 
über die Naturgewalt der Triebe, indem er nicht mit dem 
Augenblicklichen zufrieden ist, sondern ein Ganzes von 
Glück erheischt. Es hängt dieses insofern mit der Bil- 
dung zusammen, als letztere es ebenfalls ist, welche ein 
Allgemeines geltend macht. In dem Ideal von Glück- 
seligkeit liegen aber zwei Momente: erstens ein Allge- 
meines, das höher ist als alle Besonderheiten; da nun aber 
der Inhalt dieses Allgemeinen wiederum der nur allgemeine 
Genuß ist, so tritt hier noch einmal das Einzelne und Be- 
sondere, also ein Endliches auf, und es muß auf den Trieb 
zurückgegangen werden. Indem der Inhalt der Glück- 
seligkeit in der Subjektivität und Empfindung eines jeden 
liegt, ist dieser allgemeine Zweck seinerseits partikular, 
und in ihm also noch keine wahre Einheit des Inhalts 
und der Form vorhanden. 

16. Zusatz zu §21. (Der wahrhafte Wille.) Wahr- 
heit in der Philosophie heißt das, daß der Begriff der Rea- 
lität entspreche. Ein Leib ist z. B. die Realität, die Seele 
der Begriff; Seele und Leib sollen sich aber angemessen 
sein. Ein toter Mensch ist daher noch eine Existenz, aber 
keine wahrhafte mehr, ein begriffloses Dasein; deswegen 
verfault der tote Körper. So ist der wahrhafte Wille, daß 
das, was er will, sein Inhalt, identisch mit ihm sei, daß 
also die Freiheit die Freiheit wolle. 



Zu § 18-2G. 293 

17. Zusatz zu § 22. (Die Unendlichkeit des 
' Willens.) Man hat mit Recht die Unendlichkeit unt«r 

dem Bilde eines Kreises vorgestellt, denn die gerade Linie 
, geht hinaus und immer weiter hinaus und bezeichnet die 
■ bloß negative schlechte Unendlichkeit, die nicht wie die 
! wahre eine Rückkehr in sich selbst hat. Der freie Wille 
ist wahrhaft unendlich; denn er ist nicht bloß eine Mög- 
lichkeit und Anlage, sondern sein äußerliches Dasein ist 
seine Innerlichkeit, er selbst. 

18. Zusatz zu § 26. (Objektiver und subjektiver 
Wille. Gewöhnlich glaubt man, das Subjektive und Ob- 
jektive stehe sich fest einander gegenüber. Dies ist aber 
nicht der Fall, da es vielmehr ineinander übergeht, denn 
es sind keine abstrakten Bestimmungen, wie positiv und 
negativ, sondern sie haben schon eine konkretere Be- 
deutung. Betrachten wir zunächst den Ausdruck subjektiv, 
so kann dies heißen ein Zweck, der nur der eines be- 
stimmten Subjekts ist. In diesem Sinne ist ein sehr 
schlechtes Kunstwerk, das die Sache nicht erreicht, ein 
bloß subjektives. Es kann aber auch ferner dieser Aus- 
druck auf den Inhalt des AVillens gehen und ist dann un- 
gefähr mit Willkürlichem gleichbedeutend: der subjektive 
Inhalt ist der, welcher bloß dem Subjekte angehört. So 
sind z. B. schlechte Handlungen bloß subjektive. Dann 
kann aber ebenso jenes reine leere Ich subjektiv genannt 
werden, das nur sich als Gegenstand hat, und von allem 
weiteren Inhalt zu abstrahieren die Kraft besitzt. Die Sub- 
jektivität hat also, teils eine ganz partikulare, teils eine 
hochberechtigte Bedeutung, indem alles, was ich aner- 
kennen soll, auch die Aufgabe hat, ein Meiniges zu werden, 
und in mir Geltung zu erlangen. Dies ist die unendliche 
Habsucht der Subjektivität, alles in dieser einfachen Quelle 
des reinen Ich zusammenzufassen und zu verzehren. — Nicht 
minder kann das Objektive verschieden gefaßt werden. 
Wir können darunter alles verstehen, was wir uns gegen- 
ständlich machen, seien es wirkliche Existenzen oder bloße 
Gedanken, die wir uns gegenüberstellen; ebenso begreift 
man aber auch darunter die Unmittelbarkeit des Daseins, 
in dem der Zweck sich realisieren soll: wenn der Zweck 
auch selbst ganz partikular und subjektiv ist, so nennen 
wir ihn doch objektiv, wenn er erscheint. Aber der ob- 
jektive Wille ist auch derjenige, in welchem Wahrheit 
ist. So ist Gottes Wille, der sittliche Wille ein objektiver. 
Endlich kann man auch den Willen objektiv heißen, der 



294 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

ganz in sein Objekt versenkt ist, den kindlichen, der im 
Zutrauen, ohne subjektive Freiheit steht, und den skla- 
vischen, der sich noch nicht als frei weiI3 und deswegen 
ein willenloser Wille ist. Objektiv ist in diesem Sinne 
ein jeder Wille, der durch fremde Autorität geleitet handelt 
und noch nicht die unendliche Rückkehr in sich voll- 
endet hat. 

19. Zusatz zu § 32. (Die Entwickelung des Be- 
griffs in der Wissenschaft und in seinen daseien- 
den Gestalten.) Die Idee muß sich immer weiter in sich 
bestimmen, da sie im Anfange nur erst abstrakter Bagriff 
ist. Dieser anfängliche abstrakte Begriff wird aber nie 
aufgegeben, sondern er wird nur immer in sich reicher, 
und die letzte Bestimmung ist somit die reichste. Die frülier 
nur an sich seienden Bestimmungen kommen dadurch zu 
ihrer freien Selbständigkeit, so aber, daß der Begriff 
die Seele bleibt, die alles zusammenhält, und die nur durch 
ein immanentes Verfahren zu ihren eigenen Unterschieden 
gelangt. Man kann daher nicht sagen, daß der Begriff 
zu etwas Neuem komme, sondern die letzte Bestimmung 
fällt in der Einheit mit der ersten wieder zusammen. Wenn 
auch so der Begriff in seinem Dasein auseinandergegangen 
scheint, so ist dieses eben nur ein Schein, der sich im 
Fortgange als solcher aufweist, indem alle Einzelnheiten 
in den Begriff des Allgemeinen schließlich wieder zurück- 
kehren. In den empirischen Wissenschaften analysiert man 
gewöhnlich das, was in der Vorstellung gefunden wird, und 
wenn man nun das Einzelne auf das Gemeinschaftliche 
zurückgebracht hat, so nennt man dieses alsdann den Be- 
griff. So verfahren wir nicht, denn wir wollen nur zu- 
sehen, wie sich der Begriff selbst bestimmt, und tun uns 
die Gewalt an, nichts von unserem Meinen und Denken 
hinzugeben. Was wir auf diese Weise erhalten, ist aber 
eine Reihe von Gedanken, und eine andere Reihe daseiender 
Gestalten, bei denen es sich fügen kann, daß die Ordnung 
der Zeit in der wirklichen Erscheinung zum Teil anders 
ist als die Ordnung des Begriffs. So kann man z. B. nicht 
sagen, daß das Eigentum vor der Familie dagewesen sei, 
und trotzdem wird es vor derselben abgehandelt. Man 
könnte hier also die Frage aufwerfen, warum wir nicht 
mit dem Höchsten, d. h. mit dem konkret 'Wahren be- 
ginnen. Die Antwort wird sein, weil wir eben das Wahre 
in Form eines Resultates sehen wollen und dazu wesentlich 
gehört, zuerst den abstrakten Begriff selbst zu begreifen. 



Zu § 32-33. 295 

Das, was wirklich ist, die Gestalt des Begriffes, ist uns 
somit erst das Folgende und Weitere, wenn es auch in der 
Wirklichkeit selbst das Erste wäre. Unser Fortgang ist 
der, daß die abstrakten Formen sich nicht als für sich 
bestehend, sondern als unwahre aufweisen. 

20. Zusatz zu § 33. (Die Stufenreihe der Ver- 
wirklichungen der Freiheit.) Wenn wir hier vom 
Rechte sprechen, so meinen wir nicht bloß das bürgerliche 
Recht, das man gewöhnlich darunter versteht, sondern Mo- 
ralität, Sittlichkeit und Weltgeschichte, die ebenfalls hier- 
her gehören, weil der Begriff die Gedanken der Wahr- 
heit nach zusammenbringt. Der freie Wille muß sich zu- 
nächst, um nicht abstrakt zu bleiben, ein Dasein geben, 
und das erste sinnliche Material dieses Daseins sind die 
Sachen, d. h. die äußeren Dinge. Diese erste Weise 
der Freiheit ist die, welche wir als Eigentum kennen 
sollen, die Sphäre des formellen und abstrakten Rechts, 
wozu nicht minder das Eigentum in seiner vermittelten 
Gestalt als Vertrag, und das Recht in seiner Verletzung 
als Verbrechen und Strafe gehören. Die Freiheit, die 
wir hier haben, ist das, was wir Person nennen, d. h. 
das Subjekt, das frei und zwar für sich frei ist, und 
sich in den Sachen ein Dasein gibt. Diese bloße Unmittel- 
barkeit des Daseins aber ist der Freiheit nicht angemessen, 
und die Negation dieser Bestimmung ist die Sphäre der 
M oral i tat. Ich bin nicht mehr bloß frei in dieser un- 
mittelbaren Sache, sondern ich bin es auch in der auf- 
gehobenen Unmittelbarkeit, d. h. ich bin es in mir selbst, 
im Subjektiven. In dieser Sphäre ist es, wo es auf 
meine Einsicht und Absicht und auf meinen Zweck an- 
kommt, indem die Äußerlichkeit als gleichgültig gesetzt 
wird. Das Gute, das hier der allgemeine Zweck ist, soll 
aber nicht bloß in meinem Innern bleiben, sondern es soll 
sich realisieren. Der subjektive Wille nämlich fordert, daß 
sein Inneres, d. h. sein Zweck, äußeres Dasein erhalte, 
daß also das Gute in der äußerlichen Existenz solle 
vollbracht v^^erden. Die Moralität, wie das frühere Moment 
des formellen Rechts, sind beide Abstraktionen, deren 
Wahrheit erst die Sittlichkeit ist. Die Sittlichkeit ist 
so die Einheit des Willens in seinem Begriffe, und des 
Willens des Einzelnen, d. h. des Subjekts. Ihr erstes 
Dasein ist wiederum ein Natürliches, in Form der Liebe 
und Empfindung, die Familie: das Individuum iiat hier 
seine spröde Persönlichkeit aufgehoben, und befindet sich 



296 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

mit seinem Bewußtsein in einem Ganzen. Aber auf der 
folgenden Stufe ist der Verlust der eigentlichen Sittlich- 
keit und der substantiellen Einheit zu sehen; die Familie 
zerfällt, und die Glieder verhalten sich als selbständige 
zueinander, indem nur das Band des gegenseitigen Bedürf- 
nisses sie umschlingt. Diese Stufe der bürgerlichen 
Gesellschaft hat man häufig für den Staat angesehen. 
Aber der Staat ist erst das Dritte, die Sittlichkeit, und der 
Geist, in welchem die ungeheure Vereinigung der Selb- 
ständigkeit der Individualität, und der allgemeinen Sub- 
stantialität stattfindet. Das Recht des Staates ist daher 
höher als andere Stufen: es ist die Freiheit in ihrer kon- 
kretesten Gestaltung, welche nur noch unter die höchste 
absolute Wahrheit des Weltgeistes fällt. 

21. Zusatz zu §34. Abstraktheit und Unmittel- 
barkeit des Willens.) Wenn gesagt v^-ird, der an und 
für sich freie Wille, wie er in seinem abstrakten Begriffe 
ist, sei in der Bestimmtheit der Unmittelbarkeit, so muJß 
darunter folgendes verstanden werden. Die vollendete 
Idee des Willens wäre der Zustand, in welchem der Be- 
griff sich völlig realisiert hätte, und in welchem das 
Dasein desselben nichts als die Entwickelung seiner selbst 
wäre. Im Anfange ist der Begriff aber abstrakt, d. h. alle 
Bestimmungen sind zwar in ihm enthalten, aber auch nur 
enthalten: sie sind nur an sich, und noch nicht zur Totali- 
tät in sich selbst entwickelt. Wenn ich sage, ich bin 
frei, so ist Ich noch dieses gegensatzlose Insichsein, da- 
gegen im Moralischen schon ein Gegensatz ist, denn da 
bin ich als einzelner Wille, und das Gute ist das All- 
gemeine, obgleich es in mir selbst ist. Hier hat der 
Wille also schon die Unterschiede von Einzelnheit und 
Allgemeinheit in sich selbst und ist somit bestimmt. Aber 
im Anfang ist ein solcher Unterschied nicht vorhanden, 
denn in der ersten abstrakten Einheit ist noch kein Fort- 
gang und keine Vermitteln ng: der Wille ist so in der 
Form der Unmittelbarkeit, des Seins. Die wesentliche 
Einsicht, die hier zu erlangen wäre, ist nun, daß diese 
erste Unbestimmtheit selbst eine Bestimmtheit ist. Denn 
die Unbestimmtheit liegt darin, daß zwischen dem Willen 
und seinem Inhalt noch kein Unterschied ist; aber sie 
selbst, dem Bestimmten entgegengesetzt, fällt in die Be- 
stimmung ein Bestimmtes zu sein. Die abstrakte Identität 
ist es, welche hier die Bestimmtheit ausmacht; der Wille 
wird dadurch einzelner Wille — die Person. 



Zu § 34-41. 297 

22, Zusatz zu § 35, (Hoheit und Niedrigkeit 
■des Begriffes Person,) Der für sich seiende oder 
abstrakte Wille ist die Person, Das Höchste des Menschen 
ist Person zu sein, aber trotzdem ist die bloße Abstrak- 
tion Person schon im Ausdruck etwas Verächtliches, 
Vom Subjekte ist die Person wesentlich verschieden; denn 
das Subjekt ist nur die Möglichkeit der Persönlichkeit, 
da jedes Lebendige überhaupt ein Subjekt ist. Die Person 
ist also das Subjekt, für das diese Subjektivität ist, denn 
in der Person bin ich schlechthin für mich: sie ist die 
Einzelnheit der Freiheit im reinen Fürsichsein, Als diese 
Person weiß ich mich frei in mir selbst und kann von 
allem abstrahieren, da nichts vor mir als die reine Persön- 
lichkeit steht, und doch bin ich als Dieser ein ganz Be- 
stimmtes: so alt, so groß, in diesem Kaume, und was 
alles für Partikularitäten noch sein mögen. Die Person 
ist also in Einem das Hohe und das ganz Niedrige; es 
liegt in ihr diese Einheit des Unendlichen und schlecht- 
hin Endlichen, der bestimmten Grenze und des durchaus 
Grenzenlosen, Die Hoheit der Person ist es, welche diesen 
Widerspruch aushalten kann, den nichts Natürliches in 
sich hat oder ertragen könnte. 

23, Zusatz zu § 37, (Formelles Recht als Be- 
fugnis.) Weil die Besonderheit in der Person noch nicht 
als Freiheit vorhanden ist, so ist alles, was auf die Be- 
sonderheit ankommt, hier ein Gleichgültiges, Hat 
jemand kein Interesse als sein formelles Recht, so kann 
dieses reiner Eigensinn sein, wie es einem beschränkten 
Herzen und Gemüte oft ztikommt; denn der rohe Mensch 
steift sich am meisten auf sein Recht, indes der groß- 
artige Sinn darauf sieht, was die Sache sonst noch für 
Seiten hat. Das abstrakte Recht ist also nur erst bloße 
Möglichkeit, und insofern gegen den ganzen Umfang des 
Verhältnisses etwas Formelles, Deshalb gibt die recht- 
liche Bestimmung eine Befugnis, aber es ist nicht 
absolut notwendig, daß ich mein Recht verfolge, weil 
es nur eine Seite des ganzen Verhältnisses ist, Mög- 
lichkeit ist nämlich Sein, das die Bedeutung hat, auch 
nicht zu sein, 

24, Zusatz zu § 41. (Die Vernünf tigkeit des 
Eigentums.) Das Vernünftige des Eigentums liegt nicht 
in der Befriedigung der Bedürfnisse, sondern darin, daß 
sich die bloße Subjektivität der Persönlichkeit aufhebt. 
Erst im Eigentume ist die Person als Vernunft. Wenn 



298 Zusätze zu -Hegels Rechtsphilosophie. 

auch diese erste Realität meiner Freiheit in einer äuiJerlicheii 
Sache, somit eine schlechte Realität ist, so kann die ab- 
strakte Persönlichkeit eben in ihrer Unmittelbarkeit kei 
anderes Dasein, als in der Bestimmung der Unmittelbar- 
keit haben. 

25. Zusatz zu § 42. (Das Äui3erliche.) Da der 
Sache die Subjektivität abgeht, ist sie nicht bIoi3 dem 
Subjekte, sondern sich selbst das Äußerliche. Raum uni 
Zeit sind auf diese Weise äußerlich. Ich als sinnlicli. 
bin selbst äußerlich, räumlich und zeitlich. Ich, inde: 
ich sinnliche Anschauungen habe, habe sie von etwas, d: 
sich selbst äußerlich ist. Das Tier kann anschauen, aber 
die Seele des Tieres hat nicht die Seele, nicht sich selbst 
zum Gegenstand, sondern ein Äußerliches. 

26. Zusatz zu § 44. (Der Idealismus des Willens, i 
Alle Dinge können Eigentum des Menschen werden, wl^ 
dieser freier Wille, und als solcher an und für sich is-, 
das Entgegenstehende aber diese Eigenschaft nicht ha . 
Jeder hat also das Recht, seinen \VilIen zur Sache zu 
machen, oder die Sache zu seinem Willen, d. h. mit 
anderen Worten, die Sache aufzuheben und zu der seinigen 
umzuschaffen; denn die Sache als Äußerlichkeit hat keinen 
Selbstzweck, ist nicht die unendliche Beziehung ihrer au 
sich selbst, sondern sich selbst ein Äußerliches. Er. 
solches Äußerliche ist auch das Lebendige (das Tieri. 
und insofern selber eine Sache. Nur der Wille ist da.- 
Unendliche, gegen alles andere Absolute, während das 
andere seinerseits nur relativ ist. Sich zueignen heißt 
im Grunde somit nur die Hoheit meines Willens gegen di 
Sache manifestieren und aufv.-eisen, daß diese nicht a;: 
und für sich, nicht Selbstzweck ist. Diese Manifestation 
geschieht dadurch, daß ich in die Sache einen anderen 
Zweck lege, als sie unmittelbar hatte: ich gebe dem 
Lebendigen als meinem Eigentum eine andere Seele, als 
es hatte; ich gebe ihm meine Seele. Der freie Wille ist 
somit der Idealismus, der die Dinge nicht, wie sie sind, 
für an und für sich hält, während der Realismus dieselben 
für absolut erklärt, wenn sie sich auch nur in der Form 
der Endlichkeit befinden. Schon das Tier hat nicht mehr 
diese realistische Philosophie, denn es zehrt die Dinge 
auf und beweist dadurch, daß sie nicht absolut selb- 
ständig sind*). 



") Vgl. Phänom., Lassonsche Ausg. S. 73 (Phil. Bibl. ßd. 144). 



Zu § 42-50. 299 

27. Zusatz zu § 46. (Privateigentum.) Im Eigen- 
tum ist mein Wille persönlich, die Person ist aber ein 
Dieses: also wird das Eigentum das Persönliche dieses 
Willens. Da ich meinem Willen Dasein durch das Eigen- 
tum gebe, so muß das Eigentum auch die Bestimmung 
haben, das Diese, das Meine zu sein. Dies ist die wich- 
tige Lehre von der Notwendigkeit des Privateigentums, 
Wenn Ausnahmen durch den Staat gemacht werden können, 
so ist es doch dieser allein, der sie machen kann; häufig 
ist aber von demselben, namentlich in unserer Zeit, das 
Privateigentum wiederhergestellt worden. So haben z, B. 
viele Staaten mit Recht die Klöster aufgehoben, weil ein 
Gemeinwesen letztlich kein solches Recht am Eigentum 
hat als die Person. 

28. Zusatz zu § 47. (Rechtlosigkeit des Tieres.) 
Die Tiere haben sich zwar im Besitz; ihre Seele ist im 
Besitz ihres Körpers, aber sie haben kein Recht auf ihr 
Leben, weil sie es nicht wollen. 

29. Zusatz zu § 49. (Gleichheit der Güter.) Die 
Gleichheit, die man etwa in Beziehung auf die Verteilung 
der Güter einführen möchte, würde, da das Vermögen 
vom Fleiß abhängt, ohnehin in kurzer Zeit wieder zer- 
stört werden. Was sich aber nicht ausführen läßt, das 
soll auch nicht ausgeführt werden. Denn die Menschen 
sind freilich gleich, aber nur als Personen, d. h. rück- 
sichtlich der Quelle ihres Besitzes. Demzufolge müßte 
jeder Mensch Eigentum haben. "Will man daher von Gleich- 
heit sprechen, so ist es diese Gleichheit, die man be- 
trachten muß. Außer derselben fällt aber die Bestimmung 
der Besonderheit, die Frage, wieviel ich besitze. Hier 
ist die Behauptung falsch, daß die Gerechtigkeit fordere, 
das Eigentum eines jeden solle gleich sein; denn diese 
fordert nur, daß jeder Eigentum haben solle. Vielmehr 
ist die Besonderheit das, wo gerade die Ungleichheit ihren 
Platz hat, und die Gleichheit wäre hier Unrecht, Es 
ist ganz richtig, daß die Menschen häufig nach den 
Gütern der anderen Lust bekommen; dies ist aber eben 
das Unrecht, denn das Recht ist das, was gleichgültig gegen 
die Besonderheit bleibt. 

30. Zusatz zu § 50. (Erste Besitzergreifung.) 
Die bisherigen Bestimmungen betrafen hauptsächlich den 
Satz, daß die Persönlichkeit Dasein im Eigentum haben 
müsse. Daß nun der erste Besitzergreifende auch Eigen- 
tümer sei, geht aus dem Gesagten hervor. Der Erste ist 



300 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

nicht dadurch rechtlicher Eigentümer, weil er der Erste- 
ist, sondern weil er freier Wille ist, denn erst dadurch, 
daß ein anderer nach ihm kommt, wird er der Erste. 

31. Zusatz zu § 51. (Besitzerklärung.) Daß die 
Person ihren Willen in eine Sache legt, ist erst der Begriff 
des Eigentums, und das weitere ist eben die Realisation 
desselben. Mein innerer Willensaktus, welcher sagt, daß 
etwas mein sei^ muß auch für andere erkennbar werden. 
Mache ich eine Sache zur meinigen, so gebe ich ihr dieses 
Prädikat, das an ihr in äußerlicher Form erscheinen und 
nicht bloß in meinem inneren Willen stehen bleiben muß. 
Unter Kindern pflegt es zu geschehen, daß diese gegen 
die Besitzergreifung anderer das frühere Wollen hervor- 
heben; für Erwachsene ist aber dieses Wollen nicht hin- 
reichend, denn die Form der Subjektivität muß entfernt 
werden und sich zur Objektivität herausarbeiten. 

32. Zusatz zu § 52. (Form und Materie des Be- 
sitzes.) Fichte hat die Frage aufgeworfen, ob, wenn 
ich die Materie formiere, dieselbe auch mein sei. ^) Es 
müßte nach ihm, wenn ich aus Gold einen Becher ver- 
fertigt habe, einem anderen freistehen, das Gold zu nehmen, 
wenn er nur dadurch meine Arbeit nicht verletzt. So 
trennbar dies auch in der Vorstellung ist, so ist in der 
Tat dieser Unterschied eine leere Spitzfindigkeit; denn 
wenn ich ein Feld in Besitz nehme und beackere, so ist 
nicht nur die Furche mein Eigentum, sondern das weitere, 
die Erde, die dazu gehört. Ich will nämlich diese Materie, 
das Ganze in Besitz nehmen; sie bleibt daher nicht herren- 
los, nicht ihr eigen. Denn wenn die Materie auch außer- 
halb der Form bleibt, die ich dem Gegenstande gegeben 
habe, so ist die Form eben ein Zeichen, daß die Sache 
mein sein soll; sie bleibt daher nicht außer meinem 
Willen, nicht außerhalb dessen, was ich gewollt habe. Es 
ist daher nichts da, was von einem anderen in Besitz zu 
nehmen wäre. 

33. Zusatz zu § 54. (Weisen der Besitznahme.) 
Diese Weisen der Besitznahme enthalten den Fortgang 
von der Bestimmung der Einzelnheit zu der der Allgemein- 
heit. Die körperliche Ergreifung kann nur an der einzelnen 
Sache stattfinden, dagegen die Bezeichnung die Besitz- 
nahme durch die Vorstellung ist. Ich verhalte mich 
dabei vorstellend und meine, daß die Sache nach ihrer 

1) Fichte, Gnindl. des Naturrechts, § 19 A. 



Zu §51-58. 301 

Ganzheit mein sei, nicht bloß der Teil, den ich körperlich 
in Besitz nehmen kann. 

34. Zusatz zu § 55. (Körperliche Besitznahme.) 
Die Besitznahme ist ganz vereinzelter Art; ich nehme nicht 
mehr in Besitz, als ich mit meinem Körper berühre. Aber 
das zweite ist sogleich, daß die äußeren Dinge eine 
weitere Ausdehnung haben, als ich fassen kann. Indem 
ich so etwas in Besitz habe, ist auch damit ein anderes 
in Verbindung. Ich übe die Besitznahme durch die Hand, 
aber der Bereich derselben kann erweitert werden. Die 
Hand ist dieses große Organ, das kein Tier hat, und was 
ich mit ihr fasse, kann selbst ein Mittel werden, womit 
ich weiter greife. Wenn ich etwas besitze, so geht der 
Verstand gleich dahin über, daß nicht bloß das unmittel- 
bar Besessene, sondern das damit Zusammenhängende mein 
sei. Hier muß das positive Recht seine Feststellungen 
machen, denn aus dem Begriffe läßt sich nichts weiter 
herleiten. 

35. Zusatz zu § 56. (Die Formierung). Diese 
Formierung kann empirisch die verschiedenartigsten Ge- 
stalten annehmen. Der Acker, den ich bebaue, wird da- 
durch formiert. In Beziehung auf das Unorganische ist 
die Formierung nicht immer direkt. Wenn ich z. B. eine 
Windmühle baue, so habe ich die Luft nicht formiert, aber 
ich mache eine Form zur Benutzung der Luft, die mir 
deswegen nicht genommen werden darf, weil ich sie selbst 
nicht formiert habe. Auch, daß ich Wild schone, kann 
als eine Weise der Formierung angesehen werden, dem) 
es ist ein Benehmen in Rücksicht auf die Erhaltung des 
Gegenstandes. Nur ist freilich die Dressur der Tiere 
eine direktere, mehr von mir ausgehende Formierung. 

36. Zusatz zu § 57. (Die Sklaverei.) Hält man 
die Seite fest, daß der Mensch an und für sich frei sei, 
so verdammt man damit die Sklaverei. Aber daß jemand 
Sklave ist, liegt in seinem eigenen Willen, so wie es im 
Willen eines Volkes liegt, wenn es unterjocht wird. Es 
ist somit nicht bloß ein Unrecht derer, welche Sklaven 
machen oder welche unterjochen, sondern der Sklaven 
und Unterjochten selbst. Die Sklaverei fällt in den Über- 
gang von der Natürlichkeit der Menschen zum wahrhaft 
sittlichen Zustande: sie fällt in eine Welt, wo noch ein 
Unrecht Recht ist. Hier gilt das Unrecht und befindet 
sich ebenso notwendig an seinem Platz. 

37. Zusatz zu § 58. (Die Bezeichnung des Be- 



302 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

Sitzes.) Die Besitznahme durch die Bezeichnung Ist die 
vollliommenste von allen, denn auch die übrigen Arter. 
haben mehr oder minder die Wirkung des Zeichens ah 
sich. Wenn ich eine Sache ergreife oder formiere, so 
ist die letzte Bedeutung ebenfalls ein Zeichen, und zwar 
für andere, um diese auszuschließen, und um zu zeigen, 
daß ich meinen Willen in die Sache gelegt habe. Der 
Begriff des Zeichens ist nämlich, daß die Sache nicht 
gilt als das, was sie ist, sondern als das, was sie bedeuten 
soll. Die Kokarde bedeutet z. B. das Bürgersein in einem 
Staate, obgleich die Farbe mit der Nation keinen Zu- 
sammenhang hat und nicht sich, sondern die Nation dar- 
stellt. Darin, daß der Mensch ein Zeichen geben und 
durch dieses erwerben kann, zeigt er eben seine Herr- 
schaft über die Dinge. 

38. Zusatz zu § 59. (Der Gebrauch.) Wenn ich 
im Zeichen die Sache überhaupt auf allgemeine V/eise in 
Besitz nehme, so liegt im Gebrauche noch ein allgemeineres 
Verhältnis, indem die Sache alsdann nicht in ihrer Be- 
sonderheit anerkannt, sondern von mir negiert wird. Die 
Sache ist zum Mittel der Befriedigung m,eines Bedürf- 
nisses herabgesetzt. Wenn ich und die Sache zusammen- 
kommen, so muß, damit wir identisch werden, einer seine 
Qualität verlieren. Ich bin aber lebendig, der Wollende 
und wahrhaft Affirmative; die Sache dagegen ist das 
Natürliche. Diese muß also zugrunde gehen und ich er- 
halte mich, was überhaupt der Vorzug und die Vernunft 
des Organischen ist. 

39. Zusatz zu § 61. (Gebrauch und Eigentum.) 
Das Verhältnis des Gebrauchs zum Eigentum ist dasselbe, 
wie von der Substanz zum Accidentellen, vom Inneren 
zum Äußeren, von der Kraft zu der Äußerung derselben. 
Diese letztere ist nur, insofern sie sich äußert; der Acker 
ist nur Acker, insofern er Ertrag hat. Wer also den 
Gebrauch eines Ackers hat, ist der Eigentümer des Ganzen, 
und es ist eine leere Abstraktion, noch ein anderes Eigen- 
tum am Gegenstand selbst anzuerkennen. 

40. Zusatz zu § 63. (Der Wert.) Das Qualitative 
verschwindet hier in der Form des Quantitativen. Indem 
ich nämlich vom Bedürfnis spreche, ist dieses der Titel, 
worunter die vielfachsten Dinge sich bringen lassen, und 
die Gemeinsamkeit derselben macht, daß ich sie alsdann 
messen kann. Der Fortgang des Gedankens ist hier somit 
von der spezifischen Qualität der Sache zur Gleichgültig- 



Zu § 59-65. 303 

keit dieser Bestimmtheit, also zur Quantität. Ähnliches 
kommt in der Mathematik vor. Definiere ich z. B., was 
der Kreis, was die Ellipse und Parabel sind, so sehen wir, 
daß sie spezifisch verschieden gefunden werden. Trotzdem 
bestimmt sich der Unterschied dieser verschiedenen Kurven 
bloß quantitativ, so nämlich, daß es nur auf einen quanti- 
tativen Unterschied ankommt, der sich auf den Koeffizienten 
allein, auf die bloß empirische Größe bezieht. Im Eigen- 
tum ist die quantitative Bestimmtheit, die aus der qualita- 
tiven hervortritt, der Wert. Das Qualitative gibt hier 
das Quantum für die Quantität und ist als solches ebenso 
erhalten, wie aufgehoben. Betrachtet man den Begriff des 
Werts, so wird die Sache selbst nur als ein Zeichen an- 
gesehen und sie gilt nicht als sie selber, sondern als das, 
was sie wert ist. Ein Wechsel z. B. stellt nicht seine Papier- 
natur vor, sondern ist nur ein Zeichen eines anderen All- 
gemeinen, des Wertes. Der Wert einer Sache kann sehr 
verschiedenartig sein in Beziehung auf das Bedürfnis; wenn 
man aber nicht das Spezifische, sondern das Abstrakte des 
Wertes ausdrücken will, so ist dieses das Geld. Das Geld 
repräsentiert alle Dinge, aber indem es nicht das Bedürfnis 
selbst darstellt, sondern nur ein Zeichen für dasselbe ist, 
wird es selbst wieder von dem spezifischen Werte regiert, 
den es als Abstraktes nur ausdrückt. Man kann überhaupt 
Eigentümer einer Sache sein, ohne zugleich der ihres Wertes 
zu werden. Eine Familie, die ihr Gut nicht verkaufen oder 
verpfänden kann, ist nicht Herrin des Wertes. Da diese 
Form des Eigentums aber dem Begriffe desselben unan- 
gemessen ist, so sind solche Beschränkungen (Lehen, Fidei- 
kommisse) meistens im Verschwinden. 

41. Zusatz zu § 64. (Die Verjährung.) Die Ver- 
jährung beruht auf der Vermutung, daß ich aufgehört habe, 
die Sache als die meinige zu betrachten. Denn dazu, daß 
etwas das Meinige bleibe, gehört Fortdauer meines Willens, 
und diese zeigt sich durch Gebrauch oder Aufbewahrung. 
— Der Verlust des Wertes öffentlicher Denkmale hat sich 
in der Reformation häufig bei den Meßstiftungen erwiesen. 
Der Geist der alten Konfession, d. h. der Meßstiftungen 
war entflogen, und sie konnten daher als Eigentum in Besitz 
genommen werden. 

42. Zusatz zu § 65. (Entäußerung.) Wenn die 
Verjährung eine Entäußerung mit nicht direkt erklärtem 
Willen ist, so ist die wahre Entäußerung eine Erklärung 
des Willens, daß ich die Sache nicht mehr als die meinige 



304 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

ansehen will. Das Ganze kann auch so gefaßt werden, daß 
die Entäußerung eine wahre Besitzergreifung sei. Die un- 
mittelbare Besitznahme ist das erste Moment des Eigen- 
tums. Durch den Gebrauch wird ebenfalls Eigentum er- 
worben, und das dritte Moment ist alsdann die Einheit 
beider, Besitzergreifung durch Entäußerung. 

43. Zusatz zu § 66. (Unveräußerliche Rechte.) 
Es liegt in der Natur der Sache, daß der Sklave ein abso- 
lutes Recht hat, sich frei zu machen, daß wenn jemand 
seine Sittlichkeit zu Raub und Mord verdungen hat, dieses 
an und für sich nichtig ist, und jeder die Befugnis besitzt, 
diesen Vertrag zurückzunehmen. Ebenso verhält es sich 
mit der Verdingung der Religiosität an einen Priester, 
der mein Beichtvater ist, denn solche Innerlichkeit hat der 
Mensch mit sich allein abzumachen. Eine Religiosität, 
bei welcher der eine Teil in die Hand eines anderen gelegt 
wird, ist keine Religiosität, denn der Geist ist nur einer, 
und er soll in mir wohnen; mir soll die Vereinigung des 
An- und Fürsichseins angehören. 

44. Zusatz zu § 67. (Sklaverei und Gesindever- 
hältnis.) Der hier auseinandergesetzte Unterschied ist 
der zwischen einem Sklaven und dem heutigen Gesinde, 
oder einem Tagelöhner. Der athenäische Sklave hatte 
vielleicht leichtere Verrichtung und geistigere Arbeit als 
in der Regel unsere Dienstboten, aiber er war dennoch 
Sklave, weil der ganze Umfang seiner Tätigkeit dem Herrn 
veräußert war. 

45. Zusatz zu § 70. (Selbstmord.) Die einzelne 
Person ist allerdings ein Untergeordnetes, das dem sitt- 
lichen Ganzen sich weihen muß. Wenn der Staat daher 
das Leben fordert, so muß das Individuum es geben, — aber 
darf der Mensch sich selbst das Leben nehmen? Man 
kann das Sichtöten zuvörderst als eine Tapferkeit ansehen, 
aber als eine schlechte von Schneidern und Mägden. 
Dann kann es wiederum als ein Unglück betrachtet werden, 
indem Zerrissenheit des Innern dazu führt; aber die Haupt- 
frage ist, habe ich ein Recht dazu? Die Antwort wird 
sein, daß ich als dies Individuum nicht Herr über mein 
Leben bin, denn die umfassende Totalität der Tätigkeit, 
das Leben, ist gegen die Persönlichkeit, die selbst diese 
unmittelbar ist, kein Äußerliches. Spricht man also von 
einem Recht, das die Person über ihr Leben habe, so ist 
dies ein Widerspruch, denn es hieße, die Person habe ein 
Recht über sich. Dieses hat sie aber nicht, denn sie steht 



Zu § G6-76. 305 

nicht über sich und kann sich nicht richten. Wenn Her- 
kules sich verbrannte, wenn Brutus sich in sein Schwert 
stürzte, so ist dieses das Benehmen des Heroen gegen seine 
Persönlichkeit; aber wenn vom einfachen Recht, sich zu 
töten, gehandelt wird, so darf dies auch den Heroen ab- 
gesprochen werden. 

46. Zusatz zu § 71. (Der allgemeine Wille als 
Fundament des Vertrages.) Im Vertrage habe ich 
Eigentum durch gemeinsamen Willen; es ist nämlich das 
Interesse der Vernunft, daß der subjektive Wille allge- 
meiner werde und sich zu dieser Verwirklichung erhebe. 
Die Bestimmung dieses Willens bleibt also im Vertrage, 
aber in Gemeinsamkeit mit einem anderen Willen. Der 
allgemeine Wille dagegen tritt hier nur noch in der Form 
und Gestalt der Gemeinsamkeit auf. 

47. Zusatz zu § 75. (Die Theorie des Staates als 
Vertrages.) In neuerer Zeit ist es sehr beliebt gewesen, 
den Staat als Vertrag aller mit allen anzusehen. Alle 
schlössen, sagt man, mit dem Fürsten einen Vertrag, 
und dieser wieder mit den Untertanen. Diese Ansicht 
kommt daher, daß man oberflächlicherweise nur an eine 
Einheit verschiedener Willen denkt. Im Vertrage aber 
sind zwei identische Willen, die beide Personen sind und 
Eigentümer bleiben wollen; der Vertrag geht also von 
der Willkür der Person aus, und diesen Ausgangspunkt hat 
die Ehe ebenfalls mit dem Vertrage gemein. Beim Staat 
aber ist dies gleich anders, denn es liegt nicht in der Willkür 
der Individuen, sich vom Staate zu trennen, da man schon 
Bürger desselben nach der Naturseite hin ist. Die ver- 
nünftige Bestimmung des Menschen ist, im Staate zu leben; 
und ist noch kein Staat da, so ist die Forderung der Ver- 
nunft vorhanden, daß er gegründet werde. Ein Staat muß 
eben die Erlaubnis dazu geben, daß man in ihn trete oder 
ihn verlasse; dies ist also nicht von der Willkür der 
Einzelnen abhängig, und der Staat beruht somit nicht auf 
Vertrag, der Willkür voraussetzt. Es ist falsch, wenn 
man sagt, es sei in der Willkür aller, einen Staat zu gründen: 
es ist vielmehr für jeden absolut notwendig, daß er im 
Staate sei. Der große Fortschritt des Staats in neuerer 
Zeit ist, daß derselbe Zweck an und für sich bleibt und 
nicht jeder in Beziehung auf denselben wie im Mittelalter 
nach seiner Privatstipulation verfahren darf. 

48. Zusatz zu § 76. (Der reelle Vertrag.) Zum 
Vertrag gehören zwei Einwilligungen über zwei Sachen: ich 

Hegel, Eechtsphilosophie. 20 



306 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

will nämlich Eigentum erv/erben und aufgeben. Der reeL 
Vertrag ist der, wo jeder das Ganze tut, Eigentum aufgil^ 
und erwirbt, und im Aufgeben Eigentümer bleibt: der formeL 
Vertrag ist, wo nur einer Eigentum erwirbt oder auf gib 

49. Zusatz zu § 78. (Zeichen des Vertrage/. 
Wie wir in der Lehre vom Eigentum den Unterschie 
zwischen Eigentum und Besitz, zwischen dem Substa- 
tiellen und bloß Äußerlichen hatten, so haben wir i: 
Vertrage die Differenz zwischen dem gemeinsamen Will" 
als Übereinkunft und dem besonderen als Leistung. Ii. 
der Natur des Vertrages liegt es, daß sowohl der ge- 
meinsame als auch der besondere Wille sich äußere, v,-ei. 
hier Wille sich zu V/illen verhält. Die Übereinkunft, di- 
sich in einem Zeichen manifestiert, und die Leistung liegen 
daher bei gebildeten Völkern auseinander, während si^ 
bei rohen zusammenfallen können. In den Wäldern v^ 
Ceylon gibt es ein handeltreibendes Volk, das sein Eigen- 
tum hinlegt und ruhig erwartet, bis andere kommen, das 
Ihrige dagegenzusetzen: hier ist die stumme Erklärung 
des Willens von der Leistung nicht verschieden. 

50. Zusatz zu § 80. (Verpfändung.) Beim Ver- 
trage wurde der Unterschied gemacht, daß durch die 
Übereinkunft (Stipulation) zwar das Eigentum mein wird, 
ich aber den Besitz nicht habe, und diesen durch Leistung 
erst erhalten soll. Bin ich nun schon von Hause aus 
Eigentümer der Sache, so ist die Absicht der Verpfän- 
dung, daß ich zu gleicher Zeit auch in den Besitz des 
Wertes des Eigentums komme, und somit schon in der 
Übereinkunft die Leistung gesichert werde. Eine besondere 
Art der Verpfändung ist die Bürgschaft, bei welcher jemand 
sein Versprechen, seinen Kredit für meine Leistung einsetzt. 
Hier wird durch die Person bewirkt, was bei der Verpfän- 
dung nur sachlich geschieht. 

51. Zusatz zu § 81. (Vertrag und Unrecht.) Im 
Vertrage hatten wir das Verhältnis zweier Willen, als 
eines gemeinsamen. Dieser identische Wille ist aber nur 
relativ allgemeiner, gesetzter allgemeiner Wille, und so- 
mit noch im Gegensatz gegen den besonderen Willen. In 
dem Vertrage, in der Übereinkunft liegt allerdings das 
Recht, die Leistung zu verlangen; diese ist aber wieder- 
um Sache des besonderen Willens, der als solcher dem 
an sich seienden Recht zuwider handeln kann. Hier also 
kommt die Negation, die früher schon im an sich seienden 
Willen lag, zum Vorschein, und diese Negation ist eben 






Zu § 78—83. 307 

das Unrecht. Der Gang überhaupt ist, den Willen von 
seiner Unmittelbarkeit zu reinigen, und so aus der Ge- 
meinsamkeit desselben die Besonderheit hervorzurufen, die 
gegen sie auftritt. Im Vertrage behalten die Überein- 
kommenden noch ihren besonderen Willen; der Vertrag 
ist also aus der Stufe der Willkür noch nicht heraus 
und bleibt somit dem Unrechte preisgegeben. 

52. Zusatz zu § 82. (Recht und Unrecht.) Das 
Recht an sich, der allgemeine Wille, als wesentlich be- 
stimmt durch den besonderen, ist in Beziehung auf ein 
Unwesentliches. Es ist das Verhältnis des Wesens zu seiner 
Erscheinung. Ist die Erscheinung auch dem Wesen ge- 
mäß, so ist sie von anderer Seite angesehen demselben 
wieder nicht gemäß, denn die Erscheinung ist die Stufe 
der Zufälligkeit, das Wesen in Beziehung auf Unwesent- 
liches. Im Unrecht aber geht die Erscheinung zum Scheine 
fort. Schein ist Dasein, das dem Wesen unangemessen ist, 
das leere Abtrennen und Gesetztsein des Wesens, so daß 
an beiden der Unterschied als Verschiedenheit ist. Der 
Schein ist daher das Unwahre, welches verschwindet, in- 
dem es für sich sein will; und an diesem Verschwinden 
hat das Wesen sich als Wesen, d. h. als Macht des 
Scheins gezeigt. Das Wesen hat die Negation seiner 
negiert und ist so das Bekräftigte. Das Unrecht ist ein 
solcher Schein, und durch das Verschwinden desselben er- 
hält das Recht die Bestimmung eines Festen und Gel- 
tenden. Was wir eben Wesen nannten, ist das Recht an 
sich, dem gegenüber der besondere Wille als unwahr sich 
aufhebt. Wenn es früher nur ein unmittelbares Sein hatte, 
so wird es jetzt wirklich, indem es aus seiner Negation 
zurückkehrt; denn Wirklichkeit ist das, was wirkt und 
sich in seinem Anderssein erhält, während das Unmittel- 
bare noch für die Negation empfänglich ist. 

53. Zusatz zu § 83. (Die Arten des Unrechts.) 
Das Unrecht ist also der Schein des Wesens, der sich als 
selbständig setzt. Ist der Schein nur an sich und nicht 
auch für sich, d. h., gilt mir das Unrecht für Recht, 
so ist dasselbe hier unbefangen. Der Schein ist hier für 
das Recht, nicht aber für mich. Das zweite Unrecht ist 
der Betrug. Hier ist das Unrecht kein Schein für das Recht 
an sich, sondern es findet so statt, daß ich dem anderen 
einen Schein vormache. Indem ich betrüge, ist für mich 
das Recht ein Schein. Im ersten Falle war für das Recht 
das Unrecht ein Schein. Im zweiten ist mir selber, als 

20* 



308 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

dem Unrecht, das Recht nur ein Schein. Das dritte Unrecht 
ist endlich das Verbrechen. Dies ist an sich und für mich 
Unrecht: ich will aber hier das Unrecht und gebrauche auch 
den Schein des Rechts nicht. Der andere, gegen den 
das Verbrechen geschieht, soll das an und für sich seiende 
Unrecht nicht als Recht ansehen. Der Unterschied zwischen 
Verbrechen und Betrug ist, daß in diesem in der Form 
des Tuns noch eine Anerkennung des Rechts liegt, was 
bei dem Verbrechen ebenfalls fehlt. 

54. Zusatz zu § 86. (Der Rechtsstreit.) Was an 
sich Recht ist, hat einen bestimmten Grund, und mein 
Unrecht, das ich für Recht halte, verteidige ich auch aus 
irgendeinem Grunde. Es ist die Natur des Endlichen und 
Besonderen, Zufälligkeiten Raum zu geben; Kollisionen 
müssen also hier stattfinden, denn wir sind hier auf der 
Stufe des Endlichen. Dies erste Unrecht negiert nur den 
besonderen Willen, während das allgemeine Recht respek- 
tiert wird, es ist also das leichteste Unrecht überhaupt. 
Wenn ich sage, eine Rose sei nicht rot, so erkenne ich 
doch noch an, daß sie Farbe habe; ich leugne daher die 
Gattung nicht und negiere nur das Besondere, das Rote. 
Ebenso wird hier das Recht anerkannt, jede Person will 
das Rechte, und ihr soll nur werden, was das Rechte ist; 
ihr Unrecht besteht nur darin, daß sie das, w^as sie will, 
für das Recht hält. 

55. Zusatz zu § 87. (Der Betrug.) Der besondere 
Wille wird in dieser zweiten Stufe des Unrechts respektiert, 
aber das allgemeine Recht nicht. Im Betrüge wird der 
besondere Wille nicht verletzt, indem dem Betrogenen 
aufgebürdet wird, daß ihm Recht geschehe. Das ge- 
forderte Recht ist also als ein subjektives und bloß schei- 
nendes gesetzt, was den Betrug ausmacht. 

56. Zusatz zu § 89. (Betrug und Strafe.) Auf 
das bürgerliche und unbefangene Unrecht ist keine Strafe 
gesetzt, denn ich habe hier nichts gegen das Recht ge- 
wollt. Beim Betrüge hingegen treten Strafen ein, weil 
es sich hier um das Recht handelt, das verletzt ist. 

57. Zusatz zu § 90. (Das Verbrechen.) Das 
eigentliche Unrecht ist das Verbrechen, wo weder das 
Recht an sich, noch, wie es mir scheint, respektiert wird, 
wo also beide Seiten, die objektive und subjektive, ver- 
letzt sind. 

58. Zusatz zu § 93. (Das Recht der Heroen.) Im 
Staat kann es keine Heroen mehr geben: diese kommen 



Zu § 8Ü— 97. 309 

nur im ungebildeten Zustande vor. Der Zweck derselben 
ist ein rechtlicher, notwendiger und staatlicher, und diesen 
führen sie als ihre Sache aus. Die Heroen, die Staaten 
stifteten. Ehe und Ackerbau einführten, haben dieses frei- 
lich nicht als anerkanntes Recht getan, und diese Hand- 
lungen erscheinen noch als ihr besonderer Wille; aber 
als das höhere Recht der Idee gegen die Natürlichkeit 
ist dieser Zwang der Heroen ein rechtlicher; denn in Güte 
läßt sich gegen die Gewalt der Natur wenig ausrichten. 

59. Zusatz zu § 94. (Recht und Moral.) Hier ist 
der Unterschied zwischen dem Rechtlichen und Mora- 
lischen hauptsächlich zu berücksichtigen. Bei dem Mo- 
ralischen, d. h. bei der Reflexion in mich, ist auch 
eine Zweiheit, denn das Gute ist mir Zweck, und nach 
dieser Idee soll ich mich bestimmen. Das Dasein des 
Guten ist mein Entschluß, und ich verwirkliche dasselbe 
in mir, aber dieses Dasein ist ganz innerlich, und es kann 
daher kein Zwang stattfinden. Die Staatsgesetze können 
sich also auf die Gesinnung nicht erstrecken wollen, denn 
im Moralischen bin ich für mich selbst, und die Gewalt hat 
hier keinen Sinn. 

60. Zusatz zu § 96. (Das Strafmaß.) Wie ein jedes 
Verbrechen zu bestrafen sei, läßt sich durch den Gedanken 
nicht angeben, sondern hierzu sind positive Bestimmungen 
notwendig. Durch das Fortschreiten der Bildung werden 
indessen die Ansichten über die Verbrechen milder, und 
man bestraft heutzutage lange nicht mehr so hart, als 
man es vor hundert Jahren getan. Nicht gerade die 
Verbrechen oder die Strafen sind es, die anders werden, 
aber ihr Verhältnis. 

61. Zusatz zu § 97. (Der Sinn der Strafe.) Durch 
ein Verbrechen wird irgend etwas verändert, und die Sache 
existiert in dieser Veränderung; aber diese Existenz ist 
das Gegenteil ihrer selbst, und insofern in sich nichtig. 
Das Nichtige ist dies, das Recht als Recht aufgehoben zu 
haben. Das Recht nämlich als Absolutes ist unaufhebbar, 
also ist die Äußerung des Verbrechens an sich nichtig, und 
diese Nichtigkeit ist das Wesen der Wirkung des Ver- 
brechens. Was aber nichtig ist, muß sich als solches 
manifestieren, d. h. sich als selbst verletzbar hinstellen. 
Die Tat des Verbrechens ist nicht ein Erstes, Positives, 
zu welchem die Strafe als Negation käme, sondern ein 
Negatives, so daß die Strafe nur Negation der Negation 
ist. Das wirkliche Recht ist nun Aufhebung dieser Ver- 



310 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

letzung, das eben darin seine Gültigkeit zeigt und sich 
als ein notwendiges vermitteltes Dasein bewährt. 

62. Zusatz zu § 99. (Die Feuerbachische Straf- 
theorie.) Die Feuerbachische^) Straftheorie begründet 
die Strafe auf Androhung und meint, wenn jemand trotz 
derselben ein Verbrechen begehe, so müsse die Strafe 
erfolgen, weil sie der Verbrecher früher gekannt habe. 
Wie steht es aber mit der Rechtlichkeit der Drohung? 
Dieselbe setzt den Menschen als nicht Freien voraus, und 
will durch die Vorstellung eines Übels zwingen. Das 
Recht und die Gerechtigkeit müssen aber ihren Sitz in 
der Freiheit und im Willen haben, und nicht in der Un- 
freiheit, an welche sich die Drohung wendet. Es ist mit 
der Begründung der Strafe auf diese Weise, als wenn 
man gegen einen Hund den Stock erhebt, und der Mensch 
wird nicht nach seiner Ehre und Freiheit, sondern wie 
ein Hund behandelt. Aber die Drohung, die im Grunde 
den Menschen empören kann, daß er seine Freiheit gegen 
dieselbe beweist, stellt die Gerechtigkeit ganz beiseite. Der 
psychologische Zwang kann sich nur auf den qualitativen 
und quantitativen Unterschied des Verbrechens beziehen, 
nicht auf die Natur des Verbrechens selbst, und die Ge- 
setzbücher, die etwa aus dieser Lehre hervorgegangen 
sind, haben somit des eigentlichen Fundaments entbehrt, 

63. Zusatz zu § 100. (Die Todesstrafe.) Was 
Beccaria verlangt, daß der Mensch nämlich seine Einwilli- 
gung zur Bestrafung geben müsse, ist ganz richtig, aber 
der Verbrecher erteilt sie schon, durch seine Tat. Es ist 
ebensov/ohl die Natur des Verbrechens wie der eigene 
Wille des Verbrechers, daß die von ihm ausgehende Ver- 
letzung aufgehoben werde. Trotzdem hat diese Bemühung 
Beccarias, die Todesstrafe aufheben zu lassen, vorteil- 
hafte Wirkungen hervorgebracht. Wenn auch weder 
Josef IL, noch die Franzosen, die gänzliche Abschaffung 
derselben jemals haben durchsetzen können, so hat man 
doch einzusehen angefangen, was todeswürdige Verbrechen 
seien, und was nicht. Die Todesstrafe ist dadurch seltener 
geworden, wie diese höchste Spitze der Strafe es auch 
verdient. 

64. Zusatz zu § lOL (Die Strafe als Vergel- 
tung.) Die Wiedervergeltung ist der innere Zusammen- 

») Feuerbach, Paul Joh. Anselm Ritter von, 1775—1833, 
seit 1817 erster Präsident des Appellationsgerichtes in Bamberg. 



Zu § 99—102. 311 

hang und die Identität zweier Bestimmungen, die als ver- 
schieden erscheinen und auch eine verschiedene äußere 
Existenz gegeneinander haben. Indem dem Verbrecher 
vergolten wird, hat dies das Ansehen einer fremden Be- 
stimmung, die ihm nicht angehört; aber die Strafe ist 
doch nur, wie wir gesehen haben, Manifestation des Ver- 
brechens, d. h., die andere Hälfte, die die eine notwendig 
voraussetzt. Was die Wiedervergeltung zunächst gegen 
sich hat, ist, daß sie als etwas Unmoralisches, als Rache 
erscheint, und daß sie so für ein Persönliches gelten 
kann. Aber nicht das Persönliche, sondern der Begriff 
führt die Wiedervergeltung selbst aus. Die Rache ist 
mein, sagt Gott in der Bibel; und wenn man in dem Worte 
Wieder Vergeltung etwa die Vorstellung eines besonderen 
Beliebens des subjektiven Willens haben wollte, so muß 
gesagt werden, daß es nur die Umkehrung der Gestalt 
selbst des Verbrechens gegen sich bedeutet. Die Eume- 
niden schlafen, aber das Verbrechen weckt sie, und so ist 
es die eigene Tat, die sich geltend macht. Wenn nun 
bei der Vergeltung nicht auf spezifische Gleichheit ge- 
gangen werden kann, so ist dies doch anders beim Morde, 
worauf notwendig die Todesstrafe steht. Denn da das 
Leben der ganze Umfang des Daseins ist, so kann die 
Strafe nicht in einem Werte, den es dafür nicht gibt, 
sondern wiederum nur in der Entziehung des Lebens be- 
stehen. 

65. Zusatz zu § 102. (Rache als Strafform.) In 
einem Zustande der Gesellschaft, wo weder Richter noch 
Gesetze sind, hat die Strafe immer die Form der Rache, 
und diese bleibt insofern mangelhaft, als sie die Hand- 
lung eines subjektiven Willens, also nicht dem Inhalte 
gemäß ist. Die Personen des Gerichts sind zwar auch 
Personen, aber ihr Wille ist der allgemeine des Gesetzes, 
und sie wollen nichts in die Strafe hineinlegen, was nicht 
in der Natur der Sache sich vorfindet. Dagegen erscheint 
dem Verletzten das Unrecht nicht in seiner quantitativen 
und qualitativen Begrenzung, sondern nur als Unrecht 
überhaupt, und in der Vergeltung kann er sich übernehmen, 
was wieder zu neuem Unrechte führen würde. Bei un- 
gebildeten Völkern ist die Rache eine unsterbliche, wie 
bei den Arabern, wo sie nur durch höhere Gewalt oder 
Unmöglichkeit der Ausübung unterdrückt werden kann; 
und in mehreren heutigen Gesetzgebungen ist noch ein 
Rest von Rache übriggeblieben, indem es den Individuen 



312 Zusätze za Hegels Rechtsphilosophie. 

überlassen bleibt, ob sie eine Verletzung vor Gericht bringen 
wollen oder nicht. 

66. Zusatz zu § 104. (Übergang zur Moralität.i 
Zur Wahrheit gehört, daß der Begriff sei, und daß dieses 
Dasein demselben entspreche. Im Recht hat der Wille sein 
Dasein in einem Äußerlichen; das Weitere ist aber, daß 
der Wille dasselbe in ihm selbst, in einem Innerlichen habe: 
er muß für sich selbst, Subjektivität sein, und sich sich selbst 
gegenüber haben. Dies Verhalten zu sich ist das Affir- 
mative, aber dies kann er nur durch Aufhebung seiner 
Unmittelbarkeit erlangen. Die im Verbrechen aufgehobene 
Unmittelbarkeit führt so durch die Strafe, d. h., durch 
die Nichtigkeit dieser Nichtigkeit zur Affirmation — zur 
Moralität. 

67. Zusatz zu § 106. (Die Moralität als für sich 
seiende Freiheit.) Beim strengen Recht kam es nicht 
darauf an, was mein Grundsatz oder meine Absicht v;ar. 
Diese Frage nach der Selbstbestimmung und Triebfeder 
des Willens, wie nach dem Vorsatze, tritt hier nun beim 
Moralischen ein. Indem der Mensch nach seiner Selbst- 
bestimmung beurteilt sein will, ist er in dieser Beziehung 
frei, wie die äußeren Bestimmungen sich auch verhalten 
mögen. In diese Überzeugung des Menschen in sich kann 
man nicht einbrechen; ihr kann keine Gewalt geschehen, 
und der moralische Wille ist daher unzugänglich. Der 
Wert des Menschen wird nach seiner inneren Handlung 
geschätzt, und somit ist der moralische Standpunkt die 
für sich seiende Freiheit. 

68. Zusatz zu § 107. (Die Subjektivität des 
Willens.) Diese ganze Bestimmung der Subjektivität des 
Willens ist wieder ein Ganzes, das als Subjektivität auch 
Objektivität haben muß. Am Subjekt kann sich erst die 
Freiheit realisieren, denn es ist das wahrhafte Material 
zu dieser Realisation; aber dieses Dasein des Willens, 
welches wir Subjektivität nannten, ist verschieden von 
dem an und für sich seienden Willen. Von dieser anderen 
Einseitigkeit der bloßen Subjektivität muß sich der Wille 
nämlich befreien, um an und für sich seiender Wille zu 
werden. In der Moralität ist es das eigentümliche Interesse 
des Menschen, das in Frage kommt, und dies ist eben der 
hohe Vfert desselben, daß dieser sich selbst als absolut 
weiß und sich bestimmt. Der ungebildete Mensch läßt 
sich von der Gewalt der Stärke und von Naturbestimmt- 
heiten alles auferlegen, die Kinder haben keinen mora- 



Zu §104-112. 313 

lischen Willen, sondern lassen sich von ihren Eltern be- 
stimmen; aber der gebildete, innerlich werdende Mensch 
will, daß er selbst in allem sei, was er tut. 

69. Zusatz zu § 108. (Das Sollen.) Das Selbst- 
bestimmen ist in der Moralität als die reine Unruhe und 
Tätigkeit zu denken, die noch zu keinem was ist kommen 
kann. Erst im Sittlichen ist der Wille identisch mit dem 
Begriff des Willens und hat nur diesen zu seinem Inhalte. 
Im Moralischen verhält sich der Wille noch zu dem, was 
an sich ist: es ist also der Standpunkt der Differenz, und 
der Prozeß dieses Standpunktes ist die Identifikation des 
subjektiven Willens mit dem Begriff desselben. Das Sollen, 
welches daher noch in der Moralität ist, ist erst im Sitt- 
lichen erreicht, und zwar ist dieses andere, zu dem der 
subjektive Wille in einem Verhältnis steht, ein Doppeltes, 
einmal das Substantielle des Begriffs, und dann das äußer- 
lich Daseiende. Vv^enn das Gute auch im subjektiven 
Willen gesetzt wäre, so wäre es damit noch nicht aus- 
geführt. 

70. Zusatz zu § 110. (Die Geltung der Ab- 
sicht.) Der Inhalt des subjektiven oder moralischen 
Willens enthält eine eigene Bestimmung: er soll näm- 
lich, wenn er auch die Form der Objektivität erlangt 
hat, dennoch meine Subjektivität immerfort enthalten, 
und die Tat soll nur gelten, insofern sie innerlich 
von mir bestimmt, mein Vorsatz, meine Absicht war. 
Mehr als in meinem subjektiven Willen lag, erkenne ich 
nicht in der Äußerung als das Meinige an, und ich verlange 
in derselben mein subjektives Bewußtsein wiederzusehen. 

71. Zusatz zu § 112. (Die Allgemeingültigkeit 
der Moralität.) Beim formellen Rechte war gesagt 
worden, daß es nur Verbote enthalte, daß die streng 
rechtliche Handlung also eine nur negative Be- 
stimmung in Rücksicht des Willens anderer habe. Im 
Moralischen dagegen ist die Bestimmung meines Willens 
in Beziehung auf den Willen anderer positiv, d. h. 
der subjektive "Wille hat in dem, was er realisiert, den 
an sich seienden Willen als ein Innerliches. Es ist hier 
eine Hervorbringung, oder eine A^eränderung des Daseins 
vorhanden, und dieses hat eine Beziehung auf den Willen 
anderer. Der Begriff der Moralität ist das innerliche Ver- 
halten des Willens zu sich selbst. Aber hier ist nicht 
nur ein Wille, sondern die Objektivierung hat zugleich 
die Bestimmung in sich, daß der einzelne Wille in der- 



314 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

selben sich aufhebt und damit also eben, indem die Be- 
stimmung der Einseitigkeit wegfällt, zwei Willen, und eine 
positive Beziehung derselben aufeinander gesetzt sind. Im 
Rechte kommt es nicht darauf an, ob der Wille der 
anderen etwas möchte in Beziehung auf meinen Willen. 
der sich Dasein im Eigentum gibt. Im Moralischen da- 
gegen handelt es sich um das Wohl auch' anderer, und 
diese positive Beziehung kann erst hier eintreten. 

72. Zusatz zu § 114. (Die Momente der mora- 
lischen Handlung.) Jede Handlung muß, um moralisch 
zu sein, zunächst mit meinem Vorsatze übereinstimmen; 
denn das Recht des moralischen Willens ist, daß im Dasein 
desselben nur anerkannt werde, was innerlich als Vorsatz 
bestand. Der Vorsatz betrifft nur das Formelle, daß der 
äußerliche Wille auch als Innerliches in mir sei. Dagegen 
wird in dem zweiten Momente nach der Absicht der Hand- 
lung gefragt, nach dem relativen Werte der Handlung 
in Beziehung auf mich: das dritte Moment ist endlich 
nicht bloß der relative, sondern der allgemeine Wert der 
Handlung, das Gute. Der erste Bruch der Handlung ist 
der des Vorgesetzten und des Daseienden und Vor- 
gebrachten, der zweite Bruch ist zwischen dem, was äußer- 
lich als allgemeiner Wille da ist, und der innerlichen 
besonderen Bestimmung, die ich ihm gebe, das dritte endlich 
ist, daß die Absicht auch der allgemeine Inhalt sei. Das 
Gute ist die Absicht, erhoben zu dem Begriffe des W'illens. 

73. Zusatz zu § 115. (Die Zurechnung.) Zugerech- 
net kann mir das werden, was in meinem Vorsatz gelegen 
hat, und beim Verbrechen kommt es vornehmlich darauf 
an. Aber in der Schuld liegt nur noch die ganz äußer- 
liche Beurteilung, ob ich etwas getan habe oder nicht, 
und daß ich schuld an etwas bin, macht noch nicht, daß 
mir die Sache imputiert werden könne. 

74. Zusatz zu § 117. (Verantwortlichkeit.) Der 
Wille hat ein Dasein vor sich, auf welches er handelt; 
um dies aber zu können, muß er eine Vorstellung des- 
selben haben, und wahrhafte Schuld ist nur in mir, inso- 
fern das vorliegende Dasein in meinem Wissen lag. Der 
Wille, weil er eine solche Voraussetzung hat, ist endlich, 
oder vielmehr, weil er endlich ist, hat er eine solche 
Voraussetzung. Insofern ich vernünftig denke und will, 
bin ich nicht auf diesem Standpunkte der Endlichkeit, 
denn der Gegenstand, auf den ich handle, ist nicht ein 
anderes gegen mich; aber die Endlichkeit hat die stete 



Zu §114-121. 315 

Grenze und Beschränktheit an sich. Ich habe ein anderes 
gegenüber, das nur ein Zufälliges, ein bloß äußerlich 
Notwendiges ist, und das mit mir zusammenfallen oder 
davon verschieden sein kann. Ich bin aber nur, was in 
Beziehung auf meine Freiheit ist, und die Tat ist nur 
Schuld meines Willens, insofern ich darum weiß, Ödipus, 
der seinen Vater erschlagen, ohne es zu wissen, ist nicht 
als Vatermörder anzuklagen; aber in den alten Gesetz- 
gebungen hat man auf das Subjektive, auf die Zurechnung 
nicht so viel Wert gelegt, als heute. Darum entstanden 
bei den Alten die Asyle, damit der der Rache Entfliehende 
geschützt und aufgenommen werde. 

75. Zusatz zu § 118. (Vorsatz und Absicht.) 
Darin, daß ich nur anerkenne, was meine Vorstellung war, 
liegt der Übergang zur Absicht. Nur das nämlich, was 
ich von den Umständen wußte, kann mir zugerechnet 
werden. Aber es gibt notwendige Folgen, die sich an 
jede Handlung knüpfen, wenn ich auch nur ein Einzelnes, 
Unmittelbares hervorbringe, und die insofern das All- 
gemeine sind, das es in sich hat. Die Folgen, die ge- 
hemmt werden könnten, kann ich zwar nicht voraussehen, 
aber ich muß die allgemeine Natur der einzelnen Tat 
kennen. Die Sache ist hier nicht das Einzelne, sondern 
das Ganze, das sich nicht auf das Bestimmte der be- 
sonderen Handlung bezieht, sondern auf die allgemeine 
Natur derselben. Der Übergang vom Vorsatze zur Absicht 
ist nun, daß ich nicht bloß meine einzelne Handlung, 
sondern das Allgemeine, das mit ihr zusammenhängt, 
wissen soll. So auftretend ist das Allgemeine das von 
mir Gewollte, meine Absicht. 

76. Zusatz zu § 119. (Dolus indirectus.) Es 
ist allerdings der Fall, daß bei einer Handlung mehr oder 
weniger Umstände zuschlagen können: es kann bei einer 
Brandstiftung das Feuer nicht auskommen oder auf der 
anderen Seite dasselbe weiter greifen, als der Täter es 
wollte. Trotzdem ist hier keine Unterscheidung von Glück 
und Unglück zu machen, denn der Mensch muß sich 
handelnd mit der Äußerlichkeit abgeben. Ein altes Sprich- 
wort sagt mit Recht: der Stein, der aus der Hand ge- 
worfen wird, ist des Teufels. Indem ich handele, setze 
ich mich selbst dem Unglück aus; dieses hat also ein 
Recht an mich, und ist ein Dasein meines eigenen Wollens. 

77. Zusatz zu § 121. (Der Beweggrund.) Ich für 
mich, in mich reflektiert, bin noch ein Besonderes gegen 



316 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

die Äußerlichkeit meiner Handlung. Mein Zweck macht 
den bestimmenden Inhalt derselben aus. Mord und Brand 
z. B. sind als Allgemeines noch nicht der positive Inhalt 
meiner als des Subjekts. Hat jemand dergleichen Ver- 
brechen begangen, so fragt man, warum er sie verübt 
hat. Es ist nicht der Mord des Mordes wegen geschehen, 
sondern es war dabei noch ein besonderer positiver Zweck. 
Würden wir aber sagen, der Mord geschah aus Mordlust, 
so wäre die Lust schon der positive Inhalt des Subjekts 
als solcher, und die Tat ist alsdann die Befriedigung 
des Wollens desselben. Der Beweggrund einer Tat ist 
somit näher das, was man das Moralische nennt, und 
dieses hat insofern den gedoppelten Sinn des Allgemeinen 
im Vorsatze und des Besonderen der Absicht. In den 
neueren Zeiten ist es vornehmlich eingetreten, daß man 
bei den Handlungen immer nach den Beweggründen fragt, 
während man sonst bloß fragte: Ist dieser Mann recht- 
schaffen? tut er, was seine Pflicht ist? Man will jetzt 
auf das Herz sehen und setzt dabei einen Bruch des 
Objektiven der Handlungen und des Inneren, des Sub- 
jektiven der Beweggründe, voraus. Allerdings ist die 
Bestimmung des Subjekts zu betrachten: es will etwas, 
das in ihm begründet ist; es will seine Lust befriedigen, 
seiner Leidenschaft Genüge tun. Aber das Gute und 
Rechte ist auch ein solcher nicht bloß natürlicher, sondern 
durch meine Vernünftigkeit gesetzter Inhalt; meine Frei- 
heit zum Inhalt meines Willenis gemacht, ist eine reine 
Bestimmung meiner Freiheit selbst. Der höhere mora- 
lische Standpunkt ist daher, in der Handlung die Be- 
friedigung zu finden, und nicht bei dem Bruche zwischen 
dem Selbstbewußtsein des Menschen und der Objektivität 
der Tat stehen zu bleiben, welche Auffassungsweise jedoch, 
sowohl in der Weltgeschichte als in der Geschichte der 
Individuen ihre Epochen hat. 

78. Zusatz zu § 123. (Materielle Zwecke.) In- 
sofern die Bestimmungen der Glückseligkeit vorgefunden 
sind, sind sie keine wahren Bestimmungen der Freiheit, 
welche erst in ihrem Selbstzwecke im Guten sich wahr- 
haft ist. Hier können wir die Frage auf werfen: hat der 
Mensch ein Recht, sich solche unfreie Zwecke zu setzen, 
die allein darauf beruhen, daß das Subjekt ein Lebendiges 
ist? Daß der Mensch ein Lebendiges ist, ist aber nicht 
zufällig, sondern vernunftgemäß, und insofern hat er ein 
P.echt, seine Bedürfnisse zu seinem Zweck zu machen. 



Zu § 123—127. 317 

Es ist nichts Herabwürdigendes darin, daß jemand lebt, 
und ihm steht keine höhere Geistigkeit gegenüber, in der 
man existieren könnte. Nur das Heraulheben des Vor- 
gefundenen zu einem aus sich Erschaffenen, gibt den 
höheren Kreis des Guten, welche Unterschiedenheit indessen 
keine Unverträglichkeit beider Seiten in sich schließt. 

79. Zusatz zu § 124. (Wollen und Vollbringen.) 
In magnis voluisse sat est hat den richtigen Sinn, daß 
man etwas Großes wollen solle, aber man muß auch das 
Große ausführen können: sonst ist es ein nichtiges Wollen. 
Die Lorbeeren des bloßen Wollens sind trockene Blätter, 
die niemals gegrünt haben. 

80. Zusatz zu § 126. (Das Wohl und das Recht.) 
Hierher gehört die berühmte Antwort, die dem Libellisten, 
der sich mit einem il faut donc que je vive entschuldigte, 
gegeben wurde: je n'en vois pas la necessite. Das Leben 
ist nicht notwendig gegen das Höhere der Freiheit. Wenn 
der heilige Krispinus Leder zu Schuhen für die Armen 
stiehlt, so ist die Handlung moralisch und unrechtlich, 
und somit ungültig. 

81. Zusatz zu § 127. (Das Notrecht.) Das Leben, 
als Gesamtheit der Zwecke, hat ein Eecht gegen das 
abstrakte Recht, Wenn es z. B. durch Stehlen eines 
Brotes gefristet werden kann, so ist dadurch zwar das 
Eigentum eines Menschen verletzt, aber es wäre unrecht, 
diese Handlung als gewöhnlichen Diebstahl zu betrachten. 
Sollte dem am Leben gefährdeten Menschen nicht gestattet 
sein, so zu verfahren, daß er sich erhalte, so würde er 
als rechtlos bestimmt sein, und indem ihm das Leben 
abgesprochen würde, wäre seine ganze Freiheit negiert. 
Zur Sicherung des Lebens gehört freilich ein Mannig- 
faches, und sehen wir auf die Zukunft, so müssen wir uns 
auf diese Einzelnheiten einlassen. Aber notwendig ist es 
nur, jetzt zu leben, die Zukunft ist nicht absolut tmd 
bleibt der Zufälligkeit anheimgestellt. Daher kann nur 
die Not der unmittelbaren Gegenwart zu einer unrecht- 
lichen Handlung berechtigen, weil in ihrer Unterlassung 
selbst wieder das Begehen eines, und zwar des höchsten 
Unrechts, läge, nämlich die totale Negation des Daseins 
der Freiheit; — das beneficium competentiae hat hier 
seine Stelle, indem in verwandtschaftlichen Beziehungen 
oder in anderen Verhältnissen der Nähe, das Recht liegt, 
zu verlangen, daß man nicht gänzlich dem Rechte hin- 
geopfert werde. 



318 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

82. Zusatz zu § 129. (Die Idee als das Gute.) 
Jede Stufe ist eigentlich die Idee, aber die früheren ent- 
halten sie nur in abstrakterer Form. So ist z. B. Ich als 
Persönlichkeit auch schon die Idee, aber in abstraktester 
Gestalt. Das Gute ist daher die weiter bestimmte 
Idee, die Einheit des Begriffs des Willens und des be- 
sonderen Willens. Es ist nicht ein abstrakt Rechtliches, 
sondern ein Inhaltvolles, dessen Gehalt sowohl das Recht 
als das Wohl ausmacht, 

83. Zusatz zu § 131. (Die Momente der Idee des 
Guten,) Das Gute ist die Wahrheit des besonderen Willens, 
aber der Wille ist nur das, wozu er sich setzt; er ist nicht 
von Hause aus gut, sondern kann, was er ist, nur durch 
seine Arbeit werden. Andererseits ist das Gute ohne den 
subjektiven Willen selbst nur eine Abstraktion ohne 
Realität, die ihm erst durch denselben kommen soll. Die 
Entwicklung des Guten enthält demgemäß die drei Stufen: 
1. Daß das Gute für mich, als wollenden, besonderer 
Wille sei, und daß ich dasselbe wisse, 2. daß man sage, 
was gut sei, und die besonderen Bestimmungen des Guten 
entwickele, 3. endlich das Bestimmen des Guten für sich, 
die Besonderheit des Guten als unendliche, für sich seiende 
Subjektivität. Dieses innerliche Bestimmen ist das Gewissen. 

84. Zusatz zu § 133. (Die Absolutheit der 
Pflicht.) Das Wesentliche des Willens ist mir Pflicht: 
wenn ich nun nichts weiß, als daß das Gute mir Pflicht 
ist, so bleibe ich noch beim Abstrakten derselben stehen. 
Die Pflicht soll ich um ihrer selbst willen tun, und es 
ist meine eigene Objektivität im wahrhaften Sinne, die ich 
in der Pflicht vollbringe; indem ich sie tue, bin ich bei 
mir selbst und frei. Es ist das Verdienst und der hohe 
Standpunkt der Kantischen Philosophie im Praktischen ge- 
wesen, diese Bedeutung der Pflicht hervorgehoben zu haben. 

85. Zusatz zu § 134. (Die Besonderung der 
Pflichten.) Es ist dies dieselbige Frage, die an Jesus 
gerichtet wurde, als man von ihm wissen wollte, was 
getan werden solle, das ewige Leben zu erlangen; denn 
das Allgemeine des Guten, das Abstrakte ist als Abstraktes 
nicht zu vollbringen, und es muß dazu noch die Bestim- 
mung der Besonderheit erhalten, 

86. Zusatz zu § 135. (Die Unzulänglichkeit des 
Kantischen Imperativs.) Wenn wir auch oben den 
Standpunkt der K an tischen Philosophie hervorhoben, der, 
insofern er das Gemäßsein der Pflicht mit der Vernunft 



Zu § 129—138. ;}19 

aufstellt, ein erhabener ist, so muß doch hier der Mangel 
aufgedeckt werden, daß diesem Standpunkte alle Gliede- 
rung fehlt. Denn der Satz: Betrachte, ob deine Maxime 
könne als ein allgemeiner Grundsatz aufgestellt werden, 
wäre sehr gut, wenn wir schon bestimmte Prinzipien über 
das hätten, was zu tun sei. Indem wir nämlich von einem 
Prinzipe verlangen, es solle auch Bestimmung einer all- 
gemeinen Gesetzgebung sein können, so setzt eine solche 
einen Inhalt schon voraus, und wäre dieser da, so müßte 
die Anwendung leicht werden. Hier aber ist der Grund- 
satz selbst noch nicht vorhanden, und das Kriterium, 
daß kein Widerspruch sein solle, erzeugt nichts, da, wo 
nichts ist, auch kein Widerspruch sein kann. 

87. Zusatz zu § 136. (Die Hoheit des Gewissens- 
standpunktes.) Man kann von der Pflicht sehr erhaben 
sprechen, und dieses Reden stellt den Menschen höher 
und macht sein Herz weit; aber wenn es zu keiner Be- 
stimmung fortgeht, wird es zuletzt langweilig: der Geist 
fordert eine Besonderheit, zu der er berechtigt ist. Da- 
gegen ist das Gewissen diese tiefste innerliche Einsam- 
keit mit sich, wo alles Äußerliche, und alle Beschränktheit 
verschwunden ist, diese durchgängige Zurückgezogenheit 
in sich selbst. Der Mensch ist als Gewissen von den 
Zwecken der Besonderheit nicht mehr gefesselt, und dieses 
ist somit ein hoher Standpunkt, ein Standpunkt der modernen 
Welt, welche erst zu diesem Bewußtsein, zu diesem Unter- 
gange in sich gekommen ist. Die vorangegangenen sinn- 
licheren Zeiten haben ein Äußerliches und Gegebenes vor 
sich, sei es Religion oder Recht; aber das Gewissen weiß 
sich selbst als das Denken, und daß dieses mein Denken 
das allein für mich Verpflichtende ist. 

88. Zusatz zu § 137. (Die Schranke des Ge- 
wissensstandpunktes.) Sprechen wir vom Gewissen, 
so kann leicht gedacht werden, daß dasselbe um seiner 
Form willen, welche das abstrakt Innerliche ist, schon 
an und für sich das Wahrhafte sei. Aber das Gewissen 
als Wahrhaftes ist diese Bestimmung seiner selbst, das 
zu wollen, was an und für sich das Gute und die Pflicht 
ist. Hier aber haben wir erst mit dem abstrakt Guten 
zu tun, und das Gewissen ist noch ohne diesen objektiven 
Inhalt, ist nur erst die unendliche Gewißheit seiner selbst. 

89. Zusatz zu § 138. (Die Subjektivität als Nega- 
tivität.) Betrachten wir dieses Verflüchtigen näher, und 
sehen wir, daß in diesen einfachen Begriff alle Bestim- 



320 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

mungen aufgehen, und von ihm wieder ausgehen müssen, 
so besteht es zunächst darin, daß alles, was wir als Recht 
oder als Pflicht anerkennen, vom Gedanken als ein Nich- 
tiges, Beschränktes und durchaus nicht Absolutes kann 
aufgewiesen werden. Dagegen darf die Subjektivität, wie 
sie allen Inhalt in sich verflüchtigt, auch v/iederum den- 
selben aus sich entwickeln. Alles, was in der Sittlich- 
keit entsteht, wird durch diese Tätigkeit des Geistes hervor- 
gebracht. Andererseits ist der Mangel dieses Standpunkts, 
daß er ein bloß abstrakter ist. Wenn ich meine Freiheit 
als Substanz in mir weiß, so bin ich tatlos und handele 
nicht. Gehe ich aber zu Handlungen fort, suche ich nach 
Grundsätzen, so greife ich nach Bestimmungen, und die 
Forderung ist alsdann, daß diese aus dem Begriff des 
freien Willens abgeleitet seien. Wenn es daher recht ist, 
das Recht und die Pflicht in die Subjektivität zu ver- 
flüchtigen, so ist es andererseits unrecht, wenn diese ab- 
strakte Grundlage sich nicht wiederum entwickelt. Nur in 
Zeiten, wo die Wirklichkeit eine hohle geist- und haltungs- 
lose Existenz ist, mag es dem Individuum gestattet sein, aus 
der v/irklichen in die innerliche Lebendigkeit zurück- 
zuf liehen. Sokrates stand in der Zeit des Verderbens der 
atheniensischen Demokratie auf; er verflüchtigte das Da- 
seiende, und floh in sich zurück, um dort das Rechte 
und Gute zu suchen. Auch in unserer Zeit findet es 
mehr oder weniger statt, daß die Ehrfurcht vor dem Be- 
stehenden nicht mehr vorhanden ist, und daß der Mensch 
das Geltende als seinen Willen, als das von ihm An- 
erkannte haben will. 

90. Zusatz zu § 139. (Der Ursprung des Bösen.) 
Die abstrakte Gewißheit, die sich selbst als Grundlage 
von allem weiß, hat die Möglichkeit in sich, das All- 
gemeine des Begriffs zu wollen, aber auch die, einen 
besonderen Inhalt zum Prinzipe zu machen, und zu reali- 
sieren. Zum Bösen, welches dieses letztere ist, gehört 
somit immer die Abstraktion der Gewißheit seiner selbst, 
und nur der Mensch, und zwar insofern er auch böse sein 
kann, ist gut. Das Gute und das Böse sind untrennbar, 
und ihre Untrennbarkeit liegt darin, daß der Begriff sich 
gegenständlich v/ird und als Gegenstand unmittelbar die 
Bestimmung des Unterschieds hat. Der böse Wille will 
ein der Allgemeinheit des Willens Entgegengesetztes, der 
gute dagegen verhält sich seinem wahrhaften Begriffe 
gemäß. — Die Schwierigkeit bei der Frage, wie der Wille 



Zu § 139. 321 

auch könne böse sein, kommt gewöhnlich daher, daß man 
sich den Willen nur in positivem Verhältnis zu sich selbst 
denkt, und [sein Wollen] als ein Bestimmtes, da.s für ihn 
ist, als das Gute, vorstellt. 

Aber die Frage nach dem Ursprünge des Bösen 
hat nun den näheren Sinn: wie kommt in das Posi- 
tive das Negative hinein? Wird bei der Erschaffung der 
Welt Gott als das absolut Positive vorausgesetzt, dann 
mag man sich drehen, wie man will, das Negative ist 
in diesem Positiven nicht zu erkennen; denn will man ein 
Zulassen von selten Gottes annehmen, so ist solches passives 
Verhältnis ein ungenügendes und nichtssagendes. In der 
mythologisch-religiösen Vorstellung wird der Ursprung des 
Bösen nicht begriffen, d. h. das eine wird nicht in dem 
anderen erkannt, sondern es gibt nur eine Vorstellung 
von einem Nacheinander und Nebeneinander, so daß von 
außen her das Negative an das Positive kommt. Dies 
kann aber dem Gedanken nicht genügen, welcher nach 
einem Grunde und nach einer Notwendigkeit verlangt 
und im Positiven das Negative als selbst wurzelnd auffassen 
will. Die Auflösung nun, wie der Begriff dies faßt, ist 
im Begriffe schon enthalten; denn der Begriff, oder kon- 
kreter gesprochen, die Idee, hat wesentlich das an sich, 
sich zu unterscheiden und sich negativ zu setzen. Bleibt 
man bloß beim Positiven, d. h. beim rein Guten stehen, 
das gut in seiner Ursprünglichkeit sein soll, so ist dies 
eine leere Bestimmung des Verstandes, der solch Ab- 
straktes und Einseitiges festhält und dadurch, daß er die 
Frage stellt, dieselbe eben zu einer schwierigen erhebt. 
Von dem Standpunkte aber des Begriffes aus wird die 
Positivität so aufgefaßt, daß sie Tätigkeit und Unter- 
scheidung ihrer von sich selbst ist. Das Böse hat also, wie 
das Gute im Willen seinen Ursprung, und der Wille ist 
in seinem Begriffe sowohl gut als böse. Der natürliche 
Wille ist an sich der Widerspruch, sich von sich selbst 
zu unterscheiden, für sich und innerlich zu sein. 

Wenn man nun sagte, das Böse enthält die nähere Be- 
stimmung, daß der Mensch böse ist, insofern er natürlicher 
Wille ist, so würde dies der gewöhnlichen Vorstellung ent- 
gegengesetzt sein, welche sich gerade den natürlichen Wil- 
len als den unschuldigen und guten denkt. Aber der natür- 
liche Wille steht dem Inhalte der Freiheit gegenüber, 
und das Kind, der ungebildete Mensch, die diesen ersteren 
haben, sind deswegen einem minderen Grad von Zurech- 
ne gel, Eechtsphilosophie. 21 



322 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

nungsfähigkeit unterworfen. Wenn man nun vom Menscher 
spricht, so meint man nicht das Kind, sondern den selbst- 
bewußten Menschen; wenn man vom Guten redet, so meint 
man das Wissen desselben. Nun ist freilich das Natür- 
liche an sich unbefangen, weder gut noch böse, aber das 
Natürliche, bezogen auf den Willen als Freiheit und als 
Wissen derselben, enthält die Bestimmung des Nichtfreien 
und ist daher böse. Insofern der Mensch das Natürliche 
will, ist dieses nicht mehr das bloß Natürliche, sondern 
das Negative gegen das Gute als den Begriff des Willens. 
— Wenn man nun aber sagen wollte, daß, weil das Böse 
im Begriffe liegt und notwendig ist, der Mensch ohne 
Schuld wäre, wenn er es ergriffe; so muß erwidert werden, 
daß die Entschließung des Menschen eigenes Tun, das 
Tun seiner Freiheit und seiner Schuld ist. Im religiösen 
Mythos wird gesagt, dadurch sei der Mensch gottähnlich, 
daß er die Erkenntnis vom Guten und Bösen habe; und die 
Gottähnlichkeit ist allerdings vorhanden, indem die Not- 
wendigkeit hier keine Naturnotwendigkeit, sondern die Ent- 
schließung eben die Aufhebung dieses Gedoppelten, des 
Guten und Bösen ist. Ich habe, da das Gute wie das Böse 
mir entgegensteht, die Wahl zwischen beiden, kann mich 
zu beiden entschließen und das eine wie das andere in 
meine Subjektivität aufnehmen. Es ist also die Natur 
des Bösen, daß der Mensch es wollen kann, aber nicht 
notwendig wollen muß. 

91. Zusatz zu § 140. (Die Sophistik der Mora- 
lität.) Die Vorstellung kann weiter gehen, und sich 
den bösen Willen in den Schein des Guten verkehren. 
Wenn sie das Böse auch seiner Natur nach nicht ver- 
ändern kann, so kann sie demselben doch den Schein ver- 
leihen, als sei es das Gute. Denn jede Handlung hat ein 
Positives, und indem sich die Bestimmung des Guten gegen 
das Böse ebenfalls auf das Positive reduziert, kann ich 
die Handlung in Beziehung auf meine Absicht als gute 
behaupten. Also nicht bloß im Bewußtsein, sondern auch 
von der positiven Seite steht das Böse mit dem Guten in 
Verbindung. Gibt das Selbstbewußtsein die Handlung nur 
für andere als gut aus, so ist diese Form die Heuchelei; 
vermag es aber die Tat für sich selbst als gut zu behaupten, 
so ist dies die noch höhere Spitze der sich als das Ab- 
solute wissenden Subjektivität, für die das Gute und Böse, 
an und für sich, verschwunden ist, und die dafür aus- 
geben kann, was sie will und vermag. Dies ist der Stand- 



Zu § 140. 323 

punkt der absoluten Sophisterei, die sich als Gesetzgeberin 
aufvvirft und den Unterschied von gut und böse auf ihre 
Willkür bezieht. Was nun die Heuchelei betrifft, so ge- 
hören z. B. vornehmlich die religiösen Heuchler (die Tar- 
tüffes) dahin, die sich allen Zeremonien unterwerfen, 
auch für sich fromm sein mögen, nach der anderen Seite 
aber alles tun, was sie wollen. Heutzutage -spricht man 
wenig mehr von Heuchlern, weil einerseits diese Beschuldi- 
gung eine zu harte scheint, andererseits aber die Heuchelei 
mehr oder weniger in ihrer unmittelbaren Gestalt ver- 
schwunden ist. Diese bare Lüge, diese Verdeckung des 
Guten ist jetzt zu durchsichtig geworden, als daß man 
sie nicht durchschauen sollte; und die Trennung, daß man 
auf der einen Seite das Gute, auf der anderen das Böse 
tut, ist nicht mehr so vorhanden, seitdem die zunehmende 
Bildung die entgegengesetzten Bestimmungen schwankend 
gemacht hat. Die feinere Gestalt dagegen, die die Heu- 
chelei jetzt angenommen hat, ist die des Probabilismus, 
die das enthält, daß man eine Übertretung als etwas Gutes 
für das eigene Gewissen vorstellig zu machen sucht. Sie 
kann nur eintreten, wo das Moralische und Gute durch 
eine Autorität bestimmt ist, so daß es ebensoviel Autori- 
täten als Gründe gibt, das Böse als Gutes zu behaupten. 
Kasuistische Theologen, besonders Jesuiten, haben solche 
Gewissensfälle bearbeitet und sie ins Unendliche vermehrt. 
Indem diese Fälle nun zur höchsten Subtilität ge- 
bracht werden, entstehen viele Kollisionen, und die Gegen- 
sätze des Guten und Bösen werden so schwankend, daß 
sie sich in Beziehung auf die Einzelnheit als umschlagend 
beweisen. Was man verlangt, ist nur das Probable, 
d. h. das sich annähernde Gute, das mit irgendeinem Grunde, 
oder irgendeiner Autorität belegt werden kann. Dieser 
Standpunkt hat also die eigentümliche Bestimmung, daß 
er nur ein Abstraktes enthält und der konkrete Inhalt als 
etwas Unwesentliches aufgestellt wird, der vielmehr der 
bloßen Meinung überlassen bleibt. So kann also jemand 
ein Verbrechen begangen, und das Gute gewollt haben; 
wenn z. B. ein Böser gemordet wird, so kann für die po- 
sitive Seite das ausgegeben werden, daß man dem Bösen 
habe widerstehen und es habe vermindern wollen. Der 
weitere Fortgang vom Probabilismus ist nun, daß es nicht 
mehr auf die Autorität und die Behauptung eines anderen, 
sondern auf das Subjekt selbst ankommt, d. h. auf seine 
Überzeugung, und daß nur etwas durch sie gut werden 

21* 



324 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

kann. Das Mangelhafte ist hier, daß es bloß auf die Über- 
zeugung sich beziehen soll, und daß es kein an und für 
sich seiendes Recht mehr gibt, für welches diese Über- 
zeugung nur die Form wäre. Es ist allerdings nicht gleich- 
gültig, ob ich etwas aus Gewohnheit und Sitte, oder von 
der Wahrheit desselben durchdrungen tue, aber die ob- 
iektive Wahrheit ist von meiner Überzeugung auch ver- 
schieden; denn diese letztere hat den Unterschied von gut 
und böse gar nicht, da Überzeugung stets Überzeugung ist, 
und schlecht nur das wäre, von dem ich nicht überzeugt 
bin. Indem dieser Standpunkt nun ein höchster, das Guie 
und Böse auslöschender ist, wird dabei zugegeben, dieses 
Höchste sei auch der Irrung ausgesetzt, und insofern wird 
es von seiner Höhe herab wieder zufällig und scheint keine 
Achtung zu verdienen. Diese Form nun ist die Ironie, 
das Bewußtsein, daß es mit solchem Prinzip der Über- 
zeugung nicht weit her sei, und daß in diesem höchsten 
Kriterium nur Willkür herrsche. Dieser Standpunkt ist 
eigentlich aus der Fichteschen Philosophie hervor- 
gegangen, die das Ich als das Absolute ausspricht, d. h. 
als die absolute Gewißheit, als die allgemeine Ichheit, die 
durch die weitere Entwickelung zur Objektivität fortgeht. 
Von Fichte ist eigentlich nicht zu sagen, daß er im Prak- 
tischen die Willkür des Subjekts zum Prinzip gemacht 
habe; aber späterhin ist im Sinne der besonderen Ichheit 
von Friedrich v. Schlegel dieses Besondere selbst in 
betreff des Guten und Schönen als Gott aufgestellt worden, 
so daß das objektiv Gute nur ein Gebilde meiner Über- 
zeugung sei, nur durch mich einen Halt bekomme, und daß 
ich es als Herr und Meister hervortreten und verschwinden 
lassen kann. Indem ich mich zu etwas Objektivem ver- 
halte, ist es zugleich für mich untergegangen, und so 
schwebe ich über einem ungeheuren Räume, Gestalten 
hervorrufend und zerstörend. Dieser höchste Standpunkt 
der Subjektivität kann nur in einer Zeit hoher Bildung 
entstehen, wo der Ernst des Glaubens zugrunde gegangen 
ist, und [das Bewußtsein] nur noch in der Eitelkeit aller 
Dinge sein Wesen hat. 

92. Zusatz zu § 141. (Die Einseitigkeit von 
Recht und Moral.) Beide Prinzipien, die wir bisher be- 
trachtet haben, das abstrakte Gute sowohl, wie das Ge- 
wissen, ermangeln ihres Entgegengesetzten; das abstrakte 
Gute verflüchtigt sich zu einem vollkommen Kraftlosen, 
in das ich allen Inhalt bringen kann, und die Subjektivität 



J 



Zu § Ul— Uo. 325 

des Geistes wird nicht minder gehaltlos, indem ihr die ob- 
jektive Bedeutung abgeht. Es kann daher die Sehnsucht 
nach einer Objektivität entstehen, in welcher der Mensch 
sich lieber zum Knechte und zur vollendeten Abhängigkeit 
erniedrigt, um nur der Qual der Leerheit und der Negati- 
vität zu entgehen. Wenn neuerlich manche Protestanten 
zur katholischen Kirche übergegangen sind, so geschah 
es, weil sie ihr Inneres gehaltlos fanden und nach einem 
Festen, einem Halt, einer Autorität griffen, wenn es auch 
eben nicht die Festigkeit des Gedankens war, die sie_ er- 
hielten. Die Einheit des subjektiven und des objektiven 
an und für sich seienden Guten ist die Sittlichkeit, und 
in ihr ist dem Begriffe nach die Versöhnung geschehen. 
Denn, wenn die Moralität die Form des Willens überhaupt 
nach der Seite der Subjektivität ist, so ist die Sittlichkeit 
nicht bloß die subjektive Form und die Selbstbestimmung 
des Willens, sondern das, ihren Begriff, nämlich die Frei- 
heit, zum Inhalte zu haben. Das Rechtliche und das Mo- 
ralische kann nicht für sich existieren, und sie müssen 
das Sittliche zum Träger und zur Grundlage haben; denn 
dem Rechte fehlt das Moment der Subjektivität, das die 
Moral wiederum für sich allein hat, und so haben beide 
Momente für sich keine Wirklichkeit. Nur das Unendliche, 
die Idee, ist wirklich; das Recht existiert nur als Zweig 
eines Ganzen, als sich anrankende Pflanze eines an und 
für sich festen Baumes. 

93. Zusatz zu § 144. (Die substantielle Sitt- 
lichkeit.) Im Ganzen der Sittlichkeit ist sowohl das ob- 
jektive, als das subjektive Moment vorhanden; beide sind 
aber nur Formen derselben. Das Gute ist hier Substanz, 
d. h. Erfüllung des Objektiven mit der Subjektivität. Be- 
trachtet man die Sittlichkeit von dem objektiven Stand- 
punkt, so kann man sagen, der sittliche Mensch sei sich 
unbewußt. In diesem Sinne verkündet Antigone, niemand 
wisse, woher die Gesetze kommen; sie seien ewig, d. h. 
sie sind die an und für sich seiende, aus der Natur der 
Sache fließende Bestimmung. Aber nicht minder hat dieses 
Substantielle auch ein Bewußtsein, obgleich diesem immer 
nur die Stellung eines Moments zukommt. 

94. Zusatz zu § 145. (Die sittliche Substanz und 
das Individuum.) Weil die sittlichen Bestimmungen den 
Begriff der Freiheit ausmachen, sind sie die Substantialität 
oder das allgemeine Wesen der Individuen, welche sich 
dazu nur als ein Accidentelles verhalten. Ob das Indi- 



326 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

viduum sei, gilt der objektiven Sittlichkeit gleich, welche 
allein das Bleibende und die Macht ist, durch welche das 
Leben der Individuen regiert wird. Die Sittlichkeit ist 
daher den Völkern als die ewige Gerechtigkeit, als an 
und für sich seiende Götter vorgestellt worden, gegen die 
das eitle Treiben der Individuen nur ein anwogendes Spiel 
bleibt. 

95. Zusatz zu § 149. (Die Pflicht als Fortschritt 
zur Freiheit.) Die Pflicht beschränkt nur die Willkür 
der Subjektivität und stößt nur gegen das abstrakte Gute 
an, welches die Subjektivität festhält. Wenn die Menschen 
sagen, wir wollen frei sein, so heißt das zunächst nur, 
wir wollen abstrakt frei sein, und jede Bestimmung und 
Gliederung im Staate gilt für eine Beschränkung dieser 
Freiheit. Die Pflicht ist insofern nicht Beschränkung der 
Freiheit, sondern nur der Abstraktion derselben, d. h. 
der Unfreiheit; sie ist das Gelangen zum Wesen, das Ge- 
winnen der affirmativen Freiheit. 

96. Zusatz zu § 150. (Die Tugend als individuelle 
Fertigkeit.) Wenn ein Mensch dieses oder jenes Sitt- 
liche tut, so ist er nicht gerade tugendhaft, aber wohl dann, 
wenn diese Weise des Benehmens eine Stetigkeit seines 
Charakters ist. Die Tugend ist mehr die sittliche Virtuo- 
sität, und wenn man heutzutage nicht so viel von Tugend 
spricht als sonst, so hat dies seinen Grund darin, daß die 
Sittlichkeit nicht mehr so sehr die Form eines besonderen 
Individuums ist. Die Franzosen sind hauptsächlich dasjenige 
Volk, das am meisten von Tugend spricht, weil bei ihnen das 
Sittliche am Individuum mehr Sache seiner Eigentümlich- 
keit und einer natürlichen Weise des Handelns ist. Die 
Deutschen dagegen sind mehr denkend, und bei ihnen ge- 
winnt derselbe Inhalt die Form der Allgemeinheit. 

97. Zusatz zu § 151. (Sitte, Erziehung, Ge- 
wohnheit.) Wie die Natur ihre Gesetze hat, wie das 
Tier, die Bäume, die Sonne ihr Gesetz vollbringen, so ist 
die Sitte das dem Geist der Freiheit Angehörende. Was 
das Recht und die Moral noch nicht sind, das ist die Sitte, 
nämlich Geist. Denn im Rechte ist die Besonderheit noch 
nicht die des Begriffs, sondern nur des natürlichen Willens. 
Ebenso ist auf dem Standpunkte der Moralität das Selbst- 
bewußtsein noch nicht geistiges Bewußtsein. Es ist dabei 
nur um den Wert des Subjekts in sich selbst zu tun, d. h. 
das Subjekt, was sich nach dem Guten gegen das Böse be- 
stimmt, hat noch die Form der Willkür. Hier hingegen 



I 



Zu § 149—156. 327 

auf dem sittlichen Standpunkt ist der Wille als Wille des 
Geistes und hat einen substantiellen sich entsprechenden 
Inhalt. Die Pädagogik ist die Kunst, die Menschen sitt- 
lich zu machen: sie betrachtet den Menschen als natürlich 
und zeigt den Weg ihn Wiederzugebären, seine erste Natur 
zu einer zweiten geistigen umzuwandeln, so daß dieses 
Geistige in ihm zur Gewohnheit wird. In ihr ver- 
schwindet der Gegensatz des natürlichen und subjektiven 
Willens, der Kampf des Subjekts ist gebrochen, und in- 
sofern gehört zum Sittlichen die Gewohnheit, wie sie auch 
zum philosophischen Denken gehört, da dieses erfordert, 
daß der Geist gegen willkürliche Einfälle gebildet sei, 
und diese gebrochen und überwunden seien, damit das ver- 
nünftige Denken freien Weg hat. Der Mensch stirbt auch 
aus Gewohnheit, d. h., wenn er sich ganz im Leben ein- 
gewohnt hat, geistig und physisch stumpf geworden und 
der Gegensatz von subjektivem Bewußtsein und geistiger 
Tätigkeit verschwunden ist; denn tätig ist der Mensch nur, 
insofern er etwas nicht erreicht hat und sich in Beziehung 
darauf produzieren und geltend machen will. Wenn dies 
vollbracht ist, verschwindet die Tätigkeit und Lebendig- 
keit, und die Interesselosigkeit, die alsdann eintritt, ist 
geistiger oder physischer Tod. 

98. Zusatz zu § 153, (Erziehungsexperiniente.) 
Die pädagogischen Versuche, den Menschen dem allge- 
meinen Leben der Gegenwart zu entziehen und auf dem 
Lande herauf zubilden (Rousseau im Emile), sind ver- 
geblich gewesen, weil es nicht gelingen kann, den Menschen 
den Gesetzen der Welt zu entfremden. Wenn auch 
die Bildung der Jugend in Einsamkeit geschehen muß, so 
darf man ja nicht glauben, daß der Duft der Geisterwelt 
nicht endlich durch diese Einsamkeit wehe, und daß die 
Gewalt des Weltgeistes zu schwach sei, um sich dieser ent- 
legenen Teile zu bemächtigen. Darin, daß es Bürger eines 
guten Staates ist, kommt erst das Individuum zu seinem 
Recht. 

99. Zusatz zu § 155. (Freiheit als Einheit von 
Recht und Pflicht.) Der Sklave kann keine Pflichten 
haben, und nur der freie Mensch hat solche. Wären auf 
einer Seite alle Rechte, auf der anderen alle Pflichten, 
so würde das Ganze sich auflösen, denn nur die Identität 
ist die Grundlage, die wir hier festzuhalten haben. 

100. Zusatz zu § 156. (Das Sittliche als kon- 
krete Vr irklich ke it.) Das Sittliche ist nicht abstrakt 



328 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

wie das Gute, sondern in intensivem Sinne wirklich. Der 
Geist hat Wirklichkeit, und die Accidenzen derselben sind 
die Individuen. Beim Sittlichen sind daher immer nur 
die zwei Gesichtspunkte möglich, daß man entweder von 
der Substantialität ausgeht oder atomistisch verfährt und 
von der Einzelnheit als Grundlage hinaufsteigt; dieser 
letztere Gesichtspunkt ist geistlos, weil er nur zu einer 
Zusammensetzung führt, der Geist aber nichts Einzelnes 
ist, sondern Einheit des Einzelnen und Allgemeinen. 

101. Zusatz zu § 158. (Der Begriff der Liebe.^ 
Liebe heii3t überhaupt das Bewußtsein meiner Einheit mit 
einem anderen, so daß ich für micii nicht isoliert bin, 
sondern mein Selbstbewußtsein nur als Aufgebung meines 
Fürsichseins gewinne, und durch das Michwissen als der 
Einheit meiner mit dem anderen und des anderen mit 
mir. Die Liebe ist aber Empfindung, d. h. die Sittlichkeit 
in Form des Natürlichen; im Staate ist sie nicht mehr, da 
ist man sich der Einheit als des Gesetzes bewußt, da 
muß der Inhalt vernünftig sein, und ich muß ihn wissen. 
Das erste Moment in der Liebe ist, daß ich keine selb- 
ständige Person für mich sein will, und daß, wenn ich 
dies wäre, ich mich mangelhaft und unvollständig fühle. 
Das zweite Moment ist, daß ich mich in einer anderen 
Person gewinne, daß ich in ihr gälte, was sie wiederum 
in mir erreicht. Die Liebe ist daher der ungeheuerste 
Widerspruch, den der Verstand nicht lösen kann, indem 
es nichts Härteres gibt als diese Punktualität des Selbst- 
bewußtseins, die negiert wird, und die ich doch als affir- 
mativ haben soll. Die Liebe ist das Hervorbringen und 
die Auflösung des Widerspruchs zugleich; als die Atif- 
lösung ist sie die sittliche Einigkeit. 

102. Zusatz zu § 159. (Familie und Subjektivi- 
tät.) Das Recht der Familie besteht eigentlich darin, daß 
ihre Substantialität Dasein haben soll: es ist also ein 
Eecht gegen die Äußerlichkeit und gegen das Heraustreten 
aus dieser Einheit. Dagegen ist aber wieder die Liebe 
eine Empfindung, ein Subjektives, gegen das die Einigkeit 
sich nicht geltend machen kann. Wenn also die Einig- 
keit gefordert wird, so kann sie es nur in Beziehung auf 
solche Dinge, die ihrer Natur nach äußerlich sind und 
nicht durch die Empfindung bedingt werden. 

103. Zusatz zu § 161. (Der Begriff der Ehe.) 
Die Ehe ist wesentlich ein sittliches Verhältnis. Früher 
ist, besonders in den meisten Naturrechten, dieselbe nur 



Zu § 158— 1Ü3. 329 

nach der physischen Seite hin angesehen worden, nach 
demjenigen, was sie von Natur ist. Man hat sie so nur 
als ein Geschlechtsverhältnis betrachtet, und jeder Weg 
zu den übrigen Bestimmungen der Ehe blieb verschlossen. 
Ebenso roh ist es aber, die Ehe bloß als einen bürgerlichen 
Kontrakt zu begreifen, eine Vorstellung, die auch noch 
bei Kant vorkommt, wo denn die gegenseitige Willkür 
über die Individuen sich verträgt und die Ehe zur Form 
eines gegenseitigen vertragsmäßigen Gebrauchs herab- 
gewürdigt wird. Die dritte ebenso zu verwerfende Vor- 
stellung ist die, welche die Ehe nur in die Liebe setzt; 
denn die Liebe, welche Empfindung ist, läßt die Zufällig- 
keit in jeder Rücksicht zu, eine Gestalt, welche das Sitt- 
liche nicht haben darf. Die Ehe ist daher näher so zu 
bestimmen, daß sie die rechtlich sittliche Liebe ist, wo- 
durch das Vergängliche, Launenhafte und bloß Subjektive 
derselben aus ihr verschwindet. 

104. Zusatz zu § 162. (Ehe und Neigung.) Bei 
Völkern, wo das weibliche Geschlecht in geringer Achtung 
steht, verfügen die Eltern über die Ehe nach ihrer Will- 
kür, ohne die Individuen zu fragen, und diese lassen es 
sich gefallen, da die Besonderheit der Empfindung noch 
keine Prätension macht. Dem Mädchen ist es nur um 
einen Mann, diesem um eine Frau überhaupt zu tun. In 
anderen Zuständen können Rücksichten des Vermögens, 
der Konnexion, politische Zwecke das Bestimmende sein. 
Hier können große Härten vorfallen, indem die Ehe zum 
Mittel für andere Zwecke gemacht wird. In den modernen 
Zeiten wird dagegen der subjektive Ausgangspunkt, das 
Verliebtsein, als der allein wichtige angesehen. Man 
stellt sich hier vor, jeder müsse warten, bis seine Stunde 
geschlagen hat, und man könne nur einem bestimmten 
Individuum seine Liebe schenken. 

105. Zusatz zu § 163. (Heiligkeit der Ehe.) Die 
Ehe unterscheidet sich dadurch vom Konkubinat, daß es 
bei diesem letzteren hauptsächlich auf die Befriedigung des 
Naturtriebes ankommt, während dieser bei der Ehe zu- 
rückgedrängt ist. Deswegen wird bei der Ehe ohne Er- 
röten von natürlichen Ereignissen gesprochen, die bei un- 
ehelichen Verhältnissen ein Schamgefühl hervorbrächten. 
Darum ist aber auch die Ehe an sich für unauflöslich zu 
achten; denn der Zweck der Ehe ist der sittliche, der so 
hoch steht, daß alles andere dagegen gewaltlos und ilim 
unterworfen erscheint. Die Ehe soll nicht durch Leiden- 



330 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

Schaft gestört werden, denn diese ist ihr untergeordnet. 
Aber sie ist nur an sich unauflöslich, denn wie Christus 
sagt: Nur um ihres Herzens Härtigkeit ist die Scheidung 
zugestanden 1). Weil die Ehe das Moment der Empfindung 
enthält, ist sie nicht absolut, sondern schwankend und 
hat die Möglichkeit der Auflösung in sich. Aber die Ge- 
setzgebungen müssen diese Möglichkeit aufs höchste er- 
schweren und das Recht der Sittlichkeit gegen das Be- 
lieben aufrechterhalten. 

106. Zusatz zu § 164. (Die „freie" Liebe.) Daß 
die Zeremonie der Schliei3ung der Ehe überflüssig und 
eine Formalität sei, die weggelassen werden könnte, weil 
die Liebe das Substantielle ist und sogar durch die Feier- 
lichkeit an Wert verliert, ist von Friedrich v. Schlegel 
in der Lucinde, und von einem Nachtreter desselben^) in 
den Briefen eines Ungenannten (Lübeck und Leipzig 1800) 
aufgestellt worden. Die sinnliche Hingebung wird dort 
vorgestellt als gefordert für den Beweis der Freiheit und 
Innigkeit der Liebe, eine Argumentation, die Verführern 
nicht fremd ist. Es ist über das Verhältnis von Mann 
und Frau zu bemerken, daß das Mädchen in der sinnlichen 
Hingebung ihre Ehre aufgibt, was bei dem Manne, der noch 
ein anderes Feld seiner sittlichen Tätigkeit als die Familie 
hat, nicht so der Fall ist. Die Bestimmung des Mädchens 
besteht wesentlich nur im Verhältnis der Ehe; die Forderung 
ist also, daß die Liebe die Gestalt der Ehe erhalte, und 
daß die verschiedenen Momente, die in der Liebe sind, ihr 
wahrhaft vernünftiges Verhältnis zueinander bekommen. 

107. Zusatz zu § 166. (Frauenbildung.) Frauen 
können wohl gebildet sein, aber für die höheren Wissen- 
schaften, die Philosophie und für gewisse Produktionen 
der Kunst, die ein Allgemeines fordern, sind sie nicht 
gemacht. Frauen können Einfälle, Geschmack, Zierlich- 
keit haben, aber das Ideale haben sie nicht. Der Unter- 
schied zwischen Mann und Frau ist der des Tieres und 
der Pflanze; das Tier entspricht mehr dem Charakter des 
Mannes, die Pflanze mehr dem der Frau; denn sie ist 
mehr ruhiges Entfalten, das die unbestimmtere Einig- 
keit der Empfindung zu seinem Prinzipe erhält. Stehen 
Frauen an der Spitze der Regierung, so ist der Staat in 
Gefahr; denn sie handeln nicht nach den Anforderungen 

1) Matth. 19, 8; Mark. 10, 5. 
^) Schleiermacher. 



Zu § 164—173. 331 

der Allgemeinheit, sondern nach zufälliger Neigung und 
Meinung. Die Bildung der Frauen geschieht, man weiß 
nicht wie, gleichsam durch die Atmosphäre der Vorstel- 
lung, mehr durch das Leben als durch das Erwerben von 
Kenntnissen, während der Mann seine Stellung nur durch 
die Errungenschaft des Gedankens und durch viele tech- 
nische Bemühungen erlangt. 

108. Zusatz zu § 168. (Verwandtenehe.) Zunächst 
ist die Ehe zwischen Blutsverwandten schon dem Gefühle 
der Scham entgegengesetzt, aber dieses Zurückschauern 
ist im Begriffe der Sache gerechtfertigt. Was nämlich 
schon vereinigt ist, kann nicht erst durch die Ehe ver- 
einigt werden. Von der Seite des bloß natürlichen Ver- 
hältnisses ist es bekannt, daß die Begattungen unter einer 
Familie von Tieren schwächlichere Früchte erzeugen, denn 
was sich vereinigen soll, muß ein vorher Getrenntes 
sein; die Kraft der Zeugung wie des Geistes ist desto 
größer, je größer auch die Gegensätze sind, aus denen 
sie sich wiederherstellt. Die Vertraulichkeit, Bekannt- 
schaft, Gewohnheit des gemeinsamen Tuns soll noch nicht 
vor der Ehe sein, sie soll erst in derselben gefunden 
werden; und dies Finden hat um so höheren Wert, je reicher 
es ist, und je mehr Teile es hat. 

109. Zusatz zu § 172. (Sippe und Familie.) In 
vielen Gesetzgebungen ist der weitere Umfang der 
Familie festgehalten, und dieser wird als das wesent- 
liche Band angesehen, während das andere einer jeden 
speziellen Familie dagegen geringer erscheint. So ist 
im älteren römischen Rechte die Frau der laxen Ehe in 
näherem Verhältnis zu ihren Verwandten als zu ihren 
Kindern und zu ihrem Manne, und in den Zeiten des 
Feudalrechts machte die Erhaltung des splendor familiae 
es notwendig, daß nur die männlichen Glieder dazu ge- 
rechnet wurden, und daß das Ganze der Familie für die 
Hauptsache galt, während die neugebildete dagegen ver- 
schwand. Trotzdem ist jede neue Familie das Wesent- 
lichere gegen den weiteren Zusammenhang der Bluts- 
verwandtschaft, und Ehegatten und Kinder bilden den 
eigentlichen Kern, im Gegensatz dessen, was man im ge- 
wissen Sinne auch Familie nennt. Das Vermögensverhältnis 
der Individuen muß daher einen wesentlicheren Zusammen- 
hang mit der Ehe als mit der weiteren Blutsverwandt- 
schaft haben. 

110. Zusatz zu § 173. (Elternliebe.) Zwischen 



332 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

Mann und Frau ist das Verhältnis der Liebe noch nicht 
objektiv; denn wenn die Empfindung auch die substantielle 
Einheit ist, so hat diese noch keine Gegenständlichkeit. 
Eine solche erlangen die Eltern erst in ihren Kindern, in 
welchen sie das Ganze der Vereinigung vor sich haben. 
Die Mutter liebt im Kinde den Gatten, dieser darin die 
Gattin; beide haben in ihm ihre Liebe vor sich. Während 
im Vermögen die Einheit nur in einer äußerlichen Sache 
ist, ist sie in den Kindern in einem Geistigen, in dem 
die Eltern geliebt werden, und das sie lieben. 

111. Zusatz zu § 174. (Kindererziehung.) Was 
der Mensch sein soll, hat er nicht aus Instinkt, sondern er 
hat es sich erst zu erwerben. Darauf begründet sich 
das Recht des Kindes, erzogen zu werden. Ebenso ist 
.es mit den Völkern bei väterlichen Regierungen; hier 
werden die Menschen aus Magazinen ernährt und nicht 
als Selbständige und Majorenne angesehen. Die Dienste, 
die von den Kindern gefordert werden dürfen, können 
daher nur den Zweck der Erziehung haben und sich auf 
dieselbe beziehen; sie müssen nicht für sich etwas sein 
wollen, denn das unsittlichste Verhältnis überhaupt ist das 
Sklavenverhältnis der Kinder. Ein Hauptmoment der Er- 
ziehung ist die Zucht, welche den Sinn hat, den Eigen- 
willen des Kindes zu brechen, damit das bloß Sinnliche 
und Natürliche ausgereutet werde. Hier muß man nicht 
meinen, bloß mit Güte auszukommen; denn gerade der 
unmittelbare Wille handelt nach unmittelbaren Einfällen 
und Gelüsten, nicht nach Gründen und Vorstellungen. Legt 
man den Kindern Gründe vor, so überläßt man es den- 
selben, ob sie diese wollen gelten lassen, und stellt daher 
alles in ihr Belieben. Daran, daß die Eltern das All- 
gemeine und Vv''esentliche ausmachen, schließt sich das 
Bedürfnis des Gehorsams der Kinder an. Wenn das Ge- 
fühl der Unterordnung bei den Kindern, das die Sehn- 
sucht, groß zu werden, hervorbringt, nicht genährt wird, 
so entsteht vorlautes Wesen und Naseweisheit. 

112. Zusatz zu § 175. (Die Empfindung des 
Kindes.) Als Kind muß der Mensch im Kreise der 
Liebe und des Zutrauens bei den Eltern gewesen sein, und 
das Vernünftige muß als seine eigenste Subjektivität in 
ihm erscheinen. Vorzüglich ist in der ersten Zeit die Er- 
ziehung der Mutter wichtig, denn die Sittlichkeit muß als 
Empfindung in das Kind gepflanzt worden sein. Es ist 
zu bemerken, daß im ganzen die Kinder die Eltern weniger 



Zu § 174-181. 333 

lieben, als die Eltern die Kinder, denn sie gehen der 
Selbständigkeit entgegen und erstarken, haben also die 
Eltern hinter sich, während die Eltern in ihnen die objek- 
tive Gegenständlichkeit ihrer Verbindung besitzen. 

113. Zusatz zu § 176. (Ehescheidung.) Weil die 
Ehe nur auf der subjektiven zufälligen Empfindung be- 
ruht, so kann sie geschieden werden. Der Staat dagegen 
ist der Trennung nicht unterv/orfen, denn er beruht auf 
dem Gesetz. Die Ehe soll allerdings unauflöslich sein, 
aber es bleibt hier auch nur beim Sollen. Indem sie aber 
etwas Sittliches ist, kann sie nicht durch Willkür, sondern 
nur durch eine sittliche Autorität geschieden werden, sei 
diese nun die Kirche oder das Gericht. Ist eine totale 
Entfremdung, wie z. B. durch Ehebruch geschehen, dann 
muß auch die religiöse Autorität die Ehescheidung er- 
lauben. 

114. Zusatz zu § 180. (Das Testament.) Bei den 
Römern konnte in früheren Zeiten der Vater seine Kinder 
enterben, wie er sie auch töten konnte: späterhin war 
beides nicht mehr gestattet. Diese Inkonsequenz des 
Unsittlichen und der Versittlichung desselben hat man 
in ein System zu bringen gesucht, und das Festhalten 
daran macht das Schv;ierige und Fehlerhafte in unserem 
Erbrechte aus. Testamente können allerdings gestattet 
werden; aber der Gesichtspunkt hierbei muß sein, daß 
dieses Recht der Vvlllkür mit dem Auseinanderfallen und 
der Entfernung der Familienglieder entsteht oder größer 
wird, und daß die sogenannte Familie der Freund- 
schaft, welche das Testament hervorbringt, nur in Er- 
mangelung der näheren Famüie der Ehe und der Kinder 
eintreten kann. Mit dem Testamente überhaupt ist etwas 
Widriges und Unangenehmes verbunden, denn ich erkläre 
in demselben, wer die seien, denen ich geneigt bin. Die 
Zuneigung ist aber willkürlich; sie kann auf diese oder 
jene Weise erschlichen werden, an diesen oder jenen läp- 
pischen Grund geknüpft sein, und es kann gefordert werden, 
daß ein Eingesetzter sich deshalb den größten Niedrig- 
keiten unterwerfe. In England, wo überhaupt viel Ma- 
rotten einheimisch sind, werden unendlich viel läppische 
Einfälle an Testamente geknüpft. 

115. Zusatz zu § 181. (Die Gesellschaft als die 
Sphäre der Besonderheit.) Die Allgemeinheit hat hier 
zum Ausgangspunkt die Selbständigkeit der Besonderheit, 
und die Sittlichkeit scheint somit auf diesem Standpunkte 



334 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

verloren, denn für das Bewußtsein ist eigentlich die Identi- 
tät der Familie das Erste, Göttliche und Pflichtgebietende, 
Jetzt aber tritt das Verhältnis ein, daß das Besondere 
das erste für mich Bestimmende sein soll, und somit ist 
die sittliche Bestimmung aufgehoben. Aber ich bin eigent- 
lich darüber nur im Irrtum, denn indem ich das Besondere 
festzuhalten glaube, bleibt doch das Allgemeine und die 
Notwendigkeit des Zusammenhangs das Erste und Wesent- 
liche; ich bin also überhaupt auf der Stufe des Scheins, 
und indem meine Besonderheit mir das Bestimmende bleibt, 
d. h. der Zweck, diene ich damit der Allgemeinheit, welche 
eigentlich die letzte Macht über mich behält. 

116. Zusatz zu § 182. (Begriff der bürgerlichen 
Gesellschaft.) Die bürgerliche Gesellschaft ist die 
Differenz, welche zwischen die Familie und den Staat tritt, 
wenn auch die Ausbildung derselben später als die des 
Staates erfolgt; denn als die Differenz setzt sie den Staat 
voraus, den sie als Selbständiges vor sich haben muß, um 
zu bestehen. Die Schöpfung der bürgerlichen Gesellschaft 
gehört übrigens der modernen Welt an, welche allen Be- 
stimmungen der Idee erst ihr Recht widerfahren läßt. 
Wenn der Staat vorgestellt wird als eine Einheit ver- 
schiedener Personen, als eine Einheit, die nur Gemein- 
samkeit ist, so ist damit nur die Bestimmung der bürger- 
lichen Gesellschaft gemeint. Viele der neueren Staats- 
rechtslehrer haben es zu keiner anderen Ansicht vom 
Staate bringen können. In der bürgerlichen Gesellschaft 
ist jeder sich Zweck, alles andere ist ihm Nichts. Aber 
ohne Beziehung auf andere kann er den Umfang seiner 
Zwecke nicht erreichen; diese anderen sind daher Mittel 
zum Zweck des Besonderen. Aber der besondere Zweck 
gibt sich durch die Beziehung auf andere die Form der 
Allgemeinheit und befriedigt sich, indem er zugleich das 
Wohl des anderen mit befriedigt. Indem die Besonderheit 
an die Bedingung der Allgemeinheit gebunden ist, ist das 
Ganze der Boden der Vermittlung, wo alle Einzelnheiten, 
alle Anlagen, alle Zufälligkeiten der Geburt und des Glücks 
sich frei machen, wo die Wellen aller Leidenschaften aus- 
strömen, die nur durch die hineinscheinende Vernunft re- 
giert werden. Die Besonderheit, beschränkt durch die 
Allgemeinheit, ist allein das Maß, wodurch jede Besonder- 
heit ihr Wohl befördert. 

117. Zusatz zu § 184. (Die Untrennbarkeit des 
Besonderen und Allgemeinen.) Das Sittliche ist hier 



Zu § 182-185. 335 

in seine Extreme verloren, und die unmittelbare Einheit der 
Familie ist in eine Vielheit zerfallen. Die Realität ist hier 
Äußerlichkeit, Auflösung des Begriffs, Selbständigkeit der 
freigewordenen daseienden Momente. Indem in der bürger- 
lichen Gesellschaft Besonderheit und Allgemeinheit aus- 
einander gefallen sind, sind sie dennoch beide wechsel- 
seitig gebunden und bedingt. Indem das eine gerade das 
dem anderen Entgegengesetzte zu tun scheint und nur sein 
zu können vermeint, indem es sich das andere vom Leibe 
hält, hat jedes das andere doch zu seiner Bedingung. So 
sehen die meisten z. B. die Bezahlung von Abgaben für 
ein Verletzen ihrer Besonderheit an, für ein ihnen Feind- 
seliges, das ihren Zweck verkümmert; aber so wahr dies 
scheint, so kann doch die Besonderheit des Zwecks nicht 
befriedigt werden ohne das Allgemeine, und ein Land, 
worin keine Abgaben bezahlt werden, dürfte sich auch 
nicht durch die Erkräftigung der Besonderheit auszeichnen. 
Ebenso könnte es scheinen, die Allgemeinheit verhielte 
sich besser, wenn sie die Kräfte der Besonderheit an 
sich zieht, wie dies z, B. im platonischen Staate aus- 
geführt ist; aber auch dieses ist wiederum nur ein Schein, 
indem beide nur durch- und füreinander sind, und inein- 
ander umschlagen. Meinen Zweck befördernd, befördere 
ich das Allgemeine, und dieses befördert wiederum meinen 
Zweck. 

118. Zusatz zu § 185. (Der Staat als Moderator 
des gesellschaftlichen Notstandes.) Die Besonder- 
heit für sich ist das Ausschweifende und Maßlose, und 
die Formen dieser Ausschweifung selbst sind maßlos. Der 
Mensch erweitert durch seine A^orstellungen und Reflexionen 
seine Begierden, die kein beschlossener Kreis, wie der 
Instinkt des Tieres sind, und führt sie in das schlecht 
Unendliche. Ebenso ist aber auf der anderen Seite die 
Entbehrung und Not ein Maßloses, und die Verworrenheit 
dieses Zustandes kann zu seiner Harmonie nur durch den 
ihn bewältigenden Staat kommen. Wenn der platonische 
Staat die Besonderheit ausschließen wollte, so ist damit 
nicht zu helfen, denn solche Hilfe würde dem unendlichen 
Rechte der Idee widersprechen, die Besonderheit frei zu 
lassen. In der christlichen Religion ist vornehmlich das 
Recht der Subjektivität aufgegangen, wie die Unendlich- 
keit des Für-Sich-Seins, und hierbei muß die Ganzheit 
zugleich die Stärke erhalten, die Besonderheit in Harmonie 
mit der sittlichen Einheit zu setzen. 



336 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

119. Zusatz zu § 187. (Bildung und Unbildung.) 
Unter gebildeten Menschen kann man zunächst solche 
verstehen, die alles machen können, was andere tun, und 
die ihre Partikularität nicht herauskehren, während bei 
ungebildeten Menschen gerade diese sich zeigt, indem das 
Benehmen sich nicht nach den allgemeinen Eigenschaften 
des Gegenstandes richtet. Ebenso kann im Verhältnis zu 
anderen Menschen der Ungebildete sie leicht kränken, 
indem er sich nur gehen läßt und keine Reflexionen für die 
Empfindungen der anderen hat. Er will andere nicht 
verletzen, aber sein Betragen ist mit seinem Willen nicht 
in Einklang. Bildung also ist Glättung der Besonderheil, 
daß sie sich nach der Natur der Sache benimmt. Die 
wahre Originalität verlangt, als die Sache hervorbringend, 
wahre Bildung, während die unwahre Abgeschmacktheiten 
annimmt, die nur Ungebildeten einfallen. 

120. Zusatz zu § 189. (Die Nationalökonomie.) 
Es gibt gewisse allgemeine Bedürfnisse, wie Essen, Trinken, 
Kleidung usw., und es hängt durchaus von zufälligen Um- 
ständen ab, wie diese befriedigt werden. Der Boden ist 
hier oder dort mehr oder weniger fruchtbar, die Jahre 
sind in ihrer Ergiebigkeit verschieden, der eine Mensch 
ist fleißig, der andere faul; aber dieses Wimmeln von 
Willkür erzeugt aus sich allgemeine Bestimmungen, und 
dieses anscheinend Zerstreute und Gedankenlose wird von 
einer Notwendigkeit gehalten, die von selbst eintritt. 
Dieses Notwendige hier aufzufinden ist Gegenstand der 
Staatsökonomie, einer Wissenschaft, die dem Gedanken 
Ehre macht, weil sie zu einer Masse von Zufälligkeiten 
die Gesetze findet. Es ist ein interessantes Schauspiel, 
wie alle Zusammenhänge hier rückwirkend sind, v;ie die 
besonderen Sphären sich gruppieren, auf andere Einfluß 
haben und von ihnen ihre Beförderung oder Hinderung 
erfahren. Dies Ineinandergehen, an das man zunächst 
nicht glaubt, weil alles der Willkür des Einzelnen anheim- 
gestellt scheint, ist vor allem bemerkenswert und hat eine 
Ähnlichkeit mit dem Planetensystem, das immer dem Auge 
nur unregelmäßige Bewegungen zeigt, aber dessen Ge- 
setze doch erkannt werden können, 

121. Zusatz zu § 190. (Die menschlichen Be- 
dürfnisse.) Das Tier ist ein Partikulares, es hat seinen 
Instinkt und die abgegrenzten, nicht zu übersteigenden 
Mittel der Befriedigung, Es gibt Insekten, die an eine 
bestimmte Pflanze gebunden sind, andere Tiere, die einen 



Zu § 187—195. 337 

weiteren Kreis haben, in verschiedenen Klimaten leben 
können, aber es tritt immer ein Beschränktes gegen den 
Kreis ein, welcher für den Menschen ist. Das Bedürfnis 
der Wohnung und Kleidung, die Notwendigkeit, die Nah- 
rung nicht mehr roh zu lassen, sondern sie sich adäquat 
zu machen und ihre natürliche Unmittelbarkeit zu zer- 
stören, macht, daß es der Mensch nicht so bequem 
hat wie das Tier, und es als Geist auch nicht so 
bequem haben darf. Der Verstand, der die Unterschiede 
auffai3t, bringt Vervielfältigung in diese Bedürfnisse, und 
indem Geschmack und Nützlichkeit Kriterien der Beur- 
teilung werden, sind auch die Bedürfnisse selbst davon 
ergriffen. Es ist zulezt nicht mehr der Bedarf, sondern 
die Meinung, die befriedigt werden muß, und es gehört 
eben zur Bildung, das Konkrete in seine Besonderheiten 
zu zerlegen. In der Vervielfältigung der Bedürfnisse liegt 
gerade eine Hemmung der Begierde, denn wenn die 
i Menschen vieles gebrauchen, ist der Drang nach einem, 
dessen sie bedürftig wären, nicht so stark, und es ist 
ein Zeichen, daß die Not überhaupt nicht so ge- 
i waltig ist. 

I 122, Zusatz zu § 191. (Der Komfort.) Das, was 

i die Engländer comfortable nennen, ist etwas durchaus 
t Unerschöpfliches und ins Unendliche Fortgehendes, denn 
1 jede Bequemlichkeit zeigt wieder ihre Unbequemlichkeit, 
! und diese Erfindungen nehmen kein Ende. Es wird ein 
l Bedürfnis daher, nicht sowohl von denen, welche es auf 
ij unmittelbare Weise haben, als vielmehr durch solche her- 
I vorgebracht, welche durch sein Entstehen einen Gewinn 
I suchen. 

!; 123. Zusatz zu § 192. (Die Konvenienz.) Da- 

i durch, daß ich mich nach dem anderen richten muß, 
i kommt hier die Form der Allgemeinheit herein. Ich er- 
1 werbe von anderen die Mittel der Befriedigung und muß 
1 demnach ihre Meinung annehmen. Zugleich aber bin ich 
l genötigt, Mittel für die Befriedigung anderer hervorzu- 
i bringen. Das eine also spielt in das andere und hängt 
' damit zusammen; alles Partikulare wird insofern ein Gesell- 
' schaftliches. In der Art der Kleidung, in der Zeit des 
i Essens liegt eine gewisse Konvenienz, die man annehmen 
^ muß, weil es in diesen Dingen nicht der Mühe wert ist, seine 
Einsicht zeigen zu wollen, sondern es am klügsten ist, 
darin wie andere zu verfahren. 

124, Zusatz zu § 195, (Die Verachtung des 

Hegel, Eechtsphilosophie. 22 



338 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

Luxus.) Diogenes in seiner ganzen zj-nischen Gestalt 
ist eigentlich nur ein Produkt des atheniensischen gesell- 
schaftlichen Lebens, und was ihn determinierte, war die 
Meinung, gegen welche seine Weise überhaupt agierte. 
Sie ist daher nicht unabhängig, sondern nur durch dieses 
Gesellschaftliche entstanden, und selbst ein unartiges Pro- 
dukt des Luxus. Wo auf der einen Seite derselbe sich 
auf seiner Höhe befindet, da ist auch die Not und Ver- 
worfenheit auf der anderen Seite ebensogroß, und der 
Zynismus wird dann durch den Gegensatz der Verfeine- 
rung hervorgebracht. 

125. Zusatz zu § 196. (Notwendigkeit der Ar- 
beit.) Das unmittelbare Material, das nicht verarbeitet 
zu werden braucht, ist nur gering: selbst die Luft hat 
man sich zu erwerben, indem man sie warm zu machen 
hat; nur etwa das Wasser kann man so trinken, wie man 
es vorfindet.^) Menschenschweiß und Menschenarbeit er- 
Avirbt dem Menschen die Mittel des Bedürfnisses, 

126. Zusatz zu § 197. (Barbarei und praktische 
Bildung.) Der Barbar ist faul und unterscheidet sich 
vom Gebildeten dadurch, daß er in der Stumpfheit vor 
sich hin brütet, denn die praktische Bildung besteht eben 
in der Gewohnheit und in dem Bedürfen der Beschäftigung. 
Der Ungeschickte bringt immer etwas anderes heraus, 
als er will, weil er nicht Herr über sein eigenes Tun 
ist, während der Arbeiter geschickt genannt werden kann, 
der die Sache hervorbringt, wie sie sein soll, und der 
keine Sprödigkeit in seinem subjektiven Tun gegen den 
Zweck findet. 

127. Zusatz zu § 201. (Notwendigkeit der 
Stände.) Die Art und Weise der Teilnahme am allge- 
meinen Vermögen ist jeder Besonderheit der Individuen 
überlassen, aber die allgemeine Verschiedenheit der Be- 
sonderung der bürgerlichen Gesellschaft ist ein Notwen- 
diges. Wenn die erste Basis des Staates die Familie ist, 
so sind die Stände die zweite. Diese ist um dessentwillen 
so wichtig, weil die Privatpersonen, obgleich selbstsüchtig, 
die Notwendigkeit haben, nach anderen sich herauszu- 
wenden. Hier ist also die Wurzel, durch die die Selbst- 
sucht sich an das Allgemeine, an den Staat knüpft, dessen 
Sorge es sein muß> daß dieser Zusammenhang ein ge- 
diegener und fester sei. 

1) Auch das läßt die moderne Hygiene nicht mehr gelten. 



Zu § 196—209. 339 

128. Zusatz zu § 203. (Die Landwirtschaft.) In 
unserer Zeit wird die Ökonomie auch auf reflektierende 
Weise wie eine Fabrik betrieben und nimmt dann einen 
ihrer Natürlichkeit widerstrebenden Charakter des zweiten 
Standes an. Indessen wird dieser erste Stand immer mehr 
die Weise des patriarchalischen Lebens und die substan- 
tielle Gesinnung desselben behalten. Der Mensch nimmt 
hier mit unmittelbarer Empfindung das Gegebene und Emp- 
fangene auf, ist Gott dafür dankbar und lebt im gläubigen 
Zutrauen, daß diese Güte fortdauern werde. Was er be- 
kommt, reicht ihm hin: er braucht es auf, denn es kommt 
ihm wieder. Dies ist die einfache, nicht auf Erwerbung 
des Reichtums gerichtete Gesinnung; man kann sie auch 
die altadelige nennen, die, was da ist, verzehrt. Bei 
diesem Stande tut die Natur die Hauptsache, und der eigene 
Fleiß ist dagegen das Untergeordnete, während beim zwei- 
ten Stande gerade der Verstand das Wesentliche Ist und 
das Naturprodukt nur als Material betrachtet werden kann. 
129. Zusatz zu § 204. (Gewerbe und Freiheits- 
sinn.) Das Individuum im Stande des Gewerbes ist an 
sich gewiesen, und dieses Selbstgefühl hängt mit der For- 
derung eines rechtlichen Zustandes aufs engste zusammen. 
Der Sinn für Freiheit und Ordnung ist daher hauptsächlich 
in den Städten aufgegangen. Der erste Stand hat dagegen 
wenig selbst zu denken; was er erwirbt, ist Gabe eines 
Fremden, der Natur: dies Gefühl der Abhängigkeit ist bei 
ihm ein Erstes, und damit verbindet sich leicht auch dies, 
von Menschen über sich das ergehen zu lassen, was da 
kommen mag. Der erste Stand ist daher mehr zur Unter- 
würfigkeit, der zweite mehr zur Freiheit geneigt. 

130. Zusatz zu § 207. (Stand und Geltung des 
Einzelnen.) Darunter, daß der Mensch etwas sein 
müsse, verstehen wir, daß er einem bestimmten Stande 
angehöre; denn dies „etwas" will sagen, daß er alsdann 
etwas Substantielles ist. Ein Mensch ohne Stand ist eine 
bloße Privatperson und steht nicht in wirklicher Allge- 
meinheit. Von der anderen Seite kann sich der Einzelne 
in seiner Besonderheit für das Allgemeine halten und ver- 
meinen, daß wenn er in einen Stand ginge, er sich einem 
Niedrigeren hingebe. Dies ist die falsche Vorstellung, 
daß wenn etwas ein Dasein, das ihm nötig ist, gewinnt, 
es sich dadurch beschränke und aufgebe. 

131. Zusatz zu § 209. (Entstehung der beson- 
deren Gesetze.) Einerseits ist es durch das System der 

22* 



340 Zusätze zu Hegels Rechtsplülosophie. 

Partikularität, daß das Recht äußerlich not^vendig wird 
als Schutz für die Besonderheit. Wenn es auch aus dem 
Begriffe kommt, so tritt es doch nur in die Existenz, weil 
es nützlich für die Bedürfnisse ist. Damit man den Ge- 
danken des Rechts habe, muß man zum Denken gebildet 
sein und nicht mehr im bloß Sinnlichen verweilen; man 
muß den Gegenständen die Form der Allgemeinheit an- 
passen und sich ebenso im Willen nach einem Allgemeinen 
richten. Erst nachdem die Menschen sich vielfache Be- 
dürfnisse erfunden haben, und die Erwerbung derselben 
sich in der Befriedigung verschlingt, vermögen sich Ge- 
setze zu bilden. 

132. Zusatz zu § 211. (Gesetzesrecht und Ge- 
wohnheitsrecht.) Die Sonne wie die Planeten haben auch 
ihre Gesetze, aber sie wissen sie nicht; Barbaren werden 
durch Triebe, Sitten, Gefühle regiert, aber sie haben kein 
Bewußtsein davon. Dadurch, daß das Recht gesetzt und 
gewußt ist, fällt alles Zufällige der Empfindung, des Mei- 
nens, die Form der Rache, des Mitleids, der Eigensucht 
fort, und so erlangt das Recht erst seine v/ahrhafte Be- 
stimmtheit und kommt zu seiner Ehre. Erst durch die 
Zucht des Auffassens wird es der Allgemeinheit fähig. Daß 
es bei der Anwendung der Gesetze Kollisionen gibt, wo 
der Verstand des Richters seinen Platz hat, ist durchaus 
notwendig, weil sonst eben die Ausführung etwas durchaus 
Maschinenmäßiges würde. Wenn man darauf gekommen 
ist, die Kollisionen dadurch abzuschaffen, daß man vieles 
dem Gutdünken der Richter überlassen will, so ist ein 
solcher Ausweg weit schlechter, weil auch die Kollision 
dem Gedanken, dem denkenden Bewußtsein und seiner 
Dialektik angehört, die bloße Entscheidung durch den 
Richter aber Willkür wäre. Man führt in der Regel für 
das Gewohnheitsrecht an, daß es lebendig sei; aber diese 
Lebendigkeit, d. h. die Identität der Bestimmung mit dem 
Subjekte macht das Wesen der Sache noch nicht aus; 
das Recht muß denkend gewußt werden, es muß ein 
System in sich selbst sein, und nur als solches kann es 
bei gebildeten Nationen gelten. Wenn man in der neuesten 
Zeit den Völkern den Beruf zur Gesetzgebung abgesprochen 
hat, so ist dies nicht allein ein Schimpf, sondern ent- 
hält das Abgeschmackte, daß bei der unendlichen Menge 
vorhandener Gesetze nicht einmal den Einzelnen die Ge- 
schicklichkeit zugetraut wird, dieselben in ein konsequentes 
System zu bringen, während gerade das Systematisieren, 



Zu §211—215. 341 

d. h. das Erheben ins Allgemeine, der unendliche Drang 
der Zeit ist. Ebenso hat man Sammlungen von Dezisionen, 
wie sie sich im Corpus juris vorfinden, für vorzüglicher 
wie ein im allgemeinsten Sinne ausgearbeitetes Gesetz- 
buch gehalten, weil in solchen Dezisionen immer noch 
eine gewisse Besonderheit und eine geschichtliche Er- 
innerung festgehalten wird, von der man nicht lassen will. 
Wie arg solche Sammlungen sind, zeigt zur Genüge die 
Praxis des englischen Rechts. 

133. Zusatz zu § 213. (Das Gesetz und die Inner- 
lichkeit des Subjekts.) An den höheren Verhältnissen 
der Ehe, Liebe, Religion, des Staats, können nur die Seiten 
Gegenstand der Gesetzgebung werden, die ihrer Natur 
nach fähig sind, die Äußerlichkeit an sich zu haben. In- 
dessen macht hierbei die Gesetzgebung verschiedener Völker 
einen großen Unterschied. Bei den Chinesen ist es z. B. 
Staatsgesetz, daß der Mann seine erste Frau mehr lieben 
soll als die anderen Weiber, die er hat. Wird er überführt, 
das Gegenteil getan zu haben, so bestraft man ihn mit 
Prügeln. Ebenso finden sich in älteren Gesetzgebungen 
viel Vorschriften über Treue und Redlichkeit, die der 
Natur des Gesetzes unangemessen sind, weil sie ganz in 
das Innerliche fallen. Nur beim Eide, wo die Dinge dem 
Gewissen anheimgestellt sind, muß Redlichkeit und Treue 
als Substantielles berücksichtigt werden. 

134. Zusatz zu §214. (Die ZufälligkeitimRecht.) 
Es ist wesentlich eine Seite an den Gesetzen und der 
Rechtspflege, die eine Zufälligkeit enthält, und die darin 
liegt, daß das Gesetz eine allgemeine Bestimmung ist, 
die auf den einzelnen Fall angewandt werden soll. Wollte 
man sich gegen diese Zufälligkeit erklären, so v/ürde man 
eine Abstraktion aussprechen. Das Quantitative einer Strafe 
kann z. B. keiner Begriffsbestimmung adäquat gemacht 
werden, und was auch entschieden wird, ist nach dieser 
Seite zu immer eine Willkür. Diese Zufälligkeit aber ist 
selbst notwendig, und wenn man daraus etwa gegen ein 
Gesetzbuch überhaupt argumentiert, daß es nicht voll- 
kommen sei, so übersieht man eben die Seite, woran eine 
Vollendung nicht zu erreichen ist, und die daher genommen 
werden muß, wie sie liegt. 

135. Zusatz zu § 215. (Allgemeine Rechtskennt- 
nis.) Der Juristenstand, der die besondere Kenntnis der 
Gesetze hat, hält dies oft für sein Monopol, und wer nicht 
vom Metier ist, soll nicht mitsprechen. So haben die Phy- 



342 Zusätze zu Hegels RechtsphiloBopliie. 

siker Goethes Farbenlehre übelgenommen, weil er nicht 
vom Handwerk war, und noch dazu ein Dichter. Aber so 
wenig jemand Schuhmacher zu sein braucht, um zu wissen, 
ob ihm die Schuhe passen, ebensowenig braucht er über- 
haupt zum Handwerk zu gehören, um über Gegenstände, 
die von allgemeinem Interesse sind, Kenntnis zu haben. 
Das Recht betrifft die Freiheit, dies Würdigste und Hei- 
ligste im Menschen, was er selbst, insofern es für ihn 
verbindlich sein soll, kennen muß. 

136. Zusatz zu § 216. (Vollständigkeit und 
Möglichkeit der Vervollkommnung des Rechts.) 
Vollständigkeit heißt die vollendete Sammlung alles Ein- 
zelnen, was in eine Sphäre gehört, und in diesem Sinne 
kann keine Wissenschaft und Kenntnis vollständig sein. 
Wenn man nun sagt, die Philosophie oder irgendeine 
Wissenschaft sei unvollständig, so liegt die Ansicht nahe, 
daß man warten müsse, bis sie sich ergänzt habe, denn 
das Beste könne noch fehlen. Aber auf diese Weise wird 
nichts vorwärts gebracht, weder die geschlossen scheinende 
Geometrie, in der dennoch neue Bestimmungen hervor- 
treten, noch die Philosophie, die es freilich mit der all- 
gemeinen Idee zu tun hat, aber dennoch immer weiter 
spezialisiert werden kann. Das allgemeine Gesetz waren 
sonst immer die zehn Gebote; darum nun, weil ein Gesetz- 
buch nicht vollständig sein kann, das Gesetz: Du sollst 
nicht töten, nicht aufstellen, erhellt sogleich als eine Ab- 
surdität. Jedes Gesetzbuch könnte noch besser sein, die 
müßige Reflexion darf dies behaupten; denn das Herr- 
lichste, Höchste, Schönste kann noch herrlicher, höher 
und schöner gedacht werden. Aber ein großer alter Baum 
verzweigt sich mehr und mehr, ohne deshalb ein neuer 
Baum zu werden; töricht wäre es jedoch, keinen Baum 
der neuen Zweige wegen, die kommen könnten, pflanzen 
zu wollen. 

137. Zusatz zu § 217. (Das Prinzip der Forma- 
lität.) Das Gesetz ist das Recht, als das gesetzt, was 
es an sich war. Ich besitze etwas, habe ein Eigentum, das 
ich als herrenlos ergriffen habe: dies muß nun noch als 
das Meinige anerkannt und gesetzt werden. In der Ge- 
sellschaft kommen deswegen in Beziehung auf das Eigen- 
tum Förmlichkeiten vor; man setzt Grenzsteine zum 
Zeichen für das Anerkenntnis anderer, man legt Hypo- 
thekenbücher, Verzeichnisse des Eigentums an. Das meiste 
Eigentum in der bürgerlichen Gesellschaft beruht auf Ver- 



Zu § 216—221. 343 

trag, dessen Förmlichkeiten fest und bestimmt sind. Man 
kann nun gegen solche Förmlichkeiten einen Widerwillen 
haben und meinen, sie seien nur da, um der Obrigkeit Geld 
einzubringen; man kann sie sogar als etwas Beleidigendes 
und als Zeichen des Mißtrauens ansehen, indem der Satz 
nicht mehr gelte: ein Mann ein Wort. Aber das Wesent- 
liche der Form ist, daß das, was an sich Recht ist, auch 
als solches gesetzt sei. Mein Wille ist ein vernünftiger, 
er gilt, und dies Gelten soll von dem anderen anerkannt 
sein. Hier muß nun meine Subjektivität und die des 
anderen hinwegfallen, und der Wille muß eine Sicherheit, 
Festigkeit und Objektivität erlangen, welche er nur durch 
die Form erhalten kann. 

138. Zusatz zu § 218. (Das Strafmaß.) Der Um- 
stand, daß das in der Gesellschaft verübte Verbrechen 
ein größeres erscheint und trotzdem milder bestraft wird, 
scheint sich zu widersprechen. Wenn es aber einerseits 
für die Gesellschaft unmöglich wäre, das Verbrechen un- 
bestraft zu lassen, weil es alsdann als Recht gesetzt würde, 
so ist doch, weil die Gesellschaft ihrer selbst sicher ist, 
das Verbrechen immer nur eine Einzelnheit gegen sie, 
ein Unfestes und Isoliertes. Durch die Festigkeit der Ge- 
sellschaft selbst erhält das Verbrechen die Stellung eines 
bloß Subjektiven, das nicht so aus dem besonnenen Willen 
als aus natürlichen Antrieben entsprungen scheint. Durch 
diese Ansicht erhält das Verbrechen eine mildere Stel- 
lung, und die Strafe wird deswegen auch milder. Ist die 
Gesellschsft noch an sich wankend, dann müssen durch 
Strafen Exempel statuiert werden, denn die Strafe ist 
selbst ein Exempel gegen das Exempel des Verbrechens. 
In der Gesellschaft aber, die in sich fest ist, ist das Ge- 
setztsein des Verbrechens so schwach, daß hiernach auch 
die Aufhebung dieses Gesetztseins zu messen sein muß. 
Harte Strafen sind also an und für sich nichts Ungerechtes» 
sondern stehen im Verhältnis mit dem Zustande der Zeit. 
Ein Kriminal-Kodex kann nicht für alle Zeiten gelten, und 
Verbrechen sind Scheinexistenzen, die eine größere oder 
geringere Abweisung nach sich ziehen können. 

139. Zusatz zu § 221. (Der Gerichtszwang.) Weil 
jedes Individuum das Recht hat, im Gericht zu stehen, muß 
es auch die Gesetze kennen, denn sonst würde ihm diese 
Befugnis nichts helfen. Aber das Individuum hat auch 
die Pflicht, sich vor Gericht zu stellen. Im Feudalzustande 
stellte oft der Mächtige sich nicht, forderte das Gericht 



344 Zusätze zu Hegels Rechtsphilosophie. 

heraus, und behandelte es als ein Unrecht des Gerichts, 
den Mächtigen vor sich zu fordern. Dies sind aber Zu- 
stände, die dem, was ein Gericht sein soll, widersprechen. 
In der neueren Zeit muß der Fürst in Privatsachen die 
Gerichte über sich erkennen, und gewöhnlich gehen in 
freien Staaten die Prozesse desselben verloren. 

140. Zusatz zu § 222. (Der Beweiszwang.) Es 
mag den Menschen empören, daß er weiß ein Recht zu 
haben, das als ein unerweisbares ihm abgesprochen wird. 
Aber das Recht, das ich habe, muß zugleich ein Gesetztes 
sein; ich muß es darstellen, erweisen können, und nur 
dadurch, daß das Ansichseiende auch gesetzt wird, kann es 
in der Gesellschaft gelten. 

141. Zusatz zu § 224. (Öffentliche Rechts- 
pflege.) Die Öffentl